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Sonntag, 29. Mai 2022

# 349 - Gier - Wo ist die Grenze?

Vor einigen Wochen hatte ich hier bereits ein Buch
vorgestellt, das in einer neuen Reihe des Hirzel Verlags erschienen ist, die sich mit den Todsünden beschäftigt. Die Journalistin und Autorin Barbara Streidl hat sich in ihrem Essay mit der Gier auseinandergesetzt und verrät im Untertitel, worum es ihr geht: Wenn genug nicht genug ist zielt auf die Probleme, die dann entstehen, wenn Menschen - salopp gesagt - den Hals nicht voll kriegen können.

Ist die Gier eine Sünde, die für einen bestimmten Menschenschlag typisch ist oder kennen wir das maßlose Verhalten in allen Bevölkerungsgruppen? Wer sich und sein Verhalten kritisch hinterfragt, wird feststellen, dass er selbst ebenfalls hier und da zur Gier neigt. Sei es das Super-Sonderangebot an der Fleischtheke oder die Billigkleidung aus Fernost: Menschen, die solche Güter kaufen, nehmen hin, dass Tiere unter unwürdigsten Bedingungen leben und getötet werden und Arbeiterinnen und Arbeiter unter Verhältnissen Geld verdienen, die man seinem ärgsten Feind nicht zumuten würde. Aber viele Menschen verhalten sich dabei wie dreijährige Kinder: Was ich nicht sehe, existiert nicht. Und greifen zu.

Auch durch die Berichterstattung der Medien kann man den Eindruck gewinnen, dass das Heil in immer mehr Wachstum liegt: Steigen Bruttosozialprodukt und Bruttoinlandsprodukt, freuen sich Unternehmen und Wirtschaftsforschungsinstitute; zeigt der Trend abwärts, senken sie unheilvoll den Daumen. Das alles geschieht vor dem Hintergrund einer Warnung, die schon vor 50 Jahren von renommierten Wissenschatlern ausgesprochen wurde, jedoch in der Kakophonie der vielen anderen Nachrichten unterzugehen scheint: In seinem Bericht "Die Grenzen des Wachstums" zeigt der Club of Rome sehr deutlich auf, dass das Mantra des immerwährenden Wirtschaftswachstums aus verschiedenen Gründen nicht nur Unfug ist, sondern unser Leben schlechter macht.

Streidl bewertet auch die auf der Gier beruhenden Skandale der letzten Jahrzehnte: Da sind beispielsweise die österreichischen Winzer, die ihren Wein mit Glykol gestreckt hatten, die fortschreitende Gentrifizierung in den Städten oder die Hedgefonds, die Firmen nur aufkaufen, um sie auszuschlachten. Hinter allem steckt die grundsätzliche Haltung, dass es ein 'Genug' nicht gibt. Das 'Mehr' ist das, was zählt; der Verzicht ist nicht populär.

Nachdenklich macht ein Kapitel, das mit "Wie viele Sklaven halten Sie?" betitelt ist. Es geht um das System, das die Menschen in Gewinner und Verlierer des globalen Kapitalismus' einteilt: Auf der einen Seite sind die, die sich am (günstigen) Konsum von Technikartikeln, Flugreisen oder Billigkleidung erfreuen - auf der anderen diejenigen, die keine andere Wahl haben, als dieses System zu mickrigen Löhnen am Laufen zu halten. Doch was steckt hinter diesem ständigen Konsum? Streidl zitiert hier die Philosophin Caroline Krüger, die in unserem Konsumverhalten eine Eskalation von Wünschen und Erwartungen sieht: Es mangelt am Innehalten, um sich zu fragen: Habe ich nicht längst genug?

Lesen?

Gier zeigt deutlich auf, wo die menschliche Maßlosigkeit anzutreffen ist und was sie anrichtet. Wer das Buch gelesen hat, kommt nicht mehr an der Frage vorbei, ob das eigene Konsumverhalten von Notwendigkeit oder doch eher von Überfluss geprägt ist. Kaufen wir etwas, weil wir es tatsächlich brauchen, oder weil es z. B. in unserem Freundeskreis "angesagt" ist oder wir mit dem Kauf eine innere Leere füllen? Mit etwas Selbstkritik lässt sich das wahrscheinlich beantworten.

Eine Stelle gab es allerdings, die mich irritiert hat: Streidl sieht im Lebenswandel vieler Rockstars eine ausgeprägte Gier nach Aufmerksamkeit, Erfolg und Drogen und bezieht sich auf den sog. "Club 27". Damit sind bekannte Musikerinnen und Musiker gemeint, die schon mit 27 Jahren an den Folgen ihres ausschweifenden Lebensstils gestorben sind. Dazu gehören u. a. Amy Winehouse, Jimi Hendrix und Janis Joplin. Alle waren drogensüchtig, sodass mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden kann, dass sie auch psychisch krank waren. Unter diesen Vorzeichen fällt es mir schwer, das Verhalten von kranken Menschen als Gier zu bezeichnen.

Gier ist 2022 im Hirzel Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 15 Euro sowie als E-Book 13,90 Euro.


Freitag, 1. Juni 2018

# 151 - Kindesentführung, Morde - Berlin

Vielschichtige Handlung mit zahlreichen Personen

 

Drecksspiel des Autors Martin Krist (Pseudonym des Schriftstellers Marcel Feige) ist der erste Thriller aus der Reihe um den Ex-Polizisten und Privatermittler David Gross. Ab der ersten Seite wird klar: Dieses Buch ist nichts für empfindliche Gemüter.

Ist Berlin der Hort des Schreckens? 

 

Schon der Einstieg in die Handlung ist der pure Horror: Caro wird in einem Verlies gefangengehalten und ihre Peiniger ermorden vor ihren Augen Ilanka, die vorher offensichtlich gefoltert worden ist. Die Mörder wollen eine Information, die Caro ihnen jedoch nicht geben kann. Wer Caro ist, klärt sich im Verlauf des weiteren Geschehens.

Unbekannte entführen Shirin, die Tochter eines schwerreichen Berliner Ehepaares. Dessen Anwalt Richard Graubner bittet David Gross, der von ihm immer wieder Aufträge erhält, alles zu tun, um die Jugendliche zu finden. Aber Shirin ist nicht die Einzige, die verschwindet: Philip und Hannah fahren mit ihrer kleinen Tochter Millie, die noch ein Säugling ist, und ihrem Hund Bootsmann spontan in einen Kurzurlaub. Hannah wundert sich zwar über diese Abwechslung, weil sie weiß, dass ihr Mann mit seinem Graphikstudio "Pixelschubser" kurz vor der Pleite steht und das Geld sehr knapp ist, aber Philip spricht von einem großen Auftrag, mit dem nun alles wieder gut werde. In einem abgelegenen Ferienhäuschen lässt Philip seine Frau allein, um mit dem Hund raus zu gehen. Doch der, der nach einer Weile die Haustür aufschließt und Hannah von hinten mit der Hand sanft über den Nacken streicht, ist nicht ihr Mann. Für Hannah und Millie beginnt eine Zeit des Martyriums. Hannah ist klar, dass der Fremde ihren Tod will. Aber nicht sofort, sondern erst, nachdem er seinen Sadismus an ihr ausgelebt hat.

