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Freitag, 8. Mai 2026

# 504 - Geld als Waffe

Der Krieg - das ist ein Thema, das viele Menschen gern
ausblenden würden. Der Krieg ist: Tod, Zerstörung, unendliches Leid. Zum Krieg gehören: Militär, Politik, Demokratie und - Geld.

Damit sind jedoch nicht die Aktienkurse von Rüstungsunternehmen gemeint. Gemeint ist, dass sich am Geld entscheidet, wie Kriege beendet werden. Die ökonomische Sicht auf Kriege bringt die Wirtschaftsexpertin Ulrike Herrmann ihren Leserinnen und Lesern in ihrem Buch Geld als Waffe näher.

Ulrike Herrmann beschränkt sich auf zwei Bedrohungsszenarien: Chinas Wunsch, Taiwan zu annektieren, und Putins Plan, Europa zu bedrohen. Sie erläutert in zwei ausführlichen Kapiteln die Hintergründe für die Kriegsbereitschaft der beiden Länder und deren wirtschaftliche Möglichkeiten, Kriege zu führen und in ihrem Sinne zu einem Erfolg zu führen.

Die Betrachtung Russlands beginnt bereits in der Zeit der Mongolenherrschaft, erläutert dann das "Erfolgsmodell" der faktischen massenhaften Volksversklavung während des Zarenreichs und führt über den Bolschewismus und den Stalinismus bis zur Herrschaft von Putin. Herrmann schildert Putins Aufstieg, die politischen Strukturen Russlands und die Fallstricke, die der vom russischen Präsidenten angezettelte Krieg gegen die Ukraine birgt. Sehr einleuchtend erläutert sie, warum Putin diesen Krieg so schnell nicht beenden wird und zieht eine Parallele zum Beginn der Napoleonischen Kriege 1803: Obwohl mehr als 200 Jahre zwischen diesen Kriegen liegen, sind wirtschaftliche Überlegungen sehr wichtige, wenn nicht sogar ausschlaggebende Gründe, die Kriegshandlungen am Leben zu erhalten. Sowohl Napoleon als auch Putin befanden bzw. befindet sich in einem Dilemma. "Erst im Frieden zeigt sich, wie teuer ein Krieg war" bringt es auf den Punkt.

Auch der chinesische Staatschef Xi Jinping steht vor größeren ökonomischen Problemen, als man auf den ersten flüchtigen Blick auf die Wirtschaftsdaten seines Landes glauben würde. Auch hier geht Ulrike Herrmann weit in die Geschichte des Landes zurück, bis zur Gründung des chinesischen Kaiserreichs im Jahr 221 v. Chr. Wie schon bei der Darstellung der Geschichte Russlands sind Grundkenntnisse der chinesischen Geschichte wichtig, um Kultur und Denkweise wenigstens näherungsweise zu verstehen. Die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung in China macht es Xi schwer, den unausgesprochenen Pakt zwischen der Regierung und der Bevölkerung einzuhalten: Die Regierung versprach die fortschreitende Verbesserung des Lebensstandards, wirtschaftliche Stabilität sowie Chinas Aufstieg zur Weltmacht. Im Gegenzug akzeptierte die Bevölkerung die uneingeschränkte Führungsrolle der Kommunistischen Partei, eine strenge Internetüberwachung, Einschränkungen der persönlichen Freiheit und kaum politische Teilhabe. Doch die Versprechen können nicht mehr eingehalten werden, die Anzeichen für die Unzufriedenheit der Menschen nehmen zu. Ein Krieg gegen Taiwan, unterfüttert mit der passenden Propaganda, könnte geeignet sein, von den innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken. Diese Logik ist nicht neu und war in der Vergangenheit immer wieder ein Auslöser für einen Krieg. Sollte China tatsächlich Taiwan angreifen und das Land einnehmen, "hätten die Amerikaner ihren Status als Supermacht verloren und Peking könnte mühelos noch weitere Gebiete in Südostasien erobern oder unter seine Kontrolle bringen". Die Welt, wie wir sie kennen, wäre eine andere.

Herrmann macht sich Gedanken über das Drohpotenzial von Atomwaffen und die Risiken, die ein atomarer Angriff für die Angegriffenen und Angreifer hätte und erläutert, was es mit "schmutzigen Bomben" auf sich hat. Doch trotz dieser gefühlt großen Bedrohung sagt sie: "Die Wirkungsmacht dieser ökonomischen Waffen [Anm.: Sanktionen, Blockaden, Finanzmarkt-Manipulationen, Zurückhalten wichtiger Rohstoffe] entscheidet, wie viel Militär in einem Krieg noch gebraucht wird." 

Nach Ansicht von Ulrike Herrmann führt kein Weg an der Aufrüstung Europas vorbei. Diese Entwicklung wird ihrer Meinung nach zu einem geänderten Selbstverständnis der EU führen: "[...], diese Militärausgaben werden die EU für immer verändern: Europa ist auf dem Weg, zu einem echten Staat zu werden. Heute ist die EU eine Union selbstständiger Länder, künftig wird sie sich zu einer Art Föderalstaat entwickeln, in dem die einzelnen Nationen zwar noch formal eigenständig sind - aber sehr eng kooperieren."

Lesen?

Geld als Waffe gibt einen sehr guten Überblick, was unter einer sog. Kriegswirtschaft zu verstehen ist. Herrmann verbindet die aktuellen Schlagzeilen mit historischen Betrachtungen und macht immer wieder Exkurse zu praktischen Fragen, die sich in einem Krieg stellen: Wie können Fabriken weiterarbeiten? Woher kommen die Vorprodukte? Und was passiert, wenn diese Systeme zusammenbrechen?

Zum Verständnis von Herrmanns Erläuterungen sind spezielle wirtschaftswissenschaftliche Vorkenntnisse nicht nötig. Das Buch fügt sich in die aktuelle Debatte über Resilienz, Verteidigungsausgaben und die damit zusammenhängenden Zielkonflikte ein, die entstehen, wenn Sicherheit sowohl als militärisches als auch wirtschaftliches Projekt erkannt wird.

Ulrike Herrmanns Ausblick hat trotz der Düsternis des Themas einen positiven Grundtenor: "Putin wollte Europa spalten, doch dürfte er das Gegenteil erreichen und den Kontinent einen. Europa wird stärker, nicht schwächer."

Geld als Waffe ist 2026 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 25 Euro sowie als E-Book 22,99 Euro. 

Freitag, 5. Dezember 2025

# 492 - Was tun, wenn der Ernstfall eintritt?

Ferdinand Gehringer und Johannes Steger sind
Sicherheitsexperten mit unterschiedlichen Schwerpunkten: Gehringer ist sicherheitspolitischer Berater bei der Konrad-Adenauer-Stiftung, Steger leitet beim "Tagesspiegel" die Redaktion des Background Cybersecurity. Der Titel ihres gemeinsamen Buches Deutschland im Ernstfall scheint sich in die lange Reihe der Sachbücher einzureihen, die seit der sich verschärfenden geopolitischen Lage auf den Markt gekommen sind. Bei vielen von ihnen möchte man sich instinktiv die Decke über den Kopf ziehen und denken: Macht euren Sch... doch allein. Aber diese Haltung bringt selbstverständlich niemanden weiter.

Solch eine fatalistische Stimmung vermittelt dieses Sachbuch nicht. Wie viele andere Politik- und Sicherheitsexperten gehen auch Gehringer und Steger nicht davon aus, dass sich der Ernstfall in Deutschland in erster Linie dadurch bemerkbar macht, dass uns Bomben auf die Häuser fallen. Sie legen ihren Fokus auf die sog. hybride Kriegsführung, die durch gezielte Sabotageakte darauf abzielt, unseren Alltag zu untergraben und die öffentliche Ordnung auszuhöhlen.

