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Freitag, 11. Oktober 2024

# 456 - Wer war Magda Goebbels, die Frau des Reichspropagandaministers?

Ein junger Mann ist die Hauptperson des Romans Reichskanzlerplatz von Nora Bossong: Die fiktive Figur des Hans Kesselbach, 1907 geborener Sohn eines im Ersten Weltkrieg schwer verwundeten Generals, übernimmt die Rolle des Erzählers. Durch Kesselbachs Augen wird die Geschichte von Johanna Maria Magdalena Behrend erzählt, die unter dem Namen Magda Goebbels bis heute bekannt ist.

Magda Goebbels wurde 1901 als uneheliche Tochter eines Dienstmädchens und eines Bauunternehmers  geboren. Nach einer kurzen Ehe ihrer Eltern heiratete die Mutter später den wohlhabenden jüdischen Kaufmann Richard Friedländer. Friedländer adoptierte die achtjährige Magda, sodass diese von da an seinen Nachnamen trug.

1920 lernte Magda Friedländer zufällig den deutlich älteren verwitweten Industriellen Günther Quandt kennen. Da der Protestant keine Frau mit einem jüdisch klingenden Namen heiraten wollte, nahm sie übergangsweise den Namen ihres leiblichen Vaters, Ritschel, an, ehe sie 1921 durch ihre Heirat den Namen Quandt bekam. Ihr Ziel war der soziale Aufstieg, Quandts Antisemitismus war für sie kein Ehehindernis. Eine Äußerung, die Nora Bossong Magdas Stiefsohn Hellmut in den Mund legt, bringt es auf den Punkt:
Sie wechselt so oft ihren Namen und ihren Glauben, sagte Hellmut, was weiß ich, was sie in Wirklichkeit ist. Vermutlich kann sie das nicht mal selbst sagen. Weißt du, sagte er leise, Mama hätte gemerkt, dass Madame Quandt auch unseren Namen nur wie eine Maske trägt.

Hans Kesselbach lernt Magda in einer Zeit kennen, in der sie bereits mit Quandt verheiratet ist, sich an dessen Seite jedoch langweilt. Magda hatte sich mit ihrer Heirat nicht nur den sozialen Aufstieg, sondern auch ein aufregenderes Leben versprochen. Ihr Mann war jedoch vor allem an seinem Unternehmen interessiert.

Hans hat sich mit Quandts gleichaltrigem Sohn Hellmut angefreundet, mit dem er in derselben Schulklasse ist, und erhält durch seine Besuche in dessen Elternhaus Einblick in das Leben der Oberschicht. Hellmuts Mutter ist die erste Ehefrau Günther Quandts, die 1918 an der Spanischen Grippe verstarb. 

Hans verliebt sich in Hellmut und sucht seine Nähe. Doch er registriert, dass Hellmut und Magda viel Zeit miteinander verbringen. Hellmut ist in der lieblosen Ehe mit Günther Quandt Magdas Halt. Als die beiden 1927 gemeinsam nach Paris reisen, erkrankt Hellmut an einer Blinddarmentzündung und verstirbt in einem Krankenhaus.

Hans nimmt 1927 nach seinem Militärdienst ein Jurastudium auf. Es beginnt die Zeit, in der er heimlich abends an den Wochenenden seine Homosexualität in den Büschen des Berliner Tiergartens auslebt. Sexuelle Handlungen unter Männern waren nach § 175 Strafgesetzbuch bereits seit 1871 strafbar. Das Verbot wurde erst im Juni 1994 abgeschafft.

Diese Heimlichkeit bestimmt auch in den nächsten Jahren sein Leben, und so ist es für beide von Vorteil, dass Hans Magdas Geliebter wird: Er kann von seiner Homosexualität ablenken und sie sich von ihrer unglücklichen Ehe. 1929 wird die Ehe geschieden und Magda bezieht eine Wohnung am Reichskanzlerplatz in Berlin. Dank des üppigen Unterhalts ihres Ex-Mannes führt sie ein angenehmes Leben. In ihrer Wohnung trifft sich die deutsche Wirtschafts- und Politprominenz.