In einem Bordell wird die Prostituierte Leyla ermordet aufgefunden. Für den Rechtsmediziner ist klar, dass die Frau vor ihrem Tod Drogen erhalten hat, die nur einen Zweck hatten: Sie sollte die Grausamkeiten, die der Killer an ihr verübte, möglichst lange bewusst miterleben. Der Polizist Toni Risse und sein Kollege Frank Theis übernehmen die Ermittlungen. Was Theis und auch sonst niemand nicht weiß und niemals wissen darf: Leyla war Tonis Freundin und der Polizist war die letzte Person, die die Prostituierte lebend gesehen hat - kurz, bevor ihr Mörder sie tötete. Auch sein Lebenswandel sollte lieber sein Geheimnis bleiben. Toni ist klar, dass alle Indizien gegen ihn sprechen würden, wenn auch nur der Hauch eines Verdachts auf ihn fiele.

Viele Personen und Handlungsstränge

 

In Drecksspiel taucht eine ganze Reihe von Personen auf, die in unterschiedlichsten Beziehungen zueinander stehen. Es gelingt jedoch gut, den Überblick zu behalten und den einzelnen Verläufen zu folgen. Obwohl es um viele Vorgänge geht, die zunächst nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, steuert die Handlung auf ein gemeinsames Finale zu. Rätselhaft bleibt allerdings, was es mit der Vergangenheit von David Gross auf sich hat, über die nicht einmal seine Frau bescheid weiß. Es wird nur deutlich, dass David seinen Namen geändert ein neues Leben angefangen hat und keinen Wert darauf legt, gefunden zu werden.

Lesen?

 

Ja! Drecksspiel ist sehr spannend, hat jedoch eine ganze Reihe brutaler Szenen. Der Thriller kann schon deshalb nur schwer aus der Hand gelegt werden, weil es der Autor meisterhaft versteht, nicht nur am Ende des Buches, sondern am Ende jedes Abschnitts Cliffhanger zu produzieren.    

Drecksspiel ist in der mir vorliegenden Ausgabe 2018 bei epubli herausgegeben worden und kostet als Taschenbuch 10,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Asugabe 3,99 Euro. Das Buch wurde mir von Indie Publishing zur Verfügung gestellt.

Der zweite Teil der Reihe um den Privatdetektiv David Gross ist der Thriller Brandstifter. Außerdem wurde in der Bücherkiste das Buch Böses Kind vorgstellt, in dem Kriminalhauptkommissar Henry Frei die Ermittlungen leitet. Beide stehen Drecksspiel in nichts nach.

Freitag, 1. September 2017

# 115 - Angst ist ein starker Antrieb

Ein Toter, eine Frau auf der Flucht - alles klar, oder?

 

Casey Cox ist 25, arbeitet in einer Versicherungsagentur und wird von allen, die sie kennen, als offen, ehrlich und herzensgut beschrieben. Kurz: Sie ist ein Mensch, den sich jeder zum Freund wünscht. Doch dann ist da dieser eine Tag: Sie ist im Haus ihres besten Freundes Brant, sieht ihn in Unmengen von Blut tot auf der Treppe liegen, geht um ihn herum, kniet sich neben ihn - und flieht. Casey hinterlässt so viele Spuren, dass sich die Polizei von Shreveport/Luoisiana sicher ist: Die junge Frau hat den Journalisten Brant Pace ermordet. Nur wenn ich fliehe der erfolgreichen US-Bestseller-Autorin Terri Blackstock beschreibt die Odyssee einer jungen Frau, die um ihr Leben füchtet.

Nur weg, egal wohin 

 

Casey setzt sich in den nächsten Greyhound-Bus. Die Fahrt geht zuerst in Richtung El Paso. Dort kennt sie niemand, keiner käme also auf die Idee, sie dort zu suchen. Sie vernichtet ihr Handy, zahlt alle Beträge in bar, benutzt mehrere Buslinien, ändert ihre Frisur und loggt sich ausschließlich von öffentlich zugänglichen Computern ins Internet ein. Sie tut alles, um ihre Spuren zu verwischen. Sie benimmt sich auf den ersten Blick wie eine Täterin. Tatsächlich erfährt Casey aus dem Internet, dass nach ihr als Brants mutmaßlicher Mörderin gefahndet wird. An dieser Stelle beginnt man sich als Leser zu fragen, warum sie sich nicht einfach einen Anwalt nimmt und ihre Unschuld beweist. Aber so einfach ist es nicht. Über ein Prepaid-Handy nimmt sie Kontakt zu ihrer Schwester auf und erfährt, dass nicht nur die Poliziei, sondern auch ein gewisser Dylan Roberts nach ihr sucht. Er arbeitet im Auftrag von Brants Eltern, die den Tod ihres Sohnes so schnell wie möglich aufgeklärt sehen möchten. Dylan war mehrere Jahre bei der Army und wurde in Afghanistan und im Irak eingesetzt. Brants Eltern kennen ihn noch aus der Zeit, als er und ihr Sohn als kleine Jungen zusammen spielten. Zuletzt arbeitete Dylan bei der Militärpolizei. Er scheint wie geschaffen dafür zu sein, den Auftrag der Paces zu erfüllen. Doch niemand außer seiner Psychologin weiß von seiner posttraumatischen Belastungsstörung, die er sich während seiner Einsätze zugezogen hat. Er hat massive Schlafstörungen und immer wieder Flashbacks, die letztendlich auch zu seiner Entlassung aus der Army geführt haben. Wird er es schaffen, die Chance zu nutzen und diesen Job zu erledigen?

Wer sind die Guten und wer die Bösen?

 

Das ist die klassische Frage in jedem Buch, wenn ein Mensch ermordet wird. Aber das zunächst Offensichtliche - Casey ist Brants Mörderin - tritt im Verlauf der Handlung immer mehr zurück hinter dem, was 13 Jahre zuvor geschehen ist: Caseys Vater Alex, selbst ein Polizist, wurde von seiner Tochter erhängt im Haus der Familie gefunden. Die damaligen Ermittler schlossen aus der Auffindesituation sofort auf Selbstmord. Die Zweifel der Familie wurden ignoriert, aber Casey hat seitdem den letzten Anblick ihres Vaters immer vor Augen: Sein Leichnam baumelt von der Zimmerdecke, und er hat Wunden an den Armen und Blut an den Fingern. Sieht so jemand aus, der sich erhängt hat?
Dylan ist Casey auf der Spur und hat sich durch Gespräche und das, was er im Intrenet über sie erfahren hat, ein Bild von ihr gemacht. Seine Erfahrung sagt ihm, dass sie nicht der Typ Mensch ist, der seinen besten Freund gezielt und kaltblütig tötet. Seine Nachforschungen bringen Erkenntnisse zutage, die so ungeheuerlich sind, dass er selbst zunächst an ihrem Wahrheitsgehalt zweifelt. Aber dann findet er zufällig die Leiche einer Angestellten der Polizeiverwaltung: Sie wurde in ihrem eigenen Haus erschossen, kurz nachdem sie sich mit Dylan verabredet hatte, um ihm zu erzählen, was ihr damals beim Tod von Alex Casey merkwürdig vorgekommen war.

Wie war's? 

 

Nur wenn ich fliehe ist ein spannender Roman, dem allerdings ein klares Finale fehlt. Ob es sich um eine dramaturgische Absicht der Autorin oder ein gewolltes Open End handelt - man weiß es nicht. Klar ist aber: Sollte Terri Blackstock eine Fortsetzung veröffentlichen, wird sie auf diesem Blog vorgestellt. 

Nur wenn ich fliehe ist im Brunnen Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 15 € sowie als epub- oder Kindle-Edition 12,99 €.

