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Samstag, 28. März 2026

# 500 - Mit Pflanzen die Welt retten: heillos naiv oder eine Chance für das Klima?

Bernhard Kegel ist Diplom-Biologe, hat mit einer
agrarökologischen Arbeit promoviert und zahlreiche Bücher geschrieben, die sich mit Pflanzen, Tieren oder Mikroben beschäftigen.

In seinem neuesten Sachbuch Mit Pflanzen die Welt retten beschäftigt sich Kegel mit der Frage, ob es möglich ist, mithilfe von Pflanzen die Klimakrise zu bewältigen. Dieser Gedanke wabert immer wieder durch politische Diskussionen: Man pflanzt hier und dort beispielsweise viele Bäume an, und wenn diese groß genug sind, speichern sie massenweise Kohlendioxid und entlasten so das Weltklima. Wäre das nicht schön? 

Man ahnt es: So einfach ist die Sache nicht. Bernhard Kegel beleuchtet wissenschaftlich, wie viel Pflanzen und pflanzenbasierte Technologien tatsächlich zur Lösung der Klimakrise beitragen können. Er erläutert, welche Wirkung die Aufforstung von Wäldern, die Wiedervernässung von Moorgebieten, die Erweiterung oder Schaffung von Meeresökosystemen mit Seegras, Mangroven oder Algen sowie Eingriffe in biogeochemische Kreisläufe haben. 

Hinter allem steht die Frage: Reicht der Aufwand aus, der sich nicht nur auf den Aufbau dieser Systeme beschränkt, sondern auch deren Pflege nach sich zieht? Kegel ist realistisch: Damit wird es nicht getan sein. Es ist zu wenig, sich nur auf die Reduzierung der CO2-Emissionen zu beschränken, das klimaschädliche Gas muss darüber hinaus aus der Atmosphäre entfernt werden.

Die Fakten liegen auf dem Tisch. Es ist offensichtlich, was getan werden müsste, um CO2-Emissionen spürbar zu reduzieren. Doch Kegel beklagt, dass die nötigen Maßnahmen von der Politik und der Bürokratie ausgebremst werden und immer wieder der Anspruch formuliert wird, es müsse jede Maßnahme vor ihrer Umsetzung bis ins Kleinste erforscht sein. 

Lesen?

Mit Pflanzen die Welt retten ist ein anspruchsvolles Sachbuch, für dessen vollständiges Verständnis ein paar Grundkenntnisse nicht schaden. Aber um die Botschaft des Autors nachzuvollziehen genügt es, den roten Faden im Auge zu behalten, den Kegel am Ende so formuliert: "Es ist vollkommen absurd, enorme finanzielle Mittel und unendlich viel Arbeit in die Aufforstung von Wäldern, die Wiedervernässung von Mooren und die Wiederherstellung von Seegraswiesen, Tangwäldern und Mangroven zu investieren und gleichzeitig die noch existierenden intakten Reste dieser Ökosysteme an anderer Stelle großflächig zu zerstören. Doch genau das geschieht. Noch sägen wir also den Klimaast, auf dem wir sitzen, an gleich zwei Stellen an: indem wir fossile Energieträger verbrennen und damit die globale Temperatur in die Höhe treiben und indem wir die Ökosysteme, auf deren Dienstleistungen wir angewiesen sind und die CO2 aus der Atmosphäre holen könnten, schwächen und zerstören und zum Teil sogar in Kohlendioxidemittenten verwandeln."
Klingt nicht so, als würde die Menschheit derzeit einen cleveren Plan verfolgen.

Mit Pflanzen die Welt retten ist 2024 im DuMont Buchverlag erschienen und kostet 25 Euro.

Dienstag, 20. Mai 2025

# 475 - Völlig losgelöst im All

Astronautinnen und Astronauten aus verschiedenen
Ländern sowie zwei russische Kosmonauten umkreisen in einer Raumstation die Erde - zwei Frauen und vier Männer. In ihrem Roman 
Umlaufbahnen sieht Samantha Harvey ihnen einen Tag lang zu - in sechzehn Umlaufbahnen à neunzig Minuten.

