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Montag, 21. Juli 2025

# 482 - Männer, die die Welt verbrennen

Dieses Buch gehört zu denen, die mich beim Lesen wirklich auf die Palme gebracht haben. Nicht, weil ich den Autor Christian Stöcker kritisieren würde oder nichts vom Inhalt seines Buches Männer, die die Welt verbrennen halte. Das Gegenteil ist der Fall. Die Erkenntnisse aus Stöckers Recherchen rund um die Fossil-Branche sind so haarsträubend, dass man sie ins Reich der Verschwörungserzählungen verweisen möchte - wohin sie nicht gehören. Ein paar Kostproben gefällig?

Zwischen 1970 und 2020 hat die Öl- und Gasbranche inflationsbereinigt pro Jahr einen Gewinn (!) von einer Billion Dollar gemacht. Das sind drei Milliarden Dollar pro Tag! Das entspricht etwa dem jeweiligen Umfang der öffentlichen Haushalte von z. B. Kanada, Italien oder Brasilien. 
Subventionen (= Steuergelder) tragen dazu bei, dass es der Branche weiterhin gut geht. Der Internationale Währungsfond (IWF) stellte fest: "Weltweit beliefen sich die Subventionen für fossile Brennstoffe im Jahr 2022 auf 7 Billionen US-Dollar oder 7,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, was einem Anstieg von 2 Billionen US-Dollar seit 2020 entspricht [...]" Wohlgemerkt nur in diesem einen Jahr.

Noch nicht mal während der Covid19-Pandemie mussten sich die Ölkonzerne um ihr Geschäftsmodell Sorgen machen: Der Gewinn (!) der fünf größten Öl-Aktiengesellschaften ExxonMobil, Shell, Chevron, Total und BP betrug 2022 insgesamt 200 Milliarden Dollar.

Christian Stöcker hat sein Buch in neun Kapitel aufgeteilt. Sehr anschaulich beschreibt er, wie das Netzwerk der Klimawandelleugner erfolgreich agiert, wer am meisten von Geschäften mit fossilen Energien profitiert und wer für die möglichst lange Beibehaltung von Öl und Gas verantwortlich ist. Die maßgeblichen Akteure sind Männer. Es fallen Namen von einflussreichen Profiteuren wie zum Beispiel Charles Koch, Donald Trump oder Wladimir Putin. Sie benutzen ihre Macht und ihr Geld, um Entscheidungsträger in ihrem Sinne zu beeinflussen. Doch es gibt auch eine Reihe von Staaten, deren Haupteinnahmequelle die Erdöl- oder Erdgasförderung ist. Manchmal ist sie sogar die einzige nennenswerte Einnahmequelle. Auch sie sind Teil einer weltweiten Manipulationsmaschinerie.

Desinformation ist ebenfalls sehr gut geeignet, das "bewährte" Geschäft am Laufen zu halten. Erinnert sich noch jemand an die gigantischen Desinformationskampagnen, die die US-amerikanische Tabakindustrie ab 1960 gestartet hatte? Kurz zuvor hatten wissenschaftliche Studien einen Zusammenhang zwischen Zigarettenkonsum und schweren Erkrankungen wie zum Beispiel Lungenkrebs oder chronischer Bronchitis festgestellt. Das Geschäftsmodell der Tabakindustrie drohte, ins Wanken zu geraten. Die Branche streute gezielt Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser Studien: Wissenschaftler wurden für dem Rauchen unkritisch gegenüber stehende Studien bezahlt, es wurde Werbung mit irreführenden Botschaften geschaltet und man erzeugte den Eindruck, dass es in der Wissenschaftsszene zwei Lager gebe - was falsch war.

Was das mit der Fossilbranche zu tun hat? Von ihr wird mit denselben Mitteln erfolgreich die öffentliche Meinung beeinflusst, obwohl man dort längst weiß, dass die durch das Verbrennen von Erdöl und -gas freigesetzten Treibhausgase die Erde immer weiter aufheizen. Zitat aus einem internen Briefing mit dem Betreff "CO2 Greenhouse-Effect" des Exxon-Konzerns aus dem Jahr 1982:

"Die Verbrennung fossiler Brennstoffe und die Abholzung von Wäldern gelten als die wichtigsten anthropogenen Faktoren [...]. Wir gehen davon aus, dass sich der Klimawandel um das Jahr 2090 verdoppeln könnte, basierend auf dem im langfristigen Energieausblick von Exxon prognostizierten Brennstoffbedarf. [...] Unsere beste Schätzung geht davon aus, dass eine Verdoppelung der aktuellen Konzentration die durchschnittliche globale Temperatur um etwa 1,3 bis 3,1 Grad Celsius erhöhen könnte." Der Text belegt, dass dem Exxon-Konzern der Zusammenhang zwischen dem Verbrennen von fossilen Brennstoffen und dem Treibhauseffekt schon vor mehr als vierzig Jahren bekannt war.

Doch der Blick richtet sich auch nach Deutschland. Ein Klimawandelleugner-Netzwerk ist hier ebenfalls erfolgreich aktiv. Ein seit 2007 eingetragener Verein mit Verbindungen zu einem FDP-Bundestagsabgeordneten, der AfD sowie Koch Industries streut Halb- oder Unwahrheiten, die durch dessen gute Vernetzung ihre gewünschte Wirkung nicht verfehlen. Derselbe Abgeordnete gründete vor mehr als zehn Jahren eine sogenannte Denkfabrik, die sich als 'Freiheitsinstitut' bezeichnet und libertäre Positionen vertritt, wozu auch die Leugnung des Klimawandels gehört. Diese Denkfabrik ist Teil des Atlas-Netzwerks, das aktiv eine 'klimaskeptische' Grundhaltung vertritt und beispielsweise - wenig überraschend - von den Stiftungen der Koch-Brüder und ExxonMobil finanzielle Zuwendungen erhält.

