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Freitag, 20. Juni 2025

# 478 - Wo der Rio Grande eine Schleife zieht: ein Drogenkrieg an der mexikanisch-texanischen Grenze

Es gibt in J. Todd Scotts Krimi Diese Seite der
Nacht
 Szenen, die von so viel Rücksichtslosigkeit, Brutalität und Gewalt erzählen, dass man hofft, dass sie in der realen Welt nicht passieren. Doch beim Blick auf die Lebensdaten des Autors kommt man in der Wirklichkeit an: Scott war mehr als zwanzig Jahre DEA-Agent. Die DEA ist die US-amerikanische Behörde, die für die Bekämpfung des Drogenhandels zuständig ist. 

2014 wird im mexikanischen Igualpa ein Bus mit Lehramtsstudenten, die sich auf dem Weg zu einer Demonstration in Mexiko-Stadt befinden, von Polizisten gestoppt. Die Studenten werden von ihnen an Kriminelle der 'Guerreros Unidos', einem bewaffneten Arm eines Drogenkartells, übergeben. Einige werden noch an Ort und Stelle ermordet, die Mehrzahl von über vierzig jungen Frauen und Männern wird verschleppt. Viele werden kurze Zeit später in einem Massengrab gefunden, einige sind bis heute vermisst.

Scott hat dieses Ereignis als Einstieg in die Handlung gewählt, es aber in die Nähe der mexikanischen Kleinstadt Ojinaga verlegt. Der Ort liegt direkt am Rio Grande, dem Grenzfluss zwischen Mexiko und den USA, und gegenüber des Big Bend Nationalparks in Texas. Für die Ermordung und Entführung der Studenten ist das Nemesio-Kartell verantwortlich, an dessen Spitze Fox Uno steht.

In der Kleinstadt Murfee mitten im Big Bend County hat Sheriff Chris Cherry das Sagen. Cherry wird auf das kriminelle Treiben in der Grenzregion aufmerksam, als sein Deputy Danny Ford fünf im Rio Grande treibende männliche Leichen findet. Er vermutet den äußerst brutalen und grausamen Bandenchef hinter den Morden und findet sich unversehens inmitten eines Konflikts zwischen zwei Drogenkartellen wieder, die einen durch den Überfall auf die Studenten ausgelösten Bandenkrieg auch in seinem County ausfechten. 

Doch auch Fox Uno hat ein Problem: Er registriert, dass die Zahl seiner Männer, auf die er sich verlassen kann, geschrumpft ist. Es wird offensichtlich, dass am Ast seiner Macht gesägt und er von Auftragsmördern verfolgt wird. Um die Vorherrschaft des Kartells kämpfen sein eigener Sohn und ein anderes Kartell. Fox Uno muss fliehen und taucht plötzlich in Murfee auf - ausgerechnet bei seiner Nichte Deputy América Reynosa, die bereits früher im Verdacht stand, Kontakt zu mexikanischen Kriminellen zu haben. Fox Uno erhofft sich von ihr Sicherheit, wenn nicht sogar Freiheit. Insbesondere der DEA-Agent Joe Garrison traut der jungen Frau aus Cherrys Team wegen ihrer Herkunft nicht über den Weg. Er ist sogar gegenüber Sheriff Cherry misstrauisch und vermutet ihn auf einer Gehaltsliste der mexikanischen Drogenmafia.

Joe Garrison und Chris Cherry sind sich darin einig, dass die Auftragskiller von amerikanischen Polizeibeamten unterstützt werden. Sie ahnen noch nicht, wie nah ihnen die Verräter sind. 

Lesen?

Schon in den ersten beiden Bänden um Sheriff Chris Cherry hat J. Todd Scott sein Talent zum spannungsreichen Schreiben bewiesen. Diese Seite der Nacht erfüllt die Erwartungen voll und ganz. 

Die Handlung des Krimis läuft auf einen extrem bleihaltigen Showdown zu, in den die Leserinnen und Leser förmlich hineingezogen werden. Hier macht sich Scotts Expertise als ehemaliger Bundesagent bezahlt.

Neben diesem roten Faden erzählt Scott von Chris Sherrys privaten und dienstlichen Problemen, die den Verlauf des Buches ebenso beeinflussen wie das mexikanische Paar, das den Anschlag auf den Bus überlebt hat und sich unter haarsträubenden Umständen zur Grenze durchschlägt.

Diese Seite der Nacht ist 2005 im Polar Verlag erschienen und kostet 26 Euro. Das Original wurde 2019 unter dem Titel This Side Of Night veröffentlicht.

Nachtrag: In der Bücherkiste wurde mit Weisse Sonne vor zwei Jahren der zweite Band der Reihe vorgestellt.


Sonntag, 24. September 2023

# 410 - Eine urbane Liebesgeschichte in Kreuzberg

Quelle Cover: Kanon Verlag
Der Erfolg von Tim Staffels in Berlin spielendem Buch Südstern hat den Autor selbst möglicherweise am meisten überrascht. Seine ersten vier Romane hat Staffel zwischen 1998 und 2008 veröffentlicht und dafür mehrere Literaturpreise erhalten, danach folgten zahlreiche Theaterstücke und Hörspiele. In einer Lebensphase, in der er sich aus dem Kulturbetrieb zurückgezogen hatte, um herauszufinden, ob er auch dann noch schreiben kann, wenn er nicht davon leben muss, hat Staffel dieses Buch neben seinem Brotjob geschrieben - und es damit auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2023 geschafft.