Die Autoren erläutern, welche Bedrohungen vor allem im Fokus der Bundeswehr und Sicherheitsbehörden sind und ständig beobachtet werden. Dazu gehören sowohl Desinformation als auch Cyberangriffe, das Ausspähen von kritischer Infrastruktur und Schlüsselindustrien sowie Sabotageakte. Der Fantasie sind hier fast keine Grenzen gesetzt. Die aktuellen Nachrichten legen nahe, dass das meiste davon längst stattfindet.

Aber sind Deutschland und Europa auf diese Bedrohungen eingerichtet? Dieser Frage gehen Ferdinand Gehringer und Johannes Steger nach, und was sie herausfinden, ist ambivalent. Der Gesetzgeber hat es in einigen Fällen bislang versäumt, bestehende Regelungen aus der Zeit des Kalten Krieges an die heutige Zeit anzupassen: Die Privatisierung der früheren Sondervermögen Bundespost und Bundesbahn, die Digitalisierung oder die hybriden Bedrohungen sind juristisch nicht oder nicht ausreichend umgesetzt worden. Viele der alten Gesetze gingen außerdem von der Annahme aus, dass Deutschland wegen der deutsch-deutschen Teilung ein Frontstaat ist und entsprechend verteidigt werden muss. 

Anhand von Szenarien erläutern Steger und Gehringer, was hinter den Begriffen "Spannungsfall",  "Verteidigungsfall", "Zustimmungsfall" und "Bündnisfall" steckt und welche Maßnahmen ergriffen werden, wenn einer von ihnen ausgerufen wird. Als Bürgerin und Bürger hat man eine eher nebulöse Vorstellung davon, was in so einer Situation passiert. Der Staat hat besondere Handlungsbefugnisse und greift auf Gesetze zurück, die bislang keine Rolle gespielt haben - und dann? 

Man erfährt, welche konkreten Gesetze zum Tragen kommen und welche Möglichkeiten das Parlament hat, das Land auf eine kritische Situation vorzubereiten.

Der Begriff, der sich durch das ganze Buch zieht, ist: Resilienz. Dabei geht es um den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt, der sich zum Beispiel in einem starken ehrenamtlichen Engagement ausdrückt. Zitat: "Denn eine widerstandsfähige Demokratie lebt von einer informierten und handlungsfähigen Gesellschaft. Im Ernstfall entscheidet sich die Resilienz eines Landes nicht nur in den politischen und militärischen Lagezentren, sondern im Alltag seiner Bürgerinnen und Bürger: in der Funktionsfähigkeit von Zivilschutz und Notfallversorgung, im Zugang zu verlässlichen Informationen, im Vertrauen in staatliches Handeln - und in der psychologischen Widerstandskraft der Menschen."

Lesen?

Deutschland im Ernstfall stellt die Fragen, denen die Politik zu oft ausweicht: Wie würde sich der Ernstfall auf staatliches Handeln auswirken? Wie auf die Demokratie? Wie auf unseren Alltag? Die Antworten darauf sind zum Teil unpopulär, geeignete vorbeugende Maßnahmen kosten viel Geld. Beides lädt politische Entscheider nicht unbedingt zur Offenheit ein - obwohl das nötig wäre.

Deutschland im Ernstfall ist keine Panikmache und keine Anleitung für Prepper. Mit dem Buch möchten die Autoren darüber aufklären, was im Ernstfall passiert und wie wir selbst etwas beitragen können, um die Situation so gut wie möglich zu bewältigen. Das ist ihnen gelungen. 

Deutschland im Ernstfall ist 2025 bei Hoffmann & Campe erschienen. Das Buch kostet als Paperback 18 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro.

Samstag, 22. März 2025

# 470 - Ein Szenario: Wenn Russland gewinnt

Was passiert, Wenn Russland gewinnt? Diese Frage
steht seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 im Raum. Der renommierte Politikwissenschaftler und Militärexperte Carlo Masala hat in seinem neuesten Buch ein Szenario entworfen, wie sich die globale und europäische Sicherheitsarchitektur in diesem Fall in den nächsten Jahren entwickeln könnte. Als Sieg gilt für ihn auch, dass Russland das derzeit von ihm besetzte Gebiet nicht zurückgeben muss.

Fiktion auf der Grundlage von Wissenschaft und fortgeschriebenen Entwicklungen

Masalas Szenario setzt im März 2025 ein. Die Unterstützung, um die der ukrainische Präsident Selenskyj dringend gebeten hat, bleibt aus. Der US-Präsident lässt nicht nur die Ukraine, sondern auch Europa sicherheitstechnisch fallen. Die europäischen Staaten sind nicht in der Lage, diesen Ausfall aufzufangen. Der Ukraine bleibt nur die Kapitulation und damit die Aufgabe von zwanzig Prozent ihres Staatsgebiets. Eine durch die Vereinten Nationen bereitgestellte Friedenstruppe soll den Waffenstillstand überwachen, jedoch nicht eventuelle Angriffe Russlands gegen die Ukraine abwehren.

Ende März 2028 dringen russische Brigaden in die estnische Stadt Narwa ein. Die dortige Bevölkerung ist zu 95 Prozent russischsprachig und hat seit Wochen gegen ihre sprachliche und kulturelle Benachteiligung durch die estnischen Behörden protestiert und den durch Desinformation gestreuten Gerüchten geglaubt, für die Regierung künftig nur noch Bürger zweiter Klasse zu sein. Die russischen Soldaten stoßen nicht auf Gegenwehr, die Stadt ist binnen weniger Stunden eingenommen. Dieser Erfolg war auch deshalb möglich, weil sich sowohl die estnische Regierung als auch die NATO von Truppenbewegungen fast 150 Kilometer entfernt haben ablenken lassen.

In derselben Nacht besetzen russische Soldaten, die zuvor per Fähre als Touristen getarnt angereist waren, die estnische Insel Hiiumaa. Die Gegenwehr der 12.000 dort lebenden Menschen ist gering.

Die Frage ist nun: Ist die russische Annexion einer Stadt mit etwa 56.000 Einwohnern sowie einer Insel in einem kleinen NATO-Mitgliedsland ein Anlass, um den Bündnisfall auszurufen? Von der Antwort hängt insbesondere die Zukunft Europas ab, und sie fällt innerhalb der EU sehr unterschiedlich aus.
In Masalas Szenario entscheidet sich binnen weniger Tage, welche Staaten die globale Vorherrschaft erringen werden.

Lesen?

Carlo Masala warnt eindringlich davor, Russland zu unterschätzen. Er hält militärische Aktionen, die die Reaktions- und Verteidigungsfähigkeit der NATO testen sollen, für realistisch und benennt deutlich die - nicht fiktionalen, sondern tatsächlichen - Fähigkeitslücken des Verteidigungsbündnisses. Seiner Einschätzung nach verfolgt Putin das Ziel, die europäische Sicherheitsarchitektur zu zerstören.

Donald Trump ist erst seit wenigen Wochen im Amt, als Masala noch an seinem Buch arbeitet. Er schreibt: "Mein Szenario beruht darauf, dass die USA der Ukraine die Unterstützung entziehen und sich in der Folge aus Europa weitgehend zurückziehen, um sich auf Asien zu konzentrieren." Es ist beklemmend, dass sich diese Einschätzung bereits bewahrheitet hat.

Hinter einem Szenario steht nicht nur die Frage "Was wäre, wenn?" Es dient auch dazu, Vorbereitungen zu treffen, um den Worst Case zu verhindern - denn genau das ist es, worum es in Wenn Russland gewinnt geht. Masala beschreibt Russlands militärische und zivile Zersetzungsstrategie und kritisiert den Umgang der Politik mit dem Kriegsgeschehen in der Ukraine. Dass, als ob das nicht schon reichen würde, den Politikern eine klare Strategie bislang fehlte und sich daran auch nach drei Jahren Kriegsdauer nichts geändert hat, verleitet nicht zu Optimismus. 

