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Sonntag, 11. Oktober 2026

# 518 - Das Ende des Lesens?

In Deutschland und der Schweiz können 20 Prozent
der Menschen im Alter zwischen 16 und 65 Jahren zusammenhängende Texte nicht sicher verstehen. In Österreich sind es sogar 27 Prozent in dieser Altersgruppe1, in Großbritannien immerhin noch 18 Prozent. Nur 31 Prozent der Deutschen lesen noch gedruckte Bücher.2

Ob dem britischen Journalisten James Marriott alle Zahlen bekannt sind, darf bezweifelt werden, er wird die Zahl für sein Heimatland aber sicher kennen. Möglicherweise gab sie den Anstoß für sein Buch Das Ende des Lesens.

Das Ende des Lesens? Klingt das nicht nach Fatalismus und Leseuntergangsstimmung? Während dieser Text entsteht, geht mit der Frankfurter Buchmesse 2026 die größte Buchmesse der Welt zu Ende. Wie jedes Jahr werden sich Tausende Buchfans durch die mit Neuveröffentlichungen prall gefüllten Hallen geschoben haben. Im letzten Jahr waren 240.000 Besucherinnen und Besucher dort, die Hälfte davon privat. Das klingt nicht nach einem Dahinsiechen der Printmedien - oder?

Marriott erklärt anhand der Geschichte des Lesens, welche fundamentalen Umwälzungen diese Fähigkeit mit sich gebracht hat. Er zeichnet den Weg von den mittelalterlichen Skriptorien über die Erfindung des Buchdrucks bis zu unseren digitalen Endgeräten nach, mit deren Hilfe wir heute viele Informationen und Unterhaltung bekommen. Im 18. Jahrhundert war die Lesefähigkeit der Schlüssel zur Demokratie; davon ist nicht mehr viel übrig. 

Im 21. Jahrhundert nehmen wir meistens gar nicht wahr, wie wir von den unterschiedlichsten Texten überflutet werden. Bedruckte Verpackungen, Hinweis- und Werbeschilder, aufploppende (Kurz-)Nachrichten: Ständig begegnen uns in unserem Alltag kurze und längere Texte, die mithilfe unterschiedlicher Medien vermittelt werden.

Doch das ist nicht das, was für James Marriott relevant ist. Er beklagt den Rückgang der Fähigkeit, längere und komplexere Texte sinnerfassend zu lesen. Konkret: das Lesen von Büchern. Mit diesem Rückgang geht die wachsende Unfähigkeit einher, lange und sinnvolle Texte zu schreiben, die über den Umfang eines Einkaufszettels hinausgehen. Wann haben wir per Hand zum letzten Mal einen Brief geschrieben? Man muss das Briefeschreiben sicher nicht so ausufernd betreiben wie der deutsche Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz: Er hatte über eintausend Briefpartnerinnen und -partner, mit denen er sich auf Deutsch oder Latein austauschte. Marriott stellt fest, dass allein der Briefverkehr zwischen Leibniz und Voltaire sowie Benjamin Franklin jeweils mehrere Zehntausend Briefe umfasste. Das war schon damals nicht zeitgemäß.

Die Gemeinsamkeit zwischen dem Schreiben eines Briefs und dem Lesen eines Buches macht deutlich, worum es Marriott im Kern geht: Immer mehr Menschen beschäftigen sich nicht mehr vertieft mit Texten. Geschriebenes wird nur noch überflogen, aber nicht mehr hinterfragt oder in einen Zusammenhang gebracht. Das erschwert, eigene Standpunkte zu entwickeln und sich eine fundierte Meinung zu bilden. Doch wann hat diese Entwicklung begonnen? Marriott verortet nicht erst die massenhafte Verbreitung durch Internetangebote als Auslöser für die mangelnde Lese- und Schreibkompetenz, sondern setzt schon deutlich früher an: beim Siegeszug des Fernsehens. Denn: Mehr Fernsehzeit bedeutet weniger Lesezeit.

