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Freitag, 8. Oktober 2021

# 311 - Liebe, Tod und Bücher - eine Familiengeschichte

Die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer veröffentlicht ihre Werke bereits seit Ende der 1970-er Jahre, einem breiten Publikum wurde sie allerdings erst 2020 mit dem Erscheinen ihres Buches Die Bagage bekannt, in dem sie über ihre Großeltern, deren Kinder und die allgegenwärtige Armut schreibt, in der die Familie in einem Bergdorf lebte.

Nur ein Jahr später ist nun Vati erschienen. Monika Helfer fand, dass ihr Vater in ihrer Familiengeschichte bislang zu kurz gekommen war und widmet ihm nun ein eigenes Buch. Der Vater war Kriegsinvalide und leitete ab 1955 ein Kriegsversehrten-Erholungsheim auf dem Hochplateau Tschengla im Brandnertal (Vorarlberg). Das Leben dort war für Helfer und ihre Geschwister frei und glücklich. Das Glück fand ein Ende, als die Mutter an Krebs erkrankte und verstarb. Der Tod seiner Frau warf den Vater derart aus der Bahn, dass er plötzlich verschwand, ohne sich von seinen Kindern zu verabschieden. Diese wurden unter den Schwestern der verstorbenen Mutter aufgeteilt - die drei Mädchen kamen zu der einen, der kleine Bruder, der noch ein Baby war, zu einer anderen Schwester.

Das Leben insbesondere der drei Schwestern bei ihrer Tante und deren Familie war von Armut, Sprachlosigkeit und Verhaltensweisen der Erwachsenen geprägt, mit denen die Mädchen zunächst nicht umgehen konnten. Ihr Vater blieb für sie verschwunden, und niemand sprach über ihn. Doch eines Tages erfuhren sie, wo er sich seit der Beerdigung der Mutter aufgehalten hatte. Als sie ihn nach langer Zeit zum ersten Mal wiedersahen, war er ihnen fremd geworden.

Monika Helfer versucht, aus Teilen der eigenen Erinnerung und der ihrer Schwestern sowie der Stiefmutter ein Bild ihres Vaters zusammenzusetzen, aber das gelingt nur unvollständig. Dessen ungewöhnliche Art, Bücher zu lieben, wirkt irritierend: Es ging ihm nicht nur darum, sie zu lesen, sondern auch zu besitzen und immer wieder zu berühren. Die Art und Weise, wie ein Mensch ein Buch aus dem Regal nimmt, war für den Vater entscheidend: War sie falsch, hatte es dieser Mensch bei ihm schwer. 
Als er versuchte, die gespendeten Bücher des Erholungsheims zu retten, weil die Einrichtung umgewandelt und darum die dortige Bibliothek aufgelöst werden sollte, machte er sich strafbar. Die Erkenntnis, dass man ihm bei einer Inventur auf die Schliche kommen und bestrafen würde - was seine Familie in den sozialen Abgrund gestoßen hätte - brachte ihn zu einem Selbstmordversuch. Er hatte Glück und wurde rechtzeitig gefunden, aber die Tat und der anschließende lange Krankenhausaufenthalt entfremdete ihn vor allem von seinen Kindern.

Helfers einfache und direkte Art zu schreiben erzeugt eine unmittelbare Nähe zur Handlung. Es tut förmlich weh zu lesen, wie wenig auf die Bedürfnisse der Kinder, die ihre Mutter verloren hatten, Rücksicht genommen wurde. Der Vater ergab sich seinem eigenen Schmerz und hatte seine Kinder darüber völlig vergessen. Die Tanten taten das, was sie für das Beste hielten; emotionale Zuwendung kam darin nicht vor.

Das Augenmerk der Familie lag nach einiger Zeit vor allem darauf, dass der Vater nicht noch weiter verkommen sollte. Das hieß: Er musste wieder heiraten. Das war für einen Einbeinigen mit vier Kindern nicht so einfach, aber einer von Monika Helfers Onkeln hat die Sache in die Hand genommen und eine geeignete Kandidatin gefunden, die für die Hochzeit alle eigenen Pläne über Bord geworfen hat. Warum sie das tat, blieb unerklärt.

Lesen?

