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Montag, 9. Juni 2025

# 477 - Es hätte so schön sein können: der Weltfrieden in Reichweite

Wir sind im Jahr 1983. In Jakob Heins Roman Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste geht es um eine Geschichte, die es so zum Teil gegeben hat, wobei man zugeben muss, dass sowohl der erdachte als auch der wahre Inhalt live aus Absurdistan stammen könnten. 

Grischa Tannberg hat gerade sein Studium beendet. Er ist im seiner Meinung nach verschlafenen Gera aufgewachsenen und träumt von einer Stelle in Berlin. Das klappt, denn seine Eltern sind linientreu und einflussreich. Grischa wird in der Staatlichen Plankommission eingesetzt, die in der DDR für die Koordinierung, Erstellung und Überwachung der Fünfjahrespläne zuständig war.

Grischas Erwartungen, sein Wissen einbringen und etwas leisten zu können, werden von seinem Vorgesetzten Ralf Burg abgebremst. Die beiden sind für die Wirtschaftskontakte mit dem Bruderland Afghanistan zuständig. Doch Burg macht seinem neuen Kollegen klar, wo das Problem ist: Die Afghanen freuen sich über Waren aus der DDR, haben aber selbst nichts, was sie den Deutschen verkaufen könnten. Für die beiden Männer gibt es nichts zu tun als die Zeit totzuschlagen und Produktivität vorzutäuschen. "Kunstvolles Warten" nennt Burg das und bittet Grischa um Diskretion. Um seinen Vorgesetzten jedoch klarzumachen, dass er, Burg, vor Arbeit fast absäuft, wurde ihm auf seinen Antrag eine zusätzliche Stelle bewilligt, auf der nun Grischa sitzt. Ein bisschen Theater spielen ist eben alles.

Doch so leicht gibt sich Grischa nicht geschlagen. Nachdem er sich alles verfügbare Wissen über das ferne asiatische Land angeeignet hat, kommt er auf die zündende Idee, wie eine Handelsbeziehung zwischen der DDR und Afghanistan aussehen könnte: Dort, in 5.000 Kilometern Entfernung, gibt es Hanf-Felder so weit das Auge reicht. Mehr als genug, um von dort Medizinalhanf zu importieren und die "afghanischen Bauern in ihrem Freiheitskampf" zu unterstützen. Selbstverständlich hat er mit Burgs Ablehnung gerechnet und sich darauf vorbereitet: Dessen Einwand, nicht "mutwillig Rauschgift importieren" zu wollen, kontert Grischa mit der Bemerkung: "Aber das machen wir doch schon! Wir versorgen die Bevölkerung kontinuierlich mit Alkohol, Nikotin und Koffein, das haben Sie selbst gesagt. [...] Gegen Cannabis gibt es derzeit keine offizielle Parteilinie." 

Bei so viel sozialistischer Argumentation kann kein Chef "Nein" sagen. Und so kommt es, dass Grischa, Burg, eine Biologin und eine strenge Stasi-Offizierin nach Afghanistan fliegen und die erste Charge einkaufen. Kurz nach ihrer Rückkehr nach Berlin organisieren sie die Eröffnung eines deutsch-afghanischen Freundschaftsladens am Grenzübergang Invalidenstraße, in dem es offiziell landestypische Ware aus dem sozialistischen Bruderland gibt: Mützen, Schals und dergleichen. Das Cannabis ist als Bückware erhältlich. Selbstverständlich wird nicht in Mark der DDR, sondern in D-Mark bezahlt. 

Innerhalb weniger Tage spricht sich das ungewöhnliche Angebot herum und der Hanf findet reißenden Absatz, denn der Stoff ist sehr hochwertig und kann gegen eine Quittung legal gekauft werden. Das schlägt Wellen bis nach Bonn ins Ministerium für innerdeutsche Beziehungen. Auch dort herrschte bislang gepflegte Langeweile. Die Meldung vom schwunghaften Cannabis-Handel an der innerdeutschen Grenze reißt die Behörde jedoch aus ihrer Schläfrigkeit. Es kann und darf nicht sein, dass die bundesdeutsche Bevölkerung durch die Hintertür mit dem Rauschmittel versorgt wird. Eine Rechtsreferendarin wird beauftragt, einen Plan gegen diese perfide Aktion auszuarbeiten. Ihr Vorschlag: D-Mark gegen eine Beendigung des Cannabis-Verkaufs. Viel D-Mark.

Lesen?

Jakob Hein bastelt eine aberwitzige Geschichte um eine wahre Begebenheit. 1983 stand die DDR am finanziellen Abgrund, aus dem ihr auch die UdSSR nicht heraushelfen konnte. Damals fädelte der damalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß einen Milliardenkredit ein, der höchstwahrscheinlich die Existenz der DDR verlängerte. Im Gegenzug sagte die DDR-Regierung unter anderem zu, Familienzusammenführungen und Ausreisen zu erleichtern und Selbstschussanlagen abzubauen. Der Vorgang wurde wie in einem Agenten-Thriller abgewickelt und bezog die Mitarbeit eines bayrischen Großschlachters ein. 

Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste ist ein sehr witziges Buch, dass das damalige deutsch-deutsche Verhältnis, das lange Zeit sehr angespannt war, auf die Schippe nimmt und für Lacher sorgt. Egal, ob man dabei nach Ost oder West schaute: Auf dem Feld der Bürokratie waren beide Staaten spitze.

Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste ist 2005 bei Galiani Berlin, einem Inprint des Verlags Kiepenheuer & Witsch, erschienen und kostet gebunden 23 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro (befristet 4,99 Euro).

Nachtrag: Wer mehr über den Milliardenkredit der BRD an die DDR wissen möchte, wird hier gut informiert.




Sonntag, 15. Oktober 2023

# 413 - Eine Familiengeschichte, die nach Schuld und Verantwortung fragt

Anne Rabe ist 1986 in Wismar geboren und aufgewachsen. Sie war drei Jahre alt, als ihr Land, die DDR, unterging. In ihrem Roman Die Möglichkeit von Glück versucht sie die Frage zu klären, wann jemand ein Mitläufer ist und ab welchem Punkt man zum Mit-Täter wird.

Die Hauptperson ist Stine. Sie wurde im selben Jahr und Ort wie die Autorin geboren. An die DDR hat sie wie diese also keine Erinnerungen. Aber die erwachsene Stine, die verheiratet und Mutter von zwei Kindern ist, blickt zurück auf ihre Kindheit und Jugend. Durch die Rückschau erlebt und beobachtet sie in ihrem familiären und beruflichen Umfeld die Folgen, die zwei aufeinanderfolgende Diktaturen für die Persönlichkeiten der Menschen gehabt haben.

Im Fokus stehen dabei ihre Eltern Sven und Monika sowie ihre Großeltern Eva und Paul. Das Verhältnis zu den Eltern ist zerrüttet, weil Stine und ihr jüngerer Bruder Tim unter der Gefühlskälte der Mutter gelitten haben und sich ihre Hoffnung, dass ihr Vater sich für seine Kinder einsetzen würde, nie erfüllt hat. Niemand in der Familie bemerkt, dass das Kind Stine im Alter von fünf oder sechs Jahren anfängt, sich selbst zu verletzen. Doch woher kommt die Eiseskälte der Mutter, deren pädagogisches Motto einem Zitat aus einer Rede Hitlers vor dem Reichsparteitag (1935) zu entsprechen scheint: hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder? Die Kinder haben zu funktionieren, ihre Bedürfnisse spielen keine Rolle.

Rabe schlägt eine Brücke in die Vergangenheit und erzählt von Stines Großvater Paul, der in der DDR Propagandist, Schuldirektor und danach Hochschuldozent war. Ein Mensch, der in ärmliche Verhältnisse hineingeboren worden war und das Beste aus seinem Leben machen wollte. Ein Mensch, der sich in die Nazi-Maschinerie einfügte, Soldat wurde und in russische Kriegsgefangenschaft geriet, aus der er floh. Wie er das geschafft hat, bleibt unklar. 

Paul wollte das Ziel des sozialen Aufstiegs erreichen und hat nach dem Untergang des Deutschen Reichs im Sozialismus der DDR sein Glück gesucht. Als auch die zu einem Teil der Vergangenheit wurde, blieb sie in den Augen der Eltern und Großeltern das bessere Deutschland.

Stine beginnt, über gezielte Recherchen so viel wie möglich über das Leben von Opa Paul herauszufinden. Sie ist davon überzeugt, dass er als Reichs- oder DDR-Bürger Schuld auf sich geladen hat. Fragen kann sie ihn nicht mehr, weil er bereits verstorben ist.
Die junge Frau liest Studien, die von sogenannten Entlastungserzählungen berichten: Die Deutschen wissen zwar um die Verbrechen, die im Nationalsozialismus begangen wurden, aber aus der eigenen Familie war - selbstverständlich! - niemand daran beteiligt. Diese Erzählungen gibt es auch in der eigenen Familie, doch was stimmt daran? Stines Recherchen werfen neue Fragen auf, beantworten aber nur wenige.