Und was ist daran so problematisch? Unter dem Hinweis auf den früheren Gewerkschaftsführer John Brophy (1883-1963) sowie den britischen Politiker John Robert Clynes (1869-1949) stellt Marriott fest:
"Im Zeitalter der Bildschirme kehrt die Ungleichheit zurück, die wir für gebannt hielten. Einer zunehmend gespaltenen, polarisierten und schlecht informierten Öffentlichkeit fehlt es an den nötigen Informationen, um die verantwortlichen Personen zur Rechenschaft zu ziehen. Heute laufen allzu viele von uns Gefahr, zur Beute von politischen Betrügern und Schurken zu werden."

Lesen?

Das Lesen gehört zu den anspruchsvollsten kognitiven Fähigkeiten. Marriott hat recht, wenn er sagt, dass sich komplexere Inhalte nicht in vollem Umfang erfassen lassen, wenn diese Fähigkeit verkümmert, weil wir uns von YouTube, Social Media-Plattformen oder Messengerdiensten nur noch berieseln lassen. Lesen zu können bedeutet auch, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Wer verschiedene Textarten erfassen und politischen Diskussionen folgen kann, weiß, wie eine Gesellschaft funktioniert und wie man sich gegen Fehlentwicklungen wehren kann.

Ganz nebenbei verbessert das Lesen die Abstraktionsfähigkeit und die Gedächtnisleistung. Wem das noch nicht reicht: Es macht auch Spaß.

James Marriott ist ein überzeugender und interessanter Überblick über die Entwicklung des Lesens gelungen. Dahinter verblasst, dass er Behauptungen an manchen Stellen nicht näher ausführt, sondern sie ohne weitere Erläuterung stehen lässt.

Das Ende des Lesens ist im Oktober 2026 im DuMont Buchverlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe (mit Lesebändchen) 20 Euro, als E-Book 14,99 Euro.





 1: Studie vergleicht Entwicklung geringer Schreib- und Lesekompetenz in Deutschland, Österreich und der Schweiz : Newsroom : Universität Hamburg

2: Statista Consumer Insights

Dienstag, 18. März 2025

# 469 - Love-Scamming, der Heiratsschwindel des 21. Jahrhunderts

Früher kamen Heiratsschwindler nicht daran vorbei, sich mit den Frauen, an deren Vermögen sie sich bereichern wollten, tatsächlich zu treffen. Das ist heute nicht mehr nötig: Nicht mehr ganz junge Frauen mit einem Account auf einer Social -Media-Plattform finden plötzlich Nachrichten von gutaussehenden, beruflich erfolgreichen weißen Männern ihren Postfächern. Gehen sie auf die Anfragen ein, entwickelt sich oft ein Dialog, der sehr vertraulich und intim werden kann. Die Männer erzählen ihren "Herzdamen" nicht nur von der großen Liebe zu ihnen, sondern bald auch von ihrer plötzlichen finanziellen Notsituation, aus der sie eine Geldspritze der Angebeteten befreien kann. Man ahnt, wie die Sache ausgeht, wenn sich Frauen darauf einlassen. Mittlerweile ist bekannt, dass die Love-Scammer Profilbilder und - inhalte völlig ahnungsloser Männer stehlen, selbst aber in Afrika sind und eine Frau nach der anderen ausnehmen wie eine Weihnachtsgans.

