In Juli Zehs 2017 erschienenem Roman Leere Herzen werden dystopische Zukunftsentwürfe Wirklichkeit.
Wir sind im Jahr 2025. Angela Merkel wurde vor acht Jahren aus dem Amt gejagt und von Regula Freyer von der BBB - Besorgte Bürger Bewegung - nach einer demokratischen Wahl abgelöst. Die BBB legt seitdem immer neue 'Effizienzpakete' auf, die das bisherige politische System Zug um Zug verwässern und aufweichen.
Die Bürger sind in politischer Hinsicht so träge, dass sie die allmähliche Auflösung von demokratischen Standards eher gleichgültig registrieren: Eine Umfrage hat ergeben, dass sich die meisten Menschen bei der Wahl zwischen einer Waschmaschine und ihrem Wahlrecht für die Waschmaschine entscheiden würden.
Die Hauptfigur des Buches ist Britta Söldner. Sie ist verheiratet, hat eine noch junge Tochter und ist in ihrem Beruf wirtschaftlich äußerst erfolgreich: Mit ihrem Geschäftspartner Barak, einem IT-Experten, betreibt sie Die Brücke, eine nach außen psychotherapeutische Heilpraxis, deren Hauptzweck es ist, Menschen mit einem ausgeprägten Todeswunsch an Organisationen zu vermitteln, die finden, dass ihren Zwecken mal wieder ein ordentliches Selbstmordattentat guttäte. Die Nachfrage ist immer da, der Laden brummt. Die geeigneten Attentäter werden in einem 12-stufigen Auswahlverfahren auf die Ausgeprägtheit ihres Selbstmordwunsches getestet.
Brittas Mann und Freunde haben keine Ahnung, was tatsächlich hinter der Brücke steckt.
Britta findet nichts Verwerfliches an ihrem Tun, eher im Gegenteil: Der "klassische" Terrorismus ist am Ende, der 'Daesh' - der 'Islamische Staat' - existiert de facto nicht mehr, die Splittergruppen bekennen sich aber bereitwillig zu praktisch jedem Anschlag. Mit ihrem Geschäftskonzept hat sie eine Nische besetzt, in der sie und Barak ein Monopol inne haben. Anschläge laufen jetzt schön geordnet und strukturiert ab. Britta fehlt jede moralische Leitlinie und Empathie. Rücksichtslos verfolgt sie ihre Interessen, Skrupel sind ihr fremd. Das Interesse an der Gesellschaft und der Politik ist ihr im Laufe der letzten Jahre abhanden gekommen.
Doch dann wird am Leipziger Flughafen ein Anschlag verübt, der an Dilettantismus kaum zu überbieten ist. Gibt es da einen Konkurrenten, der Die Brücke aus dem Geschäft verdrängen will? Unvermittelt tritt der zwielichtige Multimillionär Guido Hatz auf den Plan, der sich ihrem Mann als Geschäftspartner anbietet. Hat dieser merkwürdige selbsternannte Geo-Heiler in Wirklichkeit Britta im Visier? Britta fühlt sich von Hatz beobachtet und verfolgt, schließlich gibt er ihr den "Rat", sich doch einfach mal eine Weile aus dem Geschäft zurückzuziehen. Dann wird in die Geschäftsräume der Brücke eingebrochen. Das Tempo der Handlung beschleunigt sich, plötzlich fühlt sich Britta existenziell bedroht. Sie begreift, dass sie und ihre Brücke von einer anderen Organisation für deren Zwecke missbraucht werden sollen. Es beginnt ein Kampf auf Leben und Tod.
Lesen?
Ja. Juli Zeh hält ihren Lesern den Spiegel vor. Schon ihre Widmung weist darauf hin: "Da. So seid ihr." Und das, was Zeh schon vor drei Jahren beobachtet und kritisiert hat, ist bis heute nicht besser geworden: Das um sich greifende Phänomen, das gern freundlich als 'Politikverdrossenheit' bezeichnet wird, ist nichts anderes als die Gleichgültigkeit der saturierten Bürger, die allzu gern bereit sind, ihre demokratischen Rechte einzutauschen, wenn ihr Leben nur schön bequem verläuft. Ihr Roman ist ein Plädoyer dafür, die Beschäftigung mit der Politik nicht nur denen zu überlassen, die dies aus beruflichen Gründen tun.
Leere Herzen ist im Luchterhand Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 20 Euro, als Taschenbuch 11 Euro (btb Verlag) sowie als E-Book 9,99 Euro.
Im Mittsommer wird es in Schweden während der "Weißen Nächte" nie wirklich dunkel. Doch für Lelle Gustavsson ist vor drei Jahren ein Licht erloschen, als seine Tochter Lina spurlos verschwand, nachdem er sie an der Bushaltestelle abgesetzt hatte. In ihrem Debütroman Dunkelsommer widmet sich Stina Jackson sowohl der Verzweiflung eines Vaters als auch dem Umfeld, in dem sich die Hauptfiguren befinden.
Auf der Suche
Dies ist der dritte Mittsommer, in dem Lelle die hellen Nächte nutzt, um nach seiner Tochter zu suchen. Er lebt in Norrland, dem nördlichsten Teil Schwedens, in dem sich zahllose einsame bewohnte oder unbewohnte Häuser befinden und viele Wege irgendwo im Nichts enden. Lelles Ehe ist wegen Linas Verschwinden in die Brüche gegangen, jetzt lebt er das Leben eines einsamen Wolfes und verwahrlost zusehends.