Monika Helfer hat mit Vati keine Abrechnung mit ihrem Vater vorgelegt. Sie macht ihm an keiner Stelle einen Vorwurf für sein oft rätselhaftes Verhalten. Das Buch ist eine Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit und der Geschichte ihrer Familie. Man spürt den Wunsch der Autorin, für Dinge, die sie als Kind nicht verstanden hat, als Erwachsene eine Erklärung zu finden.

Vor einiger Zeit habe ich Die Bagage gelesen. Es ist keine Voraussetzung, das Buch kennen zu müssen, um Vati zu verstehen, es macht das Verständnis jedoch einfacher. Allerdings hatte ich bei etlichen Abschnitten in Vati den Eindruck, sie schon zu kennen. Beide Bücher sind inhaltlich so dicht beieinander wie zwei verschränkte Hände.

Vati ist für den Deutschen Buchpreis 2021 nominiert.
Das Buch ist 2021 im Carl Hanser Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 20 Euro sowie als E-Book 15,99 Euro.


Freitag, 31. Mai 2019

# 199 - Der Sohn von Kohl

Als den "Sohn von Kohl" betrachten ihn zunächst die
meisten Menschen, die ihn kennenlernen: Walter Kohl ist der ältere Sohn des vor fast zwei Jahren verstorbenen früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl. Walter Kohl hat bereits 2011 in seinem Buch Leben oder gelebt werden über das Verhältnis zwischen ihm und seinem Vater geschrieben.

Auf rund 270 Seiten schreibt er, wie er schon unter den Prioritäten seines Vaters gelitten hattte, als dieser noch ein Lokalpolitiker war. Für Helmut Kohl war die wahre Heimat seine Partei, die CDU. Die Familie war der Hafen, in den er zwischen den Terminen einlief. 
Hannelore Kohl war die Managerin der gesamten Familie, sie regelte alles selbstständig und hielt die Unbilden eines normalen Lebens von ihrem Mann fern. Sogar den Job als Wahlkampfmanagerin füllte sie aus. Helmut Kohl nutzte den Freiraum, um seine eigene Karriere voranzutreiben. Wie man weiß, mit Erfolg. Er ignorierte die berechtigte Angst seiner Familie, Opfer eines Anschlags zu werden und wischte auch die Versuche seines Sohnes Walter, mit ihm über die alltäglichen Diffamierungen zu sprechen, die ihm schon als Kind wegen der von seinem Vater getroffenen Entscheidungen entgegenschlugen, mit dem Satz "Du musst stehen!" vom Tisch. Das Signal hinter diesen wenigen Worten war eindeutig: Helmut Kohl hatte nicht vor, seinem Sohn beizustehen und zu ihm zu halten. Dem Sohn wurde mit diesem Ausspruch deutlich, dass er alles, was ihn belastete, ohne die Unterstützung seines Vaters aushalten musste. 

Walter Kohl spürte immer wieder sehr genau, dass er nicht danach beurteilt wurde, was oder wie er war, sondern nur nach dem, was man ihm wegen seines Vaters zuschrieb. Der einzige Anker war seine Mutter Hannelore Kohl. Sie spürte, wenn es einem ihrer Söhne nicht gutging und versuchte, immer für sie da zu sein. Gegen ihren Mann konnte sie jedoch nichts ausrichten. Walter Kohl beschreibt, dass sie ihm auch dann nicht widersprach, wenn sie eine seiner Reaktionen oder Entscheidungen für falsch hielt. 

Ein einschneidendes Erlebnis im Leben Walter Kohls war ein Gespräch mit hohen Polizeibeamten, das 1976 stattgefunden hat. Er war damals 13 Jahre alt und wurde im Beisein seiner Mutter darüber in Kenntnis gesetzt, dass im Falle seiner Entführung ein maximales Lösegeld gezahlt werden würde. Sollten die Täter mehr als fünf Millionen Mark für seine Auslieferung fordern, würde die Bundesrepublik Deutschland nicht zahlen. Jedem im Raum war klar, was dann mit der Geisel Walter Kohl passieren würde. Und Walter Kohl war klar, dass diese Vereinbarung zuvor mit seinen Eltern besprochen worden war und diese sie akzeptiert hatten. In dem Kind Kohl setzte sich das Gefühl fest, nicht wichtig zu sein und keinen Wert zu haben.

