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Sonntag, 23. Juli 2023

# 402 - Frauen, die schreiben, leben gefährlich

Der Autor und Lektor Stefan Bollmann hat schon
einige Bücher veröffentlicht, in denen es ums Schreiben oder Lesen geht, in der Mehrzahl spielen Frauen darin die Hauptrolle.

Das ist mit dem Buch Frauen, die schreiben, leben gefährlich nicht anders. Bollmann hat sich beispielhaft die Biographien von 36 schreibenden Frauen angesehen, die zwischen dem 12. (Hildegard v. Bingen) und 21. Jahrhundert (Arundhati Roy) leben oder gelebt haben. 

Der Buchtitel legt nahe, dass die schreibenden Frauen um ihr Leben fürchten mussten, wenn sie ihrer Passion nachgingen. Doch ganz so ist es nicht. Allen ist gemeinsam, dass sie durch ihr Schreiben oder das, was sie geschrieben haben, in Schwierigkeiten geraten sind: sei es, weil sie es neben den Pflichten, die ihnen die gesellschaftlichen Konventionen oder der Ehemann auferlegten, das, was sie am liebsten Taten, irgendwie zeitlich unterbringen mussten; sei es, weil ihnen kein geeigneter Platz zum Schreiben zur Verfügung stand; sei es, weil man das, was ihnen am Herzen lag, nicht ernst nahm. Einigen dieser Frauen setzte ihre unbefriedigende Situation so zu, dass sie sich das Leben nahmen.

Bollmann hat die Kurzporträts der schreibenden Frauen in chronologischer Reihenfolge angeordnet, jedoch thematisch auch in sieben Kapitel unterteilt, denen er jeweils eine Erläuterung vorangestellt hat. Da geht es um "Ahnherrinnen schreibender Frauen" oder auch "Weibliche Stimmen der Weltliteratur". 

Das von Elke Heidenreich stammende Vorwort nimmt den Buchtitel wörtlich und stellt Frauen, die das Schreiben in den Tod getrieben hat, in den Mittelpunkt. Dabei stellt sie die Frage, warum "gerade die klügsten, die schöpferischsten, die begabtesten Frauen so sehr am Leben [verzweifeln], dass sie es nicht mehr aushalten können?" Die Antwort, die sie postwendend gibt, zeigt das Dilemma, in dem sich Frauen sowohl in früheren Jahrhunderten als auch heute befinden, wenn sie sich selbst verwirklichen wollen - egal, ob sie schreiben oder etwas ganz anderes tun wollen, das ihnen wichtig ist. Und, ja: Der Schlüssel für diese Zerrissenheit lag und liegt überwiegend bei den Männern. Da ist es kein Wunder, dass Bollmann in seiner Betrachtung von Christine de Pizan (1365-1430), einer der ersten Schriftstellerinnen, die vom Schreiben leben konnte, diesen Ausspruch zitiert:

Liebe Frauen, denkt stets daran, wie sehr die Männer euch der Leichtfertigkeit und Schwäche bezichtigen, wie gewaltige Anstrengungen sie aber andererseits unternehmen, euch in Netzen einzufangen. Flieht, flieht, liebe Frauen."

In seinem Nachwort gibt Stefan Bollmann einen Überblick über die Entwicklung, die das Schreiben für Frauen genommen hat. Spoiler: Freiherr v. Knigge war im 18. Jahrhundert nicht begeistert, dass "Frauenzimmer" professionell mit Literatur umgehen wollten.

Lesen?

Frauen, die schreiben, leben gefährlich gibt einen sehr guten Eindruck über die Probleme, mit denen Frauen fertig werden mussten, die nicht nur daheim das eine oder andere Buch lesen, sondern sich selbst aktiv in die Literaturszene einbringen wollten. Da stellt sich natürlich die Frage, ob sich daran heute etwas entscheidend geändert hat. Bei manchen der Porträts kann man durchaus einen Bogen in die heutige Zeit schlagen und erkennt, dass zahlreiche Schriftstellerinnen bei der Ausübung ihres Berufs anderen Bedingungen unterworfen sind als ihre männlichen Kollegen: Eine Pilotstudie des Projekts #frauenzählen ergab 2018, dass zwei Drittel der in Feuilletons rezensierten Bücher von Männern geschrieben und in der Mehrzahl von Männern besprochen wurden. Kurzum, aus der Sicht der Frauen: Da geht noch was.

