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Freitag, 1. April 2016

# 44 - Eine Atombombe auf dem Weg nach Schweden

Weltgeschichte humorvoll verpackt

 

Ich habe beim ersten Buch von Jonas Jonasson "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" etliche Male gelacht und mich auf seinen zweiten Roman Die Analphabetin, die rechnen konnte gefreut. Die Kombination aus Weltgeschichte und skurrilem Humor hatte mich damals bestens unterhalten.

Afrika als Wiege des Weltgeschehens

 

1961 wird in einem Slum im südafrikanischen Soweto Nombeko Mayeki geboren. Ihr Schicksal der ewigen Armut scheint von Anfang an besiegelt zu sein. Tatsächlich wird sie ihren Vater nie kennenlernen, der ihre Mutter bereits verlassen hat, als Nombeko nichts weiter als eine befruchtete Eizelle war. Die Mutter wiederum betrauert ihr Schicksal mithilfe von Medikamenten. Als Nombeko im Alter von fünf Jahren beginnt, wie viele andere als Latrinentonnenträgerin zu arbeiten und sich dadurch das Familieneinkommen erhöht, erweitert sich das Repertoire der Mutter auf Alkohol und andere Suchtmittel. Die finanzielle Situation der beiden verbessert sich durch Nombekos Einkommen also nicht. Fünf Jahre später stellt sie ihrer Mutter ein Ultimatum: Sie soll entweder aufhören, das Geld zu verschwenden oder sich eine andere Lösung überlegen. Gesagt, getan: Kurz danach stirbt die Mutter, und Nombeko muss ihr Geld mit niemandem mehr teilen. Doch das Kind ist keine typische Zehnjährige, sondern fällt schon früh durch sein Rechentalent und seine Cleverness auf. So schafft Nombeko es auch, einen Mann, der ihr an die Wäsche will, nicht nur davon abzuhalten, sondern ihn mit einer Drohung dazu zu bringen, ihr Lesen beizubringen. Die Phase, in der Nombeko Analphabetin ist, nimmt also in der Handlung nur einen sehr kleinen Teil ein. Als der Mann unerwartet zu Tode kommt, wird sie auf einen Schlag wohlhabend: Ihr war schon lange das verdächtige Funkeln im Mund ihres Lesementors aufgefallen, und bei näherem Hinsehen entpuppen sich die Zahnfüllungen des Toten als Diamanten. Getreu dem Motto "Wo etwas ist, da ist auch noch mehr", findet sie im Haus des Mannes unter dem Linoleumbelag des Fußbodens eine noch größere Menge Diamanten, die sie sich in ihre einzige Jacke einnäht. 

Die eigene Sichtweise eines Apartheidregimes

 

Nombeko kann sich nicht lange über ihren Fund freuen: Der stockbesoffene Ingenieur  Engelbrecht van der Westhuizen überfährt sie mit seinem Auto auf dem Gehweg. Eigentlich sollte die Schuldfrage klar sein, doch die Apartheid hatte ihre eigenen Gesetze: Schwer verletzt wird sie vor Gericht gestellt und mit einer abstrusen Begründung dazu verurteilt, das gegen sie verhängte Bußgeld innerhalb von sieben Jahren bei Westhuizen als Putzfrau abzuarbeiten. Ihre Diamanten verschweigt sie wohlweislich. Ihr Plan, bei der erstbesten Gelegenheit zu fliehen, erledigt sich kurz nach der Verurteilung: Westhuizen ist der für das geheime südafrikanische Atomwaffenprogramm verantwortliche Ingenieur und lebt und arbeitet in Pelindaba - einem hermetisch abgeschotteten Forschungsgelände, das von Wärtern und Wachhunden kontrolliert und mit Starkstromzäunen gesichert wird. Doch der Aufenthalt hat eine positive Seite: Nombeko hat Zugang zur dortigen Bibliothek und erwirbt sich im Laufe der Jahre so viel Wissen, dass sie für den völlig unfähigen Ingenieur zu einer unentbehrlichen Stütze wird. Immer wieder gelingt es ihr, Westhuizens Unkenntnis zu vertuschen und so seinen Kopf zu retten - und ihren eigenen gleich mit, weil sie als Geheimnisträgerin keine Stunde mehr zu leben hätte, wenn die Dummheit ihres Chefs aufflöge. Selbstverständlich weiß er das nicht zu würdigen, weil er in seinem rassistischen Schwarz-Weiß-Denkmuster verhaftet ist.

