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Freitag, 11. Juli 2025

# 480 - Ein tödliches Testament

Der bekannte und wohlhabende Seidenfabrikant Sahei Inugami hat sowohl sein Unternehmen als auch seine Familie streng patriarchalisch geführt. 1945 stirbt der 81-Jährige in seinem Anwesen am Nasu-See im Kreis seiner Familie. Nur sein Anwalt Kyozo Furudate ahnt, dass mit dem letzten Atemzug des alten Mannes keine guten Zeiten anbrechen. Furudates ungutes Gefühl soll sich in Der Inugami-Fluch des japanischen Krimi-Autors Seishi Yokomizo bewahrheiten. Das Buch ist der vierte Band einer Reihe um den unkonventionellen, aber erfolgreichen Privatdetektiv Kosuke Kindaichi.

Kindaichi wird von einem Mitarbeiter Furudates gebeten, unverzüglich an den Nasu-See zu kommen. Jemand hat unbefugt Inugamis Testament gelesen, der Detektiv soll nun das Schlimmste verhindern. Doch Kindaichi lernt den Mitarbeiter nicht mehr kennen, weil dieser vergiftet wird. Kindaichis Interesse ist geweckt. Mit Erlaubnis der Familie nimmt er an der Testamentseröffnung teil und erlebt hautnah das Entsetzen der Angehörigen: Das Testament des Verstorbenen sieht vor, dass nicht etwa Inugamis drei Töchter oder seine Enkelkinder bedacht werden sollen, sondern die junge und sehr schöne Tamayo Nonomiya das Vermögen erbt. Tamayo ist allerdings kein Familienmitglied, sondern die Enkelin eines Priesters. Dieser kümmerte sich um den damals 17-jährigen Waisen Inugami und hat ihn sein ganzes Leben lang unterstützt.

Tamayos Erbschaft ist jedoch an eine Bedingung geknüpft: Sie muss innerhalb von drei Monaten einen der Enkelsöhne heiraten. Tut sie es nicht, verfällt ihr Anspruch. Als Nacherbe hat Inugami einen unehelichen Sohn benannt, der seit langer Zeit als verschollen gilt und von der Familie totgeschwiegen wird. Die Erbkonstellation setzt eine Mordserie in Gang, bei der die Toten in bizarren Situationen aufgefunden werden.

Privatermittler Kindaichi findet sich bei seinen Nachforschungen in einem Geflecht von Intrigen, Lügen, heimlichen Liebschaften und enttäuschten Hoffnungen wieder, das er entwirren muss, um herauszufinden, wer für die Morde verantwortlich ist.

Lesen?

Vor mehr als zwei Jahren habe ich hier den ersten Band der 77-teiligen Krimiserie um den Detektiv Kosuke Kindaichi Die rätselhaften Honjin-Morde  vorgestellt. Der Autor Seishi Yokomizo ist bereits seit über vierzig Jahren verstorben, seine Bücher sind in Japan jedoch noch immer populär. Sie bieten einen Einblick in frühere Gepflogenheiten des Landes, an die sich heute nur wenige Menschen erinnern. Bei Yokomizo wird nicht nur gemordet, um jemanden aus dem Weg zu schaffen; es wird gemordet, um mit viel Symbolik und Anspielungen auf Landes- oder Familientraditionen Botschaften zu vermitteln. Das trägt wesentlich zur etwas mystischen Atmosphäre des Krimis bei.

Unübersehbar ist die Beurteilung von Frauen: Yokomizos männliche Figuren beurteilen ihren Wert vor allem nach ihrem Aussehen und ihrer Zugewandtheit. Es wird deutlich, dass Frauen unterhalb von Männern stehen. Diese Sichtweise besteht in der japanischen Gesellschaft seit dem 6. Jahrhundert, als der Konfuzianismus begann, sich im Land auszubreiten. Der Inugami-Fluch ist also nicht nur die Geschichte eines Kriminalfalls, sondern auch ein Blick in eine uns fremde Kultur in einer zurückliegenden Zeit.

Der Inugami-Fluch wurde 1951 im japanischen Original erstmals unter dem Titel Die Familie Inugami veröffentlicht. Der von Ursula Gräfe ins Deutsche übersetzte Krimi erschien 2025 bei Blumenbar, einem Imprint des Aufbau-Verlags. Das Buch (Hardcover) kostet 24 Euro, als E-Book 14,99 Euro.

Sonntag, 16. Juni 2024

# 440 - China, wer bist du?

Mehr als 7.000 Kilometer Luftlinie liegen zwischen der
deutschen Hauptstadt Berlin und der chinesischen Hauptstadt Peking. Was wir von hier aus über das "Reich der Mitte" wahrnehmen: große Wirtschaftsmacht, viele Einwohner, einen seine Macht stetig ausbauenden
 Präsidenten Xi Jinping, starke Überwachung der Bevölkerung, chinesisches Porzellan, Buddhismus. Wir glauben, durch die vielen chinesischen Restaurants in Deutschland die chinesische Küche zu kennen, und erinnern uns, wenn wir alt genug sind, an das Foto von Mao Tse-Tung, der mit seiner diktatorischen Politik das Land von 1949 bis 1973 beherrschte, was - je nach Schätzung - 40 bis 80 Millionen Menschen den Tod brachte.

Was wir nicht wissen: Wie geht es der chinesischen Bevölkerung heute? Was ist den Menschen wichtig, worauf legen sie Wert - oder worauf nicht?
Diese Fragen und insbesondere die, was Chinesinnen und Chinesen unter Glück verstehen, hat sich auch die Schriftstellerin und Glücksforscherin Simone Harre gestellt. Innerhalb von fünf Jahren hat sie in mehreren Interviewreisen zahlreiche Gespräche mit Frauen und Männern zwischen Peking im Norden und Yangshuo im Süden der Volksrepublik geführt. 50 dieser Interviews hat sie in ihrem Buch China, wer bist du? versammelt. Ganz überwiegend kommen hier Männer zu Wort; nur zehn Frauen haben mit Simone Harre über ihre Vorstellung vom Glücklichsein gesprochen. Die Gründe für dieses Ungleichgewicht bleiben unerwähnt.

Harre ahnte, dass es nicht so einfach sein würde, Interviews zum Thema Glück in Gang zu bringen. Darum hat sie als "Türöffner" zu Beginn der Unterhaltungen zwei Fragen gestellt:
Welche Blume möchtest du sein? und Ist das Glas halb voll oder halb leer?

Für viele der Interviewten war das Gespräch mit der Autorin sehr herausfordernd, weil diese ihnen Fragen stellte, die sie sich selbst nie gestellt hatten. 

Harre ist es gelungen, Interviewpartnerinnen und -partner aus allen Gesellschaftsschichten zu finden. Von der Straßenverkäuferin über den Taxifahrer bis zum Chefkoch oder Professor stehen ihr die unterschiedlichsten Menschen Rede und Antwort. Die Mehrzahl der Befragten lebt in einer Großstadt, einige jedoch auf dem Land. Auffällig ist die hohe Zahl der Hochschulabsolventen, die allerdings nach ihrem Uni-Abschluss nicht unbedingt im selben Bereich, den sie studiert haben, arbeiten. Auffällig ist auch, wie viele Menschen auf verschiedenen Gebieten gleichzeitig tätig sind und das Scheitern von Unternehmen nicht mit Versagen und Resignation gleichsetzen. Die übliche Haltung ist eher: Wenn dieses Projekt nicht funktioniert, dann vielleicht ein anderes. Eine Einstellung, die für uns ungewohnt ist.

Zahlreiche Gesprächspartner haben in ihrer Kindheit und Jugend in tiefster Armut gelebt, viele sogar gehungert. Das betrifft vor allem die Generation der um 1970 Geborenen. Diese hat die kollektive Erfahrung gemacht, dass Fleiß und Erfolg sehr wichtig sind. Selbstverwirklichung kommt in ihrem Denken nicht vor.
Neben dem beruflichen Erfolg ist die Familie von großer Bedeutung. Zu heiraten und eine Familie zu gründen wird von den eigenen Eltern und der Gesellschaft zwar weniger strikt erwartet als noch vor etwa zwanzig Jahren, ist aber trotzdem als sehr erwünschter Teil des Lebens verankert. Individualismus, wie wir ihn aus unserem westlichen Selbstverständnis kennen, steckt in China noch in den Kinderschuhen.

