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Sonntag, 11. August 2024

# 447 - Jeder erzeugt ihn, aber keiner will etwas mit ihm zu tun haben: Müll

Wir haben alle diese Bilder vor Augen: indische Kinder,
die auf riesigen Müllhalden nach etwas Verwertbarem suchen oder Müllteppiche aus Plastik, die auf den Weltmeeren treiben. Mit dem Beginn der diesjährigen Urlaubssaison machten Meldungen von Touristen die Runde, die in der Hoffnung auf einen gelungenen Strandurlaub nach Bali reisten und anstelle einer Postkartenidylle Müllteppiche entlang von Flüssen und Stränden vorfanden. Ist die Entstehung und Entsorgung von Müll also ein Problem unserer modernen Gesellschaft?

Wer Roman Kösters Monographie Müll - Eine schmutzige Geschichte der Menschheit liest lernt, dass die Entstehung sowie die Entsorgung oder Verwertung von Abfall ein fester Bestandteil der Menschheitsgeschichte sind. Der Historiker geht das Thema chronologisch an, beschränkt sich jedoch nicht auf Europa, sondern betrachtet den Umgang mit Müll auch global. In seiner Einleitung weist Köster auf die immense Bedeutung des Müllproblems hin und nennt Zahlen: Nach Schätzungen der Weltbank fielen 2016 weltweit 2,01 Milliarden Tonnen Hausmüll an - industrieller Müll ist hier also noch gar nicht enthalten. Wird hier nicht konsequent eingegriffen, wird Prognosen zufolge die Hausmüllmenge im Jahr 2050 bereits bei 3,4 Milliarden Tonnen liegen. Seit 50 Jahren versuchen Umweltpolitiker, diese gewaltige Müllmenge zu reduzieren. Der Erfolg ihrer Bemühungen ist nicht wahrnehmbar.

Doch wann wird eine Sache zu Müll? Schon in dem Moment, in dem wir sie wegwerfen, oder erst dann, wenn ihr tatsächlich kein Wert mehr beigemessen wird? Hier kommt man am Recycling nicht vorbei. Schon vormoderne Gesellschaften haben Wiederverwertung von Dingen betrieben, die andere nicht mehr gebrauchen konnten: tierische und menschliche Fäkalien wurden als Dünger verwendet, getragene Kleidung wurde je nach Güte weiterverkauft oder für die Papierherstellung gebraucht, defekte metallene Gebrauchsgegenstände wurden repariert oder zu einem anderen Gegenstand umgearbeitet. Allerdings waren die Motive für diese Art des Recyclings andere als heute: Damals lebten auch in Europa viele Menschen in einer sie täglich existenziell bedrohenden Armut, die sie zum sparsamen Umgang mit Ressourcen zwang. Außerdem sorgte die Sammlung von Müll dafür, dass sich Menschen ein bescheidenes Auskommen sichern konnten. 

Köster erläutert, dass die Problematik der Müllentsorgung mit dem Beginn der Sesshaftigkeit der Menschheit vorwiegend Städte betraf. Schon die Maya kannten Mülldeponien, und in Troja hat es bereits im 5. Jahrhundert v. Chr. eine Straßenreinigung und eine Mülldeponie gegeben. Je mehr sich eine Stadt ausdehnte, umso schwieriger wurde es, für ein Mindestmaß an Stadthygiene zu sorgen: Müllhalden, die zuvor noch am Stadtrand lagen, befanden sich nun im bebauten Gebiet und beeinträchtigten die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger. Das galt ebenso für schmutzige Gewerbe wie Gerbereien oder Schlachtereien.

Seit den 1960-er Jahren wird ein großer Teil des Mülls in Verbrennungsanlagen vernichtet. Obwohl diese Anlagen mit immer besseren Filtern ausgestattet werden, ist bis heute unklar, welche bisher unbekannten Schadstoffpartikel die Schornsteine verlassen und Umwelt und Menschen schädigen. 

Den Beginn des Massenkonsums und damit drastischen Anstiegs der Müllmengen verortet Roman Köster nach dem Zweiten Weltkrieg: Der Trend zum Einkauf in Supermärkten und im Versandhandel machte neue Verpackungsformen und -mengen in einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß nötig.

Sogar der Beginn der Vermüllung der Meere mit Plastikabfällen lässt sich relativ genau bestimmen: Köster erzählt, dass die beiden Schriftsteller Thomas Mann und Aldous Huxley 1938 am Strand von Santa Monica spazieren gingen. Dort entdeckten sie eine große Menge von kleinen weißen Würmern. Bei näherem Hinsehen stellten sie fest, dass es sich um benutzte Kondome handelte, die durch die Abflussrohre von Los Angeles an den Strand gespült worden waren.
Mittlerweile sind fünf Müllteppiche ("Great Pacific Garbage Patches") bekannt, die sich im Atlantischen, Pazifischen und Indischen Ozean befinden. Sie sind durch Meeresströmungen entstanden, der größte ist dreimal so groß wie Frankreich.

Lesen?

Müll - Eine schmutzige Geschichte der Menschheit vermittelt durch seine umfassende Darstellung der Müllgeschichte und -problematik, wie dringend die globale Müllmenge verringert werden muss.

In seinem Epilog geht Roman Köster auf die Frage ein, wie eine erfolgreiche Müllreduzierung aussehen könnte. Spoiler: Die Erziehung der Verbraucher zur Müllvermeidung führt zu einem so geringen Effekt, dass nur mit ihr das Problem nicht gelöst werden kann.

