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Dienstag, 20. Mai 2025

# 475 - Völlig losgelöst im All

Astronautinnen und Astronauten aus verschiedenen
Ländern sowie zwei russische Kosmonauten umkreisen in einer Raumstation die Erde - zwei Frauen und vier Männer. In ihrem Roman 
Umlaufbahnen sieht Samantha Harvey ihnen einen Tag lang zu - in sechzehn Umlaufbahnen à neunzig Minuten.

In etwa 400 Kilometern Höhe bewegt sich die Raumstation seit mehr als 25 Jahren mit einer Geschwindigkeit von rd. 29.000 km/h um den "blauen Planeten". Die sechs Menschen versuchen, sich weit weg von ihrer Heimat und denen, die sie lieben, einen Alltag aufzubauen. Sie schlafen in hängenden Schlafsäcken, machen Sport gegen den Muskelabbau, essen Standardkost aus Tüten und zwischendurch Lebensmittel, die ihnen ihre Angehörigen mit der Versorgungskapsel geschickt haben, und verbringen Zeit mit ihren Kolleginnen und Kollegen. Ihre Arbeit besteht aus wissenschaftlichen Experimenten und der Erledigung von Aufträgen, die sie von der Bodenstation erhalten. 

Samantha Harvey hat jedoch kein nüchtern-technisches Buch geschrieben, sondern der Raumfahrt einen poetisch-emotionalen Anstrich gegeben. Sie schildert den Ausblick der Astronautinnen und Astronauten auf ihren Heimatplaneten in schillernden Worten, wirft einen Blick auf den persönlichen Lebenshintergrund jeder einzelnen Person und macht durch ihre Sprache deutlich, wie sehr in einer Raumstation das Leben im All und das auf der Erde auseinanderfallen. Das, was hunderte Kilometer unter ihnen passiert, hat aus dieser Perspektive einen fast schon surrealen Charakter:
Die Philippinen werden von einem riesigen Taifun heimgesucht, aber von der Raumstation aus sieht man kein Leid, das vom Sturm angerichtet wird, sondern die spektakulären Wolkenformationen, die auf das Land zuziehen. Eines der Crewmitglieder hat während eines Urlaubs eine philippinische Fischerfamilie kennengelernt; dieser persönliche Bezug verdeutlicht die katastrophalen Folgen des Wirbelsturms für die Bewohnerinnen und Bewohner des Landes.
Gleichzeitig erfährt eine der Astronautinnen vom Tod ihrer Mutter. Der bedrückende Moment der Erkenntnis, nicht bei deren Beisetzung dabei sein zu können, schwappt auf die Leserinnen und Leser über.

Nebenbei vermittelt Samantha Harvey Details über die Raumstation, die in diesem Roman zwar keinen Namen hat, aber wahrscheinlich die ISS ist. So erfährt man beispielsweise, dass es zwei Toiletten gibt: eine für die beiden russischen Kosmonauten, eine US-amerikanische Toilette für alle anderen. Eindeutige Hinweisschilder an den Toilettentüren legen fest, wer auf welches stille Örtchen gehen muss. Das Schild vor dem US-WC wird durch einen Hinweis ergänzt: Bitte benutzen Sie aufgrund der andauernden politischen Auseinandersetzungen ihre eigene nationale Toilette.
Die Besatzung hält sich oft nicht an die Trennung, macht sich aber darüber lustig. Der Kosmonaut Roman wird mit dem Satz "Ich bin mal eben weg und leg ein Ei für Mütterchen Russland" zitiert. So sieht es aus, wenn Politik seltsame Blüten treibt. Das Bodenpersonal muss machtlos beobachten, wie die Besatzung auch die geographische Aufteilung der Ergometer oder des Essenslagers missachtet.

Die Crew weiß noch nicht, dass sich die Lebenszeit der Raumstation dem Ende zuneigt. An der Außenwand des Raumschiffs ist ein feiner Riss, der einen so geringen Druckabfall im russischen Modul bewirkt, dass kein Alarm ausgelöst wird. Aber der Riss wird breiter, ganz langsam ...

Lesen?

Umlaufbahnen ist nicht nur eine plastische Schilderung des Lebens in einer Raumkapsel, es ist auch eine Ode an die Schönheit der Erde. Einer Erde, die von den Menschen nach und nach zerstört wird: Harvey beschreibt den von roten oder neonfarbenen Algenblüten gefärbten Atlantik, der längst überfischt ist und sich stetig weiter erwärmt ebenso wie die Verdunstungsteiche, aus denen Lithium gewonnen wird oder die schrumpfenden Eisschilde der Gletscher. Die Crewmitglieder registrieren diese menschengemachten Schäden: 'Aus ihrer Perspektive ist der Einfluss der Politik so offensichtlich, manifestiert sich in jedem Detail des Anblicks, dass sie gar nicht verstehen, wie ihnen das zunächst entgehen konnte', resümiert Harvey. An dieser Stelle macht es sich die Autorin möglicherweise zu einfach. Das gilt auch für die ein oder andere technische Beschreibung. Aber hier genau zu sein, war sicher nicht ihre Absicht.

Samantha Harvey bekam für ihren Roman den Booker Prize 2024.

Umlaufbahnen ist 2024 bei dtv erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 22 Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Nachtrag: Wer sich für Raumfahrt interessiert, kann sich mithilfe der kostenlosen App 'ISS Live Now' Aufzeichnungen aus dem Inneren der ISS ansehen oder live deren Erdumrundung verfolgen.


Freitag, 4. November 2022

# 369 - Von der Qualle ins Innere des Menschen

Wie es zu dem Buchtitel von Marie Gamillschegs Roman Aufruhr der Meerestiere kam, bleibt ungeklärt, denn um einen Aufruhr geht es in diesem Buch nicht.