Um so einen Love-Scammer geht es in Martina Hefters Roman Hey guten Morgen, wie geht es dir? Die Performance-Tänzerin und Schauspielerin Juno lebt seit Jahrzehnten mit dem Schriftsteller Jupiter zusammen. Jupiter ist an Multipler Sklerose im fortgeschrittenen Stadium erkrankt und ohne Junos Unterstützung nicht in der Lage, seinen Alltag zu bewältigen. Die Beziehung der beiden ist pragmatisch-besorgt. Juno versucht, ihre Arbeit und das Kümmern um Jupiter unter einen Hut zu bekommen. Da sie unter Schlafstörungen leidet, surft sie nachts durch Instagram. Dort findet sie in ihrem Postfach Nachrichten von angeblich gutsituierten Männern, die ihr honigsüße Nettigkeiten schicken. Juno erkennt die Masche hinter den Komplimenten und macht sich einen Spaß daraus, den Männern absurde Lügen über ihr Leben aufzutischen. Normalerweise brechen die Scammer die Unterhaltung ab, sobald sie sich enttarnt fühlen. 

Doch mit dem Nigerianer Benu entwickelt sich ein längerer Kontakt, der trotz seiner Enttarnung mehrere Monate dauert und immer persönlicher wird. Auch ihm hatte Juno eine falsche Identität vorgegaukelt, in der sie eine erfolgreiche Tänzerin aus Chemnitz in den besten Jahren ist, die als Single ständig One-Night-Stands hat. Nichts davon stimmt: Juno ist über fünfzig und damit etwa zwanzig Jahre älter als Benu. Sie hält sich beruflich knapp über Wasser. Jupiter und sie sind auf das Pflegegeld angewiesen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, und wohnen in Leipzig.

Benu erzählt hingegen wahrheitsgemäß von seinem Alltag: von der täglichen Stromsperre ab 23 Uhr, seiner Familie und seinem finanziellen Problem, weil das alte nigerianische Geld gegen neues eingetauscht werden muss, dieser Umtausch aber nicht reibungslos klappt. Junos Misstrauen zerbröselt allmählich, sodass die beiden auch per Videocall und WhatsApp-Nachrichten kommunizieren. Und dann kommt der Moment, in dem Benu Juno gesteht, was in ihm vorgeht.

Lesen?

In Hey guten Morgen, wie geht es dir? hat Martina Hefter vieles aus ihrem eigenen Leben hineingeschrieben: Sie kümmert sich um ihren an MS erkrankten Mann Jan Kuhlbrodt, der als Schriftsteller arbeitet, ist als freischaffende Performance-Künstlerin unterwegs und irgendwann aus dem Allgäu nach Leipzig gezogen.

Es geht Hefter nicht nur um die Beschreibung der ungewöhnlichen Dreiecksbeziehung, bei der sie zwischen ihrem Mann und einem fremden, weit entfernt lebenden Mann, zu stehen scheint. Hefter reißt wie nebenbei auch andere Themen an: die Ausbeutung Afrikas durch den (Post-)Kolonialismus, ihre eigene Angst vor dem Altwerden inklusive der vermeintlichen Erwartungen der Gesellschaft an eine über fünfzig Jahre alte Frau oder die Schwierigkeiten eines behinderten Menschen, den Alltag möglichst komplikationsfrei zu gestalten. Auch Hefters Liebe zur Astronomie spielt eine große Rolle. Doch diese Themen, von denen jedes einzelne sich für ein eigenes Buch eignen würde, werden nicht vertieft. Es bleibt der Eindruck der Flüchtigkeit und die Schwierigkeit, einige der als Problem dargestellten Sachverhalte als solche nachzuvollziehen.

Martina Hefter hat 2024 für Hey guten Morgen, wie geht es dir? den Deutschen Buchpreis gewonnen.

Hey guten Morgen, wie geht es dir? ist 2024 im Verlag Klett-Cotta erschienen und kostet gebunden 22 Euro sowie als E-Book 17,99 Euro.

Freitag, 12. Februar 2021

# 277 - Was wäre passiert, wenn Hitler Facebook genutzt hätte?

Steile These oder lohnendes Gedankenexperiment?
Maik Fielitz und Holger Marcks stellen diese Überlegung, die 2019 vom britischen Komiker Sacha Baron Cohen geäußert wurde, an den Anfang ihres Buches Digitaler Faschismus. Cohen hatte seinerzeit eine Rede vor der Anti-Defamation League (ADF) gehalten, in der er diese These vertreten hat: 

"Hätte es Facebook in den 1930-er Jahren gegeben, hätte es Hitler für seine Lösung der Judenfrage werben lassen."