  



Dienstag, 9. Mai 2017

Der doppelte Rückblick: Vielfalt im März und April

Kochen, essen, töten, der Blick auf die Frauen und die Eigenheiten der Wirtschaft

 

In den letzten beiden Monaten habe ich wieder viele verschiedene Bücher gelesen und vorgestellt, die unterhalten, aber auch neue Einblicke und Sichtweisen ermöglicht haben. Lust auf einen kurzen Rückblick? 

Das waren die Bücher aus dem März

 

Karina Both-Peckham hat mit Peckham's Kochbuch - Band 1: Lieblingssuppen ein tolles Buch herausgebracht, das sich an Menschen richtet, die mit der Variation nur eines Gerichts mehrere Esser zufriedenstellen wollen. Ob Flexitarier, Vegetarier, Veganer,  Paleo- oder Low-Carb-Fans: Mit diesem Buch gelingt es auch Hobbyköchen, allen Geschmäckern gerecht zu werden. Die Autorin betreibt ein Café und Bistro in Erfurt (Peckham's House) und seit mehreren Jahren einen Food-Blog (Iss dich glücklich).

Einen Blick auf die gastronomischen Anfänge von Karina Both-Peckham und ihres Mannes im Jahr 2008 gibt dieses  Video:


 




Beatrix Langner hat in ihrem Buch Die 7 größten Irrtümer über Frauen, die denken auf knapp 240 Seiten ein kulturhistorisches Essay über die (geistige) Unterdrückung der Frauen geschrieben. Ein sehr spannendes, aber auch sehr anspruchsvolles Buch, das in jedem Absatz eine Fülle von Informationen transportiert. Langner verzichtet jedoch darauf, die verbale Keule zu schwingen, sondern analysiert die stetige Benachteiligung vor dem jeweiligen historischen Hintergrund. Klingt trocken, ist es aber nicht. Beatrix Langner ist Literaturkritikerin und Autorin mehrerer Bücher u. a. über Adelbert v. Chamisso oder Jean Paul. Sie trägt neben anderen Autoren Texte zum Chamisso-Forum bei. In der Sendung Mosaik bei WDR 3 hat sie ausführlich über ihr Buch gesprochen und einige zusätzliche Informationen gegeben. Der Sender hat das Interview als Download zur Verfügung gestellt.




Zusammen mit dem Journalisten Göran Schattauer hat der deutschlandweit bekannte Strafrechtsanwalt Steffen Ufer das Buch Nicht schuldig herausgebracht. Aus seiner reichen Erfahrung aus 50 Berufsjahren erzählt Ufer von bekannten und unbekannten Kriminalfällen und macht sehr deutlich, dass Rechtsprechung kein Instrument ist, um an einem Täter Rache zu üben. Auch den häufigen Vorwurf, sogar Menschen zu verteidigen, die eines besonders brutalen Verbrechens angeklagt sind, lässt der Jurist nicht gelten: Er sieht seine Rolle als die eines Wächters, der darauf achtet, dass das geltende Recht angewendet wird. Der SWR-Moderator Wolfgang Heim hat Steffen Ufer im Herbst 2016 interviewt. Das Interview wurde per Download zu Verfügung gestellt. 


Damit ging es im April weiter



Eines der meiner Meinung nach besten Bücher der letzten Zeit ist Geister des US-Autors Nathan Hill. Der College-Professor Samuel Anderson wird gebeten, sich für seine Mutter Faye einzusetzen, die den Präsidentschaftskandidaten Packer attackiert hat. Samuels Problem: Seine Mutter hat die Familie vor Jahrzehnten verlassen, sodass ihr Sohn gar nicht in der Lage ist, etwas Positives über sie zu sagen. Doch die Situation verkompliziert sich immer weiter, je mehr sich Samuel der Vergangenheit seiner Mutter widmet. Irgendwann ist das, was vorher völlig klar und offensichtlich erschien, alles andere als das. Hill greift in der Romanhandlung zahlreiche gesellschaftliche und politische Themen auf, die in ihrer jeweiligen Zeit in allen Medien diskutiert wurden. Von Audible Hörbücher wurde eine Hörprobe veröffentlicht.







Zarah Philips greift in ihrem Roman Lauter Leichen ein uraltes Motiv auf, das Menschen zum Morden bewogen hat, seit es den Tauschhandel gibt: Gier. Das ist auch in diesem Buch nicht anders: In Hamburg wird wegen des Geldes und des gefährdeten guten Rufs seit Generationen gemordet, was das Zeug hält. Der LKA-Beamte Watkowski bringt mit Spürsinn und Verstand Licht in den Beziehungs- und Täterdschungel, gerät dabei aber selbst in die Schusslinie. Sehr flott und unterhaltsam geschrieben, aber hier und da hat sich die Logik von der Handlung verabschiedet. Die farbigen Zeichnungen auf dem Totenschädel, der das Cover ziert, sind übrigens den Motiven entlehnt, die in Mexiko am Tag der Toten (Día de los Muertos am 2. November) auf den Gesichtern der Lebenden oder den dekorativen Zuckerschädeln zu sehen sind, die es dann überall zu kaufen gibt. Euronews hat in einem kurzen Video erklärt, worum es sich bei diesem in Mexiko wichtigen Feiertag handelt: 


Und ehe ich es vergesse: Eine Autoren-Homepage von Zarah Philips gibt es natürlich auch noch.




Und noch ein Kochbuch: Miriam Warnke lebt seit einigen Jahren vegan und kocht gern kreativ. Beides hat sie nun miteinander verknüpft und mit ihrem Kochbuch The Vegan Sister gezeigt, dass vegane Gerichte weder besonders aufwendig noch sehr schwierig nachzukochen sind. Wer die vegane Ernährung selbst einmal ausprobieren möchte, ist mit diesem Buch sehr gut beraten.
Miriam Warnke betreibt auch einen Blog, nach dem das Buch benannt wurde.




Stephen J. Dubner und Steven D. Levitt betreiben seit Jahren einen Wirtschaftsblog. Aus diesem stammen die einzelnen Beiträge für das Buch Wann Sie eine Bank überfallen sollten, die zum Teil bereits 2005 online veröffentlicht wurden. Da dies bereits das dritte Buch der beiden Ökonomie-Experten ist, das Beiträge von eben diesem Blog enthält und sich mit zum Teil etwas abseitigen Überlegungen beschäftigt, wirkt es manchmal, als seien die letzten Reste zusammengekehrt und zu diesem Buch verarbeitet worden. Kann man lesen, muss man aber nicht. Die Autoren betreiben nicht nur ihren Blog, sondern auch einen Video-Kanal bei Youtube. Bei Youtube sich auch die Buchvorstellung durch Steven J.Dubner im Londoner Büro von Google:





Im letzten Buch dieses doppelten Monatsrückblicks wird gut gegessen, aber nicht selbst gekocht. Das überlässt Axel Schwab in Sushi Guide den versierten Köchen in den von ihm empfohlenen Restaurants in vier deutschen Großstädten. Schwab beschränkt sich in seinem Buch auf die Beschreibung von Nigiri-Sushi und geht genau auf die einzelnen hierfür verwendeten Fischarten ein. Der Titel enthält außerdem einen "Restaurant-Knigge" für alle Leser, die in einem japanischen Restaurant nicht ständig ins Fettnäpfchen treten wollen, und ein Wortregister, das sehr dabei hilft, die Sushi-Speisekarte zu verstehen. Ein Buch mit sehr viel Sachverstand, da der Autor fünf Jahre in Tokio gelebt hat.
Axel Schwab gibt auf seiner Homepage Einblick in sein Leben, das zum Teil aus Reisen und Fotokunst besteht.