Als die Affäre beendet ist, gerät Magda sowohl für Hans als auch die Leserinnen und Leser aus dem Fokus. Seine berufliche Laufbahn im diplomatischen Dienst richtet er danach aus, sich so weit wie möglich von der Berliner Politik und der Wehrmacht zu entfernen. Hans lebt seine Sexualität weiter heimlich aus und sieht das Erstarken des Nationalsozialismus' sehr kritisch. Doch er ist ein Mitläufer, der es versteht, das System für sich zu nutzen und Probleme zu umschiffen.

Lesen?

In Reichskanzlerplatz  beschreibt Nora Bossong zwei verschiedene Arten von Opportunisten: Hans will keinen Ärger und laviert sich mit Lügen und Täuschungen durch sein Leben. Die Gräuelmeldungen über die Judenverfolgung redet er klein. Dazu passt, dass er sich von einem jüdischen Bekannten abwendet, als der ihn verzweifelt um Hilfe bittet. Magda hingegen hat keine gefestigten Überzeugungen: Obwohl ihr Stiefvater Jude war und ihre erste große Liebe ein jüdischer junger Mann gewesen ist, passt sie ihr öffentliches Verhalten an das antisemitische Gedankengut der Nationalsozialisten an. Magda geht es allein um ihren gesellschaftlichen Aufstieg, für den sie alles andere hintanstellt. 

Magda Goebbels historische Bedeutung wird leider kaum herausgearbeitet. Sie wirkt wie eine vom Wunsch nach Höherem angetriebene Frau, die sich im Glanz eines bedeutenden Mannes sonnen und so beachtet werden will. Es bleibt unklar, was sie zu der lieblosen Frau gemacht hat, die eine große Liebe erlebt hat, danach die Männer aber nur aus nüchternem Kalkül auswählte. Woran sich die Nachwelt vor allem erinnert, ist der Mord, den sie an ihren sechs Kindern, die sie gemeinsam mit Joseph Goebbels hatte, begangen hat. 

Bossong schildert die historische Entwicklung Deutschlands von einer Demokratie mit großen wirtschaftlichen Problemen zu einer faschistischen Diktatur wie die Hintergrundmusik zur eigentlichen Romanhandlung. Alles, was die monströsen Untaten dieses Regimes ausgemacht hat, wird nur angedeutet. Das Wort "Konzentrationslager" fällt nur einmal, die Lage der Zwangsarbeiter, die für das Unternehmen Quandt in Hannover Akkumulatoren herstellen mussten, wird nur angerissen. 

Reichskanzlerplatz ist ein unterhaltsamer Roman, dem es aber an manchen Stellen an Tiefe fehlt. Das Buch war auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2024.

Reichskanzlerplatz ist 2024 im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet 25 Euro.


Freitag, 16. August 2024

# 448 - Roman über eine Gesellschaftsordnung im freien Fall

Republik Irland, zu einem nicht näher bezeichneten
Zeitpunkt der heutigen Welt. Die Bevölkerung spürt ein politisches Grummeln, aber noch sind die Verhältnisse wie gewohnt: geordnet und verlässlich. Doch schon auf den ersten Seiten des Romans Das Lied des Propheten des irischen Schriftstellers Paul Lynch ist zu spüren, dass sich da etwas verschiebt. Die Menschen nehmen diese schleichenden Veränderungen jedoch nicht ernst: Die Kinder fahren zur Schule, man geht seinen Berufen nach und hält Haus und Garten in Ordnung.

Die rechtsgerichtete National Alliance Party (NAP) ist dabei, das Land nach ihren Vorstellungen zu verändern. Das Ziel: Totalitarismus. Dagegen formiert sich allmählich Protest, wenngleich die meisten Bürgerinnen und Bürger den Mund halten. Der Alltag der Menschen wird durch immer neue Notverordnungen geregelt, die nach und nach die Bürgerrechte aushebeln. Die Anzeichen für einen gewaltsamen Aufstand der Rebellen werden immer deutlicher. Es ist beim Lesen zu spüren, dass nur noch ein kleiner Funke fehlt, damit es zu einer Eskalation kommt, bei der Waffen das Sagen haben.

