Ines Fox auf Abwegen
Im August 2016 habe ich hier das Buch Seezeichen 13 von Christiane Kördel vorgestellt, heute wird es um die Fortsetzung Seeblick kostet extra gehen. Die selbstständige Webdesignerin Ines Fox bleibt ihrem Verhalten, ihre Nase in fremde Angelegenheiten zu stecken und sich damit selbst in Bedrängnis zu bringen, auch dieses Mal treu. Der Psychopath Roger Merian aus dem ersten Band wird vom Gericht wider Erwarten frei gesprochen, womit für Ines Fox erneut unruhige Zeiten anbrechen. Schon wenige Stunden nach dem Richterspruch wird die Leiche von Kriminalhauptkommissar Schroff gefunden, der im Verdacht stand, korrupt zu sein und deshalb suspendiert worden war. Die Ermittlungen ergeben, dass jemand sein plötzliches Ableben mit einem Gift beschleunigt hat. Schroffs Kollege Arthur von Leisfall erfährt von dessen Witwe, dass Roger Merian kurz vor dem Tod Schroffs noch bei ihm gewesen ist. Doch der streitet ab, etwas mit dem Mord zu tun zu haben.
Eine alternative Methode, Kriminalfälle zu lösen
Ines leidet immer stärker unter plötzlich einsetzenden Echtträumen. Wenn sie passieren, löst sie sich mental aus ihrem Körper und findet sich in luftiger Höhe und für die meisten Menschen unsichtbar über ihr bekannten Personen wieder. Doch was auf den ersten Blick ganz praktisch erscheint, hat für sie ernste körperliche Folgen: Immer, wenn sie in ihren Körper zurückkehrt, spürte sie eine tiefe Kälte in sich, die bis in die letzte Zelle eingedrungen zu sein scheint und zu einer massiven Unterkühlung führt. Diesem Phänomen, das sich für Ines immer bedrohlicher anfühlt, ist ihr Freund, der Pathologe Dr. Frieder, auf der Spur. Doch nicht nur die unvorhersehbaren Echtträume machen ihr das Leben schwer: Sie wird verfolgt, und jemand hat das Wahrzeichen von Konstanz, die Imperia, verschandelt und mit einem Fluch versehen, der sich gegen die Stadt und Ines Fox richtet. Als unmittelbar danach Falschmeldungen in Umlauf gebracht werden, die zur Folge haben, dass Konstanz in einem nie dagewesenen Verkehrschaos versinkt und das öffentliche Leben zum Stillstand kommt, werden Forderungen laut, dass Ines Fox die Stadt verlassen soll. Wie, um das zu unterstreichen, wird ihre Wohnung von Unbekannten zu Kleinholz verarbeitet. Freund und Ex-Freund stehen ihr jedoch immer wieder hilfreich zur Seite und tragen dazu bei, dass die junge Frau wegen ihrer Neigung zu spontanen und unüberlegten Handlungen nicht noch mehr in Gefahr gerät.
Wie war's?
Wer Seezeichen 13 mochte, dem wird auch Seeblick kostet extra gefallen. Das Buch ist locker und humorvoll geschrieben und eine sehr gute Unterhaltungslektüre. Es ist kein Muss, den ersten Teil der Serie gelesen zu haben, trägt aber bei mancher Szene zum Verständnis bei. Wie Christiane Kördel in ihrem zweiten Epilog andeutet, wird es eine weitere Fortsetzung geben. Wir dürfen also gespannt sein, wie es mit Ines Fox und ihren unfreiwilligen Ermittlungen weitergeht.
Seeblick kostet extra ist bei Books on Demand erschienen und kostet als Taschenbuch 11,99 Euro sowie als Kindle-Edition 2,99 Euro.
Ein toter Hurenbock, eine verschwundene Urne und ausufernder Verfall
Nach dem Lesen der letzten Seite des Romans Die hundert Brüder von Donald Antrim möchte man Jonathan Franzen sofort in seiner Einschätzung, die er im Vorwort äußert, zustimmen: "Die 100 Brüder ist vielleicht der seltsamste Roman, der je von einem Amerikaner erschienen ist." Ausgangspunkt ist das Treffen von 99 Brüdern in der sogenannten roten Bibliothek ihres verstorbenen Vaters, um gemeinsam dessen Urne zu suchen und zu überlegen, was damit geschehen soll. Bruder Nr. 100 konnte nicht kommen und spielt daher auch keine Rolle.
Ein Brudertreffen oder ein Kriegsschauplatz?
Die Brüder sind ein bunter Haufen und leiden unter den unterschiedlichsten und abseitigsten Befindlichkeiten oder pflegen ungewöhnliche Marotten. Wegen seiner Fortpflanzungsfreude wird der tote Vater zwar schon mal als Hurenbock bezeichnet, aber jeder der Brüder hatte Respekt vor ihm. Das Treffen findet bereits zum wiederholten Mal am selben Ort statt, um die Bestattung der Asche des gemeinsamen Erzeugers nun endlich zu planen. Es leuchtet ein, dass bei so vielen Geschwistern riesige Altersunterschiede zu erwarten sind: Der Jüngste ist 20 und der Älteste - Hiram - 93 Jahre alt. Wie es der Vater schaffen konnte, so viele Söhne zu zeugen, bleibt offen. Auch die naheliegenden Fragen, von wie vielen Müttern so eine große Nachkommenschaft geboren wurde und ob es auch Töchter gibt, bleiben unbeantwortet. Frauen spielen bis auf eine kurze Nennung eines Namens auf der zweiten Seite gar keine Rolle. Der Leser erfährt auch nicht, wo und wann sich die Zusammenkunft abspielt.
Der Anlass für das Treffen gerät schon rasch völlig in den Hintergrund, aber so etwas wie eine richtige Handlung ist nicht zu erkennen. Das, was sich an diesem Abend abspielt, wird von Doug, einem der Brüder mittleren Alters, geschildert. Er ist jedoch nicht nur passiver Beobachter, sondern greift immer wieder in das Geschehen ein. Das tut er jedoch auf so seltsame Weise, dass man nur vermuten kann, dass er unter Drogen steht. Anders lässt sich so viel Unsinn nicht erklären: Dem verletzten Arzt Maxwell klaut er aus dessen Tasche wahllos das Stethoskop, Kanülen und Fläschchen und merkt erst später, dass er nun einen stolzen Morphinvorrat mit sich herumträgt. Kein Problem: Im Laufe dieses völlig aus dem Ruder laufenden Treffens gibt es mehrere verletzte Brüder, die hilflos am Boden liegen, was aber niemanden kümmert. Doug verabreicht ihnen zu vorgerückter Stunde großzügig ein paar Morphindosen und bildet sich ein, ihnen geholfen zu haben. Zwischendurch wird er von Hiram aufgefordert, einen Strauß Blumen vom Teppich aufzuheben, aber da sein ältester Bruder so schöne Schuhe trägt und er selbst ja schon auf den Knien vor ihm ist, beschließt Doug kurzerhand, es sich auf den Füßen seines Bruders gemütlich zu machen. Keine Überraschung, dass der davon nicht begeistert ist. Ein kurzer Tritt des alten Mannes in das Gesicht seines jüngeren Bruders schafft da wieder klare Verhältnisse. Das ist nur ein Auszug aus Dougs Verhaltensrepertoire, der sich selbst für völlig normal, seine Brüder jedoch für mehrheitlich überspannt hält.
Ein Buch wie ein Floß auf einem rasch dahinströmenden Fluss
Es ist im Grunde nur eine klare Tendenz erkennbar: Mit dem Fortschreiten des Treffens und der Zunahme des Chaos sowie der Zahl der Verwundeten - der Begriff passt, weil manche Szenen eher einem Kriegsschauplatz als einem Brüdertreffen ähneln - zerfällt die Bibliothek immer mehr. Während zu Beginn die Rede von undichten Fenstern und einigen Rissen in der Decke ist, werden in den Stunden bis zum Morgengrauen die Anzeichen des drohenden Kollapses immer deutlicher. So wie die Männer ihre verletzten Brüder ignorieren, ignorieren sie auch diesen Umstand. Das Verhalten der meisten Anwesenden ist nicht nur respektlos gegenüber ihren Nächsten, sondern auch im Hinblick auf den Wert, den das Inventar und die seltenen Bücher haben. Was ihnen in die Finger gerät, wird in einer Mischung aus grober Ungeschicklichkeit und Dummheit beschädigt oder zerstört. Etwa in der Mitte des Buches fasst Doug das Verhalten aller Brüder sehr treffend zusammen: "Ich! Ich! - Das scheinen alle unsere Stimmen zu rufen, als wären wir in Wirklichkeit keine Gemeinschaft, sondern ein gemeiner Pöbel, dessen einziges Interesse dem nächsten Drink, dem nächsten Maulvoll Essen gilt. Ich liebe meine Brüder, und ich hasse meine Brüder."
Der Erzähler Doug reagiert impulsgesteuert: Er nimmt sich etwas vor, aber auf dem Weg zu seinem Ziel nimmt er jemanden oder etwas anderes wahr und ändert seine Richtung und sein Verhalten. Da so eine Handlungssequenz nahtlos in die nächste übergeht, gibt es auch keine Kapitel oder auch nur Absätze: Die knapp 220 Seiten sind ein einziger Fließtext.
Mir hat die Grundidee, die hinter Die hundert Brüder steht, gut gefallen. Ich finde allerdings, dass es sich Donald Antrim zu leicht gemacht hat, alles Unklare und Unlogische so stehen zu lassen. Dies wird bei anderen Autoren gern kritisiert, bei diesem Buch jedoch von Kritikern gelobt. Es ist schwierig, diesen Roman zu beurteilen. Ich bin mir allerdings sicher, dass ich ihn kein zweites Mal lesen werde.
Die hundert Brüder ist 2016 - und damit erst 19 Jahre nach der amerikanischen Erstausgabe - im Rowohlt Taschenbuch Verlag erschienen und kostet 12,99 €, als Kindle- oder epub-Edition 10,99 €.