Masala empfiehlt die Priorisierung von Staatsaufgaben zugunsten von Verteidigungsausgaben sowie die klare Kommunikation der Regierungen mit ihren Wählerinnen und Wählern. Sein letzter Satz ist eine Mahnung: "Demokratische Gesellschaften sind durch hybride Kriegsführung bedroht und letzten Endes geht es um nicht weniger als um die Verteidigung der demokratischen Staatsform, oder pathetischer gesprochen, um die Art und Weise, wie wir leben und leben wollen."

Wenn Russland gewinnt ist im März 2025 im Verlag C. H. Beck erschienen und kostet als Broschurausgabe 15 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.



Sonntag, 6. August 2023

# 404 - Schockwellen - ein Sachbuch, das Zusammenhänge verständlich erklärt

Claudia Kemfert ist seit fast zwanzig Jahren
Abteilungsleiterin für die Bereiche Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und lehrt seit drei Jahren an der Leuphana Universität Lüneburg "Energiewirtschaft und Energiepolitik". In ihrem Buch Schockwellen analysiert sie, in welcher Situation sich Deutschland im Hinblick auf seine Energieversorgung befindet und wie das Land dorthin geraten ist.

Der Angriff Russlands auf die Ukraine am 22. Februar 2022 war in vielerlei Hinsicht eine Zäsur, nicht nur, was die Energiepolitik und ihre frühere und zukünftige Ausrichtung betrifft. Wir erinnern uns: Plötzlich stand auch Laien vor Augen, welche Folgen die enge Anbindung Deutschlands an Russland hat, wenn es um die Versorgung mit Erdöl und Erdgas und damit auch um Strom geht. Schlagartig wurde vielen klar, dass das nicht hätte sein müssen, wenn sich die Politik schon Jahre zuvor deutlich mehr auf den Ausbau von erneuerbaren Energien konzentriert und sich von Russland abgenabelt hätte. Statt dessen wurden Projekte wie Nord Stream 1 und 2 durchgeführt und die Bindung noch verstärkt. Und das, obwohl es zahlreiche Hinweise darauf gegeben hat, dass Putin Rohstofflieferungen als probate Druckmittel ansieht, um seinen politischen Einfluss in der Welt zu mehren.

Die für die Nord Stream 1 und 2 verantwortlichen Regierungen unter Kanzler Schröder und Kanzlerin Merkel beklatschten die beiden auf eine Lebensdauer von 50 Jahren ausgelegten Anlagen, mit denen so viel Erdgas transportiert werden kann, dass damit eine vollständige Versorgung ganz Deutschlands erreicht werden könnte. Gleichzeitig versprach die damalige Bundeskanzlerin Merkel, Treibhausgasemissionen bis 2050 um bis zu 95 Prozent zu reduzieren. Klingt seltsam? Ist es auch.

Aber was nützt das Jammern um frühere Fehler? Wir leben im Hier und Jetzt und müssen geeignete Strategien einsetzen, um unsere Energie-Zukunft zu sichern. Das kann nur ohne Russland passieren. Mit dem Beginn des Angriffskriegs wurden mehrere Sanktionen gegen Russland eingeleitet, zu einem 100 %-igen Bruch kam es aber nicht: Zu groß waren die Ängste der Politik vor einer Rezession und sozialen Verwerfungen. 

Claudia Kemfert hält Kritikern, die der Meinung sind, dass ein Industrieland wie Deutschland nicht mit Wind und Sonne überleben kann, eine Antwort bereit: Ihr habt recht! Ergänzend zu Wind- und Solarenergie führt ein Strauß von Maßnahmen dazu, dass eine vollständige Versorgung mit erneuerbaren Energien erreicht werden kann. Dazu sind der politische Wille, Bürokratieabbau sowie die Re-Kommunalisierung der Strom-, Wasser- und Wärmeversorgung nötig.

Lesen?

Schockwellen führt auch denjenigen, die sich bisher nicht oder kaum mit dem Thema Energieversorgung beschäftigt haben, vor Augen, wo die Probleme in der Vergangenheit lagen, die heutigen liegen sowie man ihnen wirksam begegnen kann. Man bekommt mit den von Kemfert vorgeschlagenen Maßnahmen eine grüne Energieversorgung, die nach ihren Ausführungen sogar den Charme hat, preisgünstiger als die heutige zu sein. Die Dringlichkeit zu handeln, macht der Untertitel deutlich: Letzte Chance für sichere Energien und Frieden. Lesen? Ja!

Schockwellen ist 2023 im Campus Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 26 Euro sowie als E-Book 23,99 Euro.

Freitag, 3. März 2023

# 383 - Ein Roman, der ein Jahrhundert ukrainischer Geschichte erzählt

Lisa Weeda wurde in den Niederlanden geboren und
hatte sich lange nicht mit der Geschichte ihrer Familie beschäftigt. Sie wusste, dass ihre Großmutter Aleksandra aus der Ukraine stammte, im Zweiten Weltkrieg 1942 als Zwangsarbeiterin nach Deutschland kam, später in den Niederlanden geheiratet hatte und dort geblieben war. Erst vor einigen Jahren begann sich die Autorin für ihre Familiengeschichte bis zurück zu ihrem Urgroßvater zu interessieren - eine Geschichte, die sich in der Ostukraine, Russland, Deutschland und den Niederlanden abspielte. Sie erfuhr, dass sie von Donkosaken abstammte, die sich bereits im 15. Jahrhundert zusammenschlossen.

In ihrem Debütroman Aleksandra lässt Weeda mit einer Mischung aus Fiktion und realen Begebenheiten ihre Ich-Erzählerin Lisa im Jahr 2018 nach Lugansk reisen. Ihre Großmutter Aleksandra hatte sie beauftragt, das Grab ihres Neffen Kolja zu suchen, der drei Jahre zuvor verschwunden war. Die Erzählerin hat etwas Besonderes im Gepäck: ein Sticktuch, auf dem mit schwarzem und rotem Faden die Lebenslinien der einzelnen Familienmitglieder nachempfunden waren. Die roten Linien stehen für das Leben, die schwarzen für den Tod. Dieses Tuch soll auf Koljas Grab gelegt werden, da Aleksandra fühlt, dass dieser sonst keine Ruhe findet.

Am Grenzübergang von der Ukraine zur sog. Volksrepublik Lugansk, die 2014 völkerrechtswidrig von Russland annektiert wurde, scheitert Lisa am Wachsoldaten, der sie partout nicht passieren lassen will. In einem günstigen Moment rennt sie in ein Getreidefeld, um ihr Ziel zu erreichen und den Wunsch der Großmutter zu erfüllen. Als sie stolpert, fällt sie auf die Stufen eines plötzlich auftauchenden Palasts mit gigantischen Ausmaßen und trifft dort auf ihren schon lange verstorbenen Urgroßvater Nikolaj, der sie durch die zahllosen hohen Räume des Gebäudes führt. 

Dieser "Palast der verlorenen Donkosaken" erinnert an Josef Stalins hochfliegende Pläne aus den 1930-er Jahren, in Moskau einen "Palast der Sowjets" zu bauen, der mit einer Höhe von 415 Metern alle Gebäude auf der Welt überragen und von der Großartigkeit der Sowjetunion überzeugen sollte. 

Nikolaj zeigt seiner Urenkelin etliche Palasträume und leitet sie auf diese Weise durch die kollektiven Erinnerungen der Familie sowie die Historie der Ukraine und Russlands. Die Zeit unter Stalin, als Nikolaj und seine Frau Anna wie viele andere Bauern ihre Ernte hergeben mussten und später sogar enteignet wurden, die Qualen des Holodomors Anfang der 1930-er Jahre oder der Einmarsch der Nationalsozialisten in die Ukraine waren nur einige der prägenden Ereignisse, die die Familie vor schwere Prüfungen stellte und auseinander riss.
Diese so verpackten Begebenheiten verknüpft Lisa Weeda mit den Erzählungen ihrer Großmutter und dem, was im Zusammenhang mit der Annexion der Volksrepublik Lugansk, in deren Wirren Kolja verschwand, passierte.