Walter Kohl hat sich viele Jahre in einer Opferrolle gesehen. Ein Leben im Opferland hat er das selbst genannt. Erst nach langer Zeit verstand er, dass er selbst es war, der sich in diese Position begeben hatte. Es lag an ihm, sich zu ändern und zu versuchen, seinem Vater gegenüber den Weg der Versöhnung einzuschlagen. Dass der Vater die Hand zur Versöhnung ausschlug und seinem Sohn die Vermutung bestätigte, mit ihm nichts mehr zu tun haben zu wollen, ist eine tragische Facette in dieser schwierigen Beziehung. 
Tragisch für den jungen Walter ist auch, dass er zufällig dem damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer begegnete und dieser ein offenes Ohr für ihn hatte. Eine großartige und bewegende Erfahrung, dass da jemand, der so viel älter war, auf Augenhöhe mit ihm sprach. Doch kurz darauf wurde Schleyer von der RAF entführt und ermordet.

Das Verhältnis zwischen Helmut und Walter Kohl ist eine Geschichte der Entfremdung und des stetigen gegenseitigen Unverständnisses. Helmut Kohl schaffte es 2001 nicht einmal, selbst zum Telefonhörer zu greifen und seinem Sohn die traurige Nachricht vom Selbstmord der Mutter mitzuteilen. Statt dessen übernahm Kohls Büroleiterin Juliane Weber diese sehr persönliche Aufgabe. 
Walter Kohl schreibt, er habe mit dem Thema "Sohn vom Kohl" abgeschlossen und losgelassen. Er schreibt auch, dass er sich auf einem guten Weg sieht. Nach allem, was in seinem Buch über den Vater und Politiker Helmut Kohl zu lesen war, bleiben auch nach der letzten Seite Zweifel.
2013 erschien Walter Kohls zweites Buch Leben, was du fühlst. Auch hier beschäftigt er sich mit der ungewöhnlichen und belastenden Familiensituation im Hause Kohl. Sie wird ihn vermutlich sein Leben lang begleiten.

Leben oder gelebt werden ist bei Integral erschienen und kostet als gebundenes Buch 18,97 Euro, als Taschenbuch, epub- oder Kindle-Ausgabe 9,99 Euro sowie auf Audio-CD 13,95 Euro.

Freitag, 26. August 2016

# 65 - Der seltsamste Roman

Ein toter Hurenbock, eine verschwundene Urne und ausufernder Verfall

 

Nach dem Lesen der letzten Seite des Romans Die hundert Brüder von Donald Antrim möchte man Jonathan Franzen sofort in seiner Einschätzung, die er im Vorwort äußert, zustimmen: "Die 100 Brüder ist vielleicht der seltsamste Roman, der je von einem Amerikaner erschienen ist." Ausgangspunkt ist das Treffen von 99 Brüdern in der sogenannten roten Bibliothek ihres verstorbenen Vaters, um gemeinsam dessen Urne zu suchen und zu überlegen, was damit geschehen soll. Bruder Nr. 100 konnte nicht kommen und spielt daher auch keine Rolle.

Ein Brudertreffen oder ein Kriegsschauplatz?

 

Die Brüder sind ein bunter Haufen und leiden unter den unterschiedlichsten und abseitigsten Befindlichkeiten oder pflegen ungewöhnliche Marotten. Wegen seiner Fortpflanzungsfreude wird der tote Vater zwar schon mal als Hurenbock bezeichnet, aber jeder der Brüder hatte Respekt vor ihm. Das Treffen findet bereits zum wiederholten Mal am selben Ort statt, um die Bestattung der Asche des gemeinsamen Erzeugers nun endlich zu planen. Es leuchtet ein, dass bei so vielen Geschwistern riesige Altersunterschiede zu erwarten sind: Der Jüngste ist 20 und der Älteste - Hiram - 93 Jahre alt. Wie es der Vater schaffen konnte, so viele Söhne zu zeugen, bleibt offen. Auch die naheliegenden Fragen, von wie vielen Müttern so eine große Nachkommenschaft geboren wurde und ob es auch Töchter gibt, bleiben unbeantwortet. Frauen spielen bis auf eine kurze Nennung eines Namens auf der zweiten Seite gar keine Rolle. Der Leser erfährt auch nicht, wo und wann sich die Zusammenkunft abspielt.