Das waren die Bücher, die ich euch im März und April vorgesellt hatte. War eins für euch dabei?





Freitag, 5. Mai 2017

# 98 - Mehr Schein als Sein

So geht's zu in Hollywood

 

Doris Dörrie wird vielen eher durch ihre Filme als ihre Bücher bekannt sein, aber sie hat bisher fast zwei Dutzend Titel veröffentlicht. Und was wird aus mir? ist bereits 1997 erschienen, und man wird beim Lesen den Verdacht nicht los, dass sie ganz bestimmte Personen vor Augen hatte, als sie dieses Buch schrieb.

Hollywood, Arroganz und Generationenkonflikt

 

Johanna, eine Frau um die 50, ist in Deutschland zunächst als Schauspielerin und zuletzt als Requisiteurin an einem Opernhaus gescheitert: Ein ordinärer vergessener Müllsack, der bei der Aufführung von Verdis "Rigoletto" nicht rechtzeitig zur Stelle war, brachte ihr die fristlose Kündigung. Ohne Job und erst recht ohne Perspektive erinnert sie sich an ihren früheren Freund, den Regisseur Rainer. Zusammen mit ihm und der blonden Heidi hatte sie in den 1970er Jahren einen Filmerfolg gelandet, der sie bis nach Hollywood brachte. Deutschsein galt damals im US-Filmgeschäft als "refreshing", und die Drei wurden von einem Filmevent zum nächsten herumgereicht und glaubten, angekommen und erfolgreich zu sein. Doch nach ihrem hochgelobten Film ergab sich für Johanna rein gar nichts mehr. Ihr Zusammenleben mit Rainer war geprägt von Langeweile, während sie stundenlang den Telefonaten ihres Freundes zuhörte oder im öden Hotelzimmer auf ihn wartete. Als sie begriff, dass sie weder bei Rainer noch im Filmgeschäft eine Chance hatte, packte sie ihre Sachen und kehrte nach Deutschland zurück. Und jetzt, arbeits- und mittellos, hofft sie, dass ihr Rainer eine Chance geben kann. Er ist in Hollywood ein gefragter und erfolgreicher Regisseur, der seiner modesüchtigen 15-jährigen Tochter Allegra in den Sommerferien eine Menge bieten kann. Bei ihrer Ankunft in Rainers Villa inmitten einer noblen Nachbarschaft ist sie dann auch beeindruckt von der teuren Einrichtung und dem Pool im Garten. Doch ihr fällt auf, dass sich im Haus nichts Persönliches befindet, das einen Hinweis auf den Menschen Rainer geben würde. Ihr Instinkt lässt sie hier nicht im Stich.

Gepflegter Wahnsinn zwischen Konsum und Einsamkeit

 

Johanna merkt schnell, dass es mit Rainers beruflichem Erfolg nicht weit her ist. Er arbeitet als Nebendarsteller in zweitklassigen Filmen und nimmt immer dann, wenn sich seine verwöhnte Tochter, die ihren Vater verachtet, zu ihrem mehrwöchigen Sommeraufenthalt ankündigt, einen Job als Housesitter in einem edlen Villenviertel an. Dazu gehört praktischerweise auch die Benutzung eines sündhaft teuren Autos. So kann er für Allegra die Lüge vom wohlhabenden und erfolgreichen Filmregisseur aufrechterhalten. Während des restlichen Jahres lebt er in einem billigen Motel und kratzt sein Geld zusammen, um seiner Tochter während ihres Urlaubs bei ihm den spendierfreudigen Vater vorspielen zu können. In diesem Jahr entwickelt sich eine besonders pikante Situation: Rainer hütet das Edel-Domizil des millionenschweren Filmproduzenten Marko Körner und spielt in dessen aktuellem Streifen über Adolf Hitler eine kleine Nebenrolle. Rainer hasst Marko: für seinen Erfolg, für seinen Reichtum und dafür, dass er ihn ungestraft verspotten kann. Er ahnt nicht, dass Marko ein seelisches Wrack ist und seine Tage nur mit der Hilfe von Antidepressiva und dem Kontakt zum Medium Heidi übersteht - eben jener Heidi, die 20 Jahre zuvor gemeinsam mit Rainer und Johanna als aufstrebender Stern am Filmhimmel gefeiert wurde. Auch ihr haben die Studios kein Glück gebracht, deshalb hat sie ihren Schwerpunkt auf eine Form der Esoterik verlegt, die sich geschmeidig an die wechselnden Bedürfnisse der Schönen und Reichen anpasst. Heidi vermittelt Marko mehrmals täglich Gespräche mit der verstorbenen Japanerin Misako, die als 16-Jährige von einem Hochhaus in Tokio gesprungen ist, nachdem ihr konservativer Vater im Internet Fotos gesehen hatte, auf denen seine Tochter als Pornodarstellerin zu sehen war. Misakos Worte aus dem Jenseits führen Marko durchs Leben und geben ihm die Kraft, die er braucht, um sich selbstsicher präsentieren zu können. Misako prophezeit ihm, er werde am Ort des Friedens ein 15-jähriges Mädchen treffen, das ihn retten wird. Sie soll recht behalten.

Lesen?

 

Und was wird aus mir?  beschäftigt sich mit der Flüchtigkeit des Erfolgs, dem schönen Schein des Konsums und der Einsamkeit. Die drei früheren Freunde ringen mit dem Älterwerden, das sie nur schwer akzeptieren können. Doris Dörrie beschreibt den Generationenkonflikt zwischen Rainer und Allegra in einer Weise, wie sie vielen bekannt vorkommen wird: Rainer lebt in dem Irrtum, dass seine Tochter ihn am ehesten akzeptiert, wenn er ihr jeden Wunsch erfüllt. Am Ende des Buches muss sich Rainer mit einem Verlust abfinden, aber ein anderer seiner Träume geht in Erfüllung.
Auch Heidi und Johanna finden ihren Frieden, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise.
Und was wird aus mir? ist eine gut erzählte Geschichte, die allerdings manchmal knapp am Klischee vorbeischrammt. Oder ist das, was wir für ein Klischee halten, die Realität? Wer weiß.

Und was wird aus mir? ist beim Diogenes Verlag als gebundenes Buch erschienen, in dieser Ausgabe jedoch nur noch antiquarisch erhältlich. Als Taschenbuchausgabe kostet der Roman 11,90 Euro, als Hörbuch (9 Audio-CDs) 34,90 Euro.

 

Mittwoch, 12. April 2017

Pulitzer Preis 2017 für Panama Papers

Ehre, wem Ehre gebührt

 

Im August 2016 hatte ich hier das Buch Panama Papers der beiden für die Süddeutsche Zeitung arbeitenden Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier vorgestellt, das nur wenige Tage nach der Veröffentlichung dieses bislang größten Daten-Leaks vorgestellt wurde. Die Reporter hatten einen nicht abreißenden Informationsstrom von einem bis heute unbekannten Whistleblower erhalten, den sie mit den ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nicht bewältigen konnten. Deshalb baten sie um die Hilfe des International Consortium for Investigative Journalists (ICIJ) in Washington D. C., von wo aus 100 Journalisten aus der ganzen Welt für die Mitarbeit an der Datensichtung und -aufbereitung gewonnen werden konnten.