Und nach der Wende? Für die DDR-Bürger bleibt praktisch nichts, wie es war. Ihre Gewissheiten lösen sich in Rauch auf, sie finden sich innerhalb kurzer Zeit in neuen Strukturen wieder. Durch die Abwicklung zahlreicher VEB und LPG wird eine Massenarbeitslosigkeit ausgelöst, in deren Fahrwasser sich Neonazis breitmachen. Oder waren die nie wirklich weg?

Lesen?

Anne Rabe schildert, wie sich die DDR im Leben ihrer Bürgerinnen und Bürger ein Stück weit fortsetzt und an ihnen klebt - wie etwas, was man unter dem Schuh hat, aber partout nicht los wird. Die DDR und die Erfahrungen, die die älteren Generationen in und mit ihr gemacht haben, verortet die Autorin als Fortführung des Erlebten aus der Nazi-Diktatur. Kurios: Wer von der DDR zum Beispiel durch einen hohen Bildungsabschluss profitiert hatte, konnte diesen für seine weitere berufliche Laufbahn einsetzen. Dieses Privileg hatten aber nur diejenigen, die sich dort systemkonform verhalten hatten. Wer sich gegen den Staat gestellt hatte, wurde dafür abgestraft: durch Ausschluss vom Abitur oder Studium oder auch durch die Vorgabe des künftigen Berufs. Mit dieser Hypothek starteten die Menschen, die sich gegen das System gestemmt hatten, in die neue Zeit nach der Wende.

In ihrer Betrachtung spart Rabe den Westen Deutschlands fast völlig aus, so, als hätte er auf die Ereignisse im Osten keinen Einfluss (gehabt). Sie wirft nur einen kurzen Blick nach "drüben", als es um Opa Pauls Bruder geht, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg für ein Leben in der BRD entschieden und dort Karriere gemacht hat.

Um Situationen zu verdeutlichen, setzt Rabe einen alternativen Erzähler ein, dessen Passagen kursiv gedruckt sind. Er reflektiert Geschehnisse, indem er Stine direkt anspricht und ihr diese in Erinnerung ruft.

Letztendlich bleiben die Dinge im Ungefähren. Stine verurteilt ihren Opa für Taten, die sie ihm nicht nachweisen kann. Opa Paul kann sich naturgemäß nicht mehr verteidigen und nichts erklären, und so bleibt am Ende der Eindruck, dass viel zu viel geschwiegen wurde und wird - wie so oft.

Die Möglichkeit von Glück ist interessant zu lesen, lässt aber zu viele Fragen offen.
Gegen Ende des Romans versucht Stines Mutter ein letztes Mal, Macht über ihre längst eigenständig lebende Tochter auszuüben. Warum das bei der Protagonistin nicht nur Wut, sondern auch Angst auslöst, bleibt offen, weil die Mutter zu diesem Zeitpunkt im Leben von Stines vierköpfiger Familie keine Rolle mehr spielt. Das zu erklären, dürfte die Aufgabe von Psychologen oder Psychologinnen sein.

Die Möglichkeit von Glück ist 2023 im Verlag Klett-Cotta erschienen und kostet als gebundenes Buch 24 Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Der Roman steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2023.

Freitag, 7. Oktober 2022

# 366 - Skurrilität gepaart mit autobiographischen Inhalten

Jan Faktor wurde in Prag geboren und siedelte 1978
wegen der Liebe nach Ost-Berlin über. Zehn Jahre zuvor hatte er in Prag Annette Simon, die Tochter der Schriftstellerin Christa Wolf, kennengelernt. Sein Sohn Benjamin nahm sich vor zehn Jahren im Alter von 33 Jahren das Leben.

Die Biographie eines Autors vorzustellen gehört normalerweise nicht an den Anfang einer Rezension. Ich mache hier eine Ausnahme, weil es genau das ist, worum es in Jan Faktors aktuellem Roman Trottel geht.

Der Suizid seines psychisch kranken Sohnes ist das größte Trauma in Faktors Leben. Immer wenn es in seinem Buch um ihn geht, verändert sich die Sprache: Beschreibt Faktor sein eigenes Leben oder vergleicht er Prag mit Ost-Berlin, driftet er ab, erfindet neue Wortschöpfungen oder lässt Personen auftauchen, die schon kurz nach ihrer Benennung wieder so gründlich verschwinden, als hätte es sie gar nicht gegeben. 

Wendet er sich hingegen seinem Sohn zu, sind seine Formulierungen klar und beinahe sachlich, die Liebe ist jedoch immer spürbar. Das gilt auch dann, wenn Faktor über Zeiten schreibt, in denen er und seine Frau vom Leben ihres Sohnes nicht viel mitbekommen haben und manches erst nach seinem Tod erfuhren.

Ich habe Trottel dennoch nach dem ersten Drittel abgebrochen. Die Abschnitte, in denen Jan Faktor inhaltlich hin und her gesprungen ist wie ein Känguru auf der Flucht, wurden mir zu viel. Seitenlang ging es um zum Teil aus meiner Sicht redundante Inhalte, die von mindestens ebenso redundanten Fußnoten gespickt waren, die weder die Handlung weiterbrachten noch eine Erkenntnis lieferten.

Lesen?

Im Kapitel "Siebzehnmal darfst du raten" findet sich ein Satz, zu dem ich zustimmend genickt habe:

"Erzähle ich zu viel Überflüssiges - oder sogar den reinen, unsauber randomisierten Unsinn?"

Trottel ist 2022 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als gebundenes Buch 24 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.

Jan Faktor wurde für diesen Roman mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet. Trottel steht außerdem auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2022.

Nachtrag: Auf ihrem Blog Mikka liest das Leben hat Mikka, eine der offiziellen Buchpreisblogger*innen für den Deutschen Buchpreis, ebenfalls den Roman rezensiert. Lest hier, wie er ihr gefallen hat.

Samstag, 27. August 2022

# 361 - Atomkraft - nein danke? Wie die deutsche Kernenergie zu dem wurde, was sie heute ist

Wir leben in einer Zeit, in der Energie knapp zu
werden droht. Die Preissteigerungen sind bereits unübersehbar. Hier und da beschwören Politiker, die sich für fachkundig halten, das Schlimmste abzuwenden, indem man die noch aktiven Atomkraftwerke nicht zum Jahresende 2022 abschaltet, sondern sie noch ein bisschen länger weiterlaufen lässt. Das sei eine kostengünstige Lösung, wird dann noch gern hinterher geschoben. Die, die noch einen draufsetzen wollen, schlagen sogar den Neubau von AKWs vor. Wie sinnvoll ist das tatsächlich?

Der Historiker Frank Uekötter hat genau hingesehen und in seinem Buch Atomare Demokratie - Eine Geschichte der Kernenergie in Deutschland nachvollzogen, wie es in den 1950-er und 1960-er Jahren zum dem Hype um Atomkraftwerke gekommen ist, wer ihren Bau maßgeblich vorangetrieben hat und inwieweit hinter dieser Entwicklung demokratische Entscheidungen gesteckt haben. Auch die Frage, ob es sich bei der Kernenergie wirklich um eine kostengünstige Möglichkeit der Stromerzeugung handelt, wird beantwortet.

Kernenergie galt einst als Zukunftstechnologie und passte zum Lebensgefühl der Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg: Wirtschaft und Konsum zogen an, es wurde immer mehr Energie benötigt. Wie viel genau, wusste niemand so recht. Die Chancen, die viele vor Jahrzehnten in der Technologie sahen, ähnelten dem heutigen Blick aufs Internet: Die Atomkraft sollte durch ihren endlos sprudelnden Energiestrom alles zum Besseren wenden. 

Deutschland war mit seiner Euphorie nicht allein. Rund um den Globus entbrannte der Ehrgeiz, möglichst schnell möglichst leistungsfähige Kernkraftwerke zu bauen. Welche der diskutierten Varianten die beste sein würde, sollte die Zeit zeigen. Aus heutiger Sicht mutet der Überschwang des Philosophen Ernst Bloch sehr befremdlich an, der Ende der 1940-er Jahre in der Kernenergie eine Grundlage der sozialistischen Zukunft sah: "Einige hundert Pfund Uranium und Thorium würden ausreichen, die Sahara und die Wüste Gobi verschwinden zu lassen, Sibirien und Nordkanada, Grönland und die Antarktis zur Riviera zu verwandeln.“

Schwamm drüber, die Realität hat solche Wunschträume längst rechts überholt. Im kollektiven Gedächtnis sind die Bilder des Anti-Atom-Protests tief verankert: Die rote lachende Sonne mit dem Slogan "Atomkraft? Nein danke" fand sich seit Mitte der 1970-er Jahre auf Demos, Pkw-Kofferraumdeckeln oder Taschen. Die Nachrichten berichteten über Demos, deren Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine sehr unterschiedliche Herkunft hatten: Studenten, Wissenschaftler, Juristen, Landwirte und Bürger aus der sog. "Mitte der Gesellschaft" taten sich zu einer der beständigsten Protestbewegungen in der Geschichte der Bundesrepublik zusammen. Was diese Bewegung ausmachte, war nicht unbedingt die Zahl der beteiligten Menschen, sondern ihr jahrzehntelanges Durchhaltevermögen, das in vielen Familien von einer Generation an die nächste weitergegeben wurde.

