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Sonntag, 26. Januar 2025

# 464 - Vom Heidedichter bis zur Schäferromantik mit Fehlern

2014. Jannes Kohlmeyer ist neunzehn Jahre alt und
lebt mit seinen Eltern und seinem Großvater auf einem alten renovierungsbedürftigen Hof in der Lüneburger Heide, einer Landschaft zwischen Hannover und Hamburg. Wie schon Generationen vor ihm ist er Schäfer, während seine ältere Schwester dieses Leben nicht wollte und nach Frankfurt gezogen ist.

Die Heide: Das ist Stille, Nebel und Einsamkeit im Winter und lila blühende Heideflächen und Touristenströme im Sommer. Ohne die Touristen geht wirtschaftlich schon lange nichts mehr, so nervtötend sie manchmal auch sind. Die Ruhe wird vor allem von den Detonationsgeräuschen unterbrochen, die vom Testgelände des Waffenherstellers Rheinmetall in Unterlüß stammen und das Sinnbild für den Roman Von Norden rollt ein Donner von Markus Thielemann sind. Das nahe Munster ist mit seinen Kasernen der viertgrößte Standort der Bundeswehr und trägt zu einer sehr speziellen Atmosphäre bei. Dazwischen ist der Luftwaffenstützpunkt Faßberg, der Ort verdankt seine Entstehung den Nationalsozialisten. Der Schäferhof der Kohlmeyers liegt zwischen Unterlüß und Faßberg.

Auf den ersten Blick versinkt das Leben der Familie im stetigen Einerlei, das sich nur den Jahreszeiten anpasst. Aber schleichend bahnen sich Veränderungen an, die Jannes nicht beeinflussen kann: Seine im Pflegeheim wohnende demente Oma baut stetig ab und redet in Fragmenten immer wieder über ein Ereignis, was von ihrem Mann abgewiegelt und von Jannes' Mutter mit Unverständnis kommentiert wird. 
Jannes' Stiefvater Friedrich ist augenscheinlich ebenfalls auf dem Weg, dement zu werden und versucht diesen Zustand zu kaschieren, indem er sich mit vollem Eifer einem neuen Thema widmet: Seit einiger Zeit gibt es in der Heide angeblich wieder Wolfsichtungen und Risse. Die Gegend um den Kohlmeyerschen Hof ist nicht betroffen, aber man kann ja nie wissen...

Das Vertrauen der Landbevölkerung in die Lokal- und Landespolitiker ist bei nahe null, deshalb entsteht der Plan, das Wolf-Problem selbst in die Hand zu nehmen. Das Repertoire reicht dabei von Mahnfeuern bis zur Überlegung, den heimischen Waffenschrank zu öffnen. Bei den Aktionen sind vor allem Friedrich und der neue Nachbar Karl Röder ganz vorn mit dabei. Wie nebenbei fällt Jannes das seltsame Verhalten und die Lebensart der Familie Röder auf, beides lässt sich am besten mit "völkisch" umschreiben. Friedrich blendet das allerdings aus.

Jannes Großvater lebt nicht nur auf, wenn es um die vermeintliche  Gefahr durch Wölfe geht, die seiner Meinung nach nicht auf die Heide gehören, sondern auch beim Erzählen von alten Geschichten. Am liebsten ist ihm die Erinnerung an seine Heldentat: Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hat er einen Wolf erschossen und die Heide von diesem Räuber befreit. Aber stimmt das überhaupt? Jannes, der bislang jeden Tag nahm, wie er kam, wird aus mehreren Gründen hellhörig: Seine Oma erwähnt in ihren verwirrten Gedanken den Namen einer Frau, von der niemand sonst in der Familie etwas gehört haben will, und Jannes erscheint mehrmals eine verwahrloste Frau so authentisch, dass er beginnt, an seinem eigenen Verstand zu zweifeln. Gibt es ein Familiengeheimnis, das mit dem nahen KZ Bergen-Belsen und dessen Außenstelle Tannenberg in Altensothrieth zusammenhängt?

Lesen?

