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Samstag, 17. Oktober 2026

# 519 - Einfach sanieren

Carsten Herbert ist Bauingenieur und durch seine YouTube-Videos auf seinem Kanal Energiesparkommissar bekannt geworden. Er hat bereits mehrere Bücher zu den Themen Energie sparen, Wärmepumpen und Sanierung geschrieben, die sich in ihrer verständlichen Art an Laien richten. 

Jetzt ist sein neuestes Buch erschienen: Mit Einfach sanieren verspricht er im Untertitel 25 kostengünstige Maßnahmen für Ihr Haus. Kann das Buch dieses Versprechen einhalten?

Herbert hat den Anspruch, auch von Leserinnen und Lesern, die sich nie zuvor mit dem Thema Sanierung beschäftigt haben, verstanden zu werden. Da ist es nur folgerichtig, mit den Grundlagen zu beginnen: Wenn man nicht weiß, wie viel Energie das eigene Haus verbraucht, kann man nicht einschätzen, ob energetische Maßnahmen sinnvoll und nötig sind.

Der nächste Schritt ist zu verstehen, an welchen Stellen im Gebäude Wärme verloren geht. Wer glaubt, dass alles von einer schlecht oder gar nicht gedämmten Wand abhängt, lernt mit diesem Buch dazu. Herbert zeigt zahlreiche Gründe für Wärmeverluste auf: Transmission, Konvektion, Wärmestrahlung oder nicht optimal genutzte Heizungsanlagen gehören zu den "Dauerbrennern", die sich in zahlreichen Häusern finden. Keine Ahnung, worum es dabei geht? Macht nichts: Herbert erläutert ausführlich Begriffe und Zusammenhänge.

Doch bevor eine Handwerksfirma mit der Fassadendämmung oder dem Fensteraustausch beauftragt wird, sollte überlegt werden, mit welchen einfachen Maßnahmen spürbare Erfolge erzielt werden können, ohne große Summen investieren zu müssen. Ein Beispiel ist die von Herbert als "schlafender Riese" bezeichnete Optimierung der Heizungsanlage. Laut dem Experten sind "rund 80 Prozent aller Anlagen in Deutschland nicht optimal eingestellt". Seine Vorschläge sind unter anderem die Anpassung der Heizkurve, das Dämmen freiliegender Rohre oder der Kauf von Sparduschköpfen.

Da, wo für technische Anpassungen besondere Kenntnisse nötig sind, wird die Herangehensweise von Herbert genau erklärt. Er lässt seine Leserinnen und Leser mit der Anpassung der Heizkurve oder dem hydraulischen Abgleich nicht allein.

Aber wenn es in einem Buch ums Sanieren geht, kommt man auch an kostspieligeren Investitionen nicht vorbei. Dazu gehören die Außenwanddämmung und die Anschaffung einer Wärmepumpe. Das Buch erklärt die jeweiligen Varianten, weist auf die Vor- und Nachteile hin und erläutert, worauf bei einem Einbau geachtet werden muss.

Zum Schluss fasst Carsten Herbert alle vorgeschlagenen Maßnehmen übersichtlich in einer Tabelle zusammen. Hier erkennt man auf einen Blick, wie hoch die jeweiligen Kosten, die Einsparungen sowie die Rendite ausfallen.

Lesen?

Einfach sanieren ist sehr gut geeignet, um sich einen Überblick über Sanierungsmaßnahmen zu verschaffen. Carsten Herbert vermittelt, dass sich auch mit wenig Geld und Aufwand ein großer Einspareffekt erreichen lässt.

Einfach sanieren ist im September 2026 im Verlag Stiftung Warentest erschienen und kostet 24,90 Euro.

Sonntag, 11. Oktober 2026

# 518 - Das Ende des Lesens?

In Deutschland und der Schweiz können 20 Prozent
der Menschen im Alter zwischen 16 und 65 Jahren zusammenhängende Texte nicht sicher verstehen. In Österreich sind es sogar 27 Prozent in dieser Altersgruppe1, in Großbritannien immerhin noch 18 Prozent. Nur 31 Prozent der Deutschen lesen noch gedruckte Bücher.2

Ob dem britischen Journalisten James Marriott alle Zahlen bekannt sind, darf bezweifelt werden, er wird die Zahl für sein Heimatland aber sicher kennen. Möglicherweise gab sie den Anstoß für sein Buch Das Ende des Lesens.

Das Ende des Lesens? Klingt das nicht nach Fatalismus und Leseuntergangsstimmung? Während dieser Text entsteht, geht mit der Frankfurter Buchmesse 2026 die größte Buchmesse der Welt zu Ende. Wie jedes Jahr werden sich Tausende Buchfans durch die mit Neuveröffentlichungen prall gefüllten Hallen geschoben haben. Im letzten Jahr waren 240.000 Besucherinnen und Besucher dort, die Hälfte davon privat. Das klingt nicht nach einem Dahinsiechen der Printmedien - oder?

Marriott erklärt anhand der Geschichte des Lesens, welche fundamentalen Umwälzungen diese Fähigkeit mit sich gebracht hat. Er zeichnet den Weg von den mittelalterlichen Skriptorien über die Erfindung des Buchdrucks bis zu unseren digitalen Endgeräten nach, mit deren Hilfe wir heute viele Informationen und Unterhaltung bekommen. Im 18. Jahrhundert war die Lesefähigkeit der Schlüssel zur Demokratie; davon ist nicht mehr viel übrig. 

Im 21. Jahrhundert nehmen wir meistens gar nicht wahr, wie wir von den unterschiedlichsten Texten überflutet werden. Bedruckte Verpackungen, Hinweis- und Werbeschilder, aufploppende (Kurz-)Nachrichten: Ständig begegnen uns in unserem Alltag kurze und längere Texte, die mithilfe unterschiedlicher Medien vermittelt werden.

Doch das ist nicht das, was für James Marriott relevant ist. Er beklagt den Rückgang der Fähigkeit, längere und komplexere Texte sinnerfassend zu lesen. Konkret: das Lesen von Büchern. Mit diesem Rückgang geht die wachsende Unfähigkeit einher, lange und sinnvolle Texte zu schreiben, die über den Umfang eines Einkaufszettels hinausgehen. Wann haben wir per Hand zum letzten Mal einen Brief geschrieben? Man muss das Briefeschreiben sicher nicht so ausufernd betreiben wie der deutsche Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz: Er hatte über eintausend Briefpartnerinnen und -partner, mit denen er sich auf Deutsch oder Latein austauschte. Marriott stellt fest, dass allein der Briefverkehr zwischen Leibniz und Voltaire sowie Benjamin Franklin jeweils mehrere Zehntausend Briefe umfasste. Das war schon damals nicht zeitgemäß.

Die Gemeinsamkeit zwischen dem Schreiben eines Briefs und dem Lesen eines Buches macht deutlich, worum es Marriott im Kern geht: Immer mehr Menschen beschäftigen sich nicht mehr vertieft mit Texten. Geschriebenes wird nur noch überflogen, aber nicht mehr hinterfragt oder in einen Zusammenhang gebracht. Das erschwert, eigene Standpunkte zu entwickeln und sich eine fundierte Meinung zu bilden. Doch wann hat diese Entwicklung begonnen? Marriott verortet nicht erst die massenhafte Verbreitung durch Internetangebote als Auslöser für die mangelnde Lese- und Schreibkompetenz, sondern setzt schon deutlich früher an: beim Siegeszug des Fernsehens. Denn: Mehr Fernsehzeit bedeutet weniger Lesezeit.

Und was ist daran so problematisch? Unter dem Hinweis auf den früheren Gewerkschaftsführer John Brophy (1883-1963) sowie den britischen Politiker John Robert Clynes (1869-1949) stellt Marriott fest:
"Im Zeitalter der Bildschirme kehrt die Ungleichheit zurück, die wir für gebannt hielten. Einer zunehmend gespaltenen, polarisierten und schlecht informierten Öffentlichkeit fehlt es an den nötigen Informationen, um die verantwortlichen Personen zur Rechenschaft zu ziehen. Heute laufen allzu viele von uns Gefahr, zur Beute von politischen Betrügern und Schurken zu werden."

Lesen?

Das Lesen gehört zu den anspruchsvollsten kognitiven Fähigkeiten. Marriott hat recht, wenn er sagt, dass sich komplexere Inhalte nicht in vollem Umfang erfassen lassen, wenn diese Fähigkeit verkümmert, weil wir uns von YouTube, Social Media-Plattformen oder Messengerdiensten nur noch berieseln lassen. Lesen zu können bedeutet auch, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Wer verschiedene Textarten erfassen und politischen Diskussionen folgen kann, weiß, wie eine Gesellschaft funktioniert und wie man sich gegen Fehlentwicklungen wehren kann.

Ganz nebenbei verbessert das Lesen die Abstraktionsfähigkeit und die Gedächtnisleistung. Wem das noch nicht reicht: Es macht auch Spaß.

James Marriott ist ein überzeugender und interessanter Überblick über die Entwicklung des Lesens gelungen. Dahinter verblasst, dass er Behauptungen an manchen Stellen nicht näher ausführt, sondern sie ohne weitere Erläuterung stehen lässt.

Das Ende des Lesens ist im Oktober 2026 im DuMont Buchverlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe (mit Lesebändchen) 20 Euro, als E-Book 14,99 Euro.





 1: Studie vergleicht Entwicklung geringer Schreib- und Lesekompetenz in Deutschland, Österreich und der Schweiz : Newsroom : Universität Hamburg

2: Statista Consumer Insights

Sonntag, 16. August 2026

# 514 - Die Geschichte eines antrieblosen Schiffs

Der US-Historiker Ian Kumekawa hat mit Beliebige
Fracht
 ein Buch geschrieben, das sich mit der Globalisierung, der Wirtschaft sowie der unübersichtlichen Welt der Offshore-Transaktionen beschäftigt. Das klingt trocken, ist es aber nicht: Kumekawa stellt ein Schiff in den Mittelpunkt seines Sachbuches, das niemals manövrierfähig war. 

