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Sonntag, 16. August 2026

# 514 - Die Geschichte eines antrieblosen Schiffs

Der US-Historiker Ian Kumekawa hat mit Beliebige
Fracht
 ein Buch geschrieben, das sich mit der Globalisierung, der Wirtschaft sowie der unübersichtlichen Welt der Offshore-Transaktionen beschäftigt. Das klingt trocken, ist es aber nicht: Kumekawa stellt ein Schiff in den Mittelpunkt seines Sachbuches, das niemals manövrierfähig war. 

Dieses 1979 in Schweden gebaute Schiff war ebenso wie sein zwei Jahre später fertiggestelltes Schwesterschiff nicht dazu gedacht, als Frachtschiff über die Weltmeere zu fahren. Es entstand in einer Zeit, als es den schwedischen Werften schlecht ging und die Regierung mit massiven Zuschüssen versuchte, die Branche vor dem Absturz zu retten. Ein norwegischer Reeder gab ihren Bau in Auftrag. Das Ziel der Schiffe sollten Ölplattformen in der Nordsee sein. Doch dann kam die Ölkrise und änderte alles. Es begann eine maritime Odyssee an die Küsten der Kontinente.

Das von Kumekawa verfolgte Schiff ist eher ein Lastkahn, der wie ein Ponton funktionierte. Wurde das Schiff an einem Ort benötigt, musste es durch einen Hochseeschlepper oder ein Halbtaucherschiff dorthin gebracht werden. Das Bemerkenswerte ist hier jedoch, dass zwar Container befördert wurden, diese aber nie Ladung enthielten: Sie wurden nur als Unterkunft benutzt. So erklärt sich auch der Titel der englischsprachigen Originalausgabe dieses Buches: Empty Vessels.

Die Geschichte der beiden Schiffe bildet rd. 45 Jahre Weltwirtschaft und die Folgen von Globalisierung und Sozialpolitik ab. Sie waren von Anfang an Spekulationsmasse und dienten in verschiedenen Ländern Soldaten, Strafgefangenen oder VW-Mitarbeitern als Zuhause. Kumekawa erklärt, welche juristischen Winkelzüge bei der Beflaggung von Schiffen eine Rolle spielen und was sie mit der Umgehung von Arbeitsschutzvorschriften, der Höhe der Heuer oder der Entstehung von Briefkastenfirmen zu tun haben.

In neun Kapiteln - eines für jeden Ort, an den das Schiff geschleppt wurde - beleuchtet Kumekawa nicht nur die historischen und wirtschaftlichen Hintergründe seines Liegeplatzes und -zwecks, sondern beschreibt auch, welche Bedeutung es für die Menschen auf ihm und um es herum hatte. Zitat: "Das Schiff hatte sich immer weiter offshore bewegt, weil die Welt insgesamt es auch tat. Man hatte es für die buchstäblichen Wellen des Ozeans gebaut, aber im übertragenen Sinn auch für die Welle des boomenden Offshore-Ölmarkts - und möglicherweise unbeabsichtigt war es so konstruiert, dass es auch auf der noch viel größeren Welle des Offshorings an sich reiten konnte. [...] Und genau das war unser Schiff: ein Werkzeug des multinationalen Strebens, die Grenzen nationaler Souveränität zu überschreiten und an einer neuen, postimperialen Grenzlinie Profite zu machen."

Lesen?

Beliebige Fracht ist eines der anschaulichsten und verständlichsten Bücher, die ich zu den Themen Globalisierung und Neoliberalismus bislang gelesen habe. Die beiden Schiffe wurden abgewrackt, ihre Geschichte ist zu Ende. Die der Globalisierung und des Neoliberalismus' nicht.

Beliebige Fracht ist 2026 bei Harper Collins erschienen und kostet 26 Euro.


Das Schiff diente unter dem Namen HMP Wear vor dem britischen Portland 
von 1997 bis 2005 als Gefängnisschiff.
Quelle: Andrew Bone unter  HMP Weare | Floating prison ship in Portland Port from 1997-… | Flickr




Montag, 22. April 2024

# 433 - Mit diesem Roman ging's zum Nobelpreis

Der norwegische Autor Jon Fosse hat 2023 den Nobelpreis für Literatur bekommen. Bis zu diesem Zeitpunkt - das muss ich zu meiner Schande gestehen - hatte ich noch nichts von ihm gehört. Mit welchem Buch fängt man an, wenn man sich einem Schriftsteller nähern will? Denis Scheck empfahl in einem Interview mit SWR Kultur die kurze Novelle Das ist Alise. Diesen Rat habe ich beherzigt.

Normalerweise stelle ich hier in der Bücherkiste nur "richtige" Bücher vor. Mit Hörbüchern habe ich so meine Probleme. Aber wenn das gebundene Buch nur 120 Seiten hat, wie lange wird dann das Hörbuch dauern? Zweieinhalb Stunden, das weiß ich jetzt, denn ich habe beides gemacht: zuerst das Hörbuch begonnen (sehr gut gelesen von Max von Pufendorf) und etwa ab der Hälfte mit dem E-Book weitergemacht. Hätte ich mit dem E-Book begonnen, hätte ich es nicht bis zur letzten Seite geschafft. Aber der Reihe nach.

Das Haus von Asle und Signe steht einsam an einem Fjord. Zwanzig Jahre hat das Paar darin gemeinsam gelebt, doch dann, an einem sehr kalten und dunklen Tag Ende November 1979, verschwand Asle. Wie fast jeden Tag war er nach draußen gegangen, um mit seinem kleinen Ruderboot in den Fjord zu fahren. Doch diesmal kehrte er nicht zurück. Sein beschädigtes Boot wurde angespült.
Dreiundzwanzig Jahre ist das her. Dreiundzwanzig Jahre, in denen sich Signe nicht mit Asles Tod abfinden konnte und noch immer auf seine Rückkehr hofft.

Das Haus hat Asles Eltern, Großeltern und sogar schon den Urgroßeltern gehört. Hundert Jahre ist es alt und atmet förmlich die Familiengeschichte. 
An dem unwirtlichen Tag seines Verschwindens sieht Asle auf dem Weg zu seinem Boot seine längst verstorbene Ururgroßmutter Alise mit ihrem einjährigen Sohn Kristoffer. Die beiden wirken für Asle so real, als würden sie noch leben und wären wirklich da vor ihm. Er denkt an seine anderen Verwandten, die nicht mehr am Leben sind: Kristoffers Söhne Asle und Olav. Asle ertrank an seinem siebten Geburtstag.

Signa, die ewig Wartende, sieht ebenfalls in ihrer Vorstellung Asles Angehörige. Sie erlebt als passive Zuschauerin den Tod des kleinen Asle, der von seiner Mutter Brita aus dem Wasser gezogen und nach Hause getragen wird. Es ist der 17. November 1897. Alise, die gerade ihren Enkel verloren hat, gibt sich pragmatisch und beherrscht. Seid nicht traurig, sagt sie, Gott ist barmherzig.

