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Mittwoch, 15. Oktober 2025

# 490 - Der große UFA-Bluff - Überleben im 3. Reich

Mit seinem Roman Der große Ufa-Bluff greift Anton Leiss-Huber eine historische Begebenheit auf, die sich 1945 kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs ereignet hat, aber bislang ziemlich unbekannt war.

Die Nationalsozialisten versuchen dem Volk (und wahrscheinlich auch sich selbst) vorzugaukeln, dass der Endsieg nah ist. Doch nicht nur Durchhalteparolen sollen die Stimmung aufhellen, sondern auch Kinofilme. Die erfolgreichen und beliebten Ufa-Schauspielerinnen und -Schauspieler werden hofiert, solange sie dem Regime nützlich sind. Aber mittlerweile gehen den Nazis die Soldaten aus, und so müssen auch die Ufa-Darsteller befürchten, dass man sie zum Volkssturm schickt. Da schmiedet der Produktionsleiter Eberhard Schmidt einen Plan: Gemeinsam mit einer Schauspiel-Crew sowie Erich Kästner und dessen Freundin setzt er sich von Berlin in das Tiroler Dorf Mayrhofen ab. Dort ist es sicherer als in der Hauptstadt. 

Das Team gibt vor, einen kriegswichtigen Film zu drehen - was mangels Material gar nicht möglich ist. Aber der Schein muss sowohl gegenüber den Dorfbewohnern als auch dem Regime aufrechterhalten werden. Das ist nicht so leicht, weil die Neuankömmlinge auf Bauernhöfen untergebracht werden und sich nun mit den Einheimischen die ohnehin zu wenigen Lebensmittel teilen müssen. Die Mayrhofener sind ohnehin nicht gut auf Berlin zu sprechen und beobachten die neuen Mitbürger mit Argwohn.

Nachdem die Finte einige Zeit funktioniert hat, bahnt sich eine Komplikation an: Der Ortsgruppenleiter möchte sich mit ein paar Gästen ansehen, was bislang gedreht wurde. Jetzt ist jede Menge Kreativität gefragt, um die Täuschung aufrecht zu erhalten und die Zeit bis zum hoffentlich bevorstehenden Kriegsende zu überbrücken.

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Anton Leiss-Huber verbindet gekonnt historische Tatsachen mit Fiktion und würzt die Handlung mit Spannung und einer Liebesgeschichte. Der große Ufa-Bluff ist jedoch keine triviale Geschichte, sondern erzählt auch von den existenziellen Ängsten und Nöten aller Beteiligten. 

Anton Leiss-Huber hat die Vorgänge in Mayrhofen genau recherchiert. Die ausführlichste Quelle waren die Aufzeichnungen von Erich Kästner, die unter dem Titel Notabene 45 veröffentlicht wurden. Eines ist klar: Angesichts der zahlreichen Schwierigkeiten, die die Film-Crew bewältigen musste, dürften damals einigen die Schweißperlen auf der Stirn gestanden haben.

Der große Ufa-Bluff ist am 9. Mai 2025 im Gmeiner-Verlag erschienen, einen Tag nach dem 80. Jahrestag der Befreiung der Deutschen vom Nationalsozialismus.
Der Roman kostet 18 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.

Freitag, 5. April 2024

# 431 - Ein Film

Der Roman Ein Film (3000 Meter) ist aus verschiedenen Gründen etwas Besonderes. Er erschien 1926 in Barcelona in der katalanischen Originalausgabe und auf seinem Cover stand der Name des Autors Víctor Català. Doch hierbei handelte es sich um ein Pseudonym der Schriftstellerin Caterina Albert i Paradís. Man kennt das auch von anderen Autorinnen, denen es nicht möglich war, ihre Werke unter ihrem eigenen Namen zu veröffentlichen, weil sie Frauen waren, und die deshalb den Umweg über ein männliches Pseudonym gehen mussten: George Sand beispielsweise wäre unter ihrem Namen Amandine Aurore Lucile Dupin de Francueil wohl für immer unbekannt geblieben. Das gilt auch für die englische Schriftstellerin Mary Ann Evans, deren Roman Middlemarch 2015 von mehr als 80 Kritikern zum bedeutendsten Roman aller Zeiten gekürt wurde. Sie hat das Buch 1872 unter dem Pseudonym George Eliot veröffentlicht.