Lesen?

Aleksandra ist ein vielschichtiger Roman, der seine Leser und Leserinnen auf fast jeder Seite mit historischen Informationen versorgt. Lisa Weeda hat eindrucksvoll dargestellt, wie sehr Menschen durch politische Entscheidungen hin und her geworfen werden können wie Laub im Wind, ohne eine Chance zu haben, ihre Lage aktiv zu verbessern. 

Lisa Weede hat der Handlung erfreulicherweise einen Familienstammbaum vorangestellt, der sich über fünf Generationen erstreckt. Das ist sehr hilfreich, um sich zurechtzufinden, da einzelne Vornamen in mehreren Generationen vorkommen, was ziemlich verwirrend sein kann.

Der im Roman verwendete Leitspruch der Donkosaken spiegelt wider, wie die Ukrainer mit den Angriffen Russlands umgehen: "Wir sterben lieber frei als versklavt" macht deutlich, dass Aufgeben die letzte Option ist.

Lisa Weeda hat acht Jahre an ihrem Buch geschrieben. Aufgrund der Faktenfülle wäre mir sehr recht gewesen, wenn sie sich nicht auf rund 280 Seiten beschränkt, sondern der gesamten Darstellung mehr Raum gelassen hätte.

Aleksandra war 2022 in den Niederlanden ein großer Publikumserfolg und wurde mit De Bronzen Uil, dem Preis für das beste niederländisch-sprachige Debüt, ausgezeichnet und stand auf der Shortlist des niederländischen Libris-Literaturpreises.

Der Roman erschien am 24. Februar 2023 zum ersten Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine im Kanon Verlag und kostet 25 Euro.

Dienstag, 31. Januar 2023

# 379 - Vier Generationen auf der Flucht - eine wahre Familiengeschichte

Inge Ruth Marcus' Familiengeschichte ist
außergewöhnlich. So außergewöhnlich, dass sie von der Autorin mit ihrem biografischen Roman Glut im Eis erzählt werden musste. Einen ersten Hinweis darauf gibt schon ihr Geburtsort: Hsinking in Mandschukuo. 1941 kam sie dort zur Welt, in einem nur dreizehn Jahre existierenden Marionettenstaat, von dem ich bis dato noch nie gehört hatte.

Hsinking heißt heute Changchun und ist eine Provinzhauptstadt im Nordosten Chinas mit mehr als 3,4 Millionen Einwohnern. Marcus deutet es im Untertitel ihres Romans an: "Vier Generationen zwischen fünf Diktatoren". Sie selbst gehört zur vierten Generation, erwähnt sich jedoch ohne Namensnennung nur kurz. Im Mittelpunkt ihres Buches steht ihr Großvater, dem sie das Pseudonym Josef Naumann gegeben hat. Josef wird 1877 in Hamburg geboren, wächst in bürgerlichen Verhältnissen auf und arbeitet für eine Hamburger Handelsfirma. Schon früh spürt er den Wunsch, mehr von der Welt zu sehen. Es ist die Zeit, in der die neuartigen Dampfschiffe den Fortschritt symbolisieren und der Arzt Bernhard Nocht für sein besonnenes Verhalten während der Cholera-Epidemie verehrt wird.

Dann ergibt sich für Josef unerwartet die Gelegenheit, weit weg von zu Hause zu arbeiten: Sein Arbeitgeber sucht für ein deutsches Handelsunternehmen in Wladiwostok, mit dem er als Geschäftspartner in Verbindung steht, jemanden mit bestimmten Sprachkenntnissen und Verwaltungserfahrung. Ohne lange zu überlegen nimmt Josef die Herausforderung an und macht sich auf die Reise in eine ihm fremde Welt, fast 8.000 Kilometer Luftlinie von zu Hause entfernt. Erst nach sechs Jahren würde ihm ein halbes Jahr Urlaub zustehen.

Sollte Josef bis dahin geglaubt haben, mit dem Besteigen des Schiffes sein größtes Abenteuer vor sich zu haben, würde er einige Jahre später eines Besseren belehrt werden. Das, was das Leben für ihn bereithalten würde, sollte eine Abfolge von extremen Situationen sein, die ihn mehrmals dem Tod nahebringen. Josef erlebt die Zarenzeit unter Nikolaus II., dem letzten Kaiser Russlands, und Jahre der Verbannung in Sibirien. Dort findet er zwar sein privates Glück mit einer Burjatin, mit der er zwei Kinder haben wird, ist aber wieder von Verfolgung bedroht. Die Rote Armee kämpft gegen die aus Freiwilligen bestehende Weiße Armee und hinterlässt dort, wo sie auftaucht, eine Spur der Verwüstung. Die Situation wird für Josef als Deutschen brenzlig, aber unter abenteuerlichen Umständen und mit der Hilfe der Familie seiner Frau gelingt die Flucht nach Wladiwostok. Dort bekommt Josef wieder Arbeit. Kommen die Vier hier nun zur Ruhe? 

Lesen?

Glut im Eis ist ein anspruchsvoller Roman, für den man sich Zeit nehmen sollte. Inge Ruth Marcus spannt auf fast 650 Seiten einen weiten Bogen der europäischen und asiatischen Geschichte zwischen 1897 und 1945 und zeigt, wie sehr Menschen zu einem Spielball der politischen Verhältnisse werden können. Ihr Großvater war zweifellos ein kluger Mann, der gern "trickste", wie es seine burjatische Frau gern nannte. Das, was er und später auch seine Familie erleben musste, war nur mit Mut, Zähigkeit und einem unbedingten Überlebenswillen auszuhalten. Ganz sicher kam Josef auch zugute, dass er das, was man heute als "Netzwerken" bezeichnet, sehr gut beherrschte. So gab es oft ihm wohlgesonnene Menschen, die ihm hilfreich verdeckt oder offen zur Seite standen und ihm den Hals retteten.

Inge Ruth Marcus hat im Anhang ein 20-seitiges Sachregister erstellt, das sehr dabei hilft, die geschilderten Zusammenhänge ihres Romans zu verstehen. Dennoch habe ich mehrmals zusätzlich das ein oder andere nachgeschlagen, weil mich die geschichtlichen Hintergründe interessiert haben. 
Auch die nach Zeiträumen aufgeteilte Auflistung der handelnden Personen habe ich häufig genutzt. Ohne sie kann man bei der Vielzahl der Menschen, die für die Handlung eine Rolle spielen, schnell ins Schleudern kommen.

Das einzig Irritierende war für mich Marcus' Umgang mit der wörtlichen Rede. Das Gesagte wird nie in Anführungszeichen gesetzt, sondern mit dem Namen des Sprechers oder der Sprecherin angekündigt und am Beginn mit einem Spiegelstrich markiert. Daran habe ich mich bis  zum Schluss nicht gewöhnen können.

Glut im Eis ist 2022 im Anthea Verlag Berlin erschienen und kostet als Paperback-Ausgabe 22,90 Euro.

Donnerstag, 15. September 2022

# 364 - Ein rätselhaftes Verbrechen in den Wirren des ukrainischen Umbruchs

Beim Titel von Andrej Kurkows Roman Samson und
Nadjeschda
 könnte man auf die Idee kommen, es handele sich hier um einen Liebesroman. Doch die Liebe spielt in diesem Buch nur eine Rolle unter mehreren.

