Sonntag, 23. August 2026

# 515 - Last Exit Heidelberg

Man kennt das: Man sitzt in einem Restaurant und der Blick fällt auf ein Paar im Seniorenalter, das vermutlich sein halbes Leben miteinander verheiratet ist. Doch anstatt die Atmosphäre und das Essen zu genießen, schweigen sich die beiden an und sehen aneinander vorbei. Unwillkürlich denkt man: "Du lieber Himmel, ist das trostlos. Hoffentlich passiert mir das nicht irgendwann."

Genau so ein Paar sind Isolde und Bertram aus Oldenburg in Heinz Strunks Roman Memories of Heidelberg. Beide sind eher unauffällig, Bertram wird in einem Jahr pensioniert, Kinder scheinen sie nicht zu haben. Als Isoldes Mutter die Familie zu ihrem 80. Geburtstag einlädt, machen sie sich auf den Weg nach Heidelberg, um mit der Seniorin zu feiern. Doch die alte Dame erkrankt schwer und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Aus dem geplanten einwöchigen Urlaub werden regelmäßige Besuche am Krankenbett.

Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit buchen sie eine Suite in einem sündhaft teuren Hotel mit Blick auf den Neckar. Doch Bertrams Hoffnungen, dass sich der Nobelschuppen positiv auf ihre Beziehung auswirken könnte, werden enttäuscht. Isolde, die schon vor einiger Zeit klargemacht hatte, dass sie mit dem Sex abgeschlossen hat, ist von ihrem Gatten abwechselnd genervt und enttäuscht. Nur selten flackert in ihrem Verhalten eine Andeutung ihrer Zuneigung zu Bertram auf. Doch das sind nur kurze Episoden. Sie genügen allerdings, um Bertrams Hoffnung zu nähren, dass zwischen ihnen alles irgendwann wieder gut wird.

Die frustrierende Ehe hat bei Bertram Spuren hinterlassen: Das Essen ist zu seiner großen Leidenschaft geworden. Je mehr Fleisch auf dem Teller ist, umso besser. Er isst, wann immer sich eine Gelegenheit ergibt. Bertram macht sich nichts vor: Die Fresserei hat sich unübersehbar auf seinen Körperumfang ausgewirkt. Es fällt ihm immer schwerer, seine 120 Kilo zu bewegen.

Man ahnt es: Das Hotel hält nicht ansatzweise, was sich Isolde und Bertram erhofft hatten. Doch sie halten den nicht vorhandenen Service trotz des hohen Preises aus. Sie halten auch den abendlichen Gang auf ein nahe gelegenes Schiffsrestaurant aus, das von einer italienischen Familie betrieben wird. Bewirtung und Atmosphäre werden Abend für Abend schlechter, aber Bertram lässt sich von seiner Frau immer wieder breitschlagen, ein weiteres Mal dort zu essen. Aus einem Lautsprecher plärrt die immer gleiche Schleife aus Italo-Pop, die - wie ein Ausreißer - vom Schlager "Memories of Heidelberg" gekrönt wird; einem Lied, das 1968 von Peggy March gesungen wurde. Die Situation, die von Anfang an belastend war, eskaliert zu einer Katastrophe, als Bertram alles zu viel wird und er beschließt, zum Gegenschlag auszuholen.

Lesen?

Mit Memories of Heidelberg hat es Heinz Strunk ein weiteres Mal geschafft, eine im Grunde ereignisarme Handlung in einen Pageturner zu verwandeln. Der Roman ist mit rd. 110 Seiten (E-Book) zwar kurz, aber schon bald möchte man die Protagonisten am liebsten schütteln und ihnen zurufen: "Himmel nochmal, macht etwas aus eurem Leben!" Statt dessen blättert man um und denkt: "Du lieber Himmel, ist das eine trostlose Ehe. Hoffentlich passiert mir das nicht irgendwann." Genau wie beim Anblick solcher Isolde-und-Bertram-Paare im realen Leben.
Strunk lässt jedoch trotz allem keine Resignation aufkommen, sondern beschreibt die Situation mit Empathie und Humor.

Memories of Heidelberg ist zu Recht für den Deutschen Buchpreis 2026 nominiert.
Der Roman ist 2026 im Rowohlt Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 23 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.

Nachtrag
Wem der exzessive Fleischkonsum und die Affinität zu Schlagern bekannt vorkommt: Beides nimmt in Heinz Strunks erstem Roman Fleisch ist mein Gemüse (2004) seinen Anfang.

Sonntag, 16. August 2026

# 514 - Die Geschichte eines antrieblosen Schiffs

Der US-Historiker Ian Kumekawa hat mit Beliebige
Fracht
 ein Buch geschrieben, das sich mit der Globalisierung, der Wirtschaft sowie der unübersichtlichen Welt der Offshore-Transaktionen beschäftigt. Das klingt trocken, ist es aber nicht: Kumekawa stellt ein Schiff in den Mittelpunkt seines Sachbuches, das niemals manövrierfähig war. 