Die Familie ist auch ein Ersatz für den praktisch nicht vorhandenen Sozialstaat. Wer in eine Notlage gerät und weder Geld noch helfende Angehörige hat, hat ein Problem. Die Vorstellung von sozialer Verantwortung beschränkt sich folgerichtig auf die eigene Familie.

Lesen?

Simone Harre ist es gelungen, die Menschen zum Nachdenken über sich selbst zu bringen - was eine besondere Leistung ist, da Selbstreflexion in der chinesischen Gesellschaft nicht verankert ist.
Es gelingt ihr, ein authentisches Bild von den Menschen zu zeichnen und uns so einen ungewöhnlichen Einblick in die "Seele" des Riesenreichs zu ermöglichen. 

China, wer bist du? ist allen zu empfehlen, die sich abseits der üblichen Reiseführer ein Bild vom heutigen China machen wollen. Ich bin mir sicher, dass viele überrascht sein werden, inwieweit alte Traditionen im modernen China noch eine Rolle spielen.

Die sehr schöne Aufmachung macht das positive Bild komplett: Der Einband besteht aus starker Pappe, zu jedem Interview gibt es mindestens ein Porträtfoto der befragten Person. Dafür wurde das Buch 2020 beim Wettbewerb der Stiftung Buchkunst "Die schönsten deutschen Bücher" mit der Silbermedaille ausgezeichnet.

China, wer bist du? ist 2020 im Verlag Reisedepeschen Berlin erschienen und kostet 26 Euro.


Freitag, 10. Mai 2024

# 436 - Die Krise und der Schatz

Quelle Foto: Verlagsbuchhandlung Liebeskind 
Die Welt ist voller Krisen, die sich geradezu zu stapeln
scheinen. Zahlreiche Menschen empfinden diese Entwicklung als Bedrohung, und viele von denen, die es sich leisten können, lassen sich in ihre Eigenheime private komfortable Bunker für den Ernstfall einbauen - wie immer der am Tag X aussehen mag. Doch was ist mit den Leuten, die ebenfalls Angst, aber weniger Geld haben?

Segismundo García II. ist der Erzähler in dem Roman Ein sicherer Ort des spanischen Schriftstellers Isaac Rosa und hat für sie die Geschäftsidee: Er bietet ihnen den Einbau eines "Sicheren Ortes" an. Dafür eignen sich mehr Gebäudeteile als man ahnt: Segismundo empfiehlt hierfür nicht nur mit Gerümpel vollgestellte Kellerabteile oder Garagen, sondern auch winzige, mit einer Holzklappe abgedeckte Erdlöcher. Wo ein Wille ist, sollte auch ein Weg sein.
Die Nachfrage ist da, aber um seine Idee erfolgreich umzusetzen, braucht Segismundo vor allem Geld. Geld, das er nicht hat und ihm die Bank nicht geben wird. Denn: Sein Vater, Segismundo "der Große", hatte sich mit Billig-Zahnkliniken einst von ganz unten nach ganz oben gearbeitet, die Firmendaten etwas aus dem Blick verloren und war wegen Betrugs zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Ein sozialer Absturz, von dem er sich nicht mehr erholen sollte und der auch das Leben seiner Frau und seines Sohnes aus der Bahn warf. Wer also "Segismundo García" in eine Suchmaschine eingibt, findet zunächst Artikel über die kriminellen Machenschaften des alten Mannes. Der Name ist verbrannt.

Vor seinem Haftantritt hatte Segismundo I. allerdings vorgesorgt und einen Teil des ergaunerten Geldes versteckt. Mittlerweile wurde er zwar entlassen und lebt in einer Wohnung in Madrid, aber seine Demenz hat ihn seine Vergangenheit vergessen lassen. Er wird von einer Pflegerin rund um die Uhr betreut und ist als alter Mann so freundlich, wie er es früher nie war. Hoffnung geben dem Sohn jedoch die spontanen Gänge des Vaters durch die Straßen der Hauptstadt: Segismundo II. hofft, dass sein Vater sich irgendwann an das Geldversteck erinnert und damit unwissentlich die Geldprobleme seines Sohnes und Enkels löst. Ein Peilsender am Handgelenk des Seniors verrät, welche Route er nimmt.

Segismundo III. ist noch Schüler und ebenso schlitzohrig wie Vater und Großvater. Als noch genug Geld da war, hat man ihn auf eine Privatschule geschickt, um ihm die Chance auf ein gutes und erfolgreiches Leben zu geben. Doch Segis, wie er von seinem Vater genannt wird, investiert seine Zeit lieber in Sportwetten und sammelt von seinen reichen Mitschülern Wetteinsätze ein. Aktuell befindet er sich jedoch wie sein Vater in Schwierigkeiten und braucht wie er dringend Geld.

Lesen?

Isaac Rosa greift sehr gekonnt die Ängste auf, die Teile der Gesellschaft umtreiben: Der Wunsch nach dem sozialen Aufstieg geht Hand in Hand mit der Angst vor dem Abstieg; die allgemeine Panikmache befördert die Sorge, es könnte zu Ereignissen kommen, die die Menschheit ins Elend stürzen oder gar auslöschen. Rette sich, wer kann.

Diesen Ängsten wird in diesem Roman entweder mit dem egoistischen Einbunkern oder mit dem Gegenteil, einer auf Zusammenhalt und Kooperation basierenden Gesellschaft, die Segismundo II. spöttisch als "Tonkrügler" bezeichnet, begegnet. Er erzählt seinem dementen Vater in der seltenen "Du-Form" seine Sicht auf dessen Leben und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Am Ende schimmert so etwas wie Versöhnlichkeit gegenüber dem alten Vater durch - oder ist es Resignation?

Ein sicherer Ort ist 2022 in der Originalausgabe unter dem Titel Lugar Seguro erschienen und wurde in der deutschen Übersetzung von Luis Ruby 2024 von der Verlagsbuchhandlung Liebeskind herausgebracht.
Der Roman kostet als gebundenes Buch 24 Euro und als E-Book 18,99 Euro.


Freitag, 20. Mai 2022

# 348 - Finnland ist der Nabel der Welt!

Der Bestsellerautor Tuomas Kyrö gilt in seiner Heimat
als Garant für humorvolle und etwas abgedrehte Bücher. Sein Roman Kunkku ist da keine Ausnahme.

"Kunkku" bedeutet auf Deutsch "Der König", und genau der steht im Mittelpunkt des Romans: Kalle XIV. Penttinen von Finnland. Das Land im hohen Norden Europas gilt in der ganzen Welt als vorbildlich und einflussreich, in vielen Bereichen hat es die Nase vorn.

Das Problem ist nur: Der Vater des 1947 geborenen Kalle ist früh verstorben, sodass der lebenslustige Prinz viel eher als ihm lieb ist zum König gekrönt wird. Und das bedeutet: Alles, was ihm im Leben am besten gefällt - Frauen mit großen Brüsten, Autos und das Tennisspiel - findet ab sofort am besten gar nicht mehr statt. Oder so, dass der Hofmarschall die schlimmsten Ausschweifungen vertuschen kann.

Der König will im Grunde nur die schönen Seiten des Königslebens auskosten - eben die oben genannten. Ein großes Problem ist sein Charakter: Er ist zwar ein erwachsener Mann, hat aber das Gemüt eines pubertierenden 15-Jährigen. In seinem Gehirn geht es manchmal drunter und drüber, zu oft trifft er die falschen Entscheidungen.

Als er die estnische Schauspielerin Sofi kennenlernt, wendet sich zunächst alles zum Guten. Die Beziehung lässt sich gut an, doch dann merkt Sofi, dass ihr Kalles Gesellschaft zu eintönig ist. Noch bevor sie sich von ihm trennt, wird sie schwanger. Kalles starker Samen hat alle Hindernisse - aka Verhütung - überwunden. Und da das ungeborene Kind ja nicht irgendein Kind, sondern die spätere Thronfolgerin oder der Thronfolger wird, kommt nur eine Hochzeit der beiden jungen Leute infrage.

