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Samstag, 26. September 2026

# 517 - Wissen durch Wachs

Eine 14-Jährige sucht 1733 ihre erste Leiche, weil sie wissen will, wie ein menschlicher Körper wirklich aussieht – von innen. Schon mit dieser Ausgangssituation macht Christine Wunnicke deutlich, dass Wachs kein gewöhnlicher historischer Roman sein soll.

Das Besondere daran: Diese junge Frau ist keine Erfindung der Autorin. Sie hieß Marie Marguerite Bihéron und wurde 1719 als Tochter eines Apothekers in Paris geboren. Marie erlangte im 18. Jahrhundert Bekanntheit mit anatomischen Modellen aus Wachs. Christine Wunnicke nimmt das außergewöhnliche Leben dieser weitgehend in Vergessenheit geratenen Frau zum Ausgangspunkt ihres Romans. 

Auch die zweite Hauptfigur, die Zeichnerin und Pflanzenmalerin Madeleine Basseporte, ist historisch belegt. Wunnicke bewegt sich damit auf besonders reizvollem Terrain zwischen Biografie und Fiktion: Sie hält sich an historische Personen und Eckdaten, erlaubt sich aber dort erzählerische Freiheit, wo die Quellen schweigen.

Gerade bei Marie Bihéron ist das interessant. Was heute fast schon wie die Erfindung einer Romanautorin klingt, hat einen realen historischen Hintergrund. Das tatsächliche Leben Bihérons liefert einen Stoff, der außergewöhnlicher ist als manche erfundene Handlung.

Marie interessiert sich schon als junges Mädchen für Anatomie. Sie will nicht einfach glauben, was andere über den menschlichen Körper behaupten, sondern selbst sehen und verstehen. Dafür seziert sie Leichen und bildet deren Organe möglichst naturgetreu nach. Madeleine Basseporte verfolgt auf den ersten Blick einen ganz anderen Weg: Sie zeichnet Pflanzen. Doch eigentlich tun beide etwas sehr Ähnliches: Sie betrachten sehr genau. Beide versuchen, die innere Ordnung ihres Gegenstands zu erkennen, und bilden anschließend das nach, was sie gesehen haben – Marie in Wachs, Madeleine auf Papier.

Aus der Verbindung der beiden historischen Frauen spinnt Wunnicke eine Liebesgeschichte. Wie weit ihre tatsächliche Beziehung ging, lässt sich jedoch nicht mit derselben Sicherheit rekonstruieren wie ihre beruflichen Lebenswege. Gerade hier zeigt sich Wunnickes Verfahren: Sie schreibt keine Biografie, die behauptet, jede Einzelheit belegen zu können. Sie nutzt die Leerstellen der Überlieferung als Raum für Literatur. Aus dem, was bekannt ist, und dem, was möglich gewesen sein könnte, entsteht eine Geschichte, die überzeugend zwischen historischer Wirklichkeit und Fiktion schwebt.

Damit erzählt Wachs weit mehr als das Leben zweier ungewöhnlichen Frauen. Der Roman handelt vom Entstehen von Wissen. Was gilt als wahr? Wer darf forschen? Wer entscheidet darüber, welche Erkenntnisse ernst genommen werden? Und welche Möglichkeiten hat eine Frau in einer Zeit, in der Wissenschaft und ihre Institutionen weitgehend Männern vorbehalten sind und von Frauen erwartet wird, sich um Heim, Herd und Kinder zu kümmern?

Gerade darin liegt eine der großen Stärken des Romans: Wunnicke macht aus ihren Heldinnen keine modernen Frauen, die versehentlich im 18. Jahrhundert gelandet sind. Marie und Madeleine bewegen sich innerhalb ihrer Epoche und überschreiten deren Grenzen trotzdem mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit. Die Männerwelt bildet dabei keinen plakativ gezeichneten Gegner. Die Benachteiligung der Frauen zeigt sich vielmehr in Abhängigkeiten, institutionellen Hindernissen und in der Selbstverständlichkeit, mit der Männer über Möglichkeiten verfügen, die Frauen erst erkämpfen müssen.

Auch die Liebesgeschichte kommt ohne Pathos aus. Die Beziehung zwischen Marie und Madeleine ist wichtig, wird aber nicht zum bestimmendsten Teil ihres Lebens erklärt. Beide bleiben eigenständige Persönlichkeiten mit Arbeit, Ehrgeiz, Eigensinn und beträchtlicher Besessenheit. Gerade dadurch wirkt ihre Nähe überzeugend.

Bemerkenswert ist vor allem Wunnickes Sprache. Sie versucht nicht, auf jeder Seite mit historischem Dekor zu beweisen, wie gründlich sie recherchiert hat. Stattdessen entsteht das 18. Jahrhundert aus Dialogen, Begriffen, Arbeitsabläufen und kleinen, oft erstaunlich körperlichen Einzelheiten. Anatomie ist hier tatsächlich Grundlagenarbeit: Körper riechen, verwesen, werden aufgeschnitten und untersucht. Das kann drastisch werden, wirkt aber nicht effektheischend. Der menschliche Körper erscheint gleichzeitig als biologisches Material, Forschungsobjekt und etwas ungeheuer Faszinierendes.

Dazu kommt ein trockener, gelegentlich schwarzer Humor. Wunnicke hat Freude am Sonderbaren und Abseitigen. Berühmte Gestalten der Aufklärung dürfen auftreten, ohne dass der Roman zur historischen Prominentenparade wird. Selbst Diderot bleibt letztlich eine Nebenfigur. Das Zentrum gehört den beiden Frauen.

Die Konstruktion des Romans ist nicht streng chronologisch, sondern springt zwischen verschiedenen Lebensphasen. Dadurch setzt sich das Bild der Figuren erst allmählich zusammen. Gleichzeitig schafft diese Technik eine gewisse Distanz. Wer einen historischen Roman mit kontinuierlich wachsender Handlung und großem Spannungsbogen erwartet, könnte Wachs deshalb als sprunghaft empfinden. Auch die anatomischen Details, Fachbegriffe und der eigentümliche Sprachduktus verlangen stellenweise mehr Aufmerksamkeit als ein konventioneller Unterhaltungsroman.

Doch diese Sperrigkeit gehört zum Konzept. Wachs will die Vergangenheit nicht möglichst bequem konsumierbar machen. Der Roman nähert sich seinen Figuren auf eine Weise, die zu seinem Gegenstand passt: durch genaues Hinschauen.

Und schließlich erweist sich auch der Titel als treffend. Wachs bewahrt die Form von etwas, dessen ursprüngliche Gestalt vergänglich ist. In gewisser Weise tut Christine Wunnicke mit Marie Bihéron dasselbe. Aus verstreuten historischen Spuren formt sie wieder eine Person. Dabei behauptet sie nicht, die wirkliche Marie vollständig rekonstruieren zu können. Sie schafft vielmehr eine literarische Gestalt, in der historische Tatsachen und dichterische Vorstellung ineinander übergehen.

So ist Wachs zugleich historischer Roman, Liebesgeschichte, Künstlerinnenroman und eine kleine Geschichte der Aufklärung. Vor allem aber erinnert das Buch an eine Frau, deren tatsächliches Leben erstaunlich genug ist, um mehr als zweihundert Jahre später zum Stoff eines Romans zu werden.

Lesen?

Ein schmaler, ungewöhnlicher und kluger Roman – und zugleich ein schönes Beispiel dafür, wie Literatur Menschen wieder sichtbar machen kann, die in der Geschichtsschreibung beinahe verschwunden sind. 
Der Roman stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2025.
Christine Wunnicke wurde 2026 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Wer ihre Bücher nicht nur antiquarisch lesen möchte, muss sich beeilen: Ihre Werke sind im Berenberg Verlag erschienen, der seine Arbeit im März 2026 nach 22 Jahren eingestellt hat.

Wachs ist 2025 erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Dienstag, 20. Mai 2025

# 475 - Völlig losgelöst im All

Astronautinnen und Astronauten aus verschiedenen
Ländern sowie zwei russische Kosmonauten umkreisen in einer Raumstation die Erde - zwei Frauen und vier Männer. In ihrem Roman 
Umlaufbahnen sieht Samantha Harvey ihnen einen Tag lang zu - in sechzehn Umlaufbahnen à neunzig Minuten.

In etwa 400 Kilometern Höhe bewegt sich die Raumstation seit mehr als 25 Jahren mit einer Geschwindigkeit von rd. 29.000 km/h um den "blauen Planeten". Die sechs Menschen versuchen, sich weit weg von ihrer Heimat und denen, die sie lieben, einen Alltag aufzubauen. Sie schlafen in hängenden Schlafsäcken, machen Sport gegen den Muskelabbau, essen Standardkost aus Tüten und zwischendurch Lebensmittel, die ihnen ihre Angehörigen mit der Versorgungskapsel geschickt haben, und verbringen Zeit mit ihren Kolleginnen und Kollegen. Ihre Arbeit besteht aus wissenschaftlichen Experimenten und der Erledigung von Aufträgen, die sie von der Bodenstation erhalten. 

Samantha Harvey hat jedoch kein nüchtern-technisches Buch geschrieben, sondern der Raumfahrt einen poetisch-emotionalen Anstrich gegeben. Sie schildert den Ausblick der Astronautinnen und Astronauten auf ihren Heimatplaneten in schillernden Worten, wirft einen Blick auf den persönlichen Lebenshintergrund jeder einzelnen Person und macht durch ihre Sprache deutlich, wie sehr in einer Raumstation das Leben im All und das auf der Erde auseinanderfallen. Das, was hunderte Kilometer unter ihnen passiert, hat aus dieser Perspektive einen fast schon surrealen Charakter:
Die Philippinen werden von einem riesigen Taifun heimgesucht, aber von der Raumstation aus sieht man kein Leid, das vom Sturm angerichtet wird, sondern die spektakulären Wolkenformationen, die auf das Land zuziehen. Eines der Crewmitglieder hat während eines Urlaubs eine philippinische Fischerfamilie kennengelernt; dieser persönliche Bezug verdeutlicht die katastrophalen Folgen des Wirbelsturms für die Bewohnerinnen und Bewohner des Landes.
Gleichzeitig erfährt eine der Astronautinnen vom Tod ihrer Mutter. Der bedrückende Moment der Erkenntnis, nicht bei deren Beisetzung dabei sein zu können, schwappt auf die Leserinnen und Leser über.

