Samstag, 26. September 2026

# 517 - Wissen durch Wachs

Eine 14-Jährige sucht 1733 ihre erste Leiche, weil sie wissen will, wie ein menschlicher Körper wirklich aussieht – von innen. Schon mit dieser Ausgangssituation macht Christine Wunnicke deutlich, dass Wachs kein gewöhnlicher historischer Roman sein soll.

Das Besondere daran: Diese junge Frau ist keine Erfindung der Autorin. Sie hieß Marie Marguerite Bihéron und wurde 1719 als Tochter eines Apothekers in Paris geboren. Marie erlangte im 18. Jahrhundert Bekanntheit mit anatomischen Modellen aus Wachs. Christine Wunnicke nimmt das außergewöhnliche Leben dieser weitgehend in Vergessenheit geratenen Frau zum Ausgangspunkt ihres Romans. 

Auch die zweite Hauptfigur, die Zeichnerin und Pflanzenmalerin Madeleine Basseporte, ist historisch belegt. Wunnicke bewegt sich damit auf besonders reizvollem Terrain zwischen Biografie und Fiktion: Sie hält sich an historische Personen und Eckdaten, erlaubt sich aber dort erzählerische Freiheit, wo die Quellen schweigen.

Gerade bei Marie Bihéron ist das interessant. Was heute fast schon wie die Erfindung einer Romanautorin klingt, hat einen realen historischen Hintergrund. Das tatsächliche Leben Bihérons liefert einen Stoff, der außergewöhnlicher ist als manche erfundene Handlung.

Marie interessiert sich schon als junges Mädchen für Anatomie. Sie will nicht einfach glauben, was andere über den menschlichen Körper behaupten, sondern selbst sehen und verstehen. Dafür seziert sie Leichen und bildet deren Organe möglichst naturgetreu nach. Madeleine Basseporte verfolgt auf den ersten Blick einen ganz anderen Weg: Sie zeichnet Pflanzen. Doch eigentlich tun beide etwas sehr Ähnliches: Sie betrachten sehr genau. Beide versuchen, die innere Ordnung ihres Gegenstands zu erkennen, und bilden anschließend das nach, was sie gesehen haben – Marie in Wachs, Madeleine auf Papier.

Aus der Verbindung der beiden historischen Frauen spinnt Wunnicke eine Liebesgeschichte. Wie weit ihre tatsächliche Beziehung ging, lässt sich jedoch nicht mit derselben Sicherheit rekonstruieren wie ihre beruflichen Lebenswege. Gerade hier zeigt sich Wunnickes Verfahren: Sie schreibt keine Biografie, die behauptet, jede Einzelheit belegen zu können. Sie nutzt die Leerstellen der Überlieferung als Raum für Literatur. Aus dem, was bekannt ist, und dem, was möglich gewesen sein könnte, entsteht eine Geschichte, die überzeugend zwischen historischer Wirklichkeit und Fiktion schwebt.

Damit erzählt Wachs weit mehr als das Leben zweier ungewöhnlichen Frauen. Der Roman handelt vom Entstehen von Wissen. Was gilt als wahr? Wer darf forschen? Wer entscheidet darüber, welche Erkenntnisse ernst genommen werden? Und welche Möglichkeiten hat eine Frau in einer Zeit, in der Wissenschaft und ihre Institutionen weitgehend Männern vorbehalten sind und von Frauen erwartet wird, sich um Heim, Herd und Kinder zu kümmern?

Gerade darin liegt eine der großen Stärken des Romans: Wunnicke macht aus ihren Heldinnen keine modernen Frauen, die versehentlich im 18. Jahrhundert gelandet sind. Marie und Madeleine bewegen sich innerhalb ihrer Epoche und überschreiten deren Grenzen trotzdem mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit. Die Männerwelt bildet dabei keinen plakativ gezeichneten Gegner. Die Benachteiligung der Frauen zeigt sich vielmehr in Abhängigkeiten, institutionellen Hindernissen und in der Selbstverständlichkeit, mit der Männer über Möglichkeiten verfügen, die Frauen erst erkämpfen müssen.

Auch die Liebesgeschichte kommt ohne Pathos aus. Die Beziehung zwischen Marie und Madeleine ist wichtig, wird aber nicht zum bestimmendsten Teil ihres Lebens erklärt. Beide bleiben eigenständige Persönlichkeiten mit Arbeit, Ehrgeiz, Eigensinn und beträchtlicher Besessenheit. Gerade dadurch wirkt ihre Nähe überzeugend.