Der Geschichte der Kernkraft in der DDR ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Die dortige Technologie kam aus der UdSSR und stand in Konkurrenz zur Braunkohle. Ein Ost-West-Austausch fand allenfalls informell und nur sporadisch statt. Nach der Wende wanderten zahlreiche Fachkräfte aus dem Osten in den Westen ab, denn die ostdeutschen Kernkraftwerke waren 1990 nicht mehr in Betrieb. Da die westdeutschen AKW-Betreiber nicht über genügend Fachkräfte verfügten, kamen die neuen Mitarbeiter wie gerufen und haben mutmaßlich dazu beigetragen, dass die westdeutschen Kernkraftwerke bis heute betrieben werden konnten.

Lesen?

Atomare Demokratie - Eine Geschichte der Kernenergie in Deutschland ist ein hochinteressantes Buch, das die Geschichte der deutschen Kernkraft sehr anschaulich zusammenfasst. Frank Uekötter hat dabei einen besonderen Schwerpunkt auf die Frage gelegt, inwieweit die Politik, die Rechtsprechung sowie demokratische Prozesse auf diesen Bereich Einfluss genommen haben. Uekötter hat in einem Buchtrailer dieses positive Fazit gezogen:

"Man merkt, dass Demokratie in der Lage ist, Konflikte deeskalieren zu lassen und am Ende tatsächlich auch zu einer Lösung zu führen."

Das Buch wird durch eine ausführliche Chronologie, ein Quellenverzeichnis, eine Auflistung der erwähnten Kernkraftwerke sowie ein Register vervollständigt.

Atomare Demokratie - Eine Geschichte der Kernenergie in Deutschland ist 2022 im Franz Steiner Verlag erschienen und kostet sowohl als gebundenes Buch als auch als E-Book 29 Euro.

Sonntag, 13. Februar 2022

# 336 - Das Tagebuch des Manfred Krug

Manfred Krug kennt man in Westdeutschland vor
allem aus dem Tatort und der Serie Liebling Kreuzberg. Auch der DDR-Film Spur der Steine
, in dem Krug 1966 die Hauptrolle des Zimmermanns und Vorarbeiters Hannes Balla spielte, und der schon bald nach dem Kinostart verboten wurde, war in der BRD bekannt.

Fast pünktlich zu Krugs 85. Geburtstag, den er am 8. Februar begangen hätte, ist dieses Buch erschienen: Ich sammle mein Leben zusammen - Tagebücher 1996-1997. Der Zeitraum mag kurz erscheinen, doch in diesen beiden Jahren gab es im Leben des Schauspielers einige der einschneidendsten Ereignisse seines Lebens.

Einiges ist allgemein bekannt: Krug als Werbeikone der Telekom, Krug als Hauptdarsteller in den beiden oben genannten TV-Serien oder Krug als erfolgreicher Autor von Abgehauen, einer Abrechnung mit dem System der DDR. Der breiten Öffentlichkeit dürfte jedoch sein über viele Jahre geführtes privates Doppelleben neu sein: Mit seiner Frau Ottilie hatte er drei Kinder, mit einer Kollegin eine uneheliche Tochter. Es gelang ihm lange, die Beziehung geheim zu halten: Ottilie und Manfred Krug bewohnten in Westberlin gemeinsam eine Mietwohnung, direkt gegenüber hatte er eine weitere Wohnung angemietet, sein 'Atelier'. Dass ihr Mann dort seine Geliebte traf, erfuhr Ottilie Krug zufällig, als sie in der Zweitwohnung nachsehen wollte, ob dort noch ein Stück Butter im Tiefkühlschrank ist. Anstelle der Butter fand sie auf dem Ledersessel eine junge Frau in Unterwäsche vor. Das Baby auf dem Fußboden nahm sie gar nicht wahr. Vor 20 Jahren tauchte das Thema kurz in der deutschen Presse auf, um dann in der Versenkung zu verschwinden. Bis heute.

Manfred Krug schlägt in seinen Tagebüchern einen hemdsärmeligen und manchmal schnoddrigen Ton an. So, wie das Publikum ihn zum Beispiel in Interviews erlebt hat, gibt er sich auch in seinen niedergeschriebenen Gedanken. Immer wieder schimmert aber auch der sensible Mensch durch: Mit dem 1997 verstorbenen Jurek Becker verband Krug eine enge Freundschaft. Die beiden Männer standen sich sowohl privat und beruflich nah, und Krug beschreibt seine Gefühle, die er angesichts der sich verschlechternden Gesundheit seines Freundes (Becker litt an Darmkrebs) und bei dessen Beisetzung hatte.

25 Jahre ist es her, dass Manfred Krug die Tagebucheinträge machte. Beim Lesen wird deutlich, wie sehr sich einige Dinge, die den heutigen Umgang der Menschen miteinander ausmachen, geändert haben. Da geht es beispielsweise um Worte, die der Schauspieler ganz selbstverständlich benutzte wie das N-Wort oder den Begriff "türken" sowie seinen Blick auf hübsche Frauen, die im Buch namentlich genannt werden, weil sie "schöne Titten" oder einen "hübschen Hintern" haben. Für Krug waren das alltägliche Aussprüche, er betonte ausdrücklich, kein Rassist zu sein.

Krug war, so legt es sein Tagebuch nahe, ein Mensch mit vielen Facetten. Über das ein oder andere kann man sich durchaus wundern: Er wurde durch einen Fernsehbeitrag auf das Schicksal von polnischen Frauen aufmerksam, die in einem KZ inhaftiert gewesen sind, und beschloss sofort, für sie Geld zu spenden. Allerdings musste vorher eine Möglichkeit geschaffen werden, die Spende steuerlich geltend zu machen. An dieser und weiteren Stellen wird deutlich, dass Krug dem Staat mit Vorbehalten gegenüber stand.

Manfred Krug nahm auch kein Blatt vor den Mund, wenn es darum ging, seine Skepsis oder gar Verachtung auszudrücken. Die Menschen aus der Werbebranche, mit denen er für die Produktion von Fernseh- oder Radiospots Kontakt hatte, hielt er nicht für besonders fähig. Bei praktisch jedem Werbeprojekt griff Krug ein und schrieb den Text um, bis er ihm gefiel. Kompromisse ging er dabei nicht ein. Auch so mancher Drehbuchautor (mit Ausnahme von Jurek Becker) kam bei ihm nicht gut weg.
Mit Verachtung schrieb Krug über den "Ekelprollo-Darsteller" Tom Gerhardt, als dessen Film Ballermann 6 1997 in die Kinos kam: "Man muss Deutschland sehr lieben, wenn man die Deutschen lieben will. [...] Großer Erfolg in den Kinos. Echt würg, eh."

Das zentrale Ereignis, das Krug den Boden unter den Füßen weggezogen hat, war sein Schlaganfall im Sommer 1997. Er beschreibt genau, wo er sich in diesem Augenblick befand, wer bei ihm war und was er empfand. Nach dem Krankenhaus- folgte ein längerer Reha-Aufenthalt, den Krug fast hinter verschlossenen Türen verbrachte, um den draußen lauernden Reportern kein Material zu liefern.

Was machte den Menschen Manfred Krug noch aus? Man erfährt etwas über eines seiner liebsten Hobbys (über den Flohmarkt gehen und Trödel kaufen), seine innige Liebe zu seiner unehelichen Tochter (verbunden mit der Reue, vom Aufwachsen seiner älteren Kinder so wenig mitbekommen zu haben) und seine tief sitzende Unsicherheit: Nach jeder Folge einer TV-Serie waren ihm die Einschaltquoten und Marktanteile sehr wichtig, ebenso die gute Position seines Buches Abgehauen auf der Spiegel-Bestsellerliste. Doch Krug stellt dabei fest: "Aber es sind nicht Viele, die sich außer mir freuen." 

Lesen?

Ich sammle mein Leben zusammen - Tagebücher 1996-1997 ist ein Dokument der Zeitgeschichte, weil es zahlreiche Ereignisse wieder aufleben lässt, die nach und nach in Vergessenheit geraten sind. Allerdings ist das Buch voll mit Namen, die viele wahrscheinlich gar nicht mehr kennen. Ein Register, um die Bedeutung der Personen kurz zu erklären, wäre hier hilfreich gewesen. Mir sind z. B. noch die Namen Harald Juhnke (Schauspieler), Horst Jankowski (Jazzmusiker, Bandleader), Prof. Julius Hackethal (Mediziner), Horst Tappert (Schauspieler), Walter Momper (früherer Regierender Bürgermeister von Berlin) oder Rudolf Bahro (DDR-Dissident) geläufig, aber jüngeren Menschen wohl kaum. Viele andere Personen kennen wahrscheinlich diejenigen, die in der DDR gelebt haben, mir haben viele Namen jedoch nichts gesagt. 