Von Norden rollt ein Donner ist ein Roman voller Metaphern und das Gegenteil der typischen Heimat-Romane, die eine Region idyllisch und oft verkitscht präsentieren. Hier geht es um menschliche Abgründe, politische Entwicklungen und lange gehütete Geheimnisse, die ans Licht kommen. Der Schönheit der Heidelandschaft tut das keinen Abbruch, und der im Buch vielzitierte und immer noch von vielen bewunderte Heideschriftsteller Hermann Löns wird in die Ecke gestellt, in die er gehört: weg von der verschrobenen Heimatromantik und hin zu der Erkenntnis, dass es sich bei ihm um einen Rassisten gehandelt hat.

Markus Thielemann arbeitet eindrucksvoll die Konflikte und Verwerfungen heraus, die sich in der Gesellschaft und in der Familie Kohlmeyer abzeichnen, ohne seine Leserinnen und Leser zu belehren. Ich konnte jedoch mit Jannes' Visionen wenig anfangen, die für mich so wirkten, als habe Thielemann ein Vehikel gebraucht, um eine Brücke in die Vergangenheit zu schlagen. 
Das Auftauchen von Familie Röder, die der damals noch jungen AfD nahesteht, wird nicht weiter vertieft und wirkt leider wie ein loses Ende. 
Unverständlich war, dass ausgerechnet der unter einer beginnenden Demenz leidende Friedrich das stärkste Engagement im Kampf gegen den Wolf gezeigt hat. Dadurch wurden Friedrichs Sorgen herabgesetzt, da zumindest seine Familie ihn immer weniger ernst genommen hat.

Diese Kritik beeinträchtigt den Gesamteindruck jedoch nicht in dem Maße, dass ich den Roman nicht empfehlen würde. Von Norden rollt ein Donner ist ein lesenswerter Roman, der nachdenklich macht.

Das Buch wurde 2024 im Verlag C. H. Beck veröffentlicht und kostet 23 Euro. Von Norden rollt ein Donner stand 2024 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Mittwoch, 4. Dezember 2024

#458 - Ein anderes Leben - aber wessen?

Die Schauspielerin Caroline Peters hat ihr erstes Buch geschrieben. Bislang war sie dem breiten Publikum als Teil des Ensembles am Wiener Burgtheater und in der Rolle der Kommissarin Sophie Haas in der Krimi-Serie "Mord mit Aussicht" bekannt.

Schon viele Schauspieler und Schauspielerinnen haben sich als Autoren versucht. Das gelang mal gut und mal weniger gut. In Ein anderes Leben entwirft Peters das Leben einer Patchwork-Familie, in deren Mittelpunkt die Mutter Hanna steht. Das ist zunächst ein bisschen kurios, weil die Handlung auf dem Friedhof beginnt: Peter, der Vater der Ich-Erzählerin und von allen "Bow" genannt, ist gestorben. Peter war Hannas dritter Ehemann, die ersten beiden waren seine besten Studienfreunde. Von jedem Ehemann hat Hanna, die schon seit etlichen Jahren nicht mehr lebt, eine Tochter: Laura von Klaus, Lotta von Roberto, die Erzählerin von Bow, von dem Hanna ebenfalls seit langem geschieden ist. Treffend lässt Caroline Peters ihre Erzählerin diesen Satz sagen:

Heute ist die Beerdigung meines Vaters, und für mich ist es die Auferstehung meiner Mutter. Ich kann es nicht anders sagen. So viele Jahre vor ihm ist sie gestorben.

Doch Hanna war nicht nur wegen dieser Familienkonstellation eine ungewöhnliche Mutter. Sie versuchte, trotz des Mutter-Seins Konventionen zu ignorieren. Das ist allerdings nicht so einfach: Die promovierte Germanistin und Slawistin mit einem ausgeprägten Faible für das Übersetzen von russischer Literatur musste sich um ihre Kinder kümmern. Ihr dritter Mann Bow war Architekt und hatte so viel zu tun, dass er am Alltag nur sporadisch teilnahm.
Hannas Kompromiss, ihre Leidenschaft und ihre Pflichten als Mutter halbwegs unter einen Hut zu bekommen, war ihre Arbeit in der Universitätsbibliothek.