In etwa 400 Kilometern Höhe bewegt sich die Raumstation seit mehr als 25 Jahren mit einer Geschwindigkeit von rd. 29.000 km/h um den "blauen Planeten". Die sechs Menschen versuchen, sich weit weg von ihrer Heimat und denen, die sie lieben, einen Alltag aufzubauen. Sie schlafen in hängenden Schlafsäcken, machen Sport gegen den Muskelabbau, essen Standardkost aus Tüten und zwischendurch Lebensmittel, die ihnen ihre Angehörigen mit der Versorgungskapsel geschickt haben, und verbringen Zeit mit ihren Kolleginnen und Kollegen. Ihre Arbeit besteht aus wissenschaftlichen Experimenten und der Erledigung von Aufträgen, die sie von der Bodenstation erhalten. 

Samantha Harvey hat jedoch kein nüchtern-technisches Buch geschrieben, sondern der Raumfahrt einen poetisch-emotionalen Anstrich gegeben. Sie schildert den Ausblick der Astronautinnen und Astronauten auf ihren Heimatplaneten in schillernden Worten, wirft einen Blick auf den persönlichen Lebenshintergrund jeder einzelnen Person und macht durch ihre Sprache deutlich, wie sehr in einer Raumstation das Leben im All und das auf der Erde auseinanderfallen. Das, was hunderte Kilometer unter ihnen passiert, hat aus dieser Perspektive einen fast schon surrealen Charakter:
Die Philippinen werden von einem riesigen Taifun heimgesucht, aber von der Raumstation aus sieht man kein Leid, das vom Sturm angerichtet wird, sondern die spektakulären Wolkenformationen, die auf das Land zuziehen. Eines der Crewmitglieder hat während eines Urlaubs eine philippinische Fischerfamilie kennengelernt; dieser persönliche Bezug verdeutlicht die katastrophalen Folgen des Wirbelsturms für die Bewohnerinnen und Bewohner des Landes.
Gleichzeitig erfährt eine der Astronautinnen vom Tod ihrer Mutter. Der bedrückende Moment der Erkenntnis, nicht bei deren Beisetzung dabei sein zu können, schwappt auf die Leserinnen und Leser über.

Nebenbei vermittelt Samantha Harvey Details über die Raumstation, die in diesem Roman zwar keinen Namen hat, aber wahrscheinlich die ISS ist. So erfährt man beispielsweise, dass es zwei Toiletten gibt: eine für die beiden russischen Kosmonauten, eine US-amerikanische Toilette für alle anderen. Eindeutige Hinweisschilder an den Toilettentüren legen fest, wer auf welches stille Örtchen gehen muss. Das Schild vor dem US-WC wird durch einen Hinweis ergänzt: Bitte benutzen Sie aufgrund der andauernden politischen Auseinandersetzungen ihre eigene nationale Toilette.
Die Besatzung hält sich oft nicht an die Trennung, macht sich aber darüber lustig. Der Kosmonaut Roman wird mit dem Satz "Ich bin mal eben weg und leg ein Ei für Mütterchen Russland" zitiert. So sieht es aus, wenn Politik seltsame Blüten treibt. Das Bodenpersonal muss machtlos beobachten, wie die Besatzung auch die geographische Aufteilung der Ergometer oder des Essenslagers missachtet.

Die Crew weiß noch nicht, dass sich die Lebenszeit der Raumstation dem Ende zuneigt. An der Außenwand des Raumschiffs ist ein feiner Riss, der einen so geringen Druckabfall im russischen Modul bewirkt, dass kein Alarm ausgelöst wird. Aber der Riss wird breiter, ganz langsam ...

Lesen?