Der 11. Mai 1919 wird für Samson zu einem Schicksalstag: Als er mit seinem Vater zu Fuß in Kiew unterwegs ist, werden die beiden von einer Gruppe berittener Kosaken überfallen. Mit einem Säbelhieb spaltet einer von ihnen Samsons Vater den Schädel, mit einem weiteren schlägt er Samson ein Ohr ab. Die Brutalität und Sinnlosigkeit der Tat passen zu dieser Zeit: Nach der russischen Revolution setzte sich die Krise in einem Bürgerkrieg fort. Auf dem Gebiet der Ukraine entbrannte der sowjetisch-ukrainische Krieg, in den sich in dessen letzten Jahren weitere europäische Staaten - auch Deutschland - einschalteten. Die Bolschewiken versuchten 1919, die Macht in der Ukraine zu übernehmen und ihre Gesellschaftsordnung zu implementieren. Die Bevölkerung lebte in einer anarchischen Umgebung von Gewalt, Willkür, Gesetzlosigkeit und ständiger Warenknappheit.

Samson ist nach dem Tod seines Vaters allein. Er hofft, dass ein ihm bekannter Augenarzt die Ohrmuschel wieder annähen kann, aber der verpackt das Körperteil in einer Puderdose, die er Samson überreicht. All das geschieht in einer fast schon sachlichen Atmosphäre ohne Pathos. Der junge Mann wird zunächst von den Ereignissen mitgetragen: Die Hausmeisterwitwe in seinem Mietshaus, die dort so etwas wie eine graue Eminenz ist, möchte, dass Samson nicht mehr allein ist und fädelt die Bekanntschaft mit Nadjeschda (dt.: Hoffnung), einer glühenden Bolschewikin, ein, die dann tatsächlich nach und nach zu einer Liebesbeziehung wird.

Als sich zwei Rotarmisten in Samsons Wohnung einquartieren, ändert sich sein Leben ein weiteres Mal. Nicht nur, dass sie das Arbeitszimmer des verstorbenen Vaters besetzen, sie tragen auch Kisten mit Gegenständen herein, die sie angeblich requiriert haben. Als Samson beim Nachhausekommen sieht, dass auch der Schreibtisch des Vaters samt Inhalt beschlagnahmt wird, um in einem Milizrevier aufgestellt zu werden, ist das Maß voll. Er beschwert sich vor Ort, wird aufgefordert, einen Rapport zu schreiben, und am nächsten Tag als Milizionär eingestellt, weil er so gut schreiben kann. Samson ist ab sofort dafür zuständig, Diebstähle zu bekämpfen und für Ordnung zu sorgen. Dass sein Ohr in der Puderdose ihm das Leben retten würde, ahnt er noch nicht. Und dass die beiden Rotarmisten in seiner Wohnung in einen rätselhaften Fall, in dem wertvoller Stoff und ein Oberschenkelknochen aus Silber eine Rolle spielen, verwickelt sein würden, ebenfalls nicht. Aber Samson geht der Sache mit sehr speziellen Ermittlungsmethoden auf den Grund, die seinem Vorgesetzten nicht immer gefallen.

Lesen?

Andrej Kurkows Samson und Nadjeschda ist der Auftakt einer Reihe, wenn man dem letzten Satz glauben darf: "Ende. Aber Fortsetzung folgt." Im Epilog belauscht Samson nachts, wie Männer in seinem Schreibtisch in der Milizwache herumwühlen und allem, was sie finden, eine falsche Bedeutung zumessen. Sie entscheiden sich, nicht gegen Samson zu ermitteln, sondern ihn nur zu beobachten. Das sieht doch sehr nach einem zweiten Teil aus, oder?

In der mir vorliegenden E-Book-Ausgabe lautet der Untertitel "Kriminalroman", aber das ist irreführend. Wer hier ein spannungsgeladenes Whodunit erwartet, ist auf der falschen Fährte. Die kriminalistische Arbeit des völlig unerfahrenen Nachwuchsmilizionärs Samson ist lediglich ein Gerüst, um den sich Kurkows Schilderung der desolaten Zustände in der Ukraine in dieser Zeit rankt. Trotz der unwürdigen Bedingungen, unter denen die Menschen leben, verlieren sie jedoch nie die Hoffnung, sondern versuchen, aus ihrer Situation das Beste zu machen - mit oder ohne Gewalt.

Samson und Nadjeschda ist 2022 im Diogenes Verlag erschienen und kostet 24 Euro. Die Originalfassung wurde bereits 2020 in Kiew veröffentlicht.


Sonntag, 1. August 2021

# 301 - Königin Olga, die gute Seele von Württemberg

 Der Text auf dem Schutzumschlag beginnt mit den Worten: "Bis heute ist sie unvergessen." Aber ich will ehrlich sein: Bevor ich das Buch Königin Olga - Die Zarentochter auf dem württembergischen Thron von Antje Windgassen zur Hand genommen habe, hat mir ihr Name nichts gesagt. 

Die württembergische Königin Olga wurde 1822 geboren und war das dritte Kind von Zar Nikolaus I. und seiner Frau, der Zarin Alexandra Fjodorowna. Sie wuchs behütet und sorgenfrei im Kreis ihrer Familie auf, was auch daran lag, dass die Ehe ihrer Eltern nicht arrangiert worden war, sondern aus Liebe geschlossen wurde. Das war für den Adel der damaligen Zeit ungewöhnlich, doch Nikolaus und Alexandra ließen ihren sieben Kindern bei der Wahl ihrer Partner oder Partnerinnen freie Hand.

Olga verliebte sich in den Kronprinzen Karl von Württemberg, und die beiden heirateten 1846 in St. Petersburg. Damit war Olga für damalige Verhältnisse ein "spätes Mädchen". Sie wünschte sich immer eine große Familie und war vom ambivalenten Verhalten ihres Mannes sehr irritiert: Tagsüber kümmerte er sich vorbildlich um seine Frau und zeigte ihr seine Verehrung und Liebe - doch am späten Abend brachte er Olga bis zur Tür ihres Schlafgemachs und verabschiedete sich dann von ihr.

Doch der Tag kam, an dem er seiner Frau gestand, dass er zwar starke Gefühle für sie habe, er sexuell sich aber nur zu Männern hingezogen fühlt. Olgas Traum, Mutter vieler Kinder zu werden, zerplatzte. Doch sie bewies Größe: Karl sollte seine Beziehungen zu Männern zwar ausleben, dies sollte aber diskret geschehen, um keinen Skandal heraufzubeschwören.

Olga hat sich als Königin von Württemberg um mehrere karitative Einrichtungen gekümmert, was sie sehr beliebt gemacht hat. Ihr lagen besonders die Bildung von Mädchen sowie die Unterstützung von behinderten oder im Krieg verwundeten Menschen am Herzen. Auf ihr Engagement gehen auch die Einrichtung einer Krankenpflegeschule und die Versorgung der einhundert Ortschaften auf der Schwäbischen Alb mit Wasser zurück.

Ihr Kinderwunsch sollte sich dann doch noch erfüllen - auf eine andere Weise, als sich Olga das vorgestellt hatte. Die Freude darüber wurde später von einer großen Illoyalität ihres Mannes überschattet, der dafür teuer bezahlen musste.

Lesen?

Königin Olga - Die Zarentochter auf dem württembergischen Thron ist ein interessantes Buch, das durch die eingestreuten persönlichen Erinnerungen Olgas sehr authentisch ist. Diese Aufzeichnungen sind zwischen April und Oktober 1892 entstanden, als Königin Olga spürte, das ihr nicht mehr viel Zeit bleiben würde.
Antje Windgassen hat sich fast durchgehend an die zeitliche Abfolge der Ereignisse gehalten, sodass man nicht nur viel über die deutsche, sondern auch die europäische Geschichte erfährt. Sie streift beispielsweise die Hungersnöte, die zur massenhaften Auswanderung von Württembergern führten, ebenso wie das "Jahr ohne Sommer": Durch einen Vulkanausbruch auf einer indonesischen Insel im Jahr 1815 sanken die Temperaturen ein Jahr später in Teilen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz so dramatisch, dass noch im Mai 1816 die Brunnen zufroren und ab Juni so viel Regen fiel, dass das Getreide verfaulte. Viele Menschen starben; wer konnte, floh.

