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Freitag, 18. August 2023

# 405 - Der kalte Tod eines Jugendlichen

Jenny Lund Madsen ist in Dänemark als Drehbuchautorin bekannt geworden. 2020 hat sie mit Tredive Dages Mørke ihr erstes Buch veröffentlicht, das 2023 unter dem Titel 30 Tage Dunkelheit auf Deutsch herausgebracht wurde. 

Im Mittelpunkt steht Hannah Krause-Bendix, eine in ihrer Heimat Dänemark renommierte Schriftstellerin. Vier Bücher hat sie veröffentlicht, nie eine schlechte Rezension bekommen und war zwei Mal für den Literaturpreis des Nordischen Rats nominiert. Für eine Auszeichnung hat es jedoch bisher nie gereicht, und Hannah vermutet, warum: Ihre Bücher sind für den Massengeschmack zu anspruchsvoll. Das geht leider mit schlechten Verkaufszahlen einher, die Hannah mit einem zu hohen Alkoholkonsum kompensiert. Sie lebt zurückgezogen in einfachen Verhältnissen und ist auf die Zahlungen des staatlichen Kunstfonds angewiesen.

Kritische Selbstreflexion ist nicht ihr Ding, und so wundert man sich nicht, dass der einzige Mensch, den sie als Freund bezeichnen würde, ihr Lektor Bastian ist. Er spornt sie an, an ihrem aktuellen Buch weiterzuarbeiten, aber Hannah ist mit dem, was sie schreibt, unzufrieden und kommt nicht weiter. Bastian zuliebe (und um die Buchverkäufe anzukurbeln) nimmt sie an einer Buchmesse teil. Doch der Zufall will es, dass gegenüber ihres Verlagsstandes eine Bühne ist, auf der ihr Erzfeind Jørn Jensen seinen neuesten Krimi vorstellt und vom Publikum bejubelt wird.

Krimis sind in Hannahs Welt ein verabscheuungswürdiges Genre, und Jørn gehört ihrer Meinung nach zu dessen unfähigsten Vertretern. Doch wie man es dreht und wendet: Er hat Erfolg und sie nicht. In ihrem Zorn bricht Hannah vor aller Augen einen Streit vom Zaun, an dessen Ende eine Wette steht: "In einem Monat habe ich einen Krimi geschrieben, der besser ist als alles, was du jemals veröffentlicht hast", schleudert sie ihm zu ihrer eigenen Überraschung entgegen.

Gesagt ist gesagt. Bastian ist von so viel unerwarteter Publicity begeistert und organisiert für Hannah sofort eine passende Unterkunft in Island, wo diese die nötige Ruhe haben wird, um ihren ersten Krimi zu schreiben. Er schickt sie zu Ella, einer Freundin seiner Familie, die in einem abgelegenen Fischerdorf sechs Autostunden von Reykjavík entfernt lebt - und über 2.000 Kilometer Luftlinie von Hannahs Heimatstadt Kopenhagen entfernt.

Hannah hat sich allerdings kaum häuslich bei ihrer Gastgeberin eingerichtet, als deren siebzehnjähriger Lieblingsneffe Thor tot im Hafenbecken des Ortes gefunden wird. Der mit der Situation überforderte Dorfpolizist Viktor würde den Fall am liebsten als Unfall einstufen und zu den Akten legen. Hannah mag daran nicht glauben, denn der Jugendliche hatte Angst vor dem Wasser und konnte nicht schwimmen. Er mied das Wasser, sehr zum Ärger seines Vaters Ægir, des erfolgreichsten Fischers im Ort.

Hannah mischt sich immer wieder in Viktors Ermittlungen ein und hofft dabei, das Erlebte in ihren Krimi einfließen lassen zu können, mit dem sie nicht recht vorankommt. Sie ahnt nicht, dass sie sich damit in Lebensgefahr begibt. Was sie noch nicht weiß: Das Fischerdorf hütet seit Langem das Geheimnis um ein Verbrechen, das Jahrzehnte zurückliegt. Zu Hannahs Glück bekommt sie aus einer unerwarteten Richtung Unterstützung.

Lesen?

30 Tage Dunkelheit spielt im November. Dieser Monat ist in Island nicht nur bereits sehr winterlich, sondern hat mit sechseinhalb Stunden sehr kurze Tage. In Hannahs Wohnort Kopenhagen sind es immerhin zwei Stunden mehr. Und so empfindet die Schriftstellerin die Tage in Island auch: Kaum ist der Morgen angebrochen, bricht schon die Dämmerung herein. Dieses Phänomen steht symbolisch für Hannahs Fremdeln mit der Kultur und den Menschen Islands. Erst nach und nach ändert sie ihre Meinung und damit auch ihr bislang menschenfeindliches Sozialverhalten.