Frauen, die schreiben, leben gefährlich ist in der mir vorliegenden Ausgabe 2014 als Insel-Taschenbuch 4295 im Insel Verlag Berlin erschienen und kostet 9,95 Euro.

Freitag, 10. März 2023

# 384 - Ein "Nachschlag" zum Weltfrauentag

Nach dem Weltfrauentag ist vor dem Weltfrauentag. Ich will nicht falsch verstanden werden: Um die Gleichberechtigung von Frauen zu erreichen, ist noch reichlich Luft nach oben. Der Gender Pay Gap oder die viel zu hohe Zahl der Femizide sind nur zwei Beispiele dafür, dass immer noch, nach mehr als 100 Jahren Frauenbewegung, jede Menge zu tun ist, um eine tatsächliche Gleichstellung zu erreichen. Spätestens, wenn ich dann alle Jahre wieder am 8. März sogar von konservativen Politikern "Alles Gute zum Internationalen Frauentag" lese, weiß ich, dass das nichts für mich ist. Wer Frauen 364 Tage im Jahr geringschätzig behandelt, kann sich das Gesülze am Frauentag sparen.

Deshalb habe ich beschlossen, mich weder in meiner Bücherkiste noch auf meinem zweiten Blog an diesem Tag zu äußern. In den letzten Jahren habe ich das getan und gemerkt, dass das meinem Blutdruck nicht gutgetan hat. Also Schluss damit.

Ich bleibe aber selbstverständlich am Thema dran, was sich auch immer wieder bei der Buchauswahl für die Bücherkiste niederschlägt. Vor Kurzem bin ich auf zwei sehr interessante Titel gestoßen, die ich Euch nun gern vorstellen möchte.

Virginia Woolf: Ein eigenes Zimmer / Ein Zimmer für sich allein

Virginia Woolf hat das Essay bereits 1929 unter dem
Titel A Room Of One's Own veröffentlicht. Es geht auf zwei Vorträge zurück, die Woolf ein Jahr zuvor vor Studentinnen der Cambridge University gehalten hat. Die jungen Frauen studierten an zwei Colleges, die eigens als männerfreie Lernorte gegründet worden waren. Das Thema der Vorträge: "Frauen und Literatur". Die Schriftstellerin rang mit sich, was darunter zu verstehen sei: Literatur über Frauen? Literatur von Frauen? Oder etwas ganz anderes? Sie entschied sich, über die zwei grundlegenden Voraussetzungen zu sprechen, die Menschen zum Schreiben brauchen: genug Geld und einen eigenen Platz zum Arbeiten.

Virginia Woolf bedient sich in ihrem Essay eines literarischen Tricks: Anstelle von sich selbst und ihrer eigenen Wahrnehmung zu sprechen, wenn es um die alltägliche Ungleichbehandlung von Frauen gegenüber Männern geht, lässt sie die fiktive Figur "Mary" für sich sprechen. Mary erlebt, was Woolf anprangert: Frauen dürfen nur in Begleitung eines Mannes die Universitätsbibliothek betreten, und ein örtliches Frauencollege muss um seine Existenz bangen, wenn nicht bald genügend Spenden eingesammelt werden können. Marys Fazit: Während männliche Bildung mit viel Aufwand gefördert wird, müssen Frauen um ihre soziale Stellung und ihr finanzielles Überleben kämpfen.

Die junge Frau will herausfinden, was der Grund für die ungleiche Behandlung von Frauen und Männern ist. Die Nationalbibliothek des Vereinigten Königreichs, die British Library in London, erscheint Mary als die richtige Anlaufstelle für ihr Anliegen. Doch sie wird enttäuscht: Alle Schriften, die sich mit Frauen beschäftigen, wurden von Männern geschrieben. Frauen waren Objekte, die man beobachtete und analysierte, sie nahmen jedoch nicht selbst die Rolle der Forschenden ein.