Doch Hanna entsprach nicht dem traditionellen Mutterbild, das vorsieht, dass die Kinder immer an erster Stelle stehen und die Mutter ihre eigenen Bedürfnisse hintanstellt. Sie wie auch Papa Bow verhielten sich zumindest ihrer jüngsten Tochter gegenüber manchmal fast schon lieblos: Zu ihrer Einschulung reisten die Eltern in die USA, nach vierwöchigen Sommerferien bei der Oma holten sie das Kind nicht vom Bahnhof ab.

Caroline Peters wirbt jedoch auch um Verständnis um manche auf den ersten Blick seltsamen Verhaltensweisen von Mutter und Vater, weil sie oft auf Erfahrungen beruhten, die beide während des Zweiten Weltkriegs gemacht haben.

Ein anderes Leben zeigt jedoch auch, was die meisten von uns selbst schon festgestellt haben werden, wenn sie mit anderen über "früher" gesprochen haben: Die Erzählerin und ihre beiden deutlich älteren Schwestern tauschen sich noch während der Trauerfeier über Ereignisse und Erlebnisse mit Hanna und ihren jeweiligen Vätern aus - um festzustellen, dass es nicht die eine Erinnerung gibt, sondern jeder anders an vergangene Zeiten zurückdenkt.

Lesen?

Caroline Peters hat in Interviews mehrmals betont, dass in ihre Figur Hanna vieles von ihrer eigenen und schon lange verstorbenen Mutter eingeflossen ist, es sich aber nicht um sie handelt. Sie ist sich jedoch sicher, dass ihre Mutter oft gern so wie die Hanna im Roman ihrer Tochter gewesen und Ein anderes Leben gelebt hätte. Die Grenzen zwischen tatsächlicher Familiengeschichte und Fiktion verschwimmen in Peters' Geschichte. Aber ist das im Leben nicht ebenfalls oft so?

Mit Ein anderes Leben hat Caroline Peters bewiesen, dass sie nicht nur eine gute Schauspielerin ist, sondern auch schreiben kann.

Ein anderes Leben ist 2024 im Rowohlt Verlag erschienen und kostet als Hardcover 23 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.


Sonntag, 15. Oktober 2023

# 413 - Eine Familiengeschichte, die nach Schuld und Verantwortung fragt

Anne Rabe ist 1986 in Wismar geboren und aufgewachsen. Sie war drei Jahre alt, als ihr Land, die DDR, unterging. In ihrem Roman Die Möglichkeit von Glück versucht sie die Frage zu klären, wann jemand ein Mitläufer ist und ab welchem Punkt man zum Mit-Täter wird.

Die Hauptperson ist Stine. Sie wurde im selben Jahr und Ort wie die Autorin geboren. An die DDR hat sie wie diese also keine Erinnerungen. Aber die erwachsene Stine, die verheiratet und Mutter von zwei Kindern ist, blickt zurück auf ihre Kindheit und Jugend. Durch die Rückschau erlebt und beobachtet sie in ihrem familiären und beruflichen Umfeld die Folgen, die zwei aufeinanderfolgende Diktaturen für die Persönlichkeiten der Menschen gehabt haben.

Im Fokus stehen dabei ihre Eltern Sven und Monika sowie ihre Großeltern Eva und Paul. Das Verhältnis zu den Eltern ist zerrüttet, weil Stine und ihr jüngerer Bruder Tim unter der Gefühlskälte der Mutter gelitten haben und sich ihre Hoffnung, dass ihr Vater sich für seine Kinder einsetzen würde, nie erfüllt hat. Niemand in der Familie bemerkt, dass das Kind Stine im Alter von fünf oder sechs Jahren anfängt, sich selbst zu verletzen. Doch woher kommt die Eiseskälte der Mutter, deren pädagogisches Motto einem Zitat aus einer Rede Hitlers vor dem Reichsparteitag (1935) zu entsprechen scheint: hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder? Die Kinder haben zu funktionieren, ihre Bedürfnisse spielen keine Rolle.

Rabe schlägt eine Brücke in die Vergangenheit und erzählt von Stines Großvater Paul, der in der DDR Propagandist, Schuldirektor und danach Hochschuldozent war. Ein Mensch, der in ärmliche Verhältnisse hineingeboren worden war und das Beste aus seinem Leben machen wollte. Ein Mensch, der sich in die Nazi-Maschinerie einfügte, Soldat wurde und in russische Kriegsgefangenschaft geriet, aus der er floh. Wie er das geschafft hat, bleibt unklar. 