Dieses 1979 in Schweden gebaute Schiff war ebenso wie sein zwei Jahre später fertiggestelltes Schwesterschiff nicht dazu gedacht, als Frachtschiff über die Weltmeere zu fahren. Es entstand in einer Zeit, als es den schwedischen Werften schlecht ging und die Regierung mit massiven Zuschüssen versuchte, die Branche vor dem Absturz zu retten. Ein norwegischer Reeder gab ihren Bau in Auftrag. Das Ziel der Schiffe sollten Ölplattformen in der Nordsee sein. Doch dann kam die Ölkrise und änderte alles. Es begann eine maritime Odyssee an die Küsten der Kontinente.

Das von Kumekawa verfolgte Schiff ist eher ein Lastkahn, der wie ein Ponton funktionierte. Wurde das Schiff an einem Ort benötigt, musste es durch einen Hochseeschlepper oder ein Halbtaucherschiff dorthin gebracht werden. Das Bemerkenswerte ist hier jedoch, dass zwar Container befördert wurden, diese aber nie Ladung enthielten: Sie wurden nur als Unterkunft benutzt. So erklärt sich auch der Titel der englischsprachigen Originalausgabe dieses Buches: Empty Vessels.

Die Geschichte der beiden Schiffe bildet rd. 45 Jahre Weltwirtschaft und die Folgen von Globalisierung und Sozialpolitik ab. Sie waren von Anfang an Spekulationsmasse und dienten in verschiedenen Ländern Soldaten, Strafgefangenen oder VW-Mitarbeitern als Zuhause. Kumekawa erklärt, welche juristischen Winkelzüge bei der Beflaggung von Schiffen eine Rolle spielen und was sie mit der Umgehung von Arbeitsschutzvorschriften, der Höhe der Heuer oder der Entstehung von Briefkastenfirmen zu tun haben.

In neun Kapiteln - eines für jeden Ort, an den das Schiff geschleppt wurde - beleuchtet Kumekawa nicht nur die historischen und wirtschaftlichen Hintergründe seines Liegeplatzes und -zwecks, sondern beschreibt auch, welche Bedeutung es für die Menschen auf ihm und um es herum hatte. Zitat: "Das Schiff hatte sich immer weiter offshore bewegt, weil die Welt insgesamt es auch tat. Man hatte es für die buchstäblichen Wellen des Ozeans gebaut, aber im übertragenen Sinn auch für die Welle des boomenden Offshore-Ölmarkts - und möglicherweise unbeabsichtigt war es so konstruiert, dass es auch auf der noch viel größeren Welle des Offshorings an sich reiten konnte. [...] Und genau das war unser Schiff: ein Werkzeug des multinationalen Strebens, die Grenzen nationaler Souveränität zu überschreiten und an einer neuen, postimperialen Grenzlinie Profite zu machen."

Lesen?

Beliebige Fracht ist eines der anschaulichsten und verständlichsten Bücher, die ich zu den Themen Globalisierung und Neoliberalismus bislang gelesen habe. Die beiden Schiffe wurden abgewrackt, ihre Geschichte ist zu Ende. Die der Globalisierung und des Neoliberalismus' nicht.

Beliebige Fracht ist 2026 bei Harper Collins erschienen und kostet 26 Euro.


Das Schiff diente unter dem Namen HMP Wear vor dem britischen Portland 
von 1997 bis 2005 als Gefängnisschiff.
Quelle: Andrew Bone unter  HMP Weare | Floating prison ship in Portland Port from 1997-… | Flickr




Samstag, 4. Juli 2026

# 510 - Dear Britain - Was macht England aus?

Die ehemalige ARD-Auslandskorrespondentin Annette Dittert übernahm im September 2008 die Leitung des NDR-Studios in London und beschäftigt sich seitdem damit, das Land und seine Menschen zu ergründen. Mit ihrem Buch Dear Britain will sie beantworten, was das Lebensgefühl der Briten prägt, was es mit ihrem bekanntlich sehr besonderen Humor auf sich hat und wie die Bevölkerung den Austritt aus der EU sechs Jahre nach dessen Vollzug bewertet. 

In den fast zwanzig Jahren, die Dittert in London gelebt und gearbeitet hat, hat sie sich einerseits zu Hause gefühlt, andererseits aber auch Besonderheiten registriert, die Briten von Deutschen unterscheiden. Und dann ist da noch das spezielle Verhältnis von Engländern, Schotten und Walisern zueinander, das sich von außen nur schwer erschließt.

Miteinander in Kontakt zu kommen, persönliche Gespräche zu führen: Das ist etwas, das Annette Dittert in Jahrzehnten als Journalistin praktiziert hat. Auf diese Weise hat sie sich auch für ihr Buch Menschen genähert, die ihr Auskunft über Dinge gegeben haben, die wir als "very british" empfinden: über die Clubs, die immer noch fast vollständig Männern vorbehalten sind und sich erst seit kurzer Zeit zurückhaltend für weibliche Mitglieder öffnen, das Verhältnis der Briten zum Königshaus, die unterschiedlich stark verfolgten Abspaltungsziele von Schottland und Wales oder das Hinnehmen und Ignorieren von unangenehmen Tatsachen als kulturelle Eigenheit.

Dear Britain ist von der großen Zuneigung Ditterts zu diesem Land durchzogen, die der Grund war, sich um die britische Staatsbürgerschaft zu bemühen. Seit 2025 ist die Journalistin sowohl deutsche als auch britische Staatsbürgerin. Das hält sie jedoch nicht davon ab, die Schwierigkeiten des Landes klar zu benennen und für ihre Leserinnen und Leser anschaulich zu schildern: Sie geht hart mit dem ehemaligen Premierminister Boris Johnson ins Gericht, den sie wegen seiner Rolle rund um den Brexit als "menschliche Abrissbirne" bezeichnet und ihn für die Verschiebung des politischen Diskurses sowie den Zerfall der Tory-Partei verantwortlich macht.

Annette Dittert berichtet von sozialen Verwerfungen, von denen in Deutschland kaum jemand etwas weiß: dem althergebrachten Klassensystem, den desaströsen Folgen der Privatisierung der Wasserversorgung unter Margaret Thatcher, der deutlichen Zunahme der Armut seit dem Brexit (ein Drittel der Kinder ist armutsgefährdet), dem zunehmenden Rassismus oder der Konzentration von Landbesitz auf wenige Eigentümer (über 50 Prozent der Ländereien gehören einem Prozent der englischen Bevölkerung, und nur acht Prozent des Landes können von allen betreten werden). Gleich zu Beginn ihres Buches resümiert sie: "Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum steht es schlecht um die alte Selbstsicherheit und die gelassene Liberalität der Briten. Ihr legendärer Ruf als pragmatisch-rationale Nation ist dahin."

Wir wissen aus den Nachrichten, dass ausgerechnet Nigel Farage, der den Briten bei einem Brexit das Blaue vom Himmel versprochen hat, derzeit in der Wählergunst die Nase vorn hat. Wie kann das sein, dass die Menschen jemanden wählen würden, der sie glatt belogen hat? Annette Dittert spricht über die tiefe Enttäuschung und Wut der Bürger und Bürgerinnen in den Labour-Hochburgen und deren Überzeugung, verraten worden zu sein. Viele Male ist ihr nicht nur dort dieser Satz begegnet: "Wir wissen doch genau, dass Nigel Farage und die Rechten es auch nicht besser können, aber wenigstens jagen sie dann den ganzen Laden in die Luft!" Das ist die Sorte Fatalismus, die uns aus Deutschland bekannt vorkommt.

Lesen?

Annette Dittert erzählt mit viel Empathie und Sachkenntnis über ihre zweite Heimat England. Trotz aller Kritik an der Entwicklung, die das Land seit dem EU-Austritt genommen hat, schreibt sie mit Zuneigung von seinen Menschen (mit Ausnahme von Boris Johnson) und ihren Eigenschaften. Sie macht jedoch deutlich, dass viele Traditionen, die auf den ersten Blick skurril wirken, vor allem dem Erhalt von Macht und Status dienen. 

Nichts hält Dittert jedoch davon ab, London "meine einzige große Liebe" zu nennen, auch wenn es dort Entwicklungen wie zum Beispiel die krasse Gentrifizierung gibt, über die sie sich ärgert. Aber: "Wie in jeder alten Ehe haben wir gute und schlechte Tage miteinander, aber die guten Tage überwiegen bei Weitem." So unterhaltsam, wie sie Dear Britain geschrieben hat, nimmt man das Annette Dittert auf jeden Fall ab.

Dear Britain ist 2026 im DuMont Buchverlag erschienen und kostet gebunden 24 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.

Sonntag, 21. Juni 2026

# 509 - 20.150 Kilometer: Mit dem Fahrrad von Freiburg nach Kapstadt

Auf das Buch Immer Richtung Süden von Wiebke
Lühmann wurde ich erst aufmerksam, nachdem ich im Kino den Film Same Sun gesehen hatte. Das, was dort in achtzig Minuten gezeigt wurde, wollte ich auf jeden Fall noch genauer nachlesen: Lühmann erzählt von ihrer Fahrradreise, die im Oktober 2023 im heimischen Freiburg im Breisgau beginnt und erst 20.150 Kilometer und 14 Monate später kurz vor Weihnachten 2024 am Kap der Guten Hoffnung in Südafrika endet.