Vanessa Paschke und Deniz Aziz sind die zentralen Figuren der Handlung. Sie ist 27, Pharmakologin, Barfrau und seit Kurzem Drogenkurierin - was sie scherzhaft als Apothekenservice bezeichnet. Vanessa ist mit Olli, einem Bundestagsabgeordneten und Gesundheitsexperten, der sich für saubere Drogen engagiert, liiert.
Deniz ist ähnlich alt, Streifenpolizist aus Überzeugung und mit der Pflege seines an Parkinson erkrankten Vaters angesichts von Doppelschichten und gefährlichen Einsätzen und trotz der regelmäßigen Hilfe durch eine ambulante Pflegerin heillos überfordert.

Die beiden begegnen sich zufällig vor dem Mehrfamilienhaus in Kreuzberg, in dem Deniz mit seinem Vater Markus wohnt. Vanessa hat Markus nach Hause begleitet, als der den Weg nicht mehr fand. Seit diesem ersten Zusammentreffen gehen Vanessa und Deniz einander nicht mehr aus dem Kopf. Staffel beschreibt, wie sie sich langsam aneinander herantasten und nicht wissen, wie weit sie gehen und wie viel sie über sich erzählen dürfen. Es dauert einige Zeit, bis das Vertrauen zwischen ihnen so weit gewachsen ist, dass es auf dem Niveau ihrer Gefühle füreinander angekommen ist.

Sowohl Vanessa als auch Deniz kommen aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Beide sind in Kreuzberg aufgewachsen, Deniz' Vater stammt aus der Gegend um den Südstern, einem im 19. Jahrhundert angelegten Platz, über den mehrere Kreuzberger Straßen verlaufen und unter dem sich eine gleichnamige U-Bahn-Station befindet. Markus passiert diesen Platz immer dann, wenn er das Grab seiner verstorbenen Frau Selda besuchen will. Es ist der einzige längere Weg, den er noch ohne Begleitung machen kann und für ihn ein bisschen ein Kurztrip in die eigene Vergangenheit.

Südstern greift das Leben vieler Menschen in Kreuzberg auf, die in Staffels Roman oft nur kurz und als Stellvertreter vieler Menschen auftreten, die ein ähnliches Schicksal haben. Da geht es um  Schutzgelderpressung in der Gastronomie ebenso wie um Probleme im Kleinbürgermilieu.
Vanessa sieht schnell, wo die wahren Nöte der Leute liegen und wird von manchen direkt um ihre diskrete
 "Hilfe" gebeten. Ärzte, Politiker und Sportler, die den Druck, der auf ihnen lastet, nicht mehr aushalten, sind ihre typischen Kunden. Aber sie ist auch da, wenn ihre empathische Unterstützung gebraucht wird: Sobald sie den Eindruck hat, dass ihr durch Bundeswehreinsätze traumatisierter Bruder Felix dem Tod näher als dem Leben ist, lässt sie alles stehen und liegen. Dessen Depression und Gewaltbereitschaft sind so stark, dass er für die Arbeit als Justizvollzugsbeamter im Gefängnis Tegel nicht mehr geeignet ist und schon mit 29 Jahren frühpensioniert wird. 

Deniz hat als Polizist zwar seinen Traumberuf gefunden, kämpft aber darum, als Beamter mit Migrationshintergrund ernst genommen zu werden. Er muss sich nicht nur gegen Pöbeleien, sondern auch massive tätliche Angriffe im Dienst wehren. Dass er ausgerechnet mit seiner Kollegin Jovanna auf Streife ist, die nicht nur eine Angststörung, sondern auch ein ausgewachsenes Rassismusproblem hat, macht sein Leben nicht leichter.

Trotz aller Unterschiede bewegen sich Vanessa und Deniz aufeinander zu. Vanessa realisiert jedoch lange nicht, in welchem Konflikt sich Deniz befindet: Er liebt Vanessa, kann aber als Polizist schlecht damit umgehen, dass sie dealt. Werden sie den Konflikt lösen können?

Lesen?

Südstern ist ein Buch mit einer sehr urbanen Atmosphäre. Tim Staffel hält seine Sätze so kurz wie möglich und verzichtet auf sprachliche Schnörkel. Die Perspektivwechsel von Vanessa zu Deniz und umgekehrt passieren oft von einem Satz zum nächsten, was manchmal nur aus dem Zusammenhang erkennbar wird. Das irritiert zunächst, man gewöhnt sich jedoch daran.

Die Frage "Kriegen sie sich?" wird genauso hochgehalten wie die Beschreibung des besonderen Umfelds, in dem sich die beiden Protagonisten bewegen. Das macht den Roman von der ersten bis zur letzten Seite interessant. Insbesondere Vanessa stellt sich immer die Frage, was ein Zuhause und was Heimat ist. In ihrer Kindheit hatte sie beides nicht, jetzt als Erwachsene scheint sie erneut heimatlos zu sein. Aber die Hoffnung auf einen Platz, wo sie hingehört, ist ihr geblieben.

Kritik habe ich an einigen Ungenauigkeiten, die vermeidbar gewesen wären. Da geht es um Felix' üppige Pension, die nach wenigen Dienstjahren im mittleren Dienst die Durchschnittspension aller Beamten übersteigt.
Es geht auch um Deniz' pflegebedürftigen Vater Markus, der bereits einen Pflegegrad hat, der im Roman aber nicht hoch genug ist, um den Einbau einer bodengleichen Dusche zu bezahlen - was schlicht falsch ist.
Und dann ist da noch die offenbar prekäre Situation mit der für Markus dringend nötigen Physiotherapie, für die der Arzt nur ein Rezept über zehn Behandlungen ausgestellt hat, was er nur einmal pro Quartal darf. Allerdings gehört Parkinson zu denjenigen Erkrankungen, für die eine Dauerverordnung möglich ist. 
Gegen diese Kritik ist die Szene, in der Vanessa und Deniz Ende April Pflaumen, Aprikosen und Kirschen aus Gärten klauen, eine Kleinigkeit. 

