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Samstag, 26. September 2026

# 517 - Wissen durch Wachs

Eine 14-Jährige sucht 1733 ihre erste Leiche, weil sie wissen will, wie ein menschlicher Körper wirklich aussieht – von innen. Schon mit dieser Ausgangssituation macht Christine Wunnicke deutlich, dass Wachs kein gewöhnlicher historischer Roman sein soll.

Das Besondere daran: Diese junge Frau ist keine Erfindung der Autorin. Sie hieß Marie Marguerite Bihéron und wurde 1719 als Tochter eines Apothekers in Paris geboren. Marie erlangte im 18. Jahrhundert Bekanntheit mit anatomischen Modellen aus Wachs. Christine Wunnicke nimmt das außergewöhnliche Leben dieser weitgehend in Vergessenheit geratenen Frau zum Ausgangspunkt ihres Romans. 

Auch die zweite Hauptfigur, die Zeichnerin und Pflanzenmalerin Madeleine Basseporte, ist historisch belegt. Wunnicke bewegt sich damit auf besonders reizvollem Terrain zwischen Biografie und Fiktion: Sie hält sich an historische Personen und Eckdaten, erlaubt sich aber dort erzählerische Freiheit, wo die Quellen schweigen.

Gerade bei Marie Bihéron ist das interessant. Was heute fast schon wie die Erfindung einer Romanautorin klingt, hat einen realen historischen Hintergrund. Das tatsächliche Leben Bihérons liefert einen Stoff, der außergewöhnlicher ist als manche erfundene Handlung.

Marie interessiert sich schon als junges Mädchen für Anatomie. Sie will nicht einfach glauben, was andere über den menschlichen Körper behaupten, sondern selbst sehen und verstehen. Dafür seziert sie Leichen und bildet deren Organe möglichst naturgetreu nach. Madeleine Basseporte verfolgt auf den ersten Blick einen ganz anderen Weg: Sie zeichnet Pflanzen. Doch eigentlich tun beide etwas sehr Ähnliches: Sie betrachten sehr genau. Beide versuchen, die innere Ordnung ihres Gegenstands zu erkennen, und bilden anschließend das nach, was sie gesehen haben – Marie in Wachs, Madeleine auf Papier.

Aus der Verbindung der beiden historischen Frauen spinnt Wunnicke eine Liebesgeschichte. Wie weit ihre tatsächliche Beziehung ging, lässt sich jedoch nicht mit derselben Sicherheit rekonstruieren wie ihre beruflichen Lebenswege. Gerade hier zeigt sich Wunnickes Verfahren: Sie schreibt keine Biografie, die behauptet, jede Einzelheit belegen zu können. Sie nutzt die Leerstellen der Überlieferung als Raum für Literatur. Aus dem, was bekannt ist, und dem, was möglich gewesen sein könnte, entsteht eine Geschichte, die überzeugend zwischen historischer Wirklichkeit und Fiktion schwebt.

Damit erzählt Wachs weit mehr als das Leben zweier ungewöhnlichen Frauen. Der Roman handelt vom Entstehen von Wissen. Was gilt als wahr? Wer darf forschen? Wer entscheidet darüber, welche Erkenntnisse ernst genommen werden? Und welche Möglichkeiten hat eine Frau in einer Zeit, in der Wissenschaft und ihre Institutionen weitgehend Männern vorbehalten sind und von Frauen erwartet wird, sich um Heim, Herd und Kinder zu kümmern?

Gerade darin liegt eine der großen Stärken des Romans: Wunnicke macht aus ihren Heldinnen keine modernen Frauen, die versehentlich im 18. Jahrhundert gelandet sind. Marie und Madeleine bewegen sich innerhalb ihrer Epoche und überschreiten deren Grenzen trotzdem mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit. Die Männerwelt bildet dabei keinen plakativ gezeichneten Gegner. Die Benachteiligung der Frauen zeigt sich vielmehr in Abhängigkeiten, institutionellen Hindernissen und in der Selbstverständlichkeit, mit der Männer über Möglichkeiten verfügen, die Frauen erst erkämpfen müssen.

Auch die Liebesgeschichte kommt ohne Pathos aus. Die Beziehung zwischen Marie und Madeleine ist wichtig, wird aber nicht zum bestimmendsten Teil ihres Lebens erklärt. Beide bleiben eigenständige Persönlichkeiten mit Arbeit, Ehrgeiz, Eigensinn und beträchtlicher Besessenheit. Gerade dadurch wirkt ihre Nähe überzeugend.

Bemerkenswert ist vor allem Wunnickes Sprache. Sie versucht nicht, auf jeder Seite mit historischem Dekor zu beweisen, wie gründlich sie recherchiert hat. Stattdessen entsteht das 18. Jahrhundert aus Dialogen, Begriffen, Arbeitsabläufen und kleinen, oft erstaunlich körperlichen Einzelheiten. Anatomie ist hier tatsächlich Grundlagenarbeit: Körper riechen, verwesen, werden aufgeschnitten und untersucht. Das kann drastisch werden, wirkt aber nicht effektheischend. Der menschliche Körper erscheint gleichzeitig als biologisches Material, Forschungsobjekt und etwas ungeheuer Faszinierendes.

Dazu kommt ein trockener, gelegentlich schwarzer Humor. Wunnicke hat Freude am Sonderbaren und Abseitigen. Berühmte Gestalten der Aufklärung dürfen auftreten, ohne dass der Roman zur historischen Prominentenparade wird. Selbst Diderot bleibt letztlich eine Nebenfigur. Das Zentrum gehört den beiden Frauen.

Die Konstruktion des Romans ist nicht streng chronologisch, sondern springt zwischen verschiedenen Lebensphasen. Dadurch setzt sich das Bild der Figuren erst allmählich zusammen. Gleichzeitig schafft diese Technik eine gewisse Distanz. Wer einen historischen Roman mit kontinuierlich wachsender Handlung und großem Spannungsbogen erwartet, könnte Wachs deshalb als sprunghaft empfinden. Auch die anatomischen Details, Fachbegriffe und der eigentümliche Sprachduktus verlangen stellenweise mehr Aufmerksamkeit als ein konventioneller Unterhaltungsroman.

Doch diese Sperrigkeit gehört zum Konzept. Wachs will die Vergangenheit nicht möglichst bequem konsumierbar machen. Der Roman nähert sich seinen Figuren auf eine Weise, die zu seinem Gegenstand passt: durch genaues Hinschauen.

Und schließlich erweist sich auch der Titel als treffend. Wachs bewahrt die Form von etwas, dessen ursprüngliche Gestalt vergänglich ist. In gewisser Weise tut Christine Wunnicke mit Marie Bihéron dasselbe. Aus verstreuten historischen Spuren formt sie wieder eine Person. Dabei behauptet sie nicht, die wirkliche Marie vollständig rekonstruieren zu können. Sie schafft vielmehr eine literarische Gestalt, in der historische Tatsachen und dichterische Vorstellung ineinander übergehen.

So ist Wachs zugleich historischer Roman, Liebesgeschichte, Künstlerinnenroman und eine kleine Geschichte der Aufklärung. Vor allem aber erinnert das Buch an eine Frau, deren tatsächliches Leben erstaunlich genug ist, um mehr als zweihundert Jahre später zum Stoff eines Romans zu werden.

Lesen?

Ein schmaler, ungewöhnlicher und kluger Roman – und zugleich ein schönes Beispiel dafür, wie Literatur Menschen wieder sichtbar machen kann, die in der Geschichtsschreibung beinahe verschwunden sind. 
Der Roman stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2025.
Christine Wunnicke wurde 2026 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Wer ihre Bücher nicht nur antiquarisch lesen möchte, muss sich beeilen: Ihre Werke sind im Berenberg Verlag erschienen, der seine Arbeit im März 2026 nach 22 Jahren eingestellt hat.

Wachs ist 2025 erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Freitag, 5. Juni 2026

# 507 - Wer hat was gesagt und warum?

Wer etwas auf seine Bildung hält und das auch seinen
Mitmenschen zeigen will, neigt oft dazu, bekannte Persönlichkeiten zu zitieren. "Der Weg ist das Ziel" ist ein beliebter Motivationsslogan bei Coachings und geht auf den chinesischen Gelehrten Konfuzius zurück, der diesen Ausspruch vor 2.500 Jahren getan haben soll. Zumindest sagen das seine Schüler, die viele seiner klugen Sätze in den Analekten niedergeschrieben haben. Konfuzius hat selbst jedoch gar nichts selbst verfasst. Stammt dieses Zitat also tatsächlich von ihm? 

Das weiß man genauso wenig wie bei den Zitaten, die dem griechischen Philosophen Sokrates zugeschrieben werden, der es mit dem Schreiben genauso wenig hatte wie sein chinesischer Kollege: "Ich weiß, dass ich nichts weiß" gehört zu den bekanntesten Aussprüchen, die Sokrates' Schüler Platon eifrig mitgeschrieben hat, allerdings in der Originalversion. Sokrates war wegen des Vorwurfs, ein gottloser Wortverdreher zu sein und die Jugend zu verderben, 399 v. Chr. vom Athener Volksgericht angeklagt worden. In seiner Rede grenzte er sich von sogenannten Experten ab, die seiner Ansicht nach nur über Meinungen, aber nicht über Fachwissen verfügten: "Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als er, dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen." Das kam beim Gericht gar nicht gut an, das Todesurteil gegen Sokrates war schnell gesprochen.
Dieser lange Satz taugte allerdings nicht dazu, als griffiges Zitat unsterblich zu werden. Für ein handhabbares Format sorgte 350 Jahre später der römische Politiker und Philosoph Cicero in seinem Werk "Academica", in dem er über Sokrates schreibt, dass dieser "selbst nur das eine wisse, dass er nichts weiß". Voilà, der leicht zu merkende Satz ist seitdem in der Welt. 