Dann kommt eine neue Schülerin an das Gymnasium, an dem Lelle als Lehrer arbeitet. Die 17-jährige Meja hat es im Schlepptau ihrer psychisch labilen Mutter Silje in die Gegend verschlagen. Auf der Suche nach einem geregelten Leben ist Silje mit ihrer Tochter bei Torbjörn, der in der Nachbarschaft auch unter dem Spitznamen "Porno-Björn" bekannt ist und in einem verfallenen Holzhaus mitten im Wald lebt, eingezogen. Meja ist eine Situation wie diese schon gewohnt: Sie kann nicht mehr zählen, wie oft ihre Mutter neue Beziehungen eingegangen ist, wegen denen sie immer wieder umgezogen sind.
Meja lernt am See nahe Torbjörns Haus Carl-Johan Brandt kennen. Er ist der jüngste von drei Brüdern und lebt mit ihnen und seinen Eltern auf einer einsamen Farm. Sein Vater Birger hegt gegen den schwedischen Staat ein so großes Misstrauen, dass er seine Familie darauf einegschworen hat, sich auf die nächste Krise vorzubereiten und völlig autark zu leben. Meja und Carl-Johan verlieben sich ineinander und schon kurze Zeit später zieht das junge Mädchen bei den Brandts ein. Doch dann verschwindet erneut ein Mädchen, diesmal vom Campingplatz. Die Ähnlichkeit zwischen ihr und Lina ist verblüffend.
Wie war's?
Dunkelsommer folgt den Stereotypen, die man von schwedischen Krimis oder Thrillern bereits kennt: Hier ist es zwar nicht der Kommissar, der sich gehen lässt, Kette raucht und sich aufführt wie ein Prolet, sondern ein getriebener Vater, aber die Parallelen sind offensichtlich. Stina Jackson hat Lelles dauerhafte psychische Ausnahmesituation sehr gut beschrieben, zeichnet dann aber eine Handlung, in der viel Vorhersehbares passiert. Die einzelnen Personen wirken so, als hätte man sie auf ein Gleis gesetzt, auf dem sie sich unbeirrt vorwärts bewegen.
Jacksons Schreibstil ermöglicht ein schnelles Lesen. Das heißt allerdings auch, dass nichts passiert, das es Wert wäre, darüber nachzudenken. Man kann diesen Thriller leicht konsumieren, muss aber nicht überlegen, ihn ein zweites Mal zu lesen.
Das Buch hat unter seinem Originaltitel Silvervägen 2018 den Preis der 'Swedish Crime Writers' Academy' als bester schwedischer Kriminalroman gewonnen. Damit reiht er sich ein in eine Autorenliste, der auch Henning Mankell, Stieg Larsson, Håkan Nesser oder Åke Edwardson angehören. Damit dürfte der kommerzielle Erfolg gesichert sein.
Dunkelsommer ist 2019 in der deutschen Ausgabe bei Goldmann erschienen und kostet broschiert 15 Euro, als E-Book 12,99 Euro sowie als MP3-Hörbuch (3 CD) 12,45 Euro.
Mit Todesfalle setzt die amerikanische Autorin Karen Rose ihre sog. Baltimore-Reihe fort. Der Einstieg hat alles, was ein guter Thriller braucht: Die elfjährige Jazzie findet ihre Mutter in der Wohnung auf dem Boden liegend vor - erschlagen, das Gesicht bis fast zur Unkenntlichkeit entstellt. Der Täter ist noch da und sucht fluchend in den Schränken nach Wertgegenständen. Jazzie ist klar, welches Schicksal ihr blüht, wenn er sie hier entdecken sollte: Sie kennt ihn und seine Brutalität nur zu gut. Das Mädchen versteckt sich hinter einem Sessel und hofft, nicht von ihm gefunden zu werden.
Jazzie trifft gemeinsam mit ihrer 5-jährigen Schwester Janie einen Monat später auf die 23-jährige Taylor Dawson. Taylor hat ihr Psychologie-Studium beendet und ein Praktikum als Therapeutin auf der Farm Healing Hearts with Horses in Hunt Ville, Baltimore, begonnen. Dort soll den beiden Mädchen dabei geholfen werden, mit ihrem traumatischen Erlebnis fertig zu werden.
Taylor hat jedoch nicht in erster Linie der Job dazu bewogen, sich auf die 3.000 Kilometer lange Reise aus dem heimatlichen Kalifornien nach Baltimore zu machen. Sie ist auf der Suche nach einer bestimmten Person, von der sie hofft, sie auf der Farm zu finden. Was sie nicht weiß: Diese Person hat selbst die letzten 20 Jahre immer wieder versucht, sie zu finden. Kann man Taylor trauen?
Karen Rose lässt die Wege von Jazzie und Taylor miteinander kreuzen. Das führt dazu, dass beide in das Visier des brutalen Mörders geraten, der innerhalb kürzester Zeit mehrere Menschen tötet. In seinen Augen sind sie nur Kollateralschäden, die dazu dienen, sein wahres Ziel zu erreichen.
Lesen?
