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Sonntag, 21. Juni 2026

# 509 - 20.150 Kilometer: Mit dem Fahrrad von Freiburg nach Kapstadt

Auf das Buch Immer Richtung Süden von Wiebke
Lühmann wurde ich erst aufmerksam, nachdem ich im Kino den Film Same Sun gesehen hatte. Das, was dort in achtzig Minuten gezeigt wurde, wollte ich auf jeden Fall noch genauer nachlesen: Lühmann erzählt von ihrer Fahrradreise, die im Oktober 2023 im heimischen Freiburg im Breisgau beginnt und erst 20.150 Kilometer und 14 Monate später kurz vor Weihnachten 2024 am Kap der Guten Hoffnung in Südafrika endet.

Wiebke Lühmann hatte zuvor schon einige lange Radreisen gemacht, aber diese hier sollte sich von ihnen abheben. Die Fahrt war zunächst im Team mit ihrem Lebenspartner geplant, doch kurz vor dem Start zerbrach die Beziehung. Sollte sie nun aufgeben, bevor sie auch nur einen Kilometer gefahren war? Und hatten diejenigen, die sie vor den Gefahren, die auf eine allein reisende Frau warteten, recht? Nach Wochen des Haderns setzt Lühmann der Unsicherheit die Planung entgegen und sie sagt: "Ich benenne die Angst am liebsten um: Respekt. Ich habe viel Respekt vor der Reise."

Lühmann verlässt am 29. Dezember 2023 auf einer Fähre europäischen Boden und setzt nach Tanger über. Jetzt beginnt der Teil der Reise, der die größten Unsicherheiten birgt. Wie werden ihr die Menschen unterwegs begegnen: freundlich oder mit Vorbehalten? Wie gut sind die Straßen und Unterkünfte? Wie lassen sich der Wunsch nach Freiheit und das Alleinsein miteinander vereinbaren? Vor welchen Schwierigkeiten wird sie stehen, von denen sie am Beginn der Reise keine Vorstellung hatte?
"Ich merke, dass ich Afrika als Kontinent einfach voll unterschätzt habe", sagt Wiebke Lühmann im Film.

Wenn wir ehrlich sind, müssen die meisten von uns zugeben, dass es ihnen ähnlich gehen würde: Die Fahrt führt mit einigen Abstechern ins Landesinnere an der Westküste Afrikas entlang - durch Marokko, die Westsahara, Mauretanien, Senegal, Gambia, Guinea-Bissau, Guinea, Sierra Leone, Liberia, Côte d'Ivoire, Ghana, Togo, Benin, Nigeria, Kamerun, Republik Kongo, Angola, Namibia und schließlich Südafrika. Während uns völlig klar ist, dass in jedem europäischen Land eigene Regeln gelten, haben wir von Afrika ein diffuses Bild und neigen dazu, den Kontinent als homogenes Staatengebilde zu sehen. 

Wiebke Lühmann begegnet unterwegs anderen Radreisenden und schließt sich mit ihnen für kürzere oder lange Etappen zusammen. Die längste Strecke fährt sie mit einem gleichaltrigen Franzosen. Doch die beiden sind sehr unterschiedliche Menschen, sodass die gemeinsame Zeit aus vielen Hochs, aber auch Konflikten besteht. 

Lühmann stellt fest, dass die größte Gefahr in Afrika nicht etwa von Menschen, Schlangen oder Raubtieren ausgeht, sondern von einem Tier, das nur sechs Millimeter groß und zweieinhalb Milligramm leicht ist: der Anopheles-Mücke, die durch ihren Stich Malaria überträgt und damit für jährlich mehr als 600.000 Tote auf dem afrikanischen Kontinent verantwortlich ist. Während sie selbst schon in Deutschland Prophylaxe-Tabletten gekauft hat, sind Menschen in stark betroffenen Gebieten von Hilfsorganisationen abhängig, die Medikamente verteilen. Kommt es zu einer Erkrankung, ist der Krankenhausaufenthalt für die meisten unerschwinglich.

Auf ihrem Weg trifft Lühmann mehrmals auf Spuren des Kolonialismus'. Eindrucksvoll beschreibt sie eine Führung in einem Museum zum transatlantischen Sklavenhandel in Ghana, das sich in einer von Europäern erbauten Uferfestung mit Sklavenverliesen befindet. Der Guide betont am Ende der Führung: "Das hier ist kein Ort des Hasses mehr." Dann fügt er eindringlich hinzu: „Die Verantwortung endet nicht in der Vergangenheit. Sie liegt auch im Heute, in dem, wie wir handeln, wie wir miteinander umgehen, wie wir die Welt gestalten."

Wiebke Lühmann erfährt, welches Privileg es ist, in einem Land zu leben, mit dessen Reisepass 185 Länder und Regionen bereist werden können, ohne dass ein Visum beantragt werden muss. Dort, wo es dennoch nötig wird, ist sie oft vom Wohlwollen der örtlichen Beamten abhängig.

Lühmann erlebt, dass man in Nigeria am Geldautomaten nur so wenig abheben kann, dass es mit der Karte einer deutschen Bank nicht möglich ist: Der Höchstbetrag liegt bei umgerechnet 2,65 Euro. Kein Wunder, denn das durchschnittliche Monatseinkommen beträgt nur 130 bis 140 Euro pro Kopf.

Die Überquerung des Äquators verläuft unspektakulär, aber danach ändert sich die Landschaft gravierend: Der Regenwald steht dort nicht unter Naturschutz. An die Stelle von üppiger Vegetation treten "gerodete Flächen mit verbrannter Erde und [wir] sehen kahle, graue Baumstümpfe, die wie abgebrochene Zähne aus dem Boden ragen. Lange, voll beladene Lkw mit riesengroßen Baumstämmen donnern an uns vorbei. Holz, das hier nachhaltig fehlt.” Und sie sagt: „Die Trockenheit ist überall sichtbar und spürbar. Eine der dramatischen Folgen der Abholzung. Die Lebensgrundlage schwindet und man kann dabei zuschauen. Das Kongobecken, der zweitgrößte Regenwald der Welt, das Tonnen von Kohlenstoff bindet, wird immer kleiner."

Lesen?

Immer Richtung Süden ist ein spannender Bericht, in dem Wiebke Lühmann neben den schönen Erlebnissen und Eindrücken schonungslos auch über ihre Ängste, ihre phasenweise Verzweiflung und den spontanen Entschluss schreibt, die Reise abzubrechen und nach Hause zu fliegen. Die Tour hat sie nicht nur körperlich, sondern auch emotional an ihre Grenzen gebracht. Rückblickend schreibt sie: "Ich habe nach Freiheit gesucht, wollte Unabhängigkeit finden. Doch jetzt spüre ich ein Gefühl besonders stark: Verbundenheit. Zu Menschen, zu Ländern, zu Dörfern, zur Natur. Was mich durch die Reise getragen hat, ist das Wissen, dass ich connected bin. Dass ich nicht alles allein schaffen muss. Dass ich gern helfe, gern da bin, gern verstehe. Aber dass ich genauso auch Hilfe und andere Menschen in meinem Leben brauche, die mich verstehen. Dass wir als Gesellschaft einander brauchen. Und dass wir alle gewinnen, wenn wir einander zuhören, verstehen lernen und da sind.”

Eine Erkenntnis, die wir uns zu eigen machen sollten.

Immer Richtung Süden ist 2026 im Delius Klasing Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24,90 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.