Der Historiker Christoph Marx hat in seinem Buch 100 berühmte Zitate und ihre überraschenden Geschichten Zitate von Philosophen, Theologen, Universalgelehrten, Königen und Kaisern, Dichtern, Musikern, Politikern und vielen anderen gesammelt, von denen wir die meisten kennen, aber oft nicht wissen, was mit ihnen ursprünglich gemeint war. Marx schlägt dabei in fünf Kapiteln chronologisch den Bogen von der Antike ab etwa 600 v. Chr. bis ins Jahr 2015 mit dem Zitat des damaligen Bundesinnenministers Thomas de Maizière: "Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern." 
"Die Bevölkerung" war nach diesen Worten erst recht verunsichert: Es ging um die kurzfristige Absage des Fußball-Länderspiels zwischen Deutschland und den Niederlanden in Hannover wegen einer Terrorwarnung - nur dreieinhalb Kilometer Luftlinie von meinem Zuhause entfernt. Der Minister wollte die Bevölkerung beruhigen, hatte mit seiner kryptischen Wortwahl aber genau das Gegenteil erreicht. Alle fragten sich, was denn nun eigentlich los ist.

Konfuser, als ich das für möglich gehalten hatte, ist die Quellenlage für den Ausspruch "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen". Wahrscheinlich würden die meisten auf die Frage nach dem Urheber "Helmut Schmidt!" sagen, aber interessanterweise ist das nicht belegt. Marx schreibt, dass sich dieses Zitat in keinem Dokument als von Schmidt stammender O-Ton findet. Auch Schmidt konnte sich nicht erinnern, wann er diesen Satz gesagt haben sollte. Forscht man nach, kommt man zu dem Ergebnis, dass er erstmals 1988 in einem österreichischen Magazin abgedruckt wurde. Die beiden Autoren des Artikels berichteten über eine Anekdote, die während eines SPÖ-Parteitags unter Delegierten kursiert habe:

  • Fischer (damaliger SPÖ-Fraktionsvorsitzender und späterer österreichischer Bundespräsident): „Die SPÖ braucht Visionen.“
  • Vranitzky: „Wer Visionen hat, braucht an Arzt.“

Entscheidend war die Einleitung: Es habe sich um einen „angeblichen Dialog“ zwischen Heinz Fischer und dem damaligen SPÖ-Parteivorsitzenden und Bundeskanzler Franz Vranitzky gehandelt. Vranitzky stritt allerdings immer ab, diesen Ausspruch je gesagt zu haben.

Lesen?

100 berühmte Zitate und ihre überraschenden Geschichten liest sich sehr interessant. Christoph Marx versteht es, seinen Leserinnen und Lesern unterhaltsam die Herkunft und (ursprüngliche) Bedeutung von Zitaten zu vermitteln. Am Ende des Buches kann man von sich sagen: Ich weiß, dass ich nichts weiß.

100 berühmte Zitate und ihre überraschenden Geschichten ist 2026 im Dudenverlag erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 24 Euro.

Dienstag, 7. April 2026

# 501 - Was bleibt von unserem Leben?

Die Genealogie, also das Erforschen unserer
Ahnenreihe, ist seit etlichen Jahren beliebt. Mithilfe von speziellen Plattformen lassen sich technisch einfach Stammbäume herstellen; für zahlende Besucher werden außerdem Services angeboten wie zum Beispiel das Verknüpfen mit Stammbäumen anderer angemeldeter Nutzer.

Doch diese Art, seinen Vorfahren nachzuspüren, hat einen Nachteil: Man erfährt deren Namen sowie Geburts- und Sterbedaten, mit etwas Glück gibt es noch ein Porträtfoto, aber was unsere Großeltern, Großtanten etc. gedacht, erlebt und erlitten haben geht aus solchen Darstellungen nicht hervor. Die Leben bleiben eindimensional.

Der Journalist Henning Sußebach ist bei der Erforschung des Lebens seiner Urgroßmutter Anna anders vorgegangen. Er hat für sein Buch Anna oder: Was von einem Leben bleibt überlieferte Erzählungen aus dem Familienkreis gesammelt, nach Dokumenten gesucht und die relevanten Ereignisse in ihren Wohnorten, Deutschland und der Welt wie eine Schablone auf das gelegt, was er über Anna Raesfeld, geborene Kalthoff, verwitwete Vogelheim in Erfahrung gebracht hatte.

Doch wie war sie denn nun, die für Sußebach unbekannte Urgroßmutter? Sie wurde 1866 geboren, hatte ab 1887 eine Stelle als Dorfschullehrerin im sauerländischen Cobbenrode, heiratete dort zwei Mal, stieg zu einer wichtigen Person des Orts auf und wurde erst spät Mutter. Für fast jeden dieser Meilensteine hat sie Konventionen gebrochen und sich über die damals noch wirkmächtigen konservativen Vorstellungen ihrer Mitmenschen hinweggesetzt. Ihr Leben endete 1932, sie starb an einer damals nicht behandelbaren Krebserkrankung. Von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod war sie Bürgerin des Königreichs Preußen, des Norddeutschen Bundes, dem Deutschen Kaiserreich und der Weimarer Republik. Vier Staaten, mehrere Währungsreformen, ein Weltkrieg, die Folgen der Industrialisierung: Manche Veränderungen kamen abgeschwächt im kleinen Cobbenrode an, andere veränderten das Leben von Grund auf. Es galt immer wieder, sich zu orientieren und das Leben neu zu ordnen.

Henning Sußebach schreibt am Anfang seines Buches über das, was von einem (nicht prominenten) Menschen nach seinem Tod bleibt: "Jeder Mensch stirbt zweimal. Sein erster Tod ist biologisch und der, den wir meinen, wenn wir vom Sterben sprechen. [...] Der zweite Tod, nennen wir ihn den sozialen, vollzieht sich anfangs ganz unmerklich. Beim Begräbnis reden noch alle über die verstorbene Person, auch in den Wochen danach ist sie in den Gedanken der Hinterbliebenen fast so präsent wie zu Lebzeiten, [...].Das Bild des verstorbenen Menschen besteht nur noch aus Bruchstücken, die von Tag zu Tag mehr mit den Gefühlen der Nachfahren zu tun haben und immer weniger mit dessen eigenem Wesen."

Das Leben von Anna Raesfeld ist kurz davor, in Vergessenheit zu geraten und nur noch eine Fußnote der Familiengeschichte zu sein, als sich der Urenkel ihr zuwendet. Irgendwann hätte niemand mehr gewusst, dass sie sieben Geschwister hatte und ihren Vater verlor, als sie zwölf Jahre alt war. Die Armut bestimmte das Leben der großen Familie, die sich nach und nach durch Heirat der Schwestern, Wegzug der Brüder und sogar Auswanderung eines Bruders in alle Winde zerstreute.

Was hat sie bewogen, Dorfschullehrerin zu werden? Hatte sie sich über die Folgen des "Lehrerinnen-Zölibats" Gedanken gemacht? Wie wurde sie als Zugezogene von der Dorfgemeinschaft aufgenommen? War sie eine gute Lehrerin? 
Diese und viele weitere Fragen, die die Lebensdaten eines Menschen erst mit Inhalt füllen, kann niemand mehr beantworten. Henning Sußebach leitet Annas Lebensgefühl anhand der wenigen Fakten, die ihm zur Verfügung stehen, her. Er räumt ein, dass seine Zuschreibungen falsch sein könnten und weist darauf hin, dass Lebensläufe immer im Kontext der damaligen Zeit bewertet werden sollten - und nicht aus dem Blickwinkel derjenigen, die hundert Jahre später leben.

Lesen?

Henning Sußebach hat die Schauplätze besucht, die in Annas Leben wichtig waren. Ihr Geburtshaus in Horn am Teutoburger Wald: abgerissen. Die Kirche, in der Anna zweimal geheiratet hat: abgerissen und durch eine neue ersetzt. Die Schule in Coppenrade, an der sie viele Jahre unterrichtet hatte: abgerissen und durch einen Parkplatz ersetzt. Das sind nur einige Beispiele für eine Vergangenheit, die nach und nach ausgelöscht wurde. Sußebach resümiert: "Das muss das Endstadium des sozialen Sterbens sein. Nach der Person selbst und nach den Erinnerungen an ihre Eigenschaften verschwinden auch die Kulissen, in denen sie lebte."

Sußebach hat es mit viel Einsatz und Empathie geschafft, seine Urgroßmutter aus den zahllosen vergessenen Biografien ihrer Zeit herauszuheben und ihr ein würdiges Andenken zu schaffen.

Anna oder: Was von einem Leben bleibt ist 2025 im Verlag C.H. Beck erschienen und kostet 23 Euro. Es enthält mehrere Fotos. 




Sonntag, 13. Juli 2025

# 481 - Miss History schreibt

Wer ein bisschen auf Social Media-Kanälen wie
Instagram, Facebook oder TikTok unterwegs ist, ist ihren Beiträgen vielleicht schon begegnet: Unter dem Namen 'Miss History' stellt Melina Hoischen interessante historische Ereignisse vor. Das tut sie in mittelalterlich anmutenden Gewändern und spricht dabei ihr Publikum stilecht mit "Edeldamen und Edelherren, seid gegrüßt zu Eurem täglichen Geschichtswissen" an. Ich kenne sie von Instagram, wo ihr 326.000 Menschen folgen.

In ihrem Buch Mystery mit Miss History hat sie aus ihrem mittlerweile großen Themenfundus zwölf historische Begebenheiten ausgewählt, die so rätselhaft sind, dass sie nicht nur die Menschen ihrer Zeit beschäftigt haben, sondern auch Kriminologen, Theologen, Ingenieure oder Historiker bis heute nicht zur Ruhe kommen lassen.

Melina Hoischen versucht den Rätseln, soweit es mit dem verfügbaren Material möglich ist, auf den Grund zu gehen. Sie widmet sich unter anderem ausführlich den 4.500 Jahre alten Pyramiden von Gizeh, der geheimnisumwobenen Legende von El Dorado oder den steinernen Moai-Statuen, die angeblich über die Osterinsel wandern. Welche Erklärungen gibt es für die rätselhaften Phänomene? Gibt es wissenschaftliche Beweise zum Beispiel für die Existenz von Päpstin Johanna im 9. Jahrhundert? Kann es sein, dass das legendäre Bernsteinzimmer noch existiert? Was hat es mit dem "Zodiac-Killer" auf sich, der Ende der 1960-er Jahre im kalifornischen Napa-Valley die Bürgerinnen und Bürger in Angst und Schrecken versetzte? Und warum und wo ist die Boeing 777 mit der Flugnummer MH 370 auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking abgestürzt?