Der Roman erzählt abwechselnd das chaotische Leben des finnischen Königs und das von Pena, einem älteren finnischen Sozialhilfeempfänger, dem die Frau davongelaufen ist. Schnell wird deutlich, dass es um zwei Lebensabschnitte von ein und derselben Person geht: Die Regentschaft von Kalle XIV. Penttinen von Finnland hat ein abruptes Ende genommen. Die Naivität des Königs, sein Hang zum Fremdgehen und seine Sprunghaftigkeit haben das einst großartige finnische Königshaus zum Einsturz gebracht.

Lesen?

Kunkku ist eine humorvolle Gesellschaftssatire um einen König, dessen Leben "zufällig" Ähnlichkeit mit dem eines tatsächlich existierenden nordeuropäischen Monarchen hat, der ein Jahr früher als Kyrös fiktive Figur in einem Land westlich von Finnland zur Welt kam. Mit leichter Hand wird nebenbei die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu geschrieben: Die Rote Armee Fraktion wird Ende der 1970-er Jahre zur stärksten Fraktion des schwedischen Parlaments und läutet den Niedergang des Landes bis zur völligen Bedeutungslosigkeit ein. 
Finnland entwickelt sich seit den 1950-er Jahren zu einem multikulturellen Staat, der mit Gegenden wie Chinatown in Kuopio oder Klein-Ghana in Vantaa Touristenströme anzieht. In der Film- und Musikbranche ist das Land international führend.
Pünktlich zur Jahrtausendwende rücken Europa und Asien näher zusammen und gründen die Euro-Asiatische Union. Die Gründungsmitglieder sind Frankreich, Deutschland, Japan, China und das vereinigte (!) Korea. Durch die enge kulturelle und wirtschaftliche Verflechtung sollen Kriege und Handelsstreitigkeiten verhindert werden. 

Und dann ist da auch noch John F. Kennedy, der für Tuomas Kyrö noch lange nicht tot ist, sondern Kalle XIV. immer wieder beratend zur Seite steht. Gute Aussichten, oder?

Kunkku ist ein Lesetipp für alle, die etwas für schrägen Humor und absurde Geschichten übrig haben. Das Buch ist 2014 bei Hoffmann & Campe erschienen und kostet 25 Euro. Mir lag die Paperback-Ausgabe aus dem Verlag Bastei Lübbe vor, die 2016 erschienen und nur noch antiquarisch zu bekommen ist.


Sonntag, 17. Oktober 2021

# 312 - Ein Roadtrip mit der Mutter durch die Familiengeschichte

1995 gelang Christian Kracht mit seinem Debütroman Faserland ein großer Erfolg: Ein junger Mann in seinen Zwanzigern, aufgewachsen in einer reichen Familie, reist von Sylt in mehreren Etappen Richtung Süden, erlebt teils verstörende Situationen und fühlt sich erst in Zürich, dem Endpunkt seiner Reise, wohl. 

Mit seinem neuesten Buch Eurotrash setzt Kracht die Reise des damals namenlosen Ich-Erzählers fort. Doch diesmal wird klar: Im aktuellen Roman geht es um ihn selbst - aber nicht nur. 

Christian Kracht wird von seiner Mutter angerufen, die ihn bittet, möglichst bald zu ihr nach Zürich zu kommen. Die über 80-jährige demente Mutter wird als gescheiterte Person geschildert: eine alkohol- und tablettenabhängige Frau, die Zeiten in der geschlossenen Psychiatrie hinter sich hat und in den letzten Jahren, in denen sie zu Hause lebte, von ihrer Haushälterin massiv bestohlen wurde, ohne es zu merken. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit mäkelt sie an ihrem Sohn herum. Der Reichtum, in dem sie ihr Leben verbracht hat, hat sie nicht glücklich gemacht. Die Sammlung an Schuhen und Zobelmänteln hat sie nicht aus ihrem psychischen Leid herausgeführt (wie auch?). Die Scheidung von ihrem Mann hat sie offenbar einsam und zynisch gemacht.

Kracht kommt bei seiner Mutter an und es dauert nicht lange, bis der erste Streit zwischen ihnen losbricht. Er erkennt, dass sich ihr Gespräch nach einem seit Jahrzehnten wiederholenden Muster entwickelt hat und beschließt spontan, dieses Muster an Ort und Stelle zu durchbrechen. Den ersten Gedanken, der Kracht in den Sinn kommt, spricht er sofort aus: Er schlägt seiner Mutter vor, gemeinsam zu verreisen. Sofort. Ein paar Sachen sind schnell gepackt, leider realisiert Kracht erst jetzt, das seine Mutter ein Stoma trägt und nun er derjenige sein wird, der es regelmäßig wechseln muss.

Mit 600.000 Franken in der Plastiktüte machen sie sich im Taxi auf den Weg. Mutters Wunsch: endlich die Elefanten in Afrika sehen. Was daraus wird: eine Fahrt durch die Schweiz, in deren Verlauf Mutter und Sohn an Orten Halt machen, die ihre Leben geprägt haben. Die Demenz der Mutter ist so weit fortgeschritten, dass sie sich nicht nur an Ereignisse aus der Vergangenheit kaum erinnern kann, sondern auch nicht erkennt, dass sie von ihrem Sohn permanent belogen wird: Sie glaubt ihm, dass es sich bei einer Herberge einer alternativen Kommune um ein gutes Hotel handelt und auch, dass er tatsächlich vor hat, mit ihr nach Afrika zu fliegen. Der Taxifahrer hat am Ende der Fahrt keine finanziellen Sorgen mehr.

Lesen?

Eurotrash ist mehr als nur die Erzählung eines seltsamen Roadtrips. Kracht schildert, wie sehr seine Familie mit dem Nationalsozialismus verwoben war, wie sein Vater zu seinem großen Vermögen gekommen ist und wie er selbst dessen Zurschaustellung seines Reichtums verachtet. Er beschreibt den Vater, der ebenfalls Christian Kracht hieß, als einen Menschen, der immer nach Anerkennung gierte und sich mit den Symbolen eines reichen Menschen umgab, ohne das entsprechende Auftreten zu haben. 

Wie nebenbei fallen zahlreiche Namen bekannter Personen, mit denen die Familie wie selbstverständlich Umgang hatte: Ein Haus wurde von Margie Jürgens, der Witwe des Schauspielers Curd Jürgens, zum Kauf angeboten; Kracht sen. war die rechte Hand des Verlegers Axel Springer, was ihn zu einem reichen Mann machte; der britische Erfolgsautor William Somerset Maugham war der Nachbar der Familie Kracht; ein anderer Nachbar war Mohamed Al-Fayed, der Freund der britischen Prinzessin Diana, der mit ihr bei einem Autounfall in Paris 1997 ums Leben kam; der Vater hatte in der gepanzerten Villa des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß mit dem Hausherrn Fisch gegessen, während seine Frau draußen im Auto wartete. 

Die Schilderung der Fahrt wird immer wieder durch Betrachtungen der Leben von Eltern und Großeltern unterbrochen.
Der Großvater mütterlicherseits war Untersturmführer der SS. In einem verriegelten Schrank fand man nach seinem Tod sadomasochistische Sex-Utensilien.
Krachts Mutter war als Elfjährige mehrmals von einem Fahrradhändler vergewaltigt worden, der einer Strafe dadurch entging, dass er mit dem damaligen örtlichen NSDAP-Bürgermeister verwandt war. Diese Erfahrung teilt sie mit ihrem Sohn, der im ähnlichen Alter im Internat von einem Geistlichen missbraucht wurde.
Der 1921 geborene Vater wollte verhindern, als Soldat an die Ostfront geschickt zu werden. Ein befreundeter Stabsarzt setzte ihn daraufhin in die eiskalte Elbe und injizierte ihm sicherheitshalber Typhuserreger, damit Kracht sen. nicht als Kanonenfutter dienen musste.

Kracht spricht die lückenhafte Entnazifizierung in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg, den Erfolg von rassistischen Kinderbüchern in den 1950-er und 1960-er Jahren und das Doppelleben seines häufig fremdgehenden Vaters an.