Lesen?

Das Lesen von Das ist Alise habe ich als Herausforderung empfunden. Jon Fosse verzichtet konsequent auf Gänsefüßchen für die wörtliche Rede und den Punkt am Satzende. Wortwiederholungen, sonst eher verpönt, sind eines seiner Stilmerkmale. Sätze ziehen sich über viele Zeilen hin. Absätze oder Kapitel, die den Text übersichtlicher gestalten würden, fehlen. Zusammen mit der reduzierten Sprache wird eine dichte und gleichzeitig beklemmende Atmosphäre erzeugt. Diese Atmosphäre ist es, die mich beim Lesen bei der Stange gehalten hat.

Um noch einmal auf meine oben gemachte Aussage über das Hörbuch zurückzukommen: Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das Buch zur Seite gelegt hätte, wenn ich mit ihm begonnen hätte.
Ansicht Hörbuch

Kann ich Das ist Alise nun empfehlen? Ich will ehrlich sein: Ich weiß es nicht. Ich weiß allerdings, dass es mir insgesamt zu viel Reduktion war.

Das ist Alise ist vor mehr als zwanzig Jahren zum ersten Mal im mare Verlag erschienen. Anlässlich der Auszeichnung Fosses mit dem Nobelpreis für Literatur hat der Verlag 2023 eine Neuauflage auf den Markt gebracht, die als gebundenes Buch (übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel) 20 Euro kostet. Das Hörbuch ist für 14,99 Euro,  das E-Book 11,99 Euro erhältlich.


Sonntag, 20. Oktober 2019

Frankfurter Buchmesse - der zweite Tag.

Alles lief nach Plan. Ich hatte mir nach der Erfahrung, dass die Termine, die ich an unserem ersten Tag eingeplant hatte, sich in Rauch aufgelöst und anderen Veranstaltungen Platz gemacht haben, vorgenommen, mein Zeitmanagement zu verbessern.

Die Buchmesse-App bietet die Möglichkeit, die Termine aus dem Messekalender direkt in den eigenen auf dem Smartphone zu übertragen. Na, wenn es damit nicht klappen sollte, womit dann?

Nicht ich habe vor der Technik, sondern die Technik hat vor mir kapituliert! Das soll jetzt nicht bedeuten, dass mein überbordender Verstand den Algorithmen in meinem Kalender ein Schnippchen geschlagen hat. Es war eher so, dass sich mein Kalender kurz vor Veranstaltungsbeginn bei mir gemeldet hat, ich aber beide Male so weit von der jeweiligen Halle entfernt war, dass ein halbwegs pünktliches Ankommen völlig ausgeschlossen war. Na gut, wieder zwei Termine vergeigt, bei denen ich "unbedingt" dabei sein wollte. Positives Denken ist angesagt: Ich lasse mich schließlich nicht von irgendwelchen Terminen tyrannisieren! Die Abwesenheit von Terminen ist die Freiheit, den Tag neu gestalten zu können. So ist das! Fehlplanungen schön reden kann ich.

Hallo Norge! 

 

Da ich mich in den letzten Wochen mit Büchern von norwegischen Autoren beschäftigt hatte, musste dem Land auf der Messe selbstverständlich ein Besuch abgestattet werden. Die Fläche des Ehrengast-Pavillons im Forum bot Norwegen reichlich Platz, sich seinem Lesepublikum vorzustellen.

Ob Krimi, Roman, Sach- oder Kinderbuch: Die Auswahl war groß und es gab etliche Autorinnen und Autoren zu entdecken, die in Deutschland (noch) nahezu unbekannt sind.
Aber es waren auch "alte Bekannte" dort: Bjarte
Brulands Holocaust in Norwegen lag neben dem thematisch ähnlichen Buch Judenhass von Trond Berg Eriksen u. a., auch Rebellische Frauen - Women in Battle und Die Glocke im See habe ich dort gesehen.

Im Raum befanden sich außer den Büchertischen und der Bühne auch 23 tischähnliche Objekte. Die Pressemappe beschreibt sie als "skulptural-abstrakt und zugleich narrativ-verspielt". Weiter heißt es dort: "Ihr Design ist inspiriert von norwegischen Gedichten und greift Ausstattungsdetails berühmter Bibliotheken auf –von Louis Kahns Leseplätzen in Exeter bis zu Gunnar Asplunds Trinkwasserbrunnen in Stockholm." Ich bin froh, dass das so deutlich gesagt wurde. Mir hätte sich der Sinn dieser Objekte sonst nicht erschlossen. Wer mich ein bisschen kennt, weiß von meiner Grundskepsis gegenüber abstrakter Kunst. Der Ausspruch "Kunst kommt von Können" hätte von mir kreiert worden sein können. Meine Begeisterung für diese Kunstobjekte hielt sich in übersichtlichen Grenzen.

Da die Ausstellungsfläche nicht den kompletten Raum ausgefüllt hat, wurde sie seitlich von meterlangen Spiegelwänden abgegrenzt. Spiegel lassen einen Raum zwar größer wirken, es ist jedoch kein Problem, gegen sie zu laufen. Ich hatte vorab davon gelesen, dass das anderen Besuchern passiert ist, sodass ich vorgewarnt war. Aber irritierend ist es schon. Manche Besucher sahen das von der praktischen Seite und nutzten die Spiegel, um sich etwas herzurichten: Eine Dame zückte ihre Haarbürste und brachte zwischen den Büchern ihre Frisur auf Vordermann.

Sehr schön wirkten die raumhoch angebrachten Fotos von Birken: sehr dekorativ und gut zum Land passend.

Die Frau mit der Haarbürste

Sie waren eine passende Brücke zu den Büchern: Egal, um welches Genre es ging, in den meisten Titeln spielte die Natur eine Rolle. Mal stand sie im Vordergrund, mal war sie dezent in die Handlung eingebaut. Aber ohne Wälder oder Seen kam kaum ein Buch aus.

Etwas sprachlos habe ich dann gesehen, warum sich an einem der Tische eine Menschentraube gebildet hatte. Nicht etwa, weil dort die spannendsten Bücher gezeigt wurden, sondern deswegen:


Falls es nicht gut genug zu erkennen sein sollte: Da standen Besucher vor einem Tisch mit Vorlagenblättern und stempelten Motive auf die noch freien Flächen. Das taten sie mit der "gebotenen" Ernsthaftigkeit, die dafür nötig ist. Den lästerlichen Kommentar, der gerade in meiner Kehle aufsteigt und nach draußen drängt, schlucke ich jetzt runter.

Auch an diesem Tag haben wir uns mit der Bloggerin Mirella getroffen. Leider war die Zeit für ein wirklich langes Gespräch zu kurz, aber das wird auf jedne Fall nachgeholt.