Die Handlung des Romans spielt um 1910 herum. In Europa werden Kinos gerade populär, ihre Wirkung wird in literarischen Kreisen diskutiert. 
Auch politisch durchlebte Spanien unruhige Zeiten. Es kam vermehrt zu sozialen Spannungen, und das Land stürzte sich in Nordafrika in den verlustreichen Rif-Krieg, um seinen Status als Kolonialmacht auszubauen. Als das zunächst misslang, kam es in Spanien zu innenpolitischen Problemen, die mit Billigung von König Alfonso XIII. 1923 zur Errichtung einer rechtsgerichteten Diktatur unter General Miguel Primo de Rivera führten.
Im Sommer 1909 gab es in Barcelona einen Arbeiteraufstand, der in mehreren Tausend Verhaftungen und einigen Todesurteilen mündete. In der Folge wurden mehrere Bürgerrechte ausgesetzt.

In dieser Atmosphäre der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Unsicherheit ist Ein Film (3000 Meter) angesiedelt. Im Mittelpunkt steht der 22-jährige Nonat Ventura, der als Säugling in einem Waisenhaus in einer ländlichen Gegend Kataloniens abgegeben wird. Er ist intelligent und entwickelt sich zu einem gutaussehenden jungen Mann. Ein Waisenkind zu sein, empfindet er jedoch als Makel und fühlt sich vom Leben benachteiligt. Er ist sich sicher, wohlhabende Eltern zu haben und fühlt sich um ein schönes Leben betrogen. 

Ein kinderloser Schlossermeister aus Girona nimmt den Jungen bei sich auf und behandelt ihn wie einen eigenen Sohn. Doch Nonat strebt nach Höherem: Er liebt schöne Kleidung und den Lebensstil der wohlhabenden Bürger und weiß, dass er niemals deren Status erreichen kann, wenn er ein Leben als Schlosser lebt. Deshalb verlässt er seinen Ziehvater, der ihm zum Abschied eine Goldunze schenkt, die diesem immer Glück gebracht hat. Die Münze soll nun Nonats Talisman sein.

Nonat findet den Namen seiner Taufpatin heraus. Diese lebt mit ihrem Mann in einem Dorf und spürt schnell, dass der Schönling, der an ihre Tür geklopft hat, Ärger mit sich bringen könnte. Da sie vor 22 Jahren geschworen hat, das Geheimnis von Nonats Herkunft für sich zu behalten, tischt sie diesem eine offensichtliche Lüge auf, um ihn rasch loszuwerden. Der sieht sein Heil nun in Barcelona. Sein Gefühl sagt ihm, dass er dort die Antwort auf seine Herkunft finden wird und die Chance hat, mehr aus sich zu machen. Viel mehr.

Nonat schafft es schnell, dank seiner Cleverness und seines guten Aussehens in Barcelona Fuß zu fassen. Er übernimmt eine Werkstatt, die bald gute Kunden hat, und wird in seinem Umfeld geachtet. Aber das ungelöste Rätsel um seine Herkunft treibt ihn um. Außerdem hat die katalonische Hauptstadt Verlockungen, die Nonat von Girona nicht kannte. Wer es sich leisten kann, fährt mit der Straßenbahn oder sogar Droschke, es gibt viele gute Restaurants und auch kulturell ist Barcelona Girona weit überlegen. Doch diese Möglichkeiten, die Nonat gerne wahrnimmt, übersteigen seine Finanzen. Hat er bislang nur gelegentlich etwas in großen Menschenmengen mitgehen lassen, schart er schon bald einige Kleinkriminelle um sich, die das schnelle und leicht verdiente Geld wittern. Was sie nicht wissen: Alle Menschen, die den jungen Mann für ihren Freund hielten, wurden von ihm massiv enttäuscht. Einige, die ihn früher liebten und bewunderten, hassen ihn nun. Nonat ist das gleichgültig, er sieht nur seinen eigenen Vorteil. Aber wie lange kann er sein Glück, das ihm bisher treu war, strapazieren? 

Dann kommt der Tag, an dem Nonat die Goldunze seines Ziehvaters gestohlen wird...