53 Jahre nach Virginia Woolfs Tod erschien in einer großen deutschen Wochenzeitung ein Essay über die Schriftstellerin. Es beginnt mit diesen Worten: "Sie war eine frigide Frau - und hatte ein Verhältnis mit ihrem Schwager, mit ihrem homosexuellen Kollegen Lytton Strachey und ihrer lesbischen Kollegin Sackville-West, als sie schon glücklich verheiratet war." Mehr muss man nicht wissen, um einen Eindruck davon zu haben, wie der damals bekannte Literaturkritiker Raddatz auf das Leben einer sehr viel bekannteren Schriftstellerin schaute und dass eine solche Einleitung unwidersprochen abgedruckt wurde.

Das Essay wird unter beiden oben genannten Titeln von unterschiedlichen Verlagen vertrieben. Da das gesamte Werk von Virginia Woolf seit dem 1. Januar 2012 gemeinfrei ist, reißt die Serie der deutschen "Neuübersetzungen" nicht ab.

Mary Beard: Frauen & Macht

Knapp 90 Jahre nach Virginia Woolfs Essay ist dieses
Buch der britischen Altphilologin und Cambridge-Professorin Mary Beard erschienen: Frauen & Macht. Beard beschäftigt sich darin mit der Frage, warum Frauen immer noch um Gleichberechtigung und Respekt ringen müssen und wie sie (von Männern) zum Schweigen gebracht werden.

Mary Beard geht weit in der Zeit zurück. Sie erläutert, dass die Rollenzuschreibungen ("Frauen können nicht...", "Frauen sind nur geschaffen für..." etc.) ihre Wurzeln in den großen Schriften der römischen und griechischen Antike haben. Insbesondere im antiken griechischen Theater kommen Frauen nicht gut weg, sobald sie in irgendeiner Form mit Macht in Berührung kommen: Entweder sie handeln, wie es ein Mann tun würde, oder sie missbrauchen ihren Einfluss. Die Verbindung von Macht und Frauen gilt als unnatürlich und nicht angebracht. Und immer geht es um das Recht zu sprechen, das Frauen schon damals oft verwehrt wurde.

Es sind die antiken Werke, die viele schon aus der Schule kennen, die Frauen per se einen niedrigeren Status als Männern zuweisen. Beard führt beispielhaft die Odyssee von Homer oder die Metamorphosen von Ovid an. Auch der Satz "Orator est vir bonus dicendi peritus" - "Ein Redner ist ein tüchtiger, im Reden erfahrener Mann" - lässt keinen Zweifel daran aufkommen, wie sinnvoll man es in der damaligen Gesellschaft fand, wenn Frauen ihre Stimme erhoben. 

Aber jetzt sind wir im 21. Jahrhundert und alles ist viel besser - oder? Nein, wie Beard anhand von Beispielen nachweist. Ob es sich um den Versuch, eine US-Senatorin 2017 während einer Sitzung mundtot zu machen oder die bis heute geltenden Protokolle und Regeln des britischen Unterhauses aus dem 19. Jahrhundert handelt: Frauen wird immer noch zu oft das Recht verwehrt, sich zu äußern. Mary Beard belässt es nicht bei der Beschreibung dieses Missstands, sondern sie schlägt vor, wie diesem heute begegnet werden kann.

Frauen & Macht ist 2018 im S. Fischer Verlag erschienen und kostet in der gebundenen Ausgabe 13 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro.

Lesen?

Keine Frage, beide Bücher sind absolut lesenswert, und zwar nicht nur für Frauen. Es ist völlig inakzeptabel, dass sich immer noch Männer in der Öffentlichkeit herabsetzend über Frauen äußern, ihnen de facto den Mund verbieten und das praktisch nicht kommentiert wird.
Heute fast vergessen sind die Ansichten des "Literaturpapstes" Reich-Ranicki. Als 1977 der erste Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt stattfand, kommentierte er den Vortrag der Schriftstellerin Karin Struck so: "
„Wen interessiert, was eine Frau denkt, was sie fühlt, während sie menstruiert? Das ist keine Literatur – das ist ein Verbrechen.“ Noch im Jahr 2000 behauptete er zum wiederholten Mal, Frauen könnten keine Romane schreiben. Ihre Domäne sei die Lyrik und sie müssten mit dem Schreiben aufhören, sobald sie Kinder bekämen. Warum? "Fragen Sie einen Gynäkologen!" Sein 2002 erschienener 20-bändiger Literaturkanon enthält folgerichtig kein einziges Werk einer Frau.