Der Wahnwitz hat Methode

 

Ohne zu viel verraten zu müssen kann gesagt werden, dass Nombeko zwar mehr als sieben Jahre in Pelindaba bleibt, aber es ihr gelingt, mithilfe von zwei israelischen Geheimagenten zu fliehen. Israel ist zwischenzeitlich Südafrikas Atombomben-Kooperationspartner geworden. Doch bei der Bombenproduktion unterläuft Westhuizen ein nicht mehr zu tilgender Fehler: Statt der von der Regierung geforderten sechs hat er versehentlich sieben Atombomben bauen lassen. Doch da ändert sich die Situation: Der ANC bekommt politischen Aufwind, und der weiße Präsident Botha will auf keinen Fall, dass bei einem eventuellen Machtwechsel der neuen schwarzen Regierung Atomwaffen in die Hände fallen. Also ordnet er die Zerstörung der sechs Exemplare an, deren Existenz bekannt ist und verpackt dies als Selbstmarketing-Aktion. Doch nun hat Ingenieur Westhuizen ein Problem: Wohin mit der siebten Bombe?

Hier kommt wieder Nombeko ins Spiel. Sie will nach Schweden fliehen, und bittet die drei Chinesinnen in der Poststelle von Pelindaba, mit denen sie befreundet ist, um einen Gefallen: Sie sollen ein Paket mit zehn Kilogramm von Nombekos heißgeliebtem getrockneten Antilopenfleisch an die israelische Botschaft in Stockholm und eine größere Kiste zusammen mit den Diplomatenpoststücken nach Jerusalem senden. Doch so einfach soll es nicht werden, sich der überzähligen Atombombe zu entledigen.

Als politischer Flüchtling kommt Nombeko in ein Flüchtlingslager in der Nähe von Stockholm und lernt dort zufällig den gleichaltrigen Holger Qvist kennen, der dort gerade Bettdecken und Kissen ausliefert. Holger hat einen gleichnamigen Zwillingsbruder, der als der Erstgeborene der beiden gilt und nur deshalb als einziger bei seiner Geburt dem Standesamt gemeldet wurde: Ihr Vater Ingmar war ein glühender Republikaner, der dem staatlichen und vom Königshaus dominierten System zutiefst misstraute und seine Söhne immer abwechselnd zur Schule schickte. Die "gewonnene" Zeit nutzte er, um seinen Nachwuchs in der richtigen Gesinnung zu unterrichten, damit sie nach seinem Tod in seine Fußstapfen treten und das Königshaus weiter bekämpfen können. Die Afrikanerin und der eigentlich nicht existierende Schwede kommen sich näher.

Erinnerung an den alten Wein in neuen Schläuchen

 

So gern ich Jonassons erstes Buch gelesen habe, so wenig habe ich dieses bis zum Schluss durchgehalten. Der Autor hält sich zwar an die Fakten der damaligen Weltpolitik, wobei die meisten Protagonisten ihr Fett abkriegen; die Wendungen werden im Laufe der Handlung jedoch immer abstruser und ähneln in ihrer Struktur so sehr dem "Hundertjährigen", dass ich angefangen habe, mich zu langweilen. Jonasson hat das Prinzip seines durchschlagenden Erstlingserfolgs kurzerhand ein weiteres Mal angewendet - nur der Ausgangspunkt und die Figuren wurden neu "eingekleidet". Das hat mich nicht überzeugt und wird mich eher nicht dazu bringen, Jonassons drittes Buch zu lesen, wenn es denn eines geben sollte.

Die Analphabetin, die rechnen konnte ist bereits im November 2013 erschienen und als Hardcover für 19,99 € erhältlich. Die Kindle- und die epub-Ausgabe kosten je 15,99 €, die Audio-Edition 7,99 €.