Donnerstag, 4. September 2025

# 487 - Elefanten in Berlin lösen eine Regierungskrise aus

Gaea Schoeters greift in ihrem neuesten Roman Das
Geschenk
 eine politische Begebenheit aus den Jahren 2023 und 2024 auf: Mehrere europäische Staaten, darunter auch Deutschland, sprachen sich dafür aus, das EU-Recht hinsichtlich des Imports von Jagdtrophäen zu verschärfen. Die Einfuhr von beispielsweise Elfenbein sollte nach Ansicht des Bundesumweltministeriums „insgesamt reduziert und im Einzelfall ganz verboten“ werden. 
Botswanas Präsident 
Mokgweetsi Masisi war darüber verärgert, er und andere afrikanische Staatschefs werteten diesen Vorschlag als neokoloniale Einmischung. Im Scherz drohte Masisi, 20.000 Elefanten nach Deutschland zu schicken.

Schoeters hat den Faden weitergesponnen und in ihrem Buch tatsächlich den botswanischen Präsidenten Elefanten nach Berlin schicken lassen. Eines Tages werden einige von ihnen im Morgennebel am Spreeufer gesehen, nach und nach tauchen im ganzen Stadtgebiet immer mehr auf. Zum Schluss werden 20.000 Tiere gezählt. Sie trampeln nieder, was ihnen vor ihre Füße kommt, brauchen riesige Mengen Futter und hinterlassen wahre Kotberge. Außer, dass die riesigen Kotfladen stinken, haben sie noch eine andere Wirkung: In ihnen sind unverdaute Samen aus der afrikanischen Heimat der Elefanten, die die Pflanzenwelt der Hauptstadt verändern. Das bezieht auch hohe Gebäude ein, die schon nach bis dahin elf vergangenen Wochen in einen grünen Mantel eingewoben sind. Geht das wirklich so schnell? Die Antwort: nein.

Die Elefanten-Armada hat aber nicht nur eine ökologische Dimension, sondern wirft auch finanziell, sicherheitstechnisch und politisch reichlich Probleme auf. Bundeskanzler Hans Christian Winkler wird von der Gesamtsituation kalt erwischt. Er muss diese Krise unbedingt bewältigen, denn die nächsten Wahlen stehen an und er will sein Amt gegen den Rechtsaußen-Politiker Holger Fuchs verteidigen. Während ein Krisenstab eingerichtet wird und man Zuständigkeiten hin und her schiebt, verschärft sich die Situation.

Die Elefanten werden von der Bevölkerung zu Beginn ihres Auftauchens als Ereignis angesehen, aber hundert Tage später lehnen sich ganze Berufsgruppen von den Landwirten bis zu den Müllwerkern gegen ihre Anwesenheit auf. Der Kanzler steht als Versager da, sein Kontrahent Fuchs gewinnt in Wählerumfragen an Boden. Der Satz "Wir schaffen das!", fällt auch hier, damit auch die und der Letzte die Parallelen sieht. Wer kann da helfen? Winkler wendet sich an Ex-Kanzlerin Erika Fuchs, die einen Rat parat hat.

Doch kaum, dass sich eine Lösung anbahnt, ergeben sich neue Probleme: Wie kann verhindert werden, dass sich die Elefantenpopulation vergrößert?

Das Ende des Romans erinnert stark an Vorschläge, was mit illegal eingereisten Menschen, die nicht in ihre Herkunftsländer abgeschoben werden können, passieren sollte. 

Lesen?

Vor etwa einem Jahr habe ich hier Trophäe vorgestellt, das erste Buch von Gaea Schoeters, das auf Deutsch übersetzt wurde. Nicht nur ich war von diesem Roman begeistert, der inhaltlich und sprachlich überzeugte. Inhaltlich knüpft Das Geschenk daran an, wenn auch weniger überzeugend.

Die amüsante Grundidee, dass sich ein afrikanischer Regierungschef mit dem Verschicken von Wildtieren für eine politische Entscheidung rächen könnte, wird schon ab dem Zeitpunkt unglaubwürdig, in dem völlig unklar ist, wie die Tiere nach Berlin gekommen sind. Doch offensichtlich geht es Schoeters nicht um Elefanten und Artenschutz. Im Verlauf der Handlung wird immer klarer, dass die Elefanten metaphorisch für illegal eingereiste Flüchtlinge stehen, die nun insbesondere von Holger Fuchs für politische Propaganda herhalten müssen: "Und so muss der durchschnittliche, hart arbeitende Deutsche für den Schaden geradestehen, für den invasive afrikanische Arten als Folge irgendeines woken Gesetzes verantwortlich sind." Die Situation ist "der perfekte Nährboden für eine Partei, die nur Phrasen drischt und von der Unzufriedenheit der Bürger lebt. Dass ihre Lösung [...] nicht umsetzbar ist, ist egal; sie können das einfach rausposaunen, ohne es je umsetzen zu müssen."

Die Handlung des Romans erstreckt sich über 435 Tage, wobei Schoeters in großen Zeitsprüngen erzählt. Auf weniger als 150 Seiten reißt sie Themen wie Natur- und Artenschutz, Landwirtschaft, Integration, Klimakrise, Postkolonialismus, die Fallstricke des Politikbetriebs, Wirtschaft, ... - habe ich etwas vergessen? - an, vertieft jedoch nichts davon. Am Ende des Buches bleibt die Frage: Wollte Gaea Schoeters ihre Leserinnen und Leser amüsant unterhalten oder sie zum Nachdenken bringen? 
Von den Geschlechterklischees habe ich da noch gar nicht angefangen. 

Das Geschenk ist 2025 im Zsolnay Verlag erschienen (Übersetzung: Lisa Mensing) und kostet als gebundenes Buch 22 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.



Sonntag, 14. Juli 2024

# 443 - Trophäenjagd

Hunter White ist ein schwerreicher US-Bürger, der sein Geld mit Börsenspekulationen verdient sowie verheiratet und kinderlos ist. Seit seiner Kindheit geht er seinem Lieblingshobby, der Jagd, nach. Sein erstes Tier erlegte er als Sechsjähriger, sein bester Lehrer war sein Großvater.

Seit Jahren liegt sein Jagdrevier in Afrika. Hunter hat die sogenannten "Big Five" - Afrikanischer Elefant, Nashorn, Kaffernbüffel, Leopard und Löwe - fast alle erlegt und die Trophäen seiner Frau nach Hause gebracht. Sie liebt die Trophäen, aber nicht das Jagen. Der Einstieg in Gaea Schoeters' Roman Trophäe kommt zu Beginn eher harmlos daher.

Nun will Hunter ein Spitzmaulnashorn erlegen. Die dafür nötige Lizenz hat er für einen sehr hohen Betrag über einen Umweg ersteigert, um seine Identität zu verschleiern und so Umweltschützern aus dem Weg zu gehen. Wie immer wird der Afrika-Trip von Hunters Freund van Heeren organisiert, der vor Ort über ausgezeichnete Kenntnisse und Kontakte verfügt. Mit dem für die Lizenz bezahlten Geld trägt Hunter zum Erhalt der Art bei. Doch kurz, bevor er zum Schuss kommt, wird die Jagd von Wilderern gestört, die das Tier brutal abschlachten.

Hunter ist nicht einfach nur wütend, weil ihm die Jagd verdorben wurde; in ihm staut sich ein hoher Adrenalin-Pegel an, der sich normalerweise mit dem Schuss entladen hätte, es nun aber nicht kann: 
"Hunter brüllt. [...] Es ist kein Schrei des Entsetzens oder des Mitleids, sondern der Urschrei eines Raubtiers, das um seine Beute gebracht wurde: tierische Raserei."