Um Meerestiere allerdings schon. Genauer: um die Meerwalnuss, die nicht etwa eine Nuss, sondern eine Rippenqualle ist. Obwohl sie zu 99 Prozent aus Wasser besteht, bereitet sie nicht nur Meeresbiologen, sondern auch Fischern und Tourismusmanagern Sorgen: Als sog. "invasive Art" hält sie sich nicht nur im heimischen subtropischen Atlantik, sondern auch verstärkt in der immer wärmer werdenden Ostsee auf. Vermutlich ist sie vor einiger Zeit an der Spundwand eines Containerschiffs in unsere Breiten gereist. Die Meerwalnuss vereint einige Extreme auf sich: Sie vermehrt sich rasant, wenn sie sich wohl fühlt. Einige Tausend Eier pro Tag zu produzieren fällt dieser Quallenart leicht. Und wenn so viel Nachwuchs da ist, wird auch der Futterbedarf groß: Meerwalnüsse fressen kleine Krebschen, die die Grundnahrung für Heringe, Sprotten und Fischlarven sind. Das Problem für den Fischfang liegt auf der Hand.
Aber damit ist die Meerwalnuss noch nicht fertig, den Menschen auf die Nerven zu gehen: Wo sehr viele von ihnen sind, fühlt sich das Ostseewasser an wie Gelee. Das ist zwar nicht gesundheitsschädlich, wird von badenden Touristen aber als ekelhaft empfunden. 
Der Klimawandel lässt grüßen.

Das und noch ein bisschen mehr erfährt man über das hirnlose Glibberwesen, wenn man sich durch diesen Roman liest. Aber die Meerwalnuss bildet nur den Rahmen für die eigentliche Handlung, in deren Mittelpunkt die Meeresbiologin Luise steht. Luise forscht schon lange an der Meerwalnuss und sieht in ihr nicht ein Wesen, gegen das man angehen muss, sondern einen sensiblen Organismus, der eine faszinierende Eigenschaft hat: Durch Biolumineszenz können Meerwalnüsse leuchten.

Die 32-jährige Luise arbeitet am Helmholtz-Zentrum in Kiel und ist eine gefragte Expertin. Sie ist beruflich viel unterwegs, ein geregelter Tagesablauf ist ihr fremd. Trotz der fachlichen Anerkennung ist sie nicht glücklich und weit davon entfernt, mit sich im Reinen zu sein. Ihr Verhältnis zu ihrem Vater ist von Sprachlosigkeit geprägt, das zu ihrem Bruder eher angespannt. Die Gründe dafür lassen sich nur erahnen. 

Als ein renommierter Tierpark in Graz ein neues Forschungsprojekt beginnen will, fährt Luise in ihre Heimatstadt. Es wird eine Reise in die eigene Vergangenheit. Man erfährt von Luises Essstörungen in ihrer Jugendzeit und dass sie diese immer noch nicht überwunden hat. Man liest auch über ihre Unfähigkeit, Liebesbeziehungen aufzubauen: Bevor es zu einer gewissen Tiefe kommt, entfernt sich Luise von dem jeweiligen Mann. Sie ist so schlecht zu fassen wie die Meerwalnuss, über die die Wissenschaftlerin fast alles weiß. So sehr sie eine exzellente Forscherin ist, so wenig versteht sie es, mit ihrem eigenen Leben zurechtzukommen. 

Luise lebt während ihrer Zeit in Graz in der Wohnung ihres Vaters, der sich bei ihrem Bruder von einem Herzinfarkt erholt. Dort versucht sie, dem Vater näherzukommen und die Erinnerungen an ihre Kindheit wieder aufleben zu lassen - sowohl die an die Zeit mit beiden Eltern als auch nach deren Scheidung. Ihr Vorhaben mit dem Tierpark gerät darüber oft in Vergessenheit, Luise lebt in den Tag hinein. Umso überraschender ist, wie der Aufenthalt dort für sie endet.

Lesen?

Aufruhr der Meerestiere ist kein Roman, der chronologisch und geordnet eine Geschichte erzählt. Hier ist vieles im Fluss, einige Dinge bleiben unklar oder undeutlich und oft hat man beim Lesen den Eindruck, dass sich Marie Gamillscheg atmosphärisch von der Meerwalnuss hat inspirieren lassen, die sich schon mal in nichts auflösen kann. Der Versuch, Luises Persönlichkeit zu beschreiben, den Leserinnen und Lesern die Besonderheiten der Meerwalnuss nahezubringen und beides mit dem großen Problem unserer Zeit, dem Klimawandel, zu verknüpfen, ist der Autorin gelungen. Dieser Roman hebt sich vor allem durch seine besondere Sprache von der Masse ab und sorgt so für ein ungewöhnliches Literaturerlebnis.

Aufruhr der Meerestiere ist 2022 im Luchterhand Verlag und kostet als gebundenes Buch 22 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro. Der Roman stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2022. 

Nachtrag: Die leuchtende Meerwalnuss ist sehr faszinierend. Hier kann man einen Blick auf sie werfen.

Samstag, 11. Dezember 2021

# 319 - Über Sprachen aus der ganzen Welt

Die Literaturwissenschaftlerin Rita Mielke hat in ihrem
neuen Buch Als Humboldt lernte, Hawaiianisch zu sprechen 42 Geschichten gesammelt, in denen es um die Verständigung in fremden Sprachen geht.

Mielke nimmt ihre Leserinnen und Leser nicht nur auf eine Sprachreise mit, die rund um den Globus führt; sie macht deutlich, dass die Geschichte der Menschheit nicht zuletzt auch eine der Sprachbegegnungen ist - beeinflusst von den Menschen, die mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen aufeinander getroffen sind. Da geht es zum Beispiel um baskische Walfänger, die es nach Island verschlägt, oder einen Deutschen, der auf mongolische Nomaden trifft. Diese Art, auf die Entwicklung der menschlichen Sprache zu schauen, ist bislang einzigartig.

Die am längsten zurückliegende Geschichte stammt aus der Zeit Karls des Großen (768 bis 814), die aktuellste von Autoren wie zum Beispiel Galsan Tschinag (geb. 1944). Jede ist für sich sehr besonders und zeigt, wie sich der Umgang mit Sprache verändert hat. Mielke schildert die Ignoranz, die insbesondere europäische Kolonialmächte den Sprachen der Bewohnerinnen und Bewohnern der von ihnen okkupierten Länder entgegenbrachten: Die europäischen Sprachen wurden zwar von den Besetzern als die höherwertigeren angesehen, dennoch war es für sie ärgerlich, sich damit nicht vor Ort verständigen zu können. So kam es zur Bildung von zahlreichen Mischsprachen, die Elemente aus beiden Ursprungssprachen übernahmen. 