An etlichen Stellen blitzt Manfred Krugs trockener Humor auf, etwa wenn er das Phänomen, dass Hamburger um 21 Uhr die Gaststätten verlassen und nach Hause eilen, als "hamburgische Selbstkasernierung" bezeichnet oder über die erste Folge der seichten Fernsehserie Klinik unter Palmen nur schreibt: "War sicher ein schöner Drehort."

Tagebücher sind etwas sehr Intimes. Die meisten Menschen wollen nicht, dass sie von anderen gelesen werden. Hätte Manfred Krug der Veröffentlichung seiner eigenen Tagebücher zugestimmt? In seinen Erinnerungen an den Tag seines Schlaganfalls schrieb er, dass er unbedingt wollte, dass sein Computer ausgeschaltet wird: "Niemand sollte meine Notizen lesen, das war mir das Wichtigste." Doch ein halbes Jahr später schien er seine Meinung geändert zu haben: "Sollte ich schneller wegsterben als erhofft, und sollte sich ein Verlag finden, der diese Notizen drucken will, so wäre es gut, wenn ein ordentlicher Schreiber das Ganze ein bißchen einköcheln würde." Genau das wurde gemacht.

Ich sammle mein Leben zusammen - Tagebücher 1996-1997 ist 2022 im Kanon Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro. Mit einem Nachwort der Lektorin Krista Maria Schädlich, die alle Bücher Manfred Krugs betreute.

Donnerstag, 23. September 2021

# 309 - Lodert in dieser Ehe noch eine Flamme oder ist es nur noch ein letztes Glimmen?

In ihrem neuen Roman Der Brand steht ein seit fast dreißig Jahren verheiratetes Paar im Mittelpunkt: Peter ist ein 55-jähriger Germanistik-Professor, Rahel eine 49-jährige Psychotherapeutin. Sie leben in Dresden, aber während der drei Wochen, um die es hier geht, ist Dresden weit weg. Was nicht weit weg ist, ist "das Virus": Die Handlung spielt mitten in der Covid 19-Pandemie, wird aber nicht von ihr dominiert.

Peter und Rahel hatten eigentlich geplant, in die bayerischen Alpen zu fahren. Ein Wanderurlaub sollte es werden. Doch die einsam gelegene Ferienhütte brennt kurz vor ihrer Abreise ab. Just in diesem Moment meldet sich Ruth, eine alte Freundin, und bittet um ihre Hilfe: Ihr Mann Viktor hat einen Schlaganfall erlitten und muss für die nächsten drei Wochen in eine Rehaklinik. Sie, Ruth, wird ihn begleiten. Ob Peter und Rahel sich währenddessen wohl um das Haus in Dorotheenfelde kümmern können?

Das Paar kann den Freunden diese Bitte nicht abschlagen und fährt in die Uckermark, um sich um das etwas marode Haus, den Garten und die Tiere - vom flügellahmen Storch bis zur einohrigen Katze - zu kümmern. Es ist das Kontrastprogramm zu dem, was sie ursprünglich vor hatten: keine Wanderferien mit einem hohen Ablenkungspotenzial, sondern ein Aufenthalt in einem Haus in Alleinlage ohne Ablenkung. 

Die Situation bringt Rahel und Peter dazu, sich mit sich selbst und ihrer Partnerschaft zu beschäftigen. Die Leidenschaft zwischen ihnen ist längst erloschen, sie leben schon seit einer Weile wie Bruder und Schwester miteinander. Aber Rahel will sich nicht damit abfinden: Sie hat Angst davor, nicht mehr begehrt und mit der Zeit nur noch als ältliche Oma wahrgenommen zu werden - als ein Mensch, der niemandem mehr auffällt.

Doch Peter verübelt seiner Frau, nicht zu ihm gehalten zu haben, als er ihren Rückhalt gebraucht hätte: Er hatte in einer Vorlesung Olivia P., die als nicht-binär angesehen werden wollte, immer wieder als Frau bezeichnet, woraufhin diese einen Shitstorm gegen ihren Professor initiierte. Peter war die Situation unverständlich geblieben, die Reaktion seiner Frau empfand er als Verrat. "Nenn sie doch einfach, wie sie will!", hatte Rahel gesagt.

Daniela Krien unterteilt ihren Roman in die einzelnen Tage der drei Wochen in Dorotheenfelde. Man erfährt, dass die immer sehr korrekte Ruth mit Rahels bereits verstorbener Mutter Edith befreundet war, Ediths Mutterqualitäten jedoch sehr zu wünschen übrig ließen. Das Wissen, wer Rahels Vater ist, hat Edith mit ins Grab genommen. Aber nun, während Peter und Rahel zum ersten Mal allein in Ruths und Viktors Haus sind, kommen alte Erinnerungen an die Oberfläche. Und eine von ihnen verfestigt sich zu einer Ahnung, wer Rahels Vater sein könnte. Als Rahel sich in Viktors Atelier umsieht und einige Kunstwerke findet, sieht sie ihre Vermutung bestätigt.

Die Ruhe wird jäh von der Ankunft der Tochter Selma und deren beiden kleinen Söhnen unterbrochen. Rahel fühlt sich Selma gegenüber schuldig, weil sie und Peter das Kind schon als Säugling lange bei der Großmutter untergebracht und es nur selten besucht hatten, weil sie selbst in Ruhe studieren wollten. Das egozentrische und sprunghafte Verhalten der erwachsenen Selma ordnet Rahel als frühkindliche Bindungsstörung ein. Das ändert nichts daran, dass Rahel ihre Tochter als anstrengend empfindet - was zu den nächsten Schuldgefühlen ihr gegenüber fühlt.

Der Sohn Simon lebt ein Leben, das seine Eltern nicht nachvollziehen können, das sie aber schweren Herzens akzeptiert haben: Er ist Offiziersanwärter an der Bundeswehruni und will sich zum Heeresbergführer ausbilden lassen. Die Entscheidung für diesen Berufsweg ist für seine Eltern kaum nachvollziehbar.

Lesen?

Der Brand beleuchtet, was sich in vielen Partnerschaften abspielt, wenn die Kinder erwachsen und "aus dem Haus" sind. Das Kümmern um den Nachwuchs fällt weg, an seine Stelle tritt häufig eine sprachlose Leere, die die Bruchstellen einer Beziehung offenlegt. So ist es auch bei Rahel und Peter. Doch in ihrer Geschichte geht es nicht nur um die gemeinsame Vergangenheit, sondern um Beständigkeit, die sich hier nicht nur im positiven Sinne zeigt, sondern auch als rückwärtsgewandtes Verhalten und dem Festhalten am Vergangenen: Manches, was heute als modern gilt, erschließt sich ihnen nicht und bleibt ihnen fremd.

Daniela Kriens klare und strukturierte Sprache verleiht dem Roman eine eigentümliche Atmosphäre, die zwischen Verzweiflung, Trauer und Ratlosigkeit einerseits sowie Zuversicht, Hoffnung und Liebe andererseits pendelt. Leseempfehlung!

Der Brand ist 2021 im Diogenes Verlag erschienen und kostet 22 Euro.

Sonntag, 18. August 2019

# 208 - Fifty Shades of...?


Was fällt fast jedem ein, wenn "Fifty Shades" gesagt wird? Sicher nicht das Buch, das ich heute vorstellen werde: Fifty Shades of Merkel ist das zweite Buch der Politikwissenschaftlerin Julia Schramm und bereits 2016 erschienen. Wer nun vermutet, dass die Kanzlerin hier von einem ihrer Fans porträtiert wurde, liegt falsch: Schramm ist als ehemaliges Mitglied der Piratenpartei und jetziges Mitglied der Partei Die Linke unverdächtig, Angela Merkel in den Himmel zu heben.

In 50 Kapiteln ist Schramm der Bundeskanzlerin auf der Spur. Sie sieht sich deren Leben von ihrer Geburt als Tochter eines evangelischen Pastors in Hamburg bis 2015 an und betrachtet jeden Abschnitt aus verschiedenen Winkeln. Der Zweck des Buches ist trotz der entgegengesetzten politischen Ausrichtung der beiden Frauen nicht, Merkel zu verunglimpfen oder der Lächerlichkeit preiszugeben. 

Schramm geht analytisch und einigermaßen chronologisch vor und versucht, Angela Merkel zu verstehen und zu ergründen. Das ist nicht so einfach, denn die Kanzlerin gehört nicht zu den Menschen, die das Herz auf der Zunge tragen.

Schramm entdeckt sogar - man mag es kaum glauben - Parallelen zwischen Angela Merkel und Helmut Schmidt. Beiden schreibt sie eine hanseatische Gelassenheit zu und eine Politikausrichtung, die sich an den Erfordernissen des aktuellen Moments ausrichtet. 