In dieser Gemütsverfassung macht ihm van Heeren ein Angebot: Ob Hunter schon mal von den Big Six gehört habe? Worum es sich bei der sechsten Beute handelt, schockiert den erfahrenen Jäger zunächst: Sein Freund spricht von der Jagd auf einen Menschen. Genauer: auf einen jungen Mann, der zu einem Stamm gehört, der einst von den Kolonialherren vertrieben wurde, und den man nun 're-integriert' hat. Hunter müsste eine enorm hohe Gebühr bezahlen, die dem Stamm zugute käme: Mit dem Geld wäre es möglich, einen anderen, begabteren jungen Mann zur Ausbildung in die USA zu schicken und von seinem Wissen zu profitieren, wenn er danach (hoffentlich) zurückkehrt. Der Getötete jedoch würde auf eine Weise überleben wie die Tiere, die Hunter White bereits geschossen hat: als Trophäe, die in die USA reist.

Hunter ringt mit sich und diesen Regeln, die die Einheimischen jedoch offenbar normal finden: Das Wohl der Gemeinschaft steht über dem des Einzelnen. Diese Mechanismen waren ihm bislang neu, denn: "Für ihn ist Afrika ein großes Naturreservat, von Gott geschaffen, um ihm Freude zu bereiten; dass dort auch Menschen leben, richtig leben, hat er nie bewusst realisiert. [...] Afrika ist sein Vergnügungspark, sein Jagdgebiet. Mehr nicht."

Der Roman nimmt ab dem Moment Fahrt auf, in dem Hunter van Heerens Angebot annimmt. Aber die Jagd auf den jungen Mann, bei der er ausgerechnet von dessen bestem Freund begleitet wird, der ihm als Fährtenleser zur Seite stehen soll, nimmt einen ganz anderen Verlauf, als es sich Hunter vorgestellt hat. Er wird unmittelbar mit der Wildheit der Natur konfrontiert und zweifelt immer wieder an seiner Wahrnehmung. Spätestens hier wird Trophäe zum Pageturner.

Lesen?

Gaea Schoeters bettet den Konflikt, der durch die Rahmenbedingungen der Großwildjagd entsteht, sehr gekonnt in ihre Geschichte ein: ein Lebewesen muss durch die Jagd getötet werden, damit seine Art mithilfe der Lizenzeinnahmen erhalten werden kann. Dieses Prinzip auf den Menschen zu übertragen, ist im Zusammenhang mit der Romanhandlung brutal, aber konsequent: ein Leben für ein anderes, damit die Stammesgemeinschaft überleben kann. 

Gleichzeitig hält die Autorin ihren Leserinnen und Lesern den Spiegel vor: Afrika als homogenen Kontinent zu betrachten, in dem alle Menschen auf irgendeine Weise gleich arm und unterentwickelt sind und das Land überall vertrocknet ist, ist eine typische Sichtweise der früheren Kolonialherren, die sich bis in unsere Zeit gehalten hat. Dass die Fläche Afrikas etwa drei Mal und die Einwohnerzahl fast doppelt so groß sind wie die Europas, ist hier wahrscheinlich kaum jemandem bewusst. Alles wird in einen Topf geworfen: Zwischen Ägypten (größte afrikanische Volkswirtschaft) und Burundi (ärmstes Land des Kontinents) wird aus unserer Warte kaum ein Unterschied gemacht. Damit sind wir hinsichtlich unseres Wissensstandes auf einer Stufe mit Hunter White. 

Trophäe ist 2024 in der deutschen Übersetzung von Lisa Mensing im Paul Zsolnay Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 24 Euro sowie als E-Book 17,99 Euro.

Freitag, 23. Juli 2021

# 300 - Robert Koch - eine Spurensuche

Spätestens seit dem Beginn der Covid-19-Pandemie ist der Name Robert Koch in aller Munde: Das nach ihm benannte Robert Koch-Institut sammelt und veröffentlicht die zur Risikoeinschätzung nötigen Daten und gibt auch Informationen zu anderen Erkrankungen wie z. B. der Influenza heraus. 

Was bringt man mit diesem Namen noch in Verbindung? Der Mikrobiologe, Mediziner und Hygieniker Koch entdeckte das für die Infektionskrankheit verantwortliche Bakterium, gilt als einer der Begründer der modernen Bakteriologie und bekam 1905 in Anerkennung seiner Leistungen auf dem Gebiet der Tuberkuloseforschung den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.

Doch was Robert Koch darüber hinaus ausgemacht hat, ist kaum bekannt. Was trieb ihn an? War er kritikfähig? Ein Altruist? Ein Menschenfreund? Ein guter Ehemann? Ein verlässlicher Freund? Michael Lichtwarck-Aschoff nähert sich Koch in seinem Buch Robert Kochs Affe - Der grandiose Irrtum des berühmten Seuchenarztes an. Mithilfe von Originaldokumenten wie beispielsweise von Koch verfassten wissenschaftlichen Arbeiten und Aufsätzen zeichnet er in Romanform ein Bild des vielfach bewunderten Wissenschaftlers, das hier allerdings einige Risse bekommt.

Der erste Teil des Buches beschreibt das Leben Kochs im Jahr 1903 in Berlin. Dort wohnte er mit seiner ersten Frau Fanny, dem Mediziner Walther Hesse und dessen Frau, einem etwas verschrobenen Gärtner (der viele von Kochs Ansichten nicht teilte) sowie einem Affen mit einem Faible für kunterbunte Militäruniformen zusammen. Koch unterhielt enge Beziehungen zum Kriegsministerium, namentlich zu Minister Karl von Einem, der im Ersten Weltkrieg Generaloberst wurde. Schon hier ahnt man, worum es bei der Typhusforschung im Kern ging: die deutschen Soldaten gesund und damit kriegsfähig zu erhalten. Dafür war das Kriegsministerium bereit, Kochs Forschungsarbeit mit viel Geld zu unterstützen. Für den Wissenschaftler Koch war diese Form der Vereinnahmung kein Problem; man hat ohnehin immer wieder den Eindruck, dass er die Erkrankten weniger als Menschen, sondern mehr als Forschungsobjekte betrachtete. Den Status ihrer körperlichen Verfassung beurteilte er anhand von entnommenen Blut-, Urin- und Stuhlproben, die Menschen sah er sich nicht näher an.

Im zweiten Teil des Romans kommt mit Johann Kindsmüller ein Soldat zu Wort, der 1906 an Robert Kochs Expedition nach Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi und Ruanda) teilgenommen hatte. Er war 1925 Patient in einer Nervenklinik in Ingolstadt und wurde dort von einem Psychiater befragt. Robert Koch war von der preußischen Regierung damit beauftragt worden, die Ursachen für die Schlafkrankheit herauszufinden. Die oft tödliche Krankheit war in Afrika zu einer Epidemie geworden, und die Kolonialherren sorgten sich, dass durch sie die Zahl der zur Verfügung stehenden Arbeiter zu sehr dezimiert werden könnte. Die Menschen sollten nicht krank werden, sondern für den Aufbau der Infrastruktur sorgen. Die Gruppe, zu der Kindsmüller gehörte, war mit der ihnen anvertrauten Aufgabe, die erkrankten Einheimischen zu internieren, zu versorgen, ihnen Proben zu entnehmen und sie einem äußerst brutalen Experiment mit dem arsenhaltigen Präparat Atoxyl zu unterziehen, komplett überfordert. Atoxyl durfte in Deutschland wegen seiner Gefährlichkeit nicht mehr eingesetzt werden, im fernen Afrika interessierte das niemanden. 

Das Grauen, das der Soldat während dieser Zeit erlebt hat, ließ ihn sein Leben lang nicht mehr los: Im Lager waren katastrophale hygienische Bedingungen, die Atoxyl-Spritzen waren äußerst schmerzhaft und für tausende Menschen tödlich. Viele Menschen erblindeten durch diese "Behandlung" dauerhaft - was auch Koch bekannt sein musste, da diese Wirkung schon damals in der Fachliteratur beschrieben wurde. Kindsmüllers Seele war zerstört und damit auch seine Zukunft. Robert Koch hat sich um das Team nicht gekümmert, sondern ist in einem Camp direkt am Victoriasee geblieben. Ihm waren nur die regelmäßigen Berichte, die ihn aus dem Lager erreichten, wichtig.