Außerdem: Bücher, die heute auf der "Haben-wollen-Liste" gelandet sind

 

Hier reicht es, die von mir hochprofessionell mit einer Profi-Kamera (Smartphone) aufgenommenen Cover-Fotos zu zeigen. Sie weisen darauf hin, worum es geht:






Last but not least: Kampagne gegen Plastik in den Meeren

 

Auf der Agora, der Freifläche zwischen den Hallen, hatte der WWF einen Stand aufgebaut. Zu Demonstrationszwecken war ein kleiner Parcours mit der Nachbildung eines durch (Plastik-)Müll verschmutzten Meeres zu sehen. "Das ist kein Problem mit ihrem Scooter", hatte einer der beiden jungen Männer gesagt, die den Stand betreuten. War es dann doch. Der alte Autoreifen, der die Kurve vor dem Ausgang blockierte, musste weggeräumt und der Scooter mit mir ein Stückchen angehoben werden. Danke an die beiden für das nette und informative Gespräch über Müll und dessen Vermeidung.

Freitag, 18. Oktober 2019

# 216 - Der fremde Vater

Gewissheiten, die sich Stück für Stück auflösen,
und Menschen, die unverhofft in das eigene Leben treten: Davon handelt der neueste Roman Kieloben von Karin Nohr.

Ein bisschen passt dieses Buch zu meiner gerade mit Holocaust in Norwegen beendeten Norwegen-Reihe. Die Autorin Nohr ist zwar keine Norwegerin, hat aber zentrale Bestandteile ihres neuesten Werks in das Land verlegt.

Die im Mittelpunkt stehende deutsche Familie Niemann eignet sich nicht als Sinnbild für ein harmonisches Miteinander. Die Ehe zwischen den Eltern Irmela und dem schon verstorbenen Richard war kühl und distanziert, die Erziehung ihrer drei Kinder Matthias, Markus und Inga, die heute selbst erwachsene Kinder haben,  war ebenfalls nicht durch Herzlichkeit geprägt. 

Als die frisch verwitwete Inga allein auf einer norwegischen Schäreninsel Urlaub macht, bleibt sie mit ihren Brüdern per E-Mail in Kontakt. Jeder der Drei erzählt nach und nach, welche Erinnerungen er an die Eltern hat. Das Thema entpuppt sich als Minenfeld: War der Vater wirklich nach dem Krieg in der Psychiatrie gewesen? Warum hieß sein Segelboot 'Inga'? Sollte die Mutter wirklich eine Beziehung mit dem Pfarrer gehabt haben? Und warum hatte Inga überhaupt diesen Namen bekommen, obwohl ihre Brüder, einschließlich des früh gestorbenen Lukas, biblische Namen hatten?

Fragen, die Matthias dazu bewegen, Nachforschungen zu betreiben. Das, was er im Bundesarchiv herausfindet und ein Brief, den er aus Norwegen erhalten hat, erschüttert die Geschwister. Lange nach dem Tod des Vaters hebt sich ein Schleier, der über dessen Vergangenheit gelegen hat. Ein gutgehütetes Geheimnis, das ihnen den Weg nach Tromsø weist, den zunächst nur Inga gehen will.


Wie war's?

In Kieloben schildert Karin Nohr eine Familiengeschichte, die vom Deutschland während des 2. Weltkriegs bis in die deutsch-norwegische Gegenwart reicht. Sie berührt existenzielle Lebensfragen und lotet auch aus, wie weit der Mensch zur Vergebung und Versöhnung bereit ist und wie unterschiedlich der Blick in die Vergangenheit sein kann.

Karin Nohr ist studierte Literaturwissenschaftlerin und Psychologin und hat sich in klassischem Gesang fortgebildet. Sie hat mehrere Jahre als niedergelassene Psychoanalytikerin gearbeitet, ehe sie sich ganz dem Schreiben zuwandte. Dieser persönliche Hintergrund hat auf die Handlung einen prägenden und positiven Einfluss. Klare Leseempfehlung.

Kieloben ist im Juli 2019 im Größenwahn Verlag erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 19,90 Euro sowie als E-Book 17,99 Euro.


Freitag, 11. Oktober 2019

# 215 - Holocaust in Norwegen

Dies ist das sechste und letzte Buch, das ich im Rahmen meiner Norwegen-Reihe vorstelle. Ich behaupte, es ist das wichtigste.

Holocaust in Norwegen - Registrierung,
Deportation und Vernichtung des norwegischen Historikers Bjarte Bruland ist 2017 in der Original- und 2019 in der deutschen Ausgabe erschienen. Das Buch gilt als die erste wissenschaftliche Monographie zu diesem Thema. Nicht, dass es bis zum Erscheinen dieses Titels keine entsprechenden Publikationen gegeben hätte, die sich mit der Judenverfolgung in Norwegen beschäftigt hätten; die Geschichtsforschung war allerdings nur unvollständig, weil der Fokus allein auf den Tätern - insbesondere den Polizeibehörden - gelegen hat. 

Bruland hat in seiner Einleitung deutlich gemacht, dass er vor allem dokumentieren möchte, wie die deutschen Sicherheitsbehörden mit der norwegischen Staatspolizei zusammenarbeiteten, nach welchen Richtlinien vorgegangen wurde und wie die informelle Kooperation funktionierte. Der Umstand, dass die Gestapo ihre Unterlagen vernichtete, bevor sich die deutschen Streitkräfte in Norwegen ergaben, hat seine Recherchen erschwert. Auch die Mitverantwortung der Nationalversammlung sowie der norwegischen Bürokratie wird hier hinterfragt.

Bruland stieß auf ein System des Verschleierns und des Abschiebens von Verantwortung. Er fand nicht nur heraus, dass das in Norwegen praktizierte Vorgehen, eine "Endlösung" hinsichtlich der Vernichtung der Juden herbeizuführen, sich von dem in den anderen europäischen Staaten unterschied. Der Autor richtet seinen Blick auch auf das Verhalten der Kirchen und anderer Institutionen. Ein Beispiel: Nachdem 1942 alle Bischöfe und die meisten Pastoren aus ihren staatlichen Kirchenstellen ausgeschieden waren, waren sie dennoch weiterhin als kirchliche Amtsträger tätig. Norwegens Kirche arbeitete also als autonome Institution unter einer provisorischen Kirchenleitung. Diese und weitere kirchliche Kreise riefen im sogenannten Hebräerbrief dazu auf, die Verfolgung der Juden, "ohne dass sie wegen des Verstoßes gegen die Gesetze des Landes angeklagt waren", zu beenden. Der sehr emotionale Protestbrief war von fast allen christlichen Kreisen in Norwegen unterzeichnet worden - außer der katholischen Kirche.