Das Buch ist bereits der fünfte Teil der Baltimore-Reihe. Deshalb ist die Vielzahl der Personen, die an der Handlung beteiligt und den Lesern der vorigen Bände geläufig sind, manchmal etwas unübersichtlich. Karen Rose flicht in die zwei Tage, während der sich die Ermittlungsarbeit der Polizei und die Jagd des Killers auf Taylor und Jazzie abspielt, noch eine Liebesgeschichte ein. Das ist für diesen kurzen Zeitraum ziemlich gedrängt. Die seelische Achterbahn, die sich da bei einigen Personen abspielt, und ihre gleichzeitige Fähigkeit, trotzdem noch überwiegend unaufgeregt und vernünftig zu reagieren, ist etwas unglaubwürdig.
Todesfalle ist ein Buch, das zur Unterhaltung gelesen werden kann. Nicht mehr und nicht weniger. Zu große Erwartungen sollte man nicht haben.
Der Titel ist bei Knaur erschienen und kostet broschiert 16,99 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro.
Ausnahmsweise schreibe ich diesmal nicht über ein Buch, sondern über ein ausgefallenes Großereignis: die Leipziger Buchmesse. Vom 12. bis zum 15. März 2020 sollte sie gehen. Viele Buchfans hatten sich auf die Messe gefreut, Verlage sich einen Umsatzschub erhofft. Insbesondere für die kleineren von ihnen ist die Absage bitter. Aber dann kam das, was in den Medien undeutlich als "das Corona-Virus" bezeichnet wird, als gäbe es nur eines davon.Nun heißt das Virus offiziell "SARS-CoV 2" und die von ihm verursachte Krankheit "Covid-19". Hier steht ein bisschen mehr darüber.
Mittlerweile sind die Menschen aufgrund des medialen Trommelfeuers so verunsichert, dass Hamsterkäufe getätigt werden. Handseife ist genau wie Toilettenpapier, Nudeln oder Lebensmittel in Dosen so begehrt, dass die Regale in manchen Supermärkten große Lücken aufweisen. Apotheker haben oft kein Desinfektionsmittel mehr. Mir wurde sogar erzählt, dass es Leute gibt, die sich auf Krankenhausfluren herumdrücken und sich dort beim Toilettenpapier und dem Handdesinfektionsmittel bedienen. Ziemlich erbärmlich ist das, was manche da abliefern, kaum, dass ihnen ein kleines Krisenlüftchen um die Nase weht. Man mag sich kaum vorstellen, was passiert, wenn wir irgandwann mal eine echte Krise haben sollten.
Wegen Covid-19 wurde neun Tage vor ihrem geplanten Start die Leipziger Buchmesse abgesagt. Zum Zeitpunkt der Absage war ich zufällig in Leipzig und habe mir die Stadt angesehen. Wer Leipzig besser kennt, dem sagt wahrscheinlich die "Runde Ecke" etwas. Das ist eine Gedenkstätte in der Innenstadt, die anhand von Originalexponaten zeigt, wie die Stasi es geschafft hat, die Bevölkerung zu überwachen, zu unterdrücken und einzuschüchtern. Sehr interessant, der Besuch lohnt sich. Die Gedenkstätte befindet sich in den Räumen der Stasi-Bezirksverwaltung, wo auch ein Büro oder eine Zelle für Untersuchungshäftlinge gezeigt werden.
Auf einem Tisch in der Nähe des Eingangs lag dieser Flyer. Die Gedenkstätte hatte für die Buchmesse ein eigenes umfangreiches Programm unter dem Motto "Leipzig liest" vorbereitet, das darin ausführlich vorgestellt wurde. Unter diesem Motto tun das zu jeder Buchmesse zahleiche Veranstalter außerhalb des Messegeländes.
Für die ersten drei Messetage waren sechs bis sieben Termine für Lesungen vorgesehen, am letzten Tag sollte eine Matinee-Lesung stattfinden. So ein Programm auszuarbeiten, den Termin vorzubereiten etc. ist sehr aufwendig. Die Enttäuschung, dann alles vergeblich getan zu haben, muss beim Planungsteam riesengroß gewesen sein.
Doch gleich neben dem Flyer lag ein Informationsblatt. Mit seiner leuchtend gelben Farbe war es nicht zu übersehen. "Leipzig liest doch" war es übertitelt und teilte mit, dass alle Termine wie geplant stattfinden würden. Aus diesen Worten spricht eine "Jetzt erst recht"-Mentalität, der Wunsch, sich nicht so einfach unterkriegen zu lassen. Ich werde dann leider nicht mehr in Leipzig sein. Ich wünsche den Machern der "Runden Ecke" aber, dass ihre Veranstaltungsreihe ein Erfolg und ihre Mühe nicht vergeblich gewesen sein wird. Trotz Covid-19.
Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow beschreibt in seinem Roman Graue Bienen die Leiden der zivilen Bevölkerung in den Zeiten des Krieges in der Ukraine. Die Handlung ist in der sogenannten "Grauen Zone" angesiedelt: Das Gebiet mit einer Länge von ca. 450 Kilometern, in dem sich etwa 100 Dörfer befinden, ist so etwas wie eine Pufferzone zwischen der ukrainischen Armee und den für Russland kämpfenden Separatisten. Beide Seiten beanspruchen es für sich.
Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei Männer, die nach drei Kriegsjahren hier allein in einem Dorf im Niemandsland leben. Alle ihre Nachbarn sind längst geflohen. Seit ihrer Kindheit sind die beiden verfeindet, aber im Laufe der Zeit hat diese Feindschaft Rost angesetzt: Sie sind jetzt beide um die 50, Frührentner und allein. Der Mangel an vielem, was vor dem Krieg selbstverständlich war, zwingt sie zur Sparsamkeit und Improvisation. Auch die Einsamkeit und die Angst, unter Beschuss zu geraten, bringt sie einander allmählich näher. Der fast tägliche Geschützdonner ist längst Teil ihres normalen Alltags geworden.
Für den einen von ihnen, Sergej Sergejitsch, sind seine Bienen sein Lebensinhalt, nachdem er von seiner Frau und seiner Tochter verlassen wurde. Der Honig lässt sich gegen andere Lebensmittel tauschen und hin und wieder kommen zahlende Kunden, die von der Heilkraft der Bienen gehört haben und auf den Bienenkörben schlafen wollen.
Sergej interessiert sich nicht für die Ursachen des Krieges, er nimmt ihn nur als Dauerstörung seines Lebens wahr. Das scheinen auch die Bienen zu tun: Die häufigen Detonationen in der Umgebung stören die Tiere in den Bienenkörben in ihrer Winterruhe. Sergej befürchtet, dass die aufgeregten Bienen sich in alle Winde zerstreuen und er sie verlieren könnte, wenn er sie aus den Körben ließe. Also beschließt der Imker im anbrechenden Frühling, seinen Tieren einen ruhigen Platz zu suchen, und fährt mit den Bienenkörben im Anhänger Richtung Westen.
Sergej macht nach einigen Stunden Autofahrt auf einer Lichtung in der Nähe eines Dorfs halt. Zunächst lässt sich alles gut an: Den Bienen geht es gut, die Ladeninhaberin des Dorfes versorgt ihn mit Essen und menschlicher Nähe. Aber für die Einheimischen ist er ein Fremder, manche vermuten sogar, er sei ein Flüchtling. Als ihm ein vom Krieg traumatisierter junger Mann eines Nachts sämtliche Autoscheiben zertrümmert, reist Sergej mit seinen Bienen weiter.
Sergejs nächste Station ist auf der Krim. Dass er in dem von Russland annektierten Gebiet als Ausländer behandelt werden würde, war ihm vorher nicht bewusst. Sergej hat vor mehr als 20 Jahren während eines Bienenzüchterkongresses Achtem Mustafajew, einen Krimtartaren, kennengelernt. Dort angekommen erfährt er, dass sein damaliger Zimmergenosse zwei Jahre zuvor vom FSB verschleppt wurde und seine Familie seitdem kein Lebenszeichen von ihm erhalten hat. Achtems Frau und Kinder sind gegenüber Sergej hilfsbereit und gastfreundlich, aber die Situation der Familie verschärft sich während seiner Anwesenheit. So sehr ihm die Landschaft gefällt, so sehr spürt er, dass er auch hier ein Fremder ist: sowohl für die Tartaren als auch für die Russen, die ihm misstrauen, weil er zu Tartaren Kontakt hat. Sein Wunsch, alles möge wieder so sein wie vor dem Ausbruch des Krieges, verstärkt sich.
Die Bienen werden für den Imker mit jeder Erfahrung, die er während seiner Fahrt macht, zu einem immer größeren Vorbild: An ihnen lässt sich erkennen, wie ein geordnetes und produktives Staatswesen funktioniert. Ihr Leben ist gewissermaßen der Gegenentwurf zu den ungeordneten und gewalttätigen Zuständen in der Ostukraine.
Lesen?
In Graue Bienen bringt Andrej Kurkow seinen Lesern das Leben der Menschen näher, die in der Öffentlichkeit fast nicht wahrgenommen werden. Die Bewohner der Grauen Zone sind von allem abgeschnitten, was das Leben, das wir für normal halten, ausmacht: Es gibt weder Strom noch fließendes Wasser, es gibt keine Läden, in denen Lebensmittel gekauft werden könnten, es gibt keine Post und keine Geldausgabe, viele Wohnhäuser und öffentliche Gebäude wurden zerstört. Wovon es reichlich gibt, ist die Angst, versehentlich in eine Tretmine zu geraten oder von einem Heckenschützen getötet zu werden. Diese dauerhaft angespannte Atmosphäre, gepaart mit einem großen Durchhaltewillen und einer gewissen Portion Phlegma wird von Kurkow sehr gut vermittelt.
Andrej Kurkow hat sich mit seinen russlandkritischen Büchern bei der dortigen Regierung keine Freunde gemacht. Seit einigen Jahren dürfen sie nicht mehr nach Russland eingeführt werden, weil der Autor auf einer schwarzen Liste steht. Es ist Kurkow zu wünschen, dass er mit seinem Buch sein Ziel erreicht: dass sich die Weltöffentlichkeit wieder dem Ukrainekonflikt zuwendet und ihn aus seinem aktuell eingefrorenen Zustand dem Frieden zuführt.
Graue Bienen ist 2019 im Diogenes Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 20,99 Euro.
Wer die Bücherkiste schon ein bisschen kennt, hat möglicherweise die Rezension des Buches Alte Feinde der schweizerischen Krimi-Autorin Petra Ivanov gelesen. Dieser Titel war der bislang letzte der Flint-und-Cavalli-Reihe.