Im letzten Abschnitt steht die amerikanische Ärztin Sara Josephine Baker im Mittelpunkt. Baker hatte sich dem Kampf gegen Erkrankungen verschrieben, die um das Jahr 1900 herum im New Yorker Slum "Hell's Kitchen" gehäuft auftraten. Auch Typhus gehörte dazu. Schon zu Beginn ihrer Berufstätigkeit war es ihr gelungen, die irische Einwanderin Mary Mallon in ihren Verstecken aufzuspüren. Mallon war der erste Mensch in den USA, bei dem Typhuserreger nachgewiesen worden waren, der aber nicht erkrankte. Als sog. Dauerausscheiderin steckte sie als Köchin, die in wohlhabenden Privathaushalten arbeitete, über 50 Menschen mit Typhus an, einige von ihnen starben. Die von der Presse als "Typhoid Mary" betitelte Frau war die Personifizierung von Robert Kochs großem Irrtum, von dem im Buchtitel die Rede ist. Um niemanden mehr anzustecken, verbrachte sie 26 ihrer 69 Lebensjahre in Quarantäne in einem New Yorker Krankenhaus.

Lesen?

Über viele berühmte Persönlichkeiten, die fachlich Großes geleistet haben weiß man, dass ihr Charakter ethisch und moralisch eine gähnende Leerstelle aufweist. Hier reiht sich auch Robert Koch ein: Ihm gingen die Wissenschaft und seine fachliche Reputation über alles, die Einheimischen in Deutsch-Ostafrika waren für ihn unrein und minderwertig. Er vertrat außerdem die Meinung, dass Infektionskrankheiten durch die Isolation der Erkrankten begegnet werden kann: Die an der Schlafkrankheit Erkrankten sollten in Internierungslager gebracht werden. Da die Menschen dort sowieso früher oder später stürben, würden seiner Meinung nach nur die Gesunden übrig bleiben.

Michael Lichtwarck-Aschoff hat sich an die historischen Fakten gehalten und war nur bei den korrekten Datierungen etwas kreativ: Er weist selbst darauf hin, dass Robert Koch der Nobelpreis vor der Expedition nach Deutsch-Ostafrika und nicht danach verliehen wurde.

Robert Kochs Affe - Der grandiose Irrtum des berühmten Seuchenarztes gibt einen interessanten Einblick in die deutsche Kolonialgeschichte und die Entwicklung der Bakteriologie. Leseempfehlung!

Das Buch ist 2021 im Hirzel Verlag erschienen und kostet in der gebundenen Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 21,90 Euro.


Samstag, 18. Juli 2020

Der Verlag, der seine Leser mit seinen Büchern nach Nordafrika reisen lässt

Die Verlegerin Donata Kinzelbach auf der FBM 2019
Ich habe mich kürzlich mit der Mainzer Verlegerin Donata Kinzelbach unterhalten: über ihren Verlag, ihren ungewöhnlichen Schwerpunkt und eine besondere Ehrung durch den Bundespräsidenten. Fazit: Der Verlag Donata Kinzelbach ist wirklich etwas Besonderes.

 
Frage: Liebe Donata, seit 33 Jahren gibt es Deinen Verlag schon. Allein die Tatsache, so eine lange Zeit zu bestehen, obwohl die großen Publikumsverlage so viel Aufmerksamkeit der Leserschaft auf sich ziehen, verdient großen Respekt. Aber Du hast mit Deinen Titeln eine Nische im Verlagswesen eingenommen, die es so in Deutschland kein zweites Mal gibt: Literatur aus dem Maghreb. Wie kam es dazu?

Antwort: Liebe Ina, stimmt, mittlerweile gibt es den Verlag bereits so lange! Ich habe mich immer schon für fremde Kulturen interessiert – vielleicht auch besonders, da ich in der Eifel groß geworden bin. Schon als Kind dachte ich, dass es neben dem täglichen Alltagstrott hoffentlich noch etwas zu entdecken gäbe! Als ich dann im Studium (Vergleichende Literaturwissenschaften, Philosophie, Anglistik) mit Literatur aus dem Maghreb konfrontiert wurde, hat das in mir eine Saite zum Schwingen gebracht. Und ich dachte mir, dass ich gegen große Verlage nur eine Chance habe, indem ich eine Nische besetze. (Dass das Verlegen von ausländischer Literatur mit hohen Kosten einhergeht, wurde mir erst später klar.)

F.: Hast Du damals auch über einen anderen oder weiteren Schwerpunkt nachgedacht?

A.: In der Tat wollte ich ursprünglich türkische Literatur verlegen – ganz einfach deswegen, weil ich im Studium mit einigen Türkinnen eng befreundet war, die mir Tipps gaben. Aber die erste Übersetzung, die ich anfertigen ließ, enttäuschte mich sehr, denn die Sätze waren sehr kurz, im Deutschen las sich das hölzern. (Maghrebiner kannte ich nicht, denn die studierten ja eher technische Studiengänge, und das zumeist im sozialistischen Bruderstaat, der DDR.)

F.: Du musstest in Deine neue Rolle als Verlegerin erst hineinfinden. Was waren Deine größten Probleme?

A.: In der Tat startete ich bei Null. Heute kann man alles googeln, aber ich stand damals vor ganz simplen Fragen: Wo beantrage ich z. B. eine ISBN-Nummer? Wie komme ich an gute Manuskripte? Wie viel zahlt man für Rechte? (Ja, natürlich habe ich Lehrgeld bezahlt!)

F.: In Deutschland sind die Namen von Schriftstellern aus Algerien, Marokko oder Tunesien eher unbekannt. Vermutlich können nur wenige Leser etwas mit Maïssa Bey, Abdelhak Serhane oder Malika Mokeddem anfangen. Wie lernst Du Autorinnen und Autoren kennen und wie kommt es dann zu der Entscheidung, ihre Bücher auf Deutsch herauszubringen?

A.: Kennen gelernt habe ich meine Autorinnen und Autoren alle nach und nach: auf Messen, bei Literaturkongressen in Algerien oder bei Lesereisen im deutschsprachigen Raum. Und dann wurden es immer mehr, denn es sprach sich schnell herum, dass es diesen kleinen Verlag gibt. Und die Autoren waren zufrieden mit meinem Engagement und lobten meinen Mut. Das hat wirklich gut getan!
Die Entscheidung für oder gegen ein Buch hängt einzig von meiner persönlichen Meinung darüber ab.

F.: Ein fremdsprachiges Buch zu verlegen ist aufwendiger als ein deutsches Buch herauszubringen. Was passiert genau in der Zeit zwischen der Einigung zwischen Dir und den Autorinnen und Autoren und dem Moment, in dem ein neuer Titel in den Buchhandel gelangt? Läuft da alles problemlos ab?

A.: Im Prinzip läuft das sehr einfach ab, ich erwerbe die Rechte und suche einen passenden Übersetzer oder Übersetzerin. Nachdem die Übersetzung vorliegt, lektoriere ich den Text, layoute ihn und gebe die fertige PDF an die Druckerei. Von dieser bekomme ich dann das, was früher die Blaupause war, nämlich das fertig gesetzte Buch als PDF zur Druckfreigabe. Dann braucht es nur ein Quäntchen Geduld, bis das Buch geliefert wird. Bei Taschenbüchern dauert das heute nur wenige Tage, bei Hardcover-Ausgaben etwas länger.

