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Dienstag, 20. Mai 2025

# 475 - Völlig losgelöst im All

Astronautinnen und Astronauten aus verschiedenen
Ländern sowie zwei russische Kosmonauten umkreisen in einer Raumstation die Erde - zwei Frauen und vier Männer. In ihrem Roman 
Umlaufbahnen sieht Samantha Harvey ihnen einen Tag lang zu - in sechzehn Umlaufbahnen à neunzig Minuten.

In etwa 400 Kilometern Höhe bewegt sich die Raumstation seit mehr als 25 Jahren mit einer Geschwindigkeit von rd. 29.000 km/h um den "blauen Planeten". Die sechs Menschen versuchen, sich weit weg von ihrer Heimat und denen, die sie lieben, einen Alltag aufzubauen. Sie schlafen in hängenden Schlafsäcken, machen Sport gegen den Muskelabbau, essen Standardkost aus Tüten und zwischendurch Lebensmittel, die ihnen ihre Angehörigen mit der Versorgungskapsel geschickt haben, und verbringen Zeit mit ihren Kolleginnen und Kollegen. Ihre Arbeit besteht aus wissenschaftlichen Experimenten und der Erledigung von Aufträgen, die sie von der Bodenstation erhalten. 

Samantha Harvey hat jedoch kein nüchtern-technisches Buch geschrieben, sondern der Raumfahrt einen poetisch-emotionalen Anstrich gegeben. Sie schildert den Ausblick der Astronautinnen und Astronauten auf ihren Heimatplaneten in schillernden Worten, wirft einen Blick auf den persönlichen Lebenshintergrund jeder einzelnen Person und macht durch ihre Sprache deutlich, wie sehr in einer Raumstation das Leben im All und das auf der Erde auseinanderfallen. Das, was hunderte Kilometer unter ihnen passiert, hat aus dieser Perspektive einen fast schon surrealen Charakter:
Die Philippinen werden von einem riesigen Taifun heimgesucht, aber von der Raumstation aus sieht man kein Leid, das vom Sturm angerichtet wird, sondern die spektakulären Wolkenformationen, die auf das Land zuziehen. Eines der Crewmitglieder hat während eines Urlaubs eine philippinische Fischerfamilie kennengelernt; dieser persönliche Bezug verdeutlicht die katastrophalen Folgen des Wirbelsturms für die Bewohnerinnen und Bewohner des Landes.
Gleichzeitig erfährt eine der Astronautinnen vom Tod ihrer Mutter. Der bedrückende Moment der Erkenntnis, nicht bei deren Beisetzung dabei sein zu können, schwappt auf die Leserinnen und Leser über.

Nebenbei vermittelt Samantha Harvey Details über die Raumstation, die in diesem Roman zwar keinen Namen hat, aber wahrscheinlich die ISS ist. So erfährt man beispielsweise, dass es zwei Toiletten gibt: eine für die beiden russischen Kosmonauten, eine US-amerikanische Toilette für alle anderen. Eindeutige Hinweisschilder an den Toilettentüren legen fest, wer auf welches stille Örtchen gehen muss. Das Schild vor dem US-WC wird durch einen Hinweis ergänzt: Bitte benutzen Sie aufgrund der andauernden politischen Auseinandersetzungen ihre eigene nationale Toilette.
Die Besatzung hält sich oft nicht an die Trennung, macht sich aber darüber lustig. Der Kosmonaut Roman wird mit dem Satz "Ich bin mal eben weg und leg ein Ei für Mütterchen Russland" zitiert. So sieht es aus, wenn Politik seltsame Blüten treibt. Das Bodenpersonal muss machtlos beobachten, wie die Besatzung auch die geographische Aufteilung der Ergometer oder des Essenslagers missachtet.

Die Crew weiß noch nicht, dass sich die Lebenszeit der Raumstation dem Ende zuneigt. An der Außenwand des Raumschiffs ist ein feiner Riss, der einen so geringen Druckabfall im russischen Modul bewirkt, dass kein Alarm ausgelöst wird. Aber der Riss wird breiter, ganz langsam ...