Aber: Das Buch hat nur etwas mehr als 200 Seiten. Auf diesen Seiten drängen sich Fakten und Erzählungen, denen jedoch jeweils nicht viel Raum gegeben wird, um sich wirklich zu entfalten. Unklar bleibt, ob es diese spontane Kurzreise mit der Mutter wirklich gegeben hat und Kracht sie so wiedergibt, wie sie sich abgespielt hat. In diesem Fall wäre die Themenvielfalt nachvollziehbar. Sollte die Figur des Christian Kracht im Roman nicht mit der Person des Autors übereinstimmen, wäre sie es nicht.

Eurotrash ist 2021 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet 22 Euro. 
Der Roman ist für den Deutschen Buchpreis 2021 nominiert worden.

Montag, 28. Dezember 2020

# 271 - Ist das die öffentlich-rechtliche Medienwelt?

Vor acht Jahren hat der Journalist Jens Jessen mit seinem Roman Im falschen Bett seine schriftstellerischen Scheinwerfer gleich auf mehrere Szenerien geworfen: auf das Selbstverständnis derer, die sich zur gehobenen bürgerlichen Schicht Münchens zählen, den Umgang des (öffentlich-rechtlichen) Fernsehens mit Menschen und Geld, das Aufeinanderprallen von unterschiedlichen Gesellschaftsschichten im selben Umfeld sowie das sogenannte "zweite München", in dem die Reichen und Mächtigen sich junger Frauen bedienen, als seien sie ihr Spielzeug.

Im Mittelpunkt stehen der TV-Produzent Dr. Torsten Welske, der von allen nur als "der Bonze" bezeichnet wird, und die deutlich jüngere Christina Laroche. Die beiden lernen sich während eines Castings einer Fernsehshow kennen, und der Bonze verliebt sich in sie, weil sie sich in ihrer Unauffälligkeit und Zurückhaltung deutlich von den anderen Kandidatinnen unterscheidet, auf die normalerweise sein Blick fällt.

Was in diesem Roman passiert, wird aus der Perspektive eines Ich-Erzählers geschildert, der als Praktikant die folgenden Ereignisse erlebt oder aber von anderen ins Bild gesetzt wird. Er ist Student an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität und lebt in einer Studenten-WG, in der das seltsame Verhältnis zwischen Christina und dem Bonzen interessiert verfolgt und gern kommentiert wird.

Die Beziehung zu Christina ist kurz, entwickelt sich aber für den Bonzen zu einem Desaster. Zu spät erfährt er, dass Christina die Patentochter von Oberkirchenrat Neander ist, der als Mitglied des Rundfunkrates immer wieder beim Bonzen auftaucht und ihm auf den Zahn fühlt: Wie ist das eigentlich mit dem Sponsoring von lokalen Unternehmern, deren Produkte in den Fernsehsendungen des Produzenten gezeigt werden? Fließt da nicht auch Geld, das möglicherweise dem Sender vorenthalten wird? 

Doch der Oberkirchenrat ahnt nicht, wessen Groll er sich da zuzieht: Der kleine Rachefeldzug des Bonzen wird ihn und seine drei mit ihm zusammenlebenden alten Tanten die Wohnung kosten. Es wird intrigiert, es wird gestorben und irgendwie kennt jeder um ein paar Ecken jeden - was nicht immer gut ist. Immer wieder fragt man sich beim Lesen, wie groß das Körnchen Wahrheit wohl sein mag, das Jessen in seine Geschichte eingestreut hat. Das kann der Autor am besten selbst beantworten, der zum Zeitpunkt der Romanveröffentlichung Ressortleiter des Feuilletons der Wochenzeitschrift "Die Zeit" gewesen ist.

Einen Hinweis gibt Jessen mit dem Zitat eines mittlerweile verstorbenen einflussreichen Medienunternehmers: "Im Seichten kann man nicht ertrinken", war ein Ausspruch von Leo Kirch, der damit auf die Kritik hinsichtlich des niedrigen Niveaus der Sendungen seiner privaten Fernsehsender reagierte.

Doch im Abspann stellt Jessen klar, dass es Produzenten wie den in seinem Roman beschriebenen in öffentlich-rechtlichen Sendern nicht gibt und er sich alle Personen, Gremien, Gewohnheiten und die ganze Geschichte "aus den Fingern gesaugt" hat.

Lesen?

Im falschen Bett ist ein unterhaltsamer und humorvoller Roman, der einige Untiefen der (Münchener) Gesellschaft und der Fernsehlandschaft aufs Korn nimmt. Ob das Buch als Satire verstanden werden soll, bleibt aber unklar. 

Im falschen Bett ist 2012 im Carl Hanser Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 17,90 Euro sowie als E-Book 6,99 Euro.

Samstag, 5. September 2020

# 255 - Meissener Porzellan ist immer begehrt

Johann Friedrich von Allmen ist durch eine Erbschaft zu Reichtum gekommen. Doch die Titelfigur des Romans Allmen und die Erotik von Martin Suter ist zwar gut darin, das Geld mit vollen Händen auszugeben, aber schlecht im Geldverdienen. Glücklicherweise gibt es da aber Carlos, der für Allmen sowohl Hausangestellter als auch Geschäftspartner bei der auf der Wiederbeschaffung von Kunstwerken spezialisierten Agentur 'Allmen International Inquiries' ist, als auch dessen Partnerin Maria, die für die dringend nötige Bodenständigkeit in diesem Haushalt sorgt. Das Paar lebt illegal in der Schweiz.

Wenn die Schulden zu groß werden, wird Allmen in der Wahl, diesem Zustand abzuhelfen, nicht zimperlich. Und so erwischt ihn der Wachmann Krähenbühler beim Stehlen eines Farbergé-Eis aus einer Vitrine der literarischen Gesellschaft Sternwald. Da der Vorgang auf Krähenbühlers Smartphone per Video festgehalten ist, ist Allmen nun erpressbar. Diesen Umstand nutzt Krähenbühler, um Allmen von einem Geschäft zu "überzeugen": Seine Firma 'Allsecur' sorgt für das Verschwinden von Wertgegenständen und Allmens Agentur für deren wundersames Auftauchen.

Krähenbühler ist zu Ohren gekommen, dass in den Räumen der Firma 'Loginew International Transports & Relocation' eine wertvolle Sammlung mit Stücken aus altem Meissener Porzellan lagert. Vor allem diejenigen mit anzüglichen Motiven sind selten und unter Sammlern begehrt. Die Sicherheitsvorkehrungen des Lagerhauses sind allerdings lückenhaft, sodass Allmen und Carlos in der Not zu Dieben werden und einige Porzellanmodelle stehlen. Als der Eigentümer der Sammlung stirbt, wird dessen Enkelin Jasmin Alleinerbin - eine hübsche junge und nun auch reiche Frau, die in einer strengen Sekte keusch und fern von allem Weltlichen erzogen wurde. Der eitle Allmen verliert schon bei der ersten Begegnung sein Herz an sie. Was sind schon fünfundzwanzig Jahre Altersunterschied, wenn endlich die Richtige vor einem steht? Und was ist dagegen einzuwenden, Liebe und Wohlstand miteinander zu verknüpfen?

 

Lesen?

Allmen und die Erotik ist der fünfte Band rund um den veramten Lebemann Johann Friedrich von Allmen, einem Gentleman der alten Schule. Das Buch ist kein Krimi mit einem ausgeprägten Spannungsbogen oder gar viel Gewalt, sondern eher leicht und humorvoll, wobei die Handlung durch die Eigenarten der Hauptfiguren ihre Würze erhält. Für gute Unterhaltung ist gesorgt, zumal das Ende eine echte Überraschung bereithält.

Allmen und die Erotik  ist 2018 im Diogenes Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 20 Euro, als Taschenbuch 13 Euro sowie als E-Book (epub) 10,99 Euro.

Sonntag, 23. Februar 2020

# 230 - Entlang der historischen Seidenstraße

In unserer Zeit ist immer wieder von der "Neuen
Seidenstraße" die Rede, einem Projekt, das von der chinesischen Regierung aus wirtschaftlichen Gründen vorangetrieben wird und in das derzeit schon mehr als 100 Länder eingebunden sind.