F.: 2008 hast Du vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler das Bundesverdienstkreuz erhalten. Wofür wurdest Du ausgezeichnet und wer hatte Dich vorgeschlagen?

A.: Wer mich vorgeschlagen hat, weiß ich gar nicht. Horst Köhler war seinerzeit oft in Algerien und hat dann meine Bücher entdeckt, vielleicht auch auf Hinweis des deutschen Botschafters, bei dem er ja zu Gast war.

F.: Hat sich in Deinem Leben als Verlegerin in den letzten 33 Jahren etwas verändert?

A.: Oh ja, die Digitalisierung hat einiges verändert – nicht nur zum Schlechten! Während man früher ausgedruckte Druckvorlagen beim Drucker vorbeibrachte oder per Post schickte, verschickt man heute mit einem Klick die PDF-Dateien.
Auch sämtliche Recherche-Arbeiten sind dank Google leichter geworden – und den Gang in die Unibibliothek kann ich auch online tun.

F.: Auf welchen Veranstaltungen ist der Donata Kinzelbach Verlag zu finden?

A.: Normalerweise – also vor Corona – besuche ich die Messen in Frankfurt, Leipzig, Nürnberg, Berlin, Algier sowie kleinere regionale Buchmessen. Außerdem halte ich Vorträge (in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung, der Vollmar Akademie in Kochel, mit Buchhandlungen und VHS ...). Und ich mache Lesungen, vielfach zweisprachig mit meinen Autorinnen und Autoren.

F.: In jedem Beruf gibt es Höhen und Tiefen. Was liebst Du als Verlegerin besonders und was tust Du nur, weil es getan werden muss?

A.: Lesen ist meine Passion und es ist ein Luxus, sein Hobby zum Beruf haben zu dürfen. Insofern bin ich sehr demütig und erledige auch die ungeliebteren Jobs (Mahnungen verschicken an säumige Kunden, Buchhaltung, schwere Pakete zum Versand bringen) mit meist guter Laune.

Liebe Donata, ich bedanke mich ganz herzlich für das Interview mit Dir und möchte zum Schluss auf ein Buch aus Deinem Verlag hinweisen:

Mourad Kusserow entführt die Leserinnen und Leser in seinem Buch Märchenhaftes Marokko
in die Welt der marokkanischen Mythen, des Aberglaubens und dem ewigen Wettstreit des Guten gegen das Böse. Die 17 Märchen beginnen alle mit dem Satz "Es war einmal, vielleicht aber auch nicht...", wie es in Marokko üblich ist. Denn die Wahrheit kennt nur Gott, weil Märchen hier Allgemeingut sind und sich nicht auf einen Verfasser zurückführen lassen. Die ausgewählten Märchen erzählen viel von der marokkanischen Lebensart, von Konflikten zwischen Berbern, Arabern und Juden und wie diese gelöst werden. Oft sind der Glaube an Geister und das beherzte Eingreifen von Zauberwesen gefragt, damit die Dinge wieder ins Lot kommen. 

Märchenhaftes Marokko öffnet die Tür zu einer anderen Welt, aber das ein oder andere Motiv hat durchaus Ähnlichkeit mit Märchen, die uns in Deutschland geläufig sind. Die Sammlung schließt mit einem Nachwort Kusserows, in dem er auch auf die kulturhistorischen Hintergründe der Märchen eingeht.

Am Ende eines jeden Märchens verabschiedet sich der Erzähler mit den Worten: "Ich habe sie ihrem Schicksal überlassen und bin zu euch geeilt, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute." Hoffen wir, dass die Tradition des Märchenerzählens nie aussterben wird.

Märchenhaftes Marokko  kostet 18 Euro und kann direkt beim Verlag bestellt oder über den Buchhandel bezogen werden.

Weitere Bücher aus dem Donata Kinzelbach Verlag

In der Bücherkiste habe ich bereits weitere Titel vorgestellt:

Mittwoch, 8. April 2020

# 235 - Arabische Sprichwörter von Frauen zusammengetragen

Bei diesem Buch ist es schwer zu entscheiden, ob die
schönen Grafiken und Kalligrafien oder die Sprichwörter im Mittelpunkt stehen. Für Marokkanische Sprichwörter hat der Donata Kinzelbach Verlag beides zu einer perfekten Auswahl zusammengefügt.

Dieses Buch hat eine ungewöhnliche Vorgeschichte. Einige Frauen, die in Marokko unter problematischen sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen lebten, hatten sich zu einem Alphabetisierungskurs entschlossen. Sie wollten eigenständiger werden, selbst Busfahrpläne lesen können und ihre Kinder bei den Hausaufgaben unterstützen. Der Alphabetisierungskurs wurde von der Zakoura-Stiftung durchgeführt. Die private Stiftung wurde 1997 gegründet und fördert die Bildung von Kindern, die Ausbildung junger Menschen und die Eigenständigkeit von Frauen. Sie war die erste Organisation in Marokko, die an Frauen Mikrokredite vergab, ähnlich wie die Grameen-Bank in Indien.

Die Kursteilnehmerinnen wurden gebeten, Sprichwörter aufzuschreiben, die in ihnen besondere Gefühle auslösen oder in ihren Familien benutzt werden. Sie sammelten Sprichwörter, die ihnen gefielen oder über die sie sich ärgerten. Die Sätze wurden anschließend nach den Beziehungen der einzelnen Familienmitglieder zueinander geordnet.

Parallel zu dieser Aktion wurde in 15 Dörfern, die über ganz Marokko verteilt waren, ein Kalligrafie-Wettbewerb ausgelobt. Es galt, das Dorf zu finden, in dem die meisten künstlerisch begabten Frauen lebten. Die arabische Kalligrafie zählt als Kunstform und ist im Islam entstanden. Sie gilt als die ästhetische Seite der islamischen Religion. Es wird oft behauptet, die arabische Kalligrafie sei wegen des islamischen Bilderverbots entstanden. Doch ob von einem Bilderverbot überhaupt die Rede sein kann, ist selbst unter Fachleuten umstritten. 

Es ist hilfreich, das zu wissen, bevor man sich diesem Buch zuwendet. Wie schön es aufgemacht ist, zeigen diese Bilder. Es geht los mit Sprichwörtern, die Ehemänner über Frauen sagen:

 "Wenn man Frauen die Geschäfte lenken lässt, so ist das, als ließe man dem Maultier die Zügel los." Da muss man nicht lange raten, in welche Kategorie dieser Satz aus der Sicht der Frauen fällt. Glücklicherweise haben sich viele Marokkanerinnen mithilfe der Zakoura-Stiftung auf den Weg gemacht.
Der zweite Spruch fällt milder aus: "Der Stock ist nur dann dein Freund, wenn er dich beim Überqueren des Flusses stützt."


Hier ist ein Auszug aus dem Kapitel, in dem es um Sprichwörter geht, die Frauen missfallen. Mit diesem geht es los: "Eine Frau und eine Eselin behandle nicht als Gäste, sondern sorge dafür, dass sie sich an die Arbeit machen." Als Frau hebt man bei solchen Worten mindestens missbilligend die Augenbrauen - um sich dann daran zu erinnern, dass diese Haltung weit verbreitet war, auch im christlichen Raum. Allerdings wurde das nicht so deutlich formuliert.
"Wer seinen Kopf in den Trog steckt, riskiert Schnabelhiebe abzubekommen", heißt der zweite Satz auf der Seite.



Und hier kommen zwei der Lieblingssprichwörter der Frauen: "Wer mich liebt, liebt mich wie ich bin, nicht nur, wenn ich geschminkt bin, sondern sogar dann, wenn ich mit Ruß verschmiert bin." Das wünscht sich wohl jede(r).
Es geht weiter mit diesem Sprichwort: "Wer nicht sein Leid zum Ausdruck bringt, der ist schlecht beraten - und zwar vom Satan selbst." Oder um es europäisch kurz zu sagen: Lass es raus.