Dieses 1979 in Schweden gebaute Schiff war ebenso wie sein zwei Jahre später fertiggestelltes Schwesterschiff nicht dazu gedacht, als Frachtschiff über die Weltmeere zu fahren. Es entstand in einer Zeit, als es den schwedischen Werften schlecht ging und die Regierung mit massiven Zuschüssen versuchte, die Branche vor dem Absturz zu retten. Ein norwegischer Reeder gab ihren Bau in Auftrag. Das Ziel der Schiffe sollten Ölplattformen in der Nordsee sein. Doch dann kam die Ölkrise und änderte alles. Es begann eine maritime Odyssee an die Küsten der Kontinente.

Das von Kumekawa verfolgte Schiff ist eher ein Lastkahn, der wie ein Ponton funktionierte. Wurde das Schiff an einem Ort benötigt, musste es durch einen Hochseeschlepper oder ein Halbtaucherschiff dorthin gebracht werden. Das Bemerkenswerte ist hier jedoch, dass zwar Container befördert wurden, diese aber nie Ladung enthielten: Sie wurden nur als Unterkunft benutzt. So erklärt sich auch der Titel der englischsprachigen Originalausgabe dieses Buches: Empty Vessels.

Die Geschichte der beiden Schiffe bildet rd. 45 Jahre Weltwirtschaft und die Folgen von Globalisierung und Sozialpolitik ab. Sie waren von Anfang an Spekulationsmasse und dienten in verschiedenen Ländern Soldaten, Strafgefangenen oder VW-Mitarbeitern als Zuhause. Kumekawa erklärt, welche juristischen Winkelzüge bei der Beflaggung von Schiffen eine Rolle spielen und was sie mit der Umgehung von Arbeitsschutzvorschriften, der Höhe der Heuer oder der Entstehung von Briefkastenfirmen zu tun haben.

In neun Kapiteln - eines für jeden Ort, an den das Schiff geschleppt wurde - beleuchtet Kumekawa nicht nur die historischen und wirtschaftlichen Hintergründe seines Liegeplatzes und -zwecks, sondern beschreibt auch, welche Bedeutung es für die Menschen auf ihm und um es herum hatte. Zitat: "Das Schiff hatte sich immer weiter offshore bewegt, weil die Welt insgesamt es auch tat. Man hatte es für die buchstäblichen Wellen des Ozeans gebaut, aber im übertragenen Sinn auch für die Welle des boomenden Offshore-Ölmarkts - und möglicherweise unbeabsichtigt war es so konstruiert, dass es auch auf der noch viel größeren Welle des Offshorings an sich reiten konnte. [...] Und genau das war unser Schiff: ein Werkzeug des multinationalen Strebens, die Grenzen nationaler Souveränität zu überschreiten und an einer neuen, postimperialen Grenzlinie Profite zu machen."

Lesen?

Beliebige Fracht ist eines der anschaulichsten und verständlichsten Bücher, die ich zu den Themen Globalisierung und Neoliberalismus bislang gelesen habe. Die beiden Schiffe wurden abgewrackt, ihre Geschichte ist zu Ende. Die der Globalisierung und des Neoliberalismus' nicht.

Beliebige Fracht ist 2026 bei Harper Collins erschienen und kostet 26 Euro.


Das Schiff diente unter dem Namen HMP Wear vor dem britischen Portland 
von 1997 bis 2005 als Gefängnisschiff.
Quelle: Andrew Bone unter  HMP Weare | Floating prison ship in Portland Port from 1997-… | Flickr




Montag, 3. August 2026

# 513 - Ein Roman mit einem Protagonisten zwischen Wahn und Wirklichkeit

Der Roman Der Graf Luna von Alexander Lernet-
Holenia wurde bereits 1955 veröffentlicht und ist damit über siebzig Jahre alt. Wer ist eigentlich dieser Autor? Hat man schon mal von Alexander Lernet-Holenia gehört?

Das hat man tatsächlich, es ist aber bereits Jahrzehnte her. Der Schriftsteller wurde 1897 in Wien geboren und verstarb 1976. Die Zeit seiner größten Popularität lag zwischen dem Ende der 1920-er und dem Beginn der 1960-er Jahre. Bis zu seinem Tod gehörte er zu Österreichs bekannten Autoren, danach geriet er als gelesener Autor immer mehr in Vergessenheit. Heute ist er vor allem Kennern der österreichischen Literatur ein Begriff.

Doch Der Graf Luna wurde nun von Verleger Albert Eibl gewissermaßen dem Vergessenwerden entrissen. 2014 gründete Eibl in Wien den DVB Verlag, dessen Name sich vom Zweck des Unternehmens ableitet: Das vergessene Buch. Hier veröffentlicht der gebürtige Münchener bislang vergessene Bücher und sagt auf der Verlags-Homepage: "Fernab großartig durchdachter pekuniärer Gewinnerwartungsstrategien sollen im DVB Verlag in den nächsten Jahren weiterhin herausragende Werke der deutschsprachigen Literatur erscheinen, die zu Unrecht vergessen wurden [...]"