Paul wollte das Ziel des sozialen Aufstiegs erreichen und hat nach dem Untergang des Deutschen Reichs im Sozialismus der DDR sein Glück gesucht. Als auch die zu einem Teil der Vergangenheit wurde, blieb sie in den Augen der Eltern und Großeltern das bessere Deutschland.

Stine beginnt, über gezielte Recherchen so viel wie möglich über das Leben von Opa Paul herauszufinden. Sie ist davon überzeugt, dass er als Reichs- oder DDR-Bürger Schuld auf sich geladen hat. Fragen kann sie ihn nicht mehr, weil er bereits verstorben ist.
Die junge Frau liest Studien, die von sogenannten Entlastungserzählungen berichten: Die Deutschen wissen zwar um die Verbrechen, die im Nationalsozialismus begangen wurden, aber aus der eigenen Familie war - selbstverständlich! - niemand daran beteiligt. Diese Erzählungen gibt es auch in der eigenen Familie, doch was stimmt daran? Stines Recherchen werfen neue Fragen auf, beantworten aber nur wenige.

Und nach der Wende? Für die DDR-Bürger bleibt praktisch nichts, wie es war. Ihre Gewissheiten lösen sich in Rauch auf, sie finden sich innerhalb kurzer Zeit in neuen Strukturen wieder. Durch die Abwicklung zahlreicher VEB und LPG wird eine Massenarbeitslosigkeit ausgelöst, in deren Fahrwasser sich Neonazis breitmachen. Oder waren die nie wirklich weg?

Lesen?

Anne Rabe schildert, wie sich die DDR im Leben ihrer Bürgerinnen und Bürger ein Stück weit fortsetzt und an ihnen klebt - wie etwas, was man unter dem Schuh hat, aber partout nicht los wird. Die DDR und die Erfahrungen, die die älteren Generationen in und mit ihr gemacht haben, verortet die Autorin als Fortführung des Erlebten aus der Nazi-Diktatur. Kurios: Wer von der DDR zum Beispiel durch einen hohen Bildungsabschluss profitiert hatte, konnte diesen für seine weitere berufliche Laufbahn einsetzen. Dieses Privileg hatten aber nur diejenigen, die sich dort systemkonform verhalten hatten. Wer sich gegen den Staat gestellt hatte, wurde dafür abgestraft: durch Ausschluss vom Abitur oder Studium oder auch durch die Vorgabe des künftigen Berufs. Mit dieser Hypothek starteten die Menschen, die sich gegen das System gestemmt hatten, in die neue Zeit nach der Wende.

In ihrer Betrachtung spart Rabe den Westen Deutschlands fast völlig aus, so, als hätte er auf die Ereignisse im Osten keinen Einfluss (gehabt). Sie wirft nur einen kurzen Blick nach "drüben", als es um Opa Pauls Bruder geht, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg für ein Leben in der BRD entschieden und dort Karriere gemacht hat.

Um Situationen zu verdeutlichen, setzt Rabe einen alternativen Erzähler ein, dessen Passagen kursiv gedruckt sind. Er reflektiert Geschehnisse, indem er Stine direkt anspricht und ihr diese in Erinnerung ruft.

Letztendlich bleiben die Dinge im Ungefähren. Stine verurteilt ihren Opa für Taten, die sie ihm nicht nachweisen kann. Opa Paul kann sich naturgemäß nicht mehr verteidigen und nichts erklären, und so bleibt am Ende der Eindruck, dass viel zu viel geschwiegen wurde und wird - wie so oft.

Die Möglichkeit von Glück ist interessant zu lesen, lässt aber zu viele Fragen offen.
Gegen Ende des Romans versucht Stines Mutter ein letztes Mal, Macht über ihre längst eigenständig lebende Tochter auszuüben. Warum das bei der Protagonistin nicht nur Wut, sondern auch Angst auslöst, bleibt offen, weil die Mutter zu diesem Zeitpunkt im Leben von Stines vierköpfiger Familie keine Rolle mehr spielt. Das zu erklären, dürfte die Aufgabe von Psychologen oder Psychologinnen sein.