Marokkanische Sprichwörter ist ein Buch für die Seele: Manche Sprichwörter machen nachdenklich, andere amüsieren. Die Illustrationen mit ihren Kalligrafien versetzen die Leser gedanklich in den Orient. Eine Auszeit, die vielen gerade jetzt in der Zeit von Covid-19 willkommen sein dürfte.



Marokkanische Sprichwörter ist 2011 erschienen und für 24 Euro direkt beim Verlag Donata Kinzelbach oder bei jedem örtlichen Buchhändler erhältlich. 

Diese Frauen haben an dem Alphabetisierungskurs der Zakoura-Stiftung teilgenommen:

Freitag, 3. April 2020

# 234 - Der Blick nach Algerien: Ist die Hoffnung auf Veränderung berechtigt?


Mitte Januar 2020 hatte ich hier bereits zwei Bücher aus dem Verlag Donata Kinzelbach vorgestellt. Im heutigen Buch geht es um ein Stück der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung, die Algerien in der jüngsten Vergangenheit durchgemacht hat.

In dem Buch Im Aufbruch, herausgegeben von dem algerischen Dichter Amin Khan, versammeln sich 19 Texte von zum Teil namhaften algerischen Dichtern, Schriftstellern, Journalisten und/oder Wissenschaftlern. Alle beschäftigen sich mit den seit Februar 2019 in Algier stattfindenden Demonstrationen, an denen zehntausende Menschen teilnehmen.

Zunächst ging es um den Protest gegen die am 12. September 2019 geplante Präsidentschaftswahl. Es wurde zwar zwischenzeitlich klar, dass der an der Macht hängende greise und gesundheitlich schwer angeschlagende bisherige Präsident Bouteflika nun doch nicht mehr kandidieren würde, aber das änderte wenig am Zorn der Algerier.

Schon viel zu lange fühlten sie sich ausgebootet. Diejenigen, die den Staat repräsentierten, haben nicht zugunsten des Volkes gehandelt, sondern zugunsten der eigenen Taschen. Junge Algerier haben entweder kaum eine Chance auf eine Berufsausbildung oder können den erworbenen Hochschulabschluss im eigenen Land nicht nutzen. Viele von ihnen haben im Laufe der Jahre versucht, der bodenlosen Hoffnungslosigkeit in der eigenen Heimat durch die Flucht übers Mittelmeer zu entgehen.

Die Texte handeln nicht nur von der Wut gegen die Regierung. Es geht auch um die Achtung, die die Älteren nun den Jungen entgegenbringen, weil diese Proteste organisieren und eine Veränderung erreichen wollen. Auch das, was in der algerischen unruhigen und gewaltsamen Geschichte, insbesondere seit Ende der 1980-er Jahre, passierte, wirkt bis heute in den Menschen nach. So berichtet zum Beispiel der Arzt Farid Chaoui von schwer traumatisierten Patienten quer durch alle Altersgruppen, die aus einer bestimmten Region kommen, die am meisten unter Gewalt und Terrorismus zu leiden hat.

Die algerische Protestbewegung ist seit mehr als einem Jahr aktiv und verschafft sich Gehör. Aktuell wird sie durch Covid-19 gestoppt. Wie es mit ihr und dem Land weitergeht, wenn die Pandemie vorbei ist, weiß heute keiner. 

Im Aufbruch ist als Taschenbuch erschienen und kostet 22 Euro.

Freitag, 15. September 2017

# 117 - Mord in Namibia

Die deutsche Kolonialherrschaft wirkt bis heute nach

 

Die Journalistinnen Almut Hielscher und Uta König haben die Handlung ihres Krimis Mord am Waterberg nach Namibia gelegt, das in der Zeit des deutschen Kolonialismus ab 1884 den Namen Kolonie Deutsch-Südwestafrika trug. Schon auf Seite 11 wird schlagwortartig erläutert, wie die deutsche mit der namibischen Geschichte verwoben ist: Während der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts errichteten die ersten deutschen Missionare Stationen und begannen, den Ureinwohnern das nahezubringen, was sie für den rechten Glauben hielten. Den Grundstein für die spätere Kolonialisierung legte der deutsche Kaufmann Adolf Lüderitz, der sich mit Verträgen, in denen die Einheimischen übers Ohr gehauen wurden, 580.000 Quadratmeter Land an der Westküste kaufte. 1884 wurde das Gebiet zum sog. Schutzgebiet, danach zur deutschen Kolonie. Diamantfunde weckten dann Begehrlichkeiten im fernen Deutschland, es kamen immer mehr deutsche Einwanderer. Je größer ihre Zahl wurde, umso größer wurde der Widerstand der Einheimischen, sodass Reichskanzler Bismarck immer mehr Soldaten schickte, um die Einheimischen in Schach zu halten. Die hatten allerdings mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts genug von Ausbeutung, Unterdrückung und Landnahme durch die Deutschen: Nacheinander erhoben sich zwischen 1904 und 1908 mehrere Stämme, die von den deutschen Truppen niedergemetzelt wurden. Als entscheidendes Ereignis gilt die Schlacht am Waterberg, bei der 80 % der Hereros ihr Leben verloren; nicht zuletzt, weil sie unter dem Kommando von Generalleutnant Lothar von Trotha in der Omaheke-Wüste eingekesselt wurden und dort verdursteten.


Ist so viel Geschichte wirklich nötig?

 

Bei diesem Buch eindeutig ja. Ohne ein Mindestmaß an Kenntnissen über die deutsche Kolonialherrschaft kann man die im Buch beschriebenen Befindlichkeiten und Verhaltensweisen der Namibier nicht nachvollziehen. Das Erbe dieser Zeit wirkt bis heute nach: Die größten Farmen mit den ergiebigsten Böden gehören immer noch den Nachfahren der deutschen Siedler, deutsche Farmnamen sind nichts Ungewöhnliches. 
In dieses Land fliegt im August 2004 die Buchhändlerin Katrin Sattler. Nicht, um dort Urlaub zu machen und Landschaft und Tierwelt zu bestaunen, sondern um ihre tote Schwester Anna nach Hause zu holen. Wenige Tage zuvor wurde Anna in ihrem Haus in Okakarara erschlagen gefunden. Sie war dort vier Jahre für den Deutschen Entwicklungsdienst in einem Kulturverein tätig gewesen und hatte gegenüber ihrer Schwester immer von ihrer Arbeit sowie Land und Leuten geschwärmt. Katrin hatte sich nie überwinden können, Anna dort zu besuchen, und so hatte sich ihr Kontakt im Wesentlichen auf Telefongespräche beschränkt. Ihr Plan ist, nur so viel Zeit in Namibia zu verbringen, wie nötig ist, um die Überführung der Schwester zu regeln und den Sarg ins heimische Stuttgart zu begleiten. Aber es soll anders kommen.

Wer hat Anna getötet?