Doch auch die Eltern Kasner sowie Angela Merkels jüngere Geschwister Irene und Marcus Kasner werden in den Blick genommen. Inwieweit haben sie dazu beigetragen, dass Angela Merkel die wurde, die sie heute ist? Es geht auch um ihren ersten Mann, dessen Namen sie auch nach ihrer zweiten Heirat behalten hat, sowie die politischen Weggefährten, mit denen sie zum Teil sehr gut zusammengearbeitet, sie in manchen Fällen aber auch politisch ermordet hat. Helmut Kohl war ihr bekanntestes Opfer; als "Vatermörderin" wurde sie damals bezeichnet, als sie mithilfe eines Artikels in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Dezember 1999 wegen der Spendenaffäre den Mann vom Thron stieß, der sie als Ziehvater in ihrer Polit-Karriere unterstützt hatte.

Julia Schramm bindet immer wieder amüsantes aus Merkels Leben ein, ihr Buch ist nicht als trockenes wissenschaftliches Werk zu sehen. Da ist zum Beispiel die Geschichte mit der gelben Bluse. Für die junge Angela Kasner war die BRD im Prinzip das Land, in dem Milch und Honig fließen. Eines Tages wünschte sie sich von ihrer Verwandtschaft in Hamburg, von der immer wieder Pakete geschickt wurden, eine gelbe Bluse. So etwas war in der DDR nicht aufzutreiben. Doch sie konnte kaum glauben, was ihre Tante ihr daraufhin antwortete: Auch in der BRD gab es weit und breit keine gelben Blusen, weil diese gerade nicht in Mode waren.

Die Kasners waren keine "normale" DDR-Familie. Sie wurden zunächst misstrauisch beäugt, und die Stasi hat sich das vom Vater betriebene Weiterbildungszentrum für Theologen in Templin in der Uckermark genau angesehen. Angela Merkel hat selbst eingeräumt, dass ihre Kindheit dazu geführt habe, kommunikativ vorsichtig zu sein.

Wie war's?

 

Fifty Shades of Merkel ist so etwas wie ein Angela-Merkel-Rundumschlag, den Julia Schramm so objektiv wie nötig und mit einem gewissen Abstand verfasst hat. Das Buch gibt viele neue Einblicke in das Leben und die Denkweise der Kanzlerin und bleibt dabei im positiven Sinn unterhaltsam.

Fifty Shades of Merkel ist bei Hoffman und Campe erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 15 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro. 
Ich habe das E-Book über die Onleihe bezogen.

Freitag, 30. November 2018

# 175 - Das war 1949 der Neuanfang in Deutschland

Die ersten hundert Tage - das ist der Titel des neuesten Buches von Wolfgang Brenner, der bereits beschreibt, was den Leser erwartet: Der Autor schildert anhand von verschiedenen Episoden, wie es den Deutschen unter den Alliierten und in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) in der ersten Zeit nach den Gründungen der BRD und der DDR ergangen ist. Die vierzehn von ihm vorgestellten Geschichten sind allesamt der breiten Öffentlichkeit praktisch unbekannt.

Von Zoodirektoren, einer gigantischen Explosion und Damenringkämpfen

 

Brenner spürt den kleinen und großen Geschichten des deutschen Alltags in der Zeit der Staatengründungen hinterher und berichtet über Intrigen, verheerende Fahrlässigkeiten oder politische Scharmützel. Da ist zum Beispiel das französische Munitionsdepot im Eifelort Prüm, das sich in einem Bergbunker befand. Kein Deutscher wusste so ganz genau, was genau dort eigentlich gelagert wurde, aber die Einwohner hatten bei dem Gedanken an eine unbekannte Sprengstoffmenge in ihrer direkten Nachbarschaft ein ungutes Gefühl. Zu Recht, wie sich dann herausstellen sollte: Am 15. Juli 1949 explodierten 500 Tonnen Munition mit einer derartigen Wucht, dass sich die Bergkuppe für einen Moment hob. Prüm, das vier Jahre lang aufgebaut worden war, lag in Schutt und Asche. Dass es nur zwölf Tote gab, war dem Einsatz des Landrats und des Gendarmerie-Hauptmanns zu verdanken. 

Auch die Frage, warum sich Schauspielerinnen und Operettensängerinnen als Ringkämpferinnen verdingten, wird beantwortet. Außerdem wird auch geklärt, warum ausgerechnet im Frankfurter Zoo, den damals Bernhard Grzimek leitete, so viele Tiere einen zunächst rätselhaften Tod starben. Gab es einen Zusammenhang zu seiner Vergangenheit als NSDAP-Mitglied? Brenner schildert diese und die weiteren Begebenheiten anschaulich, interessant und oft mit einem Augenzwinkern. 

Schwieriger wird es allerdings in den Abschnitten, die sich den Ereignissen in Berlin widmen und bei denen es um politische Scharmützel zwischen den Alliierten im West- und den Sowjets im Ostteil der Stadt geht. Die Tragweite, die manche Entscheidungen oder Vorfälle auf der einen oder anderen Seite offenbar gehabt haben, hat sich mir nicht durchgehend erschlossen. Manches hätte sicher etwas kürzer ausfallen dürfen, anderes etwas konkreter. Auch ein Personenverzeichnis wäre schön gewesen; viele Namen sagten mir noch etwas, andere waren mir völlig unbekannt. Ich vermute, dass die Zahl der Unbekannten bei jüngeren Lesern noch deutlich höher ist.

Die ersten hundert Tage wirft ein Schlaglicht auf den Neuanfang der beiden deutschen Staaten und erklärt, wie die Deutschen damals "tickten" und wer wirklich das Sagen hatte. Brenners Buch macht auch deutlich, dass sich die Deutschen kaum für politische Fragen interessierten. Das eigene Überleben war für die meisten weit wichtiger.

Die ersten hundert Tage ist im Herder Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 16,99 Euro. 

Freitag, 13. Juli 2018

# 158 - Ein Gesellschaftsroman mit wahren Elementen

Ein mecklenburgisches Dorf als Zentrum des Geschehens

 

Machandel: Das ist der Name eines fiktiven mecklenburgischen Dorfes und des gleichnamigen Debutromans von Regina Scheer, der 2014, passend zum 25. Jahrestags des Falls der deutsch-deutschen Mauer, erschienen ist. Der Dorfame leitet sich vom niederdeutschen Wort für Wacholder ab, der rund um Machandel üppig wächst.

Deutschland von den 1930er bis zu den 1990er Jahren

 

So unbedeutend das winzige Dorf Machandel an sich ist, für die Hauptpersonen in Regina Scheers Roman ist es so etwas wie der Nabel ihres Lebens. Der russische Offizier Grigori strandet hier im 2. Weltkrieg für etwas mehr als ein Jahr ebenso wie die  Arztwitwe Emma aus Hamburg, die es sich zur Aufgabe macht, sieben verwaiste Kinder großzuziehen, deren Mutter verstorben ist, deren Vater als Soldat im Krieg kämpft und deren älteste Schwester in einer Nervenklinik ist - nachdem sie vom Stallarbeiter und späteren Gefangenenaufseher Wilhelm Stüwe vergewaltigt und dann als schwachsinnig denunziert wurde, damit sie ihm nicht gefährlich werden kann.

Doch im Mittelpunkt des Romans steht die 1960 geborene Clara. Wie die anderen Personen, die den Inhalt des Buches wesentlich prägen, spricht sie aus der Ich-Perspektive und zeigt ihre Sicht der Ereignisse. Sie ist die Schwester des 14 Jahre älteren Fotografen Jan Langner, der im Schloss von Machandel geboren wird und erst im Alter von sieben Jahren zu seinen Eltern nach Ost-Berlin zieht. Die beiden sind die Kinder des Kommunisten Hans Langner, der in der DDR verschiedene wichtige Positionen bis hin zum Minister inne hatte und sein Leben lang von einem kommunistischen Staat träumt. Er wird 1935 wie seine Lebensgefährtin Else als Mitglied der Kommunistischen Partei verhaftet und letztlich ab 1943 im KZ Sachsenhausen gefangen gehalten. Als die Rote Armee immer näher rückt, treibt die SS über 30.000 Häftlinge nach Nordwesten. Auf diesem Todesmarsch gelingt Hans Langner gemeinsam mit zwei tschechischen Gefangenen die Flucht und er erreicht schwer krank Machandel. Dort wird er von der jungen Johanna gesund gepflegt, die selbst zusammen mit ihrer Mutter als Flüchtling in das Dorf gelangt ist. Johanna und Hans werden ein Paar.