Lesen?

Umlaufbahnen ist nicht nur eine plastische Schilderung des Lebens in einer Raumkapsel, es ist auch eine Ode an die Schönheit der Erde. Einer Erde, die von den Menschen nach und nach zerstört wird: Harvey beschreibt den von roten oder neonfarbenen Algenblüten gefärbten Atlantik, der längst überfischt ist und sich stetig weiter erwärmt ebenso wie die Verdunstungsteiche, aus denen Lithium gewonnen wird oder die schrumpfenden Eisschilde der Gletscher. Die Crewmitglieder registrieren diese menschengemachten Schäden: 'Aus ihrer Perspektive ist der Einfluss der Politik so offensichtlich, manifestiert sich in jedem Detail des Anblicks, dass sie gar nicht verstehen, wie ihnen das zunächst entgehen konnte', resümiert Harvey. An dieser Stelle macht es sich die Autorin möglicherweise zu einfach. Das gilt auch für die ein oder andere technische Beschreibung. Aber hier genau zu sein, war sicher nicht ihre Absicht.

Samantha Harvey bekam für ihren Roman den Booker Prize 2024.

Umlaufbahnen ist 2024 bei dtv erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 22 Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Nachtrag: Wer sich für Raumfahrt interessiert, kann sich mithilfe der kostenlosen App 'ISS Live Now' Aufzeichnungen aus dem Inneren der ISS ansehen oder live deren Erdumrundung verfolgen.


Freitag, 28. September 2018

# 169 - Wer trieb die Raketenforschung in den USA voran?

Ein Buch, das die Geschichte der NASA gerade rückt

 

Mit Hidden Figures hat Margot Lee Shetterly ein Buch geschrieben, das sich sehr detailliert mit der Rolle und Position von schwarzen Frauen bei der NASA und ihrer Vorläuferorganisation, dem NACA, seit dem 2. Weltkrieg bis in die 1970-er Jahre beschäftigt. Ein Thema, über das vor dieser Veröffentlichung so gut wie nichts bekannt war.

Die Rolle von schwarzen Mathematikerinnen als "menschliche Computer" 

 

Was zunächst klargestellt werden muss: Hidden Figures wurde insbesondere als 2017 dreifach für den Oscar nominierter Kinofilm bekannt, in dem sich die Handlung um die drei afroamerikanischen Mathematikerinnen Katherine Goble, Dorothy Vaughan und Mary Jackson dreht. Die Vorlage für diesen Film war jedoch kein Roman, sondern ein Sachbuch. Das ist wesentlich für das Verständnis dieses Buches, in dem sich die jahrelange Recherche der Autorin widerspiegelt. Shetterly hat ihre Informationen aus derart vielen Quellen zusammengetragen, dass für die Anmerkungen und die Bibliografie 48 Buchseiten benötigt werden. Die großen geschichtlichen Schlagworte, die hier eine wesentliche Rolle spielen, sind bekannt: Die strikte Rassentrennung in den USA, die sich durch das ganze Leben der US-Amerikaner zog, wurde erst aufgeweicht, als gebildete Schwarze gebraucht wurden, weil es für die Aufgaben, die der NACA vor sich hatte, nicht genügend weißes Fachpersonal gab. Die Mathematikerin Dorothy Vaughan begann ihre Arbeit als menschlicher Computer beim Langley Memorial Aeronautical Laboratory, einer Einrichtung des NACA, im Dezember 1943. Bevor es die heutigen Computer gab wurden Menschen, deren Arbeit es war, komplizierte Berechnungen zu tätigen, als Computer bezeichnet. Die USA hatten es sich in diesem Abschnitt des 2. Weltkriegs zum Ziel gesetzt, ihre Feinde aus der Luft zu besiegen und benötigten technisch hoch entwickelte Flugzeuge.