Nebenbei vermittelt Samantha Harvey Details über die Raumstation, die in diesem Roman zwar keinen Namen hat, aber wahrscheinlich die ISS ist. So erfährt man beispielsweise, dass es zwei Toiletten gibt: eine für die beiden russischen Kosmonauten, eine US-amerikanische Toilette für alle anderen. Eindeutige Hinweisschilder an den Toilettentüren legen fest, wer auf welches stille Örtchen gehen muss. Das Schild vor dem US-WC wird durch einen Hinweis ergänzt: Bitte benutzen Sie aufgrund der andauernden politischen Auseinandersetzungen ihre eigene nationale Toilette.
Die Besatzung hält sich oft nicht an die Trennung, macht sich aber darüber lustig. Der Kosmonaut Roman wird mit dem Satz "Ich bin mal eben weg und leg ein Ei für Mütterchen Russland" zitiert. So sieht es aus, wenn Politik seltsame Blüten treibt. Das Bodenpersonal muss machtlos beobachten, wie die Besatzung auch die geographische Aufteilung der Ergometer oder des Essenslagers missachtet.

Die Crew weiß noch nicht, dass sich die Lebenszeit der Raumstation dem Ende zuneigt. An der Außenwand des Raumschiffs ist ein feiner Riss, der einen so geringen Druckabfall im russischen Modul bewirkt, dass kein Alarm ausgelöst wird. Aber der Riss wird breiter, ganz langsam ...

Lesen?

Umlaufbahnen ist nicht nur eine plastische Schilderung des Lebens in einer Raumkapsel, es ist auch eine Ode an die Schönheit der Erde. Einer Erde, die von den Menschen nach und nach zerstört wird: Harvey beschreibt den von roten oder neonfarbenen Algenblüten gefärbten Atlantik, der längst überfischt ist und sich stetig weiter erwärmt ebenso wie die Verdunstungsteiche, aus denen Lithium gewonnen wird oder die schrumpfenden Eisschilde der Gletscher. Die Crewmitglieder registrieren diese menschengemachten Schäden: 'Aus ihrer Perspektive ist der Einfluss der Politik so offensichtlich, manifestiert sich in jedem Detail des Anblicks, dass sie gar nicht verstehen, wie ihnen das zunächst entgehen konnte', resümiert Harvey. An dieser Stelle macht es sich die Autorin möglicherweise zu einfach. Das gilt auch für die ein oder andere technische Beschreibung. Aber hier genau zu sein, war sicher nicht ihre Absicht.

Samantha Harvey bekam für ihren Roman den Booker Prize 2024.

Umlaufbahnen ist 2024 bei dtv erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 22 Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Nachtrag: Wer sich für Raumfahrt interessiert, kann sich mithilfe der kostenlosen App 'ISS Live Now' Aufzeichnungen aus dem Inneren der ISS ansehen oder live deren Erdumrundung verfolgen.


Freitag, 9. Juni 2023

# 396 - Chemieunterricht im Kochstudio

Elizabeth Zott ist Chemikerin. Damit könnte eigentlich
vieles gesagt sein, aber das ist es nicht. Der Haken ist: Zotts Geschichte beginnt in Bonnie Garmus' Debütroman Eine Frage der Chemie Anfang der 1950-er Jahre an einer Universität in Kalifornien. Die USA sind damals hinsichtlich der Frauenrechte sehr konservativ. Die ideale Frau sieht ihre Erfüllung in einer Heirat und der Erziehung von Kindern, das Heim hat sauber und die Mägen der Familienmitglieder haben voll zu sein. Wenn eine Frau überhaupt berufstätig ist, dann nur in untergeordneten und schlecht bezahlten Positionen.

Doch Elizabeth Zott, die die Welt nur unter logischen Gesichtspunkten beurteilt, leuchtet dieses Lebenskonzept nicht ein. Sie hat einen Master-Abschluss in Chemie und sieht ihren Platz im Labor einer Hochschule. Die für die Karriere wichtige Promotion hat sie nicht erreicht, weil sie den Versuch ihres akademischen Betreuers, sie zu vergewaltigen, durch effektive Gegenwehr verhindern konnte. Da ihr der Übergriff ihres Doktorvaters von offizieller Seite nicht geglaubt wird, wird ihr die Zulassung zum Promotionsprogramm entzogen.

Elizabeth Zott ist überaus scharfsinnig und geht trotz aller Rückschläge unverdrossen davon aus, dass das menschliche Handeln nur rational bestimmt sein sollte. Dass sie so zur Außenseiterin wird, nimmt sie in Kauf. Ihr Leben ändert sich deutlich, als sie zufällig den brillanten Chemiker Calvin Evans kennenlernt, der bereits mehrmals für den Nobelpreis nominiert wurde. Sie setzen sich über alle Konventionen hinweg und leben als unverheiratetes Paar zusammen. Calvin möchte Elizabeth heiraten, aber die junge Frau ist auch hier konsequent: Sobald sie Calvins Frau ist, würde sie seinen Nachnamen annehmen müssen und wäre als Mrs Evans nur noch ein Anhängsel ihres Mannes, aber keine eigenständige Person mehr.

Elizabeth wird schwanger. Doch bei einem Unfall kommt Calvin mit nur 28 Jahren ums Leben, bevor die gemeinsame Tochter geboren wird. Die Hochschulleitung schwingt die Moralkeule und entlässt Elizabeth, weil man keine unverheiratete Schwangere im Kollegium duldet. Mit der Geburt der kleinen Mad ist Elizabeth eine alleinerziehende mittellose Mutter.

Durch einen Zufall lernt sie Walter Pine, den Produzenten von Nachmittagssendungen im örtlichen Fernsehstudio, kennen, der sie überredet, der Mittelpunkt einer täglichen Kochshow zu werden. Elizabeth hat Schwierigkeiten, sich in dieser Rolle zu sehen, aber irgendwoher muss ja das Geld kommen. Zu ihrer und Walters Überraschung wird die ungewöhnliche Sendung "Essen um sechs" zum Quotenhit, obwohl sich Elizabeth nicht an das für sie vorgesehene Skript hält. Anstatt nur lächelnd in den Töpfen zu rühren, erklärt sie dem Publikum, welche chemischen Prozesse für das Gelingen der Gerichte verantwortlich sind. Anstelle einer Schürze trägt sie einen Laborkittel. Am Ende einer jeden Sendung sagt sie in die Kamera: "Kinder, deckt den Tisch. Eure Mutter braucht einen Moment für sich." Klar, dass das nicht jedem gefällt. Die Misogynie lauert hinter jeder Ecke. Als Elizabeth dann noch beiläufig erwähnt, dass sie Atheistin ist, bricht etwas über sie herein, was man heute als Shitstorm bezeichnen würde.

Lesen?

Eine Frage der Chemie ist sehr unterhaltsam und spannend geschrieben, sorgt jedoch oft dafür, dass sich beim Lesen der Blutdruck erhöht. Wir reden zu Recht oft und anhaltend darüber, welchen Ungerechtigkeiten heutige moderne Frauen ausgesetzt sind - trotz einer mehr als 100-jährigen Emanzipationsgeschichte. Aber das, was Elizabeth Zott hier widerfährt, ist eine Aneinanderreihung von Zumutungen, die nichts anderes zum Ziel haben, als kluge Frauen wie sie klein zu halten und mundtot zu machen. 

Habe ich gerade "Lesen" geschrieben? Ich habe das Buch nicht gelesen, sondern gehört. Das Hörbuch ist bei Osterwoldaudio, einem Imprint von Hörbuch Hamburg, erschienen und wird von Luise Helm großartig gesprochen. Das wurde mit dem Deutschen Hörbuchpreis 2023 in der Kategorie "Beste Unterhaltung" honoriert.

Eine Frage der Chemie ist 2022 als Buch im Piper Verlag zum Preis von 24 Euro erschienen. Das Hörbuch kostet 16,95 Euro, das E-Book 19,99 Euro.

Hinweis: Die Kombination aus kochen und Chemie gab es in der Bücherkiste vor einiger Zeit bereits mit dem Sachbuch Was uns schmeckt und was dahinter steckt, das von der promovierten Chemikerin Nikola Schwarzer geschrieben wurde. Auch dieses Buch ist sehr empfehlenswert.

Samstag, 27. August 2022

# 361 - Atomkraft - nein danke? Wie die deutsche Kernenergie zu dem wurde, was sie heute ist

Wir leben in einer Zeit, in der Energie knapp zu
werden droht. Die Preissteigerungen sind bereits unübersehbar. Hier und da beschwören Politiker, die sich für fachkundig halten, das Schlimmste abzuwenden, indem man die noch aktiven Atomkraftwerke nicht zum Jahresende 2022 abschaltet, sondern sie noch ein bisschen länger weiterlaufen lässt. Das sei eine kostengünstige Lösung, wird dann noch gern hinterher geschoben. Die, die noch einen draufsetzen wollen, schlagen sogar den Neubau von AKWs vor. Wie sinnvoll ist das tatsächlich?

Der Historiker Frank Uekötter hat genau hingesehen und in seinem Buch Atomare Demokratie - Eine Geschichte der Kernenergie in Deutschland nachvollzogen, wie es in den 1950-er und 1960-er Jahren zum dem Hype um Atomkraftwerke gekommen ist, wer ihren Bau maßgeblich vorangetrieben hat und inwieweit hinter dieser Entwicklung demokratische Entscheidungen gesteckt haben. Auch die Frage, ob es sich bei der Kernenergie wirklich um eine kostengünstige Möglichkeit der Stromerzeugung handelt, wird beantwortet.

Kernenergie galt einst als Zukunftstechnologie und passte zum Lebensgefühl der Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg: Wirtschaft und Konsum zogen an, es wurde immer mehr Energie benötigt. Wie viel genau, wusste niemand so recht. Die Chancen, die viele vor Jahrzehnten in der Technologie sahen, ähnelten dem heutigen Blick aufs Internet: Die Atomkraft sollte durch ihren endlos sprudelnden Energiestrom alles zum Besseren wenden. 