Die Autorin und Moderatorin schreibt in einem lockeren, manchmal auch flapsigen Stil. Jedes Ereignis wird verständlich erklärt, es sind keine Vorkenntnisse nötig, um ihr zu folgen. Sie greift Beweise und Gegenbeweise auf und erläutert sie gut nachvollziehbar.
Hoischen hat ihrem Buch (E-Book) fünfzig Seiten Fußnoten und Anmerkungen beigefügt, der Tonfall ist aber nicht so sachlich und nüchtern, wie man ihn von den meisten Sachbüchern kennt. Sie hat neben dem Informations- auch auf den Unterhaltungswert Wert gelegt. Beides ist ihr gelungen.

Lesen?

Mystery mit Miss History greift spannende und bekannte Rätsel der Weltgeschichte auf, über die immer wieder in unregelmäßigen Abständen in den Medien berichtet wird - dann, wenn es (angeblich) neue Erkenntnisse gibt. Das ist interessant und haucht den geschichtlichen Ereignissen, die man in der Schule vielleicht mit einem unterdrückten Gähnen verfolgte, Leben ein.

Hoischers Schreibstil hat mich nicht durchgehend begeistert: zu viele Ausrufungszeichen, zu viele "..." bei etwas Geheimnisvollem oder Unerklärlichem und ab und zu eingestreute Emojis. Aber das ist Geschmackssache und hält mich nicht davon ab, das Buch als Lektüre zu empfehlen.

Mystery mit Miss History ist 2025 bei Knaur erschienen und kostet als gebundenes Buch 18,99 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.


Montag, 5. Mai 2025

# 473 - Habemus Papam: Der Papst ist tot, es lebe der Papst

Am Ostermontag verstarb Papst Franziskus, am 7. Mai
2025 wird das Konklave für seinen Nachfolger beginnen. 133 von 135 wahlberechtigten Kardinälen werden im Vatikan abgeschirmt vor den Augen der Welt aus ihren Reihen einen neuen Papst wählen. Stimmberechtigt sind nur unter 80-jährige Kardinäle, die sich für die Wahl in der Sixtinischen Kapelle versammeln. Sobald der Zeremonienmeister die Aufforderung "Extra omnes" ("Alle hinaus") ausspricht, müssen alle Nicht-Wähler den Raum verlassen. 
Nach jedem Wahlgang werden die Stimmzettel verbrannt: Steigt schwarzer Rauch aus dem eigens zu diesem Anlass montierten Schornstein der Sixtinischen Kapelle auf, ist keine Entscheidung gefallen. Ist jedoch weißer Rauch zu sehen, haben sich zwei Drittel der Wähler für einen Kandidaten entschieden, der anschließend der neue Papst sein wird. Was während des Konklaves passiert, unterliegt strengster Geheimhaltung. Verstößt ein Kardinal gegen dieses Gebot, droht ihm die Exkommunikation.

Diese Regeln werden durch weitere ergänzt, die keineswegs immer gleich waren. Die Anfänge der Papstwahlen, deren Verläufe, die politischen Hintergründe sowie die sich verändernde Rolle der Päpste schildert der Vatikanexperte Stefan von Kempis in seinem neuesten Buch Weißer Rauch und falsche Mönche - Eine andere Geschichte der Papstwahl.

Bei der Papstwahl ging es oft wenig zimperlich zu. Ab dem 3. Jahrhundert kommt es immer wieder zur Wahl von Päpsten und Gegenpäpsten, eine 'Tradition', die sich bis ins 15. Jahrhundert fortsetzte.
Wer sich eine Papstwahl als ehrenwerte Veranstaltung vorstellt, aus der nur der geeignetste Kardinal als Papst hervorgeht, weiß nach der Lektüre dieses Buches mehr: Im 6. bis 8. Jahrhundert wird Papst, "wer politischen Rückhalt genießt, wer Milizen hinter sich hat, die ihm auf den Straßen Roms Respekt verschaffen, oder wer über genügend Geld verfügt, um sich Stimmen zusammenzukaufen". Damals war das Amt stark politisch geprägt. Kein Wunder, dass da viele Leute außerhalb der Kirche ihre Finger im Spiel hatten. Auch das wiederholt sich bis in das 14. Jahrhundert hinein.
Gustav Piffl war Erzbischof von Wien und nahm 1914 und 1922 an den Konklaven teil. Nach seinem Tod 1932 wurden seine Tagebücher gegen seinen ausdrücklichen Wunsch 1963 in einer belgischen Tageszeitung abgedruckt. Aus den Aufzeichnungen geht hervor, dass hinter den Kulissen mit Methoden um das Papstamt gekämpft wurde, die sich mit dem christlichen Wertekanon eher nicht in Einklang bringen lassen.

Stefan von Kempis rollt das Papstamt von Beginn an vor seinen Leserinnen und Lesern aus. Er stellt zum Beispiel die berechtigte Frage, warum ausgerechnet der wankelmütige und unzuverlässige Apostel Petrus für die katholische Christenheit der Ausgangspunkt für das Papstamt ist, das seinetwegen auch als Petrusamt bezeichnet wird. Petrus gründete zwar die erste christliche Gemeinde in Jerusalem, aber er war nun mal auch derjenige, der Jesus drei Mal verleugnete.
Auch die Frage, warum ausgerechnet Rom der Mittelpunkt der katholischen Kirche wurde, wird von dem bei Vatican News tätigen Journalisten beantwortet.
Interessant ist auch, dass Wahlmodi, um die heute immer wieder kontrovers diskutiert wird, zu Zeiten der ersten Päpste selbstverständlich praktiziert wurden. Das trifft insbesondere auf die ersten Jahrhunderte der Papstwahlen zu, in denen Laien an der Wahl beteiligt waren. Am deutlichsten geht das aus der Kirchenordnung Traditio Apostolica aus dem beginnenden 3. Jahrhundert hervor, die vorschreibt, dass der Bischof von Rom vom ganzen Volk gewählt wird.
Stefan von Kempis hat bis ins 16. Jahrhundert hinein achtzehn unterschiedliche Arten der Papstwahl gezählt.

Lesen?

In Weißer Rauch und falsche Mönche - Eine andere Geschichte der Papstwahl erzählt Stefan von Kempis in einem unterhaltsamen Plauderton die Geschichte des Papsttums, sodass das Buch trotz der manchmal verwirrenden Namensvielfalt immer interessant ist. Er schreckt auch nicht vor der Schilderung von unappetitlichen Ereignissen wie beispielsweise der sog. Leichensynode von 897 zurück: Um die Entscheidungen von Papst Formosus rückgängig zu machen, wird dessen Leichnam exhumiert und zum Zentrum einer schaurigen Inszenierung gemacht. Römische Kleriker und Bischöfe erklären den Toten für von vornherein unwürdig, das Papstamt zu bekleiden, und untermalen dies mit symbolischen Handlungen. An dieser Stelle wird der Vorgang so unappetitlich, dass ich auf die Fortsetzung der Schilderung verzichte.

Und was hat es mit den falschen Mönchen auf sich, von denen im Untertitel des Buches die Rede ist? Sie streifen 1559 während des mit 113 Tagen längsten Konklaves des 16. Jahrhunderts durch Roms Straßen und stiften mit dem Predigen von protestantischen Inhalten Verwirrung und Unruhe. Sie gab es tatsächlich.
Papst Pius IX., dem der Kirchenstaat verloren gegangen war, sorgte sich um die Zukunft des Papsttums und erließ eine große Zahl von angstbesetzten Konklave-Verordnungen. Er hielt es für möglich, dass sich Anhänger des Revolutionärs Garibaldi als Mönche verkleidet ins Konklave schmuggeln und dort Unruhe verbreiten könnten. Sie sind die eingebildeten falschen Mönche.

Einige Kardinäle, die an der kommenden Papstwahl teilnehmen werden, geben der Presse bereits ihre Einschätzung zur wahrscheinlichen Dauer des Konklave. Wie die Geschichte zeigt, kann das jedoch eine sehr schnelle, aber auch zähe Angelegenheit werden: Zwischen drei Stunden (1503) und 1005 Tagen (ab November 1268) war bisher alles möglich.

Weißer Rauch und falsche Mönche - Eine andere Geschichte der Papstwahl ist 2025 im Herder Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 25 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.

Sonntag, 26. Januar 2025

# 464 - Vom Heidedichter bis zur Schäferromantik mit Fehlern

2014. Jannes Kohlmeyer ist neunzehn Jahre alt und
lebt mit seinen Eltern und seinem Großvater auf einem alten renovierungsbedürftigen Hof in der Lüneburger Heide, einer Landschaft zwischen Hannover und Hamburg. Wie schon Generationen vor ihm ist er Schäfer, während seine ältere Schwester dieses Leben nicht wollte und nach Frankfurt gezogen ist.

Die Heide: Das ist Stille, Nebel und Einsamkeit im Winter und lila blühende Heideflächen und Touristenströme im Sommer. Ohne die Touristen geht wirtschaftlich schon lange nichts mehr, so nervtötend sie manchmal auch sind. Die Ruhe wird vor allem von den Detonationsgeräuschen unterbrochen, die vom Testgelände des Waffenherstellers Rheinmetall in Unterlüß stammen und das Sinnbild für den Roman Von Norden rollt ein Donner von Markus Thielemann sind. Das nahe Munster ist mit seinen Kasernen der viertgrößte Standort der Bundeswehr und trägt zu einer sehr speziellen Atmosphäre bei. Dazwischen ist der Luftwaffenstützpunkt Faßberg, der Ort verdankt seine Entstehung den Nationalsozialisten. Der Schäferhof der Kohlmeyers liegt zwischen Unterlüß und Faßberg.