Freitag, 25. März 2016

# 43 - Schlauchboot trifft Kreuzfahrtschiff

Vier Schiffe und elf Schicksale

 

Das Thema Flüchtlinge und ihre Konfrontation mit Touristen gab es in diesem Blog bereits: Mit "Boat People" von Roland Künzel hatte ich im Januar ein Buch vorgestellt, das diese Konstellation aufgegriffen hat. Doch so augenscheinlich diese Übereinstimmung zum heutigen Titel sein mag, so deutlich wird der Unterschied schon nach den ersten Seiten: Havarie von Merle Kröger nimmt sich der ganzen Tragik an, die in der Situation der Flüchtlinge liegt, die in Seelenverkäufern über das Mittelmeer nach Europa fliehen. Doch die Autorin lenkt den Blick auch auf andere Personen, die in irgendeiner Weise mit ihnen in Kontakt kommen.

Das Mittelmeer als Treffpunkt der Welt

 

Das drittgrößte Kreuzfahrtschiff der Welt, die "Spirit of Europe", fährt mit 5.000 Menschen über das Mittelmeer. Unter ihnen ist auch Marwan Fakhouri, ein syrischer Arzt, der aus Aleppo geflohen ist und nun als Illegaler in der Bordwäscherei arbeitet. Doch es gibt eine Komplikation: Fakhouri bricht zusammen, und die sichtlich überforderte Bordärztin diagnostiziert eine Hirnblutung. Der Patient müsste sofort ins Krankenhaus. Doch Nikhil Mehta, der Sicherheitschef, spielt gedanklich die Alternativen durch: Der nächste Hafen Palma de Mallorca wird erst am nächsten Morgen erreicht, das ist zu spät. Die andere Option ist, einen Hubschrauber anzufordern und den Kranken nach Alicante oder Almería zu transportieren und dort operieren zu lassen. Das zöge hohe Kosten und deswegen zwangsläufig die Kritik der Konzernleitung nach sich. Seine Karriere wäre beendet, er könnte seine Familie in Indien nicht mehr unterstützen. Klar ist nur: Der Syrer muss runter von Bord, irgendwie. Mehta findet eine Lösung. Da begegnet die "Spirit of Europe" einem Schlauchboot mit Flüchtlingen in Seenot.

Im Hafen von Oran (Algerien) legt der unter irischer Flagge fahrende Frachter "Siobhan" ab. Der ukrainische Chef-Ingenieur Oleksij Lewtschenko steht an der Reling und beobachtet ein Boot der Küstenwache, das an der Mole festmacht. Ein nasses Bündel wird an Land geworfen. Lewtschenko ist klar, worum es sich dabei handelt: Um einen Toten, der aus dem Mittelmeer geborgen wurde, einen Flüchtling.

Dies sind nur zwei von elf Personen, auf die Merle Kröger in ihrem Buch den Blick wie durch ein Brennglas richtet. Alle haben eines gemeinsam: In ihren Biographien befinden sich Brüche, die sie durch ihr ganzes Leben begleiten. Das gilt für die gutsituierte Passagierin Sybille Malinowski, die in einem fortgeschrittenen Stadium an der Parkinson-Krankheit leidet und in ihrer Kindheit im 2. Weltkrieg Flucht und Vertreibung erlebt hat ebenso wie für den philippinischen Bordmusiker Joseph Quezón, der sich heimlich durch Prostitution Geld dazuverdient. Die Autorin lässt das Kreuzfahrtschiff, den Frachter, ein Seenotrettungsschiff und ein Schlauchboot, das mit anfangs 12 algerischen Flüchtlingen auf dem Weg in eine bessere Zukunft besetzt ist, einander auf dem Mittelmeer begegnen. Oft, aber nicht immer siegt bei diesen Begegnungen das Geld über die Menschlichkeit.


Ein klassischer Krimi?