Müll - Eine schmutzige Geschichte der Menschheit wurde für den Deutschen Sachbuchpreis 2024 nominiert und ist ein aufschlussreiches Sachbuch, das nicht nur eindringlich, sondern auch sehr gut verständlich die Müllproblematik erläutert.

Müll - Eine schmutzige Geschichte der Menschheit ist 2023 im Verlag C.H.Beck oHG erschienen und kostet gebunden 29 Euro sowie als E-Book 22,99 Euro.

Sonntag, 29. Mai 2022

# 349 - Gier - Wo ist die Grenze?

Vor einigen Wochen hatte ich hier bereits ein Buch
vorgestellt, das in einer neuen Reihe des Hirzel Verlags erschienen ist, die sich mit den Todsünden beschäftigt. Die Journalistin und Autorin Barbara Streidl hat sich in ihrem Essay mit der Gier auseinandergesetzt und verrät im Untertitel, worum es ihr geht: Wenn genug nicht genug ist zielt auf die Probleme, die dann entstehen, wenn Menschen - salopp gesagt - den Hals nicht voll kriegen können.

Ist die Gier eine Sünde, die für einen bestimmten Menschenschlag typisch ist oder kennen wir das maßlose Verhalten in allen Bevölkerungsgruppen? Wer sich und sein Verhalten kritisch hinterfragt, wird feststellen, dass er selbst ebenfalls hier und da zur Gier neigt. Sei es das Super-Sonderangebot an der Fleischtheke oder die Billigkleidung aus Fernost: Menschen, die solche Güter kaufen, nehmen hin, dass Tiere unter unwürdigsten Bedingungen leben und getötet werden und Arbeiterinnen und Arbeiter unter Verhältnissen Geld verdienen, die man seinem ärgsten Feind nicht zumuten würde. Aber viele Menschen verhalten sich dabei wie dreijährige Kinder: Was ich nicht sehe, existiert nicht. Und greifen zu.

Auch durch die Berichterstattung der Medien kann man den Eindruck gewinnen, dass das Heil in immer mehr Wachstum liegt: Steigen Bruttosozialprodukt und Bruttoinlandsprodukt, freuen sich Unternehmen und Wirtschaftsforschungsinstitute; zeigt der Trend abwärts, senken sie unheilvoll den Daumen. Das alles geschieht vor dem Hintergrund einer Warnung, die schon vor 50 Jahren von renommierten Wissenschatlern ausgesprochen wurde, jedoch in der Kakophonie der vielen anderen Nachrichten unterzugehen scheint: In seinem Bericht "Die Grenzen des Wachstums" zeigt der Club of Rome sehr deutlich auf, dass das Mantra des immerwährenden Wirtschaftswachstums aus verschiedenen Gründen nicht nur Unfug ist, sondern unser Leben schlechter macht.

Streidl bewertet auch die auf der Gier beruhenden Skandale der letzten Jahrzehnte: Da sind beispielsweise die österreichischen Winzer, die ihren Wein mit Glykol gestreckt hatten, die fortschreitende Gentrifizierung in den Städten oder die Hedgefonds, die Firmen nur aufkaufen, um sie auszuschlachten. Hinter allem steckt die grundsätzliche Haltung, dass es ein 'Genug' nicht gibt. Das 'Mehr' ist das, was zählt; der Verzicht ist nicht populär.

Nachdenklich macht ein Kapitel, das mit "Wie viele Sklaven halten Sie?" betitelt ist. Es geht um das System, das die Menschen in Gewinner und Verlierer des globalen Kapitalismus' einteilt: Auf der einen Seite sind die, die sich am (günstigen) Konsum von Technikartikeln, Flugreisen oder Billigkleidung erfreuen - auf der anderen diejenigen, die keine andere Wahl haben, als dieses System zu mickrigen Löhnen am Laufen zu halten. Doch was steckt hinter diesem ständigen Konsum? Streidl zitiert hier die Philosophin Caroline Krüger, die in unserem Konsumverhalten eine Eskalation von Wünschen und Erwartungen sieht: Es mangelt am Innehalten, um sich zu fragen: Habe ich nicht längst genug?

Lesen?

Gier zeigt deutlich auf, wo die menschliche Maßlosigkeit anzutreffen ist und was sie anrichtet. Wer das Buch gelesen hat, kommt nicht mehr an der Frage vorbei, ob das eigene Konsumverhalten von Notwendigkeit oder doch eher von Überfluss geprägt ist. Kaufen wir etwas, weil wir es tatsächlich brauchen, oder weil es z. B. in unserem Freundeskreis "angesagt" ist oder wir mit dem Kauf eine innere Leere füllen? Mit etwas Selbstkritik lässt sich das wahrscheinlich beantworten.

Eine Stelle gab es allerdings, die mich irritiert hat: Streidl sieht im Lebenswandel vieler Rockstars eine ausgeprägte Gier nach Aufmerksamkeit, Erfolg und Drogen und bezieht sich auf den sog. "Club 27". Damit sind bekannte Musikerinnen und Musiker gemeint, die schon mit 27 Jahren an den Folgen ihres ausschweifenden Lebensstils gestorben sind. Dazu gehören u. a. Amy Winehouse, Jimi Hendrix und Janis Joplin. Alle waren drogensüchtig, sodass mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden kann, dass sie auch psychisch krank waren. Unter diesen Vorzeichen fällt es mir schwer, das Verhalten von kranken Menschen als Gier zu bezeichnen.

Gier ist 2022 im Hirzel Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 15 Euro sowie als E-Book 13,90 Euro.