Deutschland war mit seiner Euphorie nicht allein. Rund um den Globus entbrannte der Ehrgeiz, möglichst schnell möglichst leistungsfähige Kernkraftwerke zu bauen. Welche der diskutierten Varianten die beste sein würde, sollte die Zeit zeigen. Aus heutiger Sicht mutet der Überschwang des Philosophen Ernst Bloch sehr befremdlich an, der Ende der 1940-er Jahre in der Kernenergie eine Grundlage der sozialistischen Zukunft sah: "Einige hundert Pfund Uranium und Thorium würden ausreichen, die Sahara und die Wüste Gobi verschwinden zu lassen, Sibirien und Nordkanada, Grönland und die Antarktis zur Riviera zu verwandeln.“

Schwamm drüber, die Realität hat solche Wunschträume längst rechts überholt. Im kollektiven Gedächtnis sind die Bilder des Anti-Atom-Protests tief verankert: Die rote lachende Sonne mit dem Slogan "Atomkraft? Nein danke" fand sich seit Mitte der 1970-er Jahre auf Demos, Pkw-Kofferraumdeckeln oder Taschen. Die Nachrichten berichteten über Demos, deren Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine sehr unterschiedliche Herkunft hatten: Studenten, Wissenschaftler, Juristen, Landwirte und Bürger aus der sog. "Mitte der Gesellschaft" taten sich zu einer der beständigsten Protestbewegungen in der Geschichte der Bundesrepublik zusammen. Was diese Bewegung ausmachte, war nicht unbedingt die Zahl der beteiligten Menschen, sondern ihr jahrzehntelanges Durchhaltevermögen, das in vielen Familien von einer Generation an die nächste weitergegeben wurde.

Der Geschichte der Kernkraft in der DDR ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Die dortige Technologie kam aus der UdSSR und stand in Konkurrenz zur Braunkohle. Ein Ost-West-Austausch fand allenfalls informell und nur sporadisch statt. Nach der Wende wanderten zahlreiche Fachkräfte aus dem Osten in den Westen ab, denn die ostdeutschen Kernkraftwerke waren 1990 nicht mehr in Betrieb. Da die westdeutschen AKW-Betreiber nicht über genügend Fachkräfte verfügten, kamen die neuen Mitarbeiter wie gerufen und haben mutmaßlich dazu beigetragen, dass die westdeutschen Kernkraftwerke bis heute betrieben werden konnten.

Lesen?

Atomare Demokratie - Eine Geschichte der Kernenergie in Deutschland ist ein hochinteressantes Buch, das die Geschichte der deutschen Kernkraft sehr anschaulich zusammenfasst. Frank Uekötter hat dabei einen besonderen Schwerpunkt auf die Frage gelegt, inwieweit die Politik, die Rechtsprechung sowie demokratische Prozesse auf diesen Bereich Einfluss genommen haben. Uekötter hat in einem Buchtrailer dieses positive Fazit gezogen:

"Man merkt, dass Demokratie in der Lage ist, Konflikte deeskalieren zu lassen und am Ende tatsächlich auch zu einer Lösung zu führen."

Das Buch wird durch eine ausführliche Chronologie, ein Quellenverzeichnis, eine Auflistung der erwähnten Kernkraftwerke sowie ein Register vervollständigt.

Atomare Demokratie - Eine Geschichte der Kernenergie in Deutschland ist 2022 im Franz Steiner Verlag erschienen und kostet sowohl als gebundenes Buch als auch als E-Book 29 Euro.

Freitag, 1. April 2022

# 342 - Wut - Nicht unbedingt die Wurzel der Zerstörung

Der Hirzel Verlag widmet sich in einer neuen Buchreihe
den sogenannten Todsünden. Zeitgleich mit dem Titel Gier erschien Wut - Mut zum Zorn. Die Ärztin und Journalistin Johanna Kuroczik hat sich einem emotionalen Zustand gewidmet, der uns sehr befremdet, wenn wir ihn bei anderen Menschen wahrnehmen.

Kuroczik sieht sich die Wut von allen Seiten an. Sie wirft einen langen Blick zurück in die Geschichte der Menschheit und stellt Ausbrüche von Zorn (der eigentlichen Todsünde) schon bei Gott fest: Der tobende und Angst machende Gott nimmt die Position eines strafenden Vaters ein, während Jesus' Zorn nicht länger als unbedingt nötig aufflackert, um sich dann in eine positive Energie zu verwandeln, die Gutes tut.
Wer übrigens glaubt, dass die sieben Todsünden aus der Bibel stammen, erfährt, dass hierbei (wieder mal) ein Papst seine Finger im Spiel hatte.

Selbstverständlich ist auch den modernen Menschen unserer Zeit die Wut nicht fremd. Johanna Kuroczik berichtet von Studien, die sich mit dem Bruder des Zorns, dem Jähzorn, beschäftigen, und stellt einen fundamentalen Unterschied zwischen beiden fest: Im Gegensatz zur Wut lässt sich der Jähzorn nicht kontrollieren. Wer aber dessen Wurzeln kennt, kennt auch Strategien, damit umzugehen.

Wut (oder Zorn) hat ihren Ursprung in unserem Gehirn. Um das verständlich zu machen, stellt die Autorin die aktuellen Erkenntnisse aus der Hirnforschung vor und macht deutlich, dass es für einen Wutausbruch nicht den einen Grund, sondern ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren gibt. Ein leicht reizbarer Mensch macht es sich zu einfach, sich mit dem Verweis auf seine Gene aus der Verantwortung zu ziehen.

Kann Wut auch eine positive Wirkung haben? Und richtet sie sich nur gegen diejenigen, die man ohnehin nicht leiden kann? Auf diese Fragen gibt Johanna Kuroczik einfache und verständliche Antworten, die man vor dem Lesen ihres Buches möglicherweise nicht so deutlich gesehen hätte.

Wut wird gesellschaftlich sogar unterschiedlich wahrgenommen, wenn sie bei Männern oder Frauen beobachtet wird: Ein wütender Mann wird eher als durchsetzungsstark empfunden als eine aus der Haut fahrende Frau. Aber woher kommen diese rational nicht nachvollziehbaren Bewertungen?

Das nachfolgende Zitat Johanna Kurocziks befindet sich zwar nicht am Ende ihres Buches, kann aber gut als Fazit dienen:
"Gefühle erfüllen einen Zweck - sonst hätte die Evolution sie längst abgeschafft. Wut im gesunden Maße ist ein integraler Bestandteil des Menschsein. Es gibt kein Leben ohne Zorn." (Seite 120)

Lesen?

Wut - Mut zum Zorn ist trotz des Buchtitels keine Aufforderung, sein Leben als wandelnder Hochofen zu verbringen, sondern wirft einen klaren und sachlichen Blick auf eine Emotion, die tatsächlich Gutes bewirken, aber ungebremst für viel Zerstörung sorgen kann. Eine sehr interessante Lektüre, die ein neues Licht auf diese Todsünde wirft.

Wut - Mut zum Zorn ist im März 2022 im Hirzel Verlag erschienen und kostet 15 Euro (Klappenbroschur).

Samstag, 11. Dezember 2021

# 319 - Über Sprachen aus der ganzen Welt

Die Literaturwissenschaftlerin Rita Mielke hat in ihrem
neuen Buch Als Humboldt lernte, Hawaiianisch zu sprechen 42 Geschichten gesammelt, in denen es um die Verständigung in fremden Sprachen geht.

Mielke nimmt ihre Leserinnen und Leser nicht nur auf eine Sprachreise mit, die rund um den Globus führt; sie macht deutlich, dass die Geschichte der Menschheit nicht zuletzt auch eine der Sprachbegegnungen ist - beeinflusst von den Menschen, die mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen aufeinander getroffen sind. Da geht es zum Beispiel um baskische Walfänger, die es nach Island verschlägt, oder einen Deutschen, der auf mongolische Nomaden trifft. Diese Art, auf die Entwicklung der menschlichen Sprache zu schauen, ist bislang einzigartig.

Die am längsten zurückliegende Geschichte stammt aus der Zeit Karls des Großen (768 bis 814), die aktuellste von Autoren wie zum Beispiel Galsan Tschinag (geb. 1944). Jede ist für sich sehr besonders und zeigt, wie sich der Umgang mit Sprache verändert hat. Mielke schildert die Ignoranz, die insbesondere europäische Kolonialmächte den Sprachen der Bewohnerinnen und Bewohnern der von ihnen okkupierten Länder entgegenbrachten: Die europäischen Sprachen wurden zwar von den Besetzern als die höherwertigeren angesehen, dennoch war es für sie ärgerlich, sich damit nicht vor Ort verständigen zu können. So kam es zur Bildung von zahlreichen Mischsprachen, die Elemente aus beiden Ursprungssprachen übernahmen. 

Diese sprachliche "Einwanderung" kennen wir aus unserem eigenem Alltag, die Herkunft vieler Begriffe ist uns allerdings oft nicht bewusst. So stammt beispielsweise das arabische Wort biira vom deutschen Bier und das deutsche Wort Beduine vom arabischen badawī. Mielke macht deutlich, dass in der Vielzahl der gesprochenen Sprachen ebenso viele unterschiedliche Weltsichten verborgen sind. Sehr treffend zitiert sie den österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt."

Jedes Kapitel  schließt mit einer kurzen Übersicht über die dort beschriebene Sprache. Hier erfährt man u. a., welche Sprachen sich um ihr Aussterben keine Sorgen machen müssen (z. B. Arabisch, Chinesisch, Mongolisch)  und welche nicht mehr oder kaum noch gesprochen werden (z. B. Arabana, Yámana, Navajo).

Rita Mielke schreibt auch über Themen, die das Buch weiter inhaltlich aufwerten. Was als das älteste Gewerbe der  Welt gilt, dürfte jeder wissen. Aber welches ist das zweitälteste? Auskunft gibt ein Relief, das im Grab des Pharaos Haremhab gefunden wurde, das aus dem Jahr 1330 v. Chr. stammt und einen Dolmetscher zeigt. Mielke beschreibt die Aufgaben und Anforderungen der Dragoman, die sich deutlich von denen der heutigen Dolmetscher unterschieden.