Wenn man Kritik am Buch üben wollte, dann die, dass es nicht den geringsten Makel an Olgas Charakter gegeben zu haben scheint. Auch die Stellung der Adelshäuser wirkt etwas entrückt, das gemeine Volk ist oft nur eine Randerscheinung. Der Verlag beschreibt den Titel jedoch als Romanbiografie, sodass man nicht den Rundumblick eines Sachbuchs erwarten sollte. 

Die teilweise sehr ähnlichen Namen der Angehörigen des Adels und ihre Verwandtschaftsbeziehungen sind verwirrend, aber das am Ende des Buches angefügte Personenverzeichnis hilft bei der Orientierung. Ein Glossar erklärt außerdem Begriffe, die für uns nicht (mehr) alltäglich sind.

Antje Windgassens flüssiger Schreibstil sorgt für etliche Stunden Lesevergnügen, weshalb ich dieses Buch empfehlen kann.

Königin Olga - Die Zarentochter auf dem württembergischen Thron ist 2021 im Südverlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 22 Euro.

Freitag, 7. Februar 2020

# 228 - Wie es sich zwischen den Fronten lebt


Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow beschreibt in seinem Roman Graue Bienen die Leiden der zivilen Bevölkerung in den Zeiten des Krieges in der Ukraine. Die Handlung ist in der sogenannten "Grauen Zone" angesiedelt: Das Gebiet mit einer Länge von ca. 450 Kilometern, in dem sich etwa 100 Dörfer befinden, ist so etwas wie eine Pufferzone zwischen der ukrainischen Armee und den für Russland kämpfenden Separatisten. Beide Seiten beanspruchen es für sich.

Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei Männer, die nach drei Kriegsjahren hier allein in einem Dorf im Niemandsland leben. Alle ihre Nachbarn sind längst geflohen. Seit ihrer Kindheit sind die beiden verfeindet, aber im Laufe der Zeit hat diese Feindschaft Rost angesetzt: Sie sind jetzt beide um die 50, Frührentner und allein. Der Mangel an vielem, was vor dem Krieg selbstverständlich war, zwingt sie zur Sparsamkeit und Improvisation. Auch die Einsamkeit und die Angst, unter Beschuss zu geraten, bringt sie einander allmählich näher. Der fast tägliche Geschützdonner ist längst Teil ihres normalen Alltags geworden.

Für den einen von ihnen, Sergej Sergejitsch, sind seine Bienen sein Lebensinhalt, nachdem er von seiner Frau und seiner Tochter verlassen wurde. Der Honig lässt sich gegen andere Lebensmittel tauschen und hin und wieder kommen zahlende Kunden, die von der Heilkraft der Bienen gehört haben und auf den Bienenkörben schlafen wollen. 
Sergej interessiert sich nicht für die Ursachen des Krieges, er nimmt ihn nur als Dauerstörung seines Lebens wahr. Das scheinen auch die Bienen zu tun: Die häufigen Detonationen in der Umgebung stören die Tiere in den Bienenkörben in ihrer Winterruhe. Sergej befürchtet, dass die aufgeregten Bienen sich in alle Winde zerstreuen und er sie verlieren könnte, wenn er sie aus den Körben ließe. Also beschließt der Imker im anbrechenden Frühling, seinen Tieren einen ruhigen Platz zu suchen, und fährt mit den Bienenkörben im Anhänger Richtung Westen.

Sergej macht nach einigen Stunden Autofahrt auf einer Lichtung in der Nähe eines Dorfs halt. Zunächst lässt sich alles gut an: Den Bienen geht es gut, die Ladeninhaberin des Dorfes versorgt ihn mit Essen und menschlicher Nähe. Aber für die Einheimischen ist er ein Fremder, manche vermuten sogar, er sei ein Flüchtling. Als ihm ein vom Krieg traumatisierter junger Mann eines Nachts sämtliche Autoscheiben zertrümmert, reist Sergej mit seinen Bienen weiter.

Sergejs nächste Station ist auf der Krim. Dass er in dem von Russland annektierten Gebiet als Ausländer behandelt werden würde, war ihm vorher nicht bewusst. Sergej hat vor mehr als 20 Jahren während eines Bienenzüchterkongresses Achtem Mustafajew, einen Krimtartaren, kennengelernt. Dort angekommen erfährt er, dass sein damaliger Zimmergenosse zwei Jahre zuvor vom FSB verschleppt wurde und seine Familie seitdem kein Lebenszeichen von ihm erhalten hat. Achtems Frau und Kinder sind gegenüber Sergej hilfsbereit und gastfreundlich, aber die Situation der Familie verschärft sich während seiner Anwesenheit. So sehr ihm die Landschaft gefällt, so sehr spürt er, dass er auch hier ein Fremder ist: sowohl für die Tartaren als auch für die Russen, die ihm misstrauen, weil er zu Tartaren Kontakt hat. Sein Wunsch, alles möge wieder so sein wie vor dem Ausbruch des Krieges, verstärkt sich.

Die Bienen werden für den Imker mit jeder Erfahrung, die er während seiner Fahrt macht, zu einem immer größeren Vorbild: An ihnen lässt sich erkennen, wie ein geordnetes und produktives Staatswesen funktioniert. Ihr Leben ist gewissermaßen der Gegenentwurf zu den ungeordneten und gewalttätigen Zuständen in der Ostukraine.

Lesen?

 

In Graue Bienen bringt Andrej Kurkow seinen Lesern das Leben der Menschen näher, die in der Öffentlichkeit fast nicht wahrgenommen werden. Die Bewohner der Grauen Zone sind von allem abgeschnitten, was das Leben, das wir für normal halten, ausmacht: Es gibt weder Strom noch fließendes Wasser, es gibt keine Läden, in denen Lebensmittel gekauft werden könnten, es gibt keine Post und keine Geldausgabe, viele Wohnhäuser und öffentliche Gebäude wurden zerstört. Wovon es reichlich gibt, ist die Angst, versehentlich in eine Tretmine zu geraten oder von einem Heckenschützen getötet zu werden. Diese dauerhaft angespannte Atmosphäre, gepaart mit einem großen Durchhaltewillen und einer gewissen Portion Phlegma wird von Kurkow sehr gut vermittelt.

Andrej Kurkow hat sich mit seinen russlandkritischen Büchern bei der dortigen Regierung keine Freunde gemacht. Seit einigen Jahren dürfen sie nicht mehr nach Russland eingeführt werden, weil der Autor auf einer schwarzen Liste steht. Es ist Kurkow zu wünschen, dass er mit seinem Buch sein Ziel erreicht: dass sich die Weltöffentlichkeit wieder dem Ukrainekonflikt zuwendet und ihn aus seinem aktuell eingefrorenen Zustand dem Frieden zuführt.

Graue Bienen ist 2019 im Diogenes Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 20,99 Euro.

Sonntag, 11. August 2019

# 207 - Hochverrat, um die Familie zu schützen?

Karen Cleveland hat acht Jahre als Analystin für die
CIA in der Abteilung Russland gearbeitet, bevor sie ihren ersten Roman Wahrheit gegen Wahrheit schrieb. 

Die Hauptfigur Vivian Miller hat starke Ähnlichkeit mit der Autorin: Auch sie arbeitet als Analystin in der Spionageabwehr der CIA, ebenfalls in der Abteilung Russland. Vivian ist seit zehn Jahren mit Matt, einem IT-Experten, verheiratet, hat mit ihm vier Kinder und lebt in der Nähe von Washington D. C. Sie ist dabei, mithilfe eines Algorithmus' ein Netzwerk von russischen Agenten zu enttarnen, als ihr eine Datei mit Fotos von Schläfern in die Hände fällt. Einer davon ist ausgerechnet ihr eigener Mann.