Wiebke Lühmann hatte zuvor schon einige lange Radreisen gemacht, aber diese hier sollte sich von ihnen abheben. Die Fahrt war zunächst im Team mit ihrem Lebenspartner geplant, doch kurz vor dem Start zerbrach die Beziehung. Sollte sie nun aufgeben, bevor sie auch nur einen Kilometer gefahren war? Und hatten diejenigen, die sie vor den Gefahren, die auf eine allein reisende Frau warteten, recht? Nach Wochen des Haderns setzt Lühmann der Unsicherheit die Planung entgegen und sie sagt: "Ich benenne die Angst am liebsten um: Respekt. Ich habe viel Respekt vor der Reise."

Lühmann verlässt am 29. Dezember 2023 auf einer Fähre europäischen Boden und setzt nach Tanger über. Jetzt beginnt der Teil der Reise, der die größten Unsicherheiten birgt. Wie werden ihr die Menschen unterwegs begegnen: freundlich oder mit Vorbehalten? Wie gut sind die Straßen und Unterkünfte? Wie lassen sich der Wunsch nach Freiheit und das Alleinsein miteinander vereinbaren? Vor welchen Schwierigkeiten wird sie stehen, von denen sie am Beginn der Reise keine Vorstellung hatte?
"Ich merke, dass ich Afrika als Kontinent einfach voll unterschätzt habe", sagt Wiebke Lühmann im Film.

Wenn wir ehrlich sind, müssen die meisten von uns zugeben, dass es ihnen ähnlich gehen würde: Die Fahrt führt mit einigen Abstechern ins Landesinnere an der Westküste Afrikas entlang - durch Marokko, die Westsahara, Mauretanien, Senegal, Gambia, Guinea-Bissau, Guinea, Sierra Leone, Liberia, Côte d'Ivoire, Ghana, Togo, Benin, Nigeria, Kamerun, Republik Kongo, Angola, Namibia und schließlich Südafrika. Während uns völlig klar ist, dass in jedem europäischen Land eigene Regeln gelten, haben wir von Afrika ein diffuses Bild und neigen dazu, den Kontinent als homogenes Staatengebilde zu sehen. 

Wiebke Lühmann begegnet unterwegs anderen Radreisenden und schließt sich mit ihnen für kürzere oder lange Etappen zusammen. Die längste Strecke fährt sie mit einem gleichaltrigen Franzosen. Doch die beiden sind sehr unterschiedliche Menschen, sodass die gemeinsame Zeit aus vielen Hochs, aber auch Konflikten besteht. 

Lühmann stellt fest, dass die größte Gefahr in Afrika nicht etwa von Menschen, Schlangen oder Raubtieren ausgeht, sondern von einem Tier, das nur sechs Millimeter groß und zweieinhalb Milligramm leicht ist: der Anopheles-Mücke, die durch ihren Stich Malaria überträgt und damit für jährlich mehr als 600.000 Tote auf dem afrikanischen Kontinent verantwortlich ist. Während sie selbst schon in Deutschland Prophylaxe-Tabletten gekauft hat, sind Menschen in stark betroffenen Gebieten von Hilfsorganisationen abhängig, die Medikamente verteilen. Kommt es zu einer Erkrankung, ist der Krankenhausaufenthalt für die meisten unerschwinglich.

Auf ihrem Weg trifft Lühmann mehrmals auf Spuren des Kolonialismus'. Eindrucksvoll beschreibt sie eine Führung in einem Museum zum transatlantischen Sklavenhandel in Ghana, das sich in einer von Europäern erbauten Uferfestung mit Sklavenverliesen befindet. Der Guide betont am Ende der Führung: "Das hier ist kein Ort des Hasses mehr." Dann fügt er eindringlich hinzu: „Die Verantwortung endet nicht in der Vergangenheit. Sie liegt auch im Heute, in dem, wie wir handeln, wie wir miteinander umgehen, wie wir die Welt gestalten."

Wiebke Lühmann erfährt, welches Privileg es ist, in einem Land zu leben, mit dessen Reisepass 185 Länder und Regionen bereist werden können, ohne dass ein Visum beantragt werden muss. Dort, wo es dennoch nötig wird, ist sie oft vom Wohlwollen der örtlichen Beamten abhängig.

Lühmann erlebt, dass man in Nigeria am Geldautomaten nur so wenig abheben kann, dass es mit der Karte einer deutschen Bank nicht möglich ist: Der Höchstbetrag liegt bei umgerechnet 2,65 Euro. Kein Wunder, denn das durchschnittliche Monatseinkommen beträgt nur 130 bis 140 Euro pro Kopf.

Die Überquerung des Äquators verläuft unspektakulär, aber danach ändert sich die Landschaft gravierend: Der Regenwald steht dort nicht unter Naturschutz. An die Stelle von üppiger Vegetation treten "gerodete Flächen mit verbrannter Erde und [wir] sehen kahle, graue Baumstümpfe, die wie abgebrochene Zähne aus dem Boden ragen. Lange, voll beladene Lkw mit riesengroßen Baumstämmen donnern an uns vorbei. Holz, das hier nachhaltig fehlt.” Und sie sagt: „Die Trockenheit ist überall sichtbar und spürbar. Eine der dramatischen Folgen der Abholzung. Die Lebensgrundlage schwindet und man kann dabei zuschauen. Das Kongobecken, der zweitgrößte Regenwald der Welt, das Tonnen von Kohlenstoff bindet, wird immer kleiner."

Lesen?

Immer Richtung Süden ist ein spannender Bericht, in dem Wiebke Lühmann neben den schönen Erlebnissen und Eindrücken schonungslos auch über ihre Ängste, ihre phasenweise Verzweiflung und den spontanen Entschluss schreibt, die Reise abzubrechen und nach Hause zu fliegen. Die Tour hat sie nicht nur körperlich, sondern auch emotional an ihre Grenzen gebracht. Rückblickend schreibt sie: "Ich habe nach Freiheit gesucht, wollte Unabhängigkeit finden. Doch jetzt spüre ich ein Gefühl besonders stark: Verbundenheit. Zu Menschen, zu Ländern, zu Dörfern, zur Natur. Was mich durch die Reise getragen hat, ist das Wissen, dass ich connected bin. Dass ich nicht alles allein schaffen muss. Dass ich gern helfe, gern da bin, gern verstehe. Aber dass ich genauso auch Hilfe und andere Menschen in meinem Leben brauche, die mich verstehen. Dass wir als Gesellschaft einander brauchen. Und dass wir alle gewinnen, wenn wir einander zuhören, verstehen lernen und da sind.”

Eine Erkenntnis, die wir uns zu eigen machen sollten.

Immer Richtung Süden ist 2026 im Delius Klasing Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24,90 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.



Freitag, 5. Juni 2026

# 507 - Wer hat was gesagt und warum?

Wer etwas auf seine Bildung hält und das auch seinen
Mitmenschen zeigen will, neigt oft dazu, bekannte Persönlichkeiten zu zitieren. "Der Weg ist das Ziel" ist ein beliebter Motivationsslogan bei Coachings und geht auf den chinesischen Gelehrten Konfuzius zurück, der diesen Ausspruch vor 2.500 Jahren getan haben soll. Zumindest sagen das seine Schüler, die viele seiner klugen Sätze in den Analekten niedergeschrieben haben. Konfuzius hat selbst jedoch gar nichts selbst verfasst. Stammt dieses Zitat also tatsächlich von ihm? 

Das weiß man genauso wenig wie bei den Zitaten, die dem griechischen Philosophen Sokrates zugeschrieben werden, der es mit dem Schreiben genauso wenig hatte wie sein chinesischer Kollege: "Ich weiß, dass ich nichts weiß" gehört zu den bekanntesten Aussprüchen, die Sokrates' Schüler Platon eifrig mitgeschrieben hat, allerdings in der Originalversion. Sokrates war wegen des Vorwurfs, ein gottloser Wortverdreher zu sein und die Jugend zu verderben, 399 v. Chr. vom Athener Volksgericht angeklagt worden. In seiner Rede grenzte er sich von sogenannten Experten ab, die seiner Ansicht nach nur über Meinungen, aber nicht über Fachwissen verfügten: "Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als er, dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen." Das kam beim Gericht gar nicht gut an, das Todesurteil gegen Sokrates war schnell gesprochen.
Dieser lange Satz taugte allerdings nicht dazu, als griffiges Zitat unsterblich zu werden. Für ein handhabbares Format sorgte 350 Jahre später der römische Politiker und Philosoph Cicero in seinem Werk "Academica", in dem er über Sokrates schreibt, dass dieser "selbst nur das eine wisse, dass er nichts weiß". Voilà, der leicht zu merkende Satz ist seitdem in der Welt. 

Der Historiker Christoph Marx hat in seinem Buch 100 berühmte Zitate und ihre überraschenden Geschichten Zitate von Philosophen, Theologen, Universalgelehrten, Königen und Kaisern, Dichtern, Musikern, Politikern und vielen anderen gesammelt, von denen wir die meisten kennen, aber oft nicht wissen, was mit ihnen ursprünglich gemeint war. Marx schlägt dabei in fünf Kapiteln chronologisch den Bogen von der Antike ab etwa 600 v. Chr. bis ins Jahr 2015 mit dem Zitat des damaligen Bundesinnenministers Thomas de Maizière: "Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern." 
"Die Bevölkerung" war nach diesen Worten erst recht verunsichert: Es ging um die kurzfristige Absage des Fußball-Länderspiels zwischen Deutschland und den Niederlanden in Hannover wegen einer Terrorwarnung - nur dreieinhalb Kilometer Luftlinie von meinem Zuhause entfernt. Der Minister wollte die Bevölkerung beruhigen, hatte mit seiner kryptischen Wortwahl aber genau das Gegenteil erreicht. Alle fragten sich, was denn nun eigentlich los ist.