Bruland beschreibt sehr detailliert, was sich seit dem Beginn des Holocausts in Norwegen 1942 abgespielt hat. Er zeichnet die schleichende Enteignung und die Registrierung der norwegischen Juden ebenso nach wie ihre Deportation in die Konzentrationslager und das Wirken der Helfer, die etliche Juden vor dem sicheren Tod retteten.

Lesen?

 

Bruland hat ein jahrelanges Quellenstudium betrieben. Er ist der Enkel eines seinerzeit vom norwegischen Holocaust betroffenen Juden und hat sich nicht nur in seiner Diplomarbeit und mehreren Büchern, sondern auch als früherer Chefkurator des Jüdischen Museums in Oslo sowie als Leiter des Jüdischen Museums in Trondheim viele Jahre mit der Judenverfolgung in Norwegen beschäftigt. 

Holocaust in Norwegen - Registrierung, Deportation und Vernichtung wird von Fachleuten als Meilenstein der Forschung angesehen. Es ist allen, die sich für dieses Thema interessieren, unbedingt zu empfehlen.


Holocaust in Norwegen - Registrierung, Deportation und Vernichtung ist im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 60 Euro.

Ich bedanke mich beim Verlag, der mir ein Exemplar zur Verfügung gestellt hat. 

Mit diesem Titel endet meine Reihe mit Büchern norwegischer Autoren, die ich anlässlich der kommenden Frankfurter Buchmesse, zu der Norwegen als Ehrengast eingeladen ist, begonnen habe. Dies waren die vorangegangenen Bücher:
 

 

Samstag, 5. Oktober 2019

# 214 - Von Mythen, Hoffnung und dem Kampf ums Überleben

Der neueste Roman Die Glocke im See des norwegischen Autors Lars
Mytting ist Ende des 19. Jahrhunders angesiedelt: Das Dorf Butangen im Süden Norwegens erfährt 1880 eine seiner tiefgreifendsten Veränderungen in seiner jahrhundertealten Geschichte. Das ist deshalb bemerkenswert, weil der Lauf der Zeit an diesem Ort bislang praktisch spurlos vorübergegangen ist. Die Menschen waren immer abhängig vom Wetter, die meisten arm und das Schicksal eines jeden Neugeborenen stand fest, sobald es den ersten Schrei getan hatte. Außer, man entschloss sich, nach Amerika auszuwandern.

Doch 1880 tut sich etwas in Butangen. An diesem abgeschiedenen Ort, der auch heute noch mühsam zu erreichen ist, wird ein neuer Pfarrer, der junge Kai Schweigaard, eingesetzt. Ihm ist die siebenhundert Jahre alte Stabkirche, die 1170 unter der Regentschaft von König Magnus V. fertiggestellt wurde, ein Dorn im Auge: Das Bauwerk mit seinen geschnitzten Drachenköpfen und ineinander verschlungenen Schlangenkörpern sowie den hohen Spitzen symbolisiert für ihn das heidnische Denken, das immer noch in den Köpfen der Dorfbewohner vorhanden ist. Da kommt ihm eine neue Verordnung der norwegischen Regierung gerade recht: Sie sieht vor, dass eine Kirche Platz für mindestens ein Drittel der Mitglieder eines Kirchspiels haben muss. Davon ist die Butanger Stabkirche weit entfernt.

Was Schweigaard nicht weiß: Die Geschichte der Kirche ist eng mit der des Dorfes verwoben, insbesondere mit der der Familie Hekne. Vor allem die beiden sogenannten Schwesterglocken, die einst von den Vorfahren der Hekne-Familie gestiftet wurden und ungewöhnlich viel Silber enthalten, haben einen sehr speziellen Hintergrund.

Der Pfarrer nutzt das Interesse der Kunstakademie in Dresden, die die Stabkirche von Butangen gern in ihrer Nähe aufbauen würde, und verkauft ihr das Bauwerk. Von den Einnahmen soll der Bau einer neuen und schlichten Kirche bezahlt werden. Schweigaard trifft die Vereinbarung, ohne sich mit jemandem zu besprechen. 

Die Kunstakademie schickt den Studenten Gerhard Schönauer, der den Auftrag hat, sich um den Abbau und Abtransport der Stabkirche zu kümmern. Der Akademie ist der kultur- und kunsthistorische Wert des Gebäudes bewusst: Sie will der Nachwelt den Blick auf diese ungewöhnlichen Bauwerke erhalten, die durch die Verordnung bedroht sind.

Doch die beiden Männer spüren Widerstand: Die zwanzigjährige Astrid Hekne, eine Nachfahrin des Stifters der Schwesterglocken, ist nicht nur über den Verkauf der alten Kirche entsetzt. Was sie weit mehr ärgert ist, dass die Glocken Bestandteil des Kaufvertrags sind. Der Pfarrer hat ihre Bedeutung für Butangen und noch mehr für die einst wohlhabende Familie Hekne, der es erst nach ihrer Spende wirtschaftlich schlecht ging, ignoriert. Dieser Fehler soll sich als verhängnisvoll erweisen.


Wie war's?


Mit Die Glocke im See ist Mytting ein Roman gelungen, der einen wichtigen Teil der norwegischen Geschichte und Kultur in eine Handlung einbettet, die auch den Alltag der Einheimischen und - ein bisschen Gefühl schadet nie - eine tragische Liebesgeschichte mit einbezieht. Man versteht, warum sich die Menschen nicht auf einen abstrakten Gott verlassen wollten, sondern noch lange an ihren Mythen und dem allgegenwärtigen Aberglauben festhielten. Alles Unerklärliche, was möglicherweise zu einer Bedrohung werden konnte, musste irgendwie im Zaum gehalten und milde gestimmt werden. 

Das Buch ist von der ersten bis zur letzten Seite fesselnd geschrieben und lässt seine Leser in die damaligen Verhältnisse eintauchen. Wenn man etwas kritisieren kann, dann die Wahl des Titels der deutschsprachigen Ausgabe: Im norwegischen Original heißt das Buch Søsterklokkene, was deutlich passender ist als die vom Insel Verlag gewählte Variante.

Die Glocke im See ist im Januar 2019 erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 20,99 Euro.


Dieser Titel ist der fünfte, den ich anlässlich der kommenden Frankfurter Buchmesse vorstelle, deren Gastland diesmal Norwegen ist. Dies waren die vorangegangenen Bücher norwegischer Autoren:


Nachtrag:
Von den ehemals schätzungsweise 2.000 Stabkirchen gibt es in Norwegen heute nur noch 28. Es hat zwar keine Umsetzung einer Kirche nach Dresden gegeben, wohl aber eine ins polnische Riesengebirge nach Karpacz. Die Kirche Wang wurde im 12./13. Jahrhundert in der südnorwegischen Ortschaft Vang errichtet und auf Initiative des aus Norwegen stammenden und in Dresden als Kunstprofessor tätigen Johan Christian Clausen Dahl ab- und zwischen 1842 und 1844 in Karpacz wieder aufgebaut.