Auch die in Dublin lebende sechsköpfige Familie Stack beobachtet die Situation, vertraut aber darauf, dass der Staat nicht gegen seine eigenen Bürger vorgehen wird. Vater Larry Stack ist Lehrer und hoher Gewerkschaftsfunktionär. Als solcher tritt er für eine bessere Bezahlung für seine Kolleginnen und Kollegen ein. An einem regnerischen Abend tauchen zwei Mitglieder der neu gegründeten Geheimpolizei bei den Stacks auf, um Larry zu verhören. Den Protest der Lehrerschaft nimmt die NAP zum Anlass, die Maske fallen zu lassen: Obwohl es sich bei den Demonstrationen um legale Aktionen handelt, werden alle Gewerkschaftsführer festgenommen. Zu den Inhaftierten gehört auch Larry, der seitdem wie vom Erdboden verschluckt ist. Der Kontakt zu einem Anwalt wird ihm widerrechtlich verwehrt. Eilish macht ihrer Verzweiflung Luft, indem sie auf den Punkt bringt, warum es so weit kommen konnte:

"Ich habe selbst im Gesetz nachgeschaut, in den Verträgen, das ist ein eklatanter Bruch internationalen Rechts, [...] warum dürfen die machen, was sie wollen, warum hat niemand Stopp geschrien?"

Binnen kurzer Zeit verändert sich das Leben der Stacks um 180 Grad. Mutter Eilish, eine Wissenschaftlerin, versucht nicht nur, ihren Mann zu finden, sondern ihren vier Kindern so lange es geht ein normales Leben zu ermöglichen. Aber die Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und den Rebellen nehmen das Ausmaß eines Krieges an, in dem die toten und verletzten Bürgerinnen und Bürger nur Kollateralschäden sind. Das gesamte System erodiert, es gilt das Recht des Stärkeren. Lebensmittel werden knapp, Wucherer bereichern sich an der Krise und verlangen horrende Preise. Krankenhäuser arbeiten nur noch eingeschränkt. Das Land versinkt im Chaos.

Eilishs in Kanada lebende Schwester bietet ihr Unterstützung an, Irland zu verlassen und mit ihrer Familie zu ihr zu kommen. Aber die Mutter hofft auf Larrys Rückkehr und schafft es nicht, ihren in der Nähe lebenden dementen Vater im Stich zu lassen. In seinen klaren Momenten rät dieser seiner Tochter ebenfalls eindringlich, sich so schnell wie möglich auf den Weg zu machen, bevor es zu spät ist. 

Als sich ihr ältester Sohn den Rebellen anschließt und ihr Haus von einer Granate getroffen wird, ändert Eilish ihre Meinung. Doch dann wird ihr zweiter Sohn durch einen Granatsplitter verwundet und muss im Krankenhaus behandelt werden. Die ohnehin schon dramatische Situation verschärft sich auf eine unerwartete Weise, die Eilish nicht für möglich gehalten hätte.

Lesen?

Mit Das Lied des Propheten ist Paul Lynch ein eindringlicher Roman gelungen. Er zeigt, wie fragil eine stabil wirkende demokratische Gesellschaftsordnung tatsächlich ist, wenn dem Treiben faschistischer Kräfte zu lange tatenlos zugesehen wird. Die Handlung bekommt in dem Maß, in dem sich die Krise für das Land und die Familie Stack zuspitzt, eine immer stärkere Eindringlichkeit. Lynch zeigt deutlich, dass eine Selbstbeschwichtigung à la "So etwas kann hier nicht passieren" der falsche Umgang mit Parteien und Personen ist, die ein Land umkrempeln und in eine Autokratie verwandeln wollen. 

Das Lied des Propheten erschien 2023 unter dem Originaltitel Prophet Song. Paul Lynch erhielt im selben Jahr für seinen Roman den renommierten britischen Booker Prize. 2024 erschien das Buch in der Übersetzung von Eike Schönfeld im Verlag Klett-Cotta. Es kostet in der gebundenen Ausgabe 26 Euro sowie als E-Book 20,99 Euro.

Freitag, 12. Februar 2021

# 277 - Was wäre passiert, wenn Hitler Facebook genutzt hätte?

Steile These oder lohnendes Gedankenexperiment?
Maik Fielitz und Holger Marcks stellen diese Überlegung, die 2019 vom britischen Komiker Sacha Baron Cohen geäußert wurde, an den Anfang ihres Buches Digitaler Faschismus. Cohen hatte seinerzeit eine Rede vor der Anti-Defamation League (ADF) gehalten, in der er diese These vertreten hat: 

"Hätte es Facebook in den 1930-er Jahren gegeben, hätte es Hitler für seine Lösung der Judenfrage werben lassen."