Heute geht es um den Krimi Fremde Hände, mit dem Ivanov 2005 die Serie um die Zürcher Bezirksanwältin Regina Flint und den Kriminalpolizisten Bruno Cavalli begonnen hat.
Eine Geschichte von Liebe und zerplatzten Träumen
In einer Zürcher Müllverbrennungsanlage wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Sie liegt in einem Dachgepäckträger, der mit Pistolenschaum fest verschlossen ist. Die Tote scheint von niemandem vermisst zu werden. Die Ermittlungen ergeben, dass hier ein skrupellos vorgehender Frauenhändlerring seine Hände im Spiel hat, der seine "Ware" aus Osteuropa herbeischafft. Ivanov beschäftigt sich mit den Umständen, unter denen die sehr jungen Frauen auf die Versprechen der Kriminellen hereinfallen und ihr Leben im Zürcher Rotlichtmilieu. Das Konzept derjenigen, die mit diesen Prostituierten ihr Geld verdienen, basiert in erster Linie auf Gnadenlosigkeit.
Als die Ermittler einen Verdächtigen aufspüren und festnehmen, wird dieser aus einem fahrenden Auto heraus erschossen.
Auch Regina Flint hat Grund, um ihr Leben zu fürchten: Ein Autofahrer versucht, sie zu überfahren. Da die Umstände für einen Anschlag spechen, organisiert Cavalli ihre Bewachung. Die beiden haben außerdem den Eindruck, dass der ihnen vorgesetzte Staatsanwalt etwas zu verheimlichen hat. Sollte er mehr über die mafiösen Strukturen der örtlichen Bordellszene wissen oder gar beteiligt sein?
Der Fall verlangt der Polizei einiges ab, es gibt mehrere Ermittlungspannen. Eine Zeugin hat die Tote zuvor in Begleitung einer weiteren jungen Frau gesehen. Doch die ist wie vom Erdboden verschluckt. Das Ermittlerteam sucht nach ihr wie nach der Nadel im Heuhaufen, weil es vermutet, dass sie wichtige Informationen beisteuern kann, die zu den Hintermännern führen.
Flint muss sich jedoch nicht nur mit diesem Fall, sondern auch mit einem anderen beschäftigen: Wieder einmal hat eine Frau ihren Mann wegen häuslicher Gewalt angezeigt, will ihre Anzeige nun aber wieder zurückziehen. Die Bezirksanwältin ist fest von der Gewalttätigkeit des Mannes überzeugt. Die Untersuchungen bringen allerdings noch mehr Erkenntnisse über ihn ans Licht.
Auch Privates kommt nicht zu kurz: Es wird deutlich, dass Flint und Cavalli eine problematische Beziehung hinter sich haben, sich aber immer noch stark zueinander hingezogen fühlen. Das gibt der Handlung noch mehr Würze, ohne dass sie in Gefühlsduselei abgleitet.
Wie war's?
Fremde Hände hat alles, was ein guter Krimi haben muss: Das Buch ist spannend und schlüssig aufgebaut. Ivanov wendet sich sensibel dem traurigen Schicksal vieler osteuropäischer Frauen zu, die mit oder ohne Gewalt und mit fadenscheinigen Versprechen aus ihrer Heimat nach Westeuropa gelockt werden, um dort brutal missbraucht zu werden. Unbedingte Empfehlung für Fremde Hände.
Fremde Hände ist in der mir vorliegenden Ausgabe im Unionsverlag erschienen und kostet als Taschenbuch 13,95 Euro. Als epub- oder Kindle-Edition kostet es 12,99 Euro.
Die befreundeten Studenten Matthieu und Romain aus Paris machen Urlaub in Biarritz. Eine Woche surfen soll sie vom stressigen Uni-Alltag ablenken. Die auf den ersten Seiten von So kommt die Nacht der französischen Autorin Estelle Surbranche noch heitere und entspannte Grundstimmung wird schon wenig später ins Gegenteil kippen.
Hey, wir sind reich!
Zufällig finden die beiden jungen Männer an den Klippen zwei mit schwarzem Plastik verschweißte Päckchen. Ihnen ist sofort klar, worum es sich handeln muss: Kurz zuvor machte die Nachricht die Runde, dass etwas weiter südlich etliche Päckchen mit über 84 Kilogramm hochreinem Kokain an den Strand geschwemmt worden waren, jedes einzelne sieben Kilogramm schwer. Keine Frage, worum es sich bei diesen Quadern hier handelte. Was sie nicht wissen: Das Koks stammt von einer größeren Fracht, die zwei Kuriere vor der spanischen Küste über Bord geworfen hatten, als sich ihrem Schiff Boote und Hubschrauber der Guardia Civil näherten. Zu dem Zeitpunkt, als die beiden das Koks am Strand finden, weiß die französische Polizei bereits von 1,5 Tonnen angespültem Kokain. Dazu kommt eine unbekannte Menge, die noch nicht gefunden worden ist oder die die Finder behalten haben.
Matthieu und Romain beschließen spontan, die Drogenpakete nach Paris mitzunehmen und den Inhalt nach und nach zu verkaufen. Der Koks und die damit verbundenen sprudelnden Einnahmen öffnen ihnen die Türen zu einem "besseren" Leben, in dem ständig inmitten von reichen und verwöhnten jungen Leuten Drogenpartys gefeiert werden.