Als der Krieg vorbei war, litten die Schwarzen unter den Auswirkungen der McCarty-Ära, die mit einer Kommunismus-Hysterie und ausufernden Verschwörungstheorien einher ging.
Katherine Goble trat erst 1953 als wissenschaftliche Mathematikerin in den NACA ein. Zwei Jahre zuvor begann dort Mary Jackson ihre Arbeit. Der Schwerpunkt hatte sich nun auf die Erforschung der Raumfahrt verlegt, da die USA auf diesem Gebiet in einem ständigen und teuren Wettstreit mit der UdSSR standen. Die Arbeit dieser drei schwarzen Wissenschaftlerinnen hat den Erfolg des Mercury- und Apollo-Programms ermöglicht. Geehrt wurde jedoch nur Katherine Goble (später Johnson), die neben meheren NASA-Auszeichnungen und Ehrendoktorwürden 2015 im Alter von 97 Jahren eine der höchsten zivilen Auszeichnungen der USA, die  Presidential Medal of Freedom, erhielt.


Lesen?

 

In Hidden Figures schildert Margot Lee Shetterly sehr genau einen Teil der jüngeren Geschichte der USA, der von der Unterdrückung und Geringschätzung der afroamerikanischen Bevölkerung geprägt war. Der Zugang zu Schlüsselpositionen in der US-Administration für gebildete Schwarze wurde einerseits durch die Beharrlichkeit und große Disziplin von Menschen wie den drei genannten Mathematikerinnen und andererseits durch den großen Mangel an fähigem Personal befördert. Die erfolgreiche Tätigkeit von Katherine Goble, Mary Jackson und Dorothy Vaughan war der Türöffner für die nach ihnen bei der NASA arbeitenden afroamerikanischen Wissenschaftlerinnen. Das Ziel der Gleichberechtigung ist jedoch auch mehr als 50 Jahre später noch nicht erreicht worden.  
Das Buch spricht nicht nur technik- und geschichtsbegeisterte Leser an, sondern auch solche, die sich für gesellschaftliche Themen interessieren. Wissenschaftliche Darstellungen sind nicht mit Fachbegriffen überfrachtet und sehr gut verständlich.

Hidden Figures ist bei HarperCollins erschienen und kostet als Taschebuch 14 Euro sowie als E-Book 12,99 Euro. Ich bedanke mich beim Verlag, der mir das Buch zur Verfügung gestellt hat.

Freitag, 26. Januar 2018

# 133 - Tschechiens Aufbruch ins Weltall

Ein Nationalheld wird geboren

 

Jakub Procházka ist ein geachteter Astrophysiker, mit seiner großen Liebe Lenka verheiratet und kinderlos. Die beiden leben ein relativ unauffälliges Leben, bis Jakub eines Tages eine Einladung von Senator Tůma erhält: Der Politiker bietet ihm an, mit einer Ein-Mann-Rakete eine kosmische Staubwolke, die den Namen "Chopra" erhalten hat, zu erforschen. Etliche Staaten überlegen bereits, eigene Missionen ins All zu schicken, aber Tschechien ist das erste Land, das sich aus der Deckung wagt: Jakub soll der Nation zu großartigem wissenschaftlichen Ruhm verhelfen, indem er sich auf eine achtmonatige Reise in einer von der Schweiz ausgemusterten Rakete begibt. JanHus1 wird das Raumschiff getauft, nach dem böhmischen Theologen und Reformator, der im 15. Jahrhundert gelebt hat. Hiermit beginnt Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt des tschechisch-amerikanischen Autors Jaroslav Kalfař.