Nun hat das ICIJ stellvertretend für alle an den Recherchen beteiligten Journalisten den Pulitzer Preis 2017 erhalten. Die Redakteure und Autoren Obermayer und Obermaier kamen hierfür nicht in Betracht, weil sich der Preis nur an US-Journalisten und Medien richtet. 

Quelle: www.pulitzer.org
Da die Reaktionen aus der Politik bislang überwiegend eher an eine Mischung aus hektischer Betriebsamkeit und Nebelkerzen erinnern, bleibt die Hoffnung, dass die Aufmerksamkeit durch den Pulitzer Preis das Problem der massiven Steuerhinterziehung wieder nach vorn bringt, damit die skrupellose Bereicherung von einem Prozent der Menschheit auf Kosten der übrigen 99 % zumindest eingedämmt wird.

Was es genau mit den Panama Papers, Whistleblowern und anderen Enthüllungen dieser Art auf sich hat, steht hier.

Freitag, 21. Oktober 2016

# 72 - Altsein - ein Ruhekissen oder der blanke Horror?

Wir wollen alt werden, aber es nicht sein 

 

Wie ist das in Deutschland, wenn man alt ist oder die anderen der Meinung sind, dass man es sei? Dieser Frage widmet sich der Wirtschaftsjournalist Michael Opoczynski in seinem neuesten Buch Aussortiert und abkassiert - Altwerden in Deutschland.

Was macht ein Sachbuch aus?


Aussortiert und abkassiert - Altwerden in Deutschland ist im Februar 2016 erschienen, sodass ich davon ausgegangen war, über Aktuelles rund um das Thema Altwerden informiert zu werden. Ich erwartete von diesem Buch tatsächlich Neues. Michael Opoczynski war zu dem Zeitpunkt, als er dieses Buch schrieb, erst seit kurzem Rentner. Vermutlich hat ihn dieser Statuswechsel zu den präsentierten Einsichten gebracht.


Es gibt eine ganze Reihe von Fakten in diesem Buch, die nicht neu, aber deswegen nicht weniger wahr sind. Opoczynski schreibt beispielsweise über die Ungleichbehandlung der Alten bei der Vergabe von öffentlichen Ämtern: Für das Amt des Bundespräsidenten gilt eine Mindest- aber keine Höchstgrenze hinsichtlich seines Alters, ein damit verglichen schnöder Bürgermeister darf zum Zeitpunkt seiner Wahl z.B. in Hessen maximal 67 Jahre alt sein. Für andere Bundesländer gelten ggf. andere Altersgrenzen. Eine juristisch akzeptierte Ungleichbehandlung, keine Frage. Dasselbe gilt für den spätesten Zeitpunkt der Pensionierung von Beamten: Sobald das Höchstalter erreicht ist, ist es vorbei mit der Berufstätigkeit. Auch wenn die Betroffenen gern noch weiterarbeiten würden. Vereinzelt werden Ausnahmen gemacht, sie sind jedoch so selten, dass man sie mit der Lupe suchen muss.


Aber auch schon vor dem regulären Eintritt in den Ruhestand kann es schwierig werden: Wer mit 45 oder 50 Jahren arbeitslos wird, hat ein Problem. Entgegen aller offiziellen Statistiken mutmaßen Arbeitgeber oft noch bevor sie den Bewerber gesehen haben, dass sie sich mit ihm wegen einer erhöhten Anfälligkeit gegen Krankheiten oder dessen „altersgemäßer“ Unflexibilität sowieso nur Ärger einhandeln. Das haben viele Arbeitsuchende schon erlebt, und ein Umdenken seitens der Arbeitgeber ist erst seit dem vielbesungenen Fachkräftemangel hier und da erkennbar. Spätestens hier offenbart sich ein Problem, das sich durch das Buch zieht: Je nach Sachverhalt wird die Grenze, ab der Menschen lt. Opoczynski als alt gelten, nach oben oder unten verschoben. Eine demoskopische Unschärfe, die auch die Darstellung unscharf werden lässt.

Auch das von Opoczynski angesprochene Rentenproblem - immer mehr Bezieher stehen zu wenigen Beitragszahlern gegenüber - ist jedem bekannt, der nicht erst vor Kurzem nach Deutschland eingewandert oder in den letzten Jahren jedem Nachrichtenmedium konsequent ausgewichen ist. 
Opoczynski spricht auch völlig zu Recht den Pflegenotstand an, hinter dem das Prinzip steht, dass die Pflege kommerzialisiert abläuft und Gewinn für die Betreiber von Pflegeheimen und -diensten bringen soll.

Aber es geht mir ja darum, etwas Neues zu erfahren und als Tatsachen dargestellte Sachverhalte auch durch Tatsachen belegt vorzufinden. 

Die Verlängerung der Lebensarbeitszeit - ist sie die Lösung der demografischen Probleme?

 

Opoczynski wirft der Politik vor, mit der Wahrheit zugunsten der Wählerstimmen hinterm Berg zu halten: Der spätere Rentenbeginn sei notwendig, um den Generationenvertrag am Leben zu erhalten und auch in Zukunft die staatliche Rente zu sichern. Doch er hält den Gewerkschaften vor, ihren Mitgliedern eingeredet zu haben, dagegen sein zu müssen. Dabei hat der frühe Ruhestand nach Ansicht des Autors in Deutschland Tradition: Er führt beispielhaft mit der Deutschen Bundespost und der Deutschen Bundesbahn die ehemaligen Sondervermögen des Bundes an, die - so schreibt er - seit den 1970-er Jahren die frühe Verrentung nutzen, um konfliktfrei die Belegschaft zu verjüngen. Opoczynski berichtet, ehemalige Telekom-Mitarbeiter zu kennen, die mit knapp über 40 in Rente gegangen sind. Das stimmt, das hat es tatsächlich gegeben. Allerdings nicht als normale und übliche Vorgänge, sondern im Rahmen der Zerschlagung der Sondervermögen seit 1989. Die damalige Bundesregierung hatte es vorgezogen, auf die jährlichen rd. 1,3 bis rd. 1,6 Milliarden DM (rd. 665 Mio. bis rd.  818 Mio. Euro) zugunsten eines einmaligen Erlöses, der den Bundeshaushalt aufhübschen sollte, zu verzichten. Die erste Amtshandlung der neuen Chefs war dann auch, über deutliche Personalreduzierungen nachzudenken. Im Zuge dieser "Verschlankung" war die frühzeitige Verrentung der Angestellten oder die Pensionierung der Beamten ein willkommenes Mittel, geräuschlos Mitarbeiter en gros loszuwerden. Der Steuerzahler hatte dann diese vorgezogenen Ruhegelder zu zahlen. Kurzum: Das Verrenten oder Pensionieren von sehr jungem Personal ist im Zuge der Privatisierung passiert, war aber nicht gewohnte Übung und taugt daher nicht als Beispiel für eine angeblich seit Jahrzehnten betriebene Praxis.