Fielitz und Marcks teilen diese Ansicht, weil in den letzten Jahren zu beobachten gewesen ist, wie prinzipienlos sich Facebook verhalten hat. Zuckerberg hat seit 2016 immer wiederholt, man solle vorsichtig damit sein, die Plattformen als Schiedsrichter über die Wahrheit anzusehen. Eine Sichtweise, über die man geteilter Meinung sein kann.

In acht Kapiteln schildern die Autoren, wie das Internet, das zu Beginn als Hort des Informations- und Meinungsaustauschs sowie Bereicherung für die Demokratie gesehen wurde, sich zu einem wirkungsvollen Instrument entwickelt hat, Menschen zu manipulieren. Dabei wird mit verschiedenen Methoden gearbeitet, die von der stetigen dramatischen Wiederholung von Ereignissen und dem Schüren von Panik bis zum Gaslighting reichen. Ein bekanntes Gaslighting-Beispiel ist hier die Aussage der früheren Sprecherin von Ex-US-Präsident Trump, Kellyanne Conway, die im Zusammenhang mit der angeblich riesigen Menschenmenge, die 2017 die Amtseinführung des 45. Präsidenten vor der National Mall in Washington beobachtet hat, von "alternativen Fakten" gesprochen hatte. Ihre Formulierung war der Beginn einer einzigartigen Kette von Lügen, die Trumps gesamte Amtszeit geprägt haben und die vor allem durch die Verbreitung auf Internetplattformen ihre Wirkung entfaltet haben.

Doch sieht es in Deutschland besser aus? Auch hier machen sich vor allem rechte Gruppierungen - allen voran die AfD - das Internet zunutze. Messenger-Gruppen, YouTube oder Facebook-Gruppen bieten ein breites Spektrum, um Falschnachrichten oder Halbwahrheiten, ausgestattet mit emotionalen Triggern, unter die Menschen zu bringen. Hier wird nichts auf den Wahrheitsgehalt untersucht, sondern die sog. 'Nachrichten' werden in schneller Folge verbreitet. Die immer besseren Video- und Bildbearbeitungstechniken verleihen vermeintlichen Nachrichten Glaubwürdigkeit und werden immer mehr dazu verwendet, Personen zu denunzieren, in denen ihnen Aussagen in den Mund gelegt oder Handlungen zugeschrieben werden, die sie nie gesagt bzw. getan haben.

Die Autoren sehen eine Aushöhlung der Demokratie und bemerken immer mehr Rufe nach einer Regulierung. Vorgaben müssen jedoch den "faschistischen Dynamiken im Netz entgegenwirken ohne selbst die Demokratie zu schwächen". (S. 203) Wie das gehen kann, machen Fielitz und Marcks mit ihren Vorschlägen deutlich.

Lesen?

Dass die sozialen Medien für Rechtsextreme ein beliebtes Betätigungsfeld sind, ist zunächst einmal nichts Neues mehr. Was dieses Buch allerdings lesenswert macht, ist die anschauliche Erläuterung der verschiedenen Mechanismen und Manipulationsmöglichkeiten, die das Internet für eine wirkungsvolle Meinungsmache mithilfe von Fake News bereithält. In Digitaler Faschismus wird deren ganze Palette dargestellt, sodass man als Leser wie die beiden Autoren nur zu dem Schluss kommen kann, dass hier etwas passieren und eingegriffen werden muss.

Digitaler Faschismus ist 2020 im Dudenverlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 18 Euro sowie als E-Book 13,99 Euro.

Nachtrag: Hier gibt es weitere Informationen über das Buch, u. a. die Zusammenfassung von drei Kapiteln in Illustrationen.

Samstag, 6. Juni 2020

# 243 - Über das Unfassbare sprechen, solange es noch geht

"Ich habe noch nie jemanden so sterben gesehen." Das sagte der Henker Johann Reichhart mit Bewunderung über Hans und Sophie Scholl. Reichhart hat während der NS-Zeit 3.165 Menschen hingerichtet, für ihn war das Töten nichts anderes als ein Broterwerb. Sein Satz ist einer von vielen sehr eindringlichen Sätzen in dem Buch Jahrhundertzeugen - Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler des Journalisten Tim Pröse.