Konfuser, als ich das für möglich gehalten hatte, ist die Quellenlage für den Ausspruch "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen". Wahrscheinlich würden die meisten auf die Frage nach dem Urheber "Helmut Schmidt!" sagen, aber interessanterweise ist das nicht belegt. Marx schreibt, dass sich dieses Zitat in keinem Dokument als von Schmidt stammender O-Ton findet. Auch Schmidt konnte sich nicht erinnern, wann er diesen Satz gesagt haben sollte. Forscht man nach, kommt man zu dem Ergebnis, dass er erstmals 1988 in einem österreichischen Magazin abgedruckt wurde. Die beiden Autoren des Artikels berichteten über eine Anekdote, die während eines SPÖ-Parteitags unter Delegierten kursiert habe:

  • Fischer (damaliger SPÖ-Fraktionsvorsitzender und späterer österreichischer Bundespräsident): „Die SPÖ braucht Visionen.“
  • Vranitzky: „Wer Visionen hat, braucht an Arzt.“

Entscheidend war die Einleitung: Es habe sich um einen „angeblichen Dialog“ zwischen Heinz Fischer und dem damaligen SPÖ-Parteivorsitzenden und Bundeskanzler Franz Vranitzky gehandelt. Vranitzky stritt allerdings immer ab, diesen Ausspruch je gesagt zu haben.

Lesen?

100 berühmte Zitate und ihre überraschenden Geschichten liest sich sehr interessant. Christoph Marx versteht es, seinen Leserinnen und Lesern unterhaltsam die Herkunft und (ursprüngliche) Bedeutung von Zitaten zu vermitteln. Am Ende des Buches kann man von sich sagen: Ich weiß, dass ich nichts weiß.

100 berühmte Zitate und ihre überraschenden Geschichten ist 2026 im Dudenverlag erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 24 Euro.

Freitag, 29. Mai 2026

# 506 - Radreisen mit dem E-Bike

E-Bikes werden immer beliebter: Seit 2023 liegen ihre Verkaufszahlen höher als die von Fahrrädern ohne Motorunterstützung, und schon seit 2020 werden von ihnen jährlich um zwei Millionen Stück verkauft.

Grund genug für die Stiftung Warentest, einen Ratgeber zu veröffentlichen: Radreisen mit dem E-Bike. Der Journalist und begeisterte Radfahrer Jan Wittenbrink schreibt nicht zum ersten Mal über sein Lieblingsthema, doch hier geht es ausschließlich um Fahrräder mit Unterstützung durch einen Elektromotor. Er weist zu Beginn ausdrücklich auf die Unterschiede zwischen E-Bikes, Pedelecs und S-Pedelecs hin. Da sich jedoch die Verwendung des Begriffs E-Bike im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt hat, wird er von Wittenbrink hier ebenfalls verwendet.

Das Buch wendet sich in den ersten Kapiteln an alle, die sich für den Kauf eines E-Bikes interessieren und noch nicht wissen, wo sie ihren Schwerpunkt setzen und worauf sie bei der Auswahl achten sollten. 

In den darauf folgenden Abschnitten wird genau erläutert, wie man sich auf eine Radreise gut vorbereitet: Welche Kleidung wird benötigt? Welche Fahrradtaschen sind sinnvoll? Worauf muss ich achten, wenn ich mein Fahrrad diebstahlsicher abstellen will? Was gehört zur Ausrüstung, wenn unterwegs nicht im Hotel übernachtet, sondern gezeltet werden soll? 

Jan Wittenbrink hat seine ganze Erfahrung in dieses Buch gelegt und gibt seinen Leserinnen und Lesern viele hilfreiche Tipps und Hinweise. Was er schreibt, kann bei der eigenen Reiseplanung Stück für Stück abgearbeitet werden - von A wie Abfahrt, Checks vor der bis Z wie Zwischenwegweiser bleibt nichts unbeantwortet. 

Im letzten Kapitel schlägt Wittenbrink Gegenden oder ausgewählte Radrouten mit unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen im europäischen Ausland vor, die sich gut für eine Radwanderung eignen. 

Lesen?

Radreisen mit dem E-Bike ist ein übersichtlich strukturierter Ratgeber, der hilft, falsche Kaufentscheidungen und Planungspannen zu vermeiden. Zahlreiche Fotos und Grafiken tragen zum Verständnis bei.

Radreisen mit dem E-Bike ist 2026 bei der Stiftung Warentest erschienen und kostet als Klappenbroschur 29,90 Euro.

Freitag, 8. Mai 2026

# 504 - Geld als Waffe

Der Krieg - das ist ein Thema, das viele Menschen gern
ausblenden würden. Der Krieg ist: Tod, Zerstörung, unendliches Leid. Zum Krieg gehören: Militär, Politik, Demokratie und - Geld.

Damit sind jedoch nicht die Aktienkurse von Rüstungsunternehmen gemeint. Gemeint ist, dass sich am Geld entscheidet, wie Kriege beendet werden. Die ökonomische Sicht auf Kriege bringt die Wirtschaftsexpertin Ulrike Herrmann ihren Leserinnen und Lesern in ihrem Buch Geld als Waffe näher.

Ulrike Herrmann beschränkt sich auf zwei Bedrohungsszenarien: Chinas Wunsch, Taiwan zu annektieren, und Putins Plan, Europa zu bedrohen. Sie erläutert in zwei ausführlichen Kapiteln die Hintergründe für die Kriegsbereitschaft der beiden Länder und deren wirtschaftliche Möglichkeiten, Kriege zu führen und in ihrem Sinne zu einem Erfolg zu führen.

Die Betrachtung Russlands beginnt bereits in der Zeit der Mongolenherrschaft, erläutert dann das "Erfolgsmodell" der faktischen massenhaften Volksversklavung während des Zarenreichs und führt über den Bolschewismus und den Stalinismus bis zur Herrschaft von Putin. Herrmann schildert Putins Aufstieg, die politischen Strukturen Russlands und die Fallstricke, die der vom russischen Präsidenten angezettelte Krieg gegen die Ukraine birgt. Sehr einleuchtend erläutert sie, warum Putin diesen Krieg so schnell nicht beenden wird und zieht eine Parallele zum Beginn der Napoleonischen Kriege 1803: Obwohl mehr als 200 Jahre zwischen diesen Kriegen liegen, sind wirtschaftliche Überlegungen sehr wichtige, wenn nicht sogar ausschlaggebende Gründe, die Kriegshandlungen am Leben zu erhalten. Sowohl Napoleon als auch Putin befanden bzw. befindet sich in einem Dilemma. "Erst im Frieden zeigt sich, wie teuer ein Krieg war" bringt es auf den Punkt.

Auch der chinesische Staatschef Xi Jinping steht vor größeren ökonomischen Problemen, als man auf den ersten flüchtigen Blick auf die Wirtschaftsdaten seines Landes glauben würde. Auch hier geht Ulrike Herrmann weit in die Geschichte des Landes zurück, bis zur Gründung des chinesischen Kaiserreichs im Jahr 221 v. Chr. Wie schon bei der Darstellung der Geschichte Russlands sind Grundkenntnisse der chinesischen Geschichte wichtig, um Kultur und Denkweise wenigstens näherungsweise zu verstehen. Die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung in China macht es Xi schwer, den unausgesprochenen Pakt zwischen der Regierung und der Bevölkerung einzuhalten: Die Regierung versprach die fortschreitende Verbesserung des Lebensstandards, wirtschaftliche Stabilität sowie Chinas Aufstieg zur Weltmacht. Im Gegenzug akzeptierte die Bevölkerung die uneingeschränkte Führungsrolle der Kommunistischen Partei, eine strenge Internetüberwachung, Einschränkungen der persönlichen Freiheit und kaum politische Teilhabe. Doch die Versprechen können nicht mehr eingehalten werden, die Anzeichen für die Unzufriedenheit der Menschen nehmen zu. Ein Krieg gegen Taiwan, unterfüttert mit der passenden Propaganda, könnte geeignet sein, von den innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken. Diese Logik ist nicht neu und war in der Vergangenheit immer wieder ein Auslöser für einen Krieg. Sollte China tatsächlich Taiwan angreifen und das Land einnehmen, "hätten die Amerikaner ihren Status als Supermacht verloren und Peking könnte mühelos noch weitere Gebiete in Südostasien erobern oder unter seine Kontrolle bringen". Die Welt, wie wir sie kennen, wäre eine andere.

Herrmann macht sich Gedanken über das Drohpotenzial von Atomwaffen und die Risiken, die ein atomarer Angriff für die Angegriffenen und Angreifer hätte und erläutert, was es mit "schmutzigen Bomben" auf sich hat. Doch trotz dieser gefühlt großen Bedrohung sagt sie: "Die Wirkungsmacht dieser ökonomischen Waffen [Anm.: Sanktionen, Blockaden, Finanzmarkt-Manipulationen, Zurückhalten wichtiger Rohstoffe] entscheidet, wie viel Militär in einem Krieg noch gebraucht wird." 

Nach Ansicht von Ulrike Herrmann führt kein Weg an der Aufrüstung Europas vorbei. Diese Entwicklung wird ihrer Meinung nach zu einem geänderten Selbstverständnis der EU führen: "[...], diese Militärausgaben werden die EU für immer verändern: Europa ist auf dem Weg, zu einem echten Staat zu werden. Heute ist die EU eine Union selbstständiger Länder, künftig wird sie sich zu einer Art Föderalstaat entwickeln, in dem die einzelnen Nationen zwar noch formal eigenständig sind - aber sehr eng kooperieren."

Lesen?

Geld als Waffe gibt einen sehr guten Überblick, was unter einer sog. Kriegswirtschaft zu verstehen ist. Herrmann verbindet die aktuellen Schlagzeilen mit historischen Betrachtungen und macht immer wieder Exkurse zu praktischen Fragen, die sich in einem Krieg stellen: Wie können Fabriken weiterarbeiten? Woher kommen die Vorprodukte? Und was passiert, wenn diese Systeme zusammenbrechen?