Clara lernt Machandel erst 1985 kennen. Jan hat seine Ausreise aus der DDR beantragt, und sie wurde genehmigt. Kurz vor dem Abschied schlägt er vor, mit Clara und ihrem Mann Michael nach Machandel zu fahren und ihnen den Ort seiner frühen Kindheit zu zeigen. Ab diesem Zeitpunkt wird das Dorf für Clara zu einer Art Sehnsuchtsort: Sie und Michael kaufen die alte Kate, in der Emma etliche Jahre zuvor mit den sieben Kindern gelebt hat, und richten sie als Wochenendhaus her. Sie verbringen viel Zeit in Machandel, das gerade Clara wie eine Art Oase und Ruhepunkt erscheint. Doch im Laufe der Jahre erfährt sie immer mehr über die Bewohner - die früheren und die jetzigen - und die Geschichte des Dorfs. Flucht, Gewalt und Erniedrigung hat dieser Ort gesehen, aber auch Zusammenhalt und Liebe. Clara lernt im Laufe der Jahre auch immer mehr über ihre eigene Familie. In ihrem eigenen Leben geht es auf und ab, doch ein Wunsch begleitet sie immer: Sie würde gern ihren Bruder wiederfinden. Niemand aus der Familie oder von seinen Freunden hat Jan seit seiner Ausreise aus der DDR wiedergesehen. Doch es gibt Spuren, an die sich sein alter Freund Herbert heftet: Immer wieder werden seine Fotos in Zeitschriften veröffentlicht - aus Kuba, Nicaragua oder Bolivien. Aber die Fotos sind nicht mit seinem Namen gekennzeichnet: Unter jedem Bild steht einfach nur "Machandel".

Lesen?

 

Machandel ist ein äußerst vielschichtiger Roman, in den man förmlich eintaucht. Da es sich nicht um eine chronologische Handlung handelt, sondern die Personen nacheinander ihre Sicht auf die Vergangenheit erzählen, gelingt es sehr gut, sich in sie hineinzufühlen. Jeder hat ein Geheimnis oder leidet unter der Erinnerung an oft lange zurückliegende Ereignisse. Nur der Leser weiß, warum die Menschen auf die eine oder andere Art gehandelt haben. Wie wäre ihr Leben wohl verlaufen, wenn sie mehr miteinander geredet hätten?

Regina Scheer wurde 1950 in Ost-Berlin geboren und hat die DDR auch dann nicht verlassen, als sich die Möglichkeit ergeben hatte. Der Osten Deutschlands und vor allem Berlin ist darum auch der Schwerpunkt ihres Buchs. Wer in der DDR aufgewachsen ist oder die Situation dort verfolgt hat, wird auch viele Namen von einst wichtigen Personen wiedererkennen; auch die, die nicht explizit genannt, sondern nur beschrieben werden.

Machandel ist in der mir vorliegenden Ausgabe 2017 im Penguin Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 10 Euro, als gebundene Ausgabe 22,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 8,99 Euro.
Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir das Buch zur Verfügung gestellt hat. 

 

 

Mittwoch, 8. März 2017

Im Februar: Boston, Balkan, Deutschland

Balkankrieg, Schriftsteller im Exil, Fluchthilfe für DDR-Bürger und grausame Morde in Boston


Die Überschrift legt es schon nahe: Im Februar ging es, zumindest was die Inhalte der vorgestellten Bücher betrifft, sehr unruhig zu.


Wie der Soldat das Grammofon repariert war vor etwas mehr als zehn Jahren der Debutroman des bosnischen Schriftstellers Saša Stanišic. Es geht um die Perspektive des 14-jährigen Aleksandar auf den Ausbruch und die Folgen des Balkankriegs, wobei der Leser in der Hauptfigur schnell den Autor selbst wiedererkennt. Die Familie flieht bis nach Deutschland, aber ein Heimatgefühl will sich nicht einstellen. Das Buch war 2006 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, konnte mich aber wegen seiner Abschweifungen und des teils ermüdenden Schreibstils nicht fesseln.
Der Autor ist hier während einer Lesung in einer Buchhandlung zu sehen:













Das Buch konnte mich nicht überzeugen und erhält


(von 5)




Ein sehr interessantes Buch ist Maik Grote mit Schriftsteller im Exil – 1933-1935 gelungen. Viele der Großen aus der damaligen deutschen Schriftstellerszene sahen sich gezwungen, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ins Ausland zu emigrieren: weil sie Juden waren, eine nicht systemkonforme politische Anschauung hatten oder homosexuell gewesen sind. Sie verloren nicht nur ihre Heimat, sondern in den meisten Fällen auch ihren Besitz und viele Kontakte. Es gab auch Versuche, die Arbeiten der Exil-Schriftsteller zu bündeln und ihnen eine Stimme zu geben. Ob dies gelang, ist eines der Themen in diesem sehr genau recherchierten Buch.
Über Maik Grote konnte ich leider nichts in Erfahrung bringen, was über sein Buch hinausginge.
Grote hat mit seinem Erstlingswerk Geschichte greifbar gemacht und sich sehr um die Darstellung von Einzelheiten bemüht, die allgemein eher unbekannt sind. 







 
In Der Wels – Freiheit oder Diktatur von Hans-Gerd Pyka geht es um den Fluchthelfer Max Weidendorf, der DDR-Bürgern bei ihrer Flucht in den Westen hilft. Was 1966 in einer locker-gelösten Stimmung beginnt, wird im Laufe der Jahre zu einer ernsten und gefährlichen Angelegenheit. Und zu einer sehr lukrativen Einnahmequelle. Die Figur des Max Weidendorf steht in großen Teilen für Kay Mierendorff, einen Fluchthelfer, der in den 1960-er bis 1980-er Jahren über 1.000 DDR-Bürger über die deutsch-deutsche Grenze geschmuggelt hat.
Die Bundesstiftung Aufarbeitung hat unter der Adresse Zeitzeugen zahlreiche weiterführende Links und Inhalte zum Thema Flucht und Fluchthilfe in der DDR zusammengestellt. Ein sehr interessantes und gut geschriebenes Buch.





 

Am Ende des Monats wurde es richtig blutig: In Der Meister, dem zweiten Band aus der Serie um die Bostoner Polizistin Jane Rizzoli und der Rechtsmedizinerin Maura Isles, schildert die bekannte Krimiautorin Tess Gerritsen eine Mordserie, die eine frappierende Ähnlichkeit mit der hat, wegen der sie ein Jahr zuvor ermittelte – und dabei fast selbst zum Opfer geworden wäre. Spannend erzählt mit etlichen schaurigen Momenten.




Informationen von Tess Gerritsen über die beiden Hauptfiguren bietet dieses Video: 














An manchen Stellen war es mir zu bluttriefend, darum


  

Ich hoffe, es war für euch etwas dabei und freue mich, wenn ihr auch im März wieder hier vorbeischaut.

Sonntag, 19. Februar 2017

# 88 - Fluchthilfe in Deutschland


Von hüben nach drüben – ein Risiko für alle Beteiligten




Mit Der Wels – Freiheit oder Diktatur hat Hans-Gerd Pyka seinen zweiten Roman veröffentlicht. Besonders interessant: Die Handlung ist nicht völlig frei erfunden, sondern beruht auf den Erlebnissen des in den 1960-er bis 1980-er Jahren bekannten Fluchthelfers Kay Mierendorff, der mehr als 1.000 DDR-Bürgern zur Flucht nach Westdeutschland verhalf.



Was ist die Motivation für die Fluchthilfe im großen Stil?




Am 18. Dezember 1966 beginnt für den jungen Max Weidendorf so etwas wie ein neues Leben: Der 21-Jährige tritt in Berlin eine Stelle als Leiter der Alliierten-Wohnungen in der Zehlendorfer Siedlung Onkel  Toms Hütte an. Das Viertel ist von den US-Streitkräften besetzt, amerikanische Soldaten und ihre Familien sind von nun an seine Kunden.  Zum Job gehören außer dem Monatsgehalt von 3.000 DM eine große, moderne Dienstwohnung und ein Dienstwagen. Seine Frau Carola bekommt ebenfalls eine Stelle. Doch Max weiß schon an seinem ersten Arbeitstag, dass ihm das auf Dauer nicht reicht: Er will einmal richtig viel Geld verdienen. Dieses Ziel steht für ihn über allen anderen. Schon Tage später „erweitert“ Max seine Arbeit um neue Betätigungsfelder: Er vermittelt Autos an US-Soldaten und verhökert US-Ware. Das bringt schon in den ersten beiden Wochen in der „Onkel Tom“ 2.500 D-Mark ein. Max hat Blut geleckt.



Max‘ „Karriere“ als Fluchthelfer beginnt durch einen Zufall




Als eine der Wohnungen am nächsten Tag neu vergeben werden soll, der Vormieter aber den Schlüssel nicht abgegeben hat, muss ein Handwerker kommen, um das Problem zu beheben. Es erscheint Lutz. Er bohrt das Schloss auf, weigert sich aber, sich um einen weiteren Schaden zu kümmern. Es ist Freitag, und Lutz hat eine Einreiseerlaubnis zu seiner Tante in Ost-Berlin. Tatsächlich will er in Ost-Berlin seine Freundin Julia besuchen, die nur bis Sonntag Zeit hat. Der mit Max befreundete Soldat Frank Miller spricht aus, was den Anstoß für alles Weitere gibt: „Warum holen wir das Fraulein nicht rüber?“, fragt er in gebrochenem Deutsch. Der Transfer ist sehr einfach: Zwischen West- und Ost-Berlin gibt es zu diesem Zeitpunkt keine Kontrollen für die Fahrzeuge der drei westlichen Besatzungsmächte. Doch auch, was zunächst so simpel aussieht, muss sorgfältig geplant werden. Julias Einstieg in einen Jeep der US-Army darf niemandem auffallen, und die geliehene Uniform muss Max tadellos passen. Eigentlich war diese Aktion nur als Testlauf gedacht, doch Julia beschließt, im Westen zu bleiben. Für diesen Transfer verlangt Max noch keine Bezahlung.