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Ein Film (3000 Meter) wirft ein Licht auf das Leben der Menschen in Katalonien, die vor etwa einhundert Jahren knapp ihr Auskommen hatten oder am Rand der Gesellschaft standen. Nonats brennender Wunsch, ein Mitglied der wohlhabenden Klasse zu sein, zeigt immer wieder, wie groß die Kluft zwischen Arm und Reich war. Doch es war nicht nur das Geld, das ihn von denen "da oben" trennte, sondern auch seine Herkunft, die sich unter anderem in seinem schlechten Spanisch widerspiegelte. 

Catarina Albert i Paradís bettet ihren Roman in ein zeithistorisches Umfeld ein, in dem es in Katalonien und Spanien etliche Erschütterungen gab und man sich neu orientieren musste. Sie gehörte zu den Anhängern des Noucentisme, einer kulturellen und ideologischen Strömung, die mit dem Beginn der Diktatur von Miguel Primo de Rivera ihr abruptes Ende fand. In diese Zeit fiel ihre kreative Krise. Die wenigen Male, in denen sie in ihrem Roman direkt Bezug auf das Kino nimmt, das immer mehr Menschen begeisterte, sind wohl als Annäherung an das neue Medium zu sehen. Catarina Albert i Paradís wird beobachtet haben, welchen Einfluss das Kino auf das Leben und die Gewohnheiten der Menschen nahm. Davon blieb auch die Literatur nicht unberührt.

Einziger Kritikpunkt ist das Fehlen eines Nachworts, das den Kontext für die Romanhandlung liefert. 

Ein Film (3000 Meter) ist 2024 im Kupido Literaturverlag erschienen und wurde sehr lebendig von Petra Zickmann übersetzt.
Der Roman kostet gebunden 29,80 Euro.

Samstag, 18. Februar 2023

# 382 - Ein Filmfestival wird zur tödlichen Veranstaltung

Das Geheimnis des dunklen Hauses ist der sechste
Band einer Krimi-Reihe, in der die Schriftstellerin Margarete von Schwarzkopf ihre Hauptfigur, die Kunsthistorikerin Anna Bentorp, als Laien-Ermittlerin tätig werden lässt.

Anna hat ein untrügliches Gespür dafür, wenn an einer Sache etwas faul ist. Freunde nennen sie deshalb "Miss Marple". Sie ist aber auch ein großer Filmfan, und als ihre Freundin Marianne sie einlädt, als Jurymitglied an einem exklusiven Filmfestival im beschaulichen Eifel-Dorf Angerrath teilzunehmen, das sie gemeinsam mit ihrem Mann auf die Beine gestellt hat, nimmt Anna das Angebot gern an.

Die Jury soll zwar aus aktuellen Filmen die Sieger auswählen, doch der eigentliche Leckerbissen der Veranstaltung ist etwas für eingefleischte Cineasten: Die Tochter des jüdischen Regisseurs Leopold Welfenstein, der 1937 unter ungeklärten Umständen in einem Londoner Filmstudio ums Leben kam, wird aus den USA anreisen und ein Fragment des verschollenen letzten Films ihres Vaters im Gepäck haben. Die Kinowelt ist sich darin einig, dass Welfenstein einer der besten Filmemacher seiner Zeit war, und so sollen auch seine bekannten Werke in Angerrath gezeigt werden.

In dem dem kleinen Ort findet sich ein Publikum ein, das sich die Welt des Films zu eigen gemacht hat: Vom wohlhabenden Sammler von Kinodevotionalien bis zum Betreiber eines kleinen, aber feinen Filmmuseums ist eine bunte Gästemischung vor Ort.

Doch der Frieden soll nicht lange dauern. Ein Filmjournalist, der nicht nur in Angerrath als Querulant von sich reden gemacht hat, wird überfallen und schwer verletzt. Dann verschwindet der Filmstreifen aus dem Zimmer von Welfensteins Tochter. Anna vermutet, dass es einen Zusammenhang mit dem Tod des Regisseurs vor über achtzig Jahren gibt. Ihre Ahnung wird durch weitere Todesfälle untermauert, die im Zusammenhang mit dem verschwundenen Film zu stehen scheinen.