Im von Susan Whitfield herausgegebenen Buch Die Seidenstraße - Landschaften und Geschichte geht es allerdings um den Blick zurück bis ca. 200 v. Chr. Innerhalb der folgenden 1.600 Jahre bildeten sich im ganzen afrikanisch-eurasischen Raum überregionale Handelsnetzwerke - sowohl auf Flüssen oder Meeren als auch auf dem Landweg. Nicht nur Seide wurde transportiert, sondern u. a. auch Gewürze, Pelze, Früchte oder Sklaven. Die so entstandenen Handelsbeziehungen zogen den technologischen und kulturellen Austausch zwischen den Völkern nach sich.

Auf einer doppelseitigen Landkarte zu Beginn des Buches sind die Handelsrouten dargestellt. Hier wird deutlich, dass es sich bei der Formulierung "die Seidenstraße" lediglich um eine Vereinfachung handelt, die in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen ist, und nur von einer einzigen Straße keine Rede sein kann.
Schon im 2. Jahrhundert n. Chr. begann die Zeit der Kartographie, die im Laufe der nachfolgenden Jahrhunderte immer besser und vollständiger wurde. So zeigte der in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts auf Mallorca entstandene Katalanische Weltatlas die Welt zwischen China und dem Atlantik so, wie sie damals bekannt war. Der Atlas ist außerdem eine der ersten Fundstellen für die Kompassrose.

Über 80 Autorinnen und Autoren haben mit ihrem Wissen zur Entstehung dieses Buches beigetragen. Die Leser bekommen interessante Informationen über die wichtigsten Handelsstädte von Andalusien bis Osaka und vom Ural bis nach Afrika und Sumatra.  
Susan Whitfield hat die Vielzahl der Informationen nicht chronologisch, sondern nach den Landschaften, die von den Handelswegen durchzogen wurden, strukturiert. So erfährt man im Kapitel, das sich der Steppe widmet, viel über die Völker, die in den chinesischen und iranischen Steppengebieten gelebt haben. Es geht hier zum Beispiel um Befestigungen der Römer, die transkaspische Verteidigungskette der Sasaniden vom Elburs-Gebirge im Iran bis zum Kaukasus oder die Herstellung von Goldschmuck mit Motiven aus den Steppen. 

Doch Die Seidenstraße - Landschaften und Geschichte hat nicht nur hochinteressante Texte, sondern auch sehr viele schöne Fotos und Karten zu bieten, die das Geschriebene noch anschaulicher machen. Einige Fotos zeige ich hier mit freundlicher Genehmigung des Verlags wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) Theiss.


Foto 1: Safranfeld im heutigen Kaschmir



Foto 2: Das Katharinenkloster am Fuß des Berges Sinai war früher eine Festung, die im 6. Jh. erbaut wurde; seit 2002 UNESCO-Weltkulturerbe




Foto 3: Mausoleum des Öldscheitü (reg. 1304 bis 1306), Herrscher der Ilchane, in der damaligen Oasenhausptstadt Soltaniye (Iran); seit 2005 UNESCO-Weltkulturerbe



Foto 4: Pilger an der Kaaba; aus einer für Sultan Iskandar 1140/1141 zusammengestellten Sammlung




Lesen?

Die Seidenstraße - Landschaften und Geschichte ist ein tolles Buch, das man immer wieder zur Hand nehmen kann. Auf mehr als 460 Seiten erfährt man alles Wissenswerte über die früheren Handelswege, was einem internationalen und renommierten Team aus Wissenschaftlern zu verdanken ist. 

Das Buch ist 2019 in der vorliegenden deutschen Ausgabe erschienen und kostet 50 Euro.


Bildnachweise:
  • Foto 1: Roland and Sabine Michaud/akg images
  • Foto 2: Robert Harding/Alamy Stock Photo
  • Foto 3: Roland and Sabine Michaud/akg images
  • Foto 4: Erich Lessing/akg- images

Freitag, 5. Mai 2017

# 98 - Mehr Schein als Sein

So geht's zu in Hollywood

 

Doris Dörrie wird vielen eher durch ihre Filme als ihre Bücher bekannt sein, aber sie hat bisher fast zwei Dutzend Titel veröffentlicht. Und was wird aus mir? ist bereits 1997 erschienen, und man wird beim Lesen den Verdacht nicht los, dass sie ganz bestimmte Personen vor Augen hatte, als sie dieses Buch schrieb.

Hollywood, Arroganz und Generationenkonflikt

 

Johanna, eine Frau um die 50, ist in Deutschland zunächst als Schauspielerin und zuletzt als Requisiteurin an einem Opernhaus gescheitert: Ein ordinärer vergessener Müllsack, der bei der Aufführung von Verdis "Rigoletto" nicht rechtzeitig zur Stelle war, brachte ihr die fristlose Kündigung. Ohne Job und erst recht ohne Perspektive erinnert sie sich an ihren früheren Freund, den Regisseur Rainer. Zusammen mit ihm und der blonden Heidi hatte sie in den 1970er Jahren einen Filmerfolg gelandet, der sie bis nach Hollywood brachte. Deutschsein galt damals im US-Filmgeschäft als "refreshing", und die Drei wurden von einem Filmevent zum nächsten herumgereicht und glaubten, angekommen und erfolgreich zu sein. Doch nach ihrem hochgelobten Film ergab sich für Johanna rein gar nichts mehr. Ihr Zusammenleben mit Rainer war geprägt von Langeweile, während sie stundenlang den Telefonaten ihres Freundes zuhörte oder im öden Hotelzimmer auf ihn wartete. Als sie begriff, dass sie weder bei Rainer noch im Filmgeschäft eine Chance hatte, packte sie ihre Sachen und kehrte nach Deutschland zurück. Und jetzt, arbeits- und mittellos, hofft sie, dass ihr Rainer eine Chance geben kann. Er ist in Hollywood ein gefragter und erfolgreicher Regisseur, der seiner modesüchtigen 15-jährigen Tochter Allegra in den Sommerferien eine Menge bieten kann. Bei ihrer Ankunft in Rainers Villa inmitten einer noblen Nachbarschaft ist sie dann auch beeindruckt von der teuren Einrichtung und dem Pool im Garten. Doch ihr fällt auf, dass sich im Haus nichts Persönliches befindet, das einen Hinweis auf den Menschen Rainer geben würde. Ihr Instinkt lässt sie hier nicht im Stich.

Gepflegter Wahnsinn zwischen Konsum und Einsamkeit

 

Johanna merkt schnell, dass es mit Rainers beruflichem Erfolg nicht weit her ist. Er arbeitet als Nebendarsteller in zweitklassigen Filmen und nimmt immer dann, wenn sich seine verwöhnte Tochter, die ihren Vater verachtet, zu ihrem mehrwöchigen Sommeraufenthalt ankündigt, einen Job als Housesitter in einem edlen Villenviertel an. Dazu gehört praktischerweise auch die Benutzung eines sündhaft teuren Autos. So kann er für Allegra die Lüge vom wohlhabenden und erfolgreichen Filmregisseur aufrechterhalten. Während des restlichen Jahres lebt er in einem billigen Motel und kratzt sein Geld zusammen, um seiner Tochter während ihres Urlaubs bei ihm den spendierfreudigen Vater vorspielen zu können. In diesem Jahr entwickelt sich eine besonders pikante Situation: Rainer hütet das Edel-Domizil des millionenschweren Filmproduzenten Marko Körner und spielt in dessen aktuellem Streifen über Adolf Hitler eine kleine Nebenrolle. Rainer hasst Marko: für seinen Erfolg, für seinen Reichtum und dafür, dass er ihn ungestraft verspotten kann. Er ahnt nicht, dass Marko ein seelisches Wrack ist und seine Tage nur mit der Hilfe von Antidepressiva und dem Kontakt zum Medium Heidi übersteht - eben jener Heidi, die 20 Jahre zuvor gemeinsam mit Rainer und Johanna als aufstrebender Stern am Filmhimmel gefeiert wurde. Auch ihr haben die Studios kein Glück gebracht, deshalb hat sie ihren Schwerpunkt auf eine Form der Esoterik verlegt, die sich geschmeidig an die wechselnden Bedürfnisse der Schönen und Reichen anpasst. Heidi vermittelt Marko mehrmals täglich Gespräche mit der verstorbenen Japanerin Misako, die als 16-Jährige von einem Hochhaus in Tokio gesprungen ist, nachdem ihr konservativer Vater im Internet Fotos gesehen hatte, auf denen seine Tochter als Pornodarstellerin zu sehen war. Misakos Worte aus dem Jenseits führen Marko durchs Leben und geben ihm die Kraft, die er braucht, um sich selbstsicher präsentieren zu können. Misako prophezeit ihm, er werde am Ort des Friedens ein 15-jähriges Mädchen treffen, das ihn retten wird. Sie soll recht behalten.

