Am Anfang steht ein Kirschholzschrank, eine von der Urgroßmutter der Autorin Miriam Carbe in Auftrag gegebene Handwerksarbeit. Er wird Bücher und Dekorationsgegenstände beherbergen. Sein Inhalt ändert sich mit jeder nachfolgenden Familiengeneration. Miriam Carbe nutzt ihn zur Aufbewahrung von mehreren hundert Tagebüchern, die die drei Frauengenerationen vor ihr hinterlassen haben und die sie von ihrer verstorbenen Mutter geerbt hat.
Diese Tagebücher sind die Grundlage für Carbes autobiografischen Debütroman Unerwünschte Töchter. Mit ihm wirft sie einen langen Blick in die Geschichte ihrer Familie: Vier Frauen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht erwünscht waren und damit umgehen mussten - ihre Urgroßmutter Margarethe, ihre Großmutter Marianne, ihre Mutter Monika und nicht zuletzt sie selbst, Miriam.
Was man auf den ersten Blick für einen typischen Generationenroman halten könnte, entpuppt sich aber als mehr als das: Carbe widmet sich der Frage, in welchem Maß sich Erwartungen, Erfahrungen, Verletzungen und Vorurteile über mehrere Generationen hinweg fortsetzen können.
Die Geschichte der vier Frauen beginnt am Ende des 19. Jahrhunderts mit Margarethe, die behütet im Dresdner Bildungsbürgertum aufwächst. Die Eltern hatten bei ihrer Geburt auf einen Sohn gehofft; dass die Tochter in ihren Augen oft eine jungenhafte Wildheit zeigte, war ihnen jedoch nicht recht.
Das Schicksal der Familie ist eng mit der deutschen Geschichte verknüpft. Carbe deutet die historischen Ereignisse wie zum Beispiel die Weltkriege oder den Mauerbau zwar nur an, als seien sie lediglich Hintergrundgeräusche. Die Leben der Familien werden durch sie allerdings stark beeinflusst: Väter sterben in den Kriegen, ihre Witwen müssen Wege finden, ihre Leben und das ihrer Kinder neu zu ordnen und schlicht zu überleben. Das ist in Zeiten, in denen das gesellschaftliche Ideal einer Frau war, verheiratet zu sein und mit dem Ehemann den Ernährer an ihrer Seite zu haben, nicht so einfach.
Die beiden Weltkriege stürzen Margarethes Familie in Armut, der Zusammenhalt ist aber schon vorher zusammengebrochen: Der Vater geht mit einem Kurschatten fremd und lässt seine krebskranke Frau im Stich, der jüngere Bruder bleibt auf Distanz.
Großmutter Marianne verliebt sich in der Zeit des Nationalsozialismus' in den jungen Staatsanwalt Alfred Carbe. Carbe ist von der Politik Hitlers nicht überzeugt. Er ist ein Mitläufer, der nicht anecken will, und unterschreibt Todesurteile auch gegen junge Menschen: "Ich bin Jurist, ich muss nicht denken, sondern nach geltendem Recht handeln." Marianne wird schwanger, bevor die beiden heiraten konnten. Ein vorsorglich von Alfred ausgestelltes Dokument weist ihr "im Falle, dass aus dieser Verbindung ein Kind entsteht, [...] alle Rechte einer Ehefrau" zu. Sie wird dieses Papier nicht viel später brauchen: Monika kommt zur Welt.
Wie ihre Mutter und Großmutter ist auch Monika kein Wunschkind. Aber die intelligente Frau, die mit ihrem Körper unzufrieden und psychisch labil ist und sich nicht in Gruppen einfügen kann, tut etwas, was Mitte der 1960-er Jahre absolut verpönt ist: Sie geht eine Beziehung mit einem Studenten aus Nigeria ein und wird ungewollt von ihm schwanger. 1967 kommt Miriam, die Autorin dieses Buches, zur Welt. Eine schwarze Enkelin: Das findet Marianne so anstößig, dass sie ihrer eigenen Mutter Margarethe drei Jahre lang dieses Enkelkind verschweigt. Das ist der Moment, an dem der durch die Generationen unterschwellig vorhandene Rassismus offen zutage tritt. Auch Miriams Vater verschwindet aus ihrem Leben und dem ihrer Mutter und geht nach Nigeria zurück. Teile der Familiengeschichte scheinen sich immer wieder zu reproduzieren.
Lesen?
Miriam Carbe geht bei der Betrachtung ihrer Familiengeschichte grundsätzlich chronologisch vor. Immer flicht sie jedoch Passagen ein, in denen sie als Ich-Erzählerin auftritt. Auf diese Weise stellt sie die Verbindung der vier Generationen miteinander her und positioniert sich nicht nur als Chronistin, sondern als Teil der Familiengeschichte. Hier erfragt sie, was diese Familiengeschichte für sie selbst bedeutet und wie viel von ihr in ihr selbst weiterlebt. Alles ohne Pathos und ohne die Handlungen ihrer Vorfahren zu bewerten.
Unerwünschte Töchter ist ein Buch über familiäre Verbundenheit und den Glauben daran, mithilfe der eigenen Stärke Krisen zu überwinden. Der Roman steht auf der Longlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises.
Unerwünschte Töchter ist 2026 im Hanser Verlag erschienen und kostet 26 Euro, als E-Book 19,99 Euro.

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