So hoffnungslos und dramatisch etliche Szenen in Tim Staffels Roman sind, so positiv ist es, dass sich für die Hauptpersonen etliches in ihrem Leben zum Guten wendet. Die Leserinnen und Leser erwartet ein Happy End, mit dem in dieser Form nicht zu rechnen war.

Südstern ist 2023 im Kanon Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 25 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.




Freitag, 19. Mai 2023

# 393 - Tödliche Irrwege

Charlotte Ford und Danielle Reeves waren mal dicke
Freundinnen, als beide noch in Houston aufs College gingen. Jede machte schon damals ihr eigenes Ding: Charlotte, weil ihre schmerzgeplagte Mutter bis zu ihrem Tod wegen der vielen Medikamente nicht in der Lage war, sich um irgendetwas zu kümmern, schon gar nicht um ihre Tochter; Danielle, die bei ihrer reichen Mutter lebte, diese jedoch so viel arbeitete, dass sie glaubte, Liebe mit Geld ausgleichen zu können. Melissa Ginsburg hat in ihrem ersten Krimi Sunset City komplexe Beziehungsstrukturen zu einer feinen Handlung verwoben.

Als Charlottes Mutter gestorben war, trudelten noch eine ganze Weile deren Medikamente ein. Die beiden Teenager testeten die Medikamente an sich selbst, was sie nicht nahmen, vertickten sie. Das Leben war locker und leicht - wenn man es verstand, sich etwas vorzumachen.

Im Gegensatz zu Charlotte schaffte Danielle den Absprung nicht und rutschte tief in die Sucht hinein. Sie wurde heroinsüchtig und musste für eine längere Zeit ins Gefängnis. Der Kontakt zwischen ihnen riss ab.

Doch dann treffen sich die beiden nach Jahren wieder. Während sich in Charlottes Leben nicht viel getan hat - nach wie vor lebt sie in der Wohnung der Mutter und arbeitet als Barista -, hört sich das, was Danielle zu erzählen hat, spannender an: Die junge Frau verdient ihr Geld mit Pornos und hat einen Freundeskreis, der aus Leuten besteht, die ebenfalls in der Branche arbeiten.

Zwei Tage nach dem Wiedersehen steht Detective Ash vom Houston Police Department vor Charlottes Tür und teilt ihr mit, dass Danielle ermordet wurde. Vielleicht wäre abgeschlachtet das bessere Wort. Doch wer hat die Freundin so sehr gehasst? Wer konnte der immer gut gelaunten und hübschen Frau das antun? Charlotte versinkt so sehr in ihrer Trauer um die Freundin und die Zeit, die sie noch zusammen hätten haben können, dass sie wissen will, wie Danielle gelebt hat. Sie taucht ein in die Welt der Pornodarsteller, Süchtigen und Dealer und ist dabei, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren. Charlotte gleitet von einem Drogenrausch zum nächsten und rutscht in Sexabenteuer, die sie sich vorher nicht hätte ausmalen können. Aber in ihren lichten Momenten registriert sie, wie das, was ihr Danielles "Freunde" erzählen, zu dem passt, was sie selbst wahrnimmt - oder eben nicht. Sie zieht ihre Schlüsse, doch Detective Ash verfolgt eine andere Spur. Dann droht die Situation zu kippen.

Lesen?

Sunset City wird von zahlreichen Szenen im Sonnenuntergang getragen, der jedoch keine Romantik erzeugt, sondern eher zu einer diffusen Atmosphäre beiträgt. Diese passt genau zu dem Leben, das die Hauptpersonen führen: immer nur eine handbreit vom nächsten Joint oder den nächsten Pillen entfernt, die die eigenen Probleme für eine Weile in den Hintergrund treten lassen. Das Leben ist zerbrechlich, der Tod lauert in Houstons dunklen Ecken. Melissa Ginsburg lässt daran von der ersten Seite an keinen Zweifel. Wer mal etwas anderes lesen will als einen Krimi, in dessen Mittelpunkt die Polizei steht, aber trotzdem nicht auf Spannung verzichten möchte, dem kann dieses Buch empfohlen werden.

Sunset City ist in der deutschen Übersetzung von Kathrin Bielfeldt 2023 im Polar Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 17 Euro.

Samstag, 20. Oktober 2018

# 171 - Drogenschwemme am Atlantik

Die befreundeten Studenten Matthieu und Romain aus Paris machen Urlaub in Biarritz. Eine Woche surfen soll sie vom stressigen Uni-Alltag ablenken. Die auf den ersten Seiten von So kommt die Nacht der französischen Autorin Estelle Surbranche noch heitere und entspannte Grundstimmung wird schon wenig später ins Gegenteil kippen. 

Hey, wir sind reich!

 
Zufällig finden die beiden jungen Männer an den Klippen zwei mit schwarzem Plastik verschweißte Päckchen. Ihnen ist sofort klar, worum es sich handeln muss: Kurz zuvor machte die Nachricht die Runde, dass etwas weiter südlich etliche Päckchen mit über 84 Kilogramm hochreinem Kokain an den Strand geschwemmt worden waren, jedes einzelne sieben Kilogramm schwer. Keine Frage, worum es sich bei diesen Quadern hier handelte. Was sie nicht wissen: Das Koks stammt von einer größeren Fracht, die zwei Kuriere vor der spanischen Küste über Bord geworfen hatten, als sich ihrem Schiff Boote und Hubschrauber der Guardia Civil näherten. Zu dem Zeitpunkt, als die beiden das Koks am Strand finden, weiß die französische Polizei bereits von 1,5 Tonnen angespültem Kokain. Dazu kommt eine unbekannte Menge, die noch nicht gefunden worden ist oder die die Finder behalten haben. 
Matthieu und Romain beschließen spontan, die Drogenpakete nach Paris mitzunehmen und den Inhalt nach und nach zu verkaufen. Der Koks und die damit verbundenen sprudelnden Einnahmen öffnen ihnen die Türen zu einem "besseren" Leben, in dem ständig inmitten von reichen und verwöhnten jungen Leuten Drogenpartys gefeiert werden.