Jenny Lund Madsens Debüt ist eine schöne Mischung aus Krimi, einem kritischen Blick auf gesellschaftliche Vorurteile und einem Entwicklungsroman - diesmal im Hinblick auf eine Erwachsene. Der Spannungsbogen hat hier und da eine leichte Delle, aber 30 Tage Dunkelheit ist sehr gut gemachte Unterhaltung. Mal sehen, ob wir irgendwann noch mehr über Hannah Krause-Bendix erfahren.

Jenny Lund Madsen erhielt für Tredive Dages Mørke 2021 den dänischen Harald-Mogensen-Literaturpreis für den besten Krimi des Jahres.

30 Tage Dunkelheit ist 2023 im Tropen Verlag erschienen und kostet als Paperback 18 Euro sowie als E-Book 13,99 Euro.


Sonntag, 29. August 2021

# 305 - Sein durch Sprache?

2020 erschien Kübra Gümüşays erstes Buch Sprache und Sein, das für etliche Diskussionen sorgte. Wer ein Essay über Sprache erwartet, wird jedoch zumindest teilweise enttäuscht.

Gümüşay beginnt ihr Buch mit einer Szene, die sich vor etlichen Jahren zwischen ihr und ihrer Tante abgespielt hat. Es drehte sich um ein türkisches Wort ("yakamoz"), das für die Reflexion des Mondlichts auf dem Wasser steht. Erst seitdem sie diesen Begriff kennengelernt hat, erkennt Gümüşay dieses Phänomen: Die Wahrnehmung wird durch die Sprache beeinflusst. Das belegt sie anhand weiterer Wörter aus anderen Sprachen. 

Diese Erkenntnis ist keine Überraschung: Wer ein Buch von einer Sprache in eine andere übersetzt, kommt ohne kulturelle Kenntnisse und Hintergründe beider Sprachen nicht aus, wenn die Botschaft des Textes im Sinne des Autors in der Zielsprache ankommen soll. Und so folgert auch Gümüşay: "So leben manche Gefühle nur in bestimmten Sprachen. Sprache öffnet uns die Welt und grenzt sie ein - im gleichen Moment." Wer sich in mehreren Sprachen ausdrücken kann, wird wahrscheinlich feststellen, sich in jeder als eine etwas andere Person zu fühlen.
In diesem Zusammenhang führt 
Gümüşay das viel diskutierte generische Maskulinum an: Während Befürworter sagen, dass trotz der männlichen Form (die Lehrer, die Autofahrer, alle Studenten etc.) doch automatisch auch die Frauen mitgemeint seien, weisen immer mehr der "Mitgemeinten" das zurück - und Studien geben ihnen in ihrer Befürchtung recht, dass sie tatsächlich weniger mitgedacht werden.

Gümüşay unterscheidet zwischen den Benannten und den Unbenannten. Die Benannten sind diejenigen, die als von der Norm abweichend empfunden werden, weil sie ein Merkmal haben, das sie als "anders" ausweist: die Kopftuchträgerin, die Muslimin, der schwarze Mann oder die Frau mit Behinderung. Sie werden von den Unbenannten, die die allgemein akzeptierte Norm erfüllen, kategorisiert und auf die eine - aus deren Sicht wesentliche - Eigenschaft reduziert, beurteilt und mit allen anderen, die über dasselbe Merkmal verfügen, in einen Topf geworfen.

Im Kern geht es Gümüşay darum herauszufinden, wie wir miteinander empathisch und vorurteilsfrei kommunizieren können. Aus eigener Anschauung weiß sie, wo das nicht zu gehen scheint: In Talkshows - mit ihr oder ohne sie - wurden eher auf krawallige Art neue Gräben ausgehoben, als dass versucht worden wäre, sich über das Gemeinsame und Verbindende sowie das Zusammenleben Gedanken zu machen.

Gümüşay hat mit ihrer Kritik am hiesigen Umgang mit den sog. Benannten recht. Sie räumt ein, dass es in der menschlichen Natur liegt, sein Gegenüber in die eine oder andere Schublade einzusortieren. Dieses archaische Verhalten hat auch in unserer modernen Welt nicht nur Nachteile: Es schützt uns davor, unter Reizüberflutung zu leiden und hilft uns, durch das Erkennen von Mustern in gefährlichen Situationen angemessen zu reagieren. Das kann jedoch kein Grund sein, dieses Verhalten unreflektiert gegenüber seinen Mitmenschen anzuwenden.