Auf den ersten Blick versinkt das Leben der Familie im stetigen Einerlei, das sich nur den Jahreszeiten anpasst. Aber schleichend bahnen sich Veränderungen an, die Jannes nicht beeinflussen kann: Seine im Pflegeheim wohnende demente Oma baut stetig ab und redet in Fragmenten immer wieder über ein Ereignis, was von ihrem Mann abgewiegelt und von Jannes' Mutter mit Unverständnis kommentiert wird. 
Jannes' Stiefvater Friedrich ist augenscheinlich ebenfalls auf dem Weg, dement zu werden und versucht diesen Zustand zu kaschieren, indem er sich mit vollem Eifer einem neuen Thema widmet: Seit einiger Zeit gibt es in der Heide angeblich wieder Wolfsichtungen und Risse. Die Gegend um den Kohlmeyerschen Hof ist nicht betroffen, aber man kann ja nie wissen...

Das Vertrauen der Landbevölkerung in die Lokal- und Landespolitiker ist bei nahe null, deshalb entsteht der Plan, das Wolf-Problem selbst in die Hand zu nehmen. Das Repertoire reicht dabei von Mahnfeuern bis zur Überlegung, den heimischen Waffenschrank zu öffnen. Bei den Aktionen sind vor allem Friedrich und der neue Nachbar Karl Röder ganz vorn mit dabei. Wie nebenbei fällt Jannes das seltsame Verhalten und die Lebensart der Familie Röder auf, beides lässt sich am besten mit "völkisch" umschreiben. Friedrich blendet das allerdings aus.

Jannes Großvater lebt nicht nur auf, wenn es um die vermeintliche  Gefahr durch Wölfe geht, die seiner Meinung nach nicht auf die Heide gehören, sondern auch beim Erzählen von alten Geschichten. Am liebsten ist ihm die Erinnerung an seine Heldentat: Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hat er einen Wolf erschossen und die Heide von diesem Räuber befreit. Aber stimmt das überhaupt? Jannes, der bislang jeden Tag nahm, wie er kam, wird aus mehreren Gründen hellhörig: Seine Oma erwähnt in ihren verwirrten Gedanken den Namen einer Frau, von der niemand sonst in der Familie etwas gehört haben will, und Jannes erscheint mehrmals eine verwahrloste Frau so authentisch, dass er beginnt, an seinem eigenen Verstand zu zweifeln. Gibt es ein Familiengeheimnis, das mit dem nahen KZ Bergen-Belsen und dessen Außenstelle Tannenberg in Altensothrieth zusammenhängt?

Lesen?

Von Norden rollt ein Donner ist ein Roman voller Metaphern und das Gegenteil der typischen Heimat-Romane, die eine Region idyllisch und oft verkitscht präsentieren. Hier geht es um menschliche Abgründe, politische Entwicklungen und lange gehütete Geheimnisse, die ans Licht kommen. Der Schönheit der Heidelandschaft tut das keinen Abbruch, und der im Buch vielzitierte und immer noch von vielen bewunderte Heideschriftsteller Hermann Löns wird in die Ecke gestellt, in die er gehört: weg von der verschrobenen Heimatromantik und hin zu der Erkenntnis, dass es sich bei ihm um einen Rassisten gehandelt hat.

Markus Thielemann arbeitet eindrucksvoll die Konflikte und Verwerfungen heraus, die sich in der Gesellschaft und in der Familie Kohlmeyer abzeichnen, ohne seine Leserinnen und Leser zu belehren. Ich konnte jedoch mit Jannes' Visionen wenig anfangen, die für mich so wirkten, als habe Thielemann ein Vehikel gebraucht, um eine Brücke in die Vergangenheit zu schlagen. 
Das Auftauchen von Familie Röder, die der damals noch jungen AfD nahesteht, wird nicht weiter vertieft und wirkt leider wie ein loses Ende. 
Unverständlich war, dass ausgerechnet der unter einer beginnenden Demenz leidende Friedrich das stärkste Engagement im Kampf gegen den Wolf gezeigt hat. Dadurch wurden Friedrichs Sorgen herabgesetzt, da zumindest seine Familie ihn immer weniger ernst genommen hat.

Diese Kritik beeinträchtigt den Gesamteindruck jedoch nicht in dem Maße, dass ich den Roman nicht empfehlen würde. Von Norden rollt ein Donner ist ein lesenswerter Roman, der nachdenklich macht.

Das Buch wurde 2024 im Verlag C. H. Beck veröffentlicht und kostet 23 Euro. Von Norden rollt ein Donner stand 2024 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Sonntag, 11. August 2024

# 447 - Jeder erzeugt ihn, aber keiner will etwas mit ihm zu tun haben: Müll

Wir haben alle diese Bilder vor Augen: indische Kinder,
die auf riesigen Müllhalden nach etwas Verwertbarem suchen oder Müllteppiche aus Plastik, die auf den Weltmeeren treiben. Mit dem Beginn der diesjährigen Urlaubssaison machten Meldungen von Touristen die Runde, die in der Hoffnung auf einen gelungenen Strandurlaub nach Bali reisten und anstelle einer Postkartenidylle Müllteppiche entlang von Flüssen und Stränden vorfanden. Ist die Entstehung und Entsorgung von Müll also ein Problem unserer modernen Gesellschaft?

Wer Roman Kösters Monographie Müll - Eine schmutzige Geschichte der Menschheit liest lernt, dass die Entstehung sowie die Entsorgung oder Verwertung von Abfall ein fester Bestandteil der Menschheitsgeschichte sind. Der Historiker geht das Thema chronologisch an, beschränkt sich jedoch nicht auf Europa, sondern betrachtet den Umgang mit Müll auch global. In seiner Einleitung weist Köster auf die immense Bedeutung des Müllproblems hin und nennt Zahlen: Nach Schätzungen der Weltbank fielen 2016 weltweit 2,01 Milliarden Tonnen Hausmüll an - industrieller Müll ist hier also noch gar nicht enthalten. Wird hier nicht konsequent eingegriffen, wird Prognosen zufolge die Hausmüllmenge im Jahr 2050 bereits bei 3,4 Milliarden Tonnen liegen. Seit 50 Jahren versuchen Umweltpolitiker, diese gewaltige Müllmenge zu reduzieren. Der Erfolg ihrer Bemühungen ist nicht wahrnehmbar.

Doch wann wird eine Sache zu Müll? Schon in dem Moment, in dem wir sie wegwerfen, oder erst dann, wenn ihr tatsächlich kein Wert mehr beigemessen wird? Hier kommt man am Recycling nicht vorbei. Schon vormoderne Gesellschaften haben Wiederverwertung von Dingen betrieben, die andere nicht mehr gebrauchen konnten: tierische und menschliche Fäkalien wurden als Dünger verwendet, getragene Kleidung wurde je nach Güte weiterverkauft oder für die Papierherstellung gebraucht, defekte metallene Gebrauchsgegenstände wurden repariert oder zu einem anderen Gegenstand umgearbeitet. Allerdings waren die Motive für diese Art des Recyclings andere als heute: Damals lebten auch in Europa viele Menschen in einer sie täglich existenziell bedrohenden Armut, die sie zum sparsamen Umgang mit Ressourcen zwang. Außerdem sorgte die Sammlung von Müll dafür, dass sich Menschen ein bescheidenes Auskommen sichern konnten. 

Köster erläutert, dass die Problematik der Müllentsorgung mit dem Beginn der Sesshaftigkeit der Menschheit vorwiegend Städte betraf. Schon die Maya kannten Mülldeponien, und in Troja hat es bereits im 5. Jahrhundert v. Chr. eine Straßenreinigung und eine Mülldeponie gegeben. Je mehr sich eine Stadt ausdehnte, umso schwieriger wurde es, für ein Mindestmaß an Stadthygiene zu sorgen: Müllhalden, die zuvor noch am Stadtrand lagen, befanden sich nun im bebauten Gebiet und beeinträchtigten die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger. Das galt ebenso für schmutzige Gewerbe wie Gerbereien oder Schlachtereien.

Seit den 1960-er Jahren wird ein großer Teil des Mülls in Verbrennungsanlagen vernichtet. Obwohl diese Anlagen mit immer besseren Filtern ausgestattet werden, ist bis heute unklar, welche bisher unbekannten Schadstoffpartikel die Schornsteine verlassen und Umwelt und Menschen schädigen. 

Den Beginn des Massenkonsums und damit drastischen Anstiegs der Müllmengen verortet Roman Köster nach dem Zweiten Weltkrieg: Der Trend zum Einkauf in Supermärkten und im Versandhandel machte neue Verpackungsformen und -mengen in einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß nötig.

Sogar der Beginn der Vermüllung der Meere mit Plastikabfällen lässt sich relativ genau bestimmen: Köster erzählt, dass die beiden Schriftsteller Thomas Mann und Aldous Huxley 1938 am Strand von Santa Monica spazieren gingen. Dort entdeckten sie eine große Menge von kleinen weißen Würmern. Bei näherem Hinsehen stellten sie fest, dass es sich um benutzte Kondome handelte, die durch die Abflussrohre von Los Angeles an den Strand gespült worden waren.
Mittlerweile sind fünf Müllteppiche ("Great Pacific Garbage Patches") bekannt, die sich im Atlantischen, Pazifischen und Indischen Ozean befinden. Sie sind durch Meeresströmungen entstanden, der größte ist dreimal so groß wie Frankreich.

Lesen?

Müll - Eine schmutzige Geschichte der Menschheit vermittelt durch seine umfassende Darstellung der Müllgeschichte und -problematik, wie dringend die globale Müllmenge verringert werden muss.

In seinem Epilog geht Roman Köster auf die Frage ein, wie eine erfolgreiche Müllreduzierung aussehen könnte. Spoiler: Die Erziehung der Verbraucher zur Müllvermeidung führt zu einem so geringen Effekt, dass nur mit ihr das Problem nicht gelöst werden kann.

Müll - Eine schmutzige Geschichte der Menschheit wurde für den Deutschen Sachbuchpreis 2024 nominiert und ist ein aufschlussreiches Sachbuch, das nicht nur eindringlich, sondern auch sehr gut verständlich die Müllproblematik erläutert.

