Früher kamen Heiratsschwindler nicht daran vorbei, sich mit den Frauen, an deren Vermögen sie sich bereichern wollten, tatsächlich zu treffen. Das ist heute nicht mehr nötig: Nicht mehr ganz junge Frauen mit einem Account auf einer Social -Media-Plattform finden plötzlich Nachrichten von gutaussehenden, beruflich erfolgreichen weißen Männern ihren Postfächern. Gehen sie auf die Anfragen ein, entwickelt sich oft ein Dialog, der sehr vertraulich und intim werden kann. Die Männer erzählen ihren "Herzdamen" nicht nur von der großen Liebe zu ihnen, sondern bald auch von ihrer plötzlichen finanziellen Notsituation, aus der sie eine Geldspritze der Angebeteten befreien kann. Man ahnt, wie die Sache ausgeht, wenn sich Frauen darauf einlassen. Mittlerweile ist bekannt, dass die Love-Scammer Profilbilder und - inhalte völlig ahnungsloser Männer stehlen, selbst aber in Afrika sind und eine Frau nach der anderen ausnehmen wie eine Weihnachtsgans.
Um so einen Love-Scammer geht es in Martina Hefters Roman Hey guten Morgen, wie geht es dir? Die Performance-Tänzerin und Schauspielerin Juno lebt seit Jahrzehnten mit dem Schriftsteller Jupiter zusammen. Jupiter ist an Multipler Sklerose im fortgeschrittenen Stadium erkrankt und ohne Junos Unterstützung nicht in der Lage, seinen Alltag zu bewältigen. Die Beziehung der beiden ist pragmatisch-besorgt. Juno versucht, ihre Arbeit und das Kümmern um Jupiter unter einen Hut zu bekommen. Da sie unter Schlafstörungen leidet, surft sie nachts durch Instagram. Dort findet sie in ihrem Postfach Nachrichten von angeblich gutsituierten Männern, die ihr honigsüße Nettigkeiten schicken. Juno erkennt die Masche hinter den Komplimenten und macht sich einen Spaß daraus, den Männern absurde Lügen über ihr Leben aufzutischen. Normalerweise brechen die Scammer die Unterhaltung ab, sobald sie sich enttarnt fühlen.
Doch mit dem Nigerianer Benu entwickelt sich ein längerer Kontakt, der trotz seiner Enttarnung mehrere Monate dauert und immer persönlicher wird. Auch ihm hatte Juno eine falsche Identität vorgegaukelt, in der sie eine erfolgreiche Tänzerin aus Chemnitz in den besten Jahren ist, die als Single ständig One-Night-Stands hat. Nichts davon stimmt: Juno ist über fünfzig und damit etwa zwanzig Jahre älter als Benu. Sie hält sich beruflich knapp über Wasser. Jupiter und sie sind auf das Pflegegeld angewiesen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, und wohnen in Leipzig.
Benu erzählt hingegen wahrheitsgemäß von seinem Alltag: von der täglichen Stromsperre ab 23 Uhr, seiner Familie und seinem finanziellen Problem, weil das alte nigerianische Geld gegen neues eingetauscht werden muss, dieser Umtausch aber nicht reibungslos klappt. Junos Misstrauen zerbröselt allmählich, sodass die beiden auch per Videocall und WhatsApp-Nachrichten kommunizieren. Und dann kommt der Moment, in dem Benu Juno gesteht, was in ihm vorgeht.
Lesen?
In Hey guten Morgen, wie geht es dir? hat Martina Hefter vieles aus ihrem eigenen Leben hineingeschrieben: Sie kümmert sich um ihren an MS erkrankten Mann Jan Kuhlbrodt, der als Schriftsteller arbeitet, ist als freischaffende Performance-Künstlerin unterwegs und irgendwann aus dem Allgäu nach Leipzig gezogen.
Es geht Hefter nicht nur um die Beschreibung der ungewöhnlichen Dreiecksbeziehung, bei der sie zwischen ihrem Mann und einem fremden, weit entfernt lebenden Mann, zu stehen scheint. Hefter reißt wie nebenbei auch andere Themen an: die Ausbeutung Afrikas durch den (Post-)Kolonialismus, ihre eigene Angst vor dem Altwerden inklusive der vermeintlichen Erwartungen der Gesellschaft an eine über fünfzig Jahre alte Frau oder die Schwierigkeiten eines behinderten Menschen, den Alltag möglichst komplikationsfrei zu gestalten. Auch Hefters Liebe zur Astronomie spielt eine große Rolle. Doch diese Themen, von denen jedes einzelne sich für ein eigenes Buch eignen würde, werden nicht vertieft. Es bleibt der Eindruck der Flüchtigkeit und die Schwierigkeit, einige der als Problem dargestellten Sachverhalte als solche nachzuvollziehen.
Martina Hefter hat 2024 für Hey guten Morgen, wie geht es dir? den Deutschen Buchpreis gewonnen.
Hey guten Morgen, wie geht es dir? ist 2024 im Verlag Klett-Cotta erschienen und kostet gebunden 22 Euro sowie als E-Book 17,99 Euro.
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