Die Autorin wirft auch einen Blick auf die Einflüsse, die die strukturelle Ausgrenzung weiter befördern: Da sind nicht nur die oben erwähnten Talkshows, sondern auch die schwerpunktmäßige Themenauswahl in politischen Fernsehsendungen, der Einfluss der Social-Media-Plattformen oder die Aktivitäten rechter Spin-Doctors, die ein verzerrtes Bild von der Realität zeichnen.

So emotional diese existierenden (sprachlichen) Missstände von Kübra Gümüşay geschildert werden, so wenig gewährt sie Einblick in ihre eigenen religiösen An- und Einsichten. Als Leser erfährt man kaum, was den Menschen Kübra Gümüşay ausmacht - wäre das nicht nötig, um ein Zeichen gegen die ständigen Kategorisierungen zu setzen? Auch der kritische Blick auf ihre eigene Religion und ihre weltlichen Vertreter fällt sehr knapp aus.

Lesen?

Sprache und Sein ist grundsätzlich ein lesenswertes Buch. Wenn Gümüşay schreibt: "Jedes Wort hat Wirkung. Menschen verändern sich durch die Worte, mit denen wir sie beschreiben. Sie werden zu dem, was ihnen zugeschrieben wird", kann man ihr nur zustimmen. Wie sich so eine selbsterfüllende Prophezeiung im Alltag auswirkt, lässt sich z. B. in dem 1983 erschienenen Buch Anleitung zum Unglücklichsein des österreichischen Psychologen Paul Watzlawick sehr anschaulich nachvollziehen. Das Phänomen und dass darüber geschrieben wird ist also keineswegs neu, es ist aber gut, dass es wieder mehr ins Bewusstsein der Menschen gerückt wird.

Irritierend wirkt teilweise allerdings die Auswahl der Zitate, die das Buch durchziehen. Warum eine Feministin wie Gümüşay z. B. ausgerechnet auf ein Zitat von Friedrich Nietzsche zurückgreift, der mit zahlreichen frauenfeindlichen Äußerungen "geglänzt" hat, erschließt sich mir nicht. 

Was mich aber deutlich mehr gestört hat, ist die Festlegung auf die gesprochene und geschriebene Sprache. Sprache ist schließlich nicht nur verbal, sondern besteht auch aus einem breiten nonverbalen Spektrum von Symbolen bis zur Gestik und Mimik. Ausgrenzung kann auch durch einen verächtlichen Blick oder eine Beschilderung erzeugt werden.

Und was letztlich auch nicht durchdacht ist, ist die Einteilung der Menschen in die Benannten und Unbenannten. Nicht nur, dass es sich dabei um sehr große Schubladen handelt, gegen die Gümüşay doch eigentlich anschreibt; diese Art der Kategorisierung verkennt, dass mit den Frauen eine Hälfte der Bevölkerung immer wieder mit Misogynie und damit Ausgrenzung konfrontiert wird und das, obwohl es sich bei ihnen nicht um eine andersartige Randgruppe handelt. Doch nach Gümüşays Definition gehören sie zu den Unbenannten, die über Privilegien verfügen.

Durchaus mit gemischten Gefühlen kann man auch eine Szene betrachten, über die Gümüşay schreibt: Kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wird sie als 13-Jährige in der U-Bahn von einer Frau auf ihr Kopftuch angesprochen und gefragt, ob sie es freiwillig trage - trotz der politischen Situationen in Saudi-Arabien, im Iran und Irak. Damals antwortete sie: "Damit habe ich nichts zu tun. Das ist nicht mein Islam." Fünfzehn Jahre später hielt sie allerdings im vom Hamburger Verfassungsschutz beobachteten Islamischen Zentrum Hamburg (IZH) einen Vortrag. Das Hamburger Landesamt für Verfassungsschutz bewertete das IZH schon 2004 als verlängerten Arm der Teheraner Revolutionsführung mit dem Ziel, "islamistisches Gedankengut nach heimatlichem Vorbild in Deutschland zu verbreiten". Wie schlecht es um die Gleichberechtigung der Frauen im Iran bestellt ist, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben.
 