Zum Schluss noch ein bisschen Statistik, die belegt, dass es Frauen in der Welt der Literatur nach wie vor schwer haben: Zwei Drittel der veröffentlichten Bücher stammen von Männern; Buchrezensionen in der Presse oder im Radio werden überwiegend von Männern und ebenfalls überwiegend über Titel von Autoren erstellt. Das habe ich übrigens im Buch Frauen Literatur - abgewertet, vergessen, wiederentdeckt von Nicole Seifert gelesen.



Samstag, 28. September 2019

# 213 - 150 Jahre Kampf in Graphic Novels

Bücher über den Kampf der Frauen für mehr Rechte - insbesondere das Recht auf Freiheit, auf Bildung, Arbeit und ein eigenes Einkommen sowie das Wahlrecht und die sexuelle Selbstbestimmung - gibt es schon sehr viele. Muss da noch ein weiteres hinzukommen?

Ja, denn Rebellische Frauen - Women in Battle 
der Sachbuchautorin Marta Breen und der Illustratorin Jenny Jordahl hebt sich von allem ab, was man bislang zu diesem Thema gewohnt ist. Hier handelt es sich nicht um einen auf den Text fokussierten Titel, sondern um Graphic Novels, die auch diejenigen Leser, die sich noch nie mit der Geschichte der Frauenbewegung(en) beschäftigt haben, ansprechen.

Das zuerst in Norwegen erschienene Buch erzählt chronologisch, wann und warum die Frauenbewegung begann und welche Frauen sie vorantrieben. Nur wenige Namen wie z. B. die der Sozialistinnen Clara Zetkin und Rosa Luxemburg sind vielen Menschen bekannt. Die Mitte des 19. Jahrhunderts aktiven US-amerikanischen Frauenrechtlerinnen Elizabeth Cody Stanton und Lucretia Mott dürften den meisten eher unbekannt sein. Den beiden stieß bei einem 1840 in England stattfindenden Kongress gegen die Sklaverei sauer auf, dass sie und alle anderen mitgereisten Frauen wegen ihres Geschlechts zum Zuhören verdonnert wurden und nicht selbst etwas beitragen durften. Sie arbeiteten ein Manifest zur Gleichberechtigung aus, das 1848 auf einer Abolitionistenkonferenz in Seneca Falls (New York) verlesen und verabschiedet wurde. Diese Veranstaltung gilt als die erste Versammlung in der Geschichte der Frauenbewegung.

Breen und Jordahl erinnern u. a. auch an Harriet Tubman, eine entlaufene Sklavin, die für die Abschaffung der Sklaverei in den USA kämpfte. Sie half anderen Sklaven zu fliehen und wurde trotz eines hohen auf ihre Ergreifung ausgesetzten Kopfgeldes nie gefasst.

Da erging es der Französin Olympe de Gouges ganz anders: Da die nach der Französichen Revolution erarbeitete Verfassung nur die Menschen- und Bürgerrechte von Männern beinhaltete und die andere Hälfte der Bevökerung "vergessen" wurde, schrieb die streitbare Autorin und Feministin 1791 einen Gegenentwurf, der sich ausdrücklich mit den Rechten der Frauen befasste. Sie bezahlte ihren Einsatz mit ihrer Hinrichtung.

Das Buch kommt zu einem Resümee, das nicht überrascht: Frauen werden nach wie vor rund um den Globus unterdrückt, ausgegrenzt, misshandelt oder in anderer Weise Repressalien ausgesetzt. Aber den allermeisten geht es besser als vor 150 Jahren. Das soll auf keinen Fall bedeuten, dass sich Frauen mit dem bisher Erreichten zufrieden geben sollen. Darum lauten die letzten beiden Sätze:

"Langsam aber sicher geht es voran.
Wenn nur jemand vorgeht."