Zum Verständnis von Herrmanns Erläuterungen sind spezielle wirtschaftswissenschaftliche Vorkenntnisse nicht nötig. Das Buch fügt sich in die aktuelle Debatte über Resilienz, Verteidigungsausgaben und die damit zusammenhängenden Zielkonflikte ein, die entstehen, wenn Sicherheit sowohl als militärisches als auch wirtschaftliches Projekt erkannt wird.

Ulrike Herrmanns Ausblick hat trotz der Düsternis des Themas einen positiven Grundtenor: "Putin wollte Europa spalten, doch dürfte er das Gegenteil erreichen und den Kontinent einen. Europa wird stärker, nicht schwächer."

Geld als Waffe ist 2026 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 25 Euro sowie als E-Book 22,99 Euro. 

Dienstag, 7. April 2026

# 501 - Was bleibt von unserem Leben?

Die Genealogie, also das Erforschen unserer
Ahnenreihe, ist seit etlichen Jahren beliebt. Mithilfe von speziellen Plattformen lassen sich technisch einfach Stammbäume herstellen; für zahlende Besucher werden außerdem Services angeboten wie zum Beispiel das Verknüpfen mit Stammbäumen anderer angemeldeter Nutzer.

Doch diese Art, seinen Vorfahren nachzuspüren, hat einen Nachteil: Man erfährt deren Namen sowie Geburts- und Sterbedaten, mit etwas Glück gibt es noch ein Porträtfoto, aber was unsere Großeltern, Großtanten etc. gedacht, erlebt und erlitten haben geht aus solchen Darstellungen nicht hervor. Die Leben bleiben eindimensional.

Der Journalist Henning Sußebach ist bei der Erforschung des Lebens seiner Urgroßmutter Anna anders vorgegangen. Er hat für sein Buch Anna oder: Was von einem Leben bleibt überlieferte Erzählungen aus dem Familienkreis gesammelt, nach Dokumenten gesucht und die relevanten Ereignisse in ihren Wohnorten, Deutschland und der Welt wie eine Schablone auf das gelegt, was er über Anna Raesfeld, geborene Kalthoff, verwitwete Vogelheim in Erfahrung gebracht hatte.

Doch wie war sie denn nun, die für Sußebach unbekannte Urgroßmutter? Sie wurde 1866 geboren, hatte ab 1887 eine Stelle als Dorfschullehrerin im sauerländischen Cobbenrode, heiratete dort zwei Mal, stieg zu einer wichtigen Person des Orts auf und wurde erst spät Mutter. Für fast jeden dieser Meilensteine hat sie Konventionen gebrochen und sich über die damals noch wirkmächtigen konservativen Vorstellungen ihrer Mitmenschen hinweggesetzt. Ihr Leben endete 1932, sie starb an einer damals nicht behandelbaren Krebserkrankung. Von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod war sie Bürgerin des Königreichs Preußen, des Norddeutschen Bundes, dem Deutschen Kaiserreich und der Weimarer Republik. Vier Staaten, mehrere Währungsreformen, ein Weltkrieg, die Folgen der Industrialisierung: Manche Veränderungen kamen abgeschwächt im kleinen Cobbenrode an, andere veränderten das Leben von Grund auf. Es galt immer wieder, sich zu orientieren und das Leben neu zu ordnen.

Henning Sußebach schreibt am Anfang seines Buches über das, was von einem (nicht prominenten) Menschen nach seinem Tod bleibt: "Jeder Mensch stirbt zweimal. Sein erster Tod ist biologisch und der, den wir meinen, wenn wir vom Sterben sprechen. [...] Der zweite Tod, nennen wir ihn den sozialen, vollzieht sich anfangs ganz unmerklich. Beim Begräbnis reden noch alle über die verstorbene Person, auch in den Wochen danach ist sie in den Gedanken der Hinterbliebenen fast so präsent wie zu Lebzeiten, [...].Das Bild des verstorbenen Menschen besteht nur noch aus Bruchstücken, die von Tag zu Tag mehr mit den Gefühlen der Nachfahren zu tun haben und immer weniger mit dessen eigenem Wesen."

Das Leben von Anna Raesfeld ist kurz davor, in Vergessenheit zu geraten und nur noch eine Fußnote der Familiengeschichte zu sein, als sich der Urenkel ihr zuwendet. Irgendwann hätte niemand mehr gewusst, dass sie sieben Geschwister hatte und ihren Vater verlor, als sie zwölf Jahre alt war. Die Armut bestimmte das Leben der großen Familie, die sich nach und nach durch Heirat der Schwestern, Wegzug der Brüder und sogar Auswanderung eines Bruders in alle Winde zerstreute.

Was hat sie bewogen, Dorfschullehrerin zu werden? Hatte sie sich über die Folgen des "Lehrerinnen-Zölibats" Gedanken gemacht? Wie wurde sie als Zugezogene von der Dorfgemeinschaft aufgenommen? War sie eine gute Lehrerin? 
Diese und viele weitere Fragen, die die Lebensdaten eines Menschen erst mit Inhalt füllen, kann niemand mehr beantworten. Henning Sußebach leitet Annas Lebensgefühl anhand der wenigen Fakten, die ihm zur Verfügung stehen, her. Er räumt ein, dass seine Zuschreibungen falsch sein könnten und weist darauf hin, dass Lebensläufe immer im Kontext der damaligen Zeit bewertet werden sollten - und nicht aus dem Blickwinkel derjenigen, die hundert Jahre später leben.

Lesen?

Henning Sußebach hat die Schauplätze besucht, die in Annas Leben wichtig waren. Ihr Geburtshaus in Horn am Teutoburger Wald: abgerissen. Die Kirche, in der Anna zweimal geheiratet hat: abgerissen und durch eine neue ersetzt. Die Schule in Coppenrade, an der sie viele Jahre unterrichtet hatte: abgerissen und durch einen Parkplatz ersetzt. Das sind nur einige Beispiele für eine Vergangenheit, die nach und nach ausgelöscht wurde. Sußebach resümiert: "Das muss das Endstadium des sozialen Sterbens sein. Nach der Person selbst und nach den Erinnerungen an ihre Eigenschaften verschwinden auch die Kulissen, in denen sie lebte."

Sußebach hat es mit viel Einsatz und Empathie geschafft, seine Urgroßmutter aus den zahllosen vergessenen Biografien ihrer Zeit herauszuheben und ihr ein würdiges Andenken zu schaffen.

Anna oder: Was von einem Leben bleibt ist 2025 im Verlag C.H. Beck erschienen und kostet 23 Euro. Es enthält mehrere Fotos. 




Sonntag, 15. Februar 2026

# 498 - Über Tyrannei und was man ihr entgegensetzen kann

2017 erschien Über Tyrannei im C. H. Beck Verlag erstmals auf Deutsch, acht Jahre später kam das Buch des bekannten US-amerikanischen Historikers Timothy Snyder, der an der Yale University lehrt, in einer Ausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung ohne die Illustrationen der Erstausgabe heraus. Wir erinnern uns: Im Januar 2017 begann Donald Trumps erste Amtszeit als US-Präsident; es ist sicher kein Zufall, dass On Tyranny in dieser Zeit herausgegeben wurde.

Snyder macht sich Sorgen um den Zustand der Demokratie in den USA, seine Ausführungen lassen sich aber auf jeden Staat übertragen, dessen demokratisches Gerüst Risse bekommen hat. Wer nun angesichts des Untertitels Zwanzig Lektionen für den Widerstand glaubt, dass es hier um eine Anleitung oder Anstiftung zu einem gewaltsamen Widerstand geht, liegt falsch. 

Die Warnungen, die Snyder 2017 ausgesprochen hat, haben mehr denn je ihre Berechtigung: In Trumps aktueller zweiten Amtszeit spielen sich Dinge ab, auf die der Wissenschaftler hingewiesen hatte. In seinem Vorwort schreibt er: "Wir könnten versucht sein zu glauben, unser demokratisches Erbe schütze uns Amerikaner automatisch vor solchen Gefahren. Doch dieser Reflex ist fehl am Platze."

Snyders Lektionen sind einleuchtend, erfordern aber von uns allen ein demokratisches Rückgrat und die Bereitschaft, auf Privilegien zu verzichten, wenn es der Sache dient. Ein gutes Beispiel ist gleich die erste Lektion: Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam. 
Beim Lesen des ersten Satzes möchte man spontan widersprechen: "Einen Großteil seiner Macht erhält der Autoritarismus aus freien Stücken." Doch dann erklärt Snyder, dass Menschen überlegen, was eine repressive Regierung möglicherweise will und "dienen sich ihr schließlich an, ohne gefragt worden zu sein." Dadurch wird denen, die die Macht inne haben, "gezeigt, wie weit sie gehen können."

Timothy Snyder zeigt, was jede(r) Einzelne tun kann, um die Aushöhlung und Abschaffung unserer demokratischen Gesellschaftsordnung zu verhindern: Entfernung von Hakenkreuzen oder anderen Zeichen, die zu Hass aufrufen, Sorgfalt bei der Wortwahl, aktive Beteiligung am Mehrparteiensystem durch die Teilnahme an Wahlen oder sogar eine eigene Kandidatur sind nur einige seiner Vorschläge.