Die Möglichkeit von Glück ist 2023 im Verlag Klett-Cotta erschienen und kostet als gebundenes Buch 24 Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Der Roman steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2023.

Freitag, 5. August 2022

# 358 - Brunhilde Pomsel war Goebbels Sekretärin - was trieb sie an?

Ein deutsches Leben ist ein Dokumentarfilm, der
2016 entstanden ist. Das gleichnamige Buch wurde ein Jahr später herausgegeben. Es enthält die 2013 und 2014 nahezu wortgetreu abgegebene Erzählung von Brunhilde Pomsel über ihr Leben im NS-Deutschland und ihre Versuche, sich zu erklären. Zu diesem Zeitpunkt war sie 103 Jahre alt. Das Besondere daran: Pomsel war eine der Sekretärinnen von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels.

Es ist eine Frage, die immer wieder gestellt wird, wenn es um die Entstehung und das Erstarken der Nazi-Diktatur in Deutschland geht: Wie um alles in der Welt konnte es so weit kommen? Und wie viele von den Verbrechen, die das Regime beging, waren in der Bevölkerung bekannt?

Pomsels Lebensbericht, der hier in ihren eigenen Worten wiedergegeben wird, löst beim Lesen Befremden aus. Sie war keineswegs eine Judenhasserin: Sie war eng mit einer Jüdin befreundet, hat eine Ausbildung in einem noblen Bekleidungshaus gemacht, das von einem jüdischen Prokuristen geführt wurde, und danach bei einem jüdischen Versicherungsmakler gearbeitet. Ihren Worten ist nicht zu entnehmen, dass sie aufgrund ihrer Religion gegen diese Menschen Vorbehalte gehabt hätte. Doch sie bemerkte 1933, dass der Versicherungsmakler immer weniger Kunden hatte und vermutete, dass er wohl nicht mehr lange bleiben wird.

Im Jahr zuvor ging sie mit ihrem Freund zu einer Veranstaltung im Sportpalast, ohne zu wissen, was sie dort erwarten würde. Es erschien ein "dicker Mann in einer Uniform": Hermann Göring. Pomsel langweilte sich, weil es um Politik ging, und interessierte sich nicht für das, was Göring sagte. "Wieso auch. Bin ja auch eine Frau, muss ich ja auch nicht." Als sie mit ihrem Freund am 21. März 1933 in Potsdam den Handschlag zwischen Hindenburg und Hitler verfolgte, verstand sie nicht dessen Bedeutung, hatte aber auch daran kein Interesse.

Durch ihre Bekanntschaft mit dem ehemaligen Fliegerleutnant und späteren Radiomoderator Wulf Bley bekam Pomsel eine Stelle beim Rundfunk, die für damalige Verhältnisse gut bezahlt war. Dafür musste sie in die NSDAP eintreten, was sie nicht störte.
Als das Reichspropagandaministerium 1942 eine Stenotypistin suchte, fiel die Wahl auf Brunhilde Pomsel. "Nur eine ansteckende Krankheit" hätte ihren Worten zufolge verhindern können, dorthin versetzt zu werden. Von da an hatte sie Einblick in verschiedene Vorgänge und hat beispielsweise gewusst, was mit Schriftstellern passiert, die sich kritisch äußerten.

Lange Zeit wollte sie nicht wahrhaben, was sich um sie herum veränderte. Es wurden jüdische Geschäfte geschlossen, aber Geschäftsaufgaben gibt es ja immer mal wieder. Sie hörte von Juden, die auf Lastwagen durch Berlin gefahren wurden, nahm das aber nicht ernst, weil sie in ihrem gutbürgerlichen Stadtteil Steglitz so etwas noch nicht gesehen hatte.

Brunhilde Pomsels Einstellung zur Poltik war eine Mischung aus Naivität und bodenloser Gleichgültigkeit. Sie beschönigte ihr damaliges Verhalten nicht, sondern räumte ein, dass sie bei jedem Arbeitsplatzwechsel das höhere Gehalt und der soziale Aufstieg gereizt hat. Um alles andere hat sie sich nie Gedanken gemacht. Doch sie sah bei sich keine Schuld, sondern sprach allenfalls von einer Kollektivschuld. Dass ihr Leben von Widersprüchen durchzogen ist, erkannte sie nicht - oder wollte es nicht erkennen.

