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Mittwoch, 15. Juli 2026

# 511 - Glaube, Liebe und Hoffnung in Brooklyn

Es ist die Nacht vom 16. auf den 17. August 1986.
Risas Mann Sav kommt volltrunken nach Hause und bedroht seine Frau vor dem gemeinsamen Baby mit einer Pistole. Sav ist als Ehemann und Vater ein Totalausfall: Seine Sprache ist die Gewalt, und er wird immer wieder kriminell. In dieser Nacht hat er einen Laden überfallen und will sich mit seinem Anteil der Beute und seiner Geliebten aus dem Staub machen.

Im Suff verliert er wie so oft die Kontrolle über sich. Risas Schwester Giulia hat die Pistole vor ihrem Schwager versteckt, um eine weitere Eskalation zu verhindern, und Sav würgt sie, um buchstäblich aus ihr herauszupressen, wohin sie die Waffe gelegt hat. Im Affekt schlägt ihm Risa eine gusseiserne Pfanne auf den Kopf, und Sav prallt mit dem Kopf auf der Tischkante auf. Ist er sofort tot oder hätte er gerettet werden können? Diese Frage bleibt unbeantwortet, weil die Schwestern nicht wagen, einen Krankenwagen zu rufen. Der Schlag sowie Risas und Giulias Untätigkeit danach lösen eine Kette von Ereignissen aus, die bis in den Sommer 2004 Wellen schlagen und sich nicht nur auf sie beschränken. Sowohl die Schwestern als auch ein guter Freund, der ihnen hilft, Savs Leiche zu beseitigen, unterschätzen den Wunsch von fast allen Menschen, die eigenen familiären Wurzeln zu kennen und zu erfahren, was sie mit ihren Eltern gemeinsam haben - oder auch nicht. Die Drei schwören einander, für immer über die Umstände von Savs Verschwinden zu schweigen, werden aber in den folgenden fast zwanzig Jahren auf mehrere Proben gestellt.

William Boyle siedelt seinen Krimi Heilige der Narrows Street in Gravesend, einem italienisch-kleinbürgerlichen Arbeiterviertel von Brooklyn, an. Die Menschen sind katholisch und leben eine Art der Frömmigkeit, die eher be- als entlastend wirkt. Das spiegelt sich sogar in dem Namen der örtlichen Kirche wider: Our Lady of Perpetual Surrender (Unsere Liebe Frau der immerwährenden Hingabe) birgt keine große Hoffnung. Unter den Nachbarn gibt es eine ausgeprägte Sozialkontrolle und einen großen, gemeinsamen Traum: So gut wie jede(r) möchte das Viertel verlassen, um ein besseres Leben zu führen. Die Frustration darüber, dass das kaum jemandem gelingt, ist groß und treibt viele in die Kriminalität. Gewalt ist nicht die Ausnahme, sondern Teil des Alltags.

Boyle kennt all das sehr gut, denn er ist selbst in der Nachbarschaft von Gravesend aufgewachsen. Er zeichnet jede Figur authentisch und glaubwürdig, hat aber für Saint of the Narrows Street, wie sein Buch im Original heißt, auf ein klassisches Krimiformat verzichtet. Es gibt kein eindeutiges Gut und Böse, wie man es von den meisten Krimis gewohnt ist: Der verkommene Unsympath Sev kommt durch die Affekttat seiner Frau ums Leben, die immer nur versucht, alles richtig zu machen. Das Mitleid mit dem Toten fällt gering aus.

Lesen?

William Boyle hat ein Buch geschrieben, das durch die Verkettung vieler spannender Einzelszenen von generationsübergreifenden Traumata und Konflikten sowie einer Religiosität, die an der Wirklichkeit zerschellt ist, erzählt. Es gibt keinen Spannungsbogen, sondern ein ständiges Auf und Ab, das dieses Werk zu einem Pageturner macht. 

Heilige der Narrows Street wurde 2026 im Polar Verlag veröffentlicht und kostet als gebundenes Buch 26 Euro sowie als E-Book 21,99 Euro.

Freitag, 24. April 2026

# 503 - Mallorca in der "schönsten" Zeit des Jahres

Till Raether ist als Sachbuchautor und Verfasser der bislang siebenteiligen Krimi-Reihe um Kommissar Adam Danowski bekannt. Mit Meeresdunkel 
veröffentlicht er seinen ersten Thriller.

Raether siedelt die Handlung auf Mallorca an. Die Cala Santanyi im Südosten der Insel ist klein, aber malerisch und bei Touristen beliebt. An ihrem Ufer reihen sich Apartmentanlagen, Hotels und auch Privathäuser aneinander. Auch das Haus, in dem sich der Großteil der Handlung abspielt.

In den Herbstferien, wenn es in Deutschland schon kühl ist, lässt sich der Sommer auf Mallorca gut verlängern. Das denken sich auch zwei Hamburger Familien. Jede von ihnen bucht unabhängig voneinander für eine Woche ein etwas abgerocktes Ferienhaus, das es dafür zu einem Spottpreis gibt. Der Haken: Vor Ort stellt sich heraus, dass die Unterkunft doppelt vergeben wurde. An einen Umzug ist nicht zu denken: Mallorca ist ausgebucht.

Die fünf Erwachsenen und drei Kinder arrangieren sich mit der ungewohnten Situation. Alles, was während des Urlaubs passiert, wird aus der Sicht des 8-jährigen Juri, seines Vaters Samuel sowie der Mutter der zweiten Familie, Henrike, erzählt. Man erfährt, dass es in den Ehen kriselt und erlebt mit, dass durch die Selbstüberschätzung des einen Vaters beinahe eine Katastrophe passiert, bei der es Tote hätte geben können. 

Bis zu diesem Zeitpunkt - etwa der Hälfte des Buches - ist die Atmosphäre vergleichsweise entspannt. Doch der Vorfall reißt die ersten Gräben auf. Der Urlaub ist jetzt bereits verpfuscht, aber es kommt noch dicker: Im Haus liegt Henrikes Bruder ermordet auf dem Tisch. Wer ist dafür verantwortlich und aus welchem Grund? Die Polizei zu holen, ist keine Option: Über Mallorca bricht ein schweres Unwetter herein, das es Polizei und Rettungskräften unmöglich macht, jedem Notruf nachzugehen - sofern überhaupt Notrufe abgesetzt werden können, denn auch Telefon- und Internetverbindungen sind unterbrochen. Die Gruppe muss einen Weg finden, mit der Situation zurechtzukommen und ahnt noch nicht, dass sich ein alter Mann auf dem Dachboden versteckt hat. Was hat er in diesem Haus zu suchen?

Lesen?

Meeresdunkel ist interessant geschrieben, für einen Thriller fehlt aber eine Portion Thrill. Raether rollt eine Familiengeschichte auf, von der die meisten Hausbewohnerinnen und -bewohner bis zu diesem Urlaub nichts geahnt haben. Nach und nach wird klar, dass ihr Zusammentreffen kein Zufall gewesen ist.

Aber nicht alles an der Handlung ist überzeugend. Dazu gehören die charakterlichen Beschreibungen einiger Personen sowie ihre manchmal nicht nachvollziehbaren Reaktionen. Das Ende ist überraschend, von einem großen Zufall bestimmt und macht den Eindruck, als wollte Raether eine Fortsetzung vorbereiten.

Meeresdunkel ist 2026 im Rowohlt Verlag erschienen und kostet 18 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro.

Freitag, 20. März 2026

# 499 - Sörensen stellt sich seinen Ängsten

2015 hat Sven Stricker seinen 
Kriminalhauptkommissar Sörensen in Sörensen hat Angst von Hamburg in das entlegene nordfriesische Katenbüll geschickt - auf dessen ausdrücklichen Wunsch, weil der Polizist hoffte, dort seine Angststörung in den Griff zu bekommen.

Elf Jahre und fünf Bände später ist Sörensen in Sörensen geht aufs Haus immer noch an Ort und Stelle. Gegen seine Angststörung kämpft er weiterhin an, aber er gehört nun gewissermaßen zum Inventar des kleinen Ortes, der an jeder Ecke norddeutsches Flair atmet. Inklusive des beständigen Regenwetters.

Sörensens gleichförmiges und nur von kuriosen Mordermittlungen unterbrochenes Leben nimmt in Strickers neuestem Roman einige unerwartete Wendungen, auf die die Hauptfigur sicher gern verzichtet hätte. Es geht um die Liebe und Sörensens verkorksten Umgang damit, um den Wert und die Beständigkeit von Freundschaft und die Erkenntnis, dass man auch denen, die man in- und auswendig zu kennen glaubt, nur bis vor die Stirn gucken kann.

Sven Stricker öffnet hin und wieder eine Tür, durch die man in Sörensens Vergangenheit blickt. Das, was man da über seine Kindheit und Jugend erfährt, taugt dazu, seine psychischen Probleme zu verstehen. Umso bemerkenswerter ist es, dass er seinen an Krebs erkrankten Vater, von dem er sich völlig entfremdet hatte, nun in sein Häuschen am Deich aufnimmt und so gut es geht versucht, die Pflege des alten Mannes und die Polizeiarbeit unter einen Hut zu bekommen.

Ach ja, ermittelt wird natürlich auch. Vor zwei Jahren ist die Schülerin Mia nach einer Party nicht nach Hause gekommen. Zeugenaufrufe und Suchaktionen verliefen erfolglos. Die Ungewissheit über das Schicksal ihrer Tochter hat die Ehe von Mias Eltern scheitern lassen. Doch dann wird ein Fund menschlicher Knochen in Katenbüll gemeldet - ausgerechnet im Garten von Sörensens Schulfreund, der mit seinem Bruder an einer App arbeitet, die die Welt retten soll. Stammen die Knochen von Mia oder steckt etwas ganz anderes dahinter?

Seitdem sich Sörensen in Katenbüll aufhält, reißen die mysteriösen Todesfälle dort nicht ab. Schon kurz nach dem Knochenfund wird eben jener Bruder seines früheren Freundes von einem Zug überrollt. War es ein Unfall oder hat jemand nachgeholfen? Gibt es vielleicht sogar einen Zusammenhang zwischen den Ereignissen? Sörensen wird es mit seinen besonderen Methoden, die entfernt an die des legendären Kommissars Columbo aus der gleichnamigen TV-Serie erinnern, herausfinden.

Lesen?

Das Hörbuch wird wie seine Vorgänger vom Autor gelesen. Dazu kann man nur sagen: Besser wird's nicht. Sven Stricker gibt jeder Figur eine eigene Stimme und intoniert die wörtliche Rede so, dass man insbesondere Bjarne Mädel, der in den bisherigen beiden Sörensen-Filmen den Polizisten verkörpert, direkt vor sich sieht. Wie schon in den ersten fünf Büchern geistert auch durch Sörensen geht aufs Haus die Frage: Wie heißt der Ermittler eigentlich mit Vornamen? 

Das Hörbuch Sörensen geht aufs Haus ist 2026 bei Audio-To-Go erschienen und kostet als Download 18,29 €. Wer den Krimi lieber lesen möchte: Das Taschenbuch und das E-Book wurden im Rowohlt Verlag veröffentlicht.

Sonntag, 28. Dezember 2025

# 495 - Seltsame Bilder - Ein Krimi aus Japan

Uketsu ist in Japan durch YouTube-Videos und Romane bekannt geworden und verschleiert die eigene Identität: Viele Medien schreiben und sprechen von Uketsu in der männlichen Form, doch das Tragen von Maske und schwarzem Ganzkörperanzug sowie das Verwenden eines Stimmverzerrers lassen keine wirklichen Rückschlüsse zu.

So mysteriös wie die Person ist auch Uketsus erster ins Deutsche übersetzte Roman Seltsame Bilder. Zwei Studenten, beide Mitglieder in einem Okkultismus-Club, tauschen sich über einen Blog aus, der schon eine ganze Weile nicht mehr aktiv ist. Der Blog gehört einem Mann, der zunächst von seiner Ehe, der Schwangerschaft seiner Frau und seinem Alltag erzählt. Doch es gibt offenbar Komplikationen. Der werdenden Mutter geht es mehrmals schlecht. In den besseren Phasen zeichnet sie Bilder, die ihr Mann als Ausdruck ihrer Freude über das bevorstehende Leben als kleine Familie deutet. Ein Irrtum, wie sich später herausstellen soll. Die Frau wird die Geburt ihres Kindes nicht überleben. Die Studenten lesen den letzten Eintrag des Bloggers, in dem dieser davon spricht, die Geheimnisse der Bilder entschlüsselt zu haben. Die Zeilen sind düster und geheimnisvoll.

Uketsu verzichtet auf eine chronologische Darstellung der Ereignisse, die sich über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten erstrecken und beginnen, als der unbekannte Blogger noch gar nicht geboren war. Damals erschlug ein Mädchen seine Mutter, als die seinen kleinen Vogel erdrosseln wollte. Aber dieser Mord wird nicht der einzige bleiben: Viele Jahre später wird ein Kunstlehrer auf einer Wanderung brutal ermordet. Man findet bei dem Toten eine ungelenke Zeichnung, die das Bergpanorama am Tatort zeigt. Die Polizei misst diesem Fund keine große Bedeutung bei. Nach einiger Zeit werden die Ermittlungen eingestellt.

Doch da ist der junge Mann, der in der Verwaltung einer Tageszeitung arbeitet. Er sieht sich als künftigen Investigativjournalisten und wird von einem früheren Reporter unterstützt. Doch ist das nicht völlig überflüssig, da ein Freund des Toten den Mord bereits gestanden hat? Die Schuld hat diesen Mann so sehr belastet, dass er anschließend Suizid begangen hat. Die Idee des jungen Zeitungsmitarbeiters, sich buchstäblich auf die Spuren des getöteten Kunstlehrers zu begeben, endet tödlich. Auch bei ihm wird eine dilettantisch gezeichnete Ansicht der Bergkette, die man vom Tatort aus sieht, gefunden. Es liegt nahe, dass es einen Zusammenhang zum früheren Mord geben muss. 

Es treten nach und nach weitere Personen in die Handlung ein, die mit ihren Abgründen zunächst für sich zu stehen scheinen. Das, was lange zusammenhanglos erscheint, verdichtet sich später zu einem Netz von Menschen.

Lesen?

In Seltsame Bilder fügt Uketsu Text, Zeichnungen und Abbildungen mit japanischen Schriftzeichen zu einem Ganzen zusammen. Dabei werden viele Informationen über kulturelle Eigenheiten in Japan vermittelt. Ehre und Verantwortung spielen eine große Rolle und führen bis zur Verleugnung der eigenen Bedürfnisse. Kritische Bemerkungen werden nur vorsichtig formuliert; für Missverständnisse oder Fehler ist der Einzelne bereit, die Verantwortung zu übernehmen.

Über der Handlung liegt fast durchgehend ein atmosphärischer Grauschleier, das Unheil durchzieht das ganze Buch. Doch den Anspruch vieler Krimiautoren, die Leserinnen und Leser selbst kombinieren zu lassen, hat Uketsu offenbar nicht: Alles, was passiert, wird erklärt. Viele wichtige Details wirken allerdings unwahrscheinlich und konstruiert. Dazu gehören zum Beispiel auch die Bergzeichnungen der beiden ermordeten Männer. Logik ist an dieser Stelle nicht so wichtig.

Etwas redundant wird es, wenn bereits erläuterte Zusammenhänge noch einmal in Tabellen zusammengefasst werden. Dazu passt die einfache Sprache, die einerseits sehr schlicht ist, jedoch zur rätselhaften Atmosphäre beiträgt.

Für diejenigen, die nicht Japanisch schreiben können, erschließen sich leider die Abschnitte nicht, in denen es um sprachliche Auffälligkeiten geht. Hier wäre beispielsweise eine genauere Erläuterung im Anhang schön gewesen.

Alles in allem ist Seltsame Bilder mit Abstrichen ein empfehlenswertes Buch.

Seltsame Bilder erschien 2022 in der japanischen Originalausgabe und wurde 2025 in der deutschen Übersetzung vom Verlag Bastei Lübbe herausgebracht. Es kostet gebunden 24 Euro sowie als E-Book 6,99 Euro.


Dienstag, 12. August 2025

# 485 - Tod, Liebe - Mallorca

Es fällt fast gar nicht auf, dass ich ein Fan von 
Mallorca bin. In meiner Bücherkiste habe ich bislang fünf Titel vorgestellt, die mit der Baleareninsel in Verbindung stehen (siehe unten). Klar, dass ich Das Teufelshorn von Anna Nicholas lesen musste. Nicholas ist Britin, lebt aber schon viele Jahre auf Mallorca.

Dort hat sie nun den ersten Band ihrer Cosy-Crime-Reihe um die ehemalige Polizistin Isabel Flores Montserrat angesiedelt. Isabel ist Anfang 30, Single, in ihrem fiktiven Heimatdorf Sant Martí beliebt und hat vor zwei Jahren den Polizeidienst in Palma gegen die Arbeit in der Vermittlungsagentur für Ferienwohnungen ihrer Mutter getauscht. Dort wird sie von Pep, dem Bruder ihrer besten Freundin, unterstützt. Seitdem Isabel sich um die Agentur kümmert, hat diese sich zu einem lukrativen Unternehmen entwickelt. Insgeheim trauert sie der Polizeiarbeit jedoch ein bisschen nach.

Doch dann passiert am Montag, dem 20. August um 14 Uhr etwas Schreckliches: Die achtjährige Britin Miranda Walters verschwindet unbemerkt am Strand von Pollença, als ihre Mutter einen kurzen Moment abgelenkt ist. Es gibt keine Anhaltspunkte, ob es sich um einen Unfall oder ein Verbrechen handeln könnte. Aber die Lokalpolitik ist sich einig: Der Fall muss so rasch wie möglich aufgeklärt werden, um schlechte Presse zu vermeiden. Isabels Ex-Chef in Palma, Hauptkommissar Tolo Calbot, bittet seine frühere Kollegin noch am selben Tag um ihre Hilfe.

Die Suche nach dem Kind sollte alle Alarmglocken schrillen lassen, aber wie so oft zieht ein Verbrechen ein weiteres nach sich. Mindestens. So ist es auch diesmal: Ein alter Mann, der gemeinsam mit seiner Haushälterin in seiner Finca lebt, wird grausam ermordet aufgefunden. Die ebenfalls betagte Angestellte wurde von den Tätern an einen Stuhl gefesselt. Beide stammen ursprünglich aus Kolumbien. Der Senior ist dem örtlichen Pater wegen seiner Frömmigkeit bekannt, auch die Haushälterin ist eine eifrige Kirchgängerin. Ansonsten lebten die beiden alten Leute sozial isoliert. Wer hatte einen Grund, diesen Mord zu verüben? Auch für diesen Fall wird Isabel von der Polizei um Unterstützung gebeten.

Und dann ist da noch das mysteriöse Kokain in einer Meereshöhle, das vermutlich von Drogenschmugglern dort versteckt wurde. 
Als ob das nicht reichen würde, kommt noch eine dem Okkultismus anhängende Bruderschaft hinzu, die vor langer Zeit vom Drogenbaron Pablo Escobar gegründet wurde. Hier kommt der Buchtitel ins Spiel: Das Geheimzeichen dieser Bruderschaft ist ein Teufelshorn gewesen.

Lesen?

Das Teufelshorn ist genau das Richtige für einen entspannten Sommertag auf Mallorca oder anderswo. Der Roman ist leichte Lektüre, die man genießen kann, wenn man die Dinge nicht so eng sieht. Ich finde allerdings, dass der Respekt vor den Leserinnen und Lesern beinhaltet, ihnen keine falschen Informationen anzubieten. Einige Beispiele, über die ich in diesem Buch gestolpert bin: 

Wer Mallorca kennt, weiß, dass Pollença keinen Strand hat, sondern man nach Port de Pollença fahren muss, um das Meer zu genießen. 
Nicholas beschreibt das Innere einer Höhle im Westen Mallorcas, in der Jahre zuvor die Knochen von Tausenden von Höhlenziegen gefunden worden waren. In diesem Zusammenhang spricht sie von einem "Elfenbeinberg", der ein Geschenk für Paläontologen war. Als Elfenbein werden die Stoßzähne von Elefanten oder Mammuts, manchmal auch die Eck- oder Stoßzähne einiger Säugetiere wie zum Beispiel Pott- oder Narwale bezeichnet. Kein Teil einer Ziege ist als Elfenbein bekannt.
Die toxikologische Untersuchung des ermordeten alten Mannes ergibt, dass er mit einer Substanz vergiftet wurde, "die als Burundanga bekannt ist. Das Pulver wird aus einem Nachtschattengewächs hergestellt, das in Kolumbien verbreitet ist. Wohlgemerkt, es wächst auch hier auf Mallorca." Doch diese Nachricht des Rechtsmediziners überrascht Isabel nicht: "Ich kenne Burundanga. [...] Enthält Scopolamin." Das geht knapp an den Tatsachen vorbei: Burundanga ist die in kriminellen Kreisen verwendete Bezeichnung für Scopolamin. Scopolamin ist Burundanga und nicht ein Teil davon. Für seine Herstellung kommen viele Nachtschattengewächse infrage und nicht nur eines. Einige davon (z. B. Engelstrompete, Stechapfel, Bilsenkraut) gibt es auf Mallorca, aber auch in den meisten anderen Teilen der Erde. 
Diese und weitere Ungenauigkeiten können als dramaturgische Kniffe bewertet werden, haben mich allerdings gestört. 

Irritierend ist auch Isabels Cleverness als Alleinstellungsmerkmal unter allen mit den Fällen befassten Personen. Sie lässt ihre früheren Kontakte spielen (hat ihr Ex-Chef keine?), hat immer den richtigen Riecher und ist einfach unverzichtbar. Man will nicht wissen, wie die mallorquinischen Polizeibehörden zurechtkommen, wenn sich Isabel eines Tages entschließt, sich nur noch um die Agentur zu kümmern. 

Die Handlung ist abseits des kriminellen Anteils in eine Atmosphäre voller Harmonie und Zuneigung eingebettet. Außer von den Bösen fällt keine hässliche Bemerkung, niemand ist ungeduldig. Die Beschreibung von Mallorcas Schönheit vervollständigt die Idylle. Zum Schluss warten noch ein Liebes-Cliffhanger und die Auflösung des Rätsels um das Verschwinden von Isabels Onkel auf die Leserinnen und Leser des zweiten Bands.

Das Teufelshorn ist 2025 im Diogenes Verlag erschienen und kostet 18 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro.

Nachtrag
Wie oben angekündigt zeige ich euch, welche Bücher über Mallorca sich außerdem in meiner Bücherkiste tummeln:

Freitag, 11. Juli 2025

# 480 - Ein tödliches Testament

Der bekannte und wohlhabende Seidenfabrikant Sahei Inugami hat sowohl sein Unternehmen als auch seine Familie streng patriarchalisch geführt. 1945 stirbt der 81-Jährige in seinem Anwesen am Nasu-See im Kreis seiner Familie. Nur sein Anwalt Kyozo Furudate ahnt, dass mit dem letzten Atemzug des alten Mannes keine guten Zeiten anbrechen. Furudates ungutes Gefühl soll sich in Der Inugami-Fluch des japanischen Krimi-Autors Seishi Yokomizo bewahrheiten. Das Buch ist der vierte Band einer Reihe um den unkonventionellen, aber erfolgreichen Privatdetektiv Kosuke Kindaichi.

Kindaichi wird von einem Mitarbeiter Furudates gebeten, unverzüglich an den Nasu-See zu kommen. Jemand hat unbefugt Inugamis Testament gelesen, der Detektiv soll nun das Schlimmste verhindern. Doch Kindaichi lernt den Mitarbeiter nicht mehr kennen, weil dieser vergiftet wird. Kindaichis Interesse ist geweckt. Mit Erlaubnis der Familie nimmt er an der Testamentseröffnung teil und erlebt hautnah das Entsetzen der Angehörigen: Das Testament des Verstorbenen sieht vor, dass nicht etwa Inugamis drei Töchter oder seine Enkelkinder bedacht werden sollen, sondern die junge und sehr schöne Tamayo Nonomiya das Vermögen erbt. Tamayo ist allerdings kein Familienmitglied, sondern die Enkelin eines Priesters. Dieser kümmerte sich um den damals 17-jährigen Waisen Inugami und hat ihn sein ganzes Leben lang unterstützt.

Tamayos Erbschaft ist jedoch an eine Bedingung geknüpft: Sie muss innerhalb von drei Monaten einen der Enkelsöhne heiraten. Tut sie es nicht, verfällt ihr Anspruch. Als Nacherbe hat Inugami einen unehelichen Sohn benannt, der seit langer Zeit als verschollen gilt und von der Familie totgeschwiegen wird. Die Erbkonstellation setzt eine Mordserie in Gang, bei der die Toten in bizarren Situationen aufgefunden werden.

Privatermittler Kindaichi findet sich bei seinen Nachforschungen in einem Geflecht von Intrigen, Lügen, heimlichen Liebschaften und enttäuschten Hoffnungen wieder, das er entwirren muss, um herauszufinden, wer für die Morde verantwortlich ist.

Lesen?

Vor mehr als zwei Jahren habe ich hier den ersten Band der 77-teiligen Krimiserie um den Detektiv Kosuke Kindaichi Die rätselhaften Honjin-Morde  vorgestellt. Der Autor Seishi Yokomizo ist bereits seit über vierzig Jahren verstorben, seine Bücher sind in Japan jedoch noch immer populär. Sie bieten einen Einblick in frühere Gepflogenheiten des Landes, an die sich heute nur wenige Menschen erinnern. Bei Yokomizo wird nicht nur gemordet, um jemanden aus dem Weg zu schaffen; es wird gemordet, um mit viel Symbolik und Anspielungen auf Landes- oder Familientraditionen Botschaften zu vermitteln. Das trägt wesentlich zur etwas mystischen Atmosphäre des Krimis bei.

Unübersehbar ist die Beurteilung von Frauen: Yokomizos männliche Figuren beurteilen ihren Wert vor allem nach ihrem Aussehen und ihrer Zugewandtheit. Es wird deutlich, dass Frauen unterhalb von Männern stehen. Diese Sichtweise besteht in der japanischen Gesellschaft seit dem 6. Jahrhundert, als der Konfuzianismus begann, sich im Land auszubreiten. Der Inugami-Fluch ist also nicht nur die Geschichte eines Kriminalfalls, sondern auch ein Blick in eine uns fremde Kultur in einer zurückliegenden Zeit.

Der Inugami-Fluch wurde 1951 im japanischen Original erstmals unter dem Titel Die Familie Inugami veröffentlicht. Der von Ursula Gräfe ins Deutsche übersetzte Krimi erschien 2025 bei Blumenbar, einem Imprint des Aufbau-Verlags. Das Buch (Hardcover) kostet 24 Euro, als E-Book 14,99 Euro.

Freitag, 20. Juni 2025

# 478 - Wo der Rio Grande eine Schleife zieht: ein Drogenkrieg an der mexikanisch-texanischen Grenze

Es gibt in J. Todd Scotts Krimi Diese Seite der
Nacht
 Szenen, die von so viel Rücksichtslosigkeit, Brutalität und Gewalt erzählen, dass man hofft, dass sie in der realen Welt nicht passieren. Doch beim Blick auf die Lebensdaten des Autors kommt man in der Wirklichkeit an: Scott war mehr als zwanzig Jahre DEA-Agent. Die DEA ist die US-amerikanische Behörde, die für die Bekämpfung des Drogenhandels zuständig ist. 

2014 wird im mexikanischen Igualpa ein Bus mit Lehramtsstudenten, die sich auf dem Weg zu einer Demonstration in Mexiko-Stadt befinden, von Polizisten gestoppt. Die Studenten werden von ihnen an Kriminelle der 'Guerreros Unidos', einem bewaffneten Arm eines Drogenkartells, übergeben. Einige werden noch an Ort und Stelle ermordet, die Mehrzahl von über vierzig jungen Frauen und Männern wird verschleppt. Viele werden kurze Zeit später in einem Massengrab gefunden, einige sind bis heute vermisst.

Scott hat dieses Ereignis als Einstieg in die Handlung gewählt, es aber in die Nähe der mexikanischen Kleinstadt Ojinaga verlegt. Der Ort liegt direkt am Rio Grande, dem Grenzfluss zwischen Mexiko und den USA, und gegenüber des Big Bend Nationalparks in Texas. Für die Ermordung und Entführung der Studenten ist das Nemesio-Kartell verantwortlich, an dessen Spitze Fox Uno steht.

In der Kleinstadt Murfee mitten im Big Bend County hat Sheriff Chris Cherry das Sagen. Cherry wird auf das kriminelle Treiben in der Grenzregion aufmerksam, als sein Deputy Danny Ford fünf im Rio Grande treibende männliche Leichen findet. Er vermutet den äußerst brutalen und grausamen Bandenchef hinter den Morden und findet sich unversehens inmitten eines Konflikts zwischen zwei Drogenkartellen wieder, die einen durch den Überfall auf die Studenten ausgelösten Bandenkrieg auch in seinem County ausfechten. 

Doch auch Fox Uno hat ein Problem: Er registriert, dass die Zahl seiner Männer, auf die er sich verlassen kann, geschrumpft ist. Es wird offensichtlich, dass am Ast seiner Macht gesägt und er von Auftragsmördern verfolgt wird. Um die Vorherrschaft des Kartells kämpfen sein eigener Sohn und ein anderes Kartell. Fox Uno muss fliehen und taucht plötzlich in Murfee auf - ausgerechnet bei seiner Nichte Deputy América Reynosa, die bereits früher im Verdacht stand, Kontakt zu mexikanischen Kriminellen zu haben. Fox Uno erhofft sich von ihr Sicherheit, wenn nicht sogar Freiheit. Insbesondere der DEA-Agent Joe Garrison traut der jungen Frau aus Cherrys Team wegen ihrer Herkunft nicht über den Weg. Er ist sogar gegenüber Sheriff Cherry misstrauisch und vermutet ihn auf einer Gehaltsliste der mexikanischen Drogenmafia.

Joe Garrison und Chris Cherry sind sich darin einig, dass die Auftragskiller von amerikanischen Polizeibeamten unterstützt werden. Sie ahnen noch nicht, wie nah ihnen die Verräter sind. 

Lesen?

Schon in den ersten beiden Bänden um Sheriff Chris Cherry hat J. Todd Scott sein Talent zum spannungsreichen Schreiben bewiesen. Diese Seite der Nacht erfüllt die Erwartungen voll und ganz. 

Die Handlung des Krimis läuft auf einen extrem bleihaltigen Showdown zu, in den die Leserinnen und Leser förmlich hineingezogen werden. Hier macht sich Scotts Expertise als ehemaliger Bundesagent bezahlt.

Neben diesem roten Faden erzählt Scott von Chris Sherrys privaten und dienstlichen Problemen, die den Verlauf des Buches ebenso beeinflussen wie das mexikanische Paar, das den Anschlag auf den Bus überlebt hat und sich unter haarsträubenden Umständen zur Grenze durchschlägt.

Diese Seite der Nacht ist 2005 im Polar Verlag erschienen und kostet 26 Euro. Das Original wurde 2019 unter dem Titel This Side Of Night veröffentlicht.

Nachtrag: In der Bücherkiste wurde mit Weisse Sonne vor zwei Jahren der zweite Band der Reihe vorgestellt.


Samstag, 14. September 2024

# 452 - Gelungener Mix aus Krimi und Rassismuskritik

Clay Robinette ist ein ehemaliger Journalist, der sich vor Jahren seinen Ruf als seriöser Reporter mit einigen handwerklichen "Unzulänglichkeiten" versaut hat. Doch er hat Glück: Durch günstige Umstände wird er 1989 Professor an der Arden University in Ohio, ausgerechnet im Fach Journalistik mit dem Schwerpunkt Creative Non-Fiction. Die Stelle ist zwar nicht sein Traum, aber er ist schwarz, verheiratet und hat zwei kleine Töchter. Der Uni-Job bietet ihm finanzielle Sicherheit. Das Leben der Robinettes könnte weiter vor sich hin plätschern, aber das ist in Jake Lamars Krimi Das schwarze Chamäleon selbstverständlich nicht vorgesehen.

Nur wenige Jahre später wird Reginald "Reggie" Brogus ebenfalls Professor in Arden. Reggie, die Ikone der Black Panther-Bewegung der 1960-er Jahre, dessen sogenanntes 'Manifest' Clay mit Hochachtung und Bewunderung gelesen hat. Reggie war damals fast so bedeutend wie Martin Luther King. Doch mit dem einst charismatischen Kämpfer ist etwas geschehen. Jahrelang war er von der Bildfläche verschwunden. Dann tauchte er wieder auf: ein feister Mann mit neoliberalen Ansichten, die denen von damals genau entgegengesetzt sind. Clay ist irritiert, blendet Brogus' Meinungsumschwung jedoch aus. Für ihn hat der Mann noch etwas vom damaligen Glanz eines Helden.

Februar 1992: Mitten in der Nacht klingelt Clays Telefon. Der völlig aufgelöste Brogus fleht ihn an, mit ihm in sein Büro in der Uni zu kommen. Was Clay dort sieht, schockiert ihn auf mehreren Ebenen: Auf Brogus' Bürosofa liegt eine nackte tote Frau. Um ihren Hals schlingen sich die auffällige Hosenträger des übergewichtigen Professors, mit denen sie augenscheinlich erwürgt wurde. Auf den zweiten Blick erfasst Clay, um wen es sich handelt: Jennifer Wolfshiem ist Studentin an der Uni von Arden und Clay hatte bis vor Kurzem mit ihr eine Affäre. 

Aber Brogus hat ganz eigene Sorgen: Da sich die Leiche in seinem Büro befindet, ist die Wahrscheinlichkeit, wegen Mordes verurteilt zu werden, hoch. Er faselt etwas vom FBI, das ihn verfolgt, und will nur noch eins: möglichst weit weg, und Clay soll ihm dabei helfen. Dem behagt seine Rolle als Fluchthelfer eines Mannes, der vielleicht ein Mörder ist, nicht. Doch Brogus beteuert seine Unschuld. Kann Clay ihm glauben?

Clay bringt seinen Kollegen in die Nähe des Flughafens und hofft, dabei nicht beobachtet zu werden. Ihm ist klar, dass er zu einem der Hauptverdächtigen wird, wenn die Beziehung zu Jennifer publik wird. Ein schwarzer Professor und eine weiße Studentin, die möglicherweise von ihm getötet wurde: Clay sieht bereits vor sich, wie sein bisheriges geordnetes Leben zu Staub zerfällt. Er ist wegen des gewaltsamen Todes der jungen Studentin schockiert, denkt jedoch darüber nach, wer als Täter oder Täterin infrage kommen könnte: der militante schwarze Student, der Jennifer gestalkt hat? Die exzentrische Professorin am Afrikamerika-Institut? Clays Ehefrau Penelope, die - wie auch immer - von der Affäre Wind bekommen hat? Oder doch Brogus?

Lesen?

Das schwarze Chamäleon ist eine Mischung aus einem Krimi mit dem klassischen Whodunit-Muster und einer satirischen Kritik der US-Rassenpolitik der letzten Jahrzehnte. Die Handlung nimmt ab der ersten Seite Fahrt auf, und man ist immer wieder fassungslos, wie meisterhaft Clay Robinette Fakten so lange verdrängt, bis sie ihm auf die Füße fallen. Er begibt sich in Situationen, von denen er ahnt, dass sie für ihn und sogar seine Familie problematisch werden könnten, zieht sich aber trotzdem nicht zurück. 

Clay gerät in einen Strudel von Ereignissen, bei denen er zeitweise nicht weiß, wer ihn da eigentlich bedroht. Jake Lamar entwirft mit Clay Robinette einen Protagonisten, dessen sich steigernde Verzweiflung greifbar und dessen Orientierungslosigkeit glaubwürdig ist. Mit seinem Buch ist Lamar ein Pageturner gelungen.

Das schwarze Chamäleon ist 2001 unter dem Originaltitel If 6 were 9 erschienen und wurde 2024 von der Edition Nautilus GmbH in der deutschen Übersetzung herausgegeben. Übersetzt von Krimiautor Robert Brack, der auch das Nachwort, das sich mit der Suche nach Jack Lamar beschäftigt, verfasst hat.

Das Buch kostet als Paperback 22 Euro und als E-Book 17,99 Euro. Es steht auf der Krimibestenliste September 2024 des Deutschlandfunks.

Montag, 22. Juli 2024

# 444 - Ein Krimi aus dem Herzen eines Ministeriums

Der österreichische Journalist Wolfgang Ainetter wurde
2018 Sprecher des damaligen Bundesverkehrsministers Andreas Scheuer und erhielt so Eindrücke, wie ein Ministerium "tickt". In seinem als 'Ministeriumskrimi' untertitelten Buch Geheimnisse, Lügen und andere Währungen gibt er rund drei Jahre nach seinem Ausscheiden Einblicke, wie es dort zugegangen ist. Oder doch nicht?

Mich hat das Buch interessiert, weil ich selbst einige Jahre in einem Ministerium gearbeitet habe, etwa drei Mal länger als Wolfgang Ainetter in "seinem". Ich kenne gewöhnungsbedürftige Mechanismen, habe Ministerinnen und Minister verschiedener Parteizugehörigkeiten kommen und gehen sehen, die Zahl der Staatssekretäre während dieser Zeit war noch größer. Nacheinander, versteht sich. Was ich nicht erlebt habe, waren Vorgänge, die sich für einen Ministeriumskrimi geeignet hätten.

Worum geht's?

Die Handlung dreht sich um einen hohen Beamten im Bundesverkehrsministerium, der so etwas wie die graue Eminenz des Hauses ist. Seit Jahrzehnten führt der direkte Zugang zum jeweiligen Minister nur über Ministerialdirektor Hans-Joachim Lörr. Sämtliche Vorgänge für den Minister gehen über seinen Schreibtisch, er terrorisiert alle nachgeordneten Beamtinnen und Beamten, senkt oder hebt den Daumen, wenn es um Beförderungen geht, ist extrem geizig, intrigant und korrupt. Wenn es einen Preis für den meistgehassten Kollegen gäbe, wäre Lörr ein kochend heißer Anwärter.

Lörr steht kurz vor seiner Pensionierung. Das hält ihn aber nicht davon ab, sich und seine Frau von Coronamasken-Fabrikanten zu einem Zehngang-Menü in ein Berliner Nobelrestaurant einladen zu lassen. Da erreicht ihn ein Anruf seiner Büroleiterin, die ihn dringend um ein vertrauliches Gespräch bittet. Lörr verlässt das Lokal, kehrt aber nicht zurück. Verschwand der Beamte aus freien Stücken oder wurde er entführt?

Der aus Österreich stammende und nun bei der Berliner Polizei arbeitende Polizeioberkommissar André Heidergott und seine Vorgesetzte Emily Schippmann werden von ihrem Chef beauftragt, sich die Sache näher anzusehen. Die Liste der Menschen, die sich Lörr zum Feind gemacht hat, ist endlos. Von einem schnellen Ermittlungserfolg kann keine Rede sein. Lörr ist wie vom Erdboden verschluckt.

Lesen?

Wolfgang Ainetter hat in Interviews immer wieder betont, dass es sich bei seinem Krimi um eine Persiflage der Ministeriumsgepflogenheiten handelt. Das möchte, nein: das will man glauben, wenn man liest, dass der besoffene Minister Felix Rohr einer Kellnerin an die Brüste fasst oder seinen Sprecher mitten in der Nacht anruft, weil er seine Öffentlichkeitswirksamkeit für zu schlecht hält. Hat das etwa auch Andreas Scheuer getan? Dagegen ist die Anekdote, dass der Minister bei einem Tag der offenen Tür alle Besucher - sogar einen Formel-1-Weltmeister - beim Bürostuhlrennen geschlagen hatte, zwar wenig ministrabel, aber immerhin ganz lustig. So ähnlich hat es diese Begebenheit tatsächlich gegeben: 2018 lieferte sich Scheuer ein Rennen auf E-Karts gegen Nico Rosberg. Hier gibt es noch Fotos von der Veranstaltung, auf einem (dem dritten) ist auch Wolfgang Ainetter in seiner damaligen Funktion als Scheuers Pressesprecher zu sehen.

Sicherheitshalber hat Ainetter seinem Krimi einen Hinweis vorangestellt: Diese Geschichte ist ebenso wahr wie die Lebensläufe von Abgeordneten. Die handelnden Personen existieren tatsächlich - in der Halluzination des Autors. Sofern man sich in den handelnden Figuren wiedererkenne: Medienanwalt Christian Scherz wird sich um Sie kümmern, leider nur gegen Honorar. 

Christian Scherz hat übrigens die Ex-Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner vertreten, als die sich 2023 von ihrem Mann scheiden ließ. Auch sie taucht als "Weinkönigin" mit einem ungewöhnlichen Verschleiß an Pressesprecherin in Ainetters Buch auf. Oder ist am Ende doch jemand anders gemeint?

Geheimnisse, Lügen und andere Währungen gehört in die Kategorie der Cosy-Krimis, Unterkategorie Soft-Cosy. Es stirbt niemand, keiner wird körperlich oder seelisch außergewöhnlich gequält, eine anschließende Psychotherapie wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung wird für keine der Figuren nötig sein. Der skizzierte Kriminalfall ist eher der Aufhänger für das Drumherum: Die Ermittlungen öffnen den Beamten Türen, die anderenfalls erzählerisch verschlossen geblieben wären.
Auf der letzten Seite habe ich mich gefragt, ob es das Pendant zum Beamten Lörr während Ainetters Ministerialzeit tatsächlich gegeben hat. Wenn ja, würde ich von dieser Person gern wissen, wie man eine ganze oberste Bundesbehörde derart dauerhaft in Schach hält und was die unter ihr Leidenden davon abgehalten hat, das Haus zu verlassen. Karriere macht man schließlich nicht nur im Bundesverkehrsministerium. 

Geheimnisse, Lügen und andere Währungen ist 2024 im Haymon Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 13,95 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro.

Samstag, 16. März 2024

# 429 - Ein Krimi, der auf das Leben in Japan im beginnenden 20. Jahrhundert blickt

Der bereits 1981 verstorbene Krimi-Autor Seishi Yokomizo ist in Japan sehr bekannt, außerhalb des Landes war er es bis vor Kurzem nicht. Das änderte sich zumindest für den deutschen Buchmarkt, nachdem der Aufbau Verlag 2022 unter seiner Marke Blumenbar die Übersetzung des ersten Teils der Reihe um den Detektiv Kosuke Kindaichi, Die rätselhaften Honjin-Morde, herausbrachte. Das erstmals 1946 erschienene Buch war so erfolgreich, dass Yokomizo noch 76 weitere Male seinen Detektiv durch Japan schickte, um scheinbar unlösbare Kriminalfälle aufzuklären.

Die Handlung spielt im November 1937 in einer ländlichen Gegend in der Präfektur Okayama. Kenzo, der älteste und bereits 40-jährige Sohn einer begüterten Familie, hat am Vortag im kleinen Kreis geheiratet, als die Familie in der Nacht durch schreckliche Schreie geweckt wird. Kurz erklingt das schnelle Anschlagen einer Koto [Anm.: japanisches Saiteninstrument], gefolgt vom Geräusch eines Aufpralls. Als die Familie das vor Kenzos Haus liegende Gartentor gewaltsam öffnen will, sind wieder die Töne einer Koto und kurz darauf ein sirrendes Geräusch, das von einer gerissenen Saite stammen könnte, zu hören.

Die Familie findet Kenzos Haus verschlossen vor. Auf dem Grundstück sind auf dem frisch gefallenen Schnee keine menschlichen Spuren außer ihren eigenen zu sehen - und ein Schwert, das im Schnee steckt. Mithilfe eines Beils verschaffen sich einige der Männer Zutritt zum Gebäude und finden das Brautpaar getötet in einer großen Blutlache vor. Neben der toten Braut Katsuko steht eine blutverschmierte Koto mit einer gerissenen Saite. Außerdem ist ein Wandschirm umgestürzt. Auf ihm befinden sich ebenfalls Blutspuren: Es ist der Abdruck einer Hand zu sehen, allerdings nur des Daumens, des Zeige- sowie des Mittelfingers. Und offenbar hatte sich der Mörder Koto-Plektren über die Finger gestreift. Ist der mysteriöse Fremde, der im Dorf am Tag der Hochzeit nach dem Weg zum Anwesen der Familie gefragt hatte, der Mörder?

Katsukos Onkel, der Teil der Hochzeitsgesellschaft gewesen ist, registriert, dass der anwesende Kriminalkommissar und sein Assistent an ihre Grenzen stoßen und schickt seiner Frau ein Telegramm: Katsuko tot. Schick Kindaichi.
Wird der Privatdetektiv, der Kriminalfälle nur nach logischen Gesichtspunkten löst, es schaffen, auch hinter das Geheimnis dieses Falls zu kommen?

Lesen?

Die rätselhaften Honjin-Morde ist insbesondere für europäische Leserinnen und Leser ungewöhnlich. Nicht nur, dass Seishi Yokomizo hier ein Locked Room Murder Mystery konstruiert und sein Publikum zwischendurch gekonnt in die Irre führt; der Krimi gibt außerdem einen tiefen Einblick in die gesellschaftlichen Regeln und Lebensumstände im Japan der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts - eine Welt, die uns kaum fremder sein kann. Wer normalerweise keine Krimis liest, sollte diesen allein deshalb zur Hand nehmen.

Allerdings ist auch Yokomizos Stil etwas gewöhnungsbedürftig, sodass sich sein Krimi nicht durchgehend flüssig lesen lässt. Aber es lohnt sich, am Ball zu bleiben.

Um den Überblick aufgrund der Vielzahl von japanischen Ausdrücken und auftretenden Personen nicht zu verlieren, sind dem Buch ein Personenregister und ein Glossar angefügt.

Die rätselhaften Honjin-Morde ist gebunden für 20 Euro, als Taschenbuch für 12 Euro, als Audio-Download für 14,99 Euro sowie als E-Book für 9,99 Euro erhältlich.

Anmerkung: Honjins waren während der Edo-Zeit Gasthäuser, in denen nur gehobene Regierungsbeamte und Adelige einkehrten. Wer solch einen Gasthof betreiben durfte, stieg sowohl wirtschaftlich als auch sozial auf. Die Familie des getöteten Kenzo betrieb ein Honjin bis zum Sturz des Shoguns und der Wiederherstellung des kaiserlichen Systems Ende der 1860-er Jahre. Diese Zeit bildet die Grundlage ihres Ansehens und Wohlstands.


Montag, 4. September 2023

# 407 - Wo ist Valentin?

Valentin - das ist der Name des bei der Lehrerin Katja
lebenden Katers. Er wurde am Valentinstag geboren und kam so zu seinem Namen. Nomen est omen: Katja liebt das Tier heiß und innig wie wahrscheinlich kein anderes Wesen auf der Welt. Die Idylle der beiden wird durch nichts und niemanden gestört, denn nach einer erschütternden Erfahrung mit einem früheren Partner ist die junge Frau Single.

Doch dann kommt der Tag, an dem Katja ihren Kater nach dem Unterricht nicht zu Hause antrifft. Wo ist Valentin? ist die zentrale Frage der Handlung und der Titel des neuesten Buches von Kai Hensel.

Katja versucht alles, um Valentin, ohne den sie sich unvollständig fühlt, zu finden. Sogar auf das ihr bislang unbekannte Terrain Social Media begibt sie sich. Unbedarft, wie sie in dieser Hinsicht ist, ahnt sie nicht, was sie mit ihren Beiträgen in einem bekannten sozialen Netzwerk auslöst. Der bislang beliebten Lehrerin an einem Kleinstadt-Gymnasium schlägt nun nicht nur Mitgefühl, sondern auch Misstrauen entgegen: Was hat es mit Valentins Verschwinden auf sich? Hat Katja etwas zu verheimlichen?

Auch die Schülerin Ricky hat den Verdacht, dass es in Katjas Leben Schatten gibt, von denen niemand etwas weiß und die irgendwie mit Valentins Verschwinden zusammenhängen. Sie wittert ein #Katergate und stellt eigene Nachforschungen an. Ihr Traum ist ein Praktikumsplatz bei der kleinen Lokalzeitung, den sie mit einer spannenden Story ergattern will. 

Die Handlung schlägt immer wieder Haken, und einige der Protagonisten lernen auf unfreiwillige und zum Teil gefährliche Weise, dass man seinen Mitmenschen immer nur bis vor die Stirn, aber nie dahinter schauen kann. Einer von ihnen wird nicht erfahren, wie die Geschichte ausgeht.

Lesen?

Wo ist Valentin? ist ein unterhaltsamer Cosy-Krimi der mit dem Umstand spielt, dass einige der Protagonisten sinnbildlich Leichen im Keller haben und Ziele verfolgen, die auf den ersten Blick nichts mit dem verschollenen Kater zu tun haben. 

Kai Hensel beschreibt seine Figuren und die Verhältnisse, in denen sie leben, sehr genau, sodass man sich gut in sie hineinversetzen kann. Das eine oder andere Mal rutscht ein Klischee zwischen die Zeilen, das schmälert aber nicht den guten Eindruck des Romans.

Wo ist Valentin? ist 2023 im Kanon Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 22 Euro und als E-Book 16,99 Euro.

Freitag, 18. August 2023

# 405 - Der kalte Tod eines Jugendlichen

Jenny Lund Madsen ist in Dänemark als Drehbuchautorin bekannt geworden. 2020 hat sie mit Tredive Dages Mørke ihr erstes Buch veröffentlicht, das 2023 unter dem Titel 30 Tage Dunkelheit auf Deutsch herausgebracht wurde. 

Im Mittelpunkt steht Hannah Krause-Bendix, eine in ihrer Heimat Dänemark renommierte Schriftstellerin. Vier Bücher hat sie veröffentlicht, nie eine schlechte Rezension bekommen und war zwei Mal für den Literaturpreis des Nordischen Rats nominiert. Für eine Auszeichnung hat es jedoch bisher nie gereicht, und Hannah vermutet, warum: Ihre Bücher sind für den Massengeschmack zu anspruchsvoll. Das geht leider mit schlechten Verkaufszahlen einher, die Hannah mit einem zu hohen Alkoholkonsum kompensiert. Sie lebt zurückgezogen in einfachen Verhältnissen und ist auf die Zahlungen des staatlichen Kunstfonds angewiesen.

Kritische Selbstreflexion ist nicht ihr Ding, und so wundert man sich nicht, dass der einzige Mensch, den sie als Freund bezeichnen würde, ihr Lektor Bastian ist. Er spornt sie an, an ihrem aktuellen Buch weiterzuarbeiten, aber Hannah ist mit dem, was sie schreibt, unzufrieden und kommt nicht weiter. Bastian zuliebe (und um die Buchverkäufe anzukurbeln) nimmt sie an einer Buchmesse teil. Doch der Zufall will es, dass gegenüber ihres Verlagsstandes eine Bühne ist, auf der ihr Erzfeind Jørn Jensen seinen neuesten Krimi vorstellt und vom Publikum bejubelt wird.

Krimis sind in Hannahs Welt ein verabscheuungswürdiges Genre, und Jørn gehört ihrer Meinung nach zu dessen unfähigsten Vertretern. Doch wie man es dreht und wendet: Er hat Erfolg und sie nicht. In ihrem Zorn bricht Hannah vor aller Augen einen Streit vom Zaun, an dessen Ende eine Wette steht: "In einem Monat habe ich einen Krimi geschrieben, der besser ist als alles, was du jemals veröffentlicht hast", schleudert sie ihm zu ihrer eigenen Überraschung entgegen.

Gesagt ist gesagt. Bastian ist von so viel unerwarteter Publicity begeistert und organisiert für Hannah sofort eine passende Unterkunft in Island, wo diese die nötige Ruhe haben wird, um ihren ersten Krimi zu schreiben. Er schickt sie zu Ella, einer Freundin seiner Familie, die in einem abgelegenen Fischerdorf sechs Autostunden von Reykjavík entfernt lebt - und über 2.000 Kilometer Luftlinie von Hannahs Heimatstadt Kopenhagen entfernt.

Hannah hat sich allerdings kaum häuslich bei ihrer Gastgeberin eingerichtet, als deren siebzehnjähriger Lieblingsneffe Thor tot im Hafenbecken des Ortes gefunden wird. Der mit der Situation überforderte Dorfpolizist Viktor würde den Fall am liebsten als Unfall einstufen und zu den Akten legen. Hannah mag daran nicht glauben, denn der Jugendliche hatte Angst vor dem Wasser und konnte nicht schwimmen. Er mied das Wasser, sehr zum Ärger seines Vaters Ægir, des erfolgreichsten Fischers im Ort.

Hannah mischt sich immer wieder in Viktors Ermittlungen ein und hofft dabei, das Erlebte in ihren Krimi einfließen lassen zu können, mit dem sie nicht recht vorankommt. Sie ahnt nicht, dass sie sich damit in Lebensgefahr begibt. Was sie noch nicht weiß: Das Fischerdorf hütet seit Langem das Geheimnis um ein Verbrechen, das Jahrzehnte zurückliegt. Zu Hannahs Glück bekommt sie aus einer unerwarteten Richtung Unterstützung.

Lesen?

30 Tage Dunkelheit spielt im November. Dieser Monat ist in Island nicht nur bereits sehr winterlich, sondern hat mit sechseinhalb Stunden sehr kurze Tage. In Hannahs Wohnort Kopenhagen sind es immerhin zwei Stunden mehr. Und so empfindet die Schriftstellerin die Tage in Island auch: Kaum ist der Morgen angebrochen, bricht schon die Dämmerung herein. Dieses Phänomen steht symbolisch für Hannahs Fremdeln mit der Kultur und den Menschen Islands. Erst nach und nach ändert sie ihre Meinung und damit auch ihr bislang menschenfeindliches Sozialverhalten.

Jenny Lund Madsens Debüt ist eine schöne Mischung aus Krimi, einem kritischen Blick auf gesellschaftliche Vorurteile und einem Entwicklungsroman - diesmal im Hinblick auf eine Erwachsene. Der Spannungsbogen hat hier und da eine leichte Delle, aber 30 Tage Dunkelheit ist sehr gut gemachte Unterhaltung. Mal sehen, ob wir irgendwann noch mehr über Hannah Krause-Bendix erfahren.

Jenny Lund Madsen erhielt für Tredive Dages Mørke 2021 den dänischen Harald-Mogensen-Literaturpreis für den besten Krimi des Jahres.

30 Tage Dunkelheit ist 2023 im Tropen Verlag erschienen und kostet als Paperback 18 Euro sowie als E-Book 13,99 Euro.


Samstag, 15. Juli 2023

# 401 - Ein Komplott im Weinkeller fordert Todesopfer

Der Krimi Bittertrauben von Karin Joachim spielt wie
sein 2016 erschienener Vorgänger Krähenzeit im Ahrtal. Auch in diesem Buch steht die Kriminaltechnikerin Jana Vogt im Mittelpunkt des Geschehens. 

Jana wurde von ihrem Vorgesetzten in den Innendienst umgesetzt, weil er sie nach den Vorfällen des letzten Falls (Krähenzeit) für nicht belastbar hält. Sie ist mit ihrem Beruf nicht mehr glücklich und denkt deshalb über einen Neustart als Fotografin nach. Als sie am Wettbewerb einer Wein-Zeitschrift teilnimmt, gewinnt sie die Möglichkeit, in einem Weingut in Rech während eines Tages der offenen Weingüter ihre Landschaftsfotos auszustellen.

Während sie vor Ort die letzten Vorbereitungen trifft, hört sie zufällig ein Gespräch, in dem es um die Vorbereitung eines Komplotts zu gehen scheint. Da sie als nordrhein-westfälische Polizeibeamtin keine Befugnisse hat, in Rheinland-Pfalz tätig zu werden, wendet sie sich wieder an Hauptkommissar Clemens Wieland, einen Kollegen aus Koblenz.

So schwammig der Verdacht auch sein mag: Clemens vertraut Janas Instinkt und folgt ihr an die Ahr. Dort trifft sich im Weingut anlässlich der Veranstaltung eine sehr gemischte Gruppe. Der Redakteur der Wein-Zeitschrift übernimmt wortreich die Vorstellungsrunde, und außer zwei anderen Gewinnerinnen hat sich auch ein Krimi-Autor eingefunden. Doch Clemens erkennt auch einen Privatdetektiv wieder, der sich so gut wie möglich im Hintergrund hält. Etwas rätselhaft finden sowohl Clemens als auch Jana ein Ehepaar, das mit seinem Wohnmobil auf Urlaubsreise ist und sich unbedingt zur Weinprobe dazugesellen will.

Wenige Stunden später hat sich die Zahl der Übernachtungsgäste um einen verringert: Ein Mann wird tot auf der Brücke über die Ahr gefunden. Obwohl Jana nur aus privaten Gründen gekommen war, kann sie ihre Neugier nicht zügeln und hält die Augen auf. Wie bereits in Krähenzeit wird sie von ihrem Airdale Terrier Usti begleitet, dessen feine Nase sie schon bald zum zweiten Toten führt. Mehrere Gäste geraten in den Fokus der Ermittlungen, und es ist fraglich, ob der Tag des offenen Weinguts wie geplant stattfinden kann.

Lesen?

Bittertrauben hält die Leserinnen und Leser durchweg bei der Stange und vereint den Regional- mit dem Cosy-Krimi. Wie nebenbei beschreibt Karin Joachim nicht nur die eigentliche Handlung, sondern auch die Schönheit des Ahrtals, das wieder als Schauplatz des Verbrechens dient.

Das zerstörerische Ahr-Hochwasser ist nun zwei Jahre her, die Scheinwerfer der Medien richten sich nur noch selten auf die Gegend, in der viele Menschen ihr Leben und andere ihre wirtschaftliche Existenz verloren haben. Um den Wiederaufbau zu unterstützen, sollte das Weinanbaugebiet immer wieder Aufmerksamkeit erhalten. Dazu tragen auch Bücher wie dieses bei, die zwar vor der verheerenden Flut veröffentlicht wurden, aber beschreiben, wohin die Region letztendlich wieder will.

Bittertrauben wurde 2018 im Gmeiner Verlag veröffentlicht und kostet 12 Euro (Taschenbuch). Der Krimi ist der zweite Band einer mittlerweile fünfteiligen Reihe.

Sonntag, 9. Juli 2023

# 400 - Weisse Sonne - eine gelungene Mischung aus Krimi und Western

 J. Todd Scott setzt in seinem Buch Weisse Sonne die
in Die weite Leere begonnene Handlung fort und stellt Sheriff Chris Cherry in den Mittelpunkt. Cherry, der zuvor der Stellvertreter seines korrupten Vorgängers Stanford Ross gewesen war, will dessen Stil auf keinen Fall fortsetzen und schart Deputys um sich, denen er vertraut. Sein Zuständigkeitsbereich ist das Big Bend County, eine heiße, windige und staubige Gegend in Texas, ganz in der Nähe der mexikanischen Grenze.

Eigentlich gilt das County als ruhig und arm an Aufregungen. Doch in der verlassenen Siedlung Killing lassen sich Mitglieder der hochkriminellen Neonazi-Vereinigung Aryan Brotherhood of Texas (ABT) nieder. Was die Gruppe, die sich um einen Schwerverbrecher, der sein halbes Leben im Knast gesessen hat, sowie seine beiden ungeliebten Söhne, schart, hier vor hat, ist lange unklar. Doch dann stellt sich heraus, dass sie auf einen selbsternannten Prediger wartet, der in dieser Einöde eine reinweiße Stadt aufbauen will. Als ein junger Mann, der als Flussführer am Rio Grande gearbeitet hat, ermordet aufgefunden wird, führen alle Spuren zu den neuen "Mitbürgern".

Sheriff Cherry nimmt die Ermittlungen auf, doch dann wird er von einem FBI-Agent an seiner Arbeit gehindert: Der Anführer der ABT-Gruppe wurde von ihm als Spitzel angeheuert. Als Gegenleistung hatte der Agent dafür gesorgt, dass der Mann umgehend aus der Haft entlassen worden ist. Widerwillig fährt Cherry sein Engagement zurück, lässt die Nazis aber nicht aus den Augen. Was er zunächst nicht weiß: Eines der Mitglieder ist Danny Ford, der sich in die Gruppe eingeschleust hat, um dessen Anführer so nah wie möglich zu kommen. Das Ziel des Afghanistan-Veteranen und Ex-Miarbeiters des Texas Department of Public Safety ist, den Tod seines Vaters, der vor neunzehn Jahren von eben diesem Anführer in seiner Dienstausübung als Ranger erschossen wurde, zu rächen. 

Cherry ahnt auch nicht, was in seiner neuen Polizistin America Reynosa vorgeht, deren Einstellung er immer wieder gegenüber konservativen Kräften in der Gegend verteidigen muss, für die die junge Frau drei Makel hat: Sie ist weiblich, eine Mexikanerin und mit dem Boss eines Drogenkartells verwandt. Dass sie von Schuldgefühlen zerfressen wird, weil sie mit diesem Kartell vor einiger Zeit einen Deal gemacht hat, um ihren ermordeten Bruder zu rächen, macht sie mit sich selbst aus. Das soll später zu einem Problem werden.

Und dann ist da noch Deputy Ben Harper, der den Tod seiner Frau nicht verarbeiten kann und seine Trauer im Alkohol ertränkt. Er ist Cherry ein guter Ratgeber und Freund, hängt aber manchmal noch an den alten Gepflogenheiten, wie sie unter Sheriff Ross üblich waren. Sein Credo, das er seinem Boss, der ihn aus dem Ruhestand zurückgeholt hat, immer wieder unter die Nase reibt: Agieren statt reagieren.

J. Todd Scott hat sein Buch in zwei Perspektiven aufgeteilt: Danny Ford erzählt seinen Part der Geschichte aus der Ich-Perspektive und ermöglicht den Leserinnen und Lesern so Einblicke, die allen anderen in der Handlung genannten Figuren verborgen bleiben. 
Das übrige Geschehen wird aus der Sicht eines unbeteiligten Beobachters geschildert. So gelingt es Scott, den Verlauf seines Krimi-Westerns so aufzubauen, dass sich erst nach und nach erschließt, wie die einzelnen Geschichten der im Zentrum stehenden Personen, die zu Beginn nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, aufeinander zu laufen.

Lesen?

Schon der Umstand, dass es sich bei Weisse Sonne nicht "nur" um einen reinen Krimi handelt, sondern typische Western-Elemente verwendet werden, macht das Buch sehr interessant. Scott schafft es, dass man die sengende Hitze spürt, die auf allen und allem lastet, und die Angst bei den Polizisten als auch den Verbrechern, die sich immer weiter steigert, greifbar ist. Das Ende ist wie in einem klassischen Western: Feuer und Wasser sorgen für ein furioses Finale, und erneut lernt man, dass es gar nicht so einfach ist, immer zu den Guten zu gehören.

J. Todd Scott arbeitet seit über zwanzig Jahren als Agent bei der Drug Enforcement Administration (DEA). Seine Kenntnisse sind in dieses Buch eingeflossen. Bereits 2019 wurde der dritte Teil der Serie, This Side of Night, veröffentlicht. Man kann nur hoffen, dass die deutsche Übersetzung ebenfalls bald im Polar Verlag erscheinen wird.

Weisse Sonne ist 2023 im Polar Verlag erschienen und kostet 27 Euro, als E-Book 20,99 Euro.

Freitag, 19. Mai 2023

# 393 - Tödliche Irrwege

Charlotte Ford und Danielle Reeves waren mal dicke
Freundinnen, als beide noch in Houston aufs College gingen. Jede machte schon damals ihr eigenes Ding: Charlotte, weil ihre schmerzgeplagte Mutter bis zu ihrem Tod wegen der vielen Medikamente nicht in der Lage war, sich um irgendetwas zu kümmern, schon gar nicht um ihre Tochter; Danielle, die bei ihrer reichen Mutter lebte, diese jedoch so viel arbeitete, dass sie glaubte, Liebe mit Geld ausgleichen zu können. Melissa Ginsburg hat in ihrem ersten Krimi Sunset City komplexe Beziehungsstrukturen zu einer feinen Handlung verwoben.

Als Charlottes Mutter gestorben war, trudelten noch eine ganze Weile deren Medikamente ein. Die beiden Teenager testeten die Medikamente an sich selbst, was sie nicht nahmen, vertickten sie. Das Leben war locker und leicht - wenn man es verstand, sich etwas vorzumachen.

Im Gegensatz zu Charlotte schaffte Danielle den Absprung nicht und rutschte tief in die Sucht hinein. Sie wurde heroinsüchtig und musste für eine längere Zeit ins Gefängnis. Der Kontakt zwischen ihnen riss ab.

Doch dann treffen sich die beiden nach Jahren wieder. Während sich in Charlottes Leben nicht viel getan hat - nach wie vor lebt sie in der Wohnung der Mutter und arbeitet als Barista -, hört sich das, was Danielle zu erzählen hat, spannender an: Die junge Frau verdient ihr Geld mit Pornos und hat einen Freundeskreis, der aus Leuten besteht, die ebenfalls in der Branche arbeiten.

Zwei Tage nach dem Wiedersehen steht Detective Ash vom Houston Police Department vor Charlottes Tür und teilt ihr mit, dass Danielle ermordet wurde. Vielleicht wäre abgeschlachtet das bessere Wort. Doch wer hat die Freundin so sehr gehasst? Wer konnte der immer gut gelaunten und hübschen Frau das antun? Charlotte versinkt so sehr in ihrer Trauer um die Freundin und die Zeit, die sie noch zusammen hätten haben können, dass sie wissen will, wie Danielle gelebt hat. Sie taucht ein in die Welt der Pornodarsteller, Süchtigen und Dealer und ist dabei, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren. Charlotte gleitet von einem Drogenrausch zum nächsten und rutscht in Sexabenteuer, die sie sich vorher nicht hätte ausmalen können. Aber in ihren lichten Momenten registriert sie, wie das, was ihr Danielles "Freunde" erzählen, zu dem passt, was sie selbst wahrnimmt - oder eben nicht. Sie zieht ihre Schlüsse, doch Detective Ash verfolgt eine andere Spur. Dann droht die Situation zu kippen.

Lesen?

Sunset City wird von zahlreichen Szenen im Sonnenuntergang getragen, der jedoch keine Romantik erzeugt, sondern eher zu einer diffusen Atmosphäre beiträgt. Diese passt genau zu dem Leben, das die Hauptpersonen führen: immer nur eine handbreit vom nächsten Joint oder den nächsten Pillen entfernt, die die eigenen Probleme für eine Weile in den Hintergrund treten lassen. Das Leben ist zerbrechlich, der Tod lauert in Houstons dunklen Ecken. Melissa Ginsburg lässt daran von der ersten Seite an keinen Zweifel. Wer mal etwas anderes lesen will als einen Krimi, in dessen Mittelpunkt die Polizei steht, aber trotzdem nicht auf Spannung verzichten möchte, dem kann dieses Buch empfohlen werden.

Sunset City ist in der deutschen Übersetzung von Kathrin Bielfeldt 2023 im Polar Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 17 Euro.

Sonntag, 26. März 2023

# 386 - Sörensen ermittelt weiter

Sörensen am Ende der Welt ist der dritte Teil der
bislang vierbändigen Krimireihe von Sven Stricker, in der der gleichnamige Kriminalhauptkommissar aus Hamburg sein Leben im abgelegenen nordfriesischen Katenbüll wieder auf die Reihe bekommen will. Was keiner wissen soll: Er wurde im Gegensatz zu seinen Vorgängern nicht dorthin strafversetzt, sondern hat selbst um die Versetzung gebeten. Sörensen erhofft sich ein ruhiges Leben, um seine Angststörung zu überwinden.

Was schon in den ersten beiden Bänden nicht gelang, findet in diesem Buch seine Fortsetzung. Seitdem Sörensen in Katenbüll angekommen ist, häufen sich die Mordfälle. An beschauliche Ruhe ist da nicht zu denken. Diesmal findet der örtliche Tankstellenpächter auf seiner Hunderunde einen Toten im Koog, in dessen Brust ein Schraubenzieher steckt. Die Aufzeichnungen der Videokameras in der Tankstelle zeigen, dass der Angestellte Ole vermutlich der Letzte war, der das Mordopfer lebend gesehen hat. Aber ist der junge Mann, der demnächst Vater wird, auch der Täter?

Im Gegensatz zu den Ermittlungen in der Großstadt setzen die Beamten der kleinen Katenbütteler Polizeistation nicht nur Indizien zusammen, sondern fügen ihrer Arbeit eine wichtige Zutat hinzu: ihr Bauchgefühl. Auf dem platten Land kennt man sich, und Sörensen und seine Kollegin Jennifer Holstenbeck sind sich einig: Der Ole war das nicht. Die Nachforschungen ergeben, dass der Tote sich gemeinsam mit seiner Frau und seinem Bruder auf das Ende der Weltordnung vorbereitet hatte. Dessen Wohnhaus ist eine Mischung aus Hochsicherheitsgebäude und Warenlager. Zu allem Überfluss heftet sich ein freier Journalist an Sörensens Fersen, der eine Story wittert, die er teuer an Deutschlands größte Zeitungen verkaufen kann. 

Lesen?

Sven Stricker ist ein Krimi gelungen, der seine Leserinnen und Leser auf mehreren Ebenen packt. Der Mordfall - der nicht der einzige bleiben wird - ist spannend und hat eine überraschende Auflösung. Sörensens psychische Probleme werden sensibel und glaubhaft beschrieben, und Stricker legt dem Polizisten norddeutsch gefärbte Sätze in den Mund, die ihn noch authentischer wirken lassen. 

Sörensen erinnert manchmal an die Figur des Kriminalinspektors Columbo: Beide stellen häufig Fragen, deren Sinn sich erst später erschließt, und vermitteln ihrem Gegenüber den Eindruck, für dumm verkauft werden zu können. Das stellt sich immer dann als Irrtum heraus, wenn alle Erkenntnisse zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden.
Sörensen ist zwar Single, aber auch ein Familienmensch - wenn ihm nicht ständig die Angststörung im Weg stehen würde. Seine Lebensgefährtin hat sich von ihm getrennt, die gemeinsame Tochter lebt bei ihr in Hamburg. Sörensen vermisst sie jeden Tag. Und dann ist da noch Sörensens Vater, zu dem der Polizist bislang kaum Kontakt hatte. Der Senior hat seinem Sohn etwas zu sagen, das sich auf ihr Verhältnis auswirken wird. Unbedingte Leseempfehlung!

Sörensen am Ende der Welt ist 2021 im Rowohlt Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 11 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro.

Tipp: In der ARD Audiothek können die ersten drei Sörensen-Krimis als Hörspiel aufgerufen werden. In der Hauptrolle spricht Bjarne Mädel, der auch in der Verfilmung des ersten Sörensen-Krimis Sörensen hat Angst den Part des Kriminalhauptkommissars übernommen hat.

Samstag, 18. Februar 2023

# 382 - Ein Filmfestival wird zur tödlichen Veranstaltung

Das Geheimnis des dunklen Hauses ist der sechste
Band einer Krimi-Reihe, in der die Schriftstellerin Margarete von Schwarzkopf ihre Hauptfigur, die Kunsthistorikerin Anna Bentorp, als Laien-Ermittlerin tätig werden lässt.

Anna hat ein untrügliches Gespür dafür, wenn an einer Sache etwas faul ist. Freunde nennen sie deshalb "Miss Marple". Sie ist aber auch ein großer Filmfan, und als ihre Freundin Marianne sie einlädt, als Jurymitglied an einem exklusiven Filmfestival im beschaulichen Eifel-Dorf Angerrath teilzunehmen, das sie gemeinsam mit ihrem Mann auf die Beine gestellt hat, nimmt Anna das Angebot gern an.

Die Jury soll zwar aus aktuellen Filmen die Sieger auswählen, doch der eigentliche Leckerbissen der Veranstaltung ist etwas für eingefleischte Cineasten: Die Tochter des jüdischen Regisseurs Leopold Welfenstein, der 1937 unter ungeklärten Umständen in einem Londoner Filmstudio ums Leben kam, wird aus den USA anreisen und ein Fragment des verschollenen letzten Films ihres Vaters im Gepäck haben. Die Kinowelt ist sich darin einig, dass Welfenstein einer der besten Filmemacher seiner Zeit war, und so sollen auch seine bekannten Werke in Angerrath gezeigt werden.

In dem dem kleinen Ort findet sich ein Publikum ein, das sich die Welt des Films zu eigen gemacht hat: Vom wohlhabenden Sammler von Kinodevotionalien bis zum Betreiber eines kleinen, aber feinen Filmmuseums ist eine bunte Gästemischung vor Ort.

Doch der Frieden soll nicht lange dauern. Ein Filmjournalist, der nicht nur in Angerrath als Querulant von sich reden gemacht hat, wird überfallen und schwer verletzt. Dann verschwindet der Filmstreifen aus dem Zimmer von Welfensteins Tochter. Anna vermutet, dass es einen Zusammenhang mit dem Tod des Regisseurs vor über achtzig Jahren gibt. Ihre Ahnung wird durch weitere Todesfälle untermauert, die im Zusammenhang mit dem verschwundenen Film zu stehen scheinen.

Der Krimi blickt immer wieder in die Zeit der 1930-er Jahre zurück. Während Chief Inspector Howell nicht daran zweifelt, dass sich Welfenstein umgebracht hat, ist sich sein Assistent Kinley da nicht so sicher. Trotz des Verbots seines Vorgesetzten, sich um die Angelegenheit zu kümmern, ermittelt der junge Polizist auf eigene Faust weiter. Im Mittelpunkt seiner Nachforschungen steht dabei die damals sehr einflussreiche Familie Carr, die um jeden Preis die Veröffentlichung von Welfensteins Film verhindern will, obwohl dieser ihn auf deren Wunsch bereits stark verfremdet hat. Was haben die Carrs zu verbergen und wie kommt es, dass sich in ihrer Familie die Todesfälle im Jahr 1900 häufen? Und waren die Unfälle, die weitere Menschen aus Welfensteins Umfeld das Leben kosteten, tatsächlich nur Unglücke oder steckten dahinter eiskalt geplante Morde?

Lesen?

In Das Geheimnis des dunklen Hauses lässt Margarete von Schwarzkopf ihre Protagonisten nicht nur wegen zahlreicher Mordfälle ermitteln, sondern wirft auch einen Blick in die deutsche Geschichte der 1930-er und 1940-er Jahre, als Menschen aus Angst vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten Deutschland verließen. Darunter waren zahlreiche jüdische Künstler und Wissenschaftler. In ihrem Buch sind Fiktion und Elemente aus dem eigenen Leben der Autorin und Journalistin miteinander verwoben und ergeben ein spannendes und stimmiges Gesamtwerk. Wenn es etwas zu kritisieren gäbe, dann wären es die zahlreichen Personen, die die Handlung beeinflussen und manchmal für etwas Unübersichtlichkeit sorgen.

Das Geheimnis des dunklen Hauses ist 2022 im Emons Verlag erschienen und kostet als Paperback-Ausgabe 15 Euro.