Der Krimi blickt immer wieder in die Zeit der 1930-er Jahre zurück. Während Chief Inspector Howell nicht daran zweifelt, dass sich Welfenstein umgebracht hat, ist sich sein Assistent Kinley da nicht so sicher. Trotz des Verbots seines Vorgesetzten, sich um die Angelegenheit zu kümmern, ermittelt der junge Polizist auf eigene Faust weiter. Im Mittelpunkt seiner Nachforschungen steht dabei die damals sehr einflussreiche Familie Carr, die um jeden Preis die Veröffentlichung von Welfensteins Film verhindern will, obwohl dieser ihn auf deren Wunsch bereits stark verfremdet hat. Was haben die Carrs zu verbergen und wie kommt es, dass sich in ihrer Familie die Todesfälle im Jahr 1900 häufen? Und waren die Unfälle, die weitere Menschen aus Welfensteins Umfeld das Leben kosteten, tatsächlich nur Unglücke oder steckten dahinter eiskalt geplante Morde?

Lesen?

In Das Geheimnis des dunklen Hauses lässt Margarete von Schwarzkopf ihre Protagonisten nicht nur wegen zahlreicher Mordfälle ermitteln, sondern wirft auch einen Blick in die deutsche Geschichte der 1930-er und 1940-er Jahre, als Menschen aus Angst vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten Deutschland verließen. Darunter waren zahlreiche jüdische Künstler und Wissenschaftler. In ihrem Buch sind Fiktion und Elemente aus dem eigenen Leben der Autorin und Journalistin miteinander verwoben und ergeben ein spannendes und stimmiges Gesamtwerk. Wenn es etwas zu kritisieren gäbe, dann wären es die zahlreichen Personen, die die Handlung beeinflussen und manchmal für etwas Unübersichtlichkeit sorgen.

Das Geheimnis des dunklen Hauses ist 2022 im Emons Verlag erschienen und kostet als Paperback-Ausgabe 15 Euro.

Freitag, 28. September 2018

# 169 - Wer trieb die Raketenforschung in den USA voran?

Ein Buch, das die Geschichte der NASA gerade rückt

 

Mit Hidden Figures hat Margot Lee Shetterly ein Buch geschrieben, das sich sehr detailliert mit der Rolle und Position von schwarzen Frauen bei der NASA und ihrer Vorläuferorganisation, dem NACA, seit dem 2. Weltkrieg bis in die 1970-er Jahre beschäftigt. Ein Thema, über das vor dieser Veröffentlichung so gut wie nichts bekannt war.

Die Rolle von schwarzen Mathematikerinnen als "menschliche Computer" 

 

Was zunächst klargestellt werden muss: Hidden Figures wurde insbesondere als 2017 dreifach für den Oscar nominierter Kinofilm bekannt, in dem sich die Handlung um die drei afroamerikanischen Mathematikerinnen Katherine Goble, Dorothy Vaughan und Mary Jackson dreht. Die Vorlage für diesen Film war jedoch kein Roman, sondern ein Sachbuch. Das ist wesentlich für das Verständnis dieses Buches, in dem sich die jahrelange Recherche der Autorin widerspiegelt. Shetterly hat ihre Informationen aus derart vielen Quellen zusammengetragen, dass für die Anmerkungen und die Bibliografie 48 Buchseiten benötigt werden. Die großen geschichtlichen Schlagworte, die hier eine wesentliche Rolle spielen, sind bekannt: Die strikte Rassentrennung in den USA, die sich durch das ganze Leben der US-Amerikaner zog, wurde erst aufgeweicht, als gebildete Schwarze gebraucht wurden, weil es für die Aufgaben, die der NACA vor sich hatte, nicht genügend weißes Fachpersonal gab. Die Mathematikerin Dorothy Vaughan begann ihre Arbeit als menschlicher Computer beim Langley Memorial Aeronautical Laboratory, einer Einrichtung des NACA, im Dezember 1943. Bevor es die heutigen Computer gab wurden Menschen, deren Arbeit es war, komplizierte Berechnungen zu tätigen, als Computer bezeichnet. Die USA hatten es sich in diesem Abschnitt des 2. Weltkriegs zum Ziel gesetzt, ihre Feinde aus der Luft zu besiegen und benötigten technisch hoch entwickelte Flugzeuge.