Fielitz und Marcks teilen diese Ansicht, weil in den letzten Jahren zu beobachten gewesen ist, wie prinzipienlos sich Facebook verhalten hat. Zuckerberg hat seit 2016 immer wiederholt, man solle vorsichtig damit sein, die Plattformen als Schiedsrichter über die Wahrheit anzusehen. Eine Sichtweise, über die man geteilter Meinung sein kann.

In acht Kapiteln schildern die Autoren, wie das Internet, das zu Beginn als Hort des Informations- und Meinungsaustauschs sowie Bereicherung für die Demokratie gesehen wurde, sich zu einem wirkungsvollen Instrument entwickelt hat, Menschen zu manipulieren. Dabei wird mit verschiedenen Methoden gearbeitet, die von der stetigen dramatischen Wiederholung von Ereignissen und dem Schüren von Panik bis zum Gaslighting reichen. Ein bekanntes Gaslighting-Beispiel ist hier die Aussage der früheren Sprecherin von Ex-US-Präsident Trump, Kellyanne Conway, die im Zusammenhang mit der angeblich riesigen Menschenmenge, die 2017 die Amtseinführung des 45. Präsidenten vor der National Mall in Washington beobachtet hat, von "alternativen Fakten" gesprochen hatte. Ihre Formulierung war der Beginn einer einzigartigen Kette von Lügen, die Trumps gesamte Amtszeit geprägt haben und die vor allem durch die Verbreitung auf Internetplattformen ihre Wirkung entfaltet haben.

Doch sieht es in Deutschland besser aus? Auch hier machen sich vor allem rechte Gruppierungen - allen voran die AfD - das Internet zunutze. Messenger-Gruppen, YouTube oder Facebook-Gruppen bieten ein breites Spektrum, um Falschnachrichten oder Halbwahrheiten, ausgestattet mit emotionalen Triggern, unter die Menschen zu bringen. Hier wird nichts auf den Wahrheitsgehalt untersucht, sondern die sog. 'Nachrichten' werden in schneller Folge verbreitet. Die immer besseren Video- und Bildbearbeitungstechniken verleihen vermeintlichen Nachrichten Glaubwürdigkeit und werden immer mehr dazu verwendet, Personen zu denunzieren, in denen ihnen Aussagen in den Mund gelegt oder Handlungen zugeschrieben werden, die sie nie gesagt bzw. getan haben.

Die Autoren sehen eine Aushöhlung der Demokratie und bemerken immer mehr Rufe nach einer Regulierung. Vorgaben müssen jedoch den "faschistischen Dynamiken im Netz entgegenwirken ohne selbst die Demokratie zu schwächen". (S. 203) Wie das gehen kann, machen Fielitz und Marcks mit ihren Vorschlägen deutlich.

Lesen?

Dass die sozialen Medien für Rechtsextreme ein beliebtes Betätigungsfeld sind, ist zunächst einmal nichts Neues mehr. Was dieses Buch allerdings lesenswert macht, ist die anschauliche Erläuterung der verschiedenen Mechanismen und Manipulationsmöglichkeiten, die das Internet für eine wirkungsvolle Meinungsmache mithilfe von Fake News bereithält. In Digitaler Faschismus wird deren ganze Palette dargestellt, sodass man als Leser wie die beiden Autoren nur zu dem Schluss kommen kann, dass hier etwas passieren und eingegriffen werden muss.

Digitaler Faschismus ist 2020 im Dudenverlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 18 Euro sowie als E-Book 13,99 Euro.

Nachtrag: Hier gibt es weitere Informationen über das Buch, u. a. die Zusammenfassung von drei Kapiteln in Illustrationen.