Die Jagd beginnt


Der ungewöhnliche Drogenzufluss bewirkt, dass auch die Zahl der Junkies, die an einer Überdosis sterben, in die Höhe schnellt. Und: Der Preis für Koks folgt dem Prinzip von Angebot und Nachfrage, er fällt. Der Preisverfall und der Umstand, dass sich der serbische Drogenboss Radzik, dem die Ware gehört hat, nicht so einfach etwas wegnehmen lässt, rufen die junge Nathalie auf den Plan. Die Serbin arbeitet für Radzik und ist an Kaltblütigkeit und Skrupellosigkeit kaum zu überbieten. Sie macht sich auf die Spur der verschwundenen Drogen und löscht nach und nach diejenigen aus, die mit ihnen in irgendeiner Weise zu tun hatten. Ihr Markenzeichen am Ende jeder tödlichen Folterung: die ausgestochenen Augen ihrer Opfer. Romain und Matthieu sind lange völlig ahnungslos, in welcher tödlichen Gefahr sie sich befinden. Auch in ihrer Freundschaft bahnt sich eine grundlegende Veränderung an, die sie noch kurz zuvor wohl nicht für möglich gehalten hätten.

Selbstverständlich greift auch die Polizei in das Geschehen ein. Die Drogenfahnderin Gabrielle ahnt, dass hinter der Häufung der Drogentoten und den Koksfunden ein Zusammenhang besteht. Um ihren seit einer Ermittlungspanne ramponierten Ruf wieder herzustellen, arbeitet sie bis zur Erschöpfung, um die zunächst undurchsichtigen Zusammenhänge zu entwirren.


Wie war's?


So kam die Nacht ist mit der schnöden Bezeichnung "Kriminalroman", die sich auf dem Cover findet, völlig falsch beschrieben. Denn: Wo ein Thriller drin ist, soll auch "Thriller" drauf stehen. Den Leser erwarten: Spannung bis zum Punkt auf der letzten Seite; dazu eine Reihe von Szenen, in denen die Brutalität so plastisch geschildert wird, dass man sich kaum ausmalen mag, wie sie "in echt" wäre. Sie wird allerdings nicht als billiges Spannungsvehikel missbraucht, sondern verdeutlicht die Nöte und Stimmungslagen der Handelnden. Deren Gnadenlosigkeit ist ein Gradmesser für ihre Unmenschlichkeit, die bei manchen von Anfang an sehr ausgeprägt war, die andere Figuren jedoch erst nach und nach entwickeln.

So kam die Nacht ist im Polar Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 16 Euro sowie als epub- oder Kindle-Ausgabe 10,99 Euro. 

Freitag, 24. März 2017

# 92 - Straftaten, die die Menschen bewegten

Von Mördern, Dieben und Betrügern – ein Anwalt erzählt


Steffen Ufer hat ein langes Berufsleben als Strafrechtsanwalt hinter sich. 1966 begann er als Referendar in der Kanzlei des in den 1960-er bis 1990-er Jahren sehr bekannten Strafverteidigers Rolf Bossi, dessen Name in den Medien häufig in Zusammenhang mit prominenten Mandanten auftauchte. Dem steht Ufer in nichts nach: Auch er wird gern als „Star-Anwalt“ bezeichnet, was er aber nicht gern hört. 2016 hat der Jurist zusammen mit dem Journalisten und Buchautor Göran Schattauer Nicht schuldig herausgebracht. Mit der Schilderung von 19 Fällen erläutert Ufer, was er vom deutschen Rechtsstaat hält und was für ihn das Wesen eines fairen Prozesses ist.

50 Berufsjahre und jede Menge Schicksale


Ufer erzählt nicht nur von seinen sehr bekannten Mandanten wie Konstantin Wecker, Ottfried Fischer oder Uli Hoeneß. Er schildert auch Fälle, in denen im Ausland lebende Deutsche von ihm betreut wurden oder er Menschen vertreten hat, deren Namen es nicht in die Zeitungen geschafft hatten, deren Schicksale aber nicht weniger tragisch waren. Als bitterste Niederlage bezeichnet Ufer den Fall zweier deutscher Brüder, die nach einem dilettantischen Versuch, eine Bankfiliale in einer Kleinstadt in Arizona zu überfallen, zunächst von lustlosen und inkompetenten Pflichtverteidigern betreut wurden, die rein gar nichts für sie taten. Die amerikanischen Behörden ließen auch das 1967 unterzeichnete Wiener Abkommen außer Acht, wonach sie in diesem Fall das deutsche Konsulat hätten verständigen müssen, das dann fachkundige Anwälte beauftragt und bezahlt hätte. Ufer und seine amerikanische Kollegin wurden jedoch erst auf den Fall aufmerksam, als es für ein wirkungsvolles Eingreifen im Grunde schon zu spät war. Den US-Justizbehörden war ihr Hinweis auf die Verletzung der Wiener Konvention gleichgültig, sie reagierten nicht auf die schriftliche Eingabe der beiden Juristen. Die deutsche Politik hat sich hier auch nicht mit Ruhm bekleckert: Die damalige Bundesjustizministerin konnte sich wegen dieses eklatanten Rechtsverstoßes nicht dazu aufraffen, den Internationalen Gerichtshof in Den Haag anzurufen. Wahrscheinlich fürchtete sie diplomatische Verwerfungen. Der amtierende Bundesaußenminister zögerte ebenfalls und sprach seine US-Amtskollegin zu spät an. Auch der Gnadenappell des Bundeskanzlers an den US-Präsidenten wirkte nicht mehr: Nach 17 Jahren Haft wurden die beiden Brüder hingerichtet.