Umlaufbahnen ist nicht nur eine plastische Schilderung des Lebens in einer Raumkapsel, es ist auch eine Ode an die Schönheit der Erde. Einer Erde, die von den Menschen nach und nach zerstört wird: Harvey beschreibt den von roten oder neonfarbenen Algenblüten gefärbten Atlantik, der längst überfischt ist und sich stetig weiter erwärmt ebenso wie die Verdunstungsteiche, aus denen Lithium gewonnen wird oder die schrumpfenden Eisschilde der Gletscher. Die Crewmitglieder registrieren diese menschengemachten Schäden: 'Aus ihrer Perspektive ist der Einfluss der Politik so offensichtlich, manifestiert sich in jedem Detail des Anblicks, dass sie gar nicht verstehen, wie ihnen das zunächst entgehen konnte', resümiert Harvey. An dieser Stelle macht es sich die Autorin möglicherweise zu einfach. Das gilt auch für die ein oder andere technische Beschreibung. Aber hier genau zu sein, war sicher nicht ihre Absicht.

Samantha Harvey bekam für ihren Roman den Booker Prize 2024.

Umlaufbahnen ist 2024 bei dtv erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 22 Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Nachtrag: Wer sich für Raumfahrt interessiert, kann sich mithilfe der kostenlosen App 'ISS Live Now' Aufzeichnungen aus dem Inneren der ISS ansehen oder live deren Erdumrundung verfolgen.


Freitag, 5. Juli 2024

# 442 - Verkaufte Zukunft

Wenn es um die Klimakrise geht, liest man eine Menge
Meinungsäußerungen. Nicht alle sind von Kenntnis geprägt, sondern eher von so etwas wie Bauchgefühl oder Partikularinteressen - das passende Stichwort ist hier 'Lobbyismus'.

Das Buch Verkaufte Zukunft des Soziologen und Direktors des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsordnung Jens Beckert ist eine Ausnahme. Der Wissenschaftler zieht hier alle argumentatorischen Register, wenn er der Gesellschaft den Spiegel vorhält. Mit dem Untertitel Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht wird klar, in welche Richtung die Reise in die Zukunft geht. Beckert verfällt jedoch nicht in ein Wehklagen, sondern präsentiert Fakten. In neun Kapiteln sucht er Antworten auf seine zentrale Frage: Warum sind Gesellschaften nicht in der Lage, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten?

Das Buch vermittelt ein Verständnis von Mechanismen, die in unserem Gesellschaftssystem dafür verantwortlich sind, dass sinnvolle Maßnahmen zur Erreichung der Klimaziele nur schleppend oder gar nicht umgesetzt werden. Dabei sollte man doch meinen, dass die Sachlage für die meisten Menschen klar ist: Die Ursachen für die Klimakrise sind bekannt, die Möglichkeiten, sie aufzuhalten, auch. Aber trotz ambitionierter Klimakonferenzen und selbst gesteckter Ziele, die Emissionen von klimaschädlichen Treibhausgasen drastisch abzumildern, werden diese Ziele nicht erreicht und für andere Dinge geopfert: für die nächsten Wahlen oder die anstehenden Unternehmensbilanzen. So verstreicht wertvolle Zeit, die Zukunft wird regelrecht verkauft - unsere, die unserer Kinder und Enkelkinder sowie aller weiteren Generationen.

Das Problem ist die Struktur unserer Gesellschaftsordnung: Die Politik braucht rasche Erfolge, anderenfalls werden ihre Repräsentanten nicht wiedergewählt; der Erfolg von Unternehmen wird an ökonomischen Kennzahlen gemessen, allen voran am Gewinn. Maßnahmen, die gut für den Klimaschutz wären, haben jedoch einen großen Nachteil: Sie wirken langfristig. Erfolge sind erst Jahre oder Jahrzehnte später zu erkennen. Bis dahin sind die Politiker und Unternehmenschefs von heute nicht mehr aktiv, vielleicht leben sie sogar nicht mehr. Die Folgen dieser Missachtung von sinnvollen Maßnahmen werden sowohl von ihnen als auch den Bürgern "übersehen" oder klein geredet. Schon auf den ersten Seiten schreibt Beckert: "Meine diesbezügliche These lautet schlicht: Die Macht- und Anreizstrukturen der kapitalistischen Moderne und ihre Steuerungsmechanismen blockieren eine Lösung des globalen Problems namens Klimawandel." Und: "Der kurzfristige Gewinn aus der Vermeidung von Klimakosten übersteigt den gegenwärtigen Nutzen zukünftiger Klimasicherheit."