Das Gefühl der (Mit-) Schuld bleibt ein Leben lang



In Jakubs Kindheitsrinnerungen befinden sich Schatten: Sein Vater ist ein ranghohes Parteimitglied gewesen, dessen Aufgabe beim Geheimdienst es war, Verdächtige bei Verhören zu foltern. Mit dem Einsetzen der Samtenen Revolution 1989 und der Abkehr vom Kommunismus schlug ihm und seiner Familie die geballte Ablehnung der Mitmenschen entgegen. Doch bevor es zum Prozess gegen den linientreuen Parteigänger kommen konnte, verunglückte er 1990 zusammen mit Jakubs Mutter tödlich. Zu diesem Zeitpunkt war Jakub zehn Jahre alt und wuchs von da an bei seinen Großeltern auf. Seit damals versucht er, mit den widerstreitenden Gefühlen für seinen Vater umzugehen: Einerseits fühlt er stellvertretend dessen Schuld, andererseits liebt er ihn, weil er sein Vater ist. Die Schuldgefühle treiben ihn an, etwas Herausragendes für sein Land zu tun, damit die Schuld seines Vaters kleiner oder sogar gelöscht und der Name Procházka nicht nur mit Gewalt verbunden wird. Dafür stimmt er zu, als Astronaut für die Chopra-Mission zur Verfügung zu stehen, obwohl ihm bewusst ist, dass er damit seine Ehe riskiert.

Das All: unendliche Weiten und ein Reisebegleiter

 

Im April 2018 startet die JanHus1 mit Jakub von einem böhmischen Kartoffelacker in den Weltraum. Auf dieser Mission nimmt Jakub drei Rollen ein: die des Wissenschaftlers, des Nationalhelden und des Privatmanns. Der Wissenschaftler freut sich darauf, etwas erforschen zu können, das noch nie zuvor da war; der Nationalheld muss sich erst noch in die Erwartungen, die an ihn gestellt werden, hineinfinden und der private Jakub Procházka wird von seiner Frau verlassen. Doch es passiert noch mehr: Jakub bekommt ungebetenen Besuch von einem sprechenden spinnenähnlichen Wesen, dem er den Namen Hanuš nach dem legendären tschechischen Uhrmacher gibt. Hanuš ist verfressen und macht sich über Jakubs Nutella-Vorräte her. Nachdem sich Jakub an die Eigenheiten seines Gastes mit seinen 34 Augen gewöhnt hat, ist er ihm ein guter Gesprächspartner. Doch als JanHus1 in die Chopra-Wolke eindringt, stellt Jakub fest, dass sie eine eigene Schwerkraft besitzt: Das Raumschiff wird in die Wolke hineingezogen, der Staub dringt durch alle Ritzen und frisst sämtliche Kabel an. Als die Sauerstoffversorgung ausfällt, ist das sein Todesurteil. Doch auch wenn Tůma, der inzwischen zum Präsidenten Tschechiens aufgestiegen ist, eine Staatstrauer anordnet und die Errichtung eines Procházka-Denkmals auf dem Prager Karlsplatz in Auftrag gibt, ist die Geschichte hier noch nicht zu Ende.


Wie war's?

 

Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt beginnt mit einem humorvollen Unterton, um in der zweiten Hälfte nachdenklich zu werden. Die Frage, warum ausgerechnet Jakub Procházka, der sich mit dem Weltall bislang nur theoretisch beschäftigt hat, zum Astronauten für eine Mission, die Tschechien wissenschaftlich und wirtschaftlich einen großen Schritt nach vorn bringen soll, ausgewählt wird, wird erst spät beantwortet und hat mehr mit menschlichen Untiefen als mit vorausschauender Planung zu tun. Das Zentrum des Buches ist die Frage nach der Schuld: Ist es richtig, dass für die Fehler eines Menschen dessen ganze Familie büßen muss? Und: Müssen sich die Angehörigen eines nahen Verwandten für dessen Gewalttaten mitschuldig fühlen? Diese Fragen muss sich jeder, der sich in einer ähnlichen Lage befindet, selbst beantworten. Der Roman tut dies nicht.

Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt ist im Tropen-Verlag, einem Imprint des Verlages Klett-Cotta, erschienen und wurde mir als E-Book von Netgalley.de zur Verfügung gestellt. Das Buch kostet als gebundene Ausgabe 22,-- Euro und als Kindle- oder epub-Edition 17,99 Euro.