Lesen?

 

Und was wird aus mir?  beschäftigt sich mit der Flüchtigkeit des Erfolgs, dem schönen Schein des Konsums und der Einsamkeit. Die drei früheren Freunde ringen mit dem Älterwerden, das sie nur schwer akzeptieren können. Doris Dörrie beschreibt den Generationenkonflikt zwischen Rainer und Allegra in einer Weise, wie sie vielen bekannt vorkommen wird: Rainer lebt in dem Irrtum, dass seine Tochter ihn am ehesten akzeptiert, wenn er ihr jeden Wunsch erfüllt. Am Ende des Buches muss sich Rainer mit einem Verlust abfinden, aber ein anderer seiner Träume geht in Erfüllung.
Auch Heidi und Johanna finden ihren Frieden, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise.
Und was wird aus mir? ist eine gut erzählte Geschichte, die allerdings manchmal knapp am Klischee vorbeischrammt. Oder ist das, was wir für ein Klischee halten, die Realität? Wer weiß.

Und was wird aus mir? ist beim Diogenes Verlag als gebundenes Buch erschienen, in dieser Ausgabe jedoch nur noch antiquarisch erhältlich. Als Taschenbuchausgabe kostet der Roman 11,90 Euro, als Hörbuch (9 Audio-CDs) 34,90 Euro.

 

Mittwoch, 12. April 2017

Pulitzer Preis 2017 für Panama Papers

Ehre, wem Ehre gebührt

 

Im August 2016 hatte ich hier das Buch Panama Papers der beiden für die Süddeutsche Zeitung arbeitenden Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier vorgestellt, das nur wenige Tage nach der Veröffentlichung dieses bislang größten Daten-Leaks vorgestellt wurde. Die Reporter hatten einen nicht abreißenden Informationsstrom von einem bis heute unbekannten Whistleblower erhalten, den sie mit den ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nicht bewältigen konnten. Deshalb baten sie um die Hilfe des International Consortium for Investigative Journalists (ICIJ) in Washington D. C., von wo aus 100 Journalisten aus der ganzen Welt für die Mitarbeit an der Datensichtung und -aufbereitung gewonnen werden konnten.

Nun hat das ICIJ stellvertretend für alle an den Recherchen beteiligten Journalisten den Pulitzer Preis 2017 erhalten. Die Redakteure und Autoren Obermayer und Obermaier kamen hierfür nicht in Betracht, weil sich der Preis nur an US-Journalisten und Medien richtet. 

Quelle: www.pulitzer.org
Da die Reaktionen aus der Politik bislang überwiegend eher an eine Mischung aus hektischer Betriebsamkeit und Nebelkerzen erinnern, bleibt die Hoffnung, dass die Aufmerksamkeit durch den Pulitzer Preis das Problem der massiven Steuerhinterziehung wieder nach vorn bringt, damit die skrupellose Bereicherung von einem Prozent der Menschheit auf Kosten der übrigen 99 % zumindest eingedämmt wird.

Was es genau mit den Panama Papers, Whistleblowern und anderen Enthüllungen dieser Art auf sich hat, steht hier.

Freitag, 23. September 2016

# 68 - Mehr Gefühlskälte geht nicht

Der Blick auf die Schönen und Reichen

 

Die Informanten ist mein erstes Buch, das ich von Bret Easton Ellis gelesen habe. Es ist in der Originalausgabe 1994 nach Ellis' damals umstrittenen Buch American Psycho veröffentlicht worden.

Waren das die 1980-er Jahre in L. A.?

 

Ellis schildert das Leben der jungen Reichen in Los Angeles vor 30 Jahren. Sollte auch nur etwas an dieser Schilderung dran sein, hätte man den normalen Bürgern nur empfehlen können: Haut ab, so schnell ihr könnt.
In 13 Kapiteln, die alle aus der Perspektive von Ich-Erzählern geschrieben wurden, geht es um die gähnende Leere im Leben von vom Wohlstand übersättigten Menschen, denen es nicht mehr reicht, einfach nur mit ihren teuren Sportwagen durch die Straßen von Malibu und Bel Air zu kreuzen, ihr Geld mit vollen Händen in überteuerten Läden und Restaurants auszugeben oder sich mit Drogen zuzudröhnen.
Jeder von ihnen ist auf der Suche nach einem neuen Kick, der einen kurzzeitigen Höhepunkt im Tagesablauf schafft. Beziehungen sind derart oberflächlich, dass der Tod eines Menschen, den man gestern noch als seinen besten Freund bezeichnet hat, heute lediglich als Faktum registriert, aber keine Sekunde betrauert wird. Ist ein Mensch weg, kommt vor irgendwoher ein neuer, mit dem man Spaß haben kann.

Wie heißt die Steigerung von Verrohung?

 

Da wird Sex mit Minderjährigen mit Vampirismus kombiniert oder ein Zehnjähriger von der Straße entführt, weil er an einen Vampir weitergegeben werden soll. Doch dann erscheint es spannender und lukrativer, die Eltern des Kindes mit ihm zu erpressen. Doch auch das klappt nicht, weil die Hirne der drei an dem Kidnapping Beteiligten wegen des Nebels aus Drogen und Alkohol in ihnen keinen klaren Gedanken fassen können. Der Junge wird tagelang geknebelt und gefesselt in der Badewanne festgehalten, von einem der Entführer gequält und vom anderen schließlich brutal "entsorgt".

Diese Szene,die sich im elften Kapitel abspielt, hätte mich das Buch fast abbrechen lassen. Nur wer Spaß am Sadismus hat, kann dieser Schilderung noch etwas abgewinnen.     
Die Informanten ist nichts für Zartbesaitete. Der Leser wird zu einem Zuschauer von absurden, selbst- und fremdzerstörerischen und morallosen Szenen. Ich habe keine Ahnung, ob es im L. A. der 1980-er Jahre tatsächlich so zuging, aber ich habe das Buch mit einer Mischung aus Schauder und Erleichterung, dass es nun geschafft ist, nach dem letzten Kapitel zugeklappt.

Die Informanten in der mir vorliegenden Ausgabe ist 2010 als 13. Band in der Reihe Süddeutsche Zeitung Bibliothek: Metropolen: Los Angeles erschienen.

Freitag, 6. Mai 2016

# 49 - Einmal Ägypten - Köln

Zurück zu den Wurzeln - eine gute Entscheidung?

 

Das heutige Buch spielt in Köln, genauer: im Severinsviertel zwischen Ende September 2008 und Anfang März 2009. Die Autorin Ulrike Blatter hat im Februar 2016 ihren Roman Vor dem Erben kommt das Sterben veröffentlicht, der mit der Rückkehr der fast 40-jährigen Blanche in ihre Heimatstadt Köln beginnt. Blanche war zuletzt vor 20 Jahren hier gewesen und wegen der schlechten Erinnerungen geflohen. Sie hatte ihre beste Freundin Eva-Maria, die sie wegen ihrer porzellanweißen Haut und der schwarzen Haare auch "Schneewittchen" genannt hatte, verloren, als die beiden Mädchen 13 Jahre alt waren. An ihrem Tod, der sich vor Blanches Augen abspielte, hatte sie sich eine Mitschuld gegeben. Seitdem war ihr Leben aus der Bahn geraten: Sie hatte sich immer nur durchgemogelt, war nach Berlin abgehauen, um sich danach an den Junkie-Treffpunkten in Frankfurt, Hamburg und Zürich herumzutreiben. Aber jetzt spürt sie so etwas wie Heimweh, das sie in ihre alte Heimat zurücktreibt.