Samstag, 28. September 2019

# 213 - 150 Jahre Kampf in Graphic Novels

Bücher über den Kampf der Frauen für mehr Rechte - insbesondere das Recht auf Freiheit, auf Bildung, Arbeit und ein eigenes Einkommen sowie das Wahlrecht und die sexuelle Selbstbestimmung - gibt es schon sehr viele. Muss da noch ein weiteres hinzukommen?

Ja, denn Rebellische Frauen - Women in Battle 
der Sachbuchautorin Marta Breen und der Illustratorin Jenny Jordahl hebt sich von allem ab, was man bislang zu diesem Thema gewohnt ist. Hier handelt es sich nicht um einen auf den Text fokussierten Titel, sondern um Graphic Novels, die auch diejenigen Leser, die sich noch nie mit der Geschichte der Frauenbewegung(en) beschäftigt haben, ansprechen.

Das zuerst in Norwegen erschienene Buch erzählt chronologisch, wann und warum die Frauenbewegung begann und welche Frauen sie vorantrieben. Nur wenige Namen wie z. B. die der Sozialistinnen Clara Zetkin und Rosa Luxemburg sind vielen Menschen bekannt. Die Mitte des 19. Jahrhunderts aktiven US-amerikanischen Frauenrechtlerinnen Elizabeth Cody Stanton und Lucretia Mott dürften den meisten eher unbekannt sein. Den beiden stieß bei einem 1840 in England stattfindenden Kongress gegen die Sklaverei sauer auf, dass sie und alle anderen mitgereisten Frauen wegen ihres Geschlechts zum Zuhören verdonnert wurden und nicht selbst etwas beitragen durften. Sie arbeiteten ein Manifest zur Gleichberechtigung aus, das 1848 auf einer Abolitionistenkonferenz in Seneca Falls (New York) verlesen und verabschiedet wurde. Diese Veranstaltung gilt als die erste Versammlung in der Geschichte der Frauenbewegung.

Breen und Jordahl erinnern u. a. auch an Harriet Tubman, eine entlaufene Sklavin, die für die Abschaffung der Sklaverei in den USA kämpfte. Sie half anderen Sklaven zu fliehen und wurde trotz eines hohen auf ihre Ergreifung ausgesetzten Kopfgeldes nie gefasst.

Da erging es der Französin Olympe de Gouges ganz anders: Da die nach der Französichen Revolution erarbeitete Verfassung nur die Menschen- und Bürgerrechte von Männern beinhaltete und die andere Hälfte der Bevökerung "vergessen" wurde, schrieb die streitbare Autorin und Feministin 1791 einen Gegenentwurf, der sich ausdrücklich mit den Rechten der Frauen befasste. Sie bezahlte ihren Einsatz mit ihrer Hinrichtung.

Das Buch kommt zu einem Resümee, das nicht überrascht: Frauen werden nach wie vor rund um den Globus unterdrückt, ausgegrenzt, misshandelt oder in anderer Weise Repressalien ausgesetzt. Aber den allermeisten geht es besser als vor 150 Jahren. Das soll auf keinen Fall bedeuten, dass sich Frauen mit dem bisher Erreichten zufrieden geben sollen. Darum lauten die letzten beiden Sätze:

"Langsam aber sicher geht es voran.
Wenn nur jemand vorgeht."

Rebellische Frauen - Women in Battle bietet einen schnellen, aber dennoch sehr guten Überblick über die Geschichte der Frauenbewegung. Klare Leseempfehlung.

Aus urheberrechtlichen Gründen ist es mir leider nicht möglich, an dieser Stelle beispielhaft Zeichnungen zu zeigen. Der Elisabeth Sandmann Verlag hat auf seiner Website jedoch einige von ihnen zur Ansicht bereitgestellt.

Rebellische Frauen - Women in Battle ist beim Elisabeth Sandmann Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 25 Euro. 

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat das
Buch broschiert in ihrer Schriftenreihe herausgegeben. Dort ist es für 4,50 Euro erhältlich. 

Dieser Titel ist der vierte, den ich anlässlich der kommenden Frankfurter Buchmesse vorstelle, deren Gastland diesmal Norwegen ist. Dies waren die vorangegangenen Bücher norwegischer Autoren:

Freitag, 13. September 2019

# 212 - Von der Hauptstadt raus aufs Land

Die Journalistin Agnes Ravatn hat mit Ein kleines Buch vom Leben auf dem Land ein kleines, feines Buch darüber geschrieben, wie es ist, von der Hauptstadt Oslo mit ihrem pulsierenden Leben aufs Land zu ziehen, wo fast nur die Geräusche der Natur zu hören sind. Ihr und ihrem Mann hat in Oslo nichts gefehlt, im Gegenteil: Sie fühlten sich wohl in ihrer Dreizimmerwohnung, zwischen so unterschiedlichen Menschen, die sie auf der Straße, bei der Arbeit oder bei Veranstaltungen antrafen. Warum also dieser radikale Schritt?


Der Auslöser ist die Geburt des ersten Kindes. Die jungen Eltern wollen ausprobieren, wie es sich auf dem Land lebt und dafür die sechsmonatige Elternzeit nutzen. Die Familie von Ravatns Mann besitzt im westnorwegischen Valestrand ein leerstehendes Bauernhaus, das von den Verwandten sofort bezugsfertig renoviert wird. Hier leben auf einer Fläche von 59 km² etwas mehr als 1.200 Menschen. Bis nach Oslo sind es ungefähr 450 Kilometer. Dazwischen scheinen Welten zu liegen: So, wie es Ravatn schildert, sind der westnorwegische Humor und die Fähigkeit zur Ironie den ostnorwegischen Gewohnheiten so ähnlich wie  die zwischen Holstein und Bayern: Man spricht zwar dieselbe Sprache, aber immer hübsch aneinander vorbei.

Doch das ist nicht der einzige Unterschied, an den sich die kleine Familie gewöhnen muss: kein Internet, kein Fernsehen, keine kulturellen Veranstaltungen, keine Spontankäufe und gefühlt kein Tag ohne Regen. Dafür jede Menge Ruhe, Natur, das Wahrnehmen des Wechsels der Jahreszeiten und die Rückbesinnung auf grundsätzliche Dinge, die das Leben ausmachen.

Ein stetiger Lichtblick sind der in der Nähe wohnende Dichter und Essayist Einar Økland und seine Frau Liv Marit. Økland ist fast 40 Jahre älter als Ravatn und eine in Norwegen sehr bekannte Persönlichkeit. Er ist ein väterlicher Freund, der mit seinen liebenswerten Schrullen schon seit 40 Jahren in seinem Haus auf dem Land lebt. Als er sich entschloss, Oslo zu verlassen, war er also etwa so alt wie die Autorin es heute ist.