Müll - Eine schmutzige Geschichte der Menschheit ist 2023 im Verlag C.H.Beck oHG erschienen und kostet gebunden 29 Euro sowie als E-Book 22,99 Euro.

Sonntag, 28. Januar 2024

# 424 - Reinhold Beckmann: Zwei Kriege löschten beinahe seine Familie aus

Reinhold Beckmann ist der breiten Öffentlichkeit vor
allem als TV-Moderator und Fußballkommentator bekannt. In großen Abständen veröffentlicht er jedoch auch Bücher, die sich mit dem Blick in die Vergangenheit beschäftigen. In seinen Titeln Zufall? und Erzähl doch mal von früher - Loki Schmidt im Gespräch mit Reinhold Beckmann ging es immer um die Leben bekannter Persönlichkeiten, die mit seinem eigenen nichts zu tun hatten.

Das ist mit seinem neuesten Buch Aenne und ihre Brüder: Die Geschichte meiner Mutter völlig anders. Beckmann erzählt die Lebensgeschichte seiner Mutter, die 2019 im Alter von 98 Jahren verstarb. Ihr Leben war geprägt durch Entbehrungen, Krankheiten und Todesfälle, die im Zusammenhang mit den beiden Weltkriegen standen.

Der Zwillingsbruder ihres Vater litt seit seiner Rückkehr aus dem 1. Weltkrieg, wo er gemeinsam mit Aennes Vater im Stellungskrieg gegen Frankreich an der Front gewesen war, an einem hartnäckigen Husten. Als Aenne am 1. August 1921 in Wellingholzhausen, heute ein Ortsteil von Melle in Niedersachsen, als Schwester von drei Brüdern geboren wurde, besuchte der stolze Onkel seine Schwägerin und seine Nichte. 

Unwissentlich steckte Aennes Onkel sie und ihre Mutter mit Tuberkulose an, an der er kurz darauf verstarb. Nur knapp acht Wochen später war auch die Mutter tot. Aenne überlebte die Krankheit knapp. Beide Todesfälle stehen in einem Zusammenhang zum Weltkrieg.

Mit fünf Jahren wurde Aenne zur Vollwaise. Sie wird drei Brüder, eine Halbschwester sowie einen Stiefbruder haben. Alle vier Brüder kommen im 2. Weltkrieg ums Leben. Reinhold Beckmann spürt seinen Onkeln, die starben, bevor sie ihre eigenen Träume leben konnten, mithilfe von Feldpostbriefen nach, die ihm seine Mutter kurz vor ihrem Tod übergeben hatte. In ihnen spiegelt sich das ganze Elend im Leben der Frontsoldaten wider. Der Jüngste, Stiefbruder Willi, wird kurz nach seinem siebzehnten Geburtstag zum Volkssturm, dem letzten Aufgebot, das den "Endsieg" bringen soll, eingezogen.

Reinhold Beckmann bettet die Geschichte der durch die Weltkriege so sehr strapazierten Familie inhaltlich in drei Teile ein: Da sind die Brüder mit ihrer Angst vor dem Tod und der immerwährenden Hoffnung, dass alles doch noch ein gutes Ende nimmt; da ist Aennes Leben in Wellingholzhausen und ihren Arbeitsstellen in der näheren Umgebung, einschließlich der Schilderung, wie sich die dortige Bevölkerung und insbesondere die Repräsentanten der katholischen Kirche angesichts der wachsenden Bedrohung durch Nationalsozialismus und Krieg verhalten haben; und schließlich ist da Beckmanns Beschreibung der historischen politischen Ereignisse und Kriegsverläufe, mit denen er seine Familiengeschichte einrahmt.

Lesen?

Es gibt viele Familien wie die Beckmanns, in denen eine ganze Generation von Söhnen ausgelöscht wurde, weil der "Führer" auf Gedeih und Verderb sein Ziel von einer Weltmacht Deutschland durchsetzen wollte. In einer Kultur des Schweigens haben allerdings viele Nachfahren nur wenig Wissen über die näheren Umstände, unter denen man im "Dritten Reich" lebte. Das Thema totzuschweigen, war viel zu oft die Regel. Beckmanns Buch lässt das Schicksal seiner Angehörigen nah an die Leserinnen und Leser heranrücken und macht es begreifbar. Durch das wörtliche Zitieren der Feldpostbriefe der drei ältesten Brüder wird es noch authentischer. Kurz: Lest es.

Aenne und ihre Brüder: Die Geschichte meiner Mutter ist 2023 im Propyläen Verlag erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 26 Euro sowie als E-Book 21,99 Euro.



Sonntag, 25. Juni 2023

# 398 - Der Fassadenkletterer - eine deutsch-polnische Geschichte

Mona ist Schwester, Mutter einer erwachsenen Tochter
und Tochter eines Vaters, über dessen Vergangenheit sie kaum etwas weiß - und steht sich zu oft selbst im Weg. Der Kontakt zu Bruder Richard ist schwierig, Tochter Alisa ist von ihrer Mutter und deren Sprunghaftigkeit und Unzuverlässigkeit überwiegend genervt. Einen Partner hat Mona nicht; ihre Beziehungen zu Männern beginnen euphorisch und versickern dann. Man kann vermuten, dass Mona Angst vor zu engen Bindungen hat.

Das Leben der Drei könnte in den gewohnten Bahnen und Konstellationen weitergehen, aber dann klingelt eines Tages Monas Telefon. Am anderen Ende der Leitung ist Piotr, der Sohn von Dariusz, des früher besten Freunds ihres verstorbenen Vaters Martin, aus Poznań (früher: Posen). Piotr hat im Nachlass seines Vaters Briefe gefunden, die sie, Mona, sicher interessieren würden. Mona ist sofort Feuer und Flamme und beschließt, nach Poznań zu reisen und sich vor Ort ein Bild zu machen. Sie überredet Richard und Alisa, sie zu begleiten, und gemeinsam Nachforschungen in Polen anzustellen. Dass sich die Wege der Drei schon bald nach ihrer Ankunft trennen werden, ahnen sie nicht. In Der Fassadenkletterer schickt Angela Schmidt-Bernhardt ein ungleiches Trio nach Polen und damit in ein Land, über das viele Deutsche trotz der direkten Nachbarschaft sehr wenig wissen.

Die gemeinsam begonnene Reise in die Vergangenheit bringt nicht nur Licht in das Leben, das Martin vor seiner Auswanderung von Poznań nach Deutschland geführt hat, sondern bringt sie auch einem Stück polnischer Geschichte näher: Im Juni 1956 kam es zum Posener Arbeiteraufstand, an dem 100.000 Menschen teilnahmen und in dessen Verlauf die polnische Armee auf die eigenen Bürger schoss. Fast 60 Menschen starben, etwa 600 wurden verletzt. Dieser Aufstand hatte zahlreiche Parallelen zum Volksaufstand in der DDR und Ost-Berlin am 17. Juni 1953, über ihn ist außerhalb Polens jedoch kaum etwas bekannt. Martin und Dariusz waren damals mitten drin, aber auch Martins Schwester Hanka und Dariusz' Schwester Małgorzata.

Lesen?

Angela Schmidt-Bernhardt hat in ihrem Roman die Fragen gestellt, die viele von uns beschäftigen: Woher komme ich? Wie wurde meine Familie so, wie ich sie kenne? Und letztlich: Wie beeinflusst es mein Leben, wenn ich Dinge über einen geliebten Menschen erfahre, die dunkle Schatten auf meine Erinnerungen an ihn werfen? Der Fassadenkletterer ist ein Roman über Familie, Liebe, Freundschaft, Zusammenhalt und die Probleme, die es damit geben kann. Und natürlich über polnische Geschichte. Schmidt-Bernhardt hat daraus einen sehr lesenswerten Roman gemacht, an dessen Ende ein neuer Anfang steht.

Der Fassadenkletterer ist 2023 im Anthea Verlag Berlin erschienen und kostet als Klappenbroschur 22,90 Euro.




Freitag, 3. März 2023

# 383 - Ein Roman, der ein Jahrhundert ukrainischer Geschichte erzählt

Lisa Weeda wurde in den Niederlanden geboren und
hatte sich lange nicht mit der Geschichte ihrer Familie beschäftigt. Sie wusste, dass ihre Großmutter Aleksandra aus der Ukraine stammte, im Zweiten Weltkrieg 1942 als Zwangsarbeiterin nach Deutschland kam, später in den Niederlanden geheiratet hatte und dort geblieben war. Erst vor einigen Jahren begann sich die Autorin für ihre Familiengeschichte bis zurück zu ihrem Urgroßvater zu interessieren - eine Geschichte, die sich in der Ostukraine, Russland, Deutschland und den Niederlanden abspielte. Sie erfuhr, dass sie von Donkosaken abstammte, die sich bereits im 15. Jahrhundert zusammenschlossen.

In ihrem Debütroman Aleksandra lässt Weeda mit einer Mischung aus Fiktion und realen Begebenheiten ihre Ich-Erzählerin Lisa im Jahr 2018 nach Lugansk reisen. Ihre Großmutter Aleksandra hatte sie beauftragt, das Grab ihres Neffen Kolja zu suchen, der drei Jahre zuvor verschwunden war. Die Erzählerin hat etwas Besonderes im Gepäck: ein Sticktuch, auf dem mit schwarzem und rotem Faden die Lebenslinien der einzelnen Familienmitglieder nachempfunden waren. Die roten Linien stehen für das Leben, die schwarzen für den Tod. Dieses Tuch soll auf Koljas Grab gelegt werden, da Aleksandra fühlt, dass dieser sonst keine Ruhe findet.

Am Grenzübergang von der Ukraine zur sog. Volksrepublik Lugansk, die 2014 völkerrechtswidrig von Russland annektiert wurde, scheitert Lisa am Wachsoldaten, der sie partout nicht passieren lassen will. In einem günstigen Moment rennt sie in ein Getreidefeld, um ihr Ziel zu erreichen und den Wunsch der Großmutter zu erfüllen. Als sie stolpert, fällt sie auf die Stufen eines plötzlich auftauchenden Palasts mit gigantischen Ausmaßen und trifft dort auf ihren schon lange verstorbenen Urgroßvater Nikolaj, der sie durch die zahllosen hohen Räume des Gebäudes führt. 