Der Argument Verlag, der Havarie herausgebracht hat, hat den Titel in seine Reihe der "Ariadne Kriminalromane" eingefügt. Auch die Wochenzeitschrift DIE ZEIT führte ihn in der KrimiZEIT auf dem 3. Platz. Ich kann diese Zuordnung nicht nachvollziehen, erst recht nicht vor dem Hintergrund der Gedanken, die sich die ZEIT selbst 2010 über das, was einen Krimi ausmacht, gemacht hat. Es gibt zwei Tote, und über die Todesursache der einen Person herrscht bis zum Ende des Buches Unklarheit. Aber Tote allein machen noch keinen Krimi aus.
Merle Kröger hat für ihren Roman (diese Bezeichnung geht fast immer) einen ungewöhnlichen Sprachstil gewählt. Sie arbeitet mit kurzen, prägnanten Sätzen, die die Szenen auf den Punkt bringen. Als etwas irritierend habe ich die englischen Einsprengsel empfunden, die den jeweiligen Personen vermutlich eine coole Aura geben sollten. 
Die Personen werden dem Leser authentisch nahegebracht, sodass man sich auch in die Entscheidungszwänge der Handelnden hineinversetzen kann, ohne ihr Tun unbedingt gutheißen zu müssen. Havarie ist ein lesenswertes Buch, das seinen Lesern die Komplexität des brandaktuellen Flüchtlingsthemas etwas näherbringt. 

Merle Kröger ist auch als Filmproduzentin tätig und hat Havarie als Film herausgebracht. Die Premiere fand Anfang Februar im Rahmen der Berlinale statt.

Die gebundene Ausgabe (mit Lesebändchen) kostet 15,-- €, die epub- oder Kindle-Edition 9,99 €.


Vielen Dank!

Das Buch Havarie wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich ganz herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorhandene Exemplare innerhalb eines Werktages. 
Die Kontaktdaten und Öffnungszeiten gibt es hier: Hemminger Buchhandlung
 



 

Freitag, 11. September 2015

# 15 - Reisen durch die UdSSR - unter den widrigsten Bedingungen

Mit dem Transitvisum eigene Routen bereisen - Individualreisen von DDR-Bürgern in die UdSSR

 

Es ist ja jetzt schon wieder so lange her, dass sich jüngere Deutsche daran nicht erinnern können - egal, ob sie aus West- oder Ostdeutschland stammen: Bis zur Wende 1989 durften die Bürger der DDR die Sowjetunion nur in Pauschal-Reisegruppen besuchen. Individualreisen dorthin waren grundsätzlich nicht vorgesehen. Doch es gab eine lose Gruppierung von Menschen, denen das nicht genug war: UdF. Nach ihnen ist das Buch benannt, das ich euch heute vorstelle: Unerkannt durch Freundesland wurde 2011 von Cornelia Klauß und Frank Böttcher im Lukas Verlag herausgegeben.



Risiko und Strapazen für Freiheit und Abenteuer

 

 

In 24 Reiseberichten unterschiedlicher Autoren wird von der illegal erlangten Reisefreiheit erzählt, die durch einen formalen Trick möglich wurde: Die sowjetische Regierung hatte 1968 nach dem Einmarsch ihrer eigenen sowie Soldaten befreundeter Staaten in die ČSSR (Tschechoslowakei) und der Beendigung des "Prager Frühlings" das Transitvisum für diejenigen DDR-Bürger eingeführt, die nach Bulgarien oder Rumänien reisen wollten. Es galt in der UdSSR für eine Transitdauer von 48 Stunden. Diesen Zeitraum hielt die sowjetische Regierung für ausreichend, um diese Passage zu schaffen. Doch einzelne Bürger der DDR nutzten die Gelegenheit, um ihre eigenen Reisepläne zu verwirklichen: Waren sie erst einmal in der Sowjetunion, ignorierten sie diese Vorgabe und wanderten, fuhren oder flogen kreuz und quer durch das riesige Reich mit seinen elf Zeitzonen und enorm unterschiedlichen Kulturen, Lebensweisen und klimatischen Verhältnissen.



Von der mongolischen Gastfreundschaft kann man nur träumen




Der heutige Pfarrer Gernot Friedrich brach 1968 zu seiner ersten größeren Reise auf. Erst im zweiten Anlauf schaffte er es bis nach Brest (Weißrussland). Völlig überraschend bekam er versehentlich einen Einreisestempel, der ihn berechtigte, in die Sowjetunion einzureisen. Da er damit nicht gerechnet hatte, beschloss er spontan, den nächsten Zug nach Moskau zu nehmen. „Der Zug ist schon ausverkauft. Fahren Sie doch nach Leningrad, das kostet auch 17 Rubel“, empfahl ihm der Bahnbeamte. Ähnlich zufällig wie diese verliefen fast alle anderen im Buch geschilderten Reisen. Viele wurden die sich in einem Augenblick ergebenden Umstände von einem Ort zum anderen getrieben.