Diese sprachliche "Einwanderung" kennen wir aus unserem eigenem Alltag, die Herkunft vieler Begriffe ist uns allerdings oft nicht bewusst. So stammt beispielsweise das arabische Wort biira vom deutschen Bier und das deutsche Wort Beduine vom arabischen badawī. Mielke macht deutlich, dass in der Vielzahl der gesprochenen Sprachen ebenso viele unterschiedliche Weltsichten verborgen sind. Sehr treffend zitiert sie den österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt."

Jedes Kapitel  schließt mit einer kurzen Übersicht über die dort beschriebene Sprache. Hier erfährt man u. a., welche Sprachen sich um ihr Aussterben keine Sorgen machen müssen (z. B. Arabisch, Chinesisch, Mongolisch)  und welche nicht mehr oder kaum noch gesprochen werden (z. B. Arabana, Yámana, Navajo).

Rita Mielke schreibt auch über Themen, die das Buch weiter inhaltlich aufwerten. Was als das älteste Gewerbe der  Welt gilt, dürfte jeder wissen. Aber welches ist das zweitälteste? Auskunft gibt ein Relief, das im Grab des Pharaos Haremhab gefunden wurde, das aus dem Jahr 1330 v. Chr. stammt und einen Dolmetscher zeigt. Mielke beschreibt die Aufgaben und Anforderungen der Dragoman, die sich deutlich von denen der heutigen Dolmetscher unterschieden.

Lesen?

Als Humboldt lernte, Hawaiianisch zu sprechen ist ein Buch, in dem Rita Mielke Sprach-Geschichte(n) sehr spannend erzählt. Wer sich für Sprachen interessiert, dem wird dieses Buch sicher gefallen. Die sehr schönen Illustrationen von Hanna Zeckau runden den Titel ab.

Als Humboldt lernte, Hawaiianisch zu sprechen ist 2021 im Duden Verlag erschienen und kostet 28 Euro.

Freitag, 23. Juli 2021

# 300 - Robert Koch - eine Spurensuche

Spätestens seit dem Beginn der Covid-19-Pandemie ist der Name Robert Koch in aller Munde: Das nach ihm benannte Robert Koch-Institut sammelt und veröffentlicht die zur Risikoeinschätzung nötigen Daten und gibt auch Informationen zu anderen Erkrankungen wie z. B. der Influenza heraus. 

Was bringt man mit diesem Namen noch in Verbindung? Der Mikrobiologe, Mediziner und Hygieniker Koch entdeckte das für die Infektionskrankheit verantwortliche Bakterium, gilt als einer der Begründer der modernen Bakteriologie und bekam 1905 in Anerkennung seiner Leistungen auf dem Gebiet der Tuberkuloseforschung den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.

Doch was Robert Koch darüber hinaus ausgemacht hat, ist kaum bekannt. Was trieb ihn an? War er kritikfähig? Ein Altruist? Ein Menschenfreund? Ein guter Ehemann? Ein verlässlicher Freund? Michael Lichtwarck-Aschoff nähert sich Koch in seinem Buch Robert Kochs Affe - Der grandiose Irrtum des berühmten Seuchenarztes an. Mithilfe von Originaldokumenten wie beispielsweise von Koch verfassten wissenschaftlichen Arbeiten und Aufsätzen zeichnet er in Romanform ein Bild des vielfach bewunderten Wissenschaftlers, das hier allerdings einige Risse bekommt.

Der erste Teil des Buches beschreibt das Leben Kochs im Jahr 1903 in Berlin. Dort wohnte er mit seiner ersten Frau Fanny, dem Mediziner Walther Hesse und dessen Frau, einem etwas verschrobenen Gärtner (der viele von Kochs Ansichten nicht teilte) sowie einem Affen mit einem Faible für kunterbunte Militäruniformen zusammen. Koch unterhielt enge Beziehungen zum Kriegsministerium, namentlich zu Minister Karl von Einem, der im Ersten Weltkrieg Generaloberst wurde. Schon hier ahnt man, worum es bei der Typhusforschung im Kern ging: die deutschen Soldaten gesund und damit kriegsfähig zu erhalten. Dafür war das Kriegsministerium bereit, Kochs Forschungsarbeit mit viel Geld zu unterstützen. Für den Wissenschaftler Koch war diese Form der Vereinnahmung kein Problem; man hat ohnehin immer wieder den Eindruck, dass er die Erkrankten weniger als Menschen, sondern mehr als Forschungsobjekte betrachtete. Den Status ihrer körperlichen Verfassung beurteilte er anhand von entnommenen Blut-, Urin- und Stuhlproben, die Menschen sah er sich nicht näher an.

Im zweiten Teil des Romans kommt mit Johann Kindsmüller ein Soldat zu Wort, der 1906 an Robert Kochs Expedition nach Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi und Ruanda) teilgenommen hatte. Er war 1925 Patient in einer Nervenklinik in Ingolstadt und wurde dort von einem Psychiater befragt. Robert Koch war von der preußischen Regierung damit beauftragt worden, die Ursachen für die Schlafkrankheit herauszufinden. Die oft tödliche Krankheit war in Afrika zu einer Epidemie geworden, und die Kolonialherren sorgten sich, dass durch sie die Zahl der zur Verfügung stehenden Arbeiter zu sehr dezimiert werden könnte. Die Menschen sollten nicht krank werden, sondern für den Aufbau der Infrastruktur sorgen. Die Gruppe, zu der Kindsmüller gehörte, war mit der ihnen anvertrauten Aufgabe, die erkrankten Einheimischen zu internieren, zu versorgen, ihnen Proben zu entnehmen und sie einem äußerst brutalen Experiment mit dem arsenhaltigen Präparat Atoxyl zu unterziehen, komplett überfordert. Atoxyl durfte in Deutschland wegen seiner Gefährlichkeit nicht mehr eingesetzt werden, im fernen Afrika interessierte das niemanden. 