Wer schon einmal auf dem Land gelebt hat, weiß, dass man hier und da nicht besonders zimperlich sein sollte. Das ist in Norwegen nicht anders: Die Methoden, die Schnecken im Garten zu dezimieren oder den geangelten Fischen den Garaus zu machen, bevor sie an Ort und Stelle ausgenommen werden, ist nichts für sensible Gemüter.
Und noch etwas lernt Ravatn von Økland: wie man richtig gutes Knäckebrot backt und was wahres Glück ist.


Wie war's?


Ein kleines Buch vom Leben auf dem Land beschreibt die Sicht einer Städterin auf das Landleben. Ravatn und ihr Mann verlassen das gewohnte Umfeld und stürzen sich kopfüber in das neue Leben. Die Betrachtung des täglichen Lebens fällt in diesem Buch relativ oberflächlich aus, es geht mehr um die Beschreibung des sich nach und nach herausschälenden neuen Lebensgefühls. Interessant und sehr kurzweilig zu lesen, aber wer einen intensiven Blick auf die die Autorin umgebende Natur erwartet hat, ist mit diesem Titel weniger gut bedient.

Ein kleines Buch vom Leben auf dem Land ist 2019 in der deutschen Ausgabe bei btb erschienen und kostet als gebundenes Buch 15 Euro sowie als E-Book 11,99 Euro.

Diese Rezension ist Teil einer Reihe, die sich anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2019 mit ihrem Ehrengast Norwegen mit norwegischen Schriftstellern beschäftigt.
In den letzten Wochen habe ich über diese Bücher geschrieben:


Freitag, 6. September 2019

# 211 - Der Vogel des Todes

Unter dem Pseudonym Samuel Bjørk veröffentlicht
der norwegische Schriftsteller Frode Sander Øien seine Krimis. Das gilt auch für die bislang dreiteilige Reihe um Kriminalkommissar Holger Munch. Federgrab ist das zweite Buch aus dieser Serie.

Die 17-jährige Camilla Green lebt seit zwei Jahren in der privaten Jugendhilfeeinrichtung 'Gärtnerei Hurumlandet' in der Nähe von Oslo. Sie gilt dort als eigenwillig, sodass sich am Tag ihres Verschwindens noch niemand Sorgen um sie macht. Doch dann wird sie von der Leiterin Helene Eriksen als vermisst gemeldet. Kurz darauf zieht sie die Vermisstenmeldung wieder zurück.

Drei Monate später wird Camilla auf einer Lichtung tot aufgefunden: nackt, umgeben von Eulenfedern und mit einer weißen Lilie zwischen den Lippen. Um sie herum ist ein Pentagramm aus Lichtern aufgebaut. Die Szenerie wirkt, als habe hier jemand ein Ritual zelebriert. Bei der Obduktion werden in ihrem Magen Tierfutter-Pellets gefunden. Die Rechtsmediziner finden außerdem Verletzungen an Knien und Handflächen. Die Ermittler gehen schnell davon aus, dass Camilla gefangen gehalten wurde.

Die Jugendeinrichtung, die bislang einen guten Ruf genießt, der insbesondere ihrer Leiterin zu verdanken ist, ist in einer nervös-angespannten Aufregung. Der Ort, an dem auch schwer traumatisierte Kinder und Jugendliche wieder zur Ruhe und einen Ort zur Regeneration fanden, sieht sich nun Verdächtigungen ausgesetzt.

Das Ermittlerteam der Osloer Mordkommission wirft sein Netz in alle Richtungen aus. Dem erfahrenen und allseits geachteten Munch ist es wichtig, wegen ihrer überragenden intuitiven Fähigkeiten die junge Ermittlerin Mia Krüger dabei zu haben. Mia wurde, nachdem sie im Dienst einen Mann erschossen hatte, vom Dienst suspendiert und muss sich einer Psychotherapie unterziehen. Doch sie flieht vor den Schatten aus ihrer Vergangenheit in eine Alkohol- und Tablettenabhängigkeit und ist nur begrenzt zurechnungsfähig. Munch schafft es, dass die Suspendierung ausgesetzt wird und stellt trotz aller deutlichen Zeichen von Mias Überforderung seine Bedenken zugunsten der Mordermittlung hintenan.

Die Arbeit der Polizisten kommt erst dann in Fahrt, als ein früherer Freund ihres Teamkollegen Gabriel Mørk, der Hacker Skunk, diesen aufsucht und ihm einen Film zeigt, den er zufällig im Darknet gefunden hat. Darauf ist die entkräftete Camilla zu sehen, die in einem überdimensionelen Hamsterrad, das sich in einem Kellerraum zu befinden scheint, auf Anweisung vorwärts krabbelt und zur "Belohnung" Pellets vom Boden aufklauben und essen muss. Der, der diese Anweisungen gibt, ist zwar nur undeutlich im Hintergrund zu erkennen, hat sich aber zweifellos als Vogel verkleidet. 

Wie war's?

 

Der Thriller Federgrab hätte das Potenzial gehabt, aus den einzelnen thematischen Versatzstücken mehr zu machen. Das Buch wirkt streckenweise jedoch so, als habe der Autor möglichst viele verschiedene gesellschaftliche Themen anschneiden wollen, um der Geschichte zu unerwarteten Wendungen zu verhelfen: Satanismus und Okkultismus gepaart mit den Schattenseiten des Internets und militanten Tierschützern ergeben eine Mischung, die haarscharf an der Grenze zur Unglaubwürdigkeit vorbeischrammt.

Die Figur des Holger Munch erinnert deutlich an die des Kurt Wallander des schwedischen Schriftstellers Henning Mankell: Er ist ebenfalls geschieden, hat eine erwachsene Tochter und neigt zu Grübeleien. Auch Munch hat eine jahrzehntelange Polizeikarriere hinter sich und ist in einem ähnlichen Alter wie Wallander zu Beginn der elfteiligen Krimiserie von Henning Mankell.

Mia Krüger hat Ähnlichkeit mit Lisbeth Salander aus der Millennium-Trilogie von Stieg Larsson - die Bände vier bis sechs empfinde ich als Fake, da sie nach Larssons Tod weitergeschrieben wurden. 
Beide Frauen versuchen, mit ihren Traumata fertig zu werden, sind introvertiert und haben (unterschiedliche) herausragende Fähigkeiten, die ihre Arbeit trotz ihrer charakterlichen Untiefen wertvoll machen.

Federgrab hat mich nicht überzeugt. Ich wurde den Eindruck nicht los, dass bei der Erstellung des Plots auch danach gegangen wurde, welche Charaktere und Handlungsstränge bereits bei anderen Titeln erfolgversprechend eingesetzt wurden. Trotzdem gehört es zu den Büchern, die sich zügig lesen lassen; man will schließlich die Frage aller Fragen beantwortet haben: Wer hat diese scheußliche Tat begangen?