Im letzten Kapitel "Das Zeitalter des Lichts hat begonnen, das des Feuers muss enden" gibt Stöcker einen Ausblick auf eine Entwicklung, die bereits begonnen hat. In immer mehr Ländern wächst die Erkenntnis, dass die bisherigen Arten, Energie zu erzeugen (einschließlich Atomstrom), im Vergleich zu erneuerbaren Ressourcen zu kostspielig sind. Zitat aus einer 2021 von BloombergNEF veröffentlichten Studie: "In Staaten einschließlich China, Indien und Deutschland ist es jetzt billiger, ein neues, großes Solarkraftwerk zu errichten, als ein bereits existierendes Kohle- oder Gaskraftwerk weiterzubetreiben."

Die Abkehr vom Verbrennen von fossilen Ressourcen wird, wenn nicht aus Klimaschutzgründen, aus ökonomischen Gründen erfolgen.

Lesen?

Der Journalist und Fachhochschul-Professor Christian Stöcker beschäftigt sich schon lange mit Technik-, Energie- und Klimathemen. Mit Männer, die die Welt verbrennen zeichnet er die Mechanismen nach, die der Fossilwirtschaft immer noch ihre großen Gewinne sichern und nur ein Ziel haben: einem kleinen Kreis von Männern (und ihren Unternehmen) ihren Profit zu sichern, auch mit Steuergeldern.

Männer, die die Welt verbrennen ist 2024 bei Ullstein Buchverlage erschienen. Mir lag die im selben Jahr herausgegebene Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung vor, die als Paperback für 5,-- Euro erhältlich ist.

Sonntag, 6. August 2023

# 404 - Schockwellen - ein Sachbuch, das Zusammenhänge verständlich erklärt

Claudia Kemfert ist seit fast zwanzig Jahren
Abteilungsleiterin für die Bereiche Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und lehrt seit drei Jahren an der Leuphana Universität Lüneburg "Energiewirtschaft und Energiepolitik". In ihrem Buch Schockwellen analysiert sie, in welcher Situation sich Deutschland im Hinblick auf seine Energieversorgung befindet und wie das Land dorthin geraten ist.

Der Angriff Russlands auf die Ukraine am 22. Februar 2022 war in vielerlei Hinsicht eine Zäsur, nicht nur, was die Energiepolitik und ihre frühere und zukünftige Ausrichtung betrifft. Wir erinnern uns: Plötzlich stand auch Laien vor Augen, welche Folgen die enge Anbindung Deutschlands an Russland hat, wenn es um die Versorgung mit Erdöl und Erdgas und damit auch um Strom geht. Schlagartig wurde vielen klar, dass das nicht hätte sein müssen, wenn sich die Politik schon Jahre zuvor deutlich mehr auf den Ausbau von erneuerbaren Energien konzentriert und sich von Russland abgenabelt hätte. Statt dessen wurden Projekte wie Nord Stream 1 und 2 durchgeführt und die Bindung noch verstärkt. Und das, obwohl es zahlreiche Hinweise darauf gegeben hat, dass Putin Rohstofflieferungen als probate Druckmittel ansieht, um seinen politischen Einfluss in der Welt zu mehren.

Die für die Nord Stream 1 und 2 verantwortlichen Regierungen unter Kanzler Schröder und Kanzlerin Merkel beklatschten die beiden auf eine Lebensdauer von 50 Jahren ausgelegten Anlagen, mit denen so viel Erdgas transportiert werden kann, dass damit eine vollständige Versorgung ganz Deutschlands erreicht werden könnte. Gleichzeitig versprach die damalige Bundeskanzlerin Merkel, Treibhausgasemissionen bis 2050 um bis zu 95 Prozent zu reduzieren. Klingt seltsam? Ist es auch.

Aber was nützt das Jammern um frühere Fehler? Wir leben im Hier und Jetzt und müssen geeignete Strategien einsetzen, um unsere Energie-Zukunft zu sichern. Das kann nur ohne Russland passieren. Mit dem Beginn des Angriffskriegs wurden mehrere Sanktionen gegen Russland eingeleitet, zu einem 100 %-igen Bruch kam es aber nicht: Zu groß waren die Ängste der Politik vor einer Rezession und sozialen Verwerfungen. 

Claudia Kemfert hält Kritikern, die der Meinung sind, dass ein Industrieland wie Deutschland nicht mit Wind und Sonne überleben kann, eine Antwort bereit: Ihr habt recht! Ergänzend zu Wind- und Solarenergie führt ein Strauß von Maßnahmen dazu, dass eine vollständige Versorgung mit erneuerbaren Energien erreicht werden kann. Dazu sind der politische Wille, Bürokratieabbau sowie die Re-Kommunalisierung der Strom-, Wasser- und Wärmeversorgung nötig.

Lesen?

Schockwellen führt auch denjenigen, die sich bisher nicht oder kaum mit dem Thema Energieversorgung beschäftigt haben, vor Augen, wo die Probleme in der Vergangenheit lagen, die heutigen liegen sowie man ihnen wirksam begegnen kann. Man bekommt mit den von Kemfert vorgeschlagenen Maßnahmen eine grüne Energieversorgung, die nach ihren Ausführungen sogar den Charme hat, preisgünstiger als die heutige zu sein. Die Dringlichkeit zu handeln, macht der Untertitel deutlich: Letzte Chance für sichere Energien und Frieden. Lesen? Ja!

Schockwellen ist 2023 im Campus Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 26 Euro sowie als E-Book 23,99 Euro.