Die Jagd beginnt
Der ungewöhnliche Drogenzufluss bewirkt, dass auch die Zahl der Junkies, die an einer Überdosis sterben, in die Höhe schnellt. Und: Der Preis für Koks folgt dem Prinzip von Angebot und Nachfrage, er fällt. Der Preisverfall und der Umstand, dass sich der serbische Drogenboss Radzik, dem die Ware gehört hat, nicht so einfach etwas wegnehmen lässt, rufen die junge Nathalie auf den Plan. Die Serbin arbeitet für Radzik und ist an Kaltblütigkeit und Skrupellosigkeit kaum zu überbieten. Sie macht sich auf die Spur der verschwundenen Drogen und löscht nach und nach diejenigen aus, die mit ihnen in irgendeiner Weise zu tun hatten. Ihr Markenzeichen am Ende jeder tödlichen Folterung: die ausgestochenen Augen ihrer Opfer. Romain und Matthieu sind lange völlig ahnungslos, in welcher tödlichen Gefahr sie sich befinden. Auch in ihrer Freundschaft bahnt sich eine grundlegende Veränderung an, die sie noch kurz zuvor wohl nicht für möglich gehalten hätten.
Selbstverständlich greift auch die Polizei in das Geschehen ein. Die Drogenfahnderin Gabrielle ahnt, dass hinter der Häufung der Drogentoten und den Koksfunden ein Zusammenhang besteht. Um ihren seit einer Ermittlungspanne ramponierten Ruf wieder herzustellen, arbeitet sie bis zur Erschöpfung, um die zunächst undurchsichtigen Zusammenhänge zu entwirren.
Wie war's?
So kam die Nacht ist mit der schnöden Bezeichnung "Kriminalroman", die sich auf dem Cover findet, völlig falsch beschrieben. Denn: Wo ein Thriller drin ist, soll auch "Thriller" drauf stehen. Den Leser erwarten: Spannung bis zum Punkt auf der letzten Seite; dazu eine Reihe von Szenen, in denen die Brutalität so plastisch geschildert wird, dass man sich kaum ausmalen mag, wie sie "in echt" wäre. Sie wird allerdings nicht als billiges Spannungsvehikel missbraucht, sondern verdeutlicht die Nöte und Stimmungslagen der Handelnden. Deren Gnadenlosigkeit ist ein Gradmesser für ihre Unmenschlichkeit, die bei manchen von Anfang an sehr ausgeprägt war, die andere Figuren jedoch erst nach und nach entwickeln.
So kam die Nacht ist im Polar Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 16 Euro sowie als epub- oder Kindle-Ausgabe 10,99 Euro.
Das ist der erste Satz auf dem Schutzumschlag des Buches Die radikalisierte Gesellschaft - von der Logik des Fanatismus des emeritierten Psychologieprofessors Ernst-Dieter Lantermann. Gemeint ist damit nicht nur die politische Radikalisierung, sondern auch die unserer Lebensweise: Da geht es um die fanatischen Selbstoptimierer, die ihre Laufrunden nie ohne ihren Fitness-Tracker gehen; die radikalen Veganer, deren Verzicht auf alles Tierische auch Bücher mit geleimten Rücken umfasst - der Leim könnte ja aus Knochen hergestellt worden sein.
Was führt zu einer Radikalisierung?
Lantermann erläutert anhand von Studien, wie es zu Radikalisierungen kommt und macht dabei einen Unterschied zwischen Radikalismus und Fanatismus. Er weist auch auf Arten von Radikalisierungen hin, die erst auf den zweiten Blick erkennbar sind: Ein Beispiel sind die Gated Communities, die in den USA, Südafrika, Russland oder Polen schon seit etlichen Jahrzehnten Normalität sind, hier aber erst seit einigen Jahren verstärkt gebaut werden. Menschen, die sich diese Wohnform leisten können, wollen sich abschotten gegen Gewalt, die außerhalb der Zäune und Schranken vermutet wird und fühlen sich hier sicher. Ein weiteres Motiv ist der Wunsch nach einer sozialen Homogenität, um unter Seinesgleichen zu sein und keine Neiddebatten führen zu müssen. Diese Anlagen liegen meist inmitten von Innenstädten: Der Wunsch der Bewohner nach Abschottung ist für die benachbarten Anwohner gleichzeitig eine Zurückweisung und ihnen bleibt der Eindruck, dort ausgenutzt zu werden, wo ihr Viertel Lebenswertes bietet - vom Kindergarten und der Schule bis zur Gastronomie und kulturellen Angeboten. Von den Community-Bewohnern kommt allerdings nichts zurück. Zwischen ihnen und den "außen" lebenden Menschen kommt es zu einer Distanz, wenn nicht sogar Gegnerschaft.
Die Wurzeln der Radikalisierung sieht Lantermann in den schnellen gesellschaftlichen Veränderungen, die bei vielen Menschen zu Unsicherheiten führen. Jeder hat das Bedürfnis nach Gewissheit, Sicherheit, Überschaubarkeit und Kontrollierbarkeit. Wenn dieses Bedürfnis über einen längeren Zeitraum hinweg unerfüllt bleibt, sind die Selbstachtung und das Selbstwertgefühl bedroht. Eine häufige Reaktion ist dann, sich selbst Sicherheiten und Gewissheiten zu schaffen - in der Radikalisierung oder gar im Fanatismus.