Rebellische Frauen - Women in Battle bietet einen schnellen, aber dennoch sehr guten Überblick über die Geschichte der Frauenbewegung. Klare Leseempfehlung.

Aus urheberrechtlichen Gründen ist es mir leider nicht möglich, an dieser Stelle beispielhaft Zeichnungen zu zeigen. Der Elisabeth Sandmann Verlag hat auf seiner Website jedoch einige von ihnen zur Ansicht bereitgestellt.

Rebellische Frauen - Women in Battle ist beim Elisabeth Sandmann Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 25 Euro. 

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat das
Buch broschiert in ihrer Schriftenreihe herausgegeben. Dort ist es für 4,50 Euro erhältlich. 

Dieser Titel ist der vierte, den ich anlässlich der kommenden Frankfurter Buchmesse vorstelle, deren Gastland diesmal Norwegen ist. Dies waren die vorangegangenen Bücher norwegischer Autoren:

Dienstag, 9. Mai 2017

Der doppelte Rückblick: Vielfalt im März und April

Kochen, essen, töten, der Blick auf die Frauen und die Eigenheiten der Wirtschaft

 

In den letzten beiden Monaten habe ich wieder viele verschiedene Bücher gelesen und vorgestellt, die unterhalten, aber auch neue Einblicke und Sichtweisen ermöglicht haben. Lust auf einen kurzen Rückblick? 

Das waren die Bücher aus dem März

 

Karina Both-Peckham hat mit Peckham's Kochbuch - Band 1: Lieblingssuppen ein tolles Buch herausgebracht, das sich an Menschen richtet, die mit der Variation nur eines Gerichts mehrere Esser zufriedenstellen wollen. Ob Flexitarier, Vegetarier, Veganer,  Paleo- oder Low-Carb-Fans: Mit diesem Buch gelingt es auch Hobbyköchen, allen Geschmäckern gerecht zu werden. Die Autorin betreibt ein Café und Bistro in Erfurt (Peckham's House) und seit mehreren Jahren einen Food-Blog (Iss dich glücklich).

Einen Blick auf die gastronomischen Anfänge von Karina Both-Peckham und ihres Mannes im Jahr 2008 gibt dieses  Video:


 




Beatrix Langner hat in ihrem Buch Die 7 größten Irrtümer über Frauen, die denken auf knapp 240 Seiten ein kulturhistorisches Essay über die (geistige) Unterdrückung der Frauen geschrieben. Ein sehr spannendes, aber auch sehr anspruchsvolles Buch, das in jedem Absatz eine Fülle von Informationen transportiert. Langner verzichtet jedoch darauf, die verbale Keule zu schwingen, sondern analysiert die stetige Benachteiligung vor dem jeweiligen historischen Hintergrund. Klingt trocken, ist es aber nicht. Beatrix Langner ist Literaturkritikerin und Autorin mehrerer Bücher u. a. über Adelbert v. Chamisso oder Jean Paul. Sie trägt neben anderen Autoren Texte zum Chamisso-Forum bei. In der Sendung Mosaik bei WDR 3 hat sie ausführlich über ihr Buch gesprochen und einige zusätzliche Informationen gegeben. Der Sender hat das Interview als Download zur Verfügung gestellt.




Zusammen mit dem Journalisten Göran Schattauer hat der deutschlandweit bekannte Strafrechtsanwalt Steffen Ufer das Buch Nicht schuldig herausgebracht. Aus seiner reichen Erfahrung aus 50 Berufsjahren erzählt Ufer von bekannten und unbekannten Kriminalfällen und macht sehr deutlich, dass Rechtsprechung kein Instrument ist, um an einem Täter Rache zu üben. Auch den häufigen Vorwurf, sogar Menschen zu verteidigen, die eines besonders brutalen Verbrechens angeklagt sind, lässt der Jurist nicht gelten: Er sieht seine Rolle als die eines Wächters, der darauf achtet, dass das geltende Recht angewendet wird. Der SWR-Moderator Wolfgang Heim hat Steffen Ufer im Herbst 2016 interviewt. Das Interview wurde per Download zu Verfügung gestellt. 