Pröse hat sich den Schicksalen von 18 Menschen genähert, die während der Zeit des deutschen Nationalsozialismus' Widerstand geleistet, Verfolgung erlitten und überlebt oder Verfolgten das Leben gerettet haben. Der Autor hat mit ihnen oder, sofern sie bereits verstorben waren, ihren nahen Angehörigen gesprochen, in manchen Fällen hat es sogar mehrere Treffen gegeben. Einige dieser Menschen sind der Öffentlichkeit bekannt, andere bekommen mit ihren Schicksalen erst durch dieses Buch Aufmerksamkeit.

Das Foto auf dem Schutzumschlag zeigt den Essener Industriellen Berthold Beitz. Als 26-jähriger Mann war Beitz Direktor der Karpaten-Öl AG in Boryslaw; der Ort befand sich im Zweiten Weltkrieg im deutsch besetzten Generalgouvernement Polen und gehört heute zur Ukraine. Die Firma galt als 'kriegswichtiger Betrieb'. Diesen Umstand nutzte Beitz, um Juden direkt aus den Waggons, die bereits am Bahnhof von Boryslaw auf ihre Abfahrt warteten und ihre 'Fahrgäste' in die Konzentrationslager bringen sollten, herauszuholen. Er behauptete, ihre Arbeit bei der Karpaten-Öl AG sei ebenfalls kriegswichtig und rettete damit einer großen Zahl von Menschen das Leben. Pröse widmet sich nicht nur dieser riskanten Rettung, sondern besuchte auch den wahrscheinlich letzten von Beitz Geretteten, der zu dem Zeitpunkt, als das Buch entstand, noch am Leben war: Jurek Rotenberg. Rotenberg war 14, als Beitz ihn als 'Arbeitsjude' im Unternehmen unterbrachte und vor der Gaskammer bewahrte. Anlässlich des 99. Geburtstages von Beitz trafen sich die beiden Männer nach 70 Jahren zum ersten Mal wieder - und Pröse war dabei. Er schildert sehr empathisch diese Begegnung, beschreibt die Umstände und die ersten Reaktionen. Es ist, als sei man dabei gewesen.

Nicht weniger berührend und tief schockierend sind die weiteren Berichte. Da ist zum Beispiel der von Franz J. Müller. Er gehörte zu den letzten Überlebenden der Weißen Rose. Zusammen mit den Geschwistern Hirzel, die ebenfalls wegen ihrer Aktivitäten in der Widerstandsgruppe angeklagt waren, saß er 1943 dem berüchtigten Präsidenten des Volksgerichtshofs Roland Freisler gegenüber. Im Gegensatz zu den Geschwistern Scholl, die in München hingerichtet wurden, erhielten die Drei nur geringe Strafen. Vor allem die wegen ihrer blonden Haare und blauen Augen als 'germanisches Mädchen' (O-Ton Freisler) bezeichnete Susanne Hirzel hatte es Freisler mit ihrem Aussehen angetan. Davon profitierten vermutlich auch die beiden mitangeklagten jungen Männer, die nur zu Haftstrafen verurteilt wurden und mit dem Leben davonkamen.

Eine andere Lebensgeschichte ist die des früheren Soldaten Kurt K. Keller. Am 6. Juni 1944 war er am sog. "Omaha Beach", dem Ort in der Normandie, an dem der D-Day stattgefunden hat. Er erzählt von seinem Erlebnis, das er sein Leben lang nicht losgeworden ist und das ihn auch nach mehr als 70 Jahren nachts hochschrecken lässt: dem Moment, als er einen auf ihn zustürmenden amerikanischen GI erschossen hat. Der tödlich getroffene Soldat sank in den letzten Sekunden seines Lebens in den Sand, legte Helm und Gewehr ab und betete. Dieser Anblick hatte Kellers Haltung zu Hitler auf einen Schlag verändert. Kurz danach desertierte er.