Lesen?

Ich habe etliche Passagen des Buches mit  fassungslosem Staunen gelesen und mich gefragt, ob Pomsels Begründung für ihr politisches Desinteresse - "Bin ja auch eine Frau" - typisch für ihre Generation sein könnte. Auch heute fehlt es vielen Menschen an der Bereitschaft, sich ernsthaft mit politischen Themen auseinanderzusetzen und Hintergründe für das, was um uns herum passiert, zu verstehen. Wie fatal es enden kann, wenn zu viele so denken, zeigt die Geschichte.

Ein deutsches Leben endet nicht mit dem Untergang des sogenannten Dritten Reichs, sondern streift auch Pomsels Leben nach dessen Zusammenbruch. Sie geriet in sowjetische Gefangenschaft und arbeitete nach ihrer Freilassung beim Südwestfunk. Der RIAS, bei dem Pomsel zuerst nach einer Anstellung gefragt hatte, lehnte sie wegen ihrer Parteimitgliedschaft ab.
Brunhilde Pomsel ist 2017 im Alter von 106 Jahren verstorben - am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag.

Der Politikwissenschaftler und Soziologe Thore D, Hansen analysiert in einem ausführlichen Nachwort Brunhilde Pomsels Schilderungen. 

Ein deutsches Leben ist 2017 bei Europa Pocket erschienen und kostet als gebundenes Buch 12,10 Euro sowie als Paperback 11 Euro.



Freitag, 17. April 2020

# 236 - "Pfarrers Kinder, Müllers Vieh gedeihen selten oder nie"


Melissa Dreyer ist die Hauptfigur im Roman Stummer Wechsel von Karin Nohr. Sie als ambitioniert zu bezeichnen, wäre eine große Untertreibung. Die promovierte Leiterin eines Gymnasiums scheint nur zwei wirkliche Leidenschaften zu kennen: ihren Beruf, durch den sie sich Achtung und Anerkennung erworben hat, und den Chor, in dem sie dank ihres außergewöhnlichen Soprans eine wichtige Rolle inne hat. Doch nicht nur der Gesang treibt die Frau jede Woche pünktlich zur Probe, sondern vor allem der charismatische Chorleiter Herbert Michaelis. Melissa ist in ihn verliebt und glaubt, zwischen sich und dem Mann eine Seelenverwandtschaft zu erkennen. 

Doch dann tritt Marie Baumgarten als neues Mitglied in den Chor ein. Als sich Harald für die junge Frau interessiert, bricht Melissa tief verletzt den Kontakt zu ihm und ihre Mitarbeit im Chor abrupt ab und verfällt in eine persönliche Krise, unter der auch ihre Arbeit in der Schule leidet. Ihre äußerst loyale Schulsekretärin Anja Miljes hält ihr die Stange, was vor allem durch deren intime (und geheime) Beziehung zu Schulrat Jürgen Pönsgen gut gelingt. Als dann ein zunächst Unbekannter Melissa zu Hause mit einem Messer niedersticht, nimmt ihr Leben eine radikale Wendung.

Dass Karin Nohr promovierte Psychologin und Psychoanalytikerin ist, merkt man ihrem Roman an. Die Hauptfiguren, die zum Teil über Eigenschaften verfügen, die sie dem Leser zunächst suspekt oder unseriös erscheinen lassen, lassen im Laufe der Handlung gewissermaßen ihre Hüllen fallen. Man erkennt, welche Last aus der Vergangenheit sie mit sich herumtragen und wie sie von ihnen nahestehenden Menschen verletzt wurden. Ihnen ist gemeinsam, dass sich jede auf eigene Weise mit ihrem Schicksal arrangiert, sich aber niemand professionelle Hilfe geholt hat. 

Stummer Wechsel ist spannend geschrieben und bekommt durch Nohrs Humor einen unverwechselbaren Stil. Am Ende des Romans fragt man sich unwillkürlich, welche Lasten aus der Vergangenheit sich bis heute auf das eigene Verhalten und den Lebensweg auswirken und was sich hinter der Fassade unserer Mitmenschen verbergen mag. Die Redewendung, die der Titel dieser Rezension ist, gibt einen Hinweis darauf. Lesen!