Federgrab ist bei Goldmann erschienen und kostet broschiert 12,99 Euro und als E-Book 9,99 Euro.

Diese Rezension ist Teil einer Reihe, in der ich anlässlich der kommenden Frankfurter Buchmesse Bücher aus Norwegen, dem diesjährigen Ehrengast, vorstelle. Letzte Woche war es Doktor Proktors Pupspulver von Jo Nesbø, den wir in Deutschland eher als Krimiautor kennen und der mit diesem Titel sein erstes Kinderbuch vorgelegt hat.

Freitag, 30. August 2019

# 210 - Pupsen in Norwegen

Jo Nesbø ist in Deutschland als Krimi-Autor bekannt: Mit Koma oder Leopard hat er sich hier viele Fans
gemacht.


Kaum jemand weiß jedoch, dass Nesbø auch Kinderbücher geschrieben hat: Zwischen 2007 und 2013 sind vier Bände der "Doktor Proktor"-Serie entstanden, in deren Mittelpunkt der alte, sehr kreative Professor aus Oslo steht.

Diese Rezension ist gleichzeitig der Start in eine Beitragsreihe, in der sich alles um Bücher aus Norwegen dreht. Warum Norwegen? Das Land ist in diesem Jahr der Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse. Ein Grund, mal näher hinzusehen. Das mache ich heute mit dem ersten Band der "Doktor Proktor"-Reihe: Doktor Proktors Pupspulver.

Die beschaulichste Ecke Oslos: die Kanonenstraße

Wenn man vom kindlichen Terror der Zwillinge Truls und Trym Thrane mal absieht, stimmt das auch. Bis zu dem Tag, an dem der kleine Junge Bulle zusammen mit seiner Mutter und seiner grässlichen fünfzehnjährigen Schwester in das gelbe Haus gegenüber von Lise einzieht. Lises beste Freundin ist kürzlich weggezogen, und dieser Junge da mit den kurzen feuerroten Haaren ist total interessant: Sein Wortschwall, der manches Wahre und eine Menge Ausgedachtes enthält, scheint nie zu versiegen. Außerdem ist er der winzigste Zehnjährige, den die Welt je gesehen hat. Und er kann 1A Trompete spielen. Sagt er.

Schon als die Möbelpacker das Haus, in dem Bulle mit seiner Familie künftig wohnen wird, einräumen, lernt der Junge Doktor Proktor kennen, der nebenan wohnt. Ein klapperdürrer Mann mit wirren, langen Haaren, der in einem blauen Kittel und mit einer Motorradbrille auf den Augen am Gartenzaun steht.

Doktor Proktor entpuppt sich schnell als einigermaßen genial, aber chronisch erfolglos. Aber ihn zeichnet aus, dass er niemals aufgibt. Das gilt auch für seine allerneueste Erfindung, die eigentlich ein Pulver gegen Heuschnupfen werden sollte, sich aber dann als Anti-Pupspulver herausstellt. Das ist Musik in Bulles Ohren, der fast sofort zum Forschungsassistenten ernannt wird und unerschrocken ein bisschen von dem Pulver löffelt. Das trockene Zeug rasch mit etwas von Doktor Proktors selbst kreierter Birnenbrause heruntergespült... Mit einem lauten Knall entfährt Bulle ein derart heftiger Pups, dass die Labortür auffliegt. Mit so einer Erfindung lässt sich doch bestimmt etwas anfangen, oder?

Wie war's?

Dieses Buch ist auf keinen Fall nur etwas für Kinder. Auch Erwachsene, deren Persönlichkeit sich ein paar infantile Züge bewahrt hat, haben ihre Freude daran. Jo Nesbø erzählt die Geschichte um den Professor, Bulle und Lise sehr anschaulich und witzig, aber nur "große Kinder" dürften bemerken, dass er gern auch mit einem Augenzwinkern auf sein Heimatland schaut. Eine Kostprobe, die gleich zu Beginn für den ersten Lacher sorgt:

"Es war Mai und die Sonne schien schon eine Weile auf Japan, dann Russland und Schweden. Jetzt ging sie auch über Oslo auf. Oslo ist die nicht besonders große Hauptstadt eines nicht besonders großen Landes namens Norwegen. Die Sonne schien sogleich auf das gelbe, eher kleine Schloss in Oslo. Hier lebt ein König, der so wenig zu bestimmen hat, dass es kaum auffällt."

Im weiteren Verlauf der Handlung wird es ein bisschen kriminell, die Polizei steckt die Falschen ins Gefängnis und ein Widerling erfährt nach über 30 Jahren eine verspätete Rache. Und das alles vor dem Hintergrund des 17. Mai, dem norwegischen Nationalfeiertag, der beinahe ohne Salutschüsse für den König geendet hätte.

Das Buch eignet sich für Kinder ab acht oder neun Jahren, denen klar ist, dass das Leben in der Natur aus Fressen und Gefressenwerden besteht.

Doktor Proktors Pupspulver ist 2008 in deutscher Übersetzung bei Arena erschienen und kostet als gebundenes Buch 13,99 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.

Die Buchverfilmung lief 2015 in den deutschen Kinos. In einer Nebenrolle ist Anke Engelke zu sehen. Hier ist der Trailer:

Sonntag, 2. April 2017

# 93 - Geister der Vergangenheit


Ein Lehrstück über die Kunst der Manipulation

 
Der vom Leben frustrierte College-Professor Samuel Anderson erhält 2011 einen Anruf einer Anwaltskanzlei. Seine Mutter ist in Schwierigkeiten und benötigt dringend seine Hilfe, um nicht für viele Jahre ins Gefängnis gehen zu müssen. Faye hat den ehemaligen Gouverneur Sheldon Packer attackiert, der für die Republikaner als US-Präsident kandidieren will. Der zuständige Richter hat für diesen Fall seinen Ruhestand verschoben und will Faye so hart wie möglich bestrafen. Samuel soll nun einen Brief schreiben, in dem er beteuert, welch ein großartiger Mensch seine Mutter sei. Nur so könne das Urteil gegen Faye eventuell milder ausfallen. Was für die meisten Söhne und Töchter kein Problem ist, empfindet Samuel allerdings als Zumutung. So beginnt das Romandebut Geister des US-Autors Nathan Hill, das im weiteren Verlauf etliche Überraschungen bereithält.

Eine Handvoll Kieselsteine für ein Attentat?