 

Von Annas Chef Arnold erfährt Katrin, dass sich der Mörder bereits in Untersuchungshaft befindet. Das wird von der örtlichen Polizei bestätigt: Anhand von angeblich eindeutigen Indizien wurde ein Siebzehnjähriger als Täter für den Raubmord identifiziert, der jedoch vehement abstreitet, etwas mit dem Verbrechen zu tun zu haben. Aber als Katrin in Annas Haus ist, bemerkt sie, dass alles, was einen nennenswerten Wert hatte, noch da ist. Sie hat an der Raubmord-Theorie erste Zweifel. Die sollen sich auch weiter verdichten, als ihr immer mehr Ungereimtheiten auffallen: Sie ist sich sicher, dass Arnold, der erheblich zur Verhaftung des jungen Mannes beigetragen hat, selbst keine weiße Weste hat. Da sich dieser auch ihr gegenüber merkwürdig verhält, beginnt Katrin, eigene Nachforschungen anzustellen. Sie findet heraus, dass der verhaftete Tatverdächtige für den Tatzeitraum ein Alibi hat: Er hat über mehrere Stunden hinweg in Arnolds Garten gearbeitet. Außerdem findet sie im Haus des Vereinschefs zwei Aktenordner und eine Kladde, die kurz zuvor aus Annas Haus gestohlen worden waren. Als Katrin ihre Beobachtungen der Polizei schildert, werden die Vorgänge verharmlost und sie wird nicht ernst genommen. Doch als sie nach einem nächtlichen Drohanruf Anzeige erstattet, wird man auch dort hellhörig. Ein Besuch auf der Farm, die einst von ihrer Großtante und deren Mann bewirtschaftet wurde und heute einer einheimischen Familie gehört, irritiert sie: Die Feindseligkeit, die ihr von der Mutter und einem der Söhne entgegenschlägt, kann sie sich nicht erklären. Auch ihre Schwester hatte die Familie besucht, um mehr über die längst verstorbene Großtante zu erfahren. Katrin beschließt, erst dann die Heimreise anzutreten, wenn zweifelsfrei feststeht, wer Anna getötet hat. Es gibt mehrere Menschen, denen das nicht gefällt. Doch sie findet Unterstützung in Annas Freundin Agnes und Chief John Kambanda, die auch für Katrins Schwester gute Freunde waren.


Wie war's?

 

Mord am Waterberg hat einen starken historischen Bezug. Die Bundesrepublik Deutschland hat sich zwar 2004 zu den Gräueltaten während ihrer Kolonialherrschaft bekannt, wies aber Entschädigungsforderungen zugunsten von mehr Entwicklungshilfe zurück. Anfang 2017 reichten Vertreter der Herero und der Nama vor einem New Yorker Schiedsgericht eine Sammelklage ein. Die namibischen Verhandlungsführer haben durch ein Gutachten Reparationen in Höhe von 30 Milliarden Euro ermitteln lassen. Vieles, was zum Verständnis der Vorbehalte der Namibier gegenüber Deutschen nötig ist, wurde im Buch angesprochen. Das Thema dürfte heute vielen Deutschen nicht mehr präsent sein; so erklärt sich auch die Naivität, mit der sich Katrin oft in Namibia bewegt.
Die Idee, einen fast vergessenen Teil der deutschen Geschichte mit der Handlung eines Krimis zu verknüpfen, ist sehr interessant. Aber so genau die Beschreibung des historischen Hintergrunds und der heutigen Lebensverhältnisse ist, so flach ist die Zeichnung der einzelnen Charaktere: Sie bleiben eindimensional, weil wie in einer Reportage zwar ihr Handeln geschildert wird, aber oft unklar bleibt, was sie dazu bewogen hat. Warum beispielsweise aus dem Geplänkel zwischen Katrin und einem deutschen Biologen in der Bar einer Pension dann offenbar eine ernsthafte Liebebeziehung wird, ist kaum nachvollziehbar. Es ist diese Flachheit der Figuren, die dazu führt, dass dem Buch die wirkliche Spannung fehlt und es schwerfällt, sich in eine der Personen hineinzuversetzen.

Mord am Waterberg ist bei Pro Talk Crime erschienen und kostet als Taschenbuch 11,90 €. Das Buch wurde mir von der Agentur KongKing zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.
 

Mittwoch, 2. August 2017

Eine Besonderheit aus Afrika, ein totes Kind, ein starker König und ein zweifelndes Paar

Viel Abwechslung im Juli


Der mit den Glasaugen von Marta Monti machte in diesem Monat den Anfang: Der fünfjährige Jan verschwindet aus dem Haus seiner Mutter, und die Kripo Bern, allen voran das Ermittlerduo Beta und Bertschi, machen sich auf die Suche nach dem Kind. Was zu Beginn der Fall eines Ausreißers hätte sein können, entpuppt sich später als Mord. Dieser Krimi kam bei mir nicht besonders gut weg: Der Spannungsbogen hat ein paar Dellen, und an Logik und Schlüssigkeit besteht durchaus Optimierungsbedarf. Auch der Umgang mit der Grammatik war ein Kritikpunkt.










In Die verborgene Schönheit der Sterne steht ein kinderloses Ehepaar aus Berlin im Mittelpunkt, das sich in und mit seinem Leben arrangiert hat. Doch dann platzt eine todbringende Diagnose in ihr Leben, die alles verändert: Ihre Vorstellungen von Treue und Zusammenhalt und darüber, was im Leben wirklich wichtig ist, werden auf die Probe gestellt. Karen Hilgarth hat einen einfühlsamen Roman geschrieben, der glücklicherweise nie ins Kitschige oder Gefühlsduselige abgleitet. Karen Hilgarth stellt sich auf ihrer Autorenseite bei Facebook vor.













An diesem Buch konnte ich nicht vorbeigehen: Libreville von Janis Otsiemi ist der erste Roman aus dem westafrikanischen Gabun, der jemals ins Deutsche übersetzt wurde. Mein Eindruck: Die Struktur dieses Krimis hat nichts mit dem gemeinsam, was wir gewohnt sind. Auch wenn der Klappentext diesen Eindruck vermittelt, geht es nicht nur um einen einzigen Fall, dem die Polizei hier auf der Spur ist, sondern auch um drei weitere, die nichts miteinander zu tun haben. Wie nebenbei lernt der Leser eine Menge über die Geschichte des Landes, die sozialen Verhältnisse und darüber, dass Machos und Korruption an der Tagesordnung sind, gern auch miteinander verbunden. Letzteres ist etwas, was nicht wirklich überrascht. In der WDR-Reihe "Noller liest" wurde ein Interview mit dem Autor veröffentlicht.




Die Bestsellerautorin Rebecca Gablé hat mit Die fremde Königin einen weiteren historischen Roman vorgelegt, der diesmal die deutsche Geschichte zwischen 951 und 962 abdeckt, als König Otto I. regierte und sich zum Kaiser krönen ließ. Die wahren und erfundenen Anteile der Geschichte strotzen vor Intrigen, Morden, Liebe und Verrat. Das Buch hat ein stilistisches Merkmal, das Gablé-Fans schon aus der Waringham-Reihe wie z. B. dem Band Der Palast der Meere kennen. Welches? Lest selbst! Der Verlag hat ein Video bereitgestellt, in dem Rebecca Gablé über ihr neuestes Buch spricht:













Vom Deutschland des Mittelalters geht es mit Jugend ohne Gott von Ödön von Horváth in das Deutschland des Nationalsozialismus'. Ein Lehrer an einem Gymansium erlebt, wie die braune Ideologie in das gesamte Leben der Deutschen einsickert und auch die Schule nicht davon verschont bleibt. Der Roman erzählt von Verrohung, Gefühlskälte und Mitläufertum und beschäftigt sich mit der Frage, ob unter solchen Bedingungen Gott überhaupt eine Chance hat. Trotz dieses Hinweises handelt es sich nicht um ein unbedingt religiöses Buch. Bereits vor 80 Jahren erschienen, aber immer noch aktuell.
Der Roman wurde 1991 mit Ulrich Mühe verfilmt, hier gibt es den Trailer.


War für euch ein Buch dabei?

Freitag, 14. Juli 2017

# 108 - Eine deutsche Premiere: ein Krimi aus Gabun

Ein Reporter wird ermordet

Der Krimi Libreville von Janis Otsiemi ist der erste Roman eines Schriftstellers aus Gabun, der je ins Deutsche übersetzt wurde. Die Gelegenheit, auf diesem Weg einen Blick auf das westafrikanische Land zu werfen, wollte genutzt werden.