Lesen?

Als Humboldt lernte, Hawaiianisch zu sprechen ist ein Buch, in dem Rita Mielke Sprach-Geschichte(n) sehr spannend erzählt. Wer sich für Sprachen interessiert, dem wird dieses Buch sicher gefallen. Die sehr schönen Illustrationen von Hanna Zeckau runden den Titel ab.

Als Humboldt lernte, Hawaiianisch zu sprechen ist 2021 im Duden Verlag erschienen und kostet 28 Euro.

Freitag, 23. Juli 2021

# 300 - Robert Koch - eine Spurensuche

Spätestens seit dem Beginn der Covid-19-Pandemie ist der Name Robert Koch in aller Munde: Das nach ihm benannte Robert Koch-Institut sammelt und veröffentlicht die zur Risikoeinschätzung nötigen Daten und gibt auch Informationen zu anderen Erkrankungen wie z. B. der Influenza heraus. 

Was bringt man mit diesem Namen noch in Verbindung? Der Mikrobiologe, Mediziner und Hygieniker Koch entdeckte das für die Infektionskrankheit verantwortliche Bakterium, gilt als einer der Begründer der modernen Bakteriologie und bekam 1905 in Anerkennung seiner Leistungen auf dem Gebiet der Tuberkuloseforschung den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.

Doch was Robert Koch darüber hinaus ausgemacht hat, ist kaum bekannt. Was trieb ihn an? War er kritikfähig? Ein Altruist? Ein Menschenfreund? Ein guter Ehemann? Ein verlässlicher Freund? Michael Lichtwarck-Aschoff nähert sich Koch in seinem Buch Robert Kochs Affe - Der grandiose Irrtum des berühmten Seuchenarztes an. Mithilfe von Originaldokumenten wie beispielsweise von Koch verfassten wissenschaftlichen Arbeiten und Aufsätzen zeichnet er in Romanform ein Bild des vielfach bewunderten Wissenschaftlers, das hier allerdings einige Risse bekommt.

Der erste Teil des Buches beschreibt das Leben Kochs im Jahr 1903 in Berlin. Dort wohnte er mit seiner ersten Frau Fanny, dem Mediziner Walther Hesse und dessen Frau, einem etwas verschrobenen Gärtner (der viele von Kochs Ansichten nicht teilte) sowie einem Affen mit einem Faible für kunterbunte Militäruniformen zusammen. Koch unterhielt enge Beziehungen zum Kriegsministerium, namentlich zu Minister Karl von Einem, der im Ersten Weltkrieg Generaloberst wurde. Schon hier ahnt man, worum es bei der Typhusforschung im Kern ging: die deutschen Soldaten gesund und damit kriegsfähig zu erhalten. Dafür war das Kriegsministerium bereit, Kochs Forschungsarbeit mit viel Geld zu unterstützen. Für den Wissenschaftler Koch war diese Form der Vereinnahmung kein Problem; man hat ohnehin immer wieder den Eindruck, dass er die Erkrankten weniger als Menschen, sondern mehr als Forschungsobjekte betrachtete. Den Status ihrer körperlichen Verfassung beurteilte er anhand von entnommenen Blut-, Urin- und Stuhlproben, die Menschen sah er sich nicht näher an.

Im zweiten Teil des Romans kommt mit Johann Kindsmüller ein Soldat zu Wort, der 1906 an Robert Kochs Expedition nach Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi und Ruanda) teilgenommen hatte. Er war 1925 Patient in einer Nervenklinik in Ingolstadt und wurde dort von einem Psychiater befragt. Robert Koch war von der preußischen Regierung damit beauftragt worden, die Ursachen für die Schlafkrankheit herauszufinden. Die oft tödliche Krankheit war in Afrika zu einer Epidemie geworden, und die Kolonialherren sorgten sich, dass durch sie die Zahl der zur Verfügung stehenden Arbeiter zu sehr dezimiert werden könnte. Die Menschen sollten nicht krank werden, sondern für den Aufbau der Infrastruktur sorgen. Die Gruppe, zu der Kindsmüller gehörte, war mit der ihnen anvertrauten Aufgabe, die erkrankten Einheimischen zu internieren, zu versorgen, ihnen Proben zu entnehmen und sie einem äußerst brutalen Experiment mit dem arsenhaltigen Präparat Atoxyl zu unterziehen, komplett überfordert. Atoxyl durfte in Deutschland wegen seiner Gefährlichkeit nicht mehr eingesetzt werden, im fernen Afrika interessierte das niemanden. 

Das Grauen, das der Soldat während dieser Zeit erlebt hat, ließ ihn sein Leben lang nicht mehr los: Im Lager waren katastrophale hygienische Bedingungen, die Atoxyl-Spritzen waren äußerst schmerzhaft und für tausende Menschen tödlich. Viele Menschen erblindeten durch diese "Behandlung" dauerhaft - was auch Koch bekannt sein musste, da diese Wirkung schon damals in der Fachliteratur beschrieben wurde. Kindsmüllers Seele war zerstört und damit auch seine Zukunft. Robert Koch hat sich um das Team nicht gekümmert, sondern ist in einem Camp direkt am Victoriasee geblieben. Ihm waren nur die regelmäßigen Berichte, die ihn aus dem Lager erreichten, wichtig.

Im letzten Abschnitt steht die amerikanische Ärztin Sara Josephine Baker im Mittelpunkt. Baker hatte sich dem Kampf gegen Erkrankungen verschrieben, die um das Jahr 1900 herum im New Yorker Slum "Hell's Kitchen" gehäuft auftraten. Auch Typhus gehörte dazu. Schon zu Beginn ihrer Berufstätigkeit war es ihr gelungen, die irische Einwanderin Mary Mallon in ihren Verstecken aufzuspüren. Mallon war der erste Mensch in den USA, bei dem Typhuserreger nachgewiesen worden waren, der aber nicht erkrankte. Als sog. Dauerausscheiderin steckte sie als Köchin, die in wohlhabenden Privathaushalten arbeitete, über 50 Menschen mit Typhus an, einige von ihnen starben. Die von der Presse als "Typhoid Mary" betitelte Frau war die Personifizierung von Robert Kochs großem Irrtum, von dem im Buchtitel die Rede ist. Um niemanden mehr anzustecken, verbrachte sie 26 ihrer 69 Lebensjahre in Quarantäne in einem New Yorker Krankenhaus.

Lesen?

Über viele berühmte Persönlichkeiten, die fachlich Großes geleistet haben weiß man, dass ihr Charakter ethisch und moralisch eine gähnende Leerstelle aufweist. Hier reiht sich auch Robert Koch ein: Ihm gingen die Wissenschaft und seine fachliche Reputation über alles, die Einheimischen in Deutsch-Ostafrika waren für ihn unrein und minderwertig. Er vertrat außerdem die Meinung, dass Infektionskrankheiten durch die Isolation der Erkrankten begegnet werden kann: Die an der Schlafkrankheit Erkrankten sollten in Internierungslager gebracht werden. Da die Menschen dort sowieso früher oder später stürben, würden seiner Meinung nach nur die Gesunden übrig bleiben.

Michael Lichtwarck-Aschoff hat sich an die historischen Fakten gehalten und war nur bei den korrekten Datierungen etwas kreativ: Er weist selbst darauf hin, dass Robert Koch der Nobelpreis vor der Expedition nach Deutsch-Ostafrika und nicht danach verliehen wurde.

Robert Kochs Affe - Der grandiose Irrtum des berühmten Seuchenarztes gibt einen interessanten Einblick in die deutsche Kolonialgeschichte und die Entwicklung der Bakteriologie. Leseempfehlung!

Das Buch ist 2021 im Hirzel Verlag erschienen und kostet in der gebundenen Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 21,90 Euro.


Freitag, 9. Juli 2021

# 298 - Wie funktioniert die Bildung von Schwärmen?

Prof. Helmut Satz hat sich in seinem Buch Heuschrecken haben keinen König ganz den Fragen gewidmet, wie und warum es in der Tierwelt zur Bildung von Schwärmen kommt, wie die einzelnen Schwarmmitglieder aufeinander reagieren und was Tiere dazu bringt, sich "getaktet" zu verhalten. Doch Satz belässt es nicht dabei, sondern spannt den Bogen auch in die Physik (seinem eigenen Fachgebiet), die Mathematik und die Informatik.

Das Buch richtet sich ausdrücklich an Laien und kommt mit wenigen mathematischen Formeln aus. Wer weniger mathebegeistert ist, kann diese kurzen Passagen überspringen, ohne den Faden zu verlieren.

Es wird deutlich, welche Unterschiede es bei der Schwarmbildung zwischen Vögeln und Insekten gibt, wann auch Menschen sich als Teil eines Schwarms verhalten, wovon Wissenschaftler vor einigen hundert Jahren ausgegangen sind (Stichwort: Telepathie bei Vögeln) - und wo die Grenzen des aktuellen Wissens liegen.

In 21 Kapiteln beleuchtet Satz die komplexe Thematik, indem er sich unterschiedlichen Tierarten zuwendet und auch auf die Kommunikation von Tieren innerhalb eines Schwarms eingeht. Wer noch mehr einsteigen möchte, kann das mit den beiden Anhängen tun. Sie bieten dann auch Stoff für alle, die sich den geschilderten Phänomenen mathematisch nähern wollen.

Das Buch wird durch ein Literatur-, Personen- und Sachverzeichnis abgerundet.

Lesen?

Heuschrecken haben keinen König ist auch für Laien gut lesbar, weil fast völlig auf die sonst in Fachbüchern übliche wissenschaftliche Formulierung verzichtet wird. Trotzdem gehört es zu den anspruchsvollen Sachbüchern und lässt sich aufgrund seines nicht populärwissenschaftlichen Schreibstils nicht "in einem Rutsch" lesen. Interesse an der Thematik sollte also vorhanden sein, wenn man das Buch zur Hand nimmt.

Heuschrecken haben keinen König ist 2021 beim Verlag Wiley-VCH erschienen und kostet als broschierte Ausgabe 24,90 Euro sowie als E-Book 21,99 Euro.