Zurück ins Veedel

 

Das Severinsviertel, das in Köln auch "Vringsveedel" genannt wird, gilt als der kölscheste Stadtteil. Dass seine alteingesessenen Bewohner sich als enge Gemeinschaft betrachten, kommt auch im Buch immer wieder zum Ausdruck. Hier ist Blanche aufgewachsen, als Tochter einer selbstständigen Frisörmeisterin und Enkelin einer resoluten Inhaberin einer Metzgerei. Männer haben in dem Leben der Drei keinen Platz. Die Mutter Lisbeth und die Großmutter ("Omma") sind beide sehr mit ihren Läden beschäftigt, sodass Lara, wie Blanche eigentlich heißt, eher nebenher versorgt wird. Doch nun ist sie wieder da, und da sie keine andere Anlaufstelle hat, wendet sie sich an ihre Mutter, die das Veedel verlassen hat und als Rentnerin in Köln-Höhenberg lebt. Lisbeth hält bei diesem Treffen nicht mit ihrem Ärger hinterm Berg, dass sie viel Geld für die Entzüge und Therapien ihrer Tochter gezahlt hat, das sie lieber in deren Ausbildung gesteckt hätte. Aber nun will sie ihr eine letzte Chance geben: Blanche soll in die alte Wohnung im Veedel ziehen, die die drei Frauen früher bewohnt hatten. Nach Ommas Tod und Lisbeths Auszug steht sie leer. Doch die Sache hat ein paar Haken: Der Baubeginn der Nord-Süd-Stadtbahn hat die Gegend entlang der Streckenführung sehr in Mitleidenschaft gezogen. Die Anwohner müssen nicht nur den ständigen Baulärm ertragen, sondern beobachten auch, dass die Bausubstanz zahlreicher Häuser so sehr leidet, dass sich tiefe Risse durch die Mauern ziehen. Außerdem setzt Lisbeth ihrer Tochter ein Ultimatum: Sie überlässt Blanche die Wohnung für ein halbes Jahr mietfrei, damit diese ihr Leben wieder ordnen kann. Und Blanche hat vor, diese Chance auf ihre Weise zu nutzen.

Wie kann man seinen Mitmenschen das Geld aus der Tasche ziehen?

 

Blanche bewohnt ihre neue Bleibe nicht allein: Schon am Tag ihres Einzugs drängt sich ihr eine weiße Katze förmlich auf, die sie mit ihren smaragdgrünen Augen fixiert und ihrem Blick standhält. Die Katze, die sie aus einer Eingebung heraus Cleo nennt, ist ihr unheimlich, aber sie wird sie nicht mehr los. Was Blanche nicht weiß: Cleo ist nicht irgendeine Katze, sondern die Wiedergeburt der letzten ägyptischen Königin Kleopatra VII., die 30 v. Chr. starb. Kleopatra hat bis zu ihrer Existenz als Katze verschiedene Wiedergeburten durchlaufen, darunter auch als Hexe, die auf einem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Für Cleo ist Blanche keine Fremde: Sie kennt sie bereits seit den 1970-er Jahren, als sie in Gestalt der weißhaarigen Frau Müller das Kind Lara aus dem Haus gegenüber beobachtete. Jetzt hat sie sich vorgenommen, sich um Blanche zu kümmern.

Blanche hat keinen Beruf gelernt und ist sowieso der Meinung, dass normale Arbeit eine Form der Ausbeutung ist. Doch was sie beherrscht, ist die Manipulation ihrer Mitmenschen, und auch auf dem Gebiet der Hypnose hat sie gute Fertigkeiten. Sie beginnt ihre Berufstätigkeit nun als Astro-Beraterin für eine Telefon-Hotline, bei der sie die Anrufer so lange wie möglich hinhält, um deren Telefongebühren in die Höhe zu treiben. Der Verdienst ist für den Anfang nicht schlecht, aber erst als eine Kundin namens Sybille um eine persönliche Beratung bittet, wendet sich das Blatt.

Sybille ist das perfekte Opfer: Sie ist vor Kurzem verwitwet, naiv, kinderlos, in tiefer Trauer um ihren Mann und - das ist am wichtigsten - sehr wohlhabend. Blanche wittert bei dieser labilen Frau ihre Chance, endlich mit geringem Aufwand an viel Geld zu kommen und nutzt ihre Gabe, Menschen zu beeinflussen, aus: Im Laufe mehrerer Sitzungen suggeriert sie der älteren Frau, sie könne sie ihrem verstorbenen Mann näherbringen. Sie versetzt sie in Trance und tischt ihr in sogenannten Rückführungen Liebesgeschichten aus der Kölner Stadtgeschichte auf, die angeblich in grauer Vergangenheit zwischen Sybille und ihrem Mann stattgefunden haben. Die grundehrliche, aber sehr leichtgläubige Sybille fällt auf den Schwindel herein und schöpft aus diesen vermeintlichen Begegnungen mit ihrem geliebten Hubert neuen Lebensmut. Doch Blanche reichen die Honorare für die Sitzungen längst nicht mehr. Sie nutzt ihre Fähigkeiten, um in Sybille einen neuen Wunsch keimen zu lassen: durch den eigenen Tod und eine nachfolgende Wiedergeburt irgendwann wieder mit Hubert vereint zu sein. Und Blanche weiß sehr genau, wie sie dieses Ziel erreichen kann.


Kölner Stadtgeschichte, Tote, Heimtücke und ein guter Zweck

 

Vor dem Erben kommt das Sterben ist ein Roman, der sich interessant und sehr flüssig liest und randvoll mit Kölner Geschichte ist. Ulrike Blatter setzt sich gleich mit mehreren Themenfeldern auseinander, die sie in den Verlauf der Handlung einbaut: Sie beschäftigt sich sowohl mit der Möglichkeit der Reinkarnation als auch dem von zahlreichen Pannen und dem tragischen Einsturz des Stadtarchivs im März 2009 überschatteten Bau der Kölner Nord-Süd-Bahn, deren endgültige Fertigstellung aus heutiger Sicht noch in den Sternen steht. Auch ein weiteres Thema, mit dem sich andere Großstädte ebenfalls beschäftigen, behandelt sie: die Gentrifizierung, also die Abwanderung der finanziell wenig leistungsstarken Bewohner zugunsten des Zuzugs von wohlhabenden Bevölkerungsgruppen. Nicht nur in Köln haben Investoren fragwürdige Methoden, um Wohnhäuser zu "entmieten" und sie anschließend nach einer Sanierung für viel Geld zu vermieten oder zu verkaufen.

Ulrike Blatter spendet 10 % des Verkaufserlöses aus diesem Roman an die  Kölner Stiftung Stadtgedächtnis. Das Geld soll dabei helfen, die bei dem Einsturz des Stadtarchivs beschädigten Dokumente wiederherzustellen.

Vor dem Erben kommt das Sterben wurde bei neobooks als e-Book herausgegeben und kostet 2,49 € (400 Seiten). 

Freitag, 29. April 2016

# 48 - DER Wirtschaftskrimi des Jahres

Wenn ihr nicht wisst, wohin mit eurem Geld...

 

Am 3. April 2016 platzte die Bombe: Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte die Ergebnisse ihrer Recherchen zu den sog. "Panama Papers". Ein bis heute Unbekannter hatte den Journalisten Bastian Obermayer mehr als ein Jahr zuvor per Mail angesprochen und ihn gefragt, ob er Interessen an Daten habe. Dessen Neugier war geweckt. Das Buch Panama Papers - Die Geschichte einer weltweiten Enthüllung der beiden SZ-Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier wurde bereits drei Tage später auf den Markt gebracht und setzt in diesem ersten Augenblick der Kontaktaufnahme mit dem Informanten ein.