1970 lernte Friedrich bei einer Reise in die Mongolei auf seiner Wanderung einen Einheimischen kennen, der gerade seine Wäsche im Fluss wusch. Dieser lud ihn zu sich in seine Jurte ein und verpflegte ihn. Wie für alle Mongolen gehörte es auch für diesen selbstverständlich zur Gastfreundschaft, einem Reisenden seine eigene Frau für die Nacht anzubieten. Doch Friedrich geriet nicht in die Verlegenheit, dies ablehnen und den Mann vor den Kopf stoßen zu müssen: Die Frau seines Gastgebers befand sich zu seiner Erleichterung gerade zur Entbindung im Krankenhaus. Schon ein Jahr später besuchte er erneut seinen mongolischen Freund und hatte wieder Glück: Dessen Frau war auch diesmal im Krankenhaus, weil sie ein Kind bekommen hatte.

War es zunächst noch Abenteuerlust, die Friedrich immer wieder in die Sowjetunion trieb, kam nach einigen Reisen ein weiteres Motiv hinzu: Er bemerkte, dass es dort zwar etliche christliche Gemeinden gab, Bibeln aber eher Mangelware waren. Also schmuggelte er Bibeln in die entlegendsten Gegenden und hatte manchmal auch Helfer. Mit seinem Tun geriet er in den Fokus der Stasi und musste für ein Jahr seinen Personalausweis zurückgeben, womit man ihn damals an seiner empfindlichsten Stelle traf. Erst lange danach hat er aus den über ihn angelegten Stasi-Akten erfahren, in welchem Ausmaß seine Überwachung stattgefunden hat: In acht Bänden wurde auf mehr als 3.000 Seiten sein Leben dokumentiert.


Ein tiefer Einblick in das Leben der Menschen 

 

 

Allen UdF-Reisenden war gemeinsam, dass sie ein großes Interesse an der Lebensweise und Kultur der Menschen, die sie unterwegs kennenlernten, hatten. Die Motive, sich mit nur wenig Geld, einem oft unklaren Ziel und mit jeder Menge Optimismus, dass alles gutgehen möge, auf den Weg zu machen, waren jedoch sehr unterschiedlich. Neben der Abenteuerlust und dem Schmuggeln von Bibeln war es auch der Wunsch, die Natur in "eigentlich" für Ausländer nicht zugänglichen Gegenden kennenzulernen oder sich beim Bergsteigen nicht nur auf die Sächsische Schweiz beschränken zu müssen, sondern die Gipfel des Kaukasus und Pamir zu erklimmen. Auch die Begeisterung für oppositionelle Literatur ließ manche diesen Weg wählen.