Dieser "Palast der verlorenen Donkosaken" erinnert an Josef Stalins hochfliegende Pläne aus den 1930-er Jahren, in Moskau einen "Palast der Sowjets" zu bauen, der mit einer Höhe von 415 Metern alle Gebäude auf der Welt überragen und von der Großartigkeit der Sowjetunion überzeugen sollte. 

Nikolaj zeigt seiner Urenkelin etliche Palasträume und leitet sie auf diese Weise durch die kollektiven Erinnerungen der Familie sowie die Historie der Ukraine und Russlands. Die Zeit unter Stalin, als Nikolaj und seine Frau Anna wie viele andere Bauern ihre Ernte hergeben mussten und später sogar enteignet wurden, die Qualen des Holodomors Anfang der 1930-er Jahre oder der Einmarsch der Nationalsozialisten in die Ukraine waren nur einige der prägenden Ereignisse, die die Familie vor schwere Prüfungen stellte und auseinander riss.
Diese so verpackten Begebenheiten verknüpft Lisa Weeda mit den Erzählungen ihrer Großmutter und dem, was im Zusammenhang mit der Annexion der Volksrepublik Lugansk, in deren Wirren Kolja verschwand, passierte.

Lesen?

Aleksandra ist ein vielschichtiger Roman, der seine Leser und Leserinnen auf fast jeder Seite mit historischen Informationen versorgt. Lisa Weeda hat eindrucksvoll dargestellt, wie sehr Menschen durch politische Entscheidungen hin und her geworfen werden können wie Laub im Wind, ohne eine Chance zu haben, ihre Lage aktiv zu verbessern. 

Lisa Weede hat der Handlung erfreulicherweise einen Familienstammbaum vorangestellt, der sich über fünf Generationen erstreckt. Das ist sehr hilfreich, um sich zurechtzufinden, da einzelne Vornamen in mehreren Generationen vorkommen, was ziemlich verwirrend sein kann.

Der im Roman verwendete Leitspruch der Donkosaken spiegelt wider, wie die Ukrainer mit den Angriffen Russlands umgehen: "Wir sterben lieber frei als versklavt" macht deutlich, dass Aufgeben die letzte Option ist.

Lisa Weeda hat acht Jahre an ihrem Buch geschrieben. Aufgrund der Faktenfülle wäre mir sehr recht gewesen, wenn sie sich nicht auf rund 280 Seiten beschränkt, sondern der gesamten Darstellung mehr Raum gelassen hätte.

Aleksandra war 2022 in den Niederlanden ein großer Publikumserfolg und wurde mit De Bronzen Uil, dem Preis für das beste niederländisch-sprachige Debüt, ausgezeichnet und stand auf der Shortlist des niederländischen Libris-Literaturpreises.

Der Roman erschien am 24. Februar 2023 zum ersten Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine im Kanon Verlag und kostet 25 Euro.

Freitag, 10. Februar 2023

# 381 - Eine Jugend auf Mallorca während der Franco-Diktatur

José Carlos Llop ist der wichtigste zeitgenössische
Schriftsteller Mallorcas. Sein Buch Der Bericht 'Guillermo Stein' erschien in Spanien bereits 1995 unter dem Titel El informe Stein und wurde 2008 mit dem Prix Ecureuil de Littérature Etrangère für den besten in Spanien veröffentlichten Roman ausgezeichnet. Und das, obwohl es sich um einen Titel mit nur rund 90 Seiten handelt. Was macht das Buch so besonders?

Der Kurzroman spielt im Sommer 1968 in Palma de Mallorca. Der Erzähler Pablo Ridorsa ist Schüler im Jesuitenkolleg. Spanien hat bewegte Jahrzehnte hinter sich: Die Ausrufung der 2. Republik, die Kirchenverfolgung durch die neue Verfassung, die Folgen des Spanischen Bürgerkriegs sowie die Diktatur unter General Franco wirken sich auch auf das Leben auf Mallorca aus. Doch man spricht nicht gern über die Vergangenheit und verdrängt die Flecken auf der weißen Weste seiner nächsten Angehörigen.

Der Sommer 1968 ist einer der regenreichsten der Insel. Mitten im Schuljahr taucht plötzlich ein neuer Schüler im Kolleg auf: Guillermo Stein. An ihm ist alles seltsam und geheimnisvoll, und Stein selbst tut nichts, um diesen Eindruck zu entkräften. Im Gegenteil: Er erzählt von seinem Vater, der Kontakt zu einflussreichen Faschisten hatte, trägt buntere Kleidung als die anderen und fährt auch im strömenden Regen mit dem Fahrrad zum Unterricht - als Einziger und mit einem auffälligen roten Regenmantel. Außerdem tritt er so auf, als ginge ihn alles um ihn herum gar nichts an. Die Neugier der anderen Jungen ist geweckt und es entsteht der Plan, möglichst viel über Stein herauszufinden und in einem Bericht zusammenzufassen.

Ridorsa, der bei seinen Großeltern aufwächst, freundet sich mit Stein an. Bei einem Besuch in Steins Zuhause fällt ihm der große Unterschied zum Haus der Großeltern auf: Während Stein im damals vornehmen Viertel El Terreno wohnt, haben Ridorsas Großeltern ihr Quartier innerhalb der Stadtmauern noch nie verlassen. Ridorsa registriert, dass die beiden alten Leute auf den Namen Stein angespannt reagieren und spürt, dass Steins Anwesenheit etwas ins Rollen bringt. Und tatsächlich kommen am Ende des Buches einige Wahrheiten ans Licht, die für etliche emotionale Erschütterungen sorgen - und Ridorsa begreifen lassen, warum sich seine Eltern nicht mehr auf Mallorca sehen lassen.

Lesen?

Der Bericht 'Guillermo Stein' ist mir auf der Frankfurter Buchmesse 2022 aufgefallen, als der Ehrengast Spanien zahlreiche deutsche Übersetzungen spanischer Bücher vorgestellt hat. José Carlos Llop verwebt in seinem Roman die fiktiven Ereignisse in einem Jesuitenkolleg in Palma mit der Geschichte Spaniens im 20. Jahrhundert. 

Die zunächst noch eher kindliche Neugier der Jungen gegenüber ihrem neuen mysteriösen Mitschüler verändert sich in dem Moment, als aus Gerüchten und Vermutungen Wahrheiten werden und sie von den Verfehlungen ihrer nächsten Verwandten erfahren: Denunzierungen und Verrat taugen nun mal nicht für Heldenerzählungen. 

Ridorsa wird zum ersten Mal mit seiner erwachenden Männlichkeit konfrontiert und verliebt sich. Und sein geheimnisvoller Freund, der schon bald wieder abreist, hat die letzten Jahre seines Lebens vor sich. 

Der Bericht 'Guillermo Stein' ist ein interessanter Blick in spanische Verhältnisse in den 1960-er Jahren und es lohnt sich, das ein oder andere, was uns aus der Landesgeschichte nicht bekannt ist, nachzulesen.

Der Roman ist 2022 im Kupido Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 18,80 Euro.


Dienstag, 31. Januar 2023

# 379 - Vier Generationen auf der Flucht - eine wahre Familiengeschichte

Inge Ruth Marcus' Familiengeschichte ist
außergewöhnlich. So außergewöhnlich, dass sie von der Autorin mit ihrem biografischen Roman Glut im Eis erzählt werden musste. Einen ersten Hinweis darauf gibt schon ihr Geburtsort: Hsinking in Mandschukuo. 1941 kam sie dort zur Welt, in einem nur dreizehn Jahre existierenden Marionettenstaat, von dem ich bis dato noch nie gehört hatte.

Hsinking heißt heute Changchun und ist eine Provinzhauptstadt im Nordosten Chinas mit mehr als 3,4 Millionen Einwohnern. Marcus deutet es im Untertitel ihres Romans an: "Vier Generationen zwischen fünf Diktatoren". Sie selbst gehört zur vierten Generation, erwähnt sich jedoch ohne Namensnennung nur kurz. Im Mittelpunkt ihres Buches steht ihr Großvater, dem sie das Pseudonym Josef Naumann gegeben hat. Josef wird 1877 in Hamburg geboren, wächst in bürgerlichen Verhältnissen auf und arbeitet für eine Hamburger Handelsfirma. Schon früh spürt er den Wunsch, mehr von der Welt zu sehen. Es ist die Zeit, in der die neuartigen Dampfschiffe den Fortschritt symbolisieren und der Arzt Bernhard Nocht für sein besonnenes Verhalten während der Cholera-Epidemie verehrt wird.

Dann ergibt sich für Josef unerwartet die Gelegenheit, weit weg von zu Hause zu arbeiten: Sein Arbeitgeber sucht für ein deutsches Handelsunternehmen in Wladiwostok, mit dem er als Geschäftspartner in Verbindung steht, jemanden mit bestimmten Sprachkenntnissen und Verwaltungserfahrung. Ohne lange zu überlegen nimmt Josef die Herausforderung an und macht sich auf die Reise in eine ihm fremde Welt, fast 8.000 Kilometer Luftlinie von zu Hause entfernt. Erst nach sechs Jahren würde ihm ein halbes Jahr Urlaub zustehen.

Sollte Josef bis dahin geglaubt haben, mit dem Besteigen des Schiffes sein größtes Abenteuer vor sich zu haben, würde er einige Jahre später eines Besseren belehrt werden. Das, was das Leben für ihn bereithalten würde, sollte eine Abfolge von extremen Situationen sein, die ihn mehrmals dem Tod nahebringen. Josef erlebt die Zarenzeit unter Nikolaus II., dem letzten Kaiser Russlands, und Jahre der Verbannung in Sibirien. Dort findet er zwar sein privates Glück mit einer Burjatin, mit der er zwei Kinder haben wird, ist aber wieder von Verfolgung bedroht. Die Rote Armee kämpft gegen die aus Freiwilligen bestehende Weiße Armee und hinterlässt dort, wo sie auftaucht, eine Spur der Verwüstung. Die Situation wird für Josef als Deutschen brenzlig, aber unter abenteuerlichen Umständen und mit der Hilfe der Familie seiner Frau gelingt die Flucht nach Wladiwostok. Dort bekommt Josef wieder Arbeit. Kommen die Vier hier nun zur Ruhe? 