Das Grauen, das der Soldat während dieser Zeit erlebt hat, ließ ihn sein Leben lang nicht mehr los: Im Lager waren katastrophale hygienische Bedingungen, die Atoxyl-Spritzen waren äußerst schmerzhaft und für tausende Menschen tödlich. Viele Menschen erblindeten durch diese "Behandlung" dauerhaft - was auch Koch bekannt sein musste, da diese Wirkung schon damals in der Fachliteratur beschrieben wurde. Kindsmüllers Seele war zerstört und damit auch seine Zukunft. Robert Koch hat sich um das Team nicht gekümmert, sondern ist in einem Camp direkt am Victoriasee geblieben. Ihm waren nur die regelmäßigen Berichte, die ihn aus dem Lager erreichten, wichtig.

Im letzten Abschnitt steht die amerikanische Ärztin Sara Josephine Baker im Mittelpunkt. Baker hatte sich dem Kampf gegen Erkrankungen verschrieben, die um das Jahr 1900 herum im New Yorker Slum "Hell's Kitchen" gehäuft auftraten. Auch Typhus gehörte dazu. Schon zu Beginn ihrer Berufstätigkeit war es ihr gelungen, die irische Einwanderin Mary Mallon in ihren Verstecken aufzuspüren. Mallon war der erste Mensch in den USA, bei dem Typhuserreger nachgewiesen worden waren, der aber nicht erkrankte. Als sog. Dauerausscheiderin steckte sie als Köchin, die in wohlhabenden Privathaushalten arbeitete, über 50 Menschen mit Typhus an, einige von ihnen starben. Die von der Presse als "Typhoid Mary" betitelte Frau war die Personifizierung von Robert Kochs großem Irrtum, von dem im Buchtitel die Rede ist. Um niemanden mehr anzustecken, verbrachte sie 26 ihrer 69 Lebensjahre in Quarantäne in einem New Yorker Krankenhaus.

Lesen?

Über viele berühmte Persönlichkeiten, die fachlich Großes geleistet haben weiß man, dass ihr Charakter ethisch und moralisch eine gähnende Leerstelle aufweist. Hier reiht sich auch Robert Koch ein: Ihm gingen die Wissenschaft und seine fachliche Reputation über alles, die Einheimischen in Deutsch-Ostafrika waren für ihn unrein und minderwertig. Er vertrat außerdem die Meinung, dass Infektionskrankheiten durch die Isolation der Erkrankten begegnet werden kann: Die an der Schlafkrankheit Erkrankten sollten in Internierungslager gebracht werden. Da die Menschen dort sowieso früher oder später stürben, würden seiner Meinung nach nur die Gesunden übrig bleiben.

Michael Lichtwarck-Aschoff hat sich an die historischen Fakten gehalten und war nur bei den korrekten Datierungen etwas kreativ: Er weist selbst darauf hin, dass Robert Koch der Nobelpreis vor der Expedition nach Deutsch-Ostafrika und nicht danach verliehen wurde.

Robert Kochs Affe - Der grandiose Irrtum des berühmten Seuchenarztes gibt einen interessanten Einblick in die deutsche Kolonialgeschichte und die Entwicklung der Bakteriologie. Leseempfehlung!

Das Buch ist 2021 im Hirzel Verlag erschienen und kostet in der gebundenen Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 21,90 Euro.


Freitag, 9. Juli 2021

# 298 - Wie funktioniert die Bildung von Schwärmen?

Prof. Helmut Satz hat sich in seinem Buch Heuschrecken haben keinen König ganz den Fragen gewidmet, wie und warum es in der Tierwelt zur Bildung von Schwärmen kommt, wie die einzelnen Schwarmmitglieder aufeinander reagieren und was Tiere dazu bringt, sich "getaktet" zu verhalten. Doch Satz belässt es nicht dabei, sondern spannt den Bogen auch in die Physik (seinem eigenen Fachgebiet), die Mathematik und die Informatik.

Das Buch richtet sich ausdrücklich an Laien und kommt mit wenigen mathematischen Formeln aus. Wer weniger mathebegeistert ist, kann diese kurzen Passagen überspringen, ohne den Faden zu verlieren.

Es wird deutlich, welche Unterschiede es bei der Schwarmbildung zwischen Vögeln und Insekten gibt, wann auch Menschen sich als Teil eines Schwarms verhalten, wovon Wissenschaftler vor einigen hundert Jahren ausgegangen sind (Stichwort: Telepathie bei Vögeln) - und wo die Grenzen des aktuellen Wissens liegen.

In 21 Kapiteln beleuchtet Satz die komplexe Thematik, indem er sich unterschiedlichen Tierarten zuwendet und auch auf die Kommunikation von Tieren innerhalb eines Schwarms eingeht. Wer noch mehr einsteigen möchte, kann das mit den beiden Anhängen tun. Sie bieten dann auch Stoff für alle, die sich den geschilderten Phänomenen mathematisch nähern wollen.

Das Buch wird durch ein Literatur-, Personen- und Sachverzeichnis abgerundet.

Lesen?

Heuschrecken haben keinen König ist auch für Laien gut lesbar, weil fast völlig auf die sonst in Fachbüchern übliche wissenschaftliche Formulierung verzichtet wird. Trotzdem gehört es zu den anspruchsvollen Sachbüchern und lässt sich aufgrund seines nicht populärwissenschaftlichen Schreibstils nicht "in einem Rutsch" lesen. Interesse an der Thematik sollte also vorhanden sein, wenn man das Buch zur Hand nimmt.

Heuschrecken haben keinen König ist 2021 beim Verlag Wiley-VCH erschienen und kostet als broschierte Ausgabe 24,90 Euro sowie als E-Book 21,99 Euro.

Freitag, 18. Juni 2021

# 295 - Wie werden wir in Zukunft leben und sterben?

Seitdem Menschen eine Vorstellung davon haben, dass es außer dem Hier und Jetzt auch noch eine Zukunft gibt, machen sie sich darüber Gedanken. Unsere Welt hält schon jetzt viele Möglichkeiten bereit, sich das Leben durch immer mehr Technik einfacher und komfortabler zu machen und Probleme aus dem Weg zu räumen. Doch wie weit dürfen Menschen gehen? 