Alte werden "zwangsverrentet" und sind Opfer von Abzockern

 

Schon in der Einleitung beklagt Opoczynski, in Rente geschickt und nicht darum gebeten worden zu sein. Dabei ist zuvor ein Antrag nötig. Ohne Antrag keine Rente. Die Deutsche Rentenversicherung informiert allerdings ausdrücklich über die Möglichkeit, dass sich die Rentenhöhe durch jedes Jahr Berufstätigkeit nach dem Erreichen der Regelaltersgrenze verbessert - wohlgemerkt in einer normalen Berufstätigkeit. Wer nach dem Erreichen der Regelaltersgrenze in den Ruhestand geht, darf beliebig viel nebenher verdienen, ohne dass eine Kürzung der Rente drohen würde - im Gegensatz zu Menschen, die sich früher aus dem Erwerbsleben verabschiedet haben, weil sie z. B. gesundheitlich angeschlagen sind. Ihr Zuverdienst darf nur monatlich 450 Euro betragen, solange sie ein vorgezogenes Altersgeld erhalten. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass ein Wirtschaftsjournalist so etwas nicht weiß.


Wenn man Opoczynski glauben darf, sind Alte die Lieblingsopfer von Abzockern aller Art. Er führt hier u. a. den zunehmenden Erfolg von Teleshopping-Kanälen an, die von der Leichtgläubigkeit und fehlenden Mobilität der Senioren profitierten. Statistiken weisen allerdings aus, dass weniger als 1/3 der Teleshopping-Kunden älter als 60 Jahre ist; der Durchschnittskunde dieser Vertriebsform ist 53 Jahre alt und weiblich.
Im Reigen der Alten-Abzocker dürfen auch Finanzhaie und Kaffeefahrten  nicht fehlen. Die Lehman Brothers-Pleite von 2008 wird hier als Beleg dafür angeführt, dass es die Branche schwerpunktmäßig auf die Rentner abgesehen hat. Es stimmt, dass sie eine große Gruppe der Geschädigten bildeten; Familien, die sich eine finanzielle Zukunft aufbauen wollten, waren von der Insolvenz allerdings in gleichem Maß betroffen.
Das Durchschnittsalter  der Teilnehmer von Kaffeefahrten liegt bei 65 Jahren. Schon in meiner Kindheit, die ein paar Jahrzehnte zurückliegt, hatten diese Veranstaltungen einen schlechten Ruf: Jedem, der mitfuhr, war klar, dass es irgendwann an einem entlegenen Ort eine Verkaufsveranstaltung geben würde, bei der Dinge zu überhöhten Preisen verhökert werden würden, die kein Mensch braucht. Muss das tatsächlich Raum finden in einem Buch, das seine Leser sachlich informieren will?

Als letztes Beispiel dafür, dass es mit der Datenlage nicht so genau genommen wird, soll das Kapitel über die Postbank dienen. Sie wird von Opoczynski als Erfinderin des Gewinn-Sparens bezeichnet, einer Sparvariante, die sich für diejenigen Kunden lohnt, die bei der monatlichen Lotterie einen Treffer landen - und natürlich für die Bank. Doch schon 1950 hat die Wiesbadener Volksbank das erste Gewinnsparen veranstaltet. Millionen von Glücksspiel-Losen werden jedes Jahr verkauft. Allein die Volks- und Raiffeisenbank Baden-Württemberg verwaltet mehr als eine Million von ihnen. Statistiken über das Alter der Käufer werden allerdings nicht geführt.

Mein Eindruck?

 

Ich gebe zu, dass ich mir von Aussortiert und abkassiert - Altwerden in Deutschland mehr erhofft hatte: mehr Neues, mehr belastbare Aussagen, weniger Kritik "aus dem Bauch heraus". Viele Themen sind längst bekannt und werden seit Jahren diskutiert und durch die eine oder andere Gesetzesanpassung verändert. Andere Dinge, die hier von Opoczynski angesprochen werden, sind gar keine spezifischen Alten-, sondern vielmehr Behinderten-Probleme, die die körperlich, geistig und/oder psychisch beeinträchtigten alten Menschen mit einschließen. Die Probleme bezüglich der Pflege, die Vereinsamung von nicht mehr mobilen Menschen in den eigenen vier Wänden, die unpraktisch designten technischen Geräte oder Lebensmittelverpackungen - sie sind kein Thema für fitte Senioren, sondern für Menschen mit Beeinträchtigungen. 
Aussortiert und abkassiert - Altwerden in Deutschland wirkt auf mich, als hätte sich Michael Opoczynski seinen Rentner-Frust von der Seele geschrieben. Zu neuen Erkenntnissen hat mir das Buch leider nicht verholfen.

Aussortiert und abkassiert - Altwerden in Deutschland wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 19,99 € sowie als Kindle- oder epub-Edition 15,99 €.

Freitag, 22. Juli 2016

# 60 - Wenn nichts mehr ist, wie es mal war

"Wer bin ich?" - kein Ratespiel, sondern eine überlebenswichtige Frage

 

Eine Frau wacht auf der Intensivstation eines Krankenhauses aus dem Koma auf und erinnert sich an nichts: nicht an ihren Namen, nicht an ihr Leben, nicht an die Menschen, die ihr wichtig sein könnten. Mit diesem Szenario beginnt Fremdes Leben, der neueste Roman von Petra Hammesfahr.

Ein Stückwerk aus Erinnerungen

 

Sie ist sich völlig sicher: Die Frau, mit deren Namen sie die Ärztin im Krankenhaus anspricht, ist sie nicht. Mit "Claudia Beermann"  verbindet sie rein gar nichts. Sie ist Cilly Castrup, die Frau von Achim Castrup. Und sie ist sich sicher: Ihr Mann hat ihr eine Falle gestellt, um sie loszuwerden. Ganz deutlich kann sie sich daran erinnern, dass sie mit ihm in der Dunkelheit in ihrem SUV einen Aussichtspunkt angesteuert hatte, der sich in einem Steinbruch befand. Doch dann hatte Achim von einem merkwürdigen Geräusch im Motorraum gesprochen und angehalten. Sie hatte nichts dergleichen gehört, aber das musste ja nichts heißen. Achim war ausgestiegen, hatte die Motorhaube aufgeklappt, und dann hatte sich der Wagen rückwärts den steil abfallenden Weg hinunter in Bewegung gesetzt. Sie hatte es nicht mehr bis zur Bremse geschafft; wo sich der Schalter für die Handbremse befand, hatte sie nicht gewusst. Achim hatte nur dagestanden, mit hängenden Armen, und ihr ausdruckslos hinterhergesehen. Er hatte keinen Finger gerührt, um ihr zu helfen. Er hatte gewollt, dass sie stirbt. Das Letzte, an das sich die Frau, die mit "Frau Beermann" angesprochen wird, erinnern kann, ist der verschneite Steinbruch und ein einsamer Bauwagen. Und die kreischende Frauenstimme, die immer wieder "Mach sie tot! Mach sie tot!" schrie.

Erinnerungen sind wie ein Kartenspiel, das immer wieder neu gemischt wird

 

Je klarer sie wird, desto mehr Erinnerungsfetzen tauchen in ihrem Kopf auf. Die sie behandelnde Ärztin klärt sie über den Grund ihrer Einlieferung ins Krankenhaus auf: Sie hatte Ende 2012, also vor fast zwei Jahren, einen so schweren Autounfall, dass ihr Leben nur noch an einem seidenen Faden gehangen hatte und sie nach dem damaligen Klinikaufenthalt in eine private Pflegestelle gebracht worden ist. Niemand hatte daran geglaubt, dass sie je wieder aus dem Koma erwachen würde. Ihr Sterben war die wahrscheinlichste Variante gewesen. 
Nachdem man sie in der Pflegestelle fast zu Tode "gepflegt" hatte, war sie mit dem Rettungswagen in dieses Krankenhaus gebracht worden. Ihr Mann hatte die private Betreuung bezahlt. 