Freitag, 18. Juni 2021

# 295 - Wie werden wir in Zukunft leben und sterben?

Seitdem Menschen eine Vorstellung davon haben, dass es außer dem Hier und Jetzt auch noch eine Zukunft gibt, machen sie sich darüber Gedanken. Unsere Welt hält schon jetzt viele Möglichkeiten bereit, sich das Leben durch immer mehr Technik einfacher und komfortabler zu machen und Probleme aus dem Weg zu räumen. Doch wie weit dürfen Menschen gehen? 

Die britische Journalistin und Dokumentarfilmerin Jenny Kleeman hat sich in ihrem 2020 erschienen Buch Sex Robots & Vegan Meat: Adventures at the Frontier of Birth, Food, Sex and Death dieser Frage angenommen und einen Streifzug durch die kleinen und großen Labore dieser Welt unternommen. 2021 ist ihr Buch unter dem Titel Roboterland - Wie wir morgen lieben, leben, essen und sterben werden auf Deutsch erschienen.

Kleeman hat ihr Buch in vier Abschnitte aufgeteilt. Im ersten Teil geht es um die Entwicklung von Sexrobotern, die das, was man heute im Allgemeinen unter Sex Dolls versteht, weit übertreffen. Wenn die Entwickler dieser KI-gestützten Puppen recht behalten, werden Sexroboter nicht nur wie echte Menschen aussehen und sich wie sie anfühlen, sondern auch in der Lage sein, ihre Eigentümer auf ihre Art kennenzulernen. Damit sind nicht nur deren sexuelle Vorlieben gemeint, sondern auch ihr Lebensumfeld. Eine Sexpuppe der Zukunft soll mit "ihrem" Menschen Gespräche führen können, die sich nicht auf banale und vorprogrammierte Antworten begrenzen. Sie soll für die Kommunikation auf Informationen zurückgreifen können, die sie bereits über ihren Eigentümer gesammelt hat. Man kann hier ruhig von "den Eigentümern" sprechen, ohne jemanden zu benachteiligen: Sexpuppen werden fast ausschließlich von Männern gekauft. Wundert man sich darüber, dass sich viele der heutigen Kunden Sexpuppen wünschen, die widerspruchslos die Hausarbeit erledigen und ihnen jederzeit zur Verfügung stehen?

Im zweiten Teil beschäftigt sich Kleeman mit der Zukunft des Essens, speziell mit dem Verzehr von Fleisch und Fisch. Es hat sich ja mittlerweile herumgesprochen, dass tierische Nahrung für die Klimaentwicklung, den Bestand unserer Ressourcen und unsere Gesundheit alles andere als ein Hauptgewinn ist. In den Supermarktregalen finden sich heute immer mehr Produkte, die auf der Basis von pflanzlichen Bestandteilen wie z. B. Soja oder Erbsen tierische Lebensmittel imitieren. Ein in Niedersachsen ansässiger Wursthersteller, der 2019 zu den Top 10 seiner Branche gehörte, vermarktet seine vegetarischen und veganen Produkte so erfolgreich, dass er seit dem Sommer 2020 mit diesen mehr Umsatz macht als mit seinen klassischen Wurstprodukten.
Aber dass da noch eine Menge mehr geht, zeigt Kleeman anhand ihrer Beobachtungen, die sie bei ihren Besuchen in mehreren Laboren gemacht hat. Dort wird auf der Basis von tierischen Zellen Fleisch oder Fisch gezüchtet - für alle, die sich mit den Ersatzprodukten nicht zufrieden geben wollen. Die Idee des körperlosen Fleisches ist nicht neu, wird aber heute immer stärker perfektioniert. Die, die das tun, nennen ihr Produkt "Clean Meat", weil es nicht mit dem Geruch oder der Existenz von Fäkalien in Verbindung gebracht wird und dem Konsumenten kein Blut entgegentropft. Nicht zuletzt wird das Gewissen entlastet, da für dieses Kunstfleisch fast kein Tier leiden und geopfert werden musste.
Aber ist solch ein Aufwand wirklich nötig? Ist es nicht viel einfacher, auf diese aufwendige Kunstfleisch und -fisch-Entwicklung zu verzichten und gleich auf pflanzliche Ernährung umzusteigen? Ja, das wäre es. Aber in einem Interview, das Kleeman mit Bruce Friedrich, dem Geschäftsführer eines Think Tanks für die Marktbereiche Clean Meat und Fleisch auf Pflanzenbasis, führt, wird eine menschliche Schwäche deutlich, die leider nicht von der Hand zu weisen ist: die Fähigkeit des Verdrängens. Er erklärt, dass bereits seit Jahrzehnten immer wieder über die Schädlichkeit der industriellen Landwirtschaft aufgeklärt wird, aber 98 bis 99 Prozent der Menschen ihre Ernährung trotz der negativen Folgen für die Umwelt, Gesundheit und den Tierschutz nicht verändern. Friedrichs Empfehlung lautet darum: "Geben wir den Menschen, was sie wollen, doch kürzen wir die schädlichen Effekte heraus." Doch man ahnt es schon: Auch Clean Meat kommt nicht ganz ohne Tierleid aus.

Im dritten Kapitel geht es um die menschliche Fortpflanzung, genauer: um die Entwicklung einer künstlichen Gebärmutter, in der ein Fötus außerhalb des Körpers der Mutter heranwächst. Wie das so ist mit neuen Technologien, hat auch dieses als Ektogenese bezeichnete Verfahren neben den guten auch seine Schattenseiten. Frühchen, die unter den heute üblichen Bedingungen keine oder nur eine geringe Überlebenschance haben und bei denen die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass sie unter lebenslangen Beeinträchtigungen zu leiden haben, könnten sich in einer künstlichen Gebärmutter unter optimierten Bedingungen körperlich besser entwickeln. Doch schon gibt es erste Forderungen, Föten auch dann ihren Müttern zu entnehmen und sie sich per Ektogenese entwickeln zu lassen, wenn die Frauen als nicht ausreichend gesund angesehen werden oder man ihren Lebenswandel als nicht angemessen für eine Schwangere beurteilt. Auch, was es für Frauen bedeutet, auf diese Weise ein Kind zu bekommen, ohne eine Schwangerschaft zu durchleben, beleuchtet Kleeman sowohl aus feministischer Sicht als auch aus der Perspektive der Arbeitgeber - denen es in erster Linie um den Erhalt der Arbeitskraft der Frau geht. 

Im letzten Kapitel schildert Kleeman den womöglich künftigen Weg, den Menschen gehen könnten, wenn sie ihr Leben beenden wollen. Am Beispiel der 1997 in Australien gegründeten Organisation Exit International verdeutlicht sie deren grundsätzlich andere Sichtweise auf das Sterben und die Beweggründe, die dazu führen können, dass Menschen das eigene Leben beenden wollen. Deren Gründer Philip Haig Nitschke genügt der Wille eines Menschen zum Sterben; auf die Gründe, die zu dem Todeswunsch geführt haben, kommt es ihm nicht an. Das unterscheidet diese Organisation wesentlich von dem hier bekannteren schweizerischen Sterbehilfeverein Dignitas, der nach eigenen Angaben nur hilft, wenn ein Mensch unter einer sicher tödlich verlaufenden Erkrankung, nicht beherrschbaren Schmerzen oder einer unzumutbaren Behinderung leidet. So vage diese Voraussetzungen auch formuliert sind, so bilden sie wenigstens eine Art Entscheidungsgerüst.
Exit International wird von Nitschke dominiert, der sich im Laufe der Jahre immer neue Selbsttötungsmethoden überlegt hat. Wenn sie einen Showeffekt bieten, umso besser. Nitschkes Motive sind unklar: Vordergründig will er helfen, im Interview verwendet er jedoch das Vokabular eines Unternehmenschefs: Da ist dann von einem "erheblichen Wachstum" oder von Europa als einem "interessanten Großraum" die Rede. 

Lesen?

Der Originaltitel von Jenny Kleemans Buch trifft seinen Inhalt besser als der deutsche: Die Autorin hat Situationen erlebt, die abenteuerlich anmuten. Sie hat nicht nur die Protagonisten der "schönen neuen Welt" und deren Kunden befragt, sondern sich auch die Produkte näher angesehen - bis hin zur Verkostung von künstlich hergestelltem Fleisch.

Kleeman hat den Stil einer Reportage gewählt. Das hat den Vorteil, dass die Leser hautnah dabei sind, wenn eine Sexdoll-Werkstatt oder ein Forschungslabor besichtigt wird, in dem eine künstliche Gebärmutter mit einem Schafsfötus darin gezeigt wird. Hin und wieder streut sie Personenbeschreibungen ein, die ich überflüssig finde, die aber auch nicht vom Kernthema ablenken.

Im Epilog betont Jenny Kleeman, dass es noch keine der vorgestellten Innovationen zur kommerziellen Marktreife gebracht hat, man aber in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren damit rechnen muss. Es wird deutlich, dass alle diese Entwicklungen die Gesellschaft verändern werden - die meisten von ihnen wahrscheinlich zum Nachteil von Frauen.
Leseempfehlung!

Roboterland - Wie wir morgen lieben, leben, essen und sterben werden ist im Goldmann Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 16 Euro.


Freitag, 19. Februar 2021

# 278 - Wenn eine Sprache verstummt, stirbt auch eine Kultur

Dieses Buch ist ein echtes Highlight für alle, die sich für Sprachen begeistern können und hat kaum Ähnlichkeit mit den Atlanten, die wir aus unserer Schulzeit kennen: In ihrem Atlas der verlorenen Sprachen begibt sich Rita Mielke auf alle Kontinente und stellt beispielhaft jeweils einige Sprachen vor, die bereits untergegangen oder nur noch wenigen Menschen geläufig sind.

Mielke hat 50 Sprachen ausgewählt, und man erfährt nicht nur statistische Daten wie deren Verbreitungsgebiet oder die Zahl der Sprecher, sondern auch viele interessante Besonderheiten.