Wie war's?
Das Buch hat mich leider nicht rundum überzeugt. Die Ursachen von Radikalisierung und Fanatismus werden gut verständlich erklärt, diese Erläuterung wiederholt sich jedoch einige Male in leicht veränderten Zusammenhängen. Der Klappentext hat zudem den Eindruck vermittelt, dass sich Lantermann verschiedenen Ausprägungen des Fanatismus gleichermaßen widmen würde, das ist jedoch nur bedingt der Fall: Es werden mehrere Varianten wie z. B. die Selbstoptimierung behandelt, den deutlich breitesten Raum nimmt allerdings die politische Radikalisierung ein. In Anbetracht des politischen Geschehens ist das zwar nachvollziehbar, der Klappentext ist hier jedoch irreführend.
Lantermanns Hoffnung, dem politischen Fanatismus und der Radikalisierung etwas entgegenzusetzen, ruht auf einer engagierten Zivilgesellschaft und er beklagt, dass sich ehrenamtlich Engagierte nicht nur von Rechtsextremen, sondern auch von so manchen Politikern anhören müssen, sie seien Bahnhofsklatscher oder Gutmenschen.
Die radikalisierte Gesellschaft - von der Logik des Fanatismus ist im Blessing Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 19,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 15,99 Euro.
Vielschichtige Handlung mit zahlreichen Personen
Drecksspiel des Autors Martin Krist (Pseudonym des Schriftstellers Marcel Feige) ist der erste Thriller aus der Reihe um den Ex-Polizisten und Privatermittler David Gross. Ab der ersten Seite wird klar: Dieses Buch ist nichts für empfindliche Gemüter.
Ist Berlin der Hort des Schreckens?
Schon der Einstieg in die Handlung ist der pure Horror: Caro wird in einem Verlies gefangengehalten und ihre Peiniger ermorden vor ihren Augen Ilanka, die vorher offensichtlich gefoltert worden ist. Die Mörder wollen eine Information, die Caro ihnen jedoch nicht geben kann. Wer Caro ist, klärt sich im Verlauf des weiteren Geschehens.
Unbekannte entführen Shirin, die Tochter eines schwerreichen Berliner Ehepaares. Dessen Anwalt Richard Graubner bittet David Gross, der von ihm immer wieder Aufträge erhält, alles zu tun, um die Jugendliche zu finden. Aber Shirin ist nicht die Einzige, die verschwindet: Philip und Hannah fahren mit ihrer kleinen Tochter Millie, die noch ein Säugling ist, und ihrem Hund Bootsmann spontan in einen Kurzurlaub. Hannah wundert sich zwar über diese Abwechslung, weil sie weiß, dass ihr Mann mit seinem Graphikstudio "Pixelschubser" kurz vor der Pleite steht und das Geld sehr knapp ist, aber Philip spricht von einem großen Auftrag, mit dem nun alles wieder gut werde. In einem abgelegenen Ferienhäuschen lässt Philip seine Frau allein, um mit dem Hund raus zu gehen. Doch der, der nach einer Weile die Haustür aufschließt und Hannah von hinten mit der Hand sanft über den Nacken streicht, ist nicht ihr Mann. Für Hannah und Millie beginnt eine Zeit des Martyriums. Hannah ist klar, dass der Fremde ihren Tod will. Aber nicht sofort, sondern erst, nachdem er seinen Sadismus an ihr ausgelebt hat.
In einem Bordell wird die Prostituierte Leyla ermordet aufgefunden. Für den Rechtsmediziner ist klar, dass die Frau vor ihrem Tod Drogen erhalten hat, die nur einen Zweck hatten: Sie sollte die Grausamkeiten, die der Killer an ihr verübte, möglichst lange bewusst miterleben. Der Polizist Toni Risse und sein Kollege Frank Theis übernehmen die Ermittlungen. Was Theis und auch sonst niemand nicht weiß und niemals wissen darf: Leyla war Tonis Freundin und der Polizist war die letzte Person, die die Prostituierte lebend gesehen hat - kurz, bevor ihr Mörder sie tötete. Auch sein Lebenswandel sollte lieber sein Geheimnis bleiben. Toni ist klar, dass alle Indizien gegen ihn sprechen würden, wenn auch nur der Hauch eines Verdachts auf ihn fiele.
Viele Personen und Handlungsstränge
In Drecksspiel taucht eine ganze Reihe von Personen auf, die in unterschiedlichsten Beziehungen zueinander stehen. Es gelingt jedoch gut, den Überblick zu behalten und den einzelnen Verläufen zu folgen. Obwohl es um viele Vorgänge geht, die zunächst nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, steuert die Handlung auf ein gemeinsames Finale zu. Rätselhaft bleibt allerdings, was es mit der Vergangenheit von David Gross auf sich hat, über die nicht einmal seine Frau bescheid weiß. Es wird nur deutlich, dass David seinen Namen geändert ein neues Leben angefangen hat und keinen Wert darauf legt, gefunden zu werden.
Lesen?