So gut wie niemand von ihnen hatte vor, der DDR den Rücken zu kehren. Eine Ausnahme machte Jürgen van Raemdonck, der mit dem System haderte und zusammen mit einem Freund auf die Idee kam, den Transit durch die Sowjetunion als Fluchtweg zu nutzen, also ostwärts in den Westen zu flüchten. Der Plan: Da der amerikanische Militärstützpunkt Point Hope in Alaska nur 400 Kilometer von der Eismeerküste Nordostsibiriens entfernt liegt, sollte das Übersetzen über das Packeis kein Problem sein. Es musste nur der Zeitpunkt abgewartet werden, zu dem der Atomeisbrecher "Sibir" seine Fahrten einstellte und sich die Eisdecke schloss. Da war die Aktuelle Kamera [Anm.: Nachrichtensendung der DDR] eine wertvolle Hilfe: Hier erfuhren die Freunde, dass ihr Vorhaben ab Mitte Oktober klappen könnte. Beim ersten Anlauf 1986 starteten die beiden mit stolzen 220 Kilogramm Gepäck: Nichts sollte sie aufhalten, sie wollten völlig autark sein. Raemdonck und sein Freund kamen immerhin bis Ostsibirien, wo sie sich am Fluss Kolyma ein Kajütboot "liehen", das keinen Motor hatte. Doch sie hatten die Tücken des Flusses unterschätzt: Das Boot versank in einer Stromschnelle und riss so gut wie ihr gesamtes Hab und Gut mit sich in die Tiefe. Sie konnten sich auf ein Inselchen retten und wurden dort nach ein paar Stunden von Pelztierjägern aufgelesen. Über Umwege reisten sie nach Hause und machten unterwegs noch Bekanntschaft mit dem KGB.
Nach dieser Niederlage begannen sie sofort, einen neuen Plan auszuarbeiten, der sie nach Point Hope führen sollte. Doch ihre Reise endete ein Jahr später an derselben Stelle, und sie wurden erneut dem KGB vorgeführt - denselben Beamten, die sie bereits im Jahr zuvor verhört hatten. Kurz zuvor war Michael Rust auf dem Roten Platz gelandet, und der KGB-Mann fragte die beiden Männer sichtlich genervt, warum die Deutschen sie nicht in Ruhe lassen könnten. Darauf die Antwort von Raemdonck: "Wir haben uns doch im Vorjahr mit einem freundlichen 'Auf Wiedersehen' verabschiedet. Und unter Freunden hält man Wort."
Was nicht im Buch steht: Raemdonck wurde 1989 ausgebürgert, hat also auf einem anderen Weg seinen Willen bekommen. Seit 1991 lebt er in Vorpommern.

Viele Eindrücke und Anekdoten

 

Was lernt der Leser noch? Zum Beispiel, wie man sich auf einer muslimischen Hochzeit, zu der man spontan eingeladen wird, NICHT benimmt, um nicht eine hochnotpeinliche Situation heraufzubeschwören.
Oder dass es nicht unbedingt eine gute Idee ist, als illegal Reisender an einem Sportwettbewerb teilzunehmen und anschließend in der Presse, dem Fernsehen und im Rundfunk erwähnt zu werden.

Viel Raum nimmt die Beziehung zu anderen Menschen ein: Die Angst, die sich einstellt, wenn sich Uniformierte nähern, aber auch die großherzige Hilfsbereitschaft der Einheimischen, die immer sofort bereit sind, Wohnung und Tisch mit ihnen völlig Fremden zu teilen und keine Gegenleistung zu erwarten. Das gilt z. B. auch für die Menschen in Aserbaidshan, über die Robert Conrad schreibt: Sowohl am Rand der Hauptstadt Jerewan (Eriwan) als auch auf dem Land hatte er auf seiner Reise 1985 damals Slums, deren Bewohner in Erdhütten lebten, die ein Dach aus Laub und etwas Dachpappe hatten, gesehen.
Alle UdFler, die Ende der 1980er Jahre in den damaligen Sowjetrepubliken unterwegs waren, berichten vom Geist der Veränderung, der sich durch die Gesellschaft zog und bekanntermaßen letztendlich in den Zerfall der UdSSR mündete.

Das Buch ist nicht nur durch seine sehr unterschiedlichen Reiseberichte, sondern auch wegen seiner unzähligen Fotos, die unterwegs aufgenommen worden sind, ein Zeitdokument, wie es so nur selten zu finden ist. 


Das Buch zum Film

 

Das Buch Unerkannt durch Freundesland  war in dieser Form zunächst nicht geplant. Der Veröffentlichung ging der gleichnamige Film aus dem Jahr 2006 voraus, für den ebenfalls Cornelia Klauß verantwortlich war. Er ist nicht inhaltsgleich mit dem Buch, aber beide stehen für dasselbe Lebensgefühl. Der Film kann in vier Teilen bei youtube angesehen werden, den ersten Abschnitt gibt es hier: Teil 1 Unerkannt durch Freundesland.

Bereits seit 2005 gibt es die Webseite Unerkannt durch Freundesland. Dort finden sich weitere Informationen sowohl zur UdF-Bewegung als auch zum Film.
 

Alle, die sich für die jüngere deutsche Geschichte interessieren oder sich über Einblicke in eine für uns fremde und teilweise vergangene Welt freuen, sollten dieses Buch lesen. Es ist so interessant und abwechslungsreich, dass man es immer wieder zur Hand nimmt, und sei es nur, um sich die Fotos anzusehen.