Da ist zum Beispiel Khosian. Die Sprache ist in Botswana, Namibia, Angola und Südafrika beheimatet. Sie erschien den Europäern, die seit dem 17. Jahrhundert dabei waren, den Kontinent zu unterwerfen, so fremdartig, dass sie sie als "Hottentott" bezeichneten. Die Redewendung "Das sieht hier aus wie bei den Hottentotten" geht also auf die Kolonialzeit zurück und bewertet alles Fremdartige als minderwertig. Khosian bestand ursprünglich nur aus Schnalz- und Klicklauten, erst seit 1982 gibt es ein afrikanisches Referenzalphabet. 
Eine traurige Berühmtheit erlangte die 1789 geborene Sklavin Sarah Baartman, die wegen ihrer Sprache und ihres Aussehens im Alter von 20 Jahren nach Europa gebracht und dort zur Schau gestellt wurde. Auch ihr viel zu früher Tod in Frankreich konnte nicht dazu führen, sie als Mensch und nicht nur als Ausstellungsstück zu sehen.

Aus dem alten China stammt die ausgestorbene Sprache Nushu. Sie war eine ausschließlich von Frauen verwendete Geheimsprache und hatte ihren Ursprung in der Provinz Hunan. Nushu diente nicht nur der Kommunikation, sondern stand symbolisch für den Versuch, sich aus der männlich verordneten Unmündigkeit und Unselbstständigkeit zu befreien, die Frauen von Bildung ausschloss und sie ans Haus band - nicht zuletzt wegen ihrer traditionell gebundenen Lotusfüße, die das Gehen zur Qual machten. Die Kenntnisse des Nushu-Schreibens und -Sprechens wurden von einer Generation zur anderen weitergegeben, immer unter den Vorzeichen der absoluten Geheimhaltung.

Rita Mielke vermittelt nicht nur ihr Wissen um die Sprachen, sondern beleuchtet auch, in welchem politischen, gesellschaftlichen und/oder ökonomischen Kontext sie entstanden und untergegangen sind. Atlas der verlorenen Sprachen ist also nicht nur ein "Sprachbuch", sondern auch eine Quelle vieler historischen Begebenheiten und Entwicklungen, die zum Verständnis von Sprachentwicklungen nötig sind. 

Die Illustrationen von Hanna Zeckau veranschaulichen die Darstellungen und machen das Buch "rund".

Lesen?

Na klar! Der Atlas der verlorenen Sprachen ist auch für diejenigen sehr gut verständlich, die sich bislang noch nicht näher mit diesem Thema beschäftigt haben und dürfte auch für Experten einige Überraschungen bereithalten.

Atlas der verlorenen Sprachen ist 2020 im Dudenverlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 28 Euro.

Dienstag, 8. Dezember 2020

# 269 - Wer spricht denn da? Wir sind von immer mehr Algorithmen umgeben

Seit den 1950-er Jahren wird versucht, der menschlichen Sprache mit technischen Mitteln möglichst nahe zu kommen. Aber Sprache ist eben nicht nur der Austausch von Worten unter Verwendung der korrekten Grammatik. Menschliche Kommunikation setzt darüber hinaus eine Art Weltverständnis voraus, das Wissen um Hintergründe und Zusammenhänge. Der Autor und Journalist Christoph Drösser hat sich nicht nur Siri, Alexa & Co. angeschaut, sondern in seinem Buch Wenn die Dinge mit uns reden einen Ausblick auf die zu erwartende Weiterentwicklung der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine gegeben.

Auch wer selbst keine "Alexa" in seinem Wohnzimmer hat, weiß, was der Sprachassistent kann: Er ist in Lautsprecher integriert und kann zahlreiche Smart Home-Geräte steuern. Alexa gehört zu den KI-Anwendungen, also zu dem, was heute unter "Künstlicher Intelligenz" verstanden wird. Mit einer mittlerweile sehr menschenähnlichen Stimme lauert die Software auf ihr Stichwort, das ihr signalisiert, dass ihr Nutzer etwas von ihr möchte: den aktuellen Wetterbericht, die Lieblingsmusik oder eine Lexikoninformation. Erweitert man das Grundgerät mit smarten Geräten, können per Sprachbefehl Saugroboter bedient, Heizkörper reguliert oder Türen geöffnet werden. Der Erfolg dieses und anderer Sprachassistenten beruht auf der Bequemlichkeit der Käufer: Viele alltägliche Dinge lassen sich mit der Stimme erledigen, sich wegen banalen Tätigkeiten aus dem Sofa hochzuquälen kann vermieden werden. 

Klar, dass das nur funktioniert, wenn die entsprechenden Geräte ununterbrochen online sind. Sie schicken alle Daten in eine Cloud und erhalten von dort Daten zurück. So "lernt" der Algorithmus ständig dazu - und dadurch, dass Mitarbeiter irgendwo auf der Welt mithören, was bei den Kunden passiert. Auf diese Weise soll der Grad der Perfektionierung weiter vorangetrieben werden.

Aber dieser Typus von Sprachprogrammen ist natürlich noch lange nicht der Weisheit letzter Schluss. Das Ziel ist ein Algorithmus, der sich am Sprachverständnis des Menschen orientiert und das möglichst so gut, dass er menschliche (Sprach-)Züge annimmt und als dessen Gesprächspartner agieren kann - und nicht bloß als auf der Reiz-Reaktion-Ebene verharrt. Bei aller Technikbegeisterung, die Christoph Drösser seinen Lesern vermittelt, mischt sich an dieser Stelle eine gehörige Portion Skepsis in seine Ausführungen. Insbesondere dann, wenn es um die Entwicklung von Sprachmodellen geht, die mit Deep Learning arbeiten und sich dazu eignen, einige Dinge in der Wirtschaft und der Gesellschaft umzukrempeln.

Das amerikanische Forschungsunternehmen OpenAI hat mit Generative Pre-trained Transformer 3 - oder kurz GPT-3 - ein solches Modell entwickelt. GPT-3 befindet sich seit Juli 2020 im Betatest und hat mit 175 Milliarden maschinellen Lernparametern das bislang führende Produkt Turing NLG von Microsoft, das erst im Februar 2020 eingeführt worden ist, mit seiner mehr als zehnfachen Kapazität überrundet.

GPT-3 ist zunächst einmal ein Textgenerator, der nicht versteht, was er schreibt. Das ist für Menschen jedoch kein Grund, sich beruhigt zurückzulehnen. Die Sprache ist zwar nicht identisch mit der eines Menschen und auch die Sinnhaftigkeit mancher von GPT-3 erstellter Texte lässt zu wünschen übrig. Das Sprachmodell eignet sich aber bestens für den Einsatz als Chatbot, für das Schreiben von Hausarbeiten im Grundstudium - und leider auch für die Verbreitung von Fake News, die vom durchschnittlichen Leser nicht mehr von wahren Meldungen unterschieden werden können, weil das Modell seinen Schreibstil an den von tatsächlich existierenden Schreibern wie z. B. bestimmten Zeitungsjournalisten anlehnen kann. Nicht zuletzt ist zu erwarten, dass durch den Einsatz von GPT-3 Menschen arbeitslos werden, die ihr Geld bislang mit dem Schreiben von Texten verdient haben. Wie bei allen Neuerungen hat die Medaille auch hier zwei Seiten.

Was Wenn die Dinge mit uns reden von zahlreichen anderen Sachbüchern unterscheidet, ist die Heranziehung von Fachkompetenz durch Interviews: Drösser befragt u. a. den Experten für KI und Sprachverarbeitung Richard Socher und die Stanford-Professorin Monica Lam, die mit ihrem Team das Open-Source-System Almond entwickelt hat, das in Konkurrenz zu Alexa und Siri treten soll.

Lesen?

Wer sich mit Sprachassistenz und -modellen bereits beschäftigt hat, wird in Christoph Drössers Buch auch Bekanntes antreffen. Aber jedem, der sich hierfür interessiert, kann der Titel empfohlen werden, weil sich der Autor und seine Interviewpartner dem Thema von verschiedenen Blickwinkeln aus annähern. Die Sorge, vor lauter Fachbegriffen nicht zu verstehen, worum es geht, ist unbegründet: Drösser schreibt so, dass ihm auch Techniklaien folgen können.

Wem der Name des Autors bekannt vorkommt, hat von ihm möglicherweise schon Artikel in der Wochenzeitschrift DIE ZEIT gelesen. Drösser war dort lange Redakteur und hat das Ressort "ZEIT-Wissen" gegründet. Etliche Jahre hat er außerdem in der Kolumne "Stimmt's?" Fragen von Lesern beantwortet wie z. B. Verhindert ein Löffel im Flaschenhals, dass Sekt über Nacht schal wird? (Antwort: Nein, von ihm natürlich ausführlich begründet.)

Wenn die Dinge mit uns reden ist 2020 im Dudenverlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 16 Euro sowie als E-Book 13,99 Euro.

Freitag, 27. November 2020

# 267 - Was geschah wirklich in der Heiligen Nacht?

Das Ehepaar Claudia und Simone Paganini hat sich in seinem Buch Von wegen Heilige Nacht! der Weihnachtsgeschichte angenommen und untersucht Schritt für Schritt in 17 Kapiteln, wie viel Wahrheit  eigentlich in ihr steckt. Das tut es unter Heranziehung zahlreicher religiöser Quellen und historischer Zusammenhänge sowie mit einer profunden Sachkenntnis. Kein Wunder: Beide sind promovierte Theologen; Simone Paganini ist Professor für Biblische Theologie an der RWTH Aachen, Claudia Paganini ist am Institut für christliche Philosophie an der Universität Innsbruck tätig. 

Die zentrale Erkenntnis: Fast alles, was uns die Bibel in der Weihnachtsgeschichte, ist falsch oder zumindest sehr wahrscheinlich falsch. Dahinter steckt nicht unbedingt die Absicht, der Nachwelt ein für die Christen identitätsstiftendes Märchen aufzutischen, sondern oft ein Effekt, der sich bis in unsere Zeit erhalten hat: Versteht man einen Sachverhalt nicht zu 100 Prozent, wird er mit inhaltlicher Füllmasse ein bisschen aufgehübscht. Aber auch eine politische Absicht dürfte hin und wieder der Grund dafür gewesen sein, dass man sich die biblischen Geschehnisse etwas zurechtgebogen hat. Oft dürften auch Übersetzungsfehler eine Rolle gespielt haben. Und ein bisschen zusätzliches Drama kann ohnehin nicht schaden.