Ja! Drecksspiel ist sehr spannend, hat jedoch eine ganze Reihe brutaler Szenen. Der Thriller kann schon deshalb nur schwer aus der Hand gelegt werden, weil es der Autor meisterhaft versteht, nicht nur am Ende des Buches, sondern am Ende jedes Abschnitts Cliffhanger zu produzieren.
Drecksspiel ist in der mir vorliegenden Ausgabe 2018 bei epubli herausgegeben worden und kostet als Taschenbuch 10,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Asugabe 3,99 Euro. Das Buch wurde mir von Indie Publishing zur Verfügung gestellt.
Der zweite Teil der Reihe um den Privatdetektiv David Gross ist der Thriller Brandstifter. Außerdem wurde in der Bücherkiste das Buch Böses Kind vorgstellt, in dem Kriminalhauptkommissar Henry Frei die Ermittlungen leitet. Beide stehen Drecksspiel in nichts nach.
Steckt nicht den Kopf in den Sand!
Das könnte die Botschaft sein, die der französische Psychologe und ehemalige Dozent an der Universität Paris Ouest-Nanterre La Défense mit seinem Buch Der Welt geht es besser, als Sie glauben vermitteln will. Lecomte zieht für seine Betrachtungen Statistiken und belastbare Studien heran.
Es ist ja alles so furchtbar! Ach, doch nicht?
Wir alle werden von schlechten Nachrichten überflutet: In Zeitungen, im Radio und Fernsehen und auch im Internet jagt eine Krise die nächste, zahllose Menschen sterben und unsere Umwelt ist offenbar so stark verseucht, dass wir nur noch abgekochtes Wasser trinken und flach atmen sollten. Die Welt ist zu einem Schmelztiegel von Gefahren geworden, und bei vielen Menschen macht sich das Gefühl breit: So schlimm wie jetzt war es noch nie! Aber Lecomte weist nach: Es gibt keinen Grund, vor Panik zu hyperventilieren. Im Gegenteil: In den letzten Jahren und Jahrzehnten ging es mit der Erde und ihren Bewohnern bergauf.
In vier Kapiteln greift Lecomte die Bereiche allgemeine Lebensqualität, Gesundheit, Umwelt und Gewalt auf und teilt diese in ihre verschiedenen Ausprägungen auf. So gliedert sich beispielsweise das Kapitel über die Gewalt in Kriege, Terrorismus, Kriminalität und Todesstrafe. Gerade der Terrorismus ist es, der vielen Menschen Angst macht, obwohl die Wahrscheinlichkeit, in Europa einem Terrorakt zum Opfer zu fallen, denkbar gering ist. Lecomte zieht hier die französischen Statistiken aus dem Jahr 2015 heran, die ungünstiger sind als diejenigen für Deutschland, weil in Frankreich mehr Menschen bei einem Attentat gestorben sind: 147 (in Deutschland niemand). 2015 kamen in Frankreich 3.616 Menschen durch Autounfälle und damit 25 Mal so viele wie durch Terrorismus ums Leben, an den Folgen des Rauchens verstarben dort 73.000 Menschen. Die Angst vor diesen beiden Risiken ist jedoch deutlich geringer als die vor dem Terrorismus.
Der Anschlag auf die Redaktion der Zeitschrift Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 in Paris ließ die Angst der Franzosen vor einem Terroranschlag nach oben schnellen - menschlich verständlich, aber nicht rational. Lecomte zitiert den renommierten Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan, der der Meinung ist, dass es ohne die Medien keinen Terrorismus gäbe. Der Terrorismus lebt von der öffentlichen Aufmerksamkeit und der Angst der Menschen. Wenn ein Terroranschlag kein breites Publikum finden würde, wäre er für die Attentäter völlig sinnlos. Aber die mediale Aufmerksamkeit steigt, je mehr Opfer ein Anschlag gefordert hat. Das ist für Terroristen ein Anreiz, Anschläge mit immer mehr Toten und Verletzten zu planen und so das Medienecho am Leben zu erhalten.
Lecomte nimmt ein Zitat von Osama bin Laden aus einem 2004 veröffentlichten Video, das sich an die USA und deren damaligen Präsidenten George W. Bush richtete: "(Es ist) leicht für uns, diese Regierung zu provozieren und zu ködern. Wir müssen nur zwei Mudschaheddins an einen Ort ganz im Osten schicken, wo sie ein Stück Stoff mit der Aufschrift Al-Quaida hochhalten, und schon drehen Generäle durch und ergreifen Maßnahmen, die menschliche, wirtschaftliche und politische Schäden für Amerika verursachen."
Lesen?
Wer bislang glaubte, dass wir einem Armageddon nahe sind, sollte dieses Buch zur Hand nehmen. Jacques Lecomte vertritt eine optimistisch-realistische Weltsicht, die er mit harten Fakten untermauert. Er sitzt jedoch nicht auf einer rosa Wolke, sondern beendet jeden Abschnitt mit deutlichen Hinweisen darauf, wo es noch Handlungsbedarf gibt.
Der Welt geht es besser, als Sie glauben ist 2018 im Gütersloher Verlagshaus erschienen und kostet als Klappenbroschur 18 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 13,99 Euro. Es wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.
Nachtrag:
In diesem Text geht es ebenfalls um die Angst, die wir vor einigen Dingen haben, und die Frage, wie begründet diese ist. Auch hier zählen nur Fakten.