Bemerkenswert ist vor allem Wunnickes Sprache. Sie versucht nicht, auf jeder Seite mit historischem Dekor zu beweisen, wie gründlich sie recherchiert hat. Stattdessen entsteht das 18. Jahrhundert aus Dialogen, Begriffen, Arbeitsabläufen und kleinen, oft erstaunlich körperlichen Einzelheiten. Anatomie ist hier tatsächlich Grundlagenarbeit: Körper riechen, verwesen, werden aufgeschnitten und untersucht. Das kann drastisch werden, wirkt aber nicht effektheischend. Der menschliche Körper erscheint gleichzeitig als biologisches Material, Forschungsobjekt und etwas ungeheuer Faszinierendes.

Dazu kommt ein trockener, gelegentlich schwarzer Humor. Wunnicke hat Freude am Sonderbaren und Abseitigen. Berühmte Gestalten der Aufklärung dürfen auftreten, ohne dass der Roman zur historischen Prominentenparade wird. Selbst Diderot bleibt letztlich eine Nebenfigur. Das Zentrum gehört den beiden Frauen.

Die Konstruktion des Romans ist nicht streng chronologisch, sondern springt zwischen verschiedenen Lebensphasen. Dadurch setzt sich das Bild der Figuren erst allmählich zusammen. Gleichzeitig schafft diese Technik eine gewisse Distanz. Wer einen historischen Roman mit kontinuierlich wachsender Handlung und großem Spannungsbogen erwartet, könnte Wachs deshalb als sprunghaft empfinden. Auch die anatomischen Details, Fachbegriffe und der eigentümliche Sprachduktus verlangen stellenweise mehr Aufmerksamkeit als ein konventioneller Unterhaltungsroman.

Doch diese Sperrigkeit gehört zum Konzept. Wachs will die Vergangenheit nicht möglichst bequem konsumierbar machen. Der Roman nähert sich seinen Figuren auf eine Weise, die zu seinem Gegenstand passt: durch genaues Hinschauen.

Und schließlich erweist sich auch der Titel als treffend. Wachs bewahrt die Form von etwas, dessen ursprüngliche Gestalt vergänglich ist. In gewisser Weise tut Christine Wunnicke mit Marie Bihéron dasselbe. Aus verstreuten historischen Spuren formt sie wieder eine Person. Dabei behauptet sie nicht, die wirkliche Marie vollständig rekonstruieren zu können. Sie schafft vielmehr eine literarische Gestalt, in der historische Tatsachen und dichterische Vorstellung ineinander übergehen.

So ist Wachs zugleich historischer Roman, Liebesgeschichte, Künstlerinnenroman und eine kleine Geschichte der Aufklärung. Vor allem aber erinnert das Buch an eine Frau, deren tatsächliches Leben erstaunlich genug ist, um mehr als zweihundert Jahre später zum Stoff eines Romans zu werden.

Lesen?

Ein schmaler, ungewöhnlicher und kluger Roman – und zugleich ein schönes Beispiel dafür, wie Literatur Menschen wieder sichtbar machen kann, die in der Geschichtsschreibung beinahe verschwunden sind. 
Der Roman stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2025.
Christine Wunnicke wurde 2026 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Wer ihre Bücher nicht nur antiquarisch lesen möchte, muss sich beeilen: Ihre Werke sind im Berenberg Verlag erschienen, der seine Arbeit im März 2026 nach 22 Jahren eingestellt hat.

Wachs ist 2025 erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Samstag, 5. September 2026

# 516 - Vier Generationen unerwünschter Töchter

Am Anfang steht ein Kirschholzschrank, eine von der Urgroßmutter der Autorin Miriam Carbe in Auftrag gegebene Handwerksarbeit. Er wird Bücher und Dekorationsgegenstände beherbergen. Sein Inhalt ändert sich mit jeder nachfolgenden Familiengeneration. Miriam Carbe nutzt ihn zur Aufbewahrung von mehreren hundert Tagebüchern, die die drei Frauengenerationen vor ihr hinterlassen haben und die sie von ihrer verstorbenen Mutter geerbt hat. 

Diese Tagebücher sind die Grundlage für Carbes  autobiografischen Debütroman Unerwünschte Töchter. Mit ihm wirft sie einen langen Blick in die Geschichte ihrer Familie: Vier Frauen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht erwünscht waren und damit umgehen mussten - ihre Urgroßmutter Margarethe, ihre Großmutter Marianne, ihre Mutter Monika und nicht zuletzt sie selbst, Miriam.