Auch Gümüşays Nähe zur islamischen Bewegung 
Millî Görüş mit ihrem Antisemitismus und ihrer Integrationsfeindlichkeit sowie einer Ideologie, die durch Minderheiten- und Frauenfeindlichkeit sowie Homophobie geprägt ist, ist irritierend und mit der Kübra Gümüşay, wie sie sich selbst ihrem Buch beschreibt, nur schwer in Einklang zu bringen.

Sprache und Sein ist 2020 im Hanser Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 18 Euro.


Montag, 16. August 2021

# 303 - Die Düsternis lauert in jeder Ecke: ein Krimi aus dem isländischen Hochland

Fast sechs Jahre ist es her, dass ich hier in der Bücherkiste ein Buch eines isländischen Autors vorgestellt habe. Damals war es der auch außerhalb seiner Heimat sehr bekannte Arnaldur Indriðason, heute ist es Ævar Örn Jósepsson, dessen Krimi Blutberg 2009 auf Deutsch veröffentlicht wurde. Auf ihn bin ich zufällig gestoßen.

Das Buch ist der zweite von vier (deutschen) Bänden um Kommissar Árni Eysteinsson, der bei der Mordkommission in Reykjavík arbeitet. Er und seine Kollegen werden nach Ostisland geschickt. Beim Bau des Kárahnjúkar-Kraftwerks kam es zu einem Unfall, bei dem sechs Männer in den Tod gerissen wurden: Ein Felsvorsprung hatte sich plötzlich gelöst und die Menschen unter sich begraben. Bei dem siebten Toten geht man zuerst von einem Selbstmord aus, aber die Kriminaltechniker kommen zu einem anderen Ergebnis. Dass auch der isländische Geheimdienst in betont brachialer Manier auf der Mega-Baustelle auftaucht und ohne Rechtsgrundlage Arbeiter verhaftet, macht die Ermittlungen der Polizei nicht einfacher.

Das Wasserkraftwerk wurde gebaut, um ein Aluminiumwerk mit Strom zu beliefern. Es gehört zu den größten Wasserkraftwerken Europas und hatte vor und während seines Baus in der isländischen Bevölkerung für hitzige Diskussionen gesorgt, da mit dem Bauwerk große Naturflächen zerstört wurden. 
Der Konflikt Ökonomie vs. Ökologie zieht sich durch den ganzen Krimi. Und so verwundert es nicht, dass schon bald erste Zweifel aufkommen, ob dieser Unfall auch tatsächlich einer war: Der einzige Überlebende, ein portugiesischer Arbeiter, sagt seinem besten Freund im Krankenbett, er habe vor dem Felssturz eine Explosion gehört. Da bei der Polizei Droh-Mails von einer Gruppierung namens Grüne Armee eingehen, könnte an dem Verdacht, dass es sich um einen terroristischen Anschlag gehandelt hat, tatsächlich etwas dran sein.

Die knapp 500 Seiten des E-Books waren ziemlich zäh zu lesen. In die Handlung, die sich über zehn Tage erstreckt, reihten sich Klischees und Vorurteile aneinander wie bei einer Perlenschnur: Bei etwa eintausend Männern, die auf der Baustelle beschäftigt sind, sind der Drogenhandel und die illegale Prostitution nicht weit.  Bei Letzterem wird obendrein noch die Tochter eines zu Árnis Team gehörenden Ermittlers aufgegriffen; es ist ausgerechnet der Kollege, der bis zu diesem Zeitpunkt mit Rassismus und Misogynie "geglänzt" und sich um seine fünf Kinder bislang einen Dreck geschert hat. 
Alle saufen wie die Löcher, obwohl Alkohol verboten ist. Die Sicherheitsingenieure verschließen vor sämtlichen Missständen die Augen. Über der Szenerie liegt das lebensfeindliche Wetter des isländischen Winters und die Abgeschiedenheit der Baustelle.

Auch mit Stereotypen, die den verschiedenen Nationalitäten zugeschrieben werden, wird nicht gespart: Die Italiener denken und handeln in mafiösen Strukturen und halten sich in ihrem Feierabend an der Rotweinflasche fest, die Chinesen sind Arbeitsbienen mit einem nonstop im Gesicht festgefrorenen Lächeln, die Portugiesen sind von der Sonne verwöhnte Weicheier... Voller Verwunderung wird zwischendurch registriert, dass auch Isländer kriminell sein können.

Jósepsson nutzt sein Buch auch dazu, um einige für Island relevante Konfliktthemen unterzubringen: Neben der bereits erwähnten Zerstörung der Natur kritisiert der Autor auch den Umgang mit den ausländischen Arbeitern, die für Billiglöhne unter unsagbaren Bedingungen schuften. Die Baufirma hat da schon mal vorgesorgt: Für den schlimmsten Fall hat man in einer Halle ein paar Dutzend Aluminiumsärge gestapelt. 