Was macht das Recht aus?


Nicht nur im Fall der beiden Brüder, sondern auch bei allen anderen Schilderungen von Gerichtsverfahren wird Steffen Ufers Rechtsverständnis deutlich: Es soll bei einer Strafverfolgung nicht darum gehen, „im Namen des Volkes“ Rache an den Tätern auszuüben. Ein fairer Prozess soll vielmehr die gesamten Umstände, die zu einer Tat führten, in den Blick nehmen. In den Anfangszeiten der bundesdeutschen Rechtsprechung war dieser Gedanke, sich auch den psychischen Ursachen einer Straftat zu nähern, nicht üblich. Die juristische Wende läutete der Fall des Kindermörders Jürgen Bartsch ein, der 1962 im Alter von 15 Jahren einen Jungen getötet hatte. Bis 1966 ermordete er drei weitere auf grausame Weise. Das zuständige Landgericht verurteilte Bartsch zu lebenslanger Haft und der Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte. Doch der Bundesgerichtshof verwies das Urteil nach der von Bossi und Ufer eingelegten Revision an das Landgericht Wuppertal zurück und rügte, es sei zu wenig auf die Täterpersönlichkeit eingegangen worden. Das führte zum heutigen § 20 des Strafgesetzbuches, der Tätern, die wegen einer krankhaften seelischen Störung, einer tiefen Bewusstseinsstörung oder einer „schweren anderen seelischen Abartigkeit“ ihr Unrecht nicht einsehen können, Schuldunfähigkeit zuspricht. Seit damals wird bei allen Strafprozessen auch das bisherige Leben der Angeklagten beleuchtet. Bartsch wurde im abschließenden Verfahren zu zehn Jahren Jugendstrafe und der Unterbringung in die Psychiatrie verurteilt. Er blieb dort bis zu seinem Lebensende.
Steffen Ufer hat sich als Strafverteidiger immer wieder Vorwürfe gefallen lassen müssen, wenn er Mandanten verteidigte, die sich zum Teil grausame Verbrechen hatten zuschulden kommen lassen. Das „Wie kann man nur?“ stand immer wieder im Raum. Doch er sieht seine Aufgabe als Anwalt darin, seine Mandanten so gut wie möglich zu vertreten und darauf zu achten, dass die geltenden Gesetze angewendet werden. Ein Anwalt hat nicht über seinen Mandanten zu richten und seine Taten zu verurteilen, dazu gibt es Richter und Staatsanwälte.

Interessantes Buch mit vielen Einblicken


Nicht schuldig ist ein plakativer Buchtitel, der längst nicht auf alle von Steffen Ufer geschilderten Verfahren passt. Neben der sehr gut verständlichen rechtlichen Erläuterung der einzelnen Fälle bietet das Buch einen Eindruck von der Entwicklung der bundesdeutschen Rechtsprechung bei Strafprozessen seit den 1960-er Jahren. Der Umstand, dass es sich nicht um Krimi-Fiktion, sondern um wahre Fälle handelt, macht Nicht schuldig zu einem spannenden Titel.

Nicht schuldig ist im Wilhelm Heyne Verlag erschienen und kostet gebunden 19,99 € sowie als epub- oder Kindle-Ausgabe 15,99 €. Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir ein Exemplar zur Verfügung gestellt hat.

Freitag, 23. September 2016

# 68 - Mehr Gefühlskälte geht nicht

Der Blick auf die Schönen und Reichen

 

Die Informanten ist mein erstes Buch, das ich von Bret Easton Ellis gelesen habe. Es ist in der Originalausgabe 1994 nach Ellis' damals umstrittenen Buch American Psycho veröffentlicht worden.

Waren das die 1980-er Jahre in L. A.?

 

Ellis schildert das Leben der jungen Reichen in Los Angeles vor 30 Jahren. Sollte auch nur etwas an dieser Schilderung dran sein, hätte man den normalen Bürgern nur empfehlen können: Haut ab, so schnell ihr könnt.
In 13 Kapiteln, die alle aus der Perspektive von Ich-Erzählern geschrieben wurden, geht es um die gähnende Leere im Leben von vom Wohlstand übersättigten Menschen, denen es nicht mehr reicht, einfach nur mit ihren teuren Sportwagen durch die Straßen von Malibu und Bel Air zu kreuzen, ihr Geld mit vollen Händen in überteuerten Läden und Restaurants auszugeben oder sich mit Drogen zuzudröhnen.
Jeder von ihnen ist auf der Suche nach einem neuen Kick, der einen kurzzeitigen Höhepunkt im Tagesablauf schafft. Beziehungen sind derart oberflächlich, dass der Tod eines Menschen, den man gestern noch als seinen besten Freund bezeichnet hat, heute lediglich als Faktum registriert, aber keine Sekunde betrauert wird. Ist ein Mensch weg, kommt vor irgendwoher ein neuer, mit dem man Spaß haben kann.

Wie heißt die Steigerung von Verrohung?

 

Da wird Sex mit Minderjährigen mit Vampirismus kombiniert oder ein Zehnjähriger von der Straße entführt, weil er an einen Vampir weitergegeben werden soll. Doch dann erscheint es spannender und lukrativer, die Eltern des Kindes mit ihm zu erpressen. Doch auch das klappt nicht, weil die Hirne der drei an dem Kidnapping Beteiligten wegen des Nebels aus Drogen und Alkohol in ihnen keinen klaren Gedanken fassen können. Der Junge wird tagelang geknebelt und gefesselt in der Badewanne festgehalten, von einem der Entführer gequält und vom anderen schließlich brutal "entsorgt".