Der Anlass für das Treffen gerät schon rasch völlig in den Hintergrund, aber so etwas wie eine richtige Handlung ist nicht zu erkennen. Das, was sich an diesem Abend abspielt, wird von Doug, einem der Brüder mittleren Alters, geschildert. Er ist jedoch nicht nur passiver Beobachter, sondern greift immer wieder in das Geschehen ein. Das tut er jedoch auf so seltsame Weise, dass man nur vermuten kann, dass er unter Drogen steht. Anders lässt sich so viel Unsinn nicht erklären: Dem verletzten Arzt Maxwell klaut er aus dessen Tasche wahllos das Stethoskop, Kanülen und Fläschchen und merkt erst später, dass er nun einen stolzen Morphinvorrat mit sich herumträgt. Kein Problem: Im Laufe dieses völlig aus dem Ruder laufenden Treffens gibt es mehrere verletzte Brüder, die hilflos am Boden liegen, was aber niemanden kümmert. Doug verabreicht ihnen zu vorgerückter Stunde großzügig ein paar Morphindosen und bildet sich ein, ihnen geholfen zu haben. Zwischendurch wird er von Hiram aufgefordert, einen Strauß Blumen vom Teppich aufzuheben, aber da sein ältester Bruder so schöne Schuhe trägt und er selbst ja schon auf den Knien vor ihm ist, beschließt Doug kurzerhand, es sich auf den Füßen seines Bruders gemütlich zu machen. Keine Überraschung, dass der davon nicht begeistert ist. Ein kurzer Tritt des alten Mannes in das Gesicht seines jüngeren Bruders schafft da wieder klare Verhältnisse. Das ist nur ein Auszug aus Dougs Verhaltensrepertoire, der sich selbst für völlig normal, seine Brüder jedoch für mehrheitlich überspannt hält.

Ein Buch wie ein Floß auf einem rasch dahinströmenden Fluss

 

Es ist im Grunde nur eine klare Tendenz erkennbar: Mit dem Fortschreiten des Treffens und der Zunahme des Chaos sowie der Zahl der Verwundeten - der Begriff passt, weil manche Szenen eher einem Kriegsschauplatz als einem Brüdertreffen ähneln -  zerfällt die Bibliothek immer mehr. Während zu Beginn die Rede von undichten Fenstern und einigen Rissen in der Decke ist, werden in den Stunden bis zum Morgengrauen die Anzeichen des drohenden Kollapses immer deutlicher. So wie die Männer ihre verletzten Brüder ignorieren, ignorieren sie auch diesen Umstand. Das Verhalten der meisten Anwesenden ist nicht nur respektlos gegenüber ihren Nächsten, sondern auch im Hinblick auf den Wert, den das Inventar und die seltenen Bücher haben. Was ihnen in die Finger gerät, wird in einer Mischung aus grober Ungeschicklichkeit und Dummheit beschädigt oder zerstört. Etwa in der Mitte des Buches fasst Doug das Verhalten aller Brüder sehr treffend zusammen: "Ich! Ich! - Das scheinen alle unsere Stimmen zu rufen, als wären wir in Wirklichkeit keine Gemeinschaft, sondern ein gemeiner Pöbel, dessen einziges Interesse dem nächsten Drink, dem nächsten Maulvoll Essen gilt. Ich liebe meine Brüder, und ich hasse meine Brüder."

Der Erzähler Doug reagiert impulsgesteuert: Er nimmt sich etwas vor, aber auf dem Weg zu seinem Ziel nimmt er jemanden oder etwas anderes wahr und ändert seine Richtung und sein Verhalten. Da so eine Handlungssequenz nahtlos in die nächste übergeht, gibt es auch keine Kapitel oder auch nur Absätze: Die knapp 220 Seiten sind ein einziger Fließtext.

Mir hat die Grundidee, die hinter Die hundert Brüder steht, gut gefallen. Ich finde allerdings, dass es sich Donald Antrim zu leicht gemacht hat, alles Unklare und Unlogische so stehen zu lassen. Dies wird bei anderen Autoren gern kritisiert, bei diesem Buch jedoch von Kritikern gelobt. Es ist schwierig, diesen Roman zu beurteilen. Ich bin mir allerdings sicher, dass ich ihn kein zweites Mal lesen werde.

Die hundert Brüder ist 2016 - und damit erst 19 Jahre nach der amerikanischen Erstausgabe - im Rowohlt Taschenbuch Verlag erschienen und kostet 12,99 €, als Kindle- oder epub-Edition 10,99 €.