Wer die Nachrichten verfolgt, die uns derzeit aus den USA erreichen, kann die sechste Lektion nur mit Beklemmungen lesen. Sie hat die Überschrift: Nimm dich in Acht vor Paramilitärs. Dabei wirft Snyder zuerst einen Blick auf Hitlers paramilitärische Einheiten SA und SS, auf die Privatisierung von Gefängnissen und Internierungslagern durch die US-Bundesregierung und schlägt den Bogen zum US-Präsidentschaftswahlkampf 2016: Trump hatte private Sicherheitsleute angeheuert, deren Aufgabe es war, Menschen hinauszuwerfen, die eine andere Meinung hatten als der Kandidat. "Diese Form von Mob-Gewalt sollte das politische Klima verändern, und genau das geschah."

In weiteren Kapiteln ruft der Wissenschaftler dazu auf, Informationen nicht nur aus dem Internet zu beziehen, sondern sie zu hinterfragen und mehr Bücher zu lesen. Gerichte, freie Wahlen, die Unabhängigkeit der Medien: Sie alle müssen geschützt werden, um die Demokratie zu erhalten. Jeder und Jede kann etwas dazu beitragen.

Lesen?

Timothy Snyder appelliert an uns alle, die Errungenschaften der Demokratie nicht leichtfertig aus der Hand zu geben, sondern wachsam zu sein. Nicht wegsehen, kein Mitläufer und kein Profiteur sein. Das ist nicht immer einfach, aber in einer Gemeinschaft kommt es auf jeden einzelnen Menschen an.

Die mir vorliegende Ausgabe von Über Tyrannei wurde in einer reinen Textform ohne die Illustrationen der früheren Ausgabe 2025 von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben und kostet 5,-- Euro.

Dienstag, 27. Januar 2026

# 497 - Das kann KI

Künstliche Intelligenz (KI) durchzieht immer stärker
unseren Alltag und ist aus vielen Bereichen nicht mehr wegzudenken. Nicht alles ist KI, was sich so nennt, aber klar ist: KI ist ein Teil unserer Zukunft.

Andreas Erle hat bereits zahlreiche Bücher und Artikel rund um die Themen mobiles Internet oder Windows veröffentlicht. In seinem neuesten Buch Das kann KI beschreibt er, wo die Chancen und Risiken der Künstlichen Intelligenz liegen. Erle erklärt, wofür sich KI besonders eignet und wo Menschen entlastet werden können. Man erfährt, welches Programm als eines der ersten KI-Anwendungen gilt und wann dieses konzipiert wurde: Eliza, eine Gespräche mit einem Psychotherapeuten simulierende Anwendung, entstand 1966. Die Gedankenspiele um Künstliche Intelligenz sind also nicht neu, sondern beschäftigen Wissenschaftler schon seit sechzig Jahren. Eliza war allerdings so unausgereift, dass es den sog. Turing-Test nicht bestand. Dieser Test gilt als bestanden, wenn Anwender nicht erkennen können, ob sie mit einem Menschen oder einer Maschine kommunizieren. 
Da hat sich in der Zwischenzeit einiges getan: 2024 bestand ChatGPT 4 den Turing-Test.

Muss uns diese Entwicklung Angst machen? Das kommt darauf an. Die Diskussionen nehmen eine große Bandbreite ein: KI kann Arbeitsplätze vernichten, aber auch von sich wiederholenden Tätigkeiten entlasten und Zeit für höherwertigere Arbeiten geben. Der Einsatz von KI bedeutet insbesondere dann, wenn es um die Verarbeitung von sehr großen Datenmengen geht, jedoch einen Kontrollverlust: Nutzer müssen die Ergebnisse erst einmal hinnehmen, weil sie nur schwer nachvollziehbar sind. 
Kreativität gehört allerdings nicht zu den Stärken der Chatbots, was man zunächst im Hinblick auf die zahllosen Memes kaum glauben mag. Aber diese sind nichts weiter als eine Veränderung von bereits existierenden Inhalten. Die fehlende Kreativität ist allerdings nicht der einzige Mangel, wie Erle anschaulich erläutert.

Andreas Erle hat einen "Fahrplan" für die sinnvolle und erfolgreiche Nutzung von ChatGPT und seine "Brüder" erstellt und erklärt, welche Chatbots sich für bestimmte Zwecke besonders eignen. Wie bei Menschen erhält man auch bei ihnen auf Fragen keine einheitlichen Antworten: Chatbots werden auf unterschiedliche Weise trainiert und verfügen über verschiedene Wissensstände. Andreas Erle rät davon ab, die Auskünfte ungeprüft zu übernehmen: "Müssen Sie sich auf die Ergebnisse verlassen, sollten Sie sie in jedem Fall kontrollieren. Nichts ist peinlicher, als im blinden Vertrauen auf einen Chatbot etwas zu behaupten und dann von einem echten Menschen eines Besseren belehrt zu werden."

Im letzten Abschnitt wendet sich Andreas Erle grundsätzlichen Fragen zu: Wie wirkt sich die (häufige) Verwendung von Chatbots auf unsere intellektuellen und schöpferischen Fähigkeiten aus? Welche Rolle spielen der Datenschutz und das Urheberrecht? Inwieweit haften KI-Anbieter für falsche Auskünfte ihrer Chatbots? Welche Auswirkungen haben KI-Anwendungen auf die Umwelt? 

Lesen?

Andreas Erle richtet sich mit seinem Buch sowohl an KI-Laien als auch Leserinnen und Leser, die einige Grundkenntnisse haben und diese vertiefen möchten. Er hat seine Ausführungen um zahlreiche Illustrationen ergänzt, die gut zum Verständnis beitragen. Seine Empfehlung am Schluss des Buches: "Nehmen Sie die KI als Chance. Probieren Sie aus, wo diese Sie unterstützen kann. Unterstützen heißt, dass Ihnen die KI im Regelfall Teilergebnisse liefert, statt komplette Aufgaben zu übernehmen, und dass Sie die KI-Erzeugnisse immer kontrollieren. Die KI kann Ihnen zwar viel Arbeit abnehmen, aber nicht die Verantwortung."

Das kann KI ist 2026 bei der Stiftung Warentest erschienen und kostet als Softcover-Ausgabe 19,90 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.

 


Montag, 22. Dezember 2025

# 494 - Wenn sich Steuergelder in Luft auflösen

Seit einigen Jahren geistern die Begriffe Cum/Ex und
Cum/Cum durch die Finanz- und Wirtschaftsnachrichten. Möglicherweise wissen viele Menschen nicht, was genau damit gemeint ist. Was aber von allen verstanden wird: Die Masche ist illegal, und es mach(t)en sich Leute die Taschen voll, die bereits ein großes Vermögen haben. 

Was nicht ganz so bekannt ist: Die Machenschaften rund um Cum/Ex und Cum/Cum haben einen großen Schaden angerichtet. Es ist die Rede von etwa 40 Milliarden Euro, die mit diesen Methoden hinterzogen wurden und den öffentlichen Haushalten nicht zur Verfügung stehen. Geld, das für Infrastrukturprojekte, Bildungs- und Forschungseinrichtungen oder den Umweltschutz zur Verfügung gestanden hätte - und es nun nicht tut.

Die Frage, die man sich als Bürgerin oder Bürger automatisch stellt: Was tut der Staat dagegen, dass wir alle so massiv betrogen werden? Die Antwort darauf kennt Anne Brorhilker. Die ehemalige Kölner Oberstaatsanwältin schreibt in ihrem Buch Cum/Ex, Milliarden und Moral aus ihrer persönlichen Perspektive, wie sie insbesondere den Beginn der Cum/Ex-Affäre in ihrer damaligen Funktion erlebt hat.

Ihre Erinnerungen beginnen im Jahr 2013. Das Bundeszentralamt für Steuern hatte Akten an die Staatsanwaltschaft Köln abgegeben, weil man bei dem dahinter stehenden Fall eine sehr große Schadensumme vermutete. Der Begriff "Cum/Ex" war damals kaum jemandem bekannt, auch Anne Brorhilker nicht. Es war Zufall, dass sie mit den Ermittlungen beauftragt wurde. Nachdem sie die Unterlagen gesichtet hatte, war ihr Interesse geweckt. Sie las Fachaufsätze, um sich in die Materie einzuarbeiten, fühlte sich nach der Lektüre jedoch nicht klüger als vorher: Die Texte wimmelten von unklaren Begriffen, die mehr verschleierten als erklärten.

Am spannendsten wird es, wenn Brorhilker über die von ihr angeführte erste internationale Razzia im Jahr 2014 erzählt. Die Aktion wurde von der EU-Agentur Eurojust koordiniert und fand zeitgleich in vierzehn Ländern statt. Brorhilker hat die zahlenmäßig überlegenen Anwälte und Anwältinnen in Sicherheit gewiegt, indem sie ihnen die überlastete und überforderte Staatsanwältin vorgegaukelt hat.

Anne Brorhilker schildert sehr anschaulich, welchen Schwierigkeiten sie sich während der Ermittlungen gegenüber sah. Es mangelte grundsätzlich an Personal, das bereit war, sich in das Sachgebiet einzuarbeiten und auch nicht daran verzweifelte, erst nach etwa zwei Jahren sattelfest zu sein. Dazu muss man wissen, dass Wirtschafts- und Steuerrecht in der juristischen Ausbildung praktisch nicht vorkommt.
Es mangelte auch an der Sachausstattung in einem Umfang, den man nicht für möglich halten würde. Nicht zuletzt kämpfte sie mit den etablierten strukturellen Problemen und Abläufen sowie den ungeschriebenen Regeln, die zum Beispiel den Informationsaustausch zwischen anderen Behörden verhinderten.

Finanzstrafverfahren werden oft in einem frühen Stadium eingestellt oder mit einem Deal beendet. Gründe dafür sind die Personalnot bei den Verfolgungsbehörden, mangelndes Vertrauen der Staatsanwältinnen und -anwälte in die eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten auf diesem Gebiet sowie die erdrückende Überzahl der hochbezahlten Fachanwälte, die von ihren Mandanten losgeschickt werden, sobald sich Unheil in Form einer möglichen Anklage anbahnt.