Die britische Journalistin und Dokumentarfilmerin Jenny Kleeman hat sich in ihrem 2020 erschienen Buch Sex Robots & Vegan Meat: Adventures at the Frontier of Birth, Food, Sex and Death dieser Frage angenommen und einen Streifzug durch die kleinen und großen Labore dieser Welt unternommen. 2021 ist ihr Buch unter dem Titel Roboterland - Wie wir morgen lieben, leben, essen und sterben werden auf Deutsch erschienen.

Kleeman hat ihr Buch in vier Abschnitte aufgeteilt. Im ersten Teil geht es um die Entwicklung von Sexrobotern, die das, was man heute im Allgemeinen unter Sex Dolls versteht, weit übertreffen. Wenn die Entwickler dieser KI-gestützten Puppen recht behalten, werden Sexroboter nicht nur wie echte Menschen aussehen und sich wie sie anfühlen, sondern auch in der Lage sein, ihre Eigentümer auf ihre Art kennenzulernen. Damit sind nicht nur deren sexuelle Vorlieben gemeint, sondern auch ihr Lebensumfeld. Eine Sexpuppe der Zukunft soll mit "ihrem" Menschen Gespräche führen können, die sich nicht auf banale und vorprogrammierte Antworten begrenzen. Sie soll für die Kommunikation auf Informationen zurückgreifen können, die sie bereits über ihren Eigentümer gesammelt hat. Man kann hier ruhig von "den Eigentümern" sprechen, ohne jemanden zu benachteiligen: Sexpuppen werden fast ausschließlich von Männern gekauft. Wundert man sich darüber, dass sich viele der heutigen Kunden Sexpuppen wünschen, die widerspruchslos die Hausarbeit erledigen und ihnen jederzeit zur Verfügung stehen?

Im zweiten Teil beschäftigt sich Kleeman mit der Zukunft des Essens, speziell mit dem Verzehr von Fleisch und Fisch. Es hat sich ja mittlerweile herumgesprochen, dass tierische Nahrung für die Klimaentwicklung, den Bestand unserer Ressourcen und unsere Gesundheit alles andere als ein Hauptgewinn ist. In den Supermarktregalen finden sich heute immer mehr Produkte, die auf der Basis von pflanzlichen Bestandteilen wie z. B. Soja oder Erbsen tierische Lebensmittel imitieren. Ein in Niedersachsen ansässiger Wursthersteller, der 2019 zu den Top 10 seiner Branche gehörte, vermarktet seine vegetarischen und veganen Produkte so erfolgreich, dass er seit dem Sommer 2020 mit diesen mehr Umsatz macht als mit seinen klassischen Wurstprodukten.
Aber dass da noch eine Menge mehr geht, zeigt Kleeman anhand ihrer Beobachtungen, die sie bei ihren Besuchen in mehreren Laboren gemacht hat. Dort wird auf der Basis von tierischen Zellen Fleisch oder Fisch gezüchtet - für alle, die sich mit den Ersatzprodukten nicht zufrieden geben wollen. Die Idee des körperlosen Fleisches ist nicht neu, wird aber heute immer stärker perfektioniert. Die, die das tun, nennen ihr Produkt "Clean Meat", weil es nicht mit dem Geruch oder der Existenz von Fäkalien in Verbindung gebracht wird und dem Konsumenten kein Blut entgegentropft. Nicht zuletzt wird das Gewissen entlastet, da für dieses Kunstfleisch fast kein Tier leiden und geopfert werden musste.
Aber ist solch ein Aufwand wirklich nötig? Ist es nicht viel einfacher, auf diese aufwendige Kunstfleisch und -fisch-Entwicklung zu verzichten und gleich auf pflanzliche Ernährung umzusteigen? Ja, das wäre es. Aber in einem Interview, das Kleeman mit Bruce Friedrich, dem Geschäftsführer eines Think Tanks für die Marktbereiche Clean Meat und Fleisch auf Pflanzenbasis, führt, wird eine menschliche Schwäche deutlich, die leider nicht von der Hand zu weisen ist: die Fähigkeit des Verdrängens. Er erklärt, dass bereits seit Jahrzehnten immer wieder über die Schädlichkeit der industriellen Landwirtschaft aufgeklärt wird, aber 98 bis 99 Prozent der Menschen ihre Ernährung trotz der negativen Folgen für die Umwelt, Gesundheit und den Tierschutz nicht verändern. Friedrichs Empfehlung lautet darum: "Geben wir den Menschen, was sie wollen, doch kürzen wir die schädlichen Effekte heraus." Doch man ahnt es schon: Auch Clean Meat kommt nicht ganz ohne Tierleid aus.

Im dritten Kapitel geht es um die menschliche Fortpflanzung, genauer: um die Entwicklung einer künstlichen Gebärmutter, in der ein Fötus außerhalb des Körpers der Mutter heranwächst. Wie das so ist mit neuen Technologien, hat auch dieses als Ektogenese bezeichnete Verfahren neben den guten auch seine Schattenseiten. Frühchen, die unter den heute üblichen Bedingungen keine oder nur eine geringe Überlebenschance haben und bei denen die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass sie unter lebenslangen Beeinträchtigungen zu leiden haben, könnten sich in einer künstlichen Gebärmutter unter optimierten Bedingungen körperlich besser entwickeln. Doch schon gibt es erste Forderungen, Föten auch dann ihren Müttern zu entnehmen und sie sich per Ektogenese entwickeln zu lassen, wenn die Frauen als nicht ausreichend gesund angesehen werden oder man ihren Lebenswandel als nicht angemessen für eine Schwangere beurteilt. Auch, was es für Frauen bedeutet, auf diese Weise ein Kind zu bekommen, ohne eine Schwangerschaft zu durchleben, beleuchtet Kleeman sowohl aus feministischer Sicht als auch aus der Perspektive der Arbeitgeber - denen es in erster Linie um den Erhalt der Arbeitskraft der Frau geht. 