Vivians bislang so heile Welt gerät ins Wanken. Matt gibt ihr gegenüber zu, in Wolgograd geboren worden zu sein, mit richtigem Namen Alexander zu heißen und seit 22 Jahren als russischer Spion tätig zu sein. Er beteuert jedoch, sie und die Kinder aufrichtig zu lieben und alles tun zu wollen, um die Familie vor dem russischen Geheimdienst SWR zu beschützen. Aber der Stachel des Misstrauens sitzt bei Vivian tief. Wie soll sie ihrem Mann je wieder vertrauen können, wenn er ihr bis jetzt seine Identität verheimlicht hat?

Doch im selben Moment stellen sich Vivian ganz existenzielle Fragen: Es wäre zwar ihre Pflicht, ihren Mann dem CIA zu melden, aber wie soll es dann mit der Familie weitergehen? Auch sie würde in die Ermittlungen hineingezogen werden, müsste damit rechnen, ihren Job zu verlieren und damit nicht nur ihr Gehalt, sondern auch ihre Krankenversicherung, die ihre Kinder einschließt. 

Von ihrem Vorgesetzten bekommt Vivian den Hinweis, dass sich unter ihren Kollegen ein Maulwurf befindet. Wird sie selbst verdächtigt? Und wem kann sie noch trauen? Ihre Situation verschärft sich, als der SWR beginnt, sie zu erpressen.

Karen Cleveland bringt nicht nur den wirtschaftlichen Aspekt dieses Szenarios zur Sprache, sondern schildert auch, wie tief der Riss ist, der sich nach dieser Entdeckung zwischen den Eheleuten auftut. Die Gefühle pendeln zwischen Misstrauen und Hoffnung hin und her. Vivian beginnt nun, mit neuen Augen auf ihre Ehe zurückzublicken: Hatte Matt nicht immer wieder ihre Bedürfnisse ignoriert? Wurde sie nicht von ihm manipuliert, wenn es galt, Entscheidungen zu treffen?

Wie war's ?

 

Wahrheit gegen Wahrheit wird vom Verlag als Thriller bezeichnet. Das Buch hat unbestritten spannende Abschnitte, aber echter Thrill kommt leider nicht auf. Manche Handlungen sind vorhersehbar, ein starker Schwerpunkt liegt auf den psychischen Ausnahmezuständen, in denen sich die Familie befindet. Das Buch ist insgesamt gut, wird aber den Erwartungen, die durch die Lobeshymnen, die zu seiner Veröffentlichung angestimmt wurden, nicht gerecht. 

Wahrheit gegen Wahrheit  ist 2018 bei btb erschienen, kostet als Klappenbroschur 12 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro.
Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir das Buch zur Verfügung gestellt hat.

 

Freitag, 26. April 2019

# 194 - Dem Krieg entkommen?

Der Schriftsteller Arno Geiger ist bereits mit Es geht uns gut auf diesem Blog vertreten und hat 2005 für den Roman den ersten Deutschen Buchpreis bekommen. Mit seinem für den Deutschen Buchpreis 2018 nominierten Roman Unter der Drachenwand begibt er sich in die letzte Phase des Zweiten Weltkriegs.

Endsieg oder Untergang?

 

Im Mittelpunkt des Romans steht der fast 24-jährige Soldat Veit Kolbe. Er wird direkt nach dem Abitur zum Kriegsdienst eingezogen, in Russland mittelschwer verwundet und zur Erholung nach Hause nach Wien geschickt. Fünf Jahre sind seit seiner Abreise vergangen. Er lehnt aufgrund seiner Erfahrungen den Krieg strikt ab, was ihn in Konflikt mit seinen Eltern bringt. Die Jahre als Soldat betrachtet er als vergeudete Zeit. Um der angespannten Atmosphäre zu Hause zu entgehen, flüchtet er sich Anfang 1944 in den Wohnort seines Onkels, nach Mondsee. Er kommt bei einer zänkischen Vermieterin in einem Dachzimmer unter, direkt nebenan wohnt die junge Darmstädterin Margot mit ihrem Säugling, die sich hier in Sicherheit gebracht hat. 

Es herrscht an fast allem Mangel, aber Veit kann sich hier erholen. Er versucht erfolglos, mit der Lehrerin Margarete Bildstein, die eine Wiener Mädchengruppe in die Kinderlandverschickung ins Lager Schwarzindien begleitet, anzubandeln und verliebt sich schließlich in die mit einem Soldaten verheiratete Margot.
Je länger der Krieg dauert, desto ungeduldiger wird Veit. Für ihn ist klar, dass der Krieg bereits verloren und dessen Ende eine Frage der Zeit ist. Es laut auszusprechen, ist aber nicht zu empfehlen. Veit hofft, dass er nicht erneut an die Front muss und ist kreativ darin, seinen Aufenthalt in Mondsee auszudehnen. Doch seine Anwesenheit in dem kleinen Ort, der fern ist von allen Bomben und Gräueln, erfährt einen dramatischen Höhepunkt, bei dem der junge Mann zum Mörder wird.

Was es in dieser Zeit heißt, nicht den Mund zu halten, erlebt Veit bei seinem Nachbarn, der nur "der Brasilianer" genannt wird. Es ist zwar nur von "H." und "dem F." die Rede, aber der Bruder der grantigen Zimmerwirtin macht keinen Hehl daraus, dass er von den Nazis nichts hält; ganz im Gegensatz zu seiner Schwester und seinem Schwager. Seine offenen Worte haben schon bald Konsequenzen.
Immer wieder kommt auch der aus Wien stammende Jude Oskar Meyer zu Wort, der versucht, seine Familie zu retten und doch zu oft falsche Entscheidungen trifft. Ihn hat es genauso wie Veit Kolbe, Margot, Margarete Bildstein und einige andere Personen im Buch gegeben. In den Nachbemerkungen zeichnet Arno Geiger ihre Lebensläufe nach, soweit das nach so langer Zeit noch möglich war.

Lesen?


Den Anstoß für Unter der Drachenwand gab der Zufallsfund einer umfangreichen Korrespondenz von Kindern, Eltern und Behörden, in der es um die Kinderlandverschickung ins Lager Schwarzindien ging. Das historische Material wurde von Geiger zu einem authentischen Roman verwoben, der mit seiner klaren Sprache überzeugt. Lesen? Ja!

Der Roman kostet gebunden 26 Euro, als E-Book 19,99 Euro und in der Taschenbuchausgabe 12,90 Euro.
 

Freitag, 7. Oktober 2016

# 70 - Hoffnung, Tod und Verzweiflung - das Leben eines Mädchens in der Sowjetunion

Starker Roman mit einem Blick auf die untergehende UdSSR

 

Die Reise geht heute in die untergehende UdSSR. Die Autorin Anna Galkina beschreibt in ihrem Roman Das kalte Licht der fernen Sterne das Leben in einer Kleinstadt in der Nähe von Moskau in den 1980-er Jahren. Sie tut dies mit einer ungewöhnlichen Klarheit, die perfekt zur Atmosphäre ihres Buches passt.

Was ist Heimat?




Anna Galkina beschreibt das Leben des jungen Mädchens Nastja auf eine Weise, die nahelegt, dass sie sich selbst meint. Die Autorin ist vor 20 Jahren aus ihrer Geburtsstadt Moskau nach Deutschland gekommen und lässt ihre Protagonistin in der Ich-Form erzählen. Die ersten Seiten sind der Beschreibung von Nastjas direktem Umfeld gewidmet. Es sind Erinnerungen, denn nach 20 Jahren in der Ferne kehrt sie an den Ort ihrer Kindheit zurück. Vieles erkennt sie wieder: die alte Brotfabrik, den verwitterten Zaun, der das Elternhaus von der Straße abgrenzte, die Eisenbahnlinie. Aber schon bald nach ihrer Ankunft spürt sie, dass sie nicht mehr dazugehört: In der Kirche wird ihr nach einer kurzen Musterung eine Opferkerze für das Zehnfache des üblichen Preises verkauft. 
Doch mit dem Blick zum Altar kehrt die Vergangenheit so deutlich zurück, als sei die junge Frau nie weg gewesen. Sie beschreibt das kleine Städtchen, weiß sogar noch die Preise für einzelne Lebensmittel und sieht das alte brüchige Holzhaus, in dem sie aufgewachsen ist, genau vor sich.