Damit ging es im April weiter



Eines der meiner Meinung nach besten Bücher der letzten Zeit ist Geister des US-Autors Nathan Hill. Der College-Professor Samuel Anderson wird gebeten, sich für seine Mutter Faye einzusetzen, die den Präsidentschaftskandidaten Packer attackiert hat. Samuels Problem: Seine Mutter hat die Familie vor Jahrzehnten verlassen, sodass ihr Sohn gar nicht in der Lage ist, etwas Positives über sie zu sagen. Doch die Situation verkompliziert sich immer weiter, je mehr sich Samuel der Vergangenheit seiner Mutter widmet. Irgendwann ist das, was vorher völlig klar und offensichtlich erschien, alles andere als das. Hill greift in der Romanhandlung zahlreiche gesellschaftliche und politische Themen auf, die in ihrer jeweiligen Zeit in allen Medien diskutiert wurden. Von Audible Hörbücher wurde eine Hörprobe veröffentlicht.







Zarah Philips greift in ihrem Roman Lauter Leichen ein uraltes Motiv auf, das Menschen zum Morden bewogen hat, seit es den Tauschhandel gibt: Gier. Das ist auch in diesem Buch nicht anders: In Hamburg wird wegen des Geldes und des gefährdeten guten Rufs seit Generationen gemordet, was das Zeug hält. Der LKA-Beamte Watkowski bringt mit Spürsinn und Verstand Licht in den Beziehungs- und Täterdschungel, gerät dabei aber selbst in die Schusslinie. Sehr flott und unterhaltsam geschrieben, aber hier und da hat sich die Logik von der Handlung verabschiedet. Die farbigen Zeichnungen auf dem Totenschädel, der das Cover ziert, sind übrigens den Motiven entlehnt, die in Mexiko am Tag der Toten (Día de los Muertos am 2. November) auf den Gesichtern der Lebenden oder den dekorativen Zuckerschädeln zu sehen sind, die es dann überall zu kaufen gibt. Euronews hat in einem kurzen Video erklärt, worum es sich bei diesem in Mexiko wichtigen Feiertag handelt: 


Und ehe ich es vergesse: Eine Autoren-Homepage von Zarah Philips gibt es natürlich auch noch.




Und noch ein Kochbuch: Miriam Warnke lebt seit einigen Jahren vegan und kocht gern kreativ. Beides hat sie nun miteinander verknüpft und mit ihrem Kochbuch The Vegan Sister gezeigt, dass vegane Gerichte weder besonders aufwendig noch sehr schwierig nachzukochen sind. Wer die vegane Ernährung selbst einmal ausprobieren möchte, ist mit diesem Buch sehr gut beraten.
Miriam Warnke betreibt auch einen Blog, nach dem das Buch benannt wurde.




Stephen J. Dubner und Steven D. Levitt betreiben seit Jahren einen Wirtschaftsblog. Aus diesem stammen die einzelnen Beiträge für das Buch Wann Sie eine Bank überfallen sollten, die zum Teil bereits 2005 online veröffentlicht wurden. Da dies bereits das dritte Buch der beiden Ökonomie-Experten ist, das Beiträge von eben diesem Blog enthält und sich mit zum Teil etwas abseitigen Überlegungen beschäftigt, wirkt es manchmal, als seien die letzten Reste zusammengekehrt und zu diesem Buch verarbeitet worden. Kann man lesen, muss man aber nicht. Die Autoren betreiben nicht nur ihren Blog, sondern auch einen Video-Kanal bei Youtube. Bei Youtube sich auch die Buchvorstellung durch Steven J.Dubner im Londoner Büro von Google:





Im letzten Buch dieses doppelten Monatsrückblicks wird gut gegessen, aber nicht selbst gekocht. Das überlässt Axel Schwab in Sushi Guide den versierten Köchen in den von ihm empfohlenen Restaurants in vier deutschen Großstädten. Schwab beschränkt sich in seinem Buch auf die Beschreibung von Nigiri-Sushi und geht genau auf die einzelnen hierfür verwendeten Fischarten ein. Der Titel enthält außerdem einen "Restaurant-Knigge" für alle Leser, die in einem japanischen Restaurant nicht ständig ins Fettnäpfchen treten wollen, und ein Wortregister, das sehr dabei hilft, die Sushi-Speisekarte zu verstehen. Ein Buch mit sehr viel Sachverstand, da der Autor fünf Jahre in Tokio gelebt hat.
Axel Schwab gibt auf seiner Homepage Einblick in sein Leben, das zum Teil aus Reisen und Fotokunst besteht.