Jede einzelne Lebensgeschichte berührt. Manche sind so erschütternd, dass man nicht sofort weiterlesen kann. Alle Menschen, die Pröse noch selbst schildern konnten, wie ihr Leben während der NS-Disktatur verlaufen ist, berichteten von Albträumen, die sie den Rest ihres Lebens verfolgt haben. Viele haben ihre Erfahrungen weitergegeben, indem sie beispielsweise vor Schulklassen gesprochen haben. Die Zahl der Menschen, die das noch können, wird immer kleiner. In absehbarer Zeit wird es niemanden mehr geben, der aus erster Hand und damit authentisch berichten kann. Umso wichtiger sind Bücher wie dieses, die uns das Grauen des Nationalsozialismus' zeigen und die dazu beitragen, dass das, was damals passiert ist, nicht vergessen wird.

Jahrhundertzeugen - Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler ist im Heyne Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 19,99 Euro sowie als E-Book 15,99 Euro.

Nachtrag: Die Zeit berichtete 1966 über den Prozess gegen den SS-Obersturmführer Fritz Hildebrand, in dessen Verlauf sich Berthold Beitz und seine frühere Sekretärin Hilde Olsen nach 22 Jahren zum ersten Mal wiedersahen. Auch Olsen wurde von Beitz vor dem sicheren Tod gerettet.

Freitag, 10. August 2018

# 162 - Ex-US-Ministerin denkt über aktuelle Lage nach

Hat der Faschismus (wieder) eine Chance?

 

Vor Kurzem hat Madeleine Albright, die unter dem früheren US-Präsidenten Bill Clinton von 1997 bis 2001 Außenministerin war, ein Buch herausgebracht, das ihr besonders am Herzen liegt: Faschismus - Eine Warnung. Albright, die gebürtig aus Prag stammt und 1937 als Marie Jana Korbelová geboren wurde, hat mit diesem politischen Prinzip eigene Erfahrungen gemacht: 1939 floh sie mit ihren Eltern vor den Nationalsozialisten nach London und kehrte mit ihrer Familie zurück, als der zweite Weltkrieg beendet war. Doch die Familie floh 1948 erneut, als in der Tschechoslowakei die Kommunisten an die Macht kamen. Diesmal waren die USA ihr Ziel, eine erneute Rückkehr in die Heimat gab es nicht. 

Was macht den Faschismus aus?

 

Albright hat in ihrem Leben reichlich politische Erfahrungen gesammelt: Bevor sie Außenministerin wurde, war sie drei Jahre Mitglied im Nationalen Sicherheitsrat (NSC) sowie vier Jahre US-Botschafterin bei den UN. Heute leitet sie ein Consulting-Unternehmen und hält Politik-Vorlesungen an der Georgetown-University in Washington. 
Die Politik hat sie ihr ganzes Leben begleitet: Ihr Vater war tschechoslowakischer Diplomat und wurde in den USA Politik-Professor. Dieses Wissen über ihre Person hilft, ihre Beweggründe, dieses Buch zu schreiben, zu verstehen. Es hilft auch, ihre Sicht nachzuvollziehen und sie Ernst zu nehmen. 

Albright betrachtet in ihrem Buch, wie sich unterschiedliche Staaten in den letzten Jahren politisch entwickelt haben und zeigt an vielen Beispielen deutlich und plausibel auf, woran sich heute faschistische Tendenzen erkennen lassen. Ihr Blick reicht zunächst in die Vergangenheit, wo sie noch einmal den Aufstieg der europäischen Faschisten in Erinnerung ruft: Nicht nur Hitler in Deutschland, sondern auch Mussolini in Italien und Franco in Spanien bauten ihren politischen Werdegang auf der desolaten Situation in ihren Ländern auf.
Albright erinnert sich an den Lauf der Geschichte in ihrer tschechoslowakischen Heimat und die Rolle ihres Vaters als Botschafter im jugoslawischen Belgrad, als sich ihr Heimatland in einen kommunistischen Staat verwandelte. Diese Verwandlung trug Merkmale, die man auch bei faschistischen Machtübernahmen beobachten konnte: "eine einzige Partei, die mit einer Stimme spricht, sämtliche staatlichen Institutionen kontrolliert, zudem behauptet, das ganze Volk zu repräsentieren und diese Scheinwelt als Triumph des Volkes bezeichnet."

Und heute?