Ist der 24. Dezember tatsächlich der Tag, an dem Jesus geboren wurde? War es tatsächlich bitter kalt? Ist es plausibel, dass die heilige Familie auf der Suche nach einer Unterkunft überall abgewiesen wurde und deshalb das Jesuskind in eine Krippe gelegt werden musste, kritisch beäugt von Ochs und Esel? Waren Maria und Josef arm? Wurde Jesus wirklich in Bethlehem geboren? Es reiht sich Frage an Frage, und jede wird ausführlich und gut nachvollziehbar beantwortet.

Claudia und Simone Paganini haben mit ihrem Buch nicht vor, jemandem mit ihren Erläuterungen in religiöser Hinsicht zu nahe zu treten. Sie degradieren die Weihnachtsgeschichte auch nicht zu einem Märchen, in dem die gesamte Handlung der Phantasie entspringt: Das Lukasevangelium bedient sich bei Jesus' Biographie schriftlicher Quellen sowie Berichten von Augenzeugen, außerdem wird auf einen chronologischen Aufbau Wert gelegt. Die Geschichte von Jesus' Geburt wurde allerdings bis zum Beginn des 2. Jahrhunderts mündlich weitergegeben und erst dann schriftlich niedergelegt. Wenn man die Weihnachtsgeschichte und ihren eigentlichen Zweck verstehen will, geht das nicht ohne den Blick auf die Zeit vor etwa 2.000 Jahren: Die Menschen erwarteten eine religiöse Unterstützung und die Bestätigung, dass sich ihr Gott für sie interessiert und es sich bei Jesus' Geburt um ein wichtiges Ereignis gehandelt hat. Es ging damals um Hoffnung und Zuversicht, nicht aber unbedingt um Rationalität. Denn: Die Adressaten der Weihnachtsgeschichte waren nicht wir Menschen des 21. Jahrhunderts.

Lesen?

Von wegen Heilige Nacht! ist ein unverkrampfter Blick auf die Weihnachtsgeschichte und ihren wissenschaftlich begründeten Wahrheitsgehalt. Das Buch ist eine gute Lektüre für alle, die sich für religiöse Zusammenhänge interessieren. Geschichtskenntnisse sind nicht nötig, um den Erläuterungen von Claudia und Simone Paganini folgen zu können. 
 
Von wegen Heilige Nacht! ist 2020 im Gütersloher Verlagshaus erschienen und kostet als Klappenbroschur 14 Euro. 
 
Nachtrag: Simone Paganini ist in mehreren Videos zu sehen, die von der RWTH Aachen produziert wurden. In diesem geht es um die Frage: Waren tatsächlich ein Ochse und ein Esel an Jesus' Krippe?
 
Auch Claudia Paganini ist in zahlreichen Videos zu sehen. Hier ist eines, in dem sie sich beim Science Slam Innsbruck 2018 über "Warum christliche Philosophie?" Gedanken macht:
 


Freitag, 20. November 2020

# 266 - Eine Reise durch die Antike - aus pharmazeutischer Sicht

Monika Niehaus und Michael Wink sind promovierte Naturwissenschaftler und haben sich in ihrem Buch Wie man Männer in Schweine verwandelt und wie man sich vor solch üblen Tricks schützt der klassischen Antike aus einer ganz neuen Perspektive genähert. 

Man muss die "Ilias" und die "Odyssee" des griechischen Dichters Homer nicht gelesen haben, um einige Figuren daraus zu kennen. Die Abenteuer von Odysseus, dem König von Ithaka, und seine Begegnungen sowie die weiterer griechischer Sagenhelden mit Zauberinnen, Ungeheuern und anderen mythischen Gestalten sind weltbekannt. Immer wieder ist dort von Zaubertränken oder -salben die Rede und von Menschen, die sich nach dem Kontakt mit ihnen euphorisch, phlegmatisch oder erratisch wütend verhielten. 

Homers "Odyssee" ist keine Tatsachenbeschreibung, sondern schildert epische Geschehnisse. Die beiden Wissenschaftler haben jedoch aufgrund der Beschreibungen versucht nachzuvollziehen, welche naturwissenschaftlichen Indizien hinter diesen dort und in der "Ilias" beschriebenen Phänomenen stecken. 

Doch es geht Niehaus und Wink nicht nur um die dunklen Seiten der frühen Pharmakologie, sondern auch um Liebeselixiere und Heilmittel. Dabei richten sie ihren Blick immer wieder auf die Frage, inwieweit diese schon früh verwendeten Substanzen auch in unserer Zeit noch eine Rolle spielen. Nicht zuletzt geht es auch um Sagengestalten wie zum Beispiel Zyklopen, deren Aussehen sich ebenfalls auf pflanzliche Wirkstoffe, die sich in der Ziegenmilch befunden haben, zurückführen lässt.

Bei allem gilt: Die Dosis macht das Gift. Wirkstoffe, die in geringer Konzentration heilend und wohltuend wirken, töten einen Erwachsenen in wenigen Minuten. Niehaus und Wink belassen es jedoch nicht bei der Erläuterung dessen, was da wohl vor 3.000 Jahren Pflanzenkundige getan haben mögen. Sie erklären anhand von Tafeln die wichtigsten Rauschpflanzen und Gifte.

Das Buch ist humorvoll geschrieben, Fachbegriffe werden unmittelbar erklärt. Für Laien ist es darum kein Problem, den Erläuterungen zu folgen. Auch Dinge, die man schon zu wissen glaubt, werden aufgegriffen: Woher kommt das Wort "Droge" und was bedeutet es ursprünglich? Welcher getrocknete Waldpilz sorgt nach dem Verzehr für ekstatische Halluzinationen und hat die Besonderheit, dass der Urin derjenigen, die ihn konsumiert haben, noch stärker berauschend wirkt? Und woher kommt das Bild von den auf Besen reitenden Hexen?

Wie man Männer in Schweine verwandelt und wie man sich vor solchen üblen Tricks schützt endet mit einem Hinweis auf das sog. 'Odysseus-Phänomen'. Mit dem Begriff ist die existenzielle Unsicherheit von Migranten, die in psychische Belastungsstörungen mündet, gemeint. Das soll auch Odysseus so empfunden haben, wie es Homer in der "Odyssee" (5. Gesang, Vers 82-85) beschreibt:

Weinend saß er am Ufer des Meeres. Dort saß er gewöhnlich,
und zerquälte sein Herz mit Weinen, Seufzen und Jammern,
und durchsuchte mit Tränen die große Wüste des Meeres.

Für Niehaus und Wink schließt sich damit in der Gegenwart ein Kreis, der in der Antike seinen Anfang genommen hat.

 

Wie man Männer in Schweine verwandelt und wie man sich vor solchen üblen Tricks schützt ist 2020 im S. Hirzel Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro. 

 

Sonntag, 14. Juni 2020

# 244 - Und wieder mal Corona...

Man sollte meinen, dass es in den letzten Monaten genug Veröffentlichungen und Äußerungen im Zusammenhang mit Covid-19 gegeben hat. Ich finde das übrigens auch und hatte eigentlich nicht vor, noch mehr als die tagesaktuellen Meldungen darüber zu lesen. Aber der Zufall spülte mir beim Durchsehen des Angebots der Onleihe die Anthologie Corona und wir auf den Bildschirm. Da war meine Neugier, was die 32 Autorinnen und Autoren der geneigten Leserschaft zum Thema zu sagen haben, dann doch geweckt.

Es gibt grundsätzlich Einigkeit darüber, dass die uns bekannte Welt sich "nach Corona" anders präsentieren wird. Wie genau, darüber gehen die Meinungen allerdings weit auseinander. Die Äußerungen der Experten aus den verschiedensten Disziplinen könnte man vielleicht so zusammenfassen, wie es schon Sokrates vor mehr als 2.400 Jahren getan hat: "Ich weiß, dass ich nicht weiß." Ein Grund, dieses Buch zur Hand zu nehmen, um sich ein bisschen mehr Orientierung und Überblick zu verschaffen.

Corona und wir ist nicht einseitig ausgerichtet; es kommen Fachleute zu Wort, die die aktuelle und (mutmaßliche) künftige Situation aus verschiedenen Blickwinkeln einschätzen und zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen. 

Da ist zum Beispiel die Journalistin und Historikerin Anne Applebaum, die die drastischen Beschränkungen anlässlich der Pandemie sehr kritisch betrachtet und insbesondere die Grenzschließungen nicht befürwortet: Sie kritisiert die aktionistische Art und Weise der nationalen Abschottungen, hinter der keine Planung steckte. Sie weiß um die Popularität dieser Handlungsweise, die jedoch die Verbreitung des Virus' nicht aufhalten konnte. Viele Menschen können sich für hartes staatliches Durchgreifen begeistern und beugen sich, wenn sie vor etwas Angst haben.

Mit dieser Haltung ist Applebaum nicht allein. Aber die MIT-Professorin Esther Duflo und und der ebenfalls am MIT lehrende Professor Abhijit V. Banerjee weisen auch auf die Notwendigkeit eines Staates hin, der funktioniert: "Damit in Notzeiten ein gut regierter Staat für uns da ist, müssen wir in normalen Zeiten einen solchen Staat fördern und auch erwarten."

Doch auch Schriftsteller wie Luca D'Andrea kommen zu Wort. Er macht sich über den Unterschied zwischen Angst und Panik Gedanken, sein Leben vor und nach Covid-19 und die Verbreitung der Krankheit in seiner Heimat Italien.

Ich will an dieser Stelle nicht auf jede/n Einzelne/n in diesem Buch eingehen. Aber den Hinweis des Psychologen Gerd Gigerenzer möchte ich noch aufgreifen: Er hält unsere Risikokompetenz für nicht ausreichend. Die Gesellschaft muss lernen, mit Ungewissheiten zu leben und darf sich nicht von ihnen in Geiselhaft nehmen lassen. Er erläutert, warum ausgerechnet Covid-19 sowie in den vergangenen Jahren die Vogel- oder die Schweinegrippe der Bevölkerung Angst gemacht haben, nicht aber in diesem Ausmaß die Bedrohung durch beispielsweise Krankenhauskeime, mit denen sich jährlich in Deutschland bis zu 600.000 Menschen infizieren und an denen 10.000 bis 20.000 Menschen versterben - ebenfalls Jahr für Jahr.