Brorhilker erzählt von der erfolgreichen Lobbyarbeit der Finanzbranche: Aus dem Lobbyregister des Bundestags geht hervor, dass für den Finanzsektor über 440 Lobbyorganisationen namentlich registriert sind. Ihnen stehen eine Handvoll Abgeordnete gegenüber, deren Schwerpunkt zwar dieser Bereich ist, die sich jedoch auch mit anderen Themen beschäftigen müssen. Zitat: "Rechnet man diese Zahl [Anm.: der Lobbyisten] auf die Mitglieder des Finanzausschusses des Bundestages um, dann kommen auf jedes Mitglied fast zehn Lobbyist*innen, die sich an jeder Stelle des Gesetzgebungsprozesses aktiv einschalten können."
Einer der erfolgreichsten Coups der Finanzlobbyisten war, die Cum/Ex-Aktivitäten als Gesetzeslücke zu bezeichnen, die man genutzt habe. Gesetzeslücken, das war die Botschaft dahinter, sind nicht illegal, sondern ein Versäumnis des Gesetzgebers. Dieses Märchen haben leider etliche Politiker geglaubt. Auch Wissenschaftler waren an der Fiktion einer juristischen Grauzone beteiligt, die es nie gegeben hat.
Gerichte haben das Offensichtliche allerdings längst klargestellt: Es kann nicht rechtmäßig sein, eine Steuerrückzahlung zu erhalten, wenn man zuvor keine Steuern gezahlt hat.

Ein eigenes Kapitel ist dem Patriarchat in der juristischen Welt gewidmet. Es ist sowohl bei der Staatsanwaltschaft als auch in den Kanzleien immer noch ausgeprägt. Dazu trägt auch bei, dass die Luft für Frauen mit jedem beruflichen Aufstieg immer dünner wird. Anne Brorhilker hat auch erlebt, dass Vorgesetzte oder ältere Kollegen sie als Volljuristin mit "Mädchen" oder "Mäuschen" ansprachen.  

Anne Brorhilker schließt ihr Buch mit vier klaren Forderungen: mehr Personal gemeinsam mit weniger Fluktuation, die Einrichtung einer zentralen Bundesbehörde für die Bearbeitung von komplexen international organisierten Steuerhinterziehungsfällen, Transparenz der Finanzlobby sowie die Einstufung von schwerer Steuerhinterziehung als Verbrechen.

Lesen?

Anne Brorhilker bietet einen interessanten Einblick in ihre damalige Arbeit als ermittelnde Oberstaatanwältin. Der Blick zurück ist noch nicht lange her: Im Sommer 2024 beendete sie ihre verbeamtete Tätigkeit, um für eine Finanz-NGO tätig zu sein. Trotzdem hat man bei ihrer Beschreibung der Verhältnisse, unter denen sie bei der Kölner Staatsanwaltschaft gearbeitet hat, den Eindruck, sich im Jahr 1980 zu befinden. Die Juristin vermittelt in ihrem Buch, dass es sich dabei um die üblichen Rahmenbedingungen handelt, unter denen in Behörden gearbeitet wird. Ich kann jedoch aus eigener Anschauung sagen, dass das nicht richtig ist. Ihre Kritik an den juristisch vorgezeichneten Abläufen im Strafprozessrecht ist jedoch gut nachvollziehbar und sicher berechtigt.

Störend ist allerdings, dass sich Brorhilker zu oft in Details verliert und dabei abschweift sowie Sachverhalte wiederholt. Ein aufmerksameres Lektorat hätte dem Buch gut getan.
Für Leserinnen und Leser, die sich bereits vor der Lektüre des Buches mit dem Thema beschäftigt haben, gibt es inhaltlich keine großen Überraschungen. Das ist aber auch dem Umstand geschuldet, dass für die Autorin für alle Sachverhalte, die noch nicht öffentlich geworden sind, nach wie vor das Dienstgeheimnis gilt. So erklären sich auch die sporadischen geschwärzten Passagen.

Anne Brorhilkers frühere Tätigkeit als Oberstaatanwältin und ihre heutige Arbeit im Vorstand einer Finanz-NGO sind wertvolle Schritte auf dem Weg zu mehr Steuergerechtigkeit. Aber man ahnt, nachdem man das Buch zugeklappt hat, dass dies ein langer Weg sein wird.

Cum/Ex, Milliarden und Moral ist 2025 im Heyne Verlag erschienen und kostet 24 Euro.

Freitag, 5. Dezember 2025

# 492 - Was tun, wenn der Ernstfall eintritt?

Ferdinand Gehringer und Johannes Steger sind
Sicherheitsexperten mit unterschiedlichen Schwerpunkten: Gehringer ist sicherheitspolitischer Berater bei der Konrad-Adenauer-Stiftung, Steger leitet beim "Tagesspiegel" die Redaktion des Background Cybersecurity. Der Titel ihres gemeinsamen Buches Deutschland im Ernstfall scheint sich in die lange Reihe der Sachbücher einzureihen, die seit der sich verschärfenden geopolitischen Lage auf den Markt gekommen sind. Bei vielen von ihnen möchte man sich instinktiv die Decke über den Kopf ziehen und denken: Macht euren Sch... doch allein. Aber diese Haltung bringt selbstverständlich niemanden weiter.

Solch eine fatalistische Stimmung vermittelt dieses Sachbuch nicht. Wie viele andere Politik- und Sicherheitsexperten gehen auch Gehringer und Steger nicht davon aus, dass sich der Ernstfall in Deutschland in erster Linie dadurch bemerkbar macht, dass uns Bomben auf die Häuser fallen. Sie legen ihren Fokus auf die sog. hybride Kriegsführung, die durch gezielte Sabotageakte darauf abzielt, unseren Alltag zu untergraben und die öffentliche Ordnung auszuhöhlen.

Die Autoren erläutern, welche Bedrohungen vor allem im Fokus der Bundeswehr und Sicherheitsbehörden sind und ständig beobachtet werden. Dazu gehören sowohl Desinformation als auch Cyberangriffe, das Ausspähen von kritischer Infrastruktur und Schlüsselindustrien sowie Sabotageakte. Der Fantasie sind hier fast keine Grenzen gesetzt. Die aktuellen Nachrichten legen nahe, dass das meiste davon längst stattfindet.

Aber sind Deutschland und Europa auf diese Bedrohungen eingerichtet? Dieser Frage gehen Ferdinand Gehringer und Johannes Steger nach, und was sie herausfinden, ist ambivalent. Der Gesetzgeber hat es in einigen Fällen bislang versäumt, bestehende Regelungen aus der Zeit des Kalten Krieges an die heutige Zeit anzupassen: Die Privatisierung der früheren Sondervermögen Bundespost und Bundesbahn, die Digitalisierung oder die hybriden Bedrohungen sind juristisch nicht oder nicht ausreichend umgesetzt worden. Viele der alten Gesetze gingen außerdem von der Annahme aus, dass Deutschland wegen der deutsch-deutschen Teilung ein Frontstaat ist und entsprechend verteidigt werden muss. 

Anhand von Szenarien erläutern Steger und Gehringer, was hinter den Begriffen "Spannungsfall",  "Verteidigungsfall", "Zustimmungsfall" und "Bündnisfall" steckt und welche Maßnahmen ergriffen werden, wenn einer von ihnen ausgerufen wird. Als Bürgerin und Bürger hat man eine eher nebulöse Vorstellung davon, was in so einer Situation passiert. Der Staat hat besondere Handlungsbefugnisse und greift auf Gesetze zurück, die bislang keine Rolle gespielt haben - und dann? 

Man erfährt, welche konkreten Gesetze zum Tragen kommen und welche Möglichkeiten das Parlament hat, das Land auf eine kritische Situation vorzubereiten.

Der Begriff, der sich durch das ganze Buch zieht, ist: Resilienz. Dabei geht es um den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt, der sich zum Beispiel in einem starken ehrenamtlichen Engagement ausdrückt. Zitat: "Denn eine widerstandsfähige Demokratie lebt von einer informierten und handlungsfähigen Gesellschaft. Im Ernstfall entscheidet sich die Resilienz eines Landes nicht nur in den politischen und militärischen Lagezentren, sondern im Alltag seiner Bürgerinnen und Bürger: in der Funktionsfähigkeit von Zivilschutz und Notfallversorgung, im Zugang zu verlässlichen Informationen, im Vertrauen in staatliches Handeln - und in der psychologischen Widerstandskraft der Menschen."

Lesen?

Deutschland im Ernstfall stellt die Fragen, denen die Politik zu oft ausweicht: Wie würde sich der Ernstfall auf staatliches Handeln auswirken? Wie auf die Demokratie? Wie auf unseren Alltag? Die Antworten darauf sind zum Teil unpopulär, geeignete vorbeugende Maßnahmen kosten viel Geld. Beides lädt politische Entscheider nicht unbedingt zur Offenheit ein - obwohl das nötig wäre.

Deutschland im Ernstfall ist keine Panikmache und keine Anleitung für Prepper. Mit dem Buch möchten die Autoren darüber aufklären, was im Ernstfall passiert und wie wir selbst etwas beitragen können, um die Situation so gut wie möglich zu bewältigen. Das ist ihnen gelungen. 

Deutschland im Ernstfall ist 2025 bei Hoffmann & Campe erschienen. Das Buch kostet als Paperback 18 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro.