Es beginnt mit einer Handvoll Daten

 

Die "Gebrüder Obermay/ier", wie die beiden Kollegen wegen ihrer Namensähnlichkeit redaktionsintern genannt werden, haben zu diesem Zeitpunkt bereits Erfahrung mit Daten-Leaks: Sie haben 2013 über die Offshore-Leaks ebenso berichtet wie 2014 über die Luxemburg-Leaks. 2015 hatten sie über Swiss-Leaks geschrieben. Doch das, was ihnen da in Form eines nicht endenden Datenstroms über einen verschlüsselten Kommunikationsweg übermittelt wurde, sprengte die Dimension alles bisher Dagewesenen: Den Rekord hinsichtlich der Datenmenge hielt mit 260 GB bisher Offshore-Leaks, die Panama-Papers wuchsen an bis auf 2,6 Terabyte (TB), also dem 10-fachen des Offshore-Leaks. Diese gigantische Datenmenge stellte das bislang personell eher kleine Ressort "Investigative Recherchen" der Süddeutschen Zeitung vor ebenso gigantische Herausforderungen: Wie sollte dieser Datenberg jemals umfassend gesichtet und ausgewertet werden? Welche Hardware ist erforderlich, um der Datenmenge Herr zu werden? Wie schafft man es, dass nichts davon vor der Veröffentlichung nach außen dringt?

Eine logistische Herausforderung

 

Die panamaische Anwaltskanzlei Mossack Fonseca hatte bisher nicht im Mittelpunkt irgendwelcher Ermittlungen gestanden. Der anonyme Informant versorgte die Journalisten nun mit einer nicht abreißenden Datenflut, in der die beiden Inhaber, der Deutsche Jürgen Mossack sowie sein Teilhaber Rámon Fonseca, im Mittelpunkt stehen. Es geht um Briefkastenfirmen in den Steueroasen dieser Welt - von Panama bis zu den Britischen Jungferninseln. Die Gründung einer Briefkastenfirma ist für sich genommen nicht strafbar, aber in aller Regel dient diese dazu, das Vermögen der Superreichen rund um den Globus zu verstecken: vor den Steuerbehörden, der Strafverfolgung oder auch der Ehegattin, von der man sich trennen will.
Panama hat selbst die rechtliche Grundlage hierfür geschaffen: Das seit 1927 gültige Gesetz Nr. 32 garantiert, dass sich sowohl die Identität von Firmeninhabern als auch Überweisungen und die Größe von Vermögen geheimhalten lassen. Und nicht nur das: Den Profiteuren dieser Geheimniskrämerei wird auch Steuerfreiheit gewährt. Dem Staat Panama bleiben die Lohnsteuer der Firmenmitarbeiter, die Gewerbesteuer dieser "Sociedades Anónimas" und die Gebühren, die für die Firmengründung fällig werden. Das alles ist rasch zu haben: Die Firmengründer erwartet ein zügiges Verfahren zu vergleichsweise niedrigen Preisen ohne das Risiko, entdeckt zu werden. Ihr Name taucht nur in der die Transaktion abwickelnden Anwaltskanzlei auf - hier Mossack Fonseca. Üblicherweise ist hierbei immer derjenige Eigentümer einer Briefkastenfirma, der die Eigentumsurkunde buchstäblich in den Händen hält.

Der Kreis der Journalisten wird größer

 

Schon früh zeichnete sich ab, dass die vier Ressortmitglieder mit der Aufgabe, die Datenfülle aufzubereiten und darüber zu schreiben, überfordert sein würden. Deshalb wandten sie sich an den Direktor des International Consortium for Investigative Journalists (ICIJ) in Washington D. C. Die Obermay/iers sind beide seit 2013 dort Mitglied, was nur auf Empfehlung oder Einladung möglich ist. Zu diesem Kreis gehören weltweit ca. 200 Journalisten, ihre Arbeit wird nur durch Spender wie z. B. den Milliardär George Soros möglich.
Der ICIJ stieg mit großem Aufwand in das Projekt ein, und es gelang trotz des Umstands, dass mehr als 100 Reporter aus 80 Ländern an der Datenaufbereitung beteiligt waren, dass keine Informationen in unbefugte Hände gelangten. Den Autoren von Panama Papers - Die Geschichte einer weltweiten Enthüllung wurde dabei einmal mehr bewusst, in welch privilegierter Situation sie sich befinden: Den afrikanischen Kollegen fehlte das Geld für ein Flugticket zum Treffen in die USA, die beiden russischen Investigativreporter müssen um ihr Leben fürchten, einige andere Kollegen waren gezwungen sich darüber Gedanken zu machen, wie sie an das nötige Geld für ein leistungsstärkeres Laptop kommen. Das sind nicht die Sorgen, die man sich in München macht: Der Kauf des nach einigen Monaten nötigen Hochleistungsrechners im Wert von mehr als 15.000 Euro wurde ohne Diskussion genehmigt.


Die Daten enthalten zahllose Namen von politisch oder wirtschaftlich bedeutenden Personen aus der ganzen Welt, die Mehrzahl von ihnen aus Asien und Afrika, denen mithilfe der Panama Papers illegale Geschäfte mit Offshore-Konten nachgewiesen werden können. Darunter befinden sich auch sehr bekannte Personen wie die Familie al-Assad, der ehemalige deutsche Spion Werner Mauss oder der Sohn von Kofi Annan. Aber auch Organisationen wie die FIFA und die UEFA sind darunter. Die europäische Presse hat den Fall des Anfang April 2016 zurückgetretenen isländischen Ministerpräsidenten Sigmundur Davíð Gunnlaugsson aufmerksam verfolgt, der der Öffentlichkeit eine von ihm gegründete Briefkastenfirma verschwiegen hatte, die er für 1 Euro auf seine Frau übertrug.

Die Panama Leaks bieten das, was eine Strafverfolgung in den Ländern erst möglich macht: Beweise, und nicht nur Vermutungen und Verdächtigungen.

Die Arbeit an den Panama Papers krempelt das Leben um

 

Für mehr als ein Jahr mussten Bastian Obermeyer und Frederik Obermeier auf ihr Privatleben fast völlig verzichten. Mit dem ICIJ hatten sie eine Deadline vereinbart, bis zu der die Veröffentlichung der Panama Papers in allen weltweit beteiligten Zeitungen zeitgleich stattfinden sollte. Das Buch erzählt nicht nur von den Schwierigkeiten, sogar vor den eigenen Kollegen im SZ-Haus strikte Geheimhaltung zu wahren, sondern auch von den strengen Sicherheitsvorkehrungen, die getroffen werden mussten. Es schildert, dass Recherche süchtig machen kann und man darüber auch schon mal das Essen und Schlafen vergisst. Als sich die australische Firma Nuix bereiterklärte, ihre forensische IT-Software Nuix Investigator gratis zur Verfügung zu stellen, brachen praktisch alle Dämme: Mit diesem Programm, mit dem normalerweise die Börsenaufsichtsbehörde United States Securities and Exchange Commission (SEC) arbeitet, ist es bei der Suche nach Informationen in diesem Datenwust auch möglich, gefundene Daten sofort zu strukturieren, in eine Datenumgebung einzubinden und geordnet abzulegen. Die Autoren bezeichnen den Unterschied zwischen einer herkömmlichen Suchmaschine und Nuix wie den zwischen einer Seifenkiste und einem Formel-1-Rennwagen.

Nicht nur für Leser mit Interesse an Wirtschaftsthemen

 

Bastian Obermeyer und Frederik Obermaier haben sich beim Schreiben von Panama Papers - Die Geschichte einer weltweiten Enthüllung abgewechselt, was man dem Buch nicht anmerkt. Sie haben kein dröges Buch für Fans der Wirtschaftstheorie geschrieben, sondern einen wahren Wirtschaftskrimi, der sich auch ohne Wirtschafts- oder IT-Vorkenntnisse lesen lässt. Sie prangern an, dass 1 % der Menschheit auf Kosten der übrigen 99 % lebt und eigenmächtig darüber entscheidet, ob es überhaupt Steuern bezahlt. Doch sie schlagen auch einen Weg vor, wie die Staaten dieser Welt diese Situation ändern können. Ihre Lösung ist banal, aber es bräuchte den Willen aller Länder, sie umzusetzen. 

Panama Papers - Die Geschichte einer weltweiten Enthüllung kostet als broschierte Ausgabe 16,99 €, als Audio-CD 17,99 € sowie als epub- oder Kindle-Edition 14,99 €. Das Hörbuch ist ab 13. Mai 2016 zum Preis von 18,-- € erhältlich.



Vielen Dank!

Das Buch Panama Papers - Die Geschichte einer weltweiten Enthüllung wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich ganz herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorhandene Exemplare innerhalb eines Werktages. 
Die Kontaktdaten und Öffnungszeiten gibt es hier: Hemminger Buchhandlung