Stummer Wechsel  ist im Größenwahn Verlag erschienen und kostet in der mir vorliegenden Taschenbuchausgabe 15 Euro, als gebundenes Buch 21,90 Euro und als E-Book 9,99 Euro.

Freitag, 10. Mai 2019

# 196 - Lanzarote oder der Weg zur Erkenntnis

Henning und Theresa reisen mit ihren beiden noch
kleinen Kindern über Weihnachten und Silvester nach Lanzarote. Oberflächlich betrachtet geht es ihnen gut: Sie haben Freude an ihren Berufen, keine finanziellen Sorgen und die Kinder sind zwar manchmal anstrengend, aber vermutlich nicht mehr als andere Kinder auch. Aber was ein unbeschwerter Urlaub unter kanarischer Sonne hätte werden können, ist von einer Missstimmung zwischen den Eheleuten überschattet.

Neujahr - ein Blick in die Vergangenheit

 

Am Neujahrstag beschließt Henning spontan, eine Radtour zu machen. Sein Ziel: der Atalaya-Vulkan. Er vergisst, Proviant oder Geld mitzunehmen und merkt nach einer Weile, dass er anfängt, an seine Grenzen zu geraten: Er kämpft mit dem Wind, dem schweren Leihrad, gegen den Durst und die Steigung der Straße. Aber noch viel mehr kämpft er gegen ES, das ihn schon seit zwei Jahren quält. ES schleicht sich immer wieder an und wirft ihn nieder, sorgt für Herzrasen, lähmende Angst und beeinträchtigt das Familienleben. ES steht zwischen Henning und Theresa und belastet die Beziehung zu den Kindern. ES sind Panikattacken, die Henning auflauern und ihn in die Knie zwingen.

Während der Radtour lässt Henning seinen Gedanken freien Lauf, während er sich immer weiter dem auf der Strecke zum Vulkan liegenden Dorf Femés nähert. Sein Verhältnis zu seiner Frau und den Kindern, eine verstörende Beobachtung während des Silvesterdinners am Vorabend und sein ungewöhnlich inniges Verhältnis zu seiner jüngeren Schwester Luna spielen eine Rolle. Er versucht, sein Leben positiv zu bewerten, aber auf allem liegt der dunkle Schleier seiner psychischen Probleme.

In Femés spürt er, dass dort etwas ist, das ihn anzieht. Er folgt dem inneren Drang, seine Fahrt fortzusetzen, verlässt das Dorf und blickt kurze Zeit später zurück: Die Häuser liegen jetzt unter ihm, aber obwohl er in diesem Moment sicher ist, hier nie zuvor gewesen zu sein, bringt die Aussicht etwas in ihm zum Klingen. Er erkennt den Ort wieder, der Anblick aus dieser Perspektive ist ihm vertraut. Aber wie kann das sein?


Lesen?

 

Neujahr ist eine Reise in die Vergangenheit und erzählt davon, wie sehr uns Ereignisse beeinflussen können, an die wir uns nicht mehr aktiv erinnern können. Der Roman erzählt auch, wie schwer es sein kann, sich dieser Vergangenheit zu stellen, er handelt vom Schweigen derer, die besser hätten erzählen sollen und davon, dass es ein Weg sein kann, mithilfe einer radikalen Maßnahme zu versuchen, sein Leben wieder ins Lot zu bringen. Auch, wenn diese Maßnahme sehr schmerzhaft ist. 
Neujahr zeigt aber auch, wie trügerisch Erinnerungen und Eindrücke sein können, die man für gesichert gehalten hat.
Juli Zeh schildert all das in einer bidhaften und eindringlichen Sprache, die ihre Leser mitnimmt: sowohl in die karge Landschaft Lanzarotes als auch ins winterliche Deutschland; Letzteres allerdings nur kurz.

Neujahr ist bei Luchterhand erschienen und kostet als gebundenes Buch 20 Euro sowie als epub- oder Kindle-Ausgabe 15,99 Euro.