Im letzten Kapitel schildert Kleeman den womöglich künftigen Weg, den Menschen gehen könnten, wenn sie ihr Leben beenden wollen. Am Beispiel der 1997 in Australien gegründeten Organisation Exit International verdeutlicht sie deren grundsätzlich andere Sichtweise auf das Sterben und die Beweggründe, die dazu führen können, dass Menschen das eigene Leben beenden wollen. Deren Gründer Philip Haig Nitschke genügt der Wille eines Menschen zum Sterben; auf die Gründe, die zu dem Todeswunsch geführt haben, kommt es ihm nicht an. Das unterscheidet diese Organisation wesentlich von dem hier bekannteren schweizerischen Sterbehilfeverein Dignitas, der nach eigenen Angaben nur hilft, wenn ein Mensch unter einer sicher tödlich verlaufenden Erkrankung, nicht beherrschbaren Schmerzen oder einer unzumutbaren Behinderung leidet. So vage diese Voraussetzungen auch formuliert sind, so bilden sie wenigstens eine Art Entscheidungsgerüst.
Exit International wird von Nitschke dominiert, der sich im Laufe der Jahre immer neue Selbsttötungsmethoden überlegt hat. Wenn sie einen Showeffekt bieten, umso besser. Nitschkes Motive sind unklar: Vordergründig will er helfen, im Interview verwendet er jedoch das Vokabular eines Unternehmenschefs: Da ist dann von einem "erheblichen Wachstum" oder von Europa als einem "interessanten Großraum" die Rede. 

Lesen?

Der Originaltitel von Jenny Kleemans Buch trifft seinen Inhalt besser als der deutsche: Die Autorin hat Situationen erlebt, die abenteuerlich anmuten. Sie hat nicht nur die Protagonisten der "schönen neuen Welt" und deren Kunden befragt, sondern sich auch die Produkte näher angesehen - bis hin zur Verkostung von künstlich hergestelltem Fleisch.

Kleeman hat den Stil einer Reportage gewählt. Das hat den Vorteil, dass die Leser hautnah dabei sind, wenn eine Sexdoll-Werkstatt oder ein Forschungslabor besichtigt wird, in dem eine künstliche Gebärmutter mit einem Schafsfötus darin gezeigt wird. Hin und wieder streut sie Personenbeschreibungen ein, die ich überflüssig finde, die aber auch nicht vom Kernthema ablenken.

Im Epilog betont Jenny Kleeman, dass es noch keine der vorgestellten Innovationen zur kommerziellen Marktreife gebracht hat, man aber in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren damit rechnen muss. Es wird deutlich, dass alle diese Entwicklungen die Gesellschaft verändern werden - die meisten von ihnen wahrscheinlich zum Nachteil von Frauen.
Leseempfehlung!

Roboterland - Wie wir morgen lieben, leben, essen und sterben werden ist im Goldmann Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 16 Euro.


Freitag, 9. April 2021

# 285 - Wie menschlich kann ein Schimpanse sein?

T.C. Boyles neuester Roman Sprich mit mir spielt im Jahr 1978. Die junge Studentin Aimee Villard führt ein zurückgezogenes und unaufgeregtes Leben. Das ändert sich, als sie zufällig eine Fernseh-Gameshow einschaltet, in der der Wissenschaftler Guy Schermerhorn mit dem Schimpansen Sam auftritt.

Guy ist Professor an der UCSM in San Marcos, 100 Meilen südlich von L. A. Er behauptet, Schimpansen das Sprechen mittels Gebärden beibringen zu können und will das nun mit dem TV-Auftritt beweisen. Sam ist zu diesem Zeitpunkt zwei Jahre alt und wurde für den Auftritt wie ein Mensch eingekleidet. 

In der Uni stößt Aimee zufällig auf einen Aushang, mit dem Guy nach studentischen Hilfskräften für sein Projekt sucht. Aimees Interesse ist geweckt. Bislang hatte sich Guys Frau mit engagiert, aber nachdem sie ihn verlassen hat, gibt es auf seiner Forschungsranch ein Personalproblem. 

Sam muss ununterbrochen betreut werden, um ihn daran zu hindern, um sich herum ein Chaos anzurichten. Die Sorge, dass die zierliche Aimee mit dieser Aufgabe überfordert sein könnte, erweist sich schon bei ihrem Vorstellungstermin als unbegründet: Der Schimpanse ist sofort von ihr begeistert und sucht sie selbst aus.

In der folgenden Zeit intensiviert sich ihr Verhältnis: Sam verliebt sich in Aimee und beansprucht sie Tag und Nacht, die Studentin hingegen hat mit dem neuen Job ihren persönlichen Lebenssinn gefunden. Sams Fähigkeit, sich mit Gebärden zu artikulieren, ist bemerkenswert: Er ist in der Lage, Bedürfnisse zu formulieren, hat aber auch begriffen, dass gutes Benehmen zu Belohnungen führt. Seine Erkenntnisse setzt er gern ein, wenn es nötig ist.

Sam hat an seine Artgenossen praktisch keine Erinnerung. Er wurde seiner in Freiheit lebenden Mutter noch als Baby entrissen, nachdem man sie mit einem Betäubungspfeil handlungsunfähig gemacht hatte. Deshalb sieht sich der Schimpanse in der Gesellschaft von Aimee, Guy und anderen studentischen Hilfskräften als einer von ihnen. Seine Andersartigkeit ist ihm nicht bewusst.

Als das Forschungsprojekt in Schwierigkeiten gerät, verlangt Guys Vorgesetzter, Professor Moncrief, dessen Beendigung und Sams Rückgabe an ihn als seinen Eigentümer. Das Schicksal des Schimpansen scheint besiegelt zu sein: Er ist für den Laborkäfig mitten unter anderen Schimpansen vorgesehen und wird später an ein anderes Labor weiterverkauft werden. Die Zeit in der verdreckten Schimpansenanlage erlebt Sam als traumatisch, zumal er sich mit seinen Artgenossen nicht verständigen kann. Für ihn sind sie alle nur schwarze Käfer.