Die 61-jährige Faye hat bei einem öffentlichen Auftritt des Ex-Gouverneurs Packer in einem Chicagoer Park diesen unvermittelt mit Kieselsteinen beworfen. Das bringt der bislang unbekannten Seniorin eine Weile die Schlagzeilen in den Nachrichten, die Endlosschleife eines Videos auf allen Nachrichtenkanälen, auf dem der Vorfall zu sehen ist, sowie eine Strafanzeige ein, die eine ganze Latte von Vergehen beinhaltet, die sie damit begangen haben soll. Das Fernsehen nennt sie nicht mit ihrem Namen, sondern kreiert den griffigen Titel „The Packer-Attacker“. Die augenscheinlich nicht geplante Aktion sorgt auch dafür, dass nicht nur über sie, sondern auch über den Kandidaten Packer in allen Medien rauf und runter berichtet wird. Faye wird zur „Alt-68erin“ stilisiert und in die Nähe von Al-Qaida gerückt.
Samuel ist nach dem Telefonat mit Fayes Anwalt wie vor den Kopf geschlagen: Bis dato hatte er keine Ahnung von der Attacke, weil er seine Freizeit mit einem online-Rollenspiel verbringt, das ihn wirkungsvoll vom richtigen Leben abschneidet. Was noch schwerer wiegt: Vor 21 Jahren, als er selbst 11 Jahre alt war, hatte seine Mutter ihn und seinen Vater verlassen; ohne ein Wort und ohne sich jemals wieder bei ihnen zu melden. Samuel hatte bis zu diesem Anruf keine Ahnung gehabt, ob seine Mutter überhaupt noch am Leben war und wo sie sich die ganzen Jahre aufgehalten hatte. Und für diese Frau, die er nicht mehr kannte, sollte er sich jetzt einsetzen und behaupten, sie sei ein guter Mensch? Er sollte lügen?
Samuels erster Reflex ist es dann auch, sich zu weigern. Doch wie so oft im Leben, hängen Entscheidungen von mehreren Faktoren ab. In Samuels Fall ist es Guy Periwinkle, ein smarter Typ, der sein Geld mit allem verdient, wo es etwas zu holen gibt. Periwinkle erinnert Samuel sehr nachdrücklich daran, dass dieser ihm schon seit vielen Jahren einen fertigen Roman schuldet, für den er ihm einen satten Vorschuss gezahlt hatte und droht ihm nun damit, ihn zu verklagen. Doch hier ergibt sich für Samuel ein Ausweg, seinem finanziellen Ruin zu entrinnen und endlich seinen Traum, ein erfolgreicher Beststeller-Autor zu werden, zu verwirklichen: Er verspricht Periwinkle, nicht diesen lange geplanten Roman, sondern ein Buch über seine Mutter zu schreiben, eine Art verspätete Abrechnung. Dem Geschäftsmann gefällt die Idee: Der enttäuschte Sohn enthüllt der Öffentlichkeit, was „The Packer-Attacker“ wirklich für ein Mensch ist.

Eine Reise durch die amerikanische und die eigene Familiengeschichte


Der eher unfreiwillige Kontakt zu seiner Mutter löst in Samuel nicht das aus, was er erwartet hatte: Bei ihrer ersten Begegnung mit Faye ist ihm die Frau, die seine Mutter ist, so fremd, wie es fast jede andere Frau wäre. Entgegen seiner Hoffnungen gibt sie allerdings nichts über sich preis: keine Erklärung über ihr Verschwinden und nichts über ihr Leben seit damals.  Aber der Druck, Informationen über sie und ihr Leben zu sammeln, zwingt Samuel, sich auf sie einzulassen. Er beginnt mit der Unterstützung eines anderen Gamers Informationen zu sammeln. Sein Vater ist ihm keine große Hilfe, sein Großvater, Fayes Vater, lebt dement in einem Altenheim. Aber Samuel weiß, dass der alte Mann einst aus Norwegen in die USA eingewandert war. Außerdem gibt ein altes Foto, auf dem Faye als junge Frau inmitten von Studenten zu sehen ist, wertvolle Hinweise. Samuel erfährt, dass seine Mutter 1968 ein Studium in Chicago begonnen hatte – als Mädchen vom Lande und ohne die Zustimmung ihrer Eltern ist sie in die Unruhen, die sich damals an der Ermordung von Martin Luther King entzündet hatten und sich dann gegen den Vietnamkrieg und die Nominierung Nixons zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten richteten, wie zufällig hineingestoßen worden. Im Laufe der Handlung wird klar, warum sie wegen eines eigentlich nichtigen Vergehens so unnachgiebig verfolgt wird.
Nathan Hill macht sowohl für Faye als auch für Samuel deutlich, dass ihr Lebensweg an den ausschlaggebenden Gabelungen von Fehlentscheidungen geprägt war. Doch die beiden gingen unterschiedlich damit um: Faye hat es vorgezogen, Menschen zu verlassen oder aus Situationen auszusteigen wie aus einem Bus. Das gilt nicht nur für ihren Sohn und ihren Mann, sondern auch für ihr Studium oder das Zusammenleben mit einem anderen Mann, für den sie die eigene Familie aufgegeben hatte. Samuel hingegen richtet das, was er für seine eigenen Entscheidungen hält, an den Wünschen anderer aus oder schlägt einen Weg deshalb ein, weil es angeblich keine anderen Alternativen gibt. Mit seinen Nachforschungen nach dem Leben seiner Mutter fügt er dem bislang unvollständigen Bild von seiner Familie und ihrer Geschichte die fehlenden Mosaiksteine hinzu.
Der Roman bewegt sich nicht nur mühelos zwischen dem Zeitpunkt, zu dem der Großvater Norwegen verlassen hatte, den unruhigen 1960-er Jahren und der Gegenwart hin und her, sondern greift gesellschaftliche und politische Themen auf, die zum Teil bis heute aktuell sind. Dabei reicht die Spannweite von Pädophilie über Hochbegabung bis zur Occupy-Wall-Street-Bewegung und der Beeinflussung der Wähler durch die Massenmedien. Am Ende des Romans ergibt sich ein vielschichtiges Familienbild vor dem jeweiligen historischen Hintergrund und die Erkenntnis, dass Samuels Leben im Wesentlichen eine Folge von Manipulationen war – was allerdings ebenso auf den zum Terrorakt hochgestuften Angriff seiner Mutter auf Packer zutrifft.

Lesen?


Unbedingt! Nathan Hill hat in Geister eine verkorkste Mutter-Sohn-Beziehung aufgearbeitet, mehrere unglückliche Liebesgeschichten einschließlich der damit – wie gewohnt – jeweils falschen Entscheidungen von Samuel bzw. seiner Mutter beschrieben und sich der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung der USA gewidmet. Der Roman ist dabei so locker geschrieben, dass er sich trotz seiner rd. 860 Seiten gut dazu eignet, an einem Stück gelesen zu werden.

Geister wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich ganz herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorhandene Exemplare innerhalb eines Werktages.
Die Kontaktdaten und Öffnungszeiten gibt es hier: HemmingerBuchhandlung

Das Buch ist bei Piper erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 25,-- Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 19,99 Euro.