Was man auf den ersten Blick für einen typischen Generationenroman halten könnte, entpuppt sich aber als mehr als das: Carbe widmet sich der Frage, in welchem Maß sich Erwartungen, Erfahrungen, Verletzungen und Vorurteile über mehrere Generationen hinweg fortsetzen können.

Die Geschichte der vier Frauen beginnt am Ende des 19. Jahrhunderts mit Margarethe, die behütet im Dresdner Bildungsbürgertum aufwächst. Die Eltern hatten bei ihrer Geburt auf einen Sohn gehofft; dass die Tochter in ihren Augen oft eine jungenhafte Wildheit zeigte, war ihnen jedoch nicht recht.

Das Schicksal der Familie ist eng mit der deutschen Geschichte verknüpft. Carbe deutet die historischen Ereignisse wie zum Beispiel die Weltkriege oder den Mauerbau zwar nur an, als seien sie lediglich Hintergrundgeräusche. Die Leben der Familien werden durch sie allerdings stark beeinflusst: Väter sterben in den Kriegen, ihre Witwen müssen Wege finden, ihre Leben und das ihrer Kinder neu zu ordnen und schlicht zu überleben. Das ist in Zeiten, in denen das gesellschaftliche Ideal einer Frau war, verheiratet zu sein und mit dem Ehemann den Ernährer an ihrer Seite zu haben, nicht so einfach.

Die beiden Weltkriege stürzen Margarethes Familie in Armut, der Zusammenhalt ist aber schon vorher zusammengebrochen: Der Vater geht mit einem Kurschatten fremd und lässt seine krebskranke Frau im Stich, der jüngere Bruder bleibt auf Distanz.

Großmutter Marianne verliebt sich in der Zeit des Nationalsozialismus' in den jungen Staatsanwalt Alfred Carbe. Carbe ist von der Politik Hitlers nicht überzeugt. Er ist ein Mitläufer, der nicht anecken will, und unterschreibt Todesurteile auch gegen junge Menschen: "Ich bin Jurist, ich muss nicht denken, sondern nach geltendem Recht handeln." Marianne wird schwanger, bevor die beiden heiraten konnten. Ein vorsorglich von Alfred ausgestelltes Dokument weist ihr "im Falle, dass aus dieser Verbindung ein Kind entsteht, [...] alle Rechte einer Ehefrau" zu. Sie wird dieses Papier nicht viel später brauchen: Monika kommt zur Welt.

Wie ihre Mutter und Großmutter ist auch Monika kein Wunschkind. Aber die intelligente Frau, die mit ihrem Körper unzufrieden und psychisch labil ist und sich nicht in Gruppen einfügen kann, tut etwas, was Mitte der 1960-er Jahre absolut verpönt ist: Sie geht eine Beziehung mit einem Studenten aus Nigeria ein und wird ungewollt von ihm schwanger. 1967 kommt Miriam, die Autorin dieses Buches, zur Welt. Eine schwarze Enkelin: Das findet Marianne so anstößig, dass sie ihrer eigenen Mutter Margarethe drei Jahre lang dieses Enkelkind verschweigt. Das ist der Moment, an dem der durch die Generationen unterschwellig vorhandene Rassismus offen zutage tritt. Auch Miriams Vater verschwindet aus ihrem Leben und dem ihrer Mutter und geht nach Nigeria zurück. Teile der Familiengeschichte scheinen sich immer wieder zu reproduzieren.

Lesen?

Miriam Carbe geht bei der Betrachtung ihrer Familiengeschichte grundsätzlich chronologisch vor. Immer flicht sie jedoch Passagen ein, in denen sie als Ich-Erzählerin auftritt. Auf diese Weise stellt sie die Verbindung der vier Generationen miteinander her und positioniert sich nicht nur als Chronistin, sondern als Teil der Familiengeschichte. Hier erfragt sie, was diese Familiengeschichte für sie selbst bedeutet und wie viel von ihr in ihr selbst weiterlebt. Alles ohne Pathos und ohne die Handlungen ihrer Vorfahren zu bewerten.

Unerwünschte Töchter ist ein Buch über familiäre Verbundenheit und den Glauben daran, mithilfe der eigenen Stärke Krisen zu überwinden. Der Roman steht auf der Longlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises. 


Unerwünschte Töchter ist 2026 im Hanser Verlag erschienen und kostet 26 Euro, als E-Book 19,99 Euro.