Lesen?

 

Corona und wir habe ich zunächst skeptisch zur Hand genommen. Wie das so ist mit unterschiedlichen Ansichten, haben mich einige Texte nicht überzeugt, weil mir die Argumente nicht schlüssig erschienen. Aber das ist ein normaler Prozess, wenn man sich verschiedenen Positionen nähert. Ich empfehle das Buch, weil es dazu beiträgt, die eigenen Ansichten zu hinterfragen und möglicherweise neu auszurichten.

Die Erlöse aus dem Verkauf der Anthologie gehen an das Sozialwerk des deutschen Buchhandels. Mit ihnen werden unverschuldet in Not geratene Buchhändler unterstützt und die berufliche Aus- und Weiterbildung bedürftiger junger Buchhändler gefördert.

Corona und wir ist im Penguin Verlag erschienen und wurde nur als E-Book herausgegeben. Es kostet 9,99 Euro.

Samstag, 9. Mai 2020

# 239 - Teufelsweiber

Die Literaturwissenschaftlerin Carina Heer vereint in ihrem Buch Teufelsweiber die Biografien von 100 Frauen, die alles andere als langweilig waren. Dabei geht es ihr jedoch nicht nur um die Guten unter den Frauen, die etwas getan haben, das der Welt zugute kommt. Heer nimmt sich auch Frauen vor, denen man lieber nicht im Dunkeln begegnen will.

Ganz bewusst springt sie dabei in der Weltgeschichte vor und zurück und nimmt auch auf die ethisch-moralische Bewertung des Lebens von so mancher Frau keine Rücksicht. Was die beschriebenen Frauen gemeinsamen haben, ist der unbedingte Wille, ihr Ziel zu erreichen, auch wenn dafür große Opfer gebracht werden müssen.

Carina Heer widmet jeder Einzelnen zwischen zwei und fünf Buchseiten und streicht heraus, was sie ausgemacht hat. Da geht es dann z. B. um die Zarin Katharina II. ("Die Große"), die keine Skrupel kannte, wenn sie Macht er- und behalten wollte.

Es geht auch um Adele Spitzeder, die 1869 eine Privatbank gründete, die nur den Zweck hatte, ein Schneeballsystem am Leben zu halten. Sie nutzte die Gier ihrer Kunden aus, um ihren eigenen aufwendigen Lebensstil zu finanzieren. Das konnte - man ahnt es bereits - nicht ewig gutgehen.

Und dann ist da auch noch die Regisseurin Leni Riefenstahl. Sie musste sich zeit ihres Lebens den Vorwurf gefallen lassen, die Nationalsozialisten im Dritten Reich mit ihren propagandistischen Filmen unterstützt zu haben. Dieses Image konnte sie für den Rest ihres über 100-jährigen Lebens nicht mehr abstreifen. 

Lesen?

Carina Heer zeigt mit ihren schlaglichtartigen Beschreibungen der Schicksale von sehr unterschiedlichen 100 Frauen, dass diese in jedem Fall das Zeug hatten, es mit den Männern aufzunehmen - im Guten wie im Schlechten. Doch die Lebensgeschichten verdeutlichen auch, dass es in allen Zeiten der Menschheit oft nicht so einfach war, eine Frau zu sein - egal, aus welcher sozialen Schicht man stammte. Aufgrund der Kürze der einzelnen Biografien können diese aber eben auch nur eines sein: Schlaglichter. Deshalb kann Teufelsweiber auch als Einladung verstanden werden, sich die Biografie der einen oder anderen Frau ausführlicher anzusehen.

Das Buch ist in einem lockeren und humorvollen Tonfall geschrieben. Dieser führt allerdings auch dazu, dass so manche Lebensgeschichte etwas unkritisch daherkommt: Beispielsweise fällt die Kritik am Wirken und Einfluss von Leni Riefenstahl sehr dünn aus; die im großen Stil begangenen Betrügereien von Adele Spitzeder führten zu einer Selbstmordwelle verzweifelter Menschen, was im Text mit nur einem kurzen Satz erwähnt wird.

Teufelsweiber  ist im Benevento Verlag als gebundene Ausgabe zum Preis von 24 Euro erschienen. Unter dem Titel Wahre Rebellinnen wurde es im Goldmann Verlag herausgegeben und kostet 10 Euro.

Freitag, 27. März 2020

# 233 - Unsichtbare Frauen

Über dieses Buch habe ich irgendwo gelesen, dass es nur von Frauen rezensiert wird. Ich konnte es kaum glauben und habe versucht, die Rezension eines Mannes zu finden. Fehlanzeige. Diejenigen Männer, die gelesen oder gehört werden, scheinen sich für die andere Hälfte der Menschheit nicht zu interessieren. 

Die britische Journalistin Caroline Criado-Perez beschreibt in Unsichtbare Frauen, wie es kommt, dass unsere Welt an den Frauen vorbei kreiert wird. Und merkt an, dass uns Frauen das selbst oft gar nicht (mehr) auffällt, weil wir es nicht anders kennen. Wenn man die Beispiele liest, anhand derer sie diese Situation erläutert, kann einem als Frau durchaus der Hals anschwellen.

Da sind die Dinge, die lediglich unbequem sind wie zum Beispiel Smartphones, die für eine durchschnittliche Frauenhand zu groß sind. Da hört es - man ahnt es bereits - aber noch lange nicht auf. Die übliche Bürotemperatur ist für Frauen zu kalt, Sicherheitstest für Autos werden fast ausschließlich mit männlich konstruierten Dummys durchgeführt, medizinische Forschungen ignorieren spezifische weibliche Besonderheiten wie z. B. die Menstruation, die Menge an Muskel- und Fettgewebe oder das Schmerzempfinden. Die Folge ist, dass Frauen ständig größeren Lebensrisiken ausgesetzt sind. Ein Beispiel: Sie erleiden als Fahrerinnen bei einem Verkehrsunfall eher schwere Verletzungen oder werden getötet als Männer. Die Ingenieure, die mit der Konzeptionierung der Fahrgastzelle beschäftigt sind, gehen in aller Regel davon aus, dass Frauen in der überwiegenden Zeit, die sie in einem Auto sitzen, dies als Beifahrerinnen tun. Daher ist der Platz für den Fahrer für männliche Bedürfnisse optimiert: Die Position der Sicherheitsgurte ist nicht an die weiblichen Brüste angepasst, der Abstand zwischen Sitz und Pedalen für Frauen nicht optimal - woran auch ein Vorschieben des Sitzes nichts ändert, weil dann die Sitzhaltung ungünstig ist.

Richtig irritierend wird es, wenn es um die Erforschung von Erkrankungen geht, unter denen nur Frauen leiden. Das prämenstruelle Syndrom (PMS) beispielsweise, das den meisten Frauen in schöner Regelmäßigkeit eine breite Palette verschiedener Schmerzen beschert, ist in der Welt der Wissenschaft etwa so von Interesse wie ein mit den Ohren wackelndes Pferd. Die allgemeinen Ratschläge sind banal und helfen vielen Frauen nicht weiter.

Frauen sind stärker durch Epidemien beeinträchtigt, tragen - wie schon vor Jahrzehnten - die Hauptlast bei der unbezahlten Familien- und Krankenpflege und sind stärker Gewalt ausgesetzt als Männer.
Caroline Criado-Perez hat ihr Buch in Kapitel wie z. B. 'Am Arbeitsplatz' oder 'Öffentliches Leben' eingeteilt und bildet so das ganze Spektrum von Frauenleben ab. Sie hat sich durch so viele Studien und wissenschaftliche Aufsätze gelesen, dass ihr Quellenverzeichnis 70 Buchseiten umfasst.

Immer wieder räumt sie ein, bei manchen Fragestellungen auf Material zurückgreifen zu müssen, das bereits einige Jahre alt ist. Zu einigen Themen wurden Forschungsreihen angekündigt, die aber nicht durchgeführt oder schnell wieder eingestellt wurden.

Die Autorin stellt allerdings klar, dass sie nicht davon ausgeht, dass diese zulasten der Frauen gehende massive Datenlücke mit Absicht existiert. Sie blickt zurück und stellt fest, dass diese Gender Data Gap praktisch schon immer existiert hat. Lebensläufe von Männern gelten im Allgemeinen als repräsentativ für ihre Zeit. Dieses Bewusstsein ist so fest verankert, dass Männer unausgesprochen die Selbstverständlichkeit und Frauen so etwas wie eine Abweichung davon sind.

Criado-Perez zitiert Simone de Beauvoir mit einer Äußerung aus dem Jahr 1949: "Die Menschheit ist männlich, und der Mann definiert die Frau nicht als solche, sondern im Vergleich zu sich selbst: Sie wird nicht als autonomes Wesen angesehen. [...] Er ist das Subjekt, er ist das Absolute: Sie ist das Andere."

Wer sich jetzt noch fragt, ob man den Feminismus 2020 tatsächlich noch braucht, sollte dieses Buch lesen. Und die Männer, die glauben, dass die Wahrnehmung und Berücksichtigung von Frauen Frauensache sei, sollten darüber nachdenken, wie es ihnen gefällt, ihre Partnerinnen, Mütter, Schwestern und andere Frauen, die ihnen wichtig sind, in einem Umfeld zu sehen, das deren Interessen und Bedürfnisse hintanstellt und sie gefährdet.

Ich habe in einem sozialen Netzwerk die Reaktion eines Mannes auf dieses Buch gelesen. Er schrieb ironisch, dass es unter diesen Umständen ja ein Wunder sei, dass Frauen im Durchschnitt länger lebten als Männer. Ja, das tun sie. Aber weil die Medizin sie als Frauen im Stich lässt, verbringen sie die letzten zwölf Jahre ihres Lebens bei schlechter Gesundheit.

Unsichtbare Frauen ist bei btb erschienen und kostet in der broschierten Ausgabe 15 Euro sowie als E-Book 12,99 Euro.

Caroline Criado-Perez wurde 2013 zum Human Rights Campaigner of the Year und 2015 zum Officer of the Order of the British Empire (OBE) ernannt.