In dieser für Sam kritischen Situation offenbart sich die unterschiedliche Sichtweise von Guy und Aimee: Für den Professor dient das Projekt mit Sam in erster Linie dazu, die eigene fachliche Reputation zu vermehren, dafür nimmt er die Einschränkungen seines Privatlebens in Kauf. Aimee hat zu dem Schimpansen jedoch eine emotionale Beziehung aufgebaut, sodass sie sich für sein Wohlergehen und seinen Schutz verantwortlich fühlt. Deshalb ist ihr auch bewusst, von wessen Seite Sam die größte Gefahr droht: Moncrief betrachtet Sam als eine Sache, mit der er umgehen kann, wie er es für richtig hält. Aimee beschließt, Sam mit einer waghalsigen Aktion vor einem Schicksal als Labortier zu bewahren.

Lesen?

Boyle beschäftigt sich in seinem Buch mit mehreren Fragen: Wie vermessen ist es, ein Wesen nach den eigenen Vorstellungen zu formen und ihm seinen Willen aufzuzwingen? Und ist es vorstellbar, dass Sam nicht nur Erlerntes anwenden, sondern auch abstrahieren kann? Die Beschreibung des Schimpansen legt nahe, dass er dem Menschen ähnlicher ist als seinen Artgenossen. Sogar eine religiöse Komponente kommt ins Spiel, als es darum geht, ob Sam eine Seele nach unseren Vorstellungen haben und deshalb getauft werden könnte.

Man staunt beim Lesen über Sams Fähigkeiten, ärgert sich über Guys Egoismus und Moncriefs Brutalität und verfolgt fasziniert, wie Aimee versucht, Sam vor einem traurigen Schicksal zu bewahren. Man wünscht den beiden eine glückliche Fügung und hat gleichzeitig Zweifel, ob und wie Aimees Plan gelingen kann. Klare Leseempfehlung.

Sprich mit mir ist 2021 im Hanser Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 25 Euro, als E-Book 18,99 Euro sowie als Hörbuch 19,99 Euro (MP3-CD) bzw. 17,95 Euro (Download).

Freitag, 27. März 2020

# 233 - Unsichtbare Frauen

Über dieses Buch habe ich irgendwo gelesen, dass es nur von Frauen rezensiert wird. Ich konnte es kaum glauben und habe versucht, die Rezension eines Mannes zu finden. Fehlanzeige. Diejenigen Männer, die gelesen oder gehört werden, scheinen sich für die andere Hälfte der Menschheit nicht zu interessieren. 

Die britische Journalistin Caroline Criado-Perez beschreibt in Unsichtbare Frauen, wie es kommt, dass unsere Welt an den Frauen vorbei kreiert wird. Und merkt an, dass uns Frauen das selbst oft gar nicht (mehr) auffällt, weil wir es nicht anders kennen. Wenn man die Beispiele liest, anhand derer sie diese Situation erläutert, kann einem als Frau durchaus der Hals anschwellen.

Da sind die Dinge, die lediglich unbequem sind wie zum Beispiel Smartphones, die für eine durchschnittliche Frauenhand zu groß sind. Da hört es - man ahnt es bereits - aber noch lange nicht auf. Die übliche Bürotemperatur ist für Frauen zu kalt, Sicherheitstest für Autos werden fast ausschließlich mit männlich konstruierten Dummys durchgeführt, medizinische Forschungen ignorieren spezifische weibliche Besonderheiten wie z. B. die Menstruation, die Menge an Muskel- und Fettgewebe oder das Schmerzempfinden. Die Folge ist, dass Frauen ständig größeren Lebensrisiken ausgesetzt sind. Ein Beispiel: Sie erleiden als Fahrerinnen bei einem Verkehrsunfall eher schwere Verletzungen oder werden getötet als Männer. Die Ingenieure, die mit der Konzeptionierung der Fahrgastzelle beschäftigt sind, gehen in aller Regel davon aus, dass Frauen in der überwiegenden Zeit, die sie in einem Auto sitzen, dies als Beifahrerinnen tun. Daher ist der Platz für den Fahrer für männliche Bedürfnisse optimiert: Die Position der Sicherheitsgurte ist nicht an die weiblichen Brüste angepasst, der Abstand zwischen Sitz und Pedalen für Frauen nicht optimal - woran auch ein Vorschieben des Sitzes nichts ändert, weil dann die Sitzhaltung ungünstig ist.

Richtig irritierend wird es, wenn es um die Erforschung von Erkrankungen geht, unter denen nur Frauen leiden. Das prämenstruelle Syndrom (PMS) beispielsweise, das den meisten Frauen in schöner Regelmäßigkeit eine breite Palette verschiedener Schmerzen beschert, ist in der Welt der Wissenschaft etwa so von Interesse wie ein mit den Ohren wackelndes Pferd. Die allgemeinen Ratschläge sind banal und helfen vielen Frauen nicht weiter.

Frauen sind stärker durch Epidemien beeinträchtigt, tragen - wie schon vor Jahrzehnten - die Hauptlast bei der unbezahlten Familien- und Krankenpflege und sind stärker Gewalt ausgesetzt als Männer.
Caroline Criado-Perez hat ihr Buch in Kapitel wie z. B. 'Am Arbeitsplatz' oder 'Öffentliches Leben' eingeteilt und bildet so das ganze Spektrum von Frauenleben ab. Sie hat sich durch so viele Studien und wissenschaftliche Aufsätze gelesen, dass ihr Quellenverzeichnis 70 Buchseiten umfasst.

Immer wieder räumt sie ein, bei manchen Fragestellungen auf Material zurückgreifen zu müssen, das bereits einige Jahre alt ist. Zu einigen Themen wurden Forschungsreihen angekündigt, die aber nicht durchgeführt oder schnell wieder eingestellt wurden.

Die Autorin stellt allerdings klar, dass sie nicht davon ausgeht, dass diese zulasten der Frauen gehende massive Datenlücke mit Absicht existiert. Sie blickt zurück und stellt fest, dass diese Gender Data Gap praktisch schon immer existiert hat. Lebensläufe von Männern gelten im Allgemeinen als repräsentativ für ihre Zeit. Dieses Bewusstsein ist so fest verankert, dass Männer unausgesprochen die Selbstverständlichkeit und Frauen so etwas wie eine Abweichung davon sind.

Criado-Perez zitiert Simone de Beauvoir mit einer Äußerung aus dem Jahr 1949: "Die Menschheit ist männlich, und der Mann definiert die Frau nicht als solche, sondern im Vergleich zu sich selbst: Sie wird nicht als autonomes Wesen angesehen. [...] Er ist das Subjekt, er ist das Absolute: Sie ist das Andere."