Das waren die Bücher, die ich euch im März und April vorgesellt hatte. War eins für euch dabei?





Freitag, 17. März 2017

# 91 - So sind Frauen - angeblich


Von 500 v. Chr. bis heute: Diese sieben Vorurteile haben Frauen fast immer begleitet


In ihrem neuesten Buch Die 7 größten Irrtümer über Frauen, die denken hat Beatrix Langner weit zurückgeschaut. Aristoteles kommt ebenso zu Wort wie der Dichter Aischylos und Herren aus der Neuzeit. Der Titel verrät es nicht unbedingt, aber dieses Buch beschäftigt sich nicht ganz allgemein mit den Frauen, sondern wirft ein Schlaglicht auf diejenigen von ihnen, die sich geistig – häufig schreibend - betätigen wollten. Die meisten der von Langner beispielhaft genannten Frauen sind heute praktisch unbekannt. Doch es geht nicht nur um sie, sondern insbesondere um die Männer, die die Frauen unterdrückt und blockiert haben. 

Die Vorurteile, die die Autorin zu den Kapiteln ihres Buches gemacht hat, werden denkenden Frauen gegenüber nach Ansicht von Beatrix Langner seit Jahr und Tag gepflegt: Sie sind im Grunde Männer, sie sind göttlich, gefährlich, unsexy, Egoisten und schlechte Mütter und retten die Welt. In allen diesen von Männern aufgestellten Thesen spiegelt sich die Definition der Frau durch diese wider, die sie fast die ganze Geschichte hindurch auf ihre Körperlichkeit reduziert haben: Frauen gebären die Kinder, stillen sie und ziehen sie auf. Und Schluss. Diese Haltung hat eine sehr lange Tradition und ist schon von Homer und Aristoteles überliefert. Nur Pythagoras kommt bei der Autorin besser weg: Er ist ihrer Ansicht nach der einzige Philosoph, der nicht frauenfeindlich war. Die Erkenntnis, dass Frauen ein denkendes Gehirn haben, das dem der Männer gleichwertig ist, hat 3.000 Jahre in Anspruch genommen und ist noch nicht so ausgeprägt, dass die Gleichheit durchgängig praktiziert werden würde. Ein Beispiel ist der im Buch nicht thematisierte Frauenanteil unter den hauptberuflichen Professoren an deutschen Hochschulen: Er lag 2015 bei 22,7 %; unter Professoren, die einen Lehrstuhl inne hatten (C4-Professoren) betrug der Anteil sogar nur 11,4 %. (Quelle: Statistisches Bundesamt)

Ein interessanter Gedanke: Wer macht die Geschichte? 

Langner erläutert sehr anschaulich, wie die Geschichtsschreibung bislang zustande kam: Männer waren diejenigen, denen der Zugang zu Bildung und Wissenschaft möglich war. Folglich ist das, was wir aus der Geschichte kennen und was immer weiter überliefert wurde, das Vergangene aus männlicher Sicht. Sie haben bestimmt, was es wert war, weitergegeben zu werden. Ein Beispiel hierfür ist Émilie du Châtelet, die Lebensgefährtin des Philosophen und Schriftstellers Voltaire. Sie war Mitte des 18. Jahrhunderts als Mathematikerin, Physikerin und Philosophin einigermaßen bekannt, aber aufgrund der damals herrschenden Verhältnisse wurde ihr die Anerkennung, die ihr für ihre wissenschaftlichen Leistungen zugestanden hätte, verwehrt. Um 1740 hat sie ihre Werke veröffentlicht, die sich hinsichtlich ihres Niveaus mit denen von Gottfried Wilhelm Leibniz, Leonhard Euler und auch Voltaire messen konnten. Aber weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte, beschränkte sich die Anerkennung ihrer wissenschaftlichen Leistung darauf, dass Voltaire einräumte, dass die Mitarbeit von Émilie du Châtelet am Sachbuch „Elemente der Philosophie Newtons“ wesentlich war. Auf dem Titelblatt stand hingegen nur der Name Voltaire. 