Sie ist also verheiratet, und zwar mit einem Carsten Beermann. Doch der braucht ein paar Tage, ehe er sich zum ersten Mal an ihrem Krankenbett sehen lässt. Von ihm erfährt sie im Laufe mehrerer Besuche immer mehr Details aus ihrem Leben, an das sie sich fast nicht erinnern kann. Carstens Schilderungen zufolge war sie ein eitles, selbstsüchtiges Miststück, das auch als Mutter - einen Sohn gibt es also auch noch! - komplett versagt hat. Sie soll sogar fremdgegangen sein.
Wie, um noch alles zu verschlimmern, tauchen immer wieder Erinnerungen auf, die sie in einem noch schlechteren Bild erscheinen lassen: Sie sieht einen an der Decke baumelnden Mann, eine junge Frau, die erstochen in einem brennenden Bett liegt und einen kleinen Jungen, der sich in einem Gitterbettchen in der brennenden Wohnung befindet und weinend nach seiner Mama ruft. Ihr ist völlig klar, dass sie es war, die die Frau umgebracht hat und dass sie nichts getan hat, um deren Sohn vor dem sicheren Feuertod zu retten.

Ein Mordversuch ist nicht genug

 

Die Zeichen verdichten sich, dass es sich bei der Patientin tatsächlich um Claudia Beermann handelt, aber diese Erkenntnis führt zunächst nicht unbedingt dazu, dass ihre Erinnerungslücken aufgefüllt werden würden. Sie erfährt, dass sie mit ihrem Mann zwar noch verheiratet ist, er aber mittlerweile in einer neuen Beziehung lebt und sogar wieder Vater geworden ist. Claudia Beermann schafft es, in der Rehaklinik ein Stück Selbstständigkeit zurückzugewinnen und eine kleine Wohnung zu beziehen, die ihr ihr Mann besorgt hat. Sie ist finanziell von seiner Unterstützung abhängig, weiß allerdings von ihm, dass sie Carsten vor ihrem Unfall mehrere zehntausend Euro für Umbauten in seinem Autohaus geliehen hat. Warum hatte sie das getan, wenn ihre Ehe seiner Schilderung nach längst in Trümmern lag? Und woher hatte sie so viel Geld? Nicht nur hier stößt sie auf Ungereimtheiten und ist sich nicht sicher, wem sie überhaupt vertrauen kann.
Auf der Suche nach der Vergangenheit fährt sie zum Haus, in dem sich die Pflegestelle befunden hat. Im Ort wird sie fast von einem Pkw überfahren, der ihr bekannt vorkommt und findet ihr Auto an einer ganz anderen Stelle wieder, als sie es abgestellt hatte. Für sie steht fest, dass es jemanden gibt, der sie aus dem Weg räumen will. Doch sie lässt sich nicht einschüchtern und fährt in das Dorf, in dem sie bei ihrer Großmutter aufgewachsen ist. Dort wird sie von Inge, einer früheren Nachbarin, angesprochen, die sie gut zu kennen scheint, an die sich Claudia allerdings nicht erinnern kann. Sagt Inge ihr die Wahrheit über ihr früheres Leben?

Guter Plot mit Schwächen

 

Fremdes Leben ist nicht der erste Roman, den ich von Petra Hammesfahr gelesen habe, alle vorangegangenen haben mir allerdings besser gefallen. Das Buch hatte wie erwartet einen starken psychologischen Einschlag, als Leser ist man angesichts der sehr unterschiedlichen Erinnerungen und Schlussfolgerungen von Claudia Beermann zunächst genauso ratlos wie sie. An manchen Stellen keimt eine Ahnung dessen auf, was sich an dem Tag, an dem sich das Leben der Hauptperson so grundlegend verändert hat, abgespielt haben könnte. Aber die Art, wie die Figur der Inge beschrieben wird, erinnert stark an einen selbstlosen Samariter. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Frau, die zwar im Haus gegenüber  der Großmutter wohnt, zu der der Kontakt aber immer eher oberflächlich gewesen ist, in einer Weise einsetzt, wie man sie von nahen Angehörigen oder der besten Freundin erwarten würde, finde ich relativ gering. Inge spielt allerdings eine Schlüsselrolle bei der Aufklärung dessen, was Claudia Beermann zugestoßen ist. Sie weiß außerdem bestens über deren Lebensumstände seit ihrer Kindheit bescheid. An dieser Stelle wird mir die Handlung zu unglaubwürdig.
Auch die Art und Weise, wie Claudia letztendlich mit den gewonnenen Erkenntnissen umgeht und welche Entscheidung sie bezüglich des Umgangs mit den Tätern trifft, habe ich als unwahrscheinlich empfunden.
Abgesehen von diesen Kritikpunkten ist Fremdes Leben ein Buch, das seine Leser durchgehend bei der Stange hält und für angenehme Lesestunden sorgt. 

Fremdes Leben ist im Diana-Verlag erschienen und wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.
Das Buch kostet als Hardcover-Ausgabe 19,99 €, als Audio-CD (gekürzte Lesung) 17,99 €, als epub- oder Kindle-Edition 15,99 € sowie als Hörbuch-Download (gekürzt) 13,95 €.
  

Freitag, 29. April 2016

# 48 - DER Wirtschaftskrimi des Jahres

Wenn ihr nicht wisst, wohin mit eurem Geld...

 

Am 3. April 2016 platzte die Bombe: Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte die Ergebnisse ihrer Recherchen zu den sog. "Panama Papers". Ein bis heute Unbekannter hatte den Journalisten Bastian Obermayer mehr als ein Jahr zuvor per Mail angesprochen und ihn gefragt, ob er Interessen an Daten habe. Dessen Neugier war geweckt. Das Buch Panama Papers - Die Geschichte einer weltweiten Enthüllung der beiden SZ-Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier wurde bereits drei Tage später auf den Markt gebracht und setzt in diesem ersten Augenblick der Kontaktaufnahme mit dem Informanten ein.

Es beginnt mit einer Handvoll Daten

 

Die "Gebrüder Obermay/ier", wie die beiden Kollegen wegen ihrer Namensähnlichkeit redaktionsintern genannt werden, haben zu diesem Zeitpunkt bereits Erfahrung mit Daten-Leaks: Sie haben 2013 über die Offshore-Leaks ebenso berichtet wie 2014 über die Luxemburg-Leaks. 2015 hatten sie über Swiss-Leaks geschrieben. Doch das, was ihnen da in Form eines nicht endenden Datenstroms über einen verschlüsselten Kommunikationsweg übermittelt wurde, sprengte die Dimension alles bisher Dagewesenen: Den Rekord hinsichtlich der Datenmenge hielt mit 260 GB bisher Offshore-Leaks, die Panama-Papers wuchsen an bis auf 2,6 Terabyte (TB), also dem 10-fachen des Offshore-Leaks. Diese gigantische Datenmenge stellte das bislang personell eher kleine Ressort "Investigative Recherchen" der Süddeutschen Zeitung vor ebenso gigantische Herausforderungen: Wie sollte dieser Datenberg jemals umfassend gesichtet und ausgewertet werden? Welche Hardware ist erforderlich, um der Datenmenge Herr zu werden? Wie schafft man es, dass nichts davon vor der Veröffentlichung nach außen dringt?