Diese Szene,die sich im elften Kapitel abspielt, hätte mich das Buch fast abbrechen lassen. Nur wer Spaß am Sadismus hat, kann dieser Schilderung noch etwas abgewinnen.     
Die Informanten ist nichts für Zartbesaitete. Der Leser wird zu einem Zuschauer von absurden, selbst- und fremdzerstörerischen und morallosen Szenen. Ich habe keine Ahnung, ob es im L. A. der 1980-er Jahre tatsächlich so zuging, aber ich habe das Buch mit einer Mischung aus Schauder und Erleichterung, dass es nun geschafft ist, nach dem letzten Kapitel zugeklappt.

Die Informanten in der mir vorliegenden Ausgabe ist 2010 als 13. Band in der Reihe Süddeutsche Zeitung Bibliothek: Metropolen: Los Angeles erschienen.

Freitag, 26. August 2016

# 65 - Der seltsamste Roman

Ein toter Hurenbock, eine verschwundene Urne und ausufernder Verfall

 

Nach dem Lesen der letzten Seite des Romans Die hundert Brüder von Donald Antrim möchte man Jonathan Franzen sofort in seiner Einschätzung, die er im Vorwort äußert, zustimmen: "Die 100 Brüder ist vielleicht der seltsamste Roman, der je von einem Amerikaner erschienen ist." Ausgangspunkt ist das Treffen von 99 Brüdern in der sogenannten roten Bibliothek ihres verstorbenen Vaters, um gemeinsam dessen Urne zu suchen und zu überlegen, was damit geschehen soll. Bruder Nr. 100 konnte nicht kommen und spielt daher auch keine Rolle.

Ein Brudertreffen oder ein Kriegsschauplatz?

 

Die Brüder sind ein bunter Haufen und leiden unter den unterschiedlichsten und abseitigsten Befindlichkeiten oder pflegen ungewöhnliche Marotten. Wegen seiner Fortpflanzungsfreude wird der tote Vater zwar schon mal als Hurenbock bezeichnet, aber jeder der Brüder hatte Respekt vor ihm. Das Treffen findet bereits zum wiederholten Mal am selben Ort statt, um die Bestattung der Asche des gemeinsamen Erzeugers nun endlich zu planen. Es leuchtet ein, dass bei so vielen Geschwistern riesige Altersunterschiede zu erwarten sind: Der Jüngste ist 20 und der Älteste - Hiram - 93 Jahre alt. Wie es der Vater schaffen konnte, so viele Söhne zu zeugen, bleibt offen. Auch die naheliegenden Fragen, von wie vielen Müttern so eine große Nachkommenschaft geboren wurde und ob es auch Töchter gibt, bleiben unbeantwortet. Frauen spielen bis auf eine kurze Nennung eines Namens auf der zweiten Seite gar keine Rolle. Der Leser erfährt auch nicht, wo und wann sich die Zusammenkunft abspielt.

Der Anlass für das Treffen gerät schon rasch völlig in den Hintergrund, aber so etwas wie eine richtige Handlung ist nicht zu erkennen. Das, was sich an diesem Abend abspielt, wird von Doug, einem der Brüder mittleren Alters, geschildert. Er ist jedoch nicht nur passiver Beobachter, sondern greift immer wieder in das Geschehen ein. Das tut er jedoch auf so seltsame Weise, dass man nur vermuten kann, dass er unter Drogen steht. Anders lässt sich so viel Unsinn nicht erklären: Dem verletzten Arzt Maxwell klaut er aus dessen Tasche wahllos das Stethoskop, Kanülen und Fläschchen und merkt erst später, dass er nun einen stolzen Morphinvorrat mit sich herumträgt. Kein Problem: Im Laufe dieses völlig aus dem Ruder laufenden Treffens gibt es mehrere verletzte Brüder, die hilflos am Boden liegen, was aber niemanden kümmert. Doug verabreicht ihnen zu vorgerückter Stunde großzügig ein paar Morphindosen und bildet sich ein, ihnen geholfen zu haben. Zwischendurch wird er von Hiram aufgefordert, einen Strauß Blumen vom Teppich aufzuheben, aber da sein ältester Bruder so schöne Schuhe trägt und er selbst ja schon auf den Knien vor ihm ist, beschließt Doug kurzerhand, es sich auf den Füßen seines Bruders gemütlich zu machen. Keine Überraschung, dass der davon nicht begeistert ist. Ein kurzer Tritt des alten Mannes in das Gesicht seines jüngeren Bruders schafft da wieder klare Verhältnisse. Das ist nur ein Auszug aus Dougs Verhaltensrepertoire, der sich selbst für völlig normal, seine Brüder jedoch für mehrheitlich überspannt hält.

Ein Buch wie ein Floß auf einem rasch dahinströmenden Fluss

 

Es ist im Grunde nur eine klare Tendenz erkennbar: Mit dem Fortschreiten des Treffens und der Zunahme des Chaos sowie der Zahl der Verwundeten - der Begriff passt, weil manche Szenen eher einem Kriegsschauplatz als einem Brüdertreffen ähneln -  zerfällt die Bibliothek immer mehr. Während zu Beginn die Rede von undichten Fenstern und einigen Rissen in der Decke ist, werden in den Stunden bis zum Morgengrauen die Anzeichen des drohenden Kollapses immer deutlicher. So wie die Männer ihre verletzten Brüder ignorieren, ignorieren sie auch diesen Umstand. Das Verhalten der meisten Anwesenden ist nicht nur respektlos gegenüber ihren Nächsten, sondern auch im Hinblick auf den Wert, den das Inventar und die seltenen Bücher haben. Was ihnen in die Finger gerät, wird in einer Mischung aus grober Ungeschicklichkeit und Dummheit beschädigt oder zerstört. Etwa in der Mitte des Buches fasst Doug das Verhalten aller Brüder sehr treffend zusammen: "Ich! Ich! - Das scheinen alle unsere Stimmen zu rufen, als wären wir in Wirklichkeit keine Gemeinschaft, sondern ein gemeiner Pöbel, dessen einziges Interesse dem nächsten Drink, dem nächsten Maulvoll Essen gilt. Ich liebe meine Brüder, und ich hasse meine Brüder."