Samstag, 8. November 2025

# 491 - Wie man in unangenehmen Situationen reagieren kann

Wir kennen das alle: Da zwingt uns jemand ein Gespräch auf und wir haben keine Ahnung, wie wir möglichst elegant aus der Situation herauskommen; eine Person verhält sich uns gegenüber respektlos, aber uns fehlen die passenden Worte, mit denen wir uns wirkungsvoll abgrenzen können, ohne dass die Situation eskaliert; wir möchten, dass die Abläufe im Job gut funktionieren, was dazu führt, dass uns auch Arbeiten zugeschoben werden, die nicht zu unserem Aufgabenbereich gehören.

Karin Kuschik ist Coach und hat selbst oder über ihre Kunden zahlreiche Situationen erlebt, die so oder so ähnlich waren. Ihre 50 Sätze, die das Leben leichter machen sind vielfältig anwendbar und können variiert werden. Es gibt einige davon, die ich mir im Hinterkopf zurechtlegen und bei Bedarf anwenden werde. Ein Beispiel: Karin Kuschik beschreibt eine Verabredung mit einer Kollegin. Die Aufgaben müssen erledigt werden, deshalb wird vorab "open end" vereinbart. Doch während die beiden Frauen zusammensitzen, brummt ständig das Smartphone der Kollegin: Der Freund erwartet sie zum Abendessen, doch sie drückt seine Anrufe weg. Die Kollegin empfindet die ständigen kurzen Unterbrechungen nicht als störend, aber Kuschik tut es.

Haltet kurz inne. Kennen wir das nicht? Wir ärgern uns über das Verhalten anderer Menschen, weil z. B. Absprachen nicht eingehalten werden. Wie oft haben wir die Situation trotz des Ärgers hingenommen, um die gute Atmosphäre nicht zu gefährden? Dieselbe Atmosphäre, die ja für uns gar nicht mehr gut ist. Wir haben es oft getan, weil es für unser Gegenüber Gründe gegeben haben mag, sich nicht an unsere Absprache zu halten. Gründe, die aber nicht vorher besprochen wurden. Ich habe beim Lesen dieser Szene unwillkürlich genickt.

Karin Kuschiks Satz für eine Situation wie diese: "Ich verstehe dich absolut, und es gefällt mir nicht." An die Stelle, an der wir wahrscheinlich "aber" gesagt hätten, stellt die Autorin das "und". "Aber" beinhaltet Ablehnung und signalisiert, die Haltung der oder des Anderen nicht zu akzeptieren. Aber Kuschik erklärt die Wirkungsweise eines "und" so:
Und beendet tatsächlich Auseinandersetzungen, denn es bewertet die Botschaften, die links und rechts stehen, nicht. Beide Seiten sind gleichwertig. Und macht Aussagen nicht kaputt, es bewahrt sie und drückt auch immer eine Haltung aus.

Klar in der Aussage zu sein und eine Haltung auszudrücken zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch. Das fällt nicht immer leicht, doch im Kern gebe ich Karin Kuschik recht. 

Lesen?

50 Sätze, die das Leben leichter machen gibt wertvolle Ansätze, sich lange eingeübte Reflexe abzugewöhnen und das häufig manipulative Verhalten seiner Mitmenschen zu erkennen sowie darauf souverän und angemessen zu reagieren. Man merkt den Beispielen allerdings an, dass sich Karin Kuschik in sozialen Kreisen bewegt, die vielen von uns verschlossen sind. Nicht jeder ihrer Sätze eignet sich für Alltagssituationen der Durchschnittsbürgerinnen und -bürger. Auch hier ein Beispiel: Da schreit Sie jemand an, und anstatt aus einem Impuls heraus auf den vermeintlichen Angriff zu reagieren, entscheiden Sie jetzt, die Sache lieber umzudeuten, was dann als innerer Monolog vielleicht so klingt: Aha. Interessantes Angebot. Will ich darauf eingehen? Nö, gerade lieber nicht. Ist mir viel zu anstrengend. Und dann nach außen, mit einem Lächeln: "Na dann, gute Besserung!" Ich habe mir beim Lesen des Buches hin und wieder neben einige Passagen etwas notiert. Neben dieser stand: "Prima, um ein paar in die Fr... zu kriegen."

50 Sätze, die das Leben leichter machen ist 2022 als Taschenbuch im Rowohlt-Verlag erschienen und kostet 15 Euro. Die gebundene Ausgabe ist aus dem Jahr 2023 und kostet 25 Euro, das E-Book 9,99 Euro.


Montag, 25. August 2025

# 486 - VW, China und eine Familiengeschichte

Wer kennt Wenpo Lee? Vermutlich nur wenige Menschen; und das, obwohl Herr Lee für den Volkswagen-Konzern buchstäblich der Türöffner für den Einstieg ins China-Geschäft war und eine beeindruckende Lebensgeschichte hat. Der Journalist Felix Lee hat sich mit seinem Buch China, mein Vater und ich der Lebensgeschichte seines Vaters gewidmet, die eng mit Deutschland und dem Volkswagen-Konzern verknüpft ist.

Wenpo Lee wurde 1936 in Nanjing, der damaligen Hauptstadt Chinas, geboren. Seit dem Sturz der Qing-Dynastie - und damit der Beendigung der 2.000-jährigen Herrschaft chinesischer Kaiser über China -  im Oktober 1911 und der Ausrufung der Republik drei Monate später befand sich das Land im Aufruhr. Die unruhige und instabile Situation mündete 1927 in den bis 1949 dauernden Chinesischen Bürgerkrieg, der mit dem Sieg der Kommunisten über die nationalistische Partei Kuomintang und der Gründung der Volksrepublik China endete. Am 1. Oktober 1949 proklamierte Mao Zedong die Chinesische Volksrepublik.

Das ist ein stark verkürzter geschichtlicher Abriss, der die Not, in der sich die Bevölkerung während dieser jahrzehntelangen Machtkämpfe befand, nicht annähernd beschreiben kann. Die Armut der Menschen war so groß, dass jeder um sein eigenes Überleben kämpfte. 

Die Familie Lee lebte vom Getreidehandel. Als die Soldaten der Kommunistischen Partei 1948 auf Nanjing zumarschierten, war Wenpo Lees Vater klar, dass sein Geschäft unter deren Herrschaft am Ende war. Wenpo floh als 12-Jähriger mit zwei Schwestern und einem Schwager nach Taiwan. Doch seine Hoffnung, seine Familie bald wiederzusehen, erfüllte sich fast dreißig Jahre lang nicht: Mao Zedong schirmte Festland-China völlig von der Außenwelt ab. Die geflüchteten Chinesen und Chinesinnen galten als Klassenfeinde, der Kontakt zu ihnen war verboten.

Wenpo arbeitete in Taiwan in einem Fahrradgeschäft und lernte dort die Grundlagen der Mechanik. Einer Fachhochschuldozentin fiel dort die besondere Begabung des Jungen auf. Sie nahm ihn bei sich auf und bezahlte seinen Schulbesuch. Danach besuchte Wenpo erfolgreich eine Fachhochschule und eine Militärhochschule, an der er Fahrzeugtechnik studierte. Sein nächster Schritt war wieder einem glücklichen Umstand zu verdanken: Einer der dortigen Professoren hatte in Deutschland Motorentechnik studiert und riet Wenpo, das ebenfalls zu tun. Der junge Mann folgte dem Rat 1962, studierte in Aachen Maschinenbau und promovierte. Er bewarb sich erfolgreich auf eine Stelle als Ingenieur bei Volkswagen in Wolfsburg, heiratete eine Chinesin und wurde nicht viel später zum ersten Mal Vater. 

1972, nachdem Mao Zedong zu einer Rückkehr zur Normalität aufgerufen hatte, wagte es Wenpo, seinem Vater einen Brief zu schreiben. Das war die erste Kontaktaufnahme mit der Familie auf Festland-China seit 24 Jahren. Es sollte noch weitere fünf Jahre dauern, bis Wenpo Lee seine Heimatstadt Nanjing wiedersah. Zwei Jahre zuvor war sein zweiter Sohn Felix geboren worden.

Lesen?

Felix Lee hat mit China, mein Vater und ich ein spannendes Buch geschrieben, in dem er anschaulich die Entwicklung Chinas von einem bitterarmen und unbedeutenden Land zu einem machtbewussten und wirtschaftlich stark prosperierenden Staat beschreibt, der einen großen Einfluss auf die Weltpolitik ausübt.

Und inwiefern war Wenpo Lee für VW ein Türöffner ins China-Geschäft? Das ist eine Anekdote, die Felix Lee gleich im ersten Kapitel beschreibt. 1978, als sein Vater dort eine Forschungsabteilung zur Entwicklung sparsamer Motoren leitete, standen einige Chinesen unangemeldet am Werkstor. Niemand wusste, was sie wollten. Einer von ihnen bezeichnete sich selbst als den chinesischen Maschinenbaumeister. Man bat ihn, den einzigen Chinesen im Werk, zu dolmetschen. Die Familie Lee war völlig in Deutschland integriert. Ihr Leben unterschied sich in nichts von dem deutscher Familien. Wenpo Lee hatte sich lange Zeit nicht mehr für die chinesische Politik interessiert und starke Zweifel, dass es sich bei der Gruppe am Werkstor tatsächlich um Chinesen handeln könnte. Für Deutsche sahen Asiaten schließlich alle gleich aus. Doch er sollte sich irren: Die Delegation wurde vom chinesischen Minister für Land- und Industriemaschinen angeführt und interessierte sich für Nutzfahrzeuge. Dieser Tag markiert den Grundstein für das Engagement von Volkswagen in China, das ohne Wenpo Lees Vermittlung so nicht oder erst später zustande gekommen wäre.

Wenpo Lee starb vor wenigen Wochen im Alter von 89 Jahren in Wiesbanden.

China, mein Vater und ich ist 2023 im Aufbau Verlag erschienen. Mir lag die Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung aus dem Jahr 2024 vor, die 5,-- Euro kostet.

Felix Lee gewann 2023 mit seinem Buch den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis.