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Sonntag, 28. Dezember 2025

# 495 - Seltsame Bilder - Ein Krimi aus Japan

Uketsu ist in Japan durch YouTube-Videos und Romane bekannt geworden und verschleiert die eigene Identität: Viele Medien schreiben und sprechen von Uketsu in der männlichen Form, doch das Tragen von Maske und schwarzem Ganzkörperanzug sowie das Verwenden eines Stimmverzerrers lassen keine wirklichen Rückschlüsse zu.

So mysteriös wie die Person ist auch Uketsus erster ins Deutsche übersetzte Roman Seltsame Bilder. Zwei Studenten, beide Mitglieder in einem Okkultismus-Club, tauschen sich über einen Blog aus, der schon eine ganze Weile nicht mehr aktiv ist. Der Blog gehört einem Mann, der zunächst von seiner Ehe, der Schwangerschaft seiner Frau und seinem Alltag erzählt. Doch es gibt offenbar Komplikationen. Der werdenden Mutter geht es mehrmals schlecht. In den besseren Phasen zeichnet sie Bilder, die ihr Mann als Ausdruck ihrer Freude über das bevorstehende Leben als kleine Familie deutet. Ein Irrtum, wie sich später herausstellen soll. Die Frau wird die Geburt ihres Kindes nicht überleben. Die Studenten lesen den letzten Eintrag des Bloggers, in dem dieser davon spricht, die Geheimnisse der Bilder entschlüsselt zu haben. Die Zeilen sind düster und geheimnisvoll.

Uketsu verzichtet auf eine chronologische Darstellung der Ereignisse, die sich über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten erstrecken und beginnen, als der unbekannte Blogger noch gar nicht geboren war. Damals erschlug ein Mädchen seine Mutter, als die seinen kleinen Vogel erdrosseln wollte. Aber dieser Mord wird nicht der einzige bleiben: Viele Jahre später wird ein Kunstlehrer auf einer Wanderung brutal ermordet. Man findet bei dem Toten eine ungelenke Zeichnung, die das Bergpanorama am Tatort zeigt. Die Polizei misst diesem Fund keine große Bedeutung bei. Nach einiger Zeit werden die Ermittlungen eingestellt.

Doch da ist der junge Mann, der in der Verwaltung einer Tageszeitung arbeitet. Er sieht sich als künftigen Investigativjournalisten und wird von einem früheren Reporter unterstützt. Doch ist das nicht völlig überflüssig, da ein Freund des Toten den Mord bereits gestanden hat? Die Schuld hat diesen Mann so sehr belastet, dass er anschließend Suizid begangen hat. Die Idee des jungen Zeitungsmitarbeiters, sich buchstäblich auf die Spuren des getöteten Kunstlehrers zu begeben, endet tödlich. Auch bei ihm wird eine dilettantisch gezeichnete Ansicht der Bergkette, die man vom Tatort aus sieht, gefunden. Es liegt nahe, dass es einen Zusammenhang zum früheren Mord geben muss. 

Es treten nach und nach weitere Personen in die Handlung ein, die mit ihren Abgründen zunächst für sich zu stehen scheinen. Das, was lange zusammenhanglos erscheint, verdichtet sich später zu einem Netz von Menschen.

Lesen?

In Seltsame Bilder fügt Uketsu Text, Zeichnungen und Abbildungen mit japanischen Schriftzeichen zu einem Ganzen zusammen. Dabei werden viele Informationen über kulturelle Eigenheiten in Japan vermittelt. Ehre und Verantwortung spielen eine große Rolle und führen bis zur Verleugnung der eigenen Bedürfnisse. Kritische Bemerkungen werden nur vorsichtig formuliert; für Missverständnisse oder Fehler ist der Einzelne bereit, die Verantwortung zu übernehmen.

Über der Handlung liegt fast durchgehend ein atmosphärischer Grauschleier, das Unheil durchzieht das ganze Buch. Doch den Anspruch vieler Krimiautoren, die Leserinnen und Leser selbst kombinieren zu lassen, hat Uketsu offenbar nicht: Alles, was passiert, wird erklärt. Viele wichtige Details wirken allerdings unwahrscheinlich und konstruiert. Dazu gehören zum Beispiel auch die Bergzeichnungen der beiden ermordeten Männer. Logik ist an dieser Stelle nicht so wichtig.

Etwas redundant wird es, wenn bereits erläuterte Zusammenhänge noch einmal in Tabellen zusammengefasst werden. Dazu passt die einfache Sprache, die einerseits sehr schlicht ist, jedoch zur rätselhaften Atmosphäre beiträgt.

Für diejenigen, die nicht Japanisch schreiben können, erschließen sich leider die Abschnitte nicht, in denen es um sprachliche Auffälligkeiten geht. Hier wäre beispielsweise eine genauere Erläuterung im Anhang schön gewesen.

Alles in allem ist Seltsame Bilder mit Abstrichen ein empfehlenswertes Buch.

Seltsame Bilder erschien 2022 in der japanischen Originalausgabe und wurde 2025 in der deutschen Übersetzung vom Verlag Bastei Lübbe herausgebracht. Es kostet gebunden 24 Euro sowie als E-Book 6,99 Euro.


Freitag, 11. Juli 2025

# 480 - Ein tödliches Testament

Der bekannte und wohlhabende Seidenfabrikant Sahei Inugami hat sowohl sein Unternehmen als auch seine Familie streng patriarchalisch geführt. 1945 stirbt der 81-Jährige in seinem Anwesen am Nasu-See im Kreis seiner Familie. Nur sein Anwalt Kyozo Furudate ahnt, dass mit dem letzten Atemzug des alten Mannes keine guten Zeiten anbrechen. Furudates ungutes Gefühl soll sich in Der Inugami-Fluch des japanischen Krimi-Autors Seishi Yokomizo bewahrheiten. Das Buch ist der vierte Band einer Reihe um den unkonventionellen, aber erfolgreichen Privatdetektiv Kosuke Kindaichi.

Kindaichi wird von einem Mitarbeiter Furudates gebeten, unverzüglich an den Nasu-See zu kommen. Jemand hat unbefugt Inugamis Testament gelesen, der Detektiv soll nun das Schlimmste verhindern. Doch Kindaichi lernt den Mitarbeiter nicht mehr kennen, weil dieser vergiftet wird. Kindaichis Interesse ist geweckt. Mit Erlaubnis der Familie nimmt er an der Testamentseröffnung teil und erlebt hautnah das Entsetzen der Angehörigen: Das Testament des Verstorbenen sieht vor, dass nicht etwa Inugamis drei Töchter oder seine Enkelkinder bedacht werden sollen, sondern die junge und sehr schöne Tamayo Nonomiya das Vermögen erbt. Tamayo ist allerdings kein Familienmitglied, sondern die Enkelin eines Priesters. Dieser kümmerte sich um den damals 17-jährigen Waisen Inugami und hat ihn sein ganzes Leben lang unterstützt.

Tamayos Erbschaft ist jedoch an eine Bedingung geknüpft: Sie muss innerhalb von drei Monaten einen der Enkelsöhne heiraten. Tut sie es nicht, verfällt ihr Anspruch. Als Nacherbe hat Inugami einen unehelichen Sohn benannt, der seit langer Zeit als verschollen gilt und von der Familie totgeschwiegen wird. Die Erbkonstellation setzt eine Mordserie in Gang, bei der die Toten in bizarren Situationen aufgefunden werden.

Privatermittler Kindaichi findet sich bei seinen Nachforschungen in einem Geflecht von Intrigen, Lügen, heimlichen Liebschaften und enttäuschten Hoffnungen wieder, das er entwirren muss, um herauszufinden, wer für die Morde verantwortlich ist.

Lesen?

Vor mehr als zwei Jahren habe ich hier den ersten Band der 77-teiligen Krimiserie um den Detektiv Kosuke Kindaichi Die rätselhaften Honjin-Morde  vorgestellt. Der Autor Seishi Yokomizo ist bereits seit über vierzig Jahren verstorben, seine Bücher sind in Japan jedoch noch immer populär. Sie bieten einen Einblick in frühere Gepflogenheiten des Landes, an die sich heute nur wenige Menschen erinnern. Bei Yokomizo wird nicht nur gemordet, um jemanden aus dem Weg zu schaffen; es wird gemordet, um mit viel Symbolik und Anspielungen auf Landes- oder Familientraditionen Botschaften zu vermitteln. Das trägt wesentlich zur etwas mystischen Atmosphäre des Krimis bei.

Unübersehbar ist die Beurteilung von Frauen: Yokomizos männliche Figuren beurteilen ihren Wert vor allem nach ihrem Aussehen und ihrer Zugewandtheit. Es wird deutlich, dass Frauen unterhalb von Männern stehen. Diese Sichtweise besteht in der japanischen Gesellschaft seit dem 6. Jahrhundert, als der Konfuzianismus begann, sich im Land auszubreiten. Der Inugami-Fluch ist also nicht nur die Geschichte eines Kriminalfalls, sondern auch ein Blick in eine uns fremde Kultur in einer zurückliegenden Zeit.

Der Inugami-Fluch wurde 1951 im japanischen Original erstmals unter dem Titel Die Familie Inugami veröffentlicht. Der von Ursula Gräfe ins Deutsche übersetzte Krimi erschien 2025 bei Blumenbar, einem Imprint des Aufbau-Verlags. Das Buch (Hardcover) kostet 24 Euro, als E-Book 14,99 Euro.

Sonntag, 5. November 2023

# 416 - Ein Sommer vor 50 Jahren

Thomas Oláh, der in der Film- und Theaterbranche als Kostüm- und Bühnenbildner bekannt ist, hat mit Doppler sein Romandebüt veröffentlicht.

Sein namenloser Ich-Erzähler ist ein Junge, der an einem Sommertag mit seinen Eltern und seinem kleinen Bruder mit dem Auto ins Wochenende fährt. Doch die Familie wird ihr Ziel nicht erreichen: Der Wagen kommt von der Straße ab, überschlägt sich und bleibt auf dem Dach liegen. Der Junge hat, wie er im Krankenhaus erfährt, eine Gehirnerschütterung. Was aus den Eltern und dem Bruder geworden ist, erfährt er nicht. Ein Onkel holt ihn aus dem Krankenhaus ab und bringt ihn zu seinen Großeltern, die er kaum kennt.

Die Handlung spielt 1970 im fiktiven österreichischen Dorf Frankenhayn, in dem die Großeltern des Jungen und weitere Verwandte wohnen. Der Ort ist geprägt vom Weinanbau. Oláh beschreibt das Leben der österreichischen Landbevölkerung, wie es vor rd. 50 Jahren auch in Deutschland oft üblich war. Es werden nicht mehr Worte als nötig gemacht, dem sozialen Miteinander haftet etwas Archaisches an, Zärtlichkeiten gibt es nicht.
Die oft grausame Art, mit Menschen und Tieren umzugehen, findet ihre Erklärung in der Geschichte und den Erfahrungen jedes einzelnen Familienmitglieds, wobei Oláh den Bogen in seinem Roman bis zurück in die Zeit unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs spannt. Der Hang zur Brutalität wird an die nächste Generation, hier an die beiden Cousins des Jungen, weitergegeben.

Die Großeltern werden als gefühlte Konstante von allen nachfolgenden Generationen mit "Mutter" und "Vater" angesprochen, ebenso konstant ist die Möblierung: Die beiden Alten schlafen in kastenähnlichen Bauernbetten mit hohen Rahmen, die von dem Jungen als Sarkophage bezeichnet werden.
Der Katholizismus wird mit seinen Ritualen gelebt, ihm haftet jedoch etwas Bigottes an. 
Das Leben ist vom Rhythmus der anstehenden Arbeiten und vom ausgiebigen Verkosten des selbst hergestellten Weins geprägt, der in großen Zweiliter-Flaschen, den Dopplern, abgefüllt wird. Dieses Verkosten folgt ebenso wie der katholische Glauben festen Abläufen.

Und dann ist da das Gefühl des Jungen, von seiner Familie, die mit ihm verunglückt ist, vergessen worden zu sein: Eines Nachts bemerkt er die Gespräche der Erwachsenen, die wie dort üblich nur aus einzelnen Worten und Halbsätzen bestehen. Er sieht seinen Vater und seinen kleinen Bruder, die beiden scheinen gemeinsam mit den Großeltern die Mutter besuchen zu wollen. Der Junge ist jedoch nicht sicher, niemand spricht mit ihm darüber oder tröstet ihn. Er hat keine Ahnung, wie lange er in Frankenhayn bleiben muss und wie es mit ihm weiter geht.

Lesen?

Thomas Oláh ist im selben Jahr geboren wie ich. Vieles von dem, das er beschreibt, habe ich so oder so ähnlich selbst in Erinnerung. Oláh schafft es sehr gut, die Haltlosigkeit des in dem Winzerdorf gestrandeten Jungen zu dokumentieren, sodass man durchweg auch in den positiven Szenen Mitgefühl empfindet.

Oláh setzt neben dem Jungen einen Erzähler ein, der die ihm unbekannten Familienhintergründe beschreibt. Dadurch geraten Leserinnen und Leser in die etwas kuriose Situation, dass sie im Gegensatz zur Hauptfigur, dem Jungen, das große Ganze überblicken, das Kind jedoch keine Chance hat, das ebenfalls zu tun und Zusammenhänge zu verstehen.

Unverständlich bleibt, dass der Junge ein sehr guter Beobachter ist und das Erlebte in seiner Rolle als Erzähler in passende Worte kleiden kann, er aber nicht den Antrieb aufbringt, Fragen nach seinen Eltern und seinem Bruder sowie seiner eigenen Zukunft zu stellen.

Thomas Oláh hat in drei eigenen Kapiteln Texte über heute (fast) vergessene Forscher oder Künstler eingefügt: Nikolaus Winkel (Erfinder des Metronoms), Christian Doppler (Entdecker des nach ihm benannten Doppler-Effekts) und Marcel Mariën (belgischer Schriftsteller und Kunstkritiker). Den Zusammenhang zwischen der Handlung und den drei Männern konnte ich nur mühsam konstruieren, die Exkurse lenkten von der eigentlichen Handlung eher ab.

Insgesamt hinterlässt Doppler bei mir einen zwiespältigen Eindruck. Den im Klappentext angekündigten Humor habe ich nicht wahrgenommen, über die über der Kernhandlung stehenden Themen wurde in den letzten Jahren bereits oft geschrieben. Der Roman ist trotz dieser Kritik interessant geschrieben und bringt für alle, denen das Landleben vor 50 Jahren und die Prägungen durch den Zweiten Weltkrieg noch fremd ist, etliche Erkenntnisse.

Doppler ist 2023 im Verlag Müry Salzmann erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro.

Der Roman stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2023 und ist im Rahmen des Österreichischen Buchpreises für den Debütpreis nominiert.