Durch einen weiteren Zufall kommt es zur nächsten Fluchthilfe, bei der es nun auch um Geld geht. Ilse Barnick will zusammen mit ihrem Sohn aus Ost-Berlin flüchten. Von ihrem geschiedenen Mann weiß Max, dass die Frau „Judengold“ besitzt, das von einem SS-Sturmbannführer stammt. Mit dem Gold kann sie in der DDR nichts anfangen, aber sie kann damit Max für seine Fluchthilfe bezahlen. Die Fluchthilfe gelingt, vom Gold ist anschließend keine Rede mehr. Max geht leer aus. Doch Schaden macht klug: Er lernt aus jedem Fehler und perfektioniert sein System so erfolgreich, an dem sich immer mehr Menschen, darunter einige US-Soldaten, beteiligen, dass die Fluchthilfe seine Haupteinnahmequelle wird. Die Arbeit als Hausverwalter erledigt er nebenbei und mit der Hilfe seiner Frau.

Max erreichen immer mehr Hinweise auf Menschen, die die DDR verlassen wollen. Ganz überwiegend sind es solche, die über eine akademische Ausbildung und Berufserfahrung verfügen: Ärzte und Ingenieure sind darunter, die im Westen ihr Glück finden und eine Zukunft in Freiheit haben wollen. Max bekommt eine erste Warnung der CIA, sich künftig nicht mehr der Hilfe von Mitgliedern der amerikanischen Streitkräfte zu bedienen – und ignoriert sie. Es läuft gerade einfach zu gut für ihn: Mit seiner Fluchthilfe will er einerseits unzufriedenen DDR-Bürgern zu einem besseren Leben im Westen verhelfen, andererseits aber auch Geld verdienen. Es dauert nicht lange, bis er pro erfolgreichem Transfer fünfstellige Beträge verlangt, die auch in Raten abbezahlt werden können. Carola sieht die Geschäfte ihres Mannes zwiespältig: Einerseits hat sie Angst vor den möglichen Konsequenzen, andererseits übernimmt sie ab 1968 die Buchführung und nimmt sich dafür aus dem häuslichen Tresor monatlich 1.000 DM zu ihrer freien Verfügung. In der ersten Hälfte des Jahres 1968 macht Max mit der Fluchthilfe sowie dem Handel mit Autos und US-Waren einen Gewinn von 93.000 DM. Doch im Laufe der Zeit werden sich die Eheleute zunehmend fremd, was nicht ohne Folgen bleiben soll.



Keine Flucht bleibt unbemerkt




Der spürbare Abgang von Bürgern ist natürlich auch der Staatssicherheit der DDR ein Dorn im Auge. Max fühlt sich zunächst zwar verfolgt, aber es ist nicht mehr als ein vages Gefühl, für das es keine Belege gibt. Doch im Oktober 1971 wird eine Prostituierte ermordet aufgefunden, bei der Max Stammgast gewesen ist. Mit ihr wurde ein Freier ermordet, der kurzfristig den ansonsten für Max reservierten Termin bekommen hat. Max hat zum ersten Mal Angst und legt sich eine Pistole zu. Auch Carola hat jetzt manchmal den Eindruck, verfolgt zu werden.

Mit dem ab Juni 1972 gültigen Reiseabkommen zwischen der BRD und der DDR öffnet sich für Max und seinen immer größeren Helferkreis eine neue Tür: Westdeutsche können nun ohne große Probleme nach Ost-Berlin und in die DDR reisen. Max weitet das Geschäft aus und wird dabei immer professioneller. Nur sehr selten fliegt eine Flucht auf. Er erfährt allerdings zu spät vom Plan seines Bruders Manni, einer jungen Frau und ihrem Kind zur Flucht zu verhelfen. Mannis dilettantische Aktion fliegt auf, er wird verhaftet und zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Max wird den Verdacht nicht los, dass sein Bruder ein Stück weit für ihn mit büßen soll.

Max‘ Team arbeitet später mit gefälschten Fahrbefehlen der US-Army und immer neuen trickreich umgebauten Fluchtfahrzeugen. Da findet Max Ende April 1972 den Mechaniker Jupp erhängt in seinem Haus auf; den Mann, der durch seinen Einfallsreichtum und seine handwerklichen Fähigkeiten aus einem normalen Fahrzeug ein ausgetüfteltes Fluchtfahrzeug machen konnte und so entscheidend zum Erfolg der Fluchthilfeaktionen beigetragen hat. Ein Selbstmord kann ausgeschlossen werden: Seine Hände sind ihm vor seinem Bauch zusammengebunden worden.

Die beängstigenden Erlebnisse häufen sich, und Max beschließt, die Fluchthilfe nicht mehr selbst durchzuführen, sondern sie nur noch aus der Ferne zu leiten. Mit Carola und seinen 1968 und 1970 geborenen Söhnen zieht er an die Ostsee nach Kellinghusen. Dort, so denkt er, wird ihn die Stasi sicher in Ruhe lassen. Max trägt ab sofort vom Aufstehen bis zum Schlafengehen eine schusssichere Weste. Aber er soll merken, dass er sich in der Stasi entschieden geirrt hat: Sie beginnt, sich noch mehr für ihn zu interessieren, als er eine neue Fluchtroute über die österreichisch-ungarische Grenze zu nutzen beginnt.



Ein Vermächtnis




Jürgen Weiske, ein Freund Kay Mierendorffs und Herausgeber dieses Buches, sorgte auf dessen Wunsch dafür, dass seine Erlebnisse in einem Roman aufgearbeitet wurden. Das Erscheinen von Der Wels – Freiheit oder Diktatur im Herbst 2016 hat Mierendorff nicht mehr erlebt: Er starb bereits vier Jahre zuvor an Krebs. Das Buch trägt die Widmung „gewidmet all jenen, die es nicht geschafft haben“. Es lehnt sich trotz seiner fiktiven Elemente so stark an das von Mierendorff Erlebte an, dass es starke autobiographische Züge hat. Hans-Gerd Pyka hat auf dieser Grundlage einen spannenden Roman vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte zu Zeiten des Kalten Krieges geschaffen, der durch immer wieder eingestreute Hinweise auf das damalige politische Geschehen eine große Authentizität hat.



Der Wels – Freiheit oder Diktatur ist bei epubli erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 25,99 € sowie als Kindle- oder epub-Edition 9,99 €

Freitag, 11. September 2015

# 15 - Reisen durch die UdSSR - unter den widrigsten Bedingungen

Mit dem Transitvisum eigene Routen bereisen - Individualreisen von DDR-Bürgern in die UdSSR

 

Es ist ja jetzt schon wieder so lange her, dass sich jüngere Deutsche daran nicht erinnern können - egal, ob sie aus West- oder Ostdeutschland stammen: Bis zur Wende 1989 durften die Bürger der DDR die Sowjetunion nur in Pauschal-Reisegruppen besuchen. Individualreisen dorthin waren grundsätzlich nicht vorgesehen. Doch es gab eine lose Gruppierung von Menschen, denen das nicht genug war: UdF. Nach ihnen ist das Buch benannt, das ich euch heute vorstelle: Unerkannt durch Freundesland wurde 2011 von Cornelia Klauß und Frank Böttcher im Lukas Verlag herausgegeben.



Risiko und Strapazen für Freiheit und Abenteuer

 

 

In 24 Reiseberichten unterschiedlicher Autoren wird von der illegal erlangten Reisefreiheit erzählt, die durch einen formalen Trick möglich wurde: Die sowjetische Regierung hatte 1968 nach dem Einmarsch ihrer eigenen sowie Soldaten befreundeter Staaten in die ČSSR (Tschechoslowakei) und der Beendigung des "Prager Frühlings" das Transitvisum für diejenigen DDR-Bürger eingeführt, die nach Bulgarien oder Rumänien reisen wollten. Es galt in der UdSSR für eine Transitdauer von 48 Stunden. Diesen Zeitraum hielt die sowjetische Regierung für ausreichend, um diese Passage zu schaffen. Doch einzelne Bürger der DDR nutzten die Gelegenheit, um ihre eigenen Reisepläne zu verwirklichen: Waren sie erst einmal in der Sowjetunion, ignorierten sie diese Vorgabe und wanderten, fuhren oder flogen kreuz und quer durch das riesige Reich mit seinen elf Zeitzonen und enorm unterschiedlichen Kulturen, Lebensweisen und klimatischen Verhältnissen.