Das klingt ambitioniert und interessant, womit ich endlich zu Lernet-Holenias Roman komme.
Im Mittelpunkt steht der wohlhabende Wiener Transportunternehmer Alexander Jessiersky, dessen Reichtum auf dem Vermögen der Mutter und den kompetenten Mitarbeitern seines ererbten Unternehmens beruht. Jessiersky interessiert sich für die Firma nur, weil sie ihm seinen bequemen Lebensstil sichert, und taucht in deren Büros nicht öfter als nötig auf.
Er erlebt die Machtübernahme der Nationalsozialisten und den "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich. Er sieht die Entwicklung kritisch, hält sich aber mit entsprechenden Äußerungen zurück, weil sein Unternehmen von ihr profitiert. 

Es kommt der Tag, an dem ihm seine Direktoren empfehlen, zu Expansionszwecken Ländereien eines Grafen Luna zu kaufen. Jessiersky ist der Vorgang gleichgültig, er lässt ihnen wie immer freie Hand. Doch der Graf will nicht verkaufen, sodass die Direktoren einen anderen Weg gehen: Sie denunzieren den Mann, sodass er verhaftet und ins KZ Mauthausen gebracht wird. Der Weg für die Firmenerweiterung ist frei. Luna wird später in das KZ Ebensee gebracht, einem Außenlager des KZ Mauthausen. Um sein Gewissen zu beruhigen, schickt Jessiersky dem Gefangenen regelmäßig Lebensmittelpakete. Dann verliert sich dessen Spur. Es ist am wahrscheinlichsten, dass er im KZ ums Leben gekommen ist. 
Jessiersky bereut seine Passivität, als er vom Schicksal des Grafen erfährt, aber es gibt kein Zurück. Um sein Gesicht zu wahren, klärt er den Sachverhalt nicht auf. 

Nach dem Krieg, zu Beginn der 1950-er Jahre, meint eines von Jessierskys Kindern, auf einem gerade angeschafften Ölbild, das einen Unbekannten im Harnisch zeigt, den Mann zu erkennen, der ihm im Park mehrmals Süßigkeiten geschenkt hat. Jessierksy ist alarmiert: Der abgebildete Mann hat große Ähnlichkeit mit dem Grafen Luna, den Jessiersky bislang nur auf einem Foto gesehen hat. Er ist sicher: Der totgeglaubte Graf lebt und will sich an ihm rächen.

Lernet-Holenias Geschichte gleitet im Lauf der Handlung immer stärker in Jessierskys wahnhaftes Verhalten ab. Er fühlt sich von dem Grafen verfolgt, will aber für sein Verhalten gegenüber Luna keine Verantwortung übernehmen. Jessierskys Handeln bekommt paranoide Züge und er schreckt auch nicht davor zurück, Menschen zu töten. Als ihm die Polizei auf den Fersen ist, ersinnt er einen Plan, um sich wieder einmal der Verantwortung für seine Taten zu entziehen.

Alexander Lernet-Holenia beschreibt seinen Protagonisten Jessiersky als jemanden, der vom Nationalsozialismus nicht überzeugt, aber ein egozentrischer Mitläufer ist. Mit jeder Handlung, mit der sich der Unternehmer vor Lunas Rache schützen und den Grafen ausschalten will, vollzieht sich ein weiterer Schritt in einen Abwärtsstrudel - auch räumlich. An die Folgen, die sein verblendeter Privatfeldzug für seine Familie hat, denkt er nicht.

Lesen?

Der Roman hat durch Passagen, die Jessierskys fiebrige Suche nach Abstammungen und Adelsgeschlechtern schildern, zwar einige Längen. Letztlich vertiefen diese aber beim Lesen den Eindruck des Wahnhaften in Jessierskys Wesen. Der Graf Luna hält dem klassischen Typus des Mitläufers den Spiegel vor: nicht auffallen, aber sich bietende Vorteile nutzen. Menschen wie Jessiersky begegnet man auch heute immer wieder: Sie sehen Verantwortung nicht bei sich, sondern bei Vorgesetzten, Behörden oder den politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen. Alexander Lernet-Holenia zeigt, dass Schuld nicht nur durch aktives Handeln, sondern auch durch Unterlassen und Verdrängung entstehen kann.

Der Graf Luna wurde am 3. Juli 2026, dem 50. Todestag von Alexander Lernet-Holenia, bei Das vergessene Buch - DVB Verlag GmbH in einer leicht überarbeiteten Fassung herausgegeben. Es enthält ein ausführliches Nachwort von Prof. Dr. Wynfrid Kriegleder (Universität Wien) über das Leben und Werk von Alexander Lernet-Holenia.
Das Buch kostet als gebundene Ausgabe mit Lesebändchen 26 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.