Wer sich jetzt noch fragt, ob man den Feminismus 2020 tatsächlich noch braucht, sollte dieses Buch lesen. Und die Männer, die glauben, dass die Wahrnehmung und Berücksichtigung von Frauen Frauensache sei, sollten darüber nachdenken, wie es ihnen gefällt, ihre Partnerinnen, Mütter, Schwestern und andere Frauen, die ihnen wichtig sind, in einem Umfeld zu sehen, das deren Interessen und Bedürfnisse hintanstellt und sie gefährdet.

Ich habe in einem sozialen Netzwerk die Reaktion eines Mannes auf dieses Buch gelesen. Er schrieb ironisch, dass es unter diesen Umständen ja ein Wunder sei, dass Frauen im Durchschnitt länger lebten als Männer. Ja, das tun sie. Aber weil die Medizin sie als Frauen im Stich lässt, verbringen sie die letzten zwölf Jahre ihres Lebens bei schlechter Gesundheit.

Unsichtbare Frauen ist bei btb erschienen und kostet in der broschierten Ausgabe 15 Euro sowie als E-Book 12,99 Euro.

Caroline Criado-Perez wurde 2013 zum Human Rights Campaigner of the Year und 2015 zum Officer of the Order of the British Empire (OBE) ernannt.

Freitag, 28. September 2018

# 169 - Wer trieb die Raketenforschung in den USA voran?

Ein Buch, das die Geschichte der NASA gerade rückt

 

Mit Hidden Figures hat Margot Lee Shetterly ein Buch geschrieben, das sich sehr detailliert mit der Rolle und Position von schwarzen Frauen bei der NASA und ihrer Vorläuferorganisation, dem NACA, seit dem 2. Weltkrieg bis in die 1970-er Jahre beschäftigt. Ein Thema, über das vor dieser Veröffentlichung so gut wie nichts bekannt war.

Die Rolle von schwarzen Mathematikerinnen als "menschliche Computer" 

 

Was zunächst klargestellt werden muss: Hidden Figures wurde insbesondere als 2017 dreifach für den Oscar nominierter Kinofilm bekannt, in dem sich die Handlung um die drei afroamerikanischen Mathematikerinnen Katherine Goble, Dorothy Vaughan und Mary Jackson dreht. Die Vorlage für diesen Film war jedoch kein Roman, sondern ein Sachbuch. Das ist wesentlich für das Verständnis dieses Buches, in dem sich die jahrelange Recherche der Autorin widerspiegelt. Shetterly hat ihre Informationen aus derart vielen Quellen zusammengetragen, dass für die Anmerkungen und die Bibliografie 48 Buchseiten benötigt werden. Die großen geschichtlichen Schlagworte, die hier eine wesentliche Rolle spielen, sind bekannt: Die strikte Rassentrennung in den USA, die sich durch das ganze Leben der US-Amerikaner zog, wurde erst aufgeweicht, als gebildete Schwarze gebraucht wurden, weil es für die Aufgaben, die der NACA vor sich hatte, nicht genügend weißes Fachpersonal gab. Die Mathematikerin Dorothy Vaughan begann ihre Arbeit als menschlicher Computer beim Langley Memorial Aeronautical Laboratory, einer Einrichtung des NACA, im Dezember 1943. Bevor es die heutigen Computer gab wurden Menschen, deren Arbeit es war, komplizierte Berechnungen zu tätigen, als Computer bezeichnet. Die USA hatten es sich in diesem Abschnitt des 2. Weltkriegs zum Ziel gesetzt, ihre Feinde aus der Luft zu besiegen und benötigten technisch hoch entwickelte Flugzeuge.

Als der Krieg vorbei war, litten die Schwarzen unter den Auswirkungen der McCarty-Ära, die mit einer Kommunismus-Hysterie und ausufernden Verschwörungstheorien einher ging.
Katherine Goble trat erst 1953 als wissenschaftliche Mathematikerin in den NACA ein. Zwei Jahre zuvor begann dort Mary Jackson ihre Arbeit. Der Schwerpunkt hatte sich nun auf die Erforschung der Raumfahrt verlegt, da die USA auf diesem Gebiet in einem ständigen und teuren Wettstreit mit der UdSSR standen. Die Arbeit dieser drei schwarzen Wissenschaftlerinnen hat den Erfolg des Mercury- und Apollo-Programms ermöglicht. Geehrt wurde jedoch nur Katherine Goble (später Johnson), die neben meheren NASA-Auszeichnungen und Ehrendoktorwürden 2015 im Alter von 97 Jahren eine der höchsten zivilen Auszeichnungen der USA, die  Presidential Medal of Freedom, erhielt.


Lesen?

 

In Hidden Figures schildert Margot Lee Shetterly sehr genau einen Teil der jüngeren Geschichte der USA, der von der Unterdrückung und Geringschätzung der afroamerikanischen Bevölkerung geprägt war. Der Zugang zu Schlüsselpositionen in der US-Administration für gebildete Schwarze wurde einerseits durch die Beharrlichkeit und große Disziplin von Menschen wie den drei genannten Mathematikerinnen und andererseits durch den großen Mangel an fähigem Personal befördert. Die erfolgreiche Tätigkeit von Katherine Goble, Mary Jackson und Dorothy Vaughan war der Türöffner für die nach ihnen bei der NASA arbeitenden afroamerikanischen Wissenschaftlerinnen. Das Ziel der Gleichberechtigung ist jedoch auch mehr als 50 Jahre später noch nicht erreicht worden.  
Das Buch spricht nicht nur technik- und geschichtsbegeisterte Leser an, sondern auch solche, die sich für gesellschaftliche Themen interessieren. Wissenschaftliche Darstellungen sind nicht mit Fachbegriffen überfrachtet und sehr gut verständlich.

Hidden Figures ist bei HarperCollins erschienen und kostet als Taschebuch 14 Euro sowie als E-Book 12,99 Euro. Ich bedanke mich beim Verlag, der mir das Buch zur Verfügung gestellt hat.