Das Leben in der Sowjetunion




Jeder Jahreszeit ordnet Anna Galkina deren einprägsamste Merkmale zu. Der Winter steht für Kälte und Schnee, für den Schlitten, mit dem gerodelt und alles transportiert wird, für gefrorene Wäsche an der Leine, für ein eiskaltes Haus und einen langsam wachsenden Kotturm im Plumpsklo, der bei Bedarf von der Großmutter mit dem Spaten zerteilt wird.

Der Frühling steht für Musik in der Natur, Tauwasser auf den Straßen und das Anzapfen von Birken zur Gewinnung von Birkensaft. Im Frühling werden die Zäune neu gestrichen und die Straße gefegt, damit alles für die Parade am 1. Mai frisch hergerichtet aussieht.

Der Sommer ist nicht nur Hitze und Staub, sondern eine noch unangenehmere Situation auf dem Plumpsklo. Mit „Das Klohäuschen lebt“ hat die Autorin die Lage auf dem stillen Örtchen treffend zusammengefasst. Doch der Sommer steht auch für so starke Regenfälle, dass das Regenwasser durch das Dach rinnt und in unzähligen Schüsseln aufgefangen werden muss.

Am 1. September beginnt die Schule wieder und läutet den Herbst ein. Dauerregen weicht die Straßen auf und macht sie zu kleinen Seen.



Anna Galkina beschreibt diese Umgebung sachlich und völlig emotionslos. In dieser Darstellung wird weder etwas beschönigt noch kritisiert.



Träume, Hoffnungen und Enttäuschungen




Nastja wächst in einer Umgebung auf, die aus unserer Sicht brutal und unbarmherzig ist. Im Alter von fünf Jahren kommt sie in den Kindergarten. Doch dort geht es eher weniger liebevoll zu, und die unbeschwerte Kindheit ist mit dem ersten Tag in dieser Einrichtung zu Ende. Der Musikunterricht besteht aus dem Absingen von kommunistischen Liedern, in denen der Partei für praktisch alles gedankt wird, was das Leben ausmacht. Inklusive des Sonnenscheins. Wenn ein Kind den Mittagsschlaf stört, dann wird ihm die Unterhose ausgezogen, sodass es spätestens am Ende der Mittagsstunde zum Gespött der übrigen Kinder wird. Doch das überzeugende Argument für Nastja Mutter, ihre Tochter in den Kindergarten zu geben, ist die Verpflegung: Zu Hause hat das Geld oft nicht für Lebensmittel gereicht. Da spielen andere Dinge, wie beispielsweise das von der Erzieherin unterstützte Ritual des Zusammenschlagens eines Kindes durch die anderen Kinder, wenn dieses Kind Schwierigkeiten macht, nur eine kleine Rolle.

Die Schule folgt denselben pädagogischen Prinzipien wie der Kindergarten: Drohungen, Häme und Gewalt durch die Lehrerinnen sind an der Tagesordnung. Doch dann durchbricht plötzlich ein Gerücht die Eintönigkeit: Thomas Anders, die eine Hälfte des Duos „Modern Talking“, kommt für seine Show nach Moskau. Schon bald stellt sich heraus, dass praktisch alle Karten an die Nachkommen der Kriegsveteranen vergeben worden sind. Nur durch die Bestechung eines Soldaten schaffen es Nastja und ihre Freundinnen, das Konzert mitzuerleben.



Nastja Leben nimmt mehrere Wendungen. Ihre Mutter lernt über eine Partnervermittlung ihren späteren Mann Robert aus Riga kennen, und Nastja verliebt sich in einen russischen Soldaten. Doch beide Beziehungen verlaufen problematisch, sodass sich sowohl Mutter als auch Tochter entscheiden müssen, wo und wie sie ihr Leben fortführen.



Ein unspektakulärer Umbruch




Anna Galkina hat mit Das kalte Licht der fernen Sterne einen Roman vorgelegt, der seine Leser trotz seiner Nüchternheit in seinen Bann zieht. Auch die ekelhaftesten und brutalsten Szenen werden niemals wertend beschrieben. Da werden Menschen geschlagen, gefoltert und sogar auf eine besonders üble Weise ermordet; da werden junge Mädchen auf der Suche nach der Unterbrechung der Trostlosigkeit zu Prostituierten; da wird über Vergewaltigungen geschrieben, als seien sie eine Zwangsläufigkeit im Leben von jungen Frauen. Aber es ist ein bisschen wie der heimliche Blick durch ein Schlüsselloch: Man möchte eigentlich gar nicht mehr länger hinsehen, bringt es aber nicht über sich, den Kopf wegzudrehen. Zu groß ist die Faszination, und zu groß ist auch die Neugier, wie es den einzelnen Figuren weiter ergeht.



Das kalte Licht der fernen Sterne lässt seine Leser in die Sowjetunion vor 30 Jahren eintauchen und ermöglicht einen Eindruck davon, wie ganz einfache Bürger diese Zeit erlebt haben. Durch ihre schnörkellose Sprache schafft Anna Galkina eine authentische Atmosphäre, die ihre Leser bis zur letzten Seite nicht mehr loslässt.

Das kalte Licht der fernen Sterne wurde mir von Indie-Publishing zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist in der Frankfurter Verlagsanstalt GmbH erschienen und kostet als gebundenes Buch 19,90 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 14,99 Euro.

Montag, 1. Februar 2016

Das habe ich im Januar gelesen

Wieder einmal waren die Bücher sehr unterschiedlich

 

Da ich Urlaub gemacht habe, hatte über den Jahreswechsel auch die Bücherkiste eine Pause. Das Buchjahr begann am 8. Januar mit Boat People von Roland Künzel. Nichts gegen Phantasie und eine Portion Zufall, aber bei diesem Buch fand ich die Dichte der Zufälle wirklich bemerkenswert. Der Roman hat mich nicht überzeugt und bekommt 
(von 5)















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Am 15. Januar ging es in Nicole Neubauers Roman Kellerkind um den Mord an einer erfolgreichen Rechtsanwältin. Zunächst wird ein 14-jähriger Junge der Tat verdächtigt, der im Keller der Toten blutbesudelt angetroffen wird. Doch die Zahl der Verdächtigen steigt. Ein Buch, das mir sehr gut gefallen hat, darum gebe ich hierfür

 und 1/2 




   Eine Hörprobe gibt es hier bei Soundcloud.

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Eine Woche später habe ich euch Kind 44 von Tom Rob Smith vorgestellt. Anfang 1953 wird ein Junge tot auf den Bahngleisen eines Bahnhofs in Moskau gefunden. Ideologische Gründe verhindern polizeiliche Nachforschungen und sorgen dafür, dass der Mörder diesem noch mehrere Dutzend weitere Opfer hinzufügt. Der degradierte Geheimdienstoffizier Leo Demidow erkennt das System dahinter und beginnt, heimlich zu ermitteln.
Bei diesem Roman muss ich nicht lange überlegen:











 

Robert Hofmann hat den Film, der sich sehr nah an das Buch hält, in einem Video besprochen.

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Den Abschluss für diesen Monat bildete La Vita Seconda - Das zweite Leben von Charlotte Zeiler. Ihr Roman rankt sich um zwei Frauen, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts bzw. in der Gegenwart einen Schicksalsschlag erleiden. Ihn bewerte ich mit 






Wenn ihr mehr über die Autorin wissen möchtet, dann geht das über ihre Homepage.







Ich hoffe, euch hat die Auswahl gefallen. Die Bücherkiste macht mit dem nächsten Buch am 5. Februar weiter.