Lesen?

Glut im Eis ist ein anspruchsvoller Roman, für den man sich Zeit nehmen sollte. Inge Ruth Marcus spannt auf fast 650 Seiten einen weiten Bogen der europäischen und asiatischen Geschichte zwischen 1897 und 1945 und zeigt, wie sehr Menschen zu einem Spielball der politischen Verhältnisse werden können. Ihr Großvater war zweifellos ein kluger Mann, der gern "trickste", wie es seine burjatische Frau gern nannte. Das, was er und später auch seine Familie erleben musste, war nur mit Mut, Zähigkeit und einem unbedingten Überlebenswillen auszuhalten. Ganz sicher kam Josef auch zugute, dass er das, was man heute als "Netzwerken" bezeichnet, sehr gut beherrschte. So gab es oft ihm wohlgesonnene Menschen, die ihm hilfreich verdeckt oder offen zur Seite standen und ihm den Hals retteten.

Inge Ruth Marcus hat im Anhang ein 20-seitiges Sachregister erstellt, das sehr dabei hilft, die geschilderten Zusammenhänge ihres Romans zu verstehen. Dennoch habe ich mehrmals zusätzlich das ein oder andere nachgeschlagen, weil mich die geschichtlichen Hintergründe interessiert haben. 
Auch die nach Zeiträumen aufgeteilte Auflistung der handelnden Personen habe ich häufig genutzt. Ohne sie kann man bei der Vielzahl der Menschen, die für die Handlung eine Rolle spielen, schnell ins Schleudern kommen.

Das einzig Irritierende war für mich Marcus' Umgang mit der wörtlichen Rede. Das Gesagte wird nie in Anführungszeichen gesetzt, sondern mit dem Namen des Sprechers oder der Sprecherin angekündigt und am Beginn mit einem Spiegelstrich markiert. Daran habe ich mich bis  zum Schluss nicht gewöhnen können.

Glut im Eis ist 2022 im Anthea Verlag Berlin erschienen und kostet als Paperback-Ausgabe 22,90 Euro.

Freitag, 5. August 2022

# 358 - Brunhilde Pomsel war Goebbels Sekretärin - was trieb sie an?

Ein deutsches Leben ist ein Dokumentarfilm, der
2016 entstanden ist. Das gleichnamige Buch wurde ein Jahr später herausgegeben. Es enthält die 2013 und 2014 nahezu wortgetreu abgegebene Erzählung von Brunhilde Pomsel über ihr Leben im NS-Deutschland und ihre Versuche, sich zu erklären. Zu diesem Zeitpunkt war sie 103 Jahre alt. Das Besondere daran: Pomsel war eine der Sekretärinnen von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels.

Es ist eine Frage, die immer wieder gestellt wird, wenn es um die Entstehung und das Erstarken der Nazi-Diktatur in Deutschland geht: Wie um alles in der Welt konnte es so weit kommen? Und wie viele von den Verbrechen, die das Regime beging, waren in der Bevölkerung bekannt?

Pomsels Lebensbericht, der hier in ihren eigenen Worten wiedergegeben wird, löst beim Lesen Befremden aus. Sie war keineswegs eine Judenhasserin: Sie war eng mit einer Jüdin befreundet, hat eine Ausbildung in einem noblen Bekleidungshaus gemacht, das von einem jüdischen Prokuristen geführt wurde, und danach bei einem jüdischen Versicherungsmakler gearbeitet. Ihren Worten ist nicht zu entnehmen, dass sie aufgrund ihrer Religion gegen diese Menschen Vorbehalte gehabt hätte. Doch sie bemerkte 1933, dass der Versicherungsmakler immer weniger Kunden hatte und vermutete, dass er wohl nicht mehr lange bleiben wird.

Im Jahr zuvor ging sie mit ihrem Freund zu einer Veranstaltung im Sportpalast, ohne zu wissen, was sie dort erwarten würde. Es erschien ein "dicker Mann in einer Uniform": Hermann Göring. Pomsel langweilte sich, weil es um Politik ging, und interessierte sich nicht für das, was Göring sagte. "Wieso auch. Bin ja auch eine Frau, muss ich ja auch nicht." Als sie mit ihrem Freund am 21. März 1933 in Potsdam den Handschlag zwischen Hindenburg und Hitler verfolgte, verstand sie nicht dessen Bedeutung, hatte aber auch daran kein Interesse.

Durch ihre Bekanntschaft mit dem ehemaligen Fliegerleutnant und späteren Radiomoderator Wulf Bley bekam Pomsel eine Stelle beim Rundfunk, die für damalige Verhältnisse gut bezahlt war. Dafür musste sie in die NSDAP eintreten, was sie nicht störte.
Als das Reichspropagandaministerium 1942 eine Stenotypistin suchte, fiel die Wahl auf Brunhilde Pomsel. "Nur eine ansteckende Krankheit" hätte ihren Worten zufolge verhindern können, dorthin versetzt zu werden. Von da an hatte sie Einblick in verschiedene Vorgänge und hat beispielsweise gewusst, was mit Schriftstellern passiert, die sich kritisch äußerten.

Lange Zeit wollte sie nicht wahrhaben, was sich um sie herum veränderte. Es wurden jüdische Geschäfte geschlossen, aber Geschäftsaufgaben gibt es ja immer mal wieder. Sie hörte von Juden, die auf Lastwagen durch Berlin gefahren wurden, nahm das aber nicht ernst, weil sie in ihrem gutbürgerlichen Stadtteil Steglitz so etwas noch nicht gesehen hatte.

Brunhilde Pomsels Einstellung zur Poltik war eine Mischung aus Naivität und bodenloser Gleichgültigkeit. Sie beschönigte ihr damaliges Verhalten nicht, sondern räumte ein, dass sie bei jedem Arbeitsplatzwechsel das höhere Gehalt und der soziale Aufstieg gereizt hat. Um alles andere hat sie sich nie Gedanken gemacht. Doch sie sah bei sich keine Schuld, sondern sprach allenfalls von einer Kollektivschuld. Dass ihr Leben von Widersprüchen durchzogen ist, erkannte sie nicht - oder wollte es nicht erkennen.

Lesen?

Ich habe etliche Passagen des Buches mit  fassungslosem Staunen gelesen und mich gefragt, ob Pomsels Begründung für ihr politisches Desinteresse - "Bin ja auch eine Frau" - typisch für ihre Generation sein könnte. Auch heute fehlt es vielen Menschen an der Bereitschaft, sich ernsthaft mit politischen Themen auseinanderzusetzen und Hintergründe für das, was um uns herum passiert, zu verstehen. Wie fatal es enden kann, wenn zu viele so denken, zeigt die Geschichte.

Ein deutsches Leben endet nicht mit dem Untergang des sogenannten Dritten Reichs, sondern streift auch Pomsels Leben nach dessen Zusammenbruch. Sie geriet in sowjetische Gefangenschaft und arbeitete nach ihrer Freilassung beim Südwestfunk. Der RIAS, bei dem Pomsel zuerst nach einer Anstellung gefragt hatte, lehnte sie wegen ihrer Parteimitgliedschaft ab.
Brunhilde Pomsel ist 2017 im Alter von 106 Jahren verstorben - am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag.

Der Politikwissenschaftler und Soziologe Thore D, Hansen analysiert in einem ausführlichen Nachwort Brunhilde Pomsels Schilderungen. 

Ein deutsches Leben ist 2017 bei Europa Pocket erschienen und kostet als gebundenes Buch 12,10 Euro sowie als Paperback 11 Euro.



Freitag, 15. Juli 2022

# 356 - Hier werden Sprachschätze "gehoben"

Im letzten Monat hat der Duden Verlag seine 2021
begonnene Reihe Sprachschätze fortgesetzt, und zwar mit den Bänden Mode & Beauty sowie Sprache & Medien.

Wer denkt schon während des Sprechens darüber nach, woher der eine oder andere Ausdruck oder eine Redewendung kommt? Wir wissen zwar, dass eine Sprache immer im Fluss ist und sich ständig verändert, nehmen aber meistens das, was wir kennen und benutzen, hin, ohne es zu hinterfragen.

Den Ausdruck "Ich habe den roten Faden verloren" dürfte fast jeder kennen. Doch was hat es mit diesem "roten Faden" auf sich? Die britische Marine arbeitet seit dem 18. Jahrhundert in die ihr gehörenden Taue einen durchlaufenden roten Faden ein, um diese als ihr Eigentum zu markieren und Diebstähle zu erschweren.

Ihr verbindet mit Seife Sauberkeit? Heutzutage kann man das, aber das war nicht immer so. Das Wort Seife kommt aus dem Westgermanischen; den Germanen diente die Mischung aus Asche, Pflanzensäften und Talg nicht der Körperpflege, sondern der rituellen Rotfärbung der Haare.

Und was hat es mit dem Wort "verballhornen" auf sich? Geht es auf Bälle oder Hörner zurück? Nein, beides trifft nicht zu. Hier steht ein Buchdrucker aus Lübeck im Mittelpunkt, der Ende des 16. Jahrhunderts einen so peinlichen Fehler gemacht hat, dass man aus seinem Nachnamen Balhorn ein neues Wort kreiert hat. Um welchen Fehler es sich gehandelt hat, kann im Band Sprache & Medien nachgelesen werden.

Lesen?

Die zur Reihe Sprachschätze gehörenden Bände sind alphabetisch aufgebaut und erklären auf 127 Seiten moderne und traditionelle Wörter sowie ihre Herkunft und Abwandlungen. Wer sich für die Entwicklung der deutschen Sprache interessiert, wird die Bücher gern lesen.