Als der Krieg vorbei war, litten die Schwarzen unter den Auswirkungen der McCarty-Ära, die mit einer Kommunismus-Hysterie und ausufernden Verschwörungstheorien einher ging.
Katherine Goble trat erst 1953 als wissenschaftliche Mathematikerin in den NACA ein. Zwei Jahre zuvor begann dort Mary Jackson ihre Arbeit. Der Schwerpunkt hatte sich nun auf die Erforschung der Raumfahrt verlegt, da die USA auf diesem Gebiet in einem ständigen und teuren Wettstreit mit der UdSSR standen. Die Arbeit dieser drei schwarzen Wissenschaftlerinnen hat den Erfolg des Mercury- und Apollo-Programms ermöglicht. Geehrt wurde jedoch nur Katherine Goble (später Johnson), die neben meheren NASA-Auszeichnungen und Ehrendoktorwürden 2015 im Alter von 97 Jahren eine der höchsten zivilen Auszeichnungen der USA, die  Presidential Medal of Freedom, erhielt.


Lesen?

 

In Hidden Figures schildert Margot Lee Shetterly sehr genau einen Teil der jüngeren Geschichte der USA, der von der Unterdrückung und Geringschätzung der afroamerikanischen Bevölkerung geprägt war. Der Zugang zu Schlüsselpositionen in der US-Administration für gebildete Schwarze wurde einerseits durch die Beharrlichkeit und große Disziplin von Menschen wie den drei genannten Mathematikerinnen und andererseits durch den großen Mangel an fähigem Personal befördert. Die erfolgreiche Tätigkeit von Katherine Goble, Mary Jackson und Dorothy Vaughan war der Türöffner für die nach ihnen bei der NASA arbeitenden afroamerikanischen Wissenschaftlerinnen. Das Ziel der Gleichberechtigung ist jedoch auch mehr als 50 Jahre später noch nicht erreicht worden.  
Das Buch spricht nicht nur technik- und geschichtsbegeisterte Leser an, sondern auch solche, die sich für gesellschaftliche Themen interessieren. Wissenschaftliche Darstellungen sind nicht mit Fachbegriffen überfrachtet und sehr gut verständlich.

Hidden Figures ist bei HarperCollins erschienen und kostet als Taschebuch 14 Euro sowie als E-Book 12,99 Euro. Ich bedanke mich beim Verlag, der mir das Buch zur Verfügung gestellt hat.

Freitag, 5. Mai 2017

# 98 - Mehr Schein als Sein

So geht's zu in Hollywood

 

Doris Dörrie wird vielen eher durch ihre Filme als ihre Bücher bekannt sein, aber sie hat bisher fast zwei Dutzend Titel veröffentlicht. Und was wird aus mir? ist bereits 1997 erschienen, und man wird beim Lesen den Verdacht nicht los, dass sie ganz bestimmte Personen vor Augen hatte, als sie dieses Buch schrieb.

Hollywood, Arroganz und Generationenkonflikt

 

Johanna, eine Frau um die 50, ist in Deutschland zunächst als Schauspielerin und zuletzt als Requisiteurin an einem Opernhaus gescheitert: Ein ordinärer vergessener Müllsack, der bei der Aufführung von Verdis "Rigoletto" nicht rechtzeitig zur Stelle war, brachte ihr die fristlose Kündigung. Ohne Job und erst recht ohne Perspektive erinnert sie sich an ihren früheren Freund, den Regisseur Rainer. Zusammen mit ihm und der blonden Heidi hatte sie in den 1970er Jahren einen Filmerfolg gelandet, der sie bis nach Hollywood brachte. Deutschsein galt damals im US-Filmgeschäft als "refreshing", und die Drei wurden von einem Filmevent zum nächsten herumgereicht und glaubten, angekommen und erfolgreich zu sein. Doch nach ihrem hochgelobten Film ergab sich für Johanna rein gar nichts mehr. Ihr Zusammenleben mit Rainer war geprägt von Langeweile, während sie stundenlang den Telefonaten ihres Freundes zuhörte oder im öden Hotelzimmer auf ihn wartete. Als sie begriff, dass sie weder bei Rainer noch im Filmgeschäft eine Chance hatte, packte sie ihre Sachen und kehrte nach Deutschland zurück. Und jetzt, arbeits- und mittellos, hofft sie, dass ihr Rainer eine Chance geben kann. Er ist in Hollywood ein gefragter und erfolgreicher Regisseur, der seiner modesüchtigen 15-jährigen Tochter Allegra in den Sommerferien eine Menge bieten kann. Bei ihrer Ankunft in Rainers Villa inmitten einer noblen Nachbarschaft ist sie dann auch beeindruckt von der teuren Einrichtung und dem Pool im Garten. Doch ihr fällt auf, dass sich im Haus nichts Persönliches befindet, das einen Hinweis auf den Menschen Rainer geben würde. Ihr Instinkt lässt sie hier nicht im Stich.