Derzeit wird aber eher aufgeschoben als aktiv gehandelt: Die Rettung der Erde wird an die nächsten Regierungen oder Firmenlenker delegiert. Doch auch die Bürgerinnen und Bürger sind kaum besser: Die Mehrheit bejaht zwar, dass die Klimakrise unsere Welt bedroht, sobald jedoch Klimaschutzmaßnahmen zu Preissteigerungen führen oder die eigene Bequemlichkeit leidet, regen sich Widerstand und Ablehnung. Schon Appelle, sich im Alltag klimabewusster zu verhalten, werden als Einschränkung der persönlichen Freiheit wahrgenommen. Das ähnelt dem sog. Sankt-Florian-Prinzip: "Heiliger Sankt Florian / verschon mein Haus, zünd and're an."

Lesen?

Jens Beckert zeigt nicht nur mit dem Finger auf die Probleme, sondern skizziert auch, wie Lösungen aussehen können. Eins steht fest: Es ist kompliziert. Es sollte in den Industrienationen darum gehen, einen grünen Kapitalismus zu schaffen - schon deshalb, weil sich der Kapitalismus als Gesellschaftssystem nicht abschaffen lässt. Das Vermeiden von Emissionen muss für Unternehmen zu einem wirtschaftlichen Erfolg führen - wie wir bereits gelernt haben, ist der derzeit praktizierte Handel mit Emissionszertifikaten dafür nicht geeignet.

Der Autor verschweigt nicht das Dilemma, in dem sich der globale Klimaschutz befindet: Arme Länder, die bislang nur einen geringen Anteil an der Klimakrise haben, müssen, wenn sie z. B. auf fossile Rohstoffvorkommen stoßen und diese ausbeuten wollen, fair behandelt werden. Beckert führt beispielhaft die Demokratische Republik Kongo an, die für die Ölförderung Regenwald abholzen und so einen wirtschaftlichen Aufschwung erleben will. Ausgerechnet das Land mit den weltweit zweithöchsten Treibhausgas-Emissionen, die USA, verlangt, keine Förderlizenzen zu vergeben. Beckert resümiert: "Die Ungleichheiten der globalen Arbeitsteilung führen zu einer unfassbaren Verlogenheit in der Klimadebatte, bei der die Länder des globalen Südens für den Raubbau  an ihrer Natur verantwortlich gemacht werden, obwohl der Nutzen davon zu großen Teilen dem globalen Norden zugutekommt, der zudem den Raubbau mit seiner Technologie und seinem Finanzkapital erst ermöglicht."

Verkaufte Zukunft enthält viele Fakten und Argumente, die immer wieder in öffentlichen Diskussionen genannt werden. Doch Beckerts "Rundumschlag" ermöglicht ein umfassendes Bild über den aktuellen Stand des schwach ausgeprägten Eifers, die Klimakrise abzumildern. Davon, dass sie gestoppt werden könnte, geht er nicht aus. Eine Erwärmung der Erde um 2° C hält er für das wahrscheinlichste Szenario.

Das Buch ist auch für Laien sehr gut verständlich, die Argumente sind gut nachvollziehbar. Wahrscheinlich auch deshalb wurde der Titel für den Deutschen Sachbuchpreis und den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Verkaufte Zukunft ist 2024 im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 28 Euro sowie als E-Book 23,99 Euro,