 

Albright beschreibt die Schwächen einer Demokratie: Sie ist korruptionsanfällig, schwerfällig und erfordert eine große Kompromissbereitschaft. Eine Gesellschaft bringt in guten Zeiten die Geduld auf, die Dauer von Entscheidungsprozessen und dem Zurateziehen von Experten auszuhalten, aber sobald etwas so dringend zu sein scheint, dass sofort eine Entscheidung gefällt werden soll, ist es mit ihrer Geduld vorbei. In solch einer Situation plädieren viele Menschen dafür, auf demokratische Prozesse zu verzichten und sich sagen zu lassen, welcher Weg eingeschlagen werden soll. Doch die Macht in einer Gesellschaft nur einer einzigen Partei oder Person zu übertragen heißt, dass im Falle eines Machtmissbrauchs nicht mehr legal eingegriffen und diese Entwicklung gestoppt werden kann. Auch etliche Staatschefs, die zu Beginn ihrer Regierungszeit in aller Welt für aufrichtig gehalten wurden, haben ihre Länder ruiniert und wurden zu brutalen Autokraten, die sich an ihre Macht klammerten.

Lesen?

 

Madeleine Albright erklärt, wo sie heute Tendenzen zu autokratischen Systemen erkennt. In den von ihr benannten Ländern wie z. B. Ungarn, der Türkei, Nordkorea oder den Philippinen sieht sie eine Entwicklung nach dem Muster, nach dem bereits Mussolini vorgegangen ist: Der Diktator empfahl, wer Macht an sich bringen wolle, müsse dabei so klug vorgehen wie jemand, der ein Huhn rupft, nämlich Feder um Feder. Dann gebe es kein lautes Gegacker und alles gehe unbemerkt vor sich. 
Wer sich heute in der politischen Landschaft umsieht, kann feststellen, dass dieser Tipp immer noch beherzigt wird. Faschismus - eine Warnung ist schon deshalb lesenswert, weil Albright ihren Lesern die Parallelen zwischen früheren Faschisten und heutigen politischen Tendenzen aufzeigt. Es hilft dabei, die ersten Anzeichen zu erkennen.

Faschismus - eine Warnung ist bei Dumont erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 19,99 Euro.

 

Samstag, 24. Juni 2017

# 105 - Freifahrtschein von der Komfortzone in den Terrorismus

Wenn da noch ein paar Rechnungen offen sind

 

Mit Spanish Bombs taucht Ulf Krämer in die spanische Geschichte während der Franco-Zeit ein, deren tiefe gesellschaftliche Gräben bis in die Gegenwart fortdauern. Vergeben und vergessen - dieses Motto passt zu keinem der Protagonisten.


Die Schatten der Vergangenheit


Anders Sulla ist 38 Jahre alt, ein bestenfalls mittelmäßiger Bühnenschauspieler und mit der vermögenden Nadine verheiratet. Das Paar hat sich in seinem Leben komfortabel eingerichtet: Gemeinsame Kinder soll es nicht geben, man gönnt sich Reisen und andere Unternehmungen und hat Kontakt zu Menschen, die genauso ticken wie man selbst. Das Leben plätschert so dahin, und das, was man in diesen Kreisen als Abenteuer bezeichnet, ist das, was das Programm von Eventanbietern so hergibt. Doch dann erhält Anders, den so gut wie alle, auch seine Frau, nur mit seinem Nachnamen ansprechen, unerwartete Post: Eine spanische Gesellschaft für Erinnerungskultur teilt ihm mit, dass es wahrscheinlich gelungen sei, ein Massengrab aufzuspüren, in dem sich die Gebeine seines Großvaters Joaquin befinden. Dieser habe der republikanischen Brigade Lorca angehört und sei 1954 erschossen worden. In einer Woche sei die Graböffnung in Sevilla vorgesehen, wozu man ihn als Joaquins Enkel herzlich einlade.
Sulla zögert nur kurz und mietet sich dann kurzentschlossen ein Wohnmobil. Ohne Nachricht oder Abschied macht er sich allein auf den Weg nach Andalusien. Die Premiere der Carmen-Adaption, in der er die Rolle des Toreros Escamillo spielen sollte, würde er verpassen, was er leichten Herzens hinnimmt. Doch seine Vorstellung, er könnte auf der Fahrt nach Südspanien etwas Abstand bekommen und den Kopf freikriegen, stellt sich rasch als Trugschluss heraus: Kurz hinter Lyon gabelt er die 17-jährige Deutsche Sophie auf, die offensichtlich verfolgt wird. Mit der Ruhe ist es jetzt vorbei. In Tarragona treffen sie in einer Wohnung von Sophies Internetbekanntschaft Yussuf auf die junge Teresa, die sich ihnen bis Málaga anschließen will und in Sulla den Verdacht weckt, sie könnte eine Terroristin sein. Bei einem kleinen Umweg über Madrid nehmen sie Sullas alten Kumpel Lars in ihre kleine Runde auf. Das macht die Fahrt nicht entspannter.