Eine logistische Herausforderung

 

Die panamaische Anwaltskanzlei Mossack Fonseca hatte bisher nicht im Mittelpunkt irgendwelcher Ermittlungen gestanden. Der anonyme Informant versorgte die Journalisten nun mit einer nicht abreißenden Datenflut, in der die beiden Inhaber, der Deutsche Jürgen Mossack sowie sein Teilhaber Rámon Fonseca, im Mittelpunkt stehen. Es geht um Briefkastenfirmen in den Steueroasen dieser Welt - von Panama bis zu den Britischen Jungferninseln. Die Gründung einer Briefkastenfirma ist für sich genommen nicht strafbar, aber in aller Regel dient diese dazu, das Vermögen der Superreichen rund um den Globus zu verstecken: vor den Steuerbehörden, der Strafverfolgung oder auch der Ehegattin, von der man sich trennen will.
Panama hat selbst die rechtliche Grundlage hierfür geschaffen: Das seit 1927 gültige Gesetz Nr. 32 garantiert, dass sich sowohl die Identität von Firmeninhabern als auch Überweisungen und die Größe von Vermögen geheimhalten lassen. Und nicht nur das: Den Profiteuren dieser Geheimniskrämerei wird auch Steuerfreiheit gewährt. Dem Staat Panama bleiben die Lohnsteuer der Firmenmitarbeiter, die Gewerbesteuer dieser "Sociedades Anónimas" und die Gebühren, die für die Firmengründung fällig werden. Das alles ist rasch zu haben: Die Firmengründer erwartet ein zügiges Verfahren zu vergleichsweise niedrigen Preisen ohne das Risiko, entdeckt zu werden. Ihr Name taucht nur in der die Transaktion abwickelnden Anwaltskanzlei auf - hier Mossack Fonseca. Üblicherweise ist hierbei immer derjenige Eigentümer einer Briefkastenfirma, der die Eigentumsurkunde buchstäblich in den Händen hält.

Der Kreis der Journalisten wird größer

 

Schon früh zeichnete sich ab, dass die vier Ressortmitglieder mit der Aufgabe, die Datenfülle aufzubereiten und darüber zu schreiben, überfordert sein würden. Deshalb wandten sie sich an den Direktor des International Consortium for Investigative Journalists (ICIJ) in Washington D. C. Die Obermay/iers sind beide seit 2013 dort Mitglied, was nur auf Empfehlung oder Einladung möglich ist. Zu diesem Kreis gehören weltweit ca. 200 Journalisten, ihre Arbeit wird nur durch Spender wie z. B. den Milliardär George Soros möglich.
Der ICIJ stieg mit großem Aufwand in das Projekt ein, und es gelang trotz des Umstands, dass mehr als 100 Reporter aus 80 Ländern an der Datenaufbereitung beteiligt waren, dass keine Informationen in unbefugte Hände gelangten. Den Autoren von Panama Papers - Die Geschichte einer weltweiten Enthüllung wurde dabei einmal mehr bewusst, in welch privilegierter Situation sie sich befinden: Den afrikanischen Kollegen fehlte das Geld für ein Flugticket zum Treffen in die USA, die beiden russischen Investigativreporter müssen um ihr Leben fürchten, einige andere Kollegen waren gezwungen sich darüber Gedanken zu machen, wie sie an das nötige Geld für ein leistungsstärkeres Laptop kommen. Das sind nicht die Sorgen, die man sich in München macht: Der Kauf des nach einigen Monaten nötigen Hochleistungsrechners im Wert von mehr als 15.000 Euro wurde ohne Diskussion genehmigt.


Die Daten enthalten zahllose Namen von politisch oder wirtschaftlich bedeutenden Personen aus der ganzen Welt, die Mehrzahl von ihnen aus Asien und Afrika, denen mithilfe der Panama Papers illegale Geschäfte mit Offshore-Konten nachgewiesen werden können. Darunter befinden sich auch sehr bekannte Personen wie die Familie al-Assad, der ehemalige deutsche Spion Werner Mauss oder der Sohn von Kofi Annan. Aber auch Organisationen wie die FIFA und die UEFA sind darunter. Die europäische Presse hat den Fall des Anfang April 2016 zurückgetretenen isländischen Ministerpräsidenten Sigmundur Davíð Gunnlaugsson aufmerksam verfolgt, der der Öffentlichkeit eine von ihm gegründete Briefkastenfirma verschwiegen hatte, die er für 1 Euro auf seine Frau übertrug.

Die Panama Leaks bieten das, was eine Strafverfolgung in den Ländern erst möglich macht: Beweise, und nicht nur Vermutungen und Verdächtigungen.

Die Arbeit an den Panama Papers krempelt das Leben um

 

Für mehr als ein Jahr mussten Bastian Obermeyer und Frederik Obermeier auf ihr Privatleben fast völlig verzichten. Mit dem ICIJ hatten sie eine Deadline vereinbart, bis zu der die Veröffentlichung der Panama Papers in allen weltweit beteiligten Zeitungen zeitgleich stattfinden sollte. Das Buch erzählt nicht nur von den Schwierigkeiten, sogar vor den eigenen Kollegen im SZ-Haus strikte Geheimhaltung zu wahren, sondern auch von den strengen Sicherheitsvorkehrungen, die getroffen werden mussten. Es schildert, dass Recherche süchtig machen kann und man darüber auch schon mal das Essen und Schlafen vergisst. Als sich die australische Firma Nuix bereiterklärte, ihre forensische IT-Software Nuix Investigator gratis zur Verfügung zu stellen, brachen praktisch alle Dämme: Mit diesem Programm, mit dem normalerweise die Börsenaufsichtsbehörde United States Securities and Exchange Commission (SEC) arbeitet, ist es bei der Suche nach Informationen in diesem Datenwust auch möglich, gefundene Daten sofort zu strukturieren, in eine Datenumgebung einzubinden und geordnet abzulegen. Die Autoren bezeichnen den Unterschied zwischen einer herkömmlichen Suchmaschine und Nuix wie den zwischen einer Seifenkiste und einem Formel-1-Rennwagen.

Nicht nur für Leser mit Interesse an Wirtschaftsthemen

 

Bastian Obermeyer und Frederik Obermaier haben sich beim Schreiben von Panama Papers - Die Geschichte einer weltweiten Enthüllung abgewechselt, was man dem Buch nicht anmerkt. Sie haben kein dröges Buch für Fans der Wirtschaftstheorie geschrieben, sondern einen wahren Wirtschaftskrimi, der sich auch ohne Wirtschafts- oder IT-Vorkenntnisse lesen lässt. Sie prangern an, dass 1 % der Menschheit auf Kosten der übrigen 99 % lebt und eigenmächtig darüber entscheidet, ob es überhaupt Steuern bezahlt. Doch sie schlagen auch einen Weg vor, wie die Staaten dieser Welt diese Situation ändern können. Ihre Lösung ist banal, aber es bräuchte den Willen aller Länder, sie umzusetzen. 

Panama Papers - Die Geschichte einer weltweiten Enthüllung kostet als broschierte Ausgabe 16,99 €, als Audio-CD 17,99 € sowie als epub- oder Kindle-Edition 14,99 €. Das Hörbuch ist ab 13. Mai 2016 zum Preis von 18,-- € erhältlich.



Vielen Dank!

Das Buch Panama Papers - Die Geschichte einer weltweiten Enthüllung wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich ganz herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorhandene Exemplare innerhalb eines Werktages. 
Die Kontaktdaten und Öffnungszeiten gibt es hier: Hemminger Buchhandlung