Von der mongolischen Gastfreundschaft kann man nur träumen




Der heutige Pfarrer Gernot Friedrich brach 1968 zu seiner ersten größeren Reise auf. Erst im zweiten Anlauf schaffte er es bis nach Brest (Weißrussland). Völlig überraschend bekam er versehentlich einen Einreisestempel, der ihn berechtigte, in die Sowjetunion einzureisen. Da er damit nicht gerechnet hatte, beschloss er spontan, den nächsten Zug nach Moskau zu nehmen. „Der Zug ist schon ausverkauft. Fahren Sie doch nach Leningrad, das kostet auch 17 Rubel“, empfahl ihm der Bahnbeamte. Ähnlich zufällig wie diese verliefen fast alle anderen im Buch geschilderten Reisen. Viele wurden die sich in einem Augenblick ergebenden Umstände von einem Ort zum anderen getrieben.

1970 lernte Friedrich bei einer Reise in die Mongolei auf seiner Wanderung einen Einheimischen kennen, der gerade seine Wäsche im Fluss wusch. Dieser lud ihn zu sich in seine Jurte ein und verpflegte ihn. Wie für alle Mongolen gehörte es auch für diesen selbstverständlich zur Gastfreundschaft, einem Reisenden seine eigene Frau für die Nacht anzubieten. Doch Friedrich geriet nicht in die Verlegenheit, dies ablehnen und den Mann vor den Kopf stoßen zu müssen: Die Frau seines Gastgebers befand sich zu seiner Erleichterung gerade zur Entbindung im Krankenhaus. Schon ein Jahr später besuchte er erneut seinen mongolischen Freund und hatte wieder Glück: Dessen Frau war auch diesmal im Krankenhaus, weil sie ein Kind bekommen hatte.

War es zunächst noch Abenteuerlust, die Friedrich immer wieder in die Sowjetunion trieb, kam nach einigen Reisen ein weiteres Motiv hinzu: Er bemerkte, dass es dort zwar etliche christliche Gemeinden gab, Bibeln aber eher Mangelware waren. Also schmuggelte er Bibeln in die entlegendsten Gegenden und hatte manchmal auch Helfer. Mit seinem Tun geriet er in den Fokus der Stasi und musste für ein Jahr seinen Personalausweis zurückgeben, womit man ihn damals an seiner empfindlichsten Stelle traf. Erst lange danach hat er aus den über ihn angelegten Stasi-Akten erfahren, in welchem Ausmaß seine Überwachung stattgefunden hat: In acht Bänden wurde auf mehr als 3.000 Seiten sein Leben dokumentiert.


Ein tiefer Einblick in das Leben der Menschen 

 

 

Allen UdF-Reisenden war gemeinsam, dass sie ein großes Interesse an der Lebensweise und Kultur der Menschen, die sie unterwegs kennenlernten, hatten. Die Motive, sich mit nur wenig Geld, einem oft unklaren Ziel und mit jeder Menge Optimismus, dass alles gutgehen möge, auf den Weg zu machen, waren jedoch sehr unterschiedlich. Neben der Abenteuerlust und dem Schmuggeln von Bibeln war es auch der Wunsch, die Natur in "eigentlich" für Ausländer nicht zugänglichen Gegenden kennenzulernen oder sich beim Bergsteigen nicht nur auf die Sächsische Schweiz beschränken zu müssen, sondern die Gipfel des Kaukasus und Pamir zu erklimmen. Auch die Begeisterung für oppositionelle Literatur ließ manche diesen Weg wählen.

So gut wie niemand von ihnen hatte vor, der DDR den Rücken zu kehren. Eine Ausnahme machte Jürgen van Raemdonck, der mit dem System haderte und zusammen mit einem Freund auf die Idee kam, den Transit durch die Sowjetunion als Fluchtweg zu nutzen, also ostwärts in den Westen zu flüchten. Der Plan: Da der amerikanische Militärstützpunkt Point Hope in Alaska nur 400 Kilometer von der Eismeerküste Nordostsibiriens entfernt liegt, sollte das Übersetzen über das Packeis kein Problem sein. Es musste nur der Zeitpunkt abgewartet werden, zu dem der Atomeisbrecher "Sibir" seine Fahrten einstellte und sich die Eisdecke schloss. Da war die Aktuelle Kamera [Anm.: Nachrichtensendung der DDR] eine wertvolle Hilfe: Hier erfuhren die Freunde, dass ihr Vorhaben ab Mitte Oktober klappen könnte. Beim ersten Anlauf 1986 starteten die beiden mit stolzen 220 Kilogramm Gepäck: Nichts sollte sie aufhalten, sie wollten völlig autark sein. Raemdonck und sein Freund kamen immerhin bis Ostsibirien, wo sie sich am Fluss Kolyma ein Kajütboot "liehen", das keinen Motor hatte. Doch sie hatten die Tücken des Flusses unterschätzt: Das Boot versank in einer Stromschnelle und riss so gut wie ihr gesamtes Hab und Gut mit sich in die Tiefe. Sie konnten sich auf ein Inselchen retten und wurden dort nach ein paar Stunden von Pelztierjägern aufgelesen. Über Umwege reisten sie nach Hause und machten unterwegs noch Bekanntschaft mit dem KGB.
Nach dieser Niederlage begannen sie sofort, einen neuen Plan auszuarbeiten, der sie nach Point Hope führen sollte. Doch ihre Reise endete ein Jahr später an derselben Stelle, und sie wurden erneut dem KGB vorgeführt - denselben Beamten, die sie bereits im Jahr zuvor verhört hatten. Kurz zuvor war Michael Rust auf dem Roten Platz gelandet, und der KGB-Mann fragte die beiden Männer sichtlich genervt, warum die Deutschen sie nicht in Ruhe lassen könnten. Darauf die Antwort von Raemdonck: "Wir haben uns doch im Vorjahr mit einem freundlichen 'Auf Wiedersehen' verabschiedet. Und unter Freunden hält man Wort."
Was nicht im Buch steht: Raemdonck wurde 1989 ausgebürgert, hat also auf einem anderen Weg seinen Willen bekommen. Seit 1991 lebt er in Vorpommern.

Viele Eindrücke und Anekdoten

 

Was lernt der Leser noch? Zum Beispiel, wie man sich auf einer muslimischen Hochzeit, zu der man spontan eingeladen wird, NICHT benimmt, um nicht eine hochnotpeinliche Situation heraufzubeschwören.
Oder dass es nicht unbedingt eine gute Idee ist, als illegal Reisender an einem Sportwettbewerb teilzunehmen und anschließend in der Presse, dem Fernsehen und im Rundfunk erwähnt zu werden.

Viel Raum nimmt die Beziehung zu anderen Menschen ein: Die Angst, die sich einstellt, wenn sich Uniformierte nähern, aber auch die großherzige Hilfsbereitschaft der Einheimischen, die immer sofort bereit sind, Wohnung und Tisch mit ihnen völlig Fremden zu teilen und keine Gegenleistung zu erwarten. Das gilt z. B. auch für die Menschen in Aserbaidshan, über die Robert Conrad schreibt: Sowohl am Rand der Hauptstadt Jerewan (Eriwan) als auch auf dem Land hatte er auf seiner Reise 1985 damals Slums, deren Bewohner in Erdhütten lebten, die ein Dach aus Laub und etwas Dachpappe hatten, gesehen.
Alle UdFler, die Ende der 1980er Jahre in den damaligen Sowjetrepubliken unterwegs waren, berichten vom Geist der Veränderung, der sich durch die Gesellschaft zog und bekanntermaßen letztendlich in den Zerfall der UdSSR mündete.

Das Buch ist nicht nur durch seine sehr unterschiedlichen Reiseberichte, sondern auch wegen seiner unzähligen Fotos, die unterwegs aufgenommen worden sind, ein Zeitdokument, wie es so nur selten zu finden ist. 


Das Buch zum Film

 

Das Buch Unerkannt durch Freundesland  war in dieser Form zunächst nicht geplant. Der Veröffentlichung ging der gleichnamige Film aus dem Jahr 2006 voraus, für den ebenfalls Cornelia Klauß verantwortlich war. Er ist nicht inhaltsgleich mit dem Buch, aber beide stehen für dasselbe Lebensgefühl. Der Film kann in vier Teilen bei youtube angesehen werden, den ersten Abschnitt gibt es hier: Teil 1 Unerkannt durch Freundesland.

Bereits seit 2005 gibt es die Webseite Unerkannt durch Freundesland. Dort finden sich weitere Informationen sowohl zur UdF-Bewegung als auch zum Film.
 

Alle, die sich für die jüngere deutsche Geschichte interessieren oder sich über Einblicke in eine für uns fremde und teilweise vergangene Welt freuen, sollten dieses Buch lesen. Es ist so interessant und abwechslungsreich, dass man es immer wieder zur Hand nimmt, und sei es nur, um sich die Fotos anzusehen.