Wer interessiert sich für die Toten in einem Massengrab?

 

Die amerikanische Kriegsreporterin Ava Svensson ist ebenfalls auf dem Weg nach Sevilla. Auf ihre Initiative hin ist es zu dem offiziellen Exhumierungstermin, zu dem die Angehörigen aller dort bestatteten Freiheitskämpfer eingeladen wurden, gekommen. Auch sie hat eine persönliche Motivation, die sie antreibt: Zusammen mit ihrem Onkel Phil, einem erfahrenen Reporter, und einem Fotografen, war sie in Kolumbien in eine Sprengfalle geraten, die ihren Onkel das Leben gekostet hatte. Er verfolgte damals die Spur seines ermordeten Vaters, dessen Leiche sich in dem andalusischen Massengrab befinden sollte. Jonathan Svensson gehörte allerdings nicht der Brigade Lorca an, sondern war als Reporter in Spanien gewesen. Ava hat das Gefühl, Phil etwas schuldig zu sein und setzt dessen Nachforschungen fort.
Schon kurz nach ihrer Ankunft in Sevilla trifft Ava auf den merkwürdigen Taxifahrer Jésus, der sich auf der Suche nach dem seiner Meinung nach besten Tapaskoch der Welt befindet: Alfonso, der seit Jahren das Restaurant La Orilla betreibt. Alfonso ist von einem Tag auf den anderen wie vom Erdboden verschluckt. Jésus' Nachforschungen gehen zunächst ins Leere, aber nachdem er einen alten Bekannten, den er aus seinen früheren Tagen als Krimineller kennt, um Hilfe gebeten hat, bekommt er eine heiße Spur. Doch es gibt Leute, die die Graböffnung verhindern wollen und die ebenfalls auf der Suche nach Alfonso sind, auch wenn sie ihn nicht unter diesem Namen kennen. Eine ganze Reihe von Menschen muss um ihr Leben fürchten, während andere es so schnell verlieren, dass sie vor ihrem letzten Atemzug nicht mehr zum Nachdenken kommen.

Wie war's?

 

Spanish Bombs wird im Klappentext als Road-Story bezeichnet, was die Atmosphäre sehr gut trifft. Ein großer Teil der Handlung findet auf Straßen oder Parkplätzen statt, und nicht nur Sulla ist in diesem Roman auf der Suche nach der Freiheit und sich selbst. Der Buchtitel schlägt die Brücke zwischen der Diktatur unter Franco sowie der Verfolgung und Ermordung der Widerstandskämpfer durch die spanischen Faschisten und dem gleichnamigen Song der Punk-Band The Clash, der das Thema ebenfalls aufgreift.
Ulf Krämer baut die Geschichte des Widerstands gegen das Franco-Regime und die unrühmliche Rolle der Guardia Civil immer wieder geschickt in die Handlung seines Romans ein. Wer bislang noch nichts über diesen Teil der spanischen Geschichte wusste, erhält so zumindest einen Eindruck dessen, was sich unter der Diktatur des "Caudillo" zwischen 1936 und 1975 in Spanien abgespielt hat. 
Spanish Bombs ist sehr flüssig geschrieben und wird an keiner Stelle langweilig.
Die Handlung ist - locker formuliert - ziemlich abgefahren. An manchen Stellen befindet sie sich auf einem schmalen Grat zwischen einer knappen Glaubwürdigkeit und der beginnenden Zweifelhaftigkeit. 
Ab etwa der zweiten Buchhälfte hätte das Korrektorat gern aufmerksamer sein dürfen. Zu oft finden sich Fehler, die sich störend auf den Lesefluss auswirken.

Spanish Bombs wurde bei epubli veröffentlicht und kostet als Taschenbuch 16,99 €.