Der Erzähler Doug reagiert impulsgesteuert: Er nimmt sich etwas vor, aber auf dem Weg zu seinem Ziel nimmt er jemanden oder etwas anderes wahr und ändert seine Richtung und sein Verhalten. Da so eine Handlungssequenz nahtlos in die nächste übergeht, gibt es auch keine Kapitel oder auch nur Absätze: Die knapp 220 Seiten sind ein einziger Fließtext.

Mir hat die Grundidee, die hinter Die hundert Brüder steht, gut gefallen. Ich finde allerdings, dass es sich Donald Antrim zu leicht gemacht hat, alles Unklare und Unlogische so stehen zu lassen. Dies wird bei anderen Autoren gern kritisiert, bei diesem Buch jedoch von Kritikern gelobt. Es ist schwierig, diesen Roman zu beurteilen. Ich bin mir allerdings sicher, dass ich ihn kein zweites Mal lesen werde.

Die hundert Brüder ist 2016 - und damit erst 19 Jahre nach der amerikanischen Erstausgabe - im Rowohlt Taschenbuch Verlag erschienen und kostet 12,99 €, als Kindle- oder epub-Edition 10,99 €.

Samstag, 6. Februar 2016

# 35 - Ein preisgekröntes Epos

Ein Vogel auf Abwegen

 

Der Roman Der Distelfink der Amerikanerin Donna Tartt beginnt fast am Ende der Erzählung: Theo Decker, ein 27-jähriger Amerikaner, befindet sich seit einer Woche in einem Amsterdamer Hotelzimmer. Er ist krank und sieht in einem Fiebertraum im Spiegel seine Mutter, die plötzlich hinter ihm auftaucht. Doch kurz, bevor sie etwas sagen kann, endet der Traum abrupt. Theo wird bewusst, dass sein Leben einen besseren Verlauf genommen hätte, wenn es diesen Tag vor 14 Jahren nicht gegeben hätte. 
 

Der 13-jährige Theo Decker lebt allein mit seiner Mutter in einer kleinen Wohnung in New York. Sein alkoholkranker und meistens übellauniger Vater hat die kleine Familie bereits vor einem Jahr sang- und klanglos verlassen und zahlt keinen Unterhalt. Dass das Geld seitdem knapp ist, ist allerdings im Vergleich dazu das kleinere Übel.
Theo und seine Mutter Audrey hatten schon immer eine enge Bindung, die seit dem Verschwinden des Vaters noch etwas intensiver geworden ist. Doch dann kommt der Tag, der Theos bisheriges Leben aus den Fugen und seine Welt zum Einsturz bringen soll: Er besucht mit seiner Mutter das Metropolitan Museum of Art, in dem gerade eine Ausstellung gezeigt wird: Nördliche Meisterwerke des goldenen Zeitalters. Audrey hatte vor Jahren  Kunstgeschichte an der New York University studiert, bevor sie Theos Vater kennenlernte und nach der Hochzeit das Studium aufgab. Ihr Faible für Kunst hatte sie jedoch nie losgelassen und sie freut sich sehr, als sie in der Ausstellung ein Bild entdeckt, das sie seit ihrer Kindheit nur aus einem Kunstbildband kannte, von dem sie jedoch seit damals fasziniert ist: Der Distelfink des niederländischen Künstlers Carel Fabritius, das 1654 gemalt wurde.

Die Wege trennen sich...

 

Theo und seine Mutter haben mittags einen Termin, sodass die beiden ihren Museumsrundgang abkürzen müssen. Doch Audrey möchte sich auf die Schnelle noch ein weiteres Gemälde ansehen, das in einem benachbarten Ausstellungsraum hängt. Sie verabreden, dass sie sich im Museumsshop treffen. Wenige Augenblicke später wird der Raum von einer so gewaltigen Explosion erschüttert, dass Theo zwischen herumwirbelnden Trümmerteilen zu Boden geworfen wird und das Bewusstsein verliert. Erst als er nach einer Weile wieder zu sich kommt, erkennt er, was wirklich passiert ist: Ein Bombenanschlag hat Teile des Museums zum Einsturz gebracht. Um ihn herum liegen Tote, von seiner Mutter ist weit und breit nichts zu sehen. Auf der Suche nach einem Ausgang trifft er auf einen schwer verletzten alten Mann, der um sein Leben ringt. In seinen letzten Minuten weist er Theo eindringlich an, ein staubiges rechteckiges Brett, das ganz in der Nähe zwischen Trümmern liegt, aufzuheben und auf jeden Fall mitzunehmen. Als Theo sich das Brett genauer ansieht, erkennt er, dass es sich um den Distelfinken, das Lieblingsbild seiner Mutter, handelt. Ohne länger darüber nachzudenken, entscheidet er, das Bild an sich zu nehmen. Doch kurz bevor Theo die Suche nach dem Ausgang fortsetzt, gibt ihm der sterbende Mann einen schweren Goldring. Einige seiner letzten Worte sind "Hobart and Blackwell" und "Läute die grüne Glocke."