Die Reihe Sprachschätze ist im Duden Verlag erschienen, jeder Titel kostet 10 Euro. 2021 wurden bereits die Bände Tiere & Pflanzen, Körper & Gesundheit, Essen & Trinken sowie Kunst & Kultur veröffentlicht.

Freitag, 1. Juli 2022

# 354 - Inside BND: ein Roman aus dem Zentrum des deutschen Nachrichtendienstes

Der Name Carl Maria Ehrlicher ist ein Pseudonym. Der
Autor des Romans Das Tor der Tränen möchte aus einem nachvollziehbaren Grund unerkannt bleiben. Er kennt die Behörde, über die er schreibt, sehr genau: Etliche Jahre war er ein Agent des Bundesnachrichtendienstes (BND) im Außeneinsatz. Ehrlichers Dienstzeit war vor dessen Teil-Umzug von Pullach bei München nach Berlin im Jahr 2019.

Karl Häusler verkörpert (mutmaßlich) den damaligen Agenten Ehrlicher. Häusler rutscht Ende der 1960-er Jahre in den neuen Job beim BND hinein, ist zuerst neugierig, wird aber immer frustrierter, je länger seine Tätigkeit dauert. Seine Motivation, sich nach einer neuen Stelle in einer anderen Behörde oder einem Unternehmen umzusehen, ist dennoch bei null angekommen: Er ist der Überzeugung, im Grunde zu nichts anderem mehr als zur Spionage zu taugen.

Ehrlicher beschreibt sehr genau, wie der normale Agenten-Alltag aussieht. Spoiler: Von James Bond ist er himmelweit entfernt. Es geht um Dienstreiseanträge, Spesenabrechnungen, die kleinen Fluchten während der Dienstzeit und natürlich Vorgesetzte, die nicht unbedingt aufgrund ihrer großartigen Leistungen eine Leitungsfunktion bekommen haben. Das ist alles keine Überraschung, aber atmet den Geist der Zeit, in dem der Roman spielt.

Ehrlicher hat die Handlung zwischen Dezember 1978 und Oktober 1980 angesiedelt. Damals war Helmut Schmidt Bundeskanzler, Hans-Dietrich Genscher Außenminister und sein Parteifreund Klaus Kinkel BND-Präsident.
Aus einer hingeworfenen Bemerkung in der letzten Sitzung des außen- und sicherheitspolitischen Ausschusses vor der Weihnachtspause 1978, "was der Geheimdienst denn eigentlich zum Jemen wüsste", entsteht eine sich nach und nach aufbauschende Operation, deren zentrale Figur Agent Häusler ist. Die Informationen, die sein jemenitischer Kontakt mit dem Tarnnamen "Kalif" ihm bringt, werden von der BND-Aufklärung allerdings aktiv ignoriert. Erst als sich herausstellt, dass der Iran wie von "Kalif" vermutet Seeminen in den Hafen von Aden transportiert, die dann mit LKWs zu einem weiteren Ziel an der Küste gebracht werden, wird Häusler nachdenklich. Tatsächlich sind die Seeminen dazu bestimmt, die Schiffspassagen durch die Meeresstraße Babd al-Mandab (deutsch: Tor der Tränen) zu unterbinden, durch die vor allem Rohöl transportiert wird.

"Kalif" und Häusler treffen sich zum Informationsaustausch in verschiedenen Ländern. Der Informant ahnt erst allmählich, dass er vom jemenitischen Geheimdienst überwacht wird. Die Überwachung wächst sich zu einer ernsthaften Bedrohung aus. 
Häusler steht ganz anderen Problemen gegenüber: Während einer Dienstreise nach Stockholm, die wegen eines Treffens mit "Kalif" stattfindet, lernt er eine Schwedin kennen. Beide verlieben sich Hals über Kopf ineinander. Die Probleme, die sein Beruf und die immer intensiver werdende Beziehung mit sich bringen, werden von Häusler zunächst ignoriert, verdichten sich jedoch schnell immer mehr.
Die Handlung läuft sowohl für ihn als auch seinen Informanten auf eine Katastrophe zu.

Lesen?

Das Tor der Tränen lässt bedeutsame Ereignisse der Zeit um 1980 wieder aufleben: die Flucht des letzten iranischen Schahs Mohammad Reza Pahlavi ins US-Exil, die Rückkehr des schiitischen Führers Ruhollah Musawi Chomeini und die Geiselnahme von 52 Angehörigen der US-Botschaft in Teheran durch iranische Studenten werden wieder in Erinnerung gerufen. Auch die Rolle des damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter wird in den Fokus gerückt. Der Roman ist ein interessanter weltpolitischer Rückblick und macht deutlich, wie der "alte" BND mit Krisen umgegangen ist. Wenn man den Schilderungen von Carl Maria Ehrlicher folgt, wurden viele von ihnen zu spät erkannt, weil man den Vorzeichen keine Bedeutung zugemessen hat. Daran waren oft Eitelkeiten und Ignoranz schuld.

Helmut Schmidt hat übrigens darauf verzichtet, sich Berichte des BND vorlegen zu lassen. Er war der Meinung, diese seien zu sehr von der politischen Ausrichtung des Berichterstatters gefärbt und hielt sich lieber an die Artikel der Neuen Zürcher Zeitung.

Das Tor der Tränen ist 2022 im Salon Literaturverlag erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 21,50 Euro.

Freitag, 11. März 2022

# 339 - Die Wiederentdeckung eines einst bekannten spanischen Reporters

Manuel Chaves Nogales war in den 1920-er, 1930-er und 1940-er Jahren einer der bekanntesten und herausragendsten spanischen Journalisten. Er wurde 1897 in Sevilla geboren und starb 1944 im Exil in London. Rückblickend kann man sagen, dass er zu den ersten narrativen Journalisten gehörte.

Chaves Nogales war ein liberal denkender Mensch, der aufgrund seiner Haltung Feinde sowohl im kommunistischen als auch faschistischem Lager hatte: Die seit 1931 existierende Zweite Spanische Republik wurden von diesen beiden politischen Strömungen scharf attackiert. Ihr Ende wurde 1936 durch einen Staatsstreich gegen die linke demokratisch gewählte Regierung eingeläutet, der von einem rechtsgerichteten General angeführt worden war und später in den Spanischen Bürgerkrieg mündete.

Für die 1930 in Madrid gegründete Zeitung Ahora arbeitete Chaves Nogales ab 1931 als Direktor und berichtete in seinen Vor-Ort-Reportagen aus der ganzen Welt. Seine Texte telegrafierte er Wort für Wort nach Spanien. Auch für damalige Verhältnisse waren die Artikel sehr ausführlich, für heutige ohnehin. Als die Regierung Madrid verließ, ging Chaves Nogales ins Exil nach Paris, das er wenige Jahre später verließ, als sich die deutschen Truppen auf die französische Hauptstadt zu bewegten. London wurde für seine letzten Lebensjahre Chaves Nogales' Heimat.

Mit dem Ende von Ahora 1939 verschwand Manuel Chaves Nogales in der Wahrnehmung der spanischen Bevölkerung. Eine liberale Presse existierte in Spanien nicht mehr. Die Leserschaft der Ahora hatte keinen Zugriff auf seine Reportagen, die nun in Zeitungen und Zeitschriften außerhalb Spaniens abgedruckt wurden. So wurde der Journalist im Laufe der Zeit vergessen. Erst eine Forschungsarbeit der Professorin María Isabel Cintas Guillén führte dazu, dass man sich in Spanien nicht nur mit der Person des Journalisten Manuel Chaves Nogales, sondern auch mit seinen Reportagen beschäftigte, um Teile der spanischen Geschichte, insbesondere die Zeit des Franco-Regimes, aufzuarbeiten.

Das Buch Ifni - Spaniens letztes koloniale Abenteuer beschäftigt sich mit einer Reise von Manuel Chaves Nogales im Jahr 1934. Der Journalist begleitete eine kleine spanische Expeditionsgruppe in die marokkanische Enklave Ifni, die den Auftrag hatte, dort die spanische Kolonialisierung zu realisieren. Vor Ort ging er einem Gerücht nach, das mit einem Trauma des spanischen Militärs zusammenhängt, dem "Desaster von Annual". In Spanien wurde damals immer wieder kolportiert, dass dort noch 300 spanische Soldaten von Berbern gefangen gehalten werden. Chaves Nogales entlarvte dieses Gerücht als "politisches Spiel mit der Leichtgläubigkeit", wie es der Übersetzer und Verleger Frank Henseleit in seiner ausführlichen Einführung beschreibt.

Ifni - Spaniens letztes koloniale Abenteuer enthält drei Reportagen des einst bekannten Journalisten: Neben dem über die Gefangenen berichtet der Spanier über die Kolonisierung von Ifni sowie über seine Bruchlandung auf dem Weg dorthin. Alle Artikel wurden aus den jeweiligen Original-Zeitungsartikeln von Henseleit übersetzt und mit dem Zeitungskopf der Ahora ausgestattet. Der erste Artikel stammt vom 10. Januar 1934 und kann hier im Original nachgelesen werden.

Manuel Chaves Nogales tat das, was wir uns auch heute von Journalisten wünschen: Er ging auf Menschen zu, war mittendrin im Geschehen, stellte kritische Fragen und nahm seine Leserschaft mit - in fremde Länder ebenso wie in seine Gedanken. Das alles fasste er in verständliche Worte und ausführliche Artikel, die umfassend informierten.

Lesen?

Ifni - Spaniens letztes koloniale Abenteuer verdient unbedingt eine Leseempfehlung. Alles, was Leserinnen und Leser für das geschichtliche Verständnis benötigen, um Chaves Nogales' Artikel zu verstehen, steht in Frank Henseleits Einführung. 

Das Buch ist 2021 im Kupido Verlag erschienen und kostet 24,80 €. Unter dem Verlagslink findet ihr einen Buch-Teaser mit weiteren interessanten Informationen über Manuel Chaves Nogales. Der Verlag beginnt mit dieser Veröffentlichung eine Reihe über die Werke des spanischen Journalisten.