Die isländische Tageszeitung Morgunblaðið lobte Jósepsson nach dem Erscheinen von Blutberg für dessen "prägnante Dialoge". Tatsache ist: Informationen über den Fortgang der Handlung erfahren die Leser in erster Linie über die Monologe der ermittelnden Beamten. Vor allem Árnis Vorgesetzter Stefán ist in dieser Disziplin ein Experte. 

Lesen?

Blutberg hat so etwas wie ein halboffenes Ende: Der Verantwortliche für den Absturz des Felsens wurde gefunden, aber die Bedrohung des Bauwerks durch dessen Gegner geht weiter. An diesem Punkt hätte Jósepsson auch ankommen können, wenn er seinen Krimi um etwa ein Drittel kürzer gehalten hätte.

Blutberg ist 2009 beim btb Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 8,90 Euro sowie als E-Book 8,99 Euro.


Samstag, 9. Mai 2020

# 239 - Teufelsweiber

Die Literaturwissenschaftlerin Carina Heer vereint in ihrem Buch Teufelsweiber die Biografien von 100 Frauen, die alles andere als langweilig waren. Dabei geht es ihr jedoch nicht nur um die Guten unter den Frauen, die etwas getan haben, das der Welt zugute kommt. Heer nimmt sich auch Frauen vor, denen man lieber nicht im Dunkeln begegnen will.

Ganz bewusst springt sie dabei in der Weltgeschichte vor und zurück und nimmt auch auf die ethisch-moralische Bewertung des Lebens von so mancher Frau keine Rücksicht. Was die beschriebenen Frauen gemeinsamen haben, ist der unbedingte Wille, ihr Ziel zu erreichen, auch wenn dafür große Opfer gebracht werden müssen.

Carina Heer widmet jeder Einzelnen zwischen zwei und fünf Buchseiten und streicht heraus, was sie ausgemacht hat. Da geht es dann z. B. um die Zarin Katharina II. ("Die Große"), die keine Skrupel kannte, wenn sie Macht er- und behalten wollte.

Es geht auch um Adele Spitzeder, die 1869 eine Privatbank gründete, die nur den Zweck hatte, ein Schneeballsystem am Leben zu halten. Sie nutzte die Gier ihrer Kunden aus, um ihren eigenen aufwendigen Lebensstil zu finanzieren. Das konnte - man ahnt es bereits - nicht ewig gutgehen.

Und dann ist da auch noch die Regisseurin Leni Riefenstahl. Sie musste sich zeit ihres Lebens den Vorwurf gefallen lassen, die Nationalsozialisten im Dritten Reich mit ihren propagandistischen Filmen unterstützt zu haben. Dieses Image konnte sie für den Rest ihres über 100-jährigen Lebens nicht mehr abstreifen. 

Lesen?

Carina Heer zeigt mit ihren schlaglichtartigen Beschreibungen der Schicksale von sehr unterschiedlichen 100 Frauen, dass diese in jedem Fall das Zeug hatten, es mit den Männern aufzunehmen - im Guten wie im Schlechten. Doch die Lebensgeschichten verdeutlichen auch, dass es in allen Zeiten der Menschheit oft nicht so einfach war, eine Frau zu sein - egal, aus welcher sozialen Schicht man stammte. Aufgrund der Kürze der einzelnen Biografien können diese aber eben auch nur eines sein: Schlaglichter. Deshalb kann Teufelsweiber auch als Einladung verstanden werden, sich die Biografie der einen oder anderen Frau ausführlicher anzusehen.

Das Buch ist in einem lockeren und humorvollen Tonfall geschrieben. Dieser führt allerdings auch dazu, dass so manche Lebensgeschichte etwas unkritisch daherkommt: Beispielsweise fällt die Kritik am Wirken und Einfluss von Leni Riefenstahl sehr dünn aus; die im großen Stil begangenen Betrügereien von Adele Spitzeder führten zu einer Selbstmordwelle verzweifelter Menschen, was im Text mit nur einem kurzen Satz erwähnt wird.

Teufelsweiber  ist im Benevento Verlag als gebundene Ausgabe zum Preis von 24 Euro erschienen. Unter dem Titel Wahre Rebellinnen wurde es im Goldmann Verlag herausgegeben und kostet 10 Euro.