Gepflegter Wahnsinn zwischen Konsum und Einsamkeit

 

Johanna merkt schnell, dass es mit Rainers beruflichem Erfolg nicht weit her ist. Er arbeitet als Nebendarsteller in zweitklassigen Filmen und nimmt immer dann, wenn sich seine verwöhnte Tochter, die ihren Vater verachtet, zu ihrem mehrwöchigen Sommeraufenthalt ankündigt, einen Job als Housesitter in einem edlen Villenviertel an. Dazu gehört praktischerweise auch die Benutzung eines sündhaft teuren Autos. So kann er für Allegra die Lüge vom wohlhabenden und erfolgreichen Filmregisseur aufrechterhalten. Während des restlichen Jahres lebt er in einem billigen Motel und kratzt sein Geld zusammen, um seiner Tochter während ihres Urlaubs bei ihm den spendierfreudigen Vater vorspielen zu können. In diesem Jahr entwickelt sich eine besonders pikante Situation: Rainer hütet das Edel-Domizil des millionenschweren Filmproduzenten Marko Körner und spielt in dessen aktuellem Streifen über Adolf Hitler eine kleine Nebenrolle. Rainer hasst Marko: für seinen Erfolg, für seinen Reichtum und dafür, dass er ihn ungestraft verspotten kann. Er ahnt nicht, dass Marko ein seelisches Wrack ist und seine Tage nur mit der Hilfe von Antidepressiva und dem Kontakt zum Medium Heidi übersteht - eben jener Heidi, die 20 Jahre zuvor gemeinsam mit Rainer und Johanna als aufstrebender Stern am Filmhimmel gefeiert wurde. Auch ihr haben die Studios kein Glück gebracht, deshalb hat sie ihren Schwerpunkt auf eine Form der Esoterik verlegt, die sich geschmeidig an die wechselnden Bedürfnisse der Schönen und Reichen anpasst. Heidi vermittelt Marko mehrmals täglich Gespräche mit der verstorbenen Japanerin Misako, die als 16-Jährige von einem Hochhaus in Tokio gesprungen ist, nachdem ihr konservativer Vater im Internet Fotos gesehen hatte, auf denen seine Tochter als Pornodarstellerin zu sehen war. Misakos Worte aus dem Jenseits führen Marko durchs Leben und geben ihm die Kraft, die er braucht, um sich selbstsicher präsentieren zu können. Misako prophezeit ihm, er werde am Ort des Friedens ein 15-jähriges Mädchen treffen, das ihn retten wird. Sie soll recht behalten.

Lesen?

 

Und was wird aus mir?  beschäftigt sich mit der Flüchtigkeit des Erfolgs, dem schönen Schein des Konsums und der Einsamkeit. Die drei früheren Freunde ringen mit dem Älterwerden, das sie nur schwer akzeptieren können. Doris Dörrie beschreibt den Generationenkonflikt zwischen Rainer und Allegra in einer Weise, wie sie vielen bekannt vorkommen wird: Rainer lebt in dem Irrtum, dass seine Tochter ihn am ehesten akzeptiert, wenn er ihr jeden Wunsch erfüllt. Am Ende des Buches muss sich Rainer mit einem Verlust abfinden, aber ein anderer seiner Träume geht in Erfüllung.
Auch Heidi und Johanna finden ihren Frieden, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise.
Und was wird aus mir? ist eine gut erzählte Geschichte, die allerdings manchmal knapp am Klischee vorbeischrammt. Oder ist das, was wir für ein Klischee halten, die Realität? Wer weiß.

Und was wird aus mir? ist beim Diogenes Verlag als gebundenes Buch erschienen, in dieser Ausgabe jedoch nur noch antiquarisch erhältlich. Als Taschenbuchausgabe kostet der Roman 11,90 Euro, als Hörbuch (9 Audio-CDs) 34,90 Euro.