Theo schafft es, einen Weg aus dem zerstörten Museum zu finden und klammert sich an die Hoffnung, seine Mutter zu Hause anzutreffen. Doch die Wohnung ist leer. Erst etliche Stunden später stehen zwei Sozialarbeiter vor der Wohnungstür. In diesem Moment wird Theo klar, dass er seine Mutter nie wiedersehen wird. Angesichts dessen, dass die Sozialarbeiter überlegen, Theo entweder in staatliche Fürsorge, zu einer Pflegefamilie oder zu seinen Großeltern zu geben, wird er von Panik erfasst: Jeder dieser Vorschläge ist schlimmer als der andere; seine Großeltern hatten sich noch nie für ihn interessiert und waren an Lieblosigkeit kaum zu übertreffen. In seiner Not nennt er den Namen der Familie seines Freundes Andy Barbour, und tatsächlich wird er dort aufgenommen. Der Distelfink bleibt zunächst in der alten Wohnung.


Trautes Heim, Glück allein?

 

Die Familie Barbour lässt ihn bei sich wohnen, aber die Atmosphäre dort ist sehr kühl und sachlich. Sein Aufenthalt wird akzeptiert, finanziell ist er jedoch kein Problem: Mr. Barbour arbeitet an der Wall Street, man leistet sich Personal und einen angenehmen Lebensstil. Ihre Wohnung liegt an der bekannten und teuren Park Avenue.
Theo hat den Ring des alten Mannes immer bei sich, aber es dauert eine Weile, bis er sich entschließen kann, die Adresse von Hobart and Blackwell im Telefonbuch nachzuschlagen und hinzufahren. Dort trifft er auf Mr. Hobart ("Hobie"), den guten Freund und Geschäftspartner des toten Mannes aus dem Museum. Die beiden Männer betreiben seit vielen Jahren ein in Sammlerkreisen angesehenes Antiquitätengeschäft, in dem Hobie den Part des Restaurators innehat. Hobie wird zu einem Anker und Ruhepunkt in Theos Leben, das immer mehr aus den Fugen gerät. Der Heranwachsende trägt schwer am Tod seiner Mutter und gibt sich die Schuld daran. Seit der Explosion ringt er außerdem mit einer posttraumatischen Belastungsstörung: Er erträgt Menschenmengen nur sehr schlecht,  und plötzliche Geräusche oder Bewegungen in seiner Nähe bringen ihn aus der Fassung. 
Als sein Leben bei den Barbours sich etwas normalisiert hat, taucht unvermittelt sein Vater mit seiner Freundin Xandra auf und holt Theo zu sich in die Einöde eines Trabantenvororts von Las Vegas. Doch die Hoffnung, jetzt wieder ein richtiges Zuhause in einer normalen Familie zu haben, wird schon kurz nach der Ankunft beendet: Der Vater hat seinen Suchtschwerpunkt vom Alkohol auf Tabletten verlagert und häuft bei Wetten und Glücksspiel Schulden an, während Xandra keinen Hehl daraus macht, dass ihr Theo lästig ist. Theo lebt in den Tag hinein und spürt deutlich, nicht geliebt zu werden.

14 Jahre Leben auf mehr als 1.000 Seiten 


Wer angesichts der Seitenzahl abgeschreckt ist, diesen Roman zu lesen, verpasst ein sehr flüssig und lebendig geschriebenes Buch, das seine Leser bis zum letzten Punkt auf Seite 1.022 nicht mehr loslässt. Donna Tartt beschreibt das psychische Loch, in das der junge Theo nach dem Tod seiner Mutter, der wichtigsten Person in seinem Leben, fällt, so authentisch, dass man es mit dem Jungen mitfühlt. Über viele Jahre hinweg kann er nicht an bestimmte Dinge denken oder sich an Orten aufhalten, an denen er mit ihr gewesen ist, ohne dass in seinem Kopf ein Film mit Szenen aus dem gemeinsamen Leben abläuft. Wie sehr sich Theo wünscht, dass alles so bleiben möge, wie er es gekannt hat, wird besonders deutlich, als er zum Mietshaus, in dem er jahrelang mit seiner Mutter gelebt hat, zurückkehrt, um mit den ihm vertrauten Türstehern zu sprechen. Als er dort ankommt, ist er fassungslos: Das Haus ist eingerüstet und wird gerade entkernt, das gesamte Hauspersonal wurde entlassen. Ein Fremder erzählt ihm, ein Investor habe das Gebäude gekauft und wolle daraus moderne, teure Wohnungen machen.

Das Leben entgleitet dem Jugendlichen Theo mehr und mehr. Über einen Freund gerät er an Drogen und Alkohol, und erst ein weiterer Schicksalsschlag, der für ihn mehr ein Befreiungsschlag ist, öffnet ihm die Tür für ein einigermaßen normales Leben. Das Gemälde, dessen Rückgabe er sich mehrmals vorgenommen und immer wieder aufgeschoben hat, entwickelt sich zu einem Fluch, obwohl er es gut versteckt hält und irgendwann nicht mehr wagt, es auszupacken und anzusehen.

Donna Tartt hat 2014 für The Goldfinch den Pulitzer Preis bekommen - meiner Ansicht nach absolut verdient. 
Die deutsche Übersetzung ist 2014 im Goldmann Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24,99 €, als Taschenbuch 12,99 €, als mp3-Hörbuch 14,99 € sowie als Kindle-Edition 9,99 €.


 

Vielen Dank!

Das Buch Der Distelfink wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich ganz herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorhandene Exemplare innerhalb eines Werktages. 
Die Kontaktdaten und Öffnungszeiten gibt es hier: Hemminger Buchhandlung