 

Was taten Frauen, um das zu tun, was sie wollten? 

 

Anfang des 20. Jahrhunderts machten mit den Suffragetten und den Sozialistinnen der II. Internationale britische und US-amerikanische Frauenrechtlerinnen mobil: Es ging um das Wahlrecht für Frauen, aber auch um den Zugang zu Universitäten. Doch die Frauen hatten einen schweren Stand: Männliche Akademiker hielten mit Publikationen dagegen. So veröffentlichte der Psychiater und Neurologe Paul Möbius 1900 sein Essay „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“, in dem er behauptete, Frauen hätten von vornherein eine geringere geistige Begabung als Männer. So versuchte er dazu beizutragen, den Zugang von Frauen zum Medizinstudium zu verhindern. Diese hanebüchene Schrift ist noch heute erhältlich, ganz im Gegensatz zu den Veröffentlichungen von Émilie du Châtelet.

Ähnlich abenteuerliche Theorien stellte auch Siegmund Freud auf: Er vertrat die Meinung, dass das Fehlen des Penis‘ sich bei der Frau in ihrem unbewussten Seelenleben durch Hysterie, schwache Nerven und Ohnmachten ausdrückt. Das weibliche Selbstwertgefühl werde dadurch geschwächt, dass Frauen zwanghaft ihre männlich-väterlichen Seelenteile verdrängen wollten.

Man mag das heute amüsant finden, aber zu ihrer Zeit fanden diese Äußerungen Gehör und ernteten reichlich (männliche) Zustimmung.

Doch Frauen, die unbedingt am wissenschaftlichen oder literarischen Leben aktiv teilhaben wollten, wussten sich in einigen Fällen zu helfen: Das, was heute unter dem Begriff „Cross-Dressing“ bekannt ist, also das Tragen von Kleidung, die typisch für das andere Geschlecht ist, wurde von Frauen schon im 17. Jahrhundert eingesetzt, um Eingang in die Männerwelt zu finden. Auch, unter einem männlichen Pseudonym Veröffentlichungen herauszugeben, war nicht unüblich.  

Kein reines Sachbuch, sondern ein Essay 

Frauen wurden stets so behandelt, wie es Tradition war. Erst in den letzten etwa 50 Jahren begann sich das zu ändern, was durch den beginnenden Feminismus und zahlreiche Gender-Studien ausgelöst wurde. Auch, wenn hier eventuell der Eindruck entstanden sein mag: Die 7 größten Irrtümer über Frauen, die denken ist kein feministisches Kampfbuch. Beatrix Langner plädiert vielmehr für den gemeinsamen Blick von Frauen und Männern auf die Probleme unserer Zeit. Von einer jeweils egoistischen Sicht der Geschlechter auf sich hält sie nicht viel, sondern wünscht sich einen gemeinsamen Entwurf für die Zukunft.

Die 7 größten Irrtümer über Frauen, die denken ist ein kulturgeschichtlich anspruchsvolles Buch, das häufig zwischen den einzelnen Epochen pendelt. Das macht das Lesen nicht leichter, aber es lohnt sich, am Ball zu bleiben. Die Autorin hat ein trotz des ernsten Themas unterhaltsames Essay verfasst, von dem ich mir am Ende allerdings eine klarere Formulierung gewünscht hätte, wie sie sich konkret dieses Miteinander von Frauen und Männern auf Augenhöhe jetzt und in Zukunft vorstellt.

Die 7 größten Irrtümer über Frauen, die denken ist im Verlag Matthes & Seitz erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22,-- Euro sowie als Kindle- oder epub-Version 16,99 Euro.