Korruption und Skrupellosigkeit sind an der Tagesordnung

An einem Montag des Jahres 2008 wird morgens um drei Uhr in der gabunischen Hauptstadt Libreville ein Toter in der Nähe des Präsidentenpalastes ins Meer geworfen. Einen Tag später wird er von Spaziergängern gefunden: Es handelt sich um den Investigativjournalisten Robert Missange, der der stellvertretende Chefredakteur des Échos du sud ist und sich durch seine Reportagen etliche Feinde gemacht hat. Er starb durch einen Schuss in den Hals, von seiner Schreibhand wurden ihm zwei Finger abgetrennt. Die Vermutung, dass es einen Zusammenhang zwischen seinem Tod, den Folterspuren und seinen regierungskritischen Artikeln gibt, liegt nahe: In einem Jahr sollen die nächsten Wahlen stattfinden, der Sohn des derzeitigen Machthabers ist dazu vorgesehen, das Amt seines Vaters zu "erben". Da ist eine zügige Aufklärung nötig, mit der natürlich aufgrund der politischen Brisanz nicht einfache Polizisten, sondern Beamte der Police Judiciaire (PJ) beauftragt werden. 

Bei der Leiche wird eine Patronenhülse gefunden, die darauf hindeutet, dass Missange mit einer Maschinenpistole aus tschechoslowakischer Herstellung ermordet wurde. In Gabun benutzen nur die Leibwächter des Verteidigungsministers Waffen dieses Typs. Mit der Tatwaffe wurde jedoch schon einmal ein Mord begangen: Fünf Jahre zuvor wurde der Sicherheitschef des Verteidigungsministers mit dieser Pistole getötet. Aber die Ermittler haben den Verdacht, dass die Spuren absichtlich so gelegt wurden, dass sie von den wahren Tätern ablenken sollen.

Die Polizeiarbeit findet unter Verhältnissen statt, für die das Attribut "veraltet" noch geschmeichelt ist: Die technische Ausstattung der PJ besteht aus einer Schreibmaschine aus den 1960er Jahren, und es läuft viel über Informanten, das Verprügeln der Verdächtigen im sog. Purgatorium und Bauchgefühl.

Kein klassischer Krimi 

Libreville entspricht nicht dem, was sich europäische oder US-amerikanische Leser unter einem Kriminalroman vorstellen. Wer also gut ausgearbeitete Charaktere und jede Menge Spannung erwartet, sollte um dieses Buch einen Bogen machen. Janis Otsiemi stellt den Mord an Robert Missange zwar an den Anfang der Handlung und weist ihm so die größte Wichtigkeit zu, die Kriminalbeamten bearbeiten jedoch auch noch weitere Fälle: Da gibt es eine Fahrerflucht mit Todesfolge, einen pädophilen Pornoproduzenten und einen Ex-Minister, dem in einem Moment der Unachtsamkeit sein Scheckheft gestohlen und anschließend von den Dieben ausgiebig genutzt wird. Diese Fälle nehmen ebenso viel Raum ein wie der eigentliche Hauptfall und dienen wie dieser dazu, das Land und seine Strukturen zu beschreiben: Korruption ist so normal, dass man sich dort wohl fragen könnte, wie man ohne sie auskommt, die Verkommenheit nimmt mit jeder Stufe in der Polizeihierarchie zu und wie selbstverständlich "hält" sich jeder der Kriminalbeamten eine Art Zweitfrau, die er für ihre Dienste bezahlt, indem er die Kosten für Miete und Lebensführung übernimmt. Die Organisation dieses Nebenhaushalts und dessen Geheimhaltung finden während der Dienstzeit statt, da muss die Ermittlungsarbeit schon mal warten.


Der Autor hat derart viele Informationen über die Geschichte und aktuelle Situation Gabuns in den Text hineingearbeitet, dass sich unweigerlich die Frage stellt, für wen er dieses Buch eigentlich geschrieben hat. Für den Leser, der vor der Lektüre Gabun gerade mal buchstabieren und in Afrika verorten konnte, reichen die neuen Kenntnisse allemal für ein Kurzreferat. Aber: Ist es das, was ein Krimi haben sollte? Erwarte ich ein verkürztes Geschichtsbuch, wenn ich einen Kriminalroman kaufe?
Für dieses Buch spricht, dass es sich in seiner Erzählweise deutlich von typischen Krimis unterscheidet: Otsiemi fängt sehr gut die Stimmung ein, in der die Menschen leben und bedient sich Redewendungen, die eine Situation auf den Punkt bringen. Wenn eine Äußerung wie "Ein Mann so lang wie ein Tag ohne Brot" fällt, ist alles gesagt.
Wer also damit leben kann, dass Libreville nicht in das gewohnte Krimi-Muster passt, sondern sich etwas ganz Anderem öffnen will, sollte dieses Buch lesen.

Libreville ist im Polar Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 14 Euro sowie als epub- oder Kindle-Ausgabe 10,99 Euro. 


 




Donnerstag, 1. Juni 2017

# 102 - Schuld, Rache und Vergebung

Von der gnadenlosen Hitze Algeriens ins moderne Frankreich und zurück

 

Baptiste Dumont ist 67, als er eines Nachts einen Anruf aus dem Krankenhaus erhält. Seine geliebte Frau Claire, mit der er seit Jahrzehnten verheiratet gewesen war, hat den Kampf gegen den Krebs verloren. Er ist nun allein; seine Tochter, sein Schwiegersohn und seine Enkelin sind schon vor sieben Jahren nur wenige Tage nach der Geburt des Kindes bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Jetzt, da mit Claire der Mittelpunkt und Anker seines Lebens nicht mehr da ist und er spürt, dass sich auch für ihn unaufhaltsam der Tod nähert, fasst er einen Entschluss: Er verkauft die Wohnung in dem kleinen Dorf in der Provence, in der er mit Claire sein Leben verbracht hat, und schließt sich jungen Leuten an, die mithilfe eines Wohltätigkeitsprojekts das Schulhaus in dem malawischen Dorf Chila um ein Waisenhaus erweitern wollen. Mit der jungen Ella, die mit dem Projektgründer liiert ist, verbindet ihn bald eine besondere Freundschaft. In seinem Debütroman Palast aus Staub und Wind schreibt Haroon Gordon über Freundschaft, Liebe, Hass und Tod.

Frauengefängnis unter algerischer Sonne

 

In den 1930-er bis 1950-er Jahren wachsen im Frauengefängnis Agda zwei Jungen auf: Baptiste ist der Sohn von Gefängnisdirektor Colonel Dumont und von Celine Dumont, die der Familie zuliebe ihre Karriere als Pianistin an den Nagel gehängt hat. Im Gefängnis wächst der nur ein Jahr jüngere Gabriel als Sohn einer Inhaftierten heran, die ihn dort geboren hat. Die beiden sind die einzigen Kinder und werden zu besten Freunden. Doch Baptiste spürt bereits als Jugendlicher, dass die Ehe seiner Eltern belastet ist: Sein Vater hat im Alkohol einen ständigen Begleiter gefunden, die Mutter kapselt sich ab und wird psychisch krank. Doch niemand spricht mit dem Jungen über den Grund für diese Veränderungen. Auch, warum Celine für Gabriel nur Hass übrig hat, ist den beiden Freunden ein Rätsel. 

Erst als junger Mann erfährt Gabriel durch eine ehemalige Mitinsassin seiner Mutter von dem dunklen Geheimnis der Dumonts. Die Situation eskaliert, es gibt einen mit Absicht Getöteten und einen weiteren, der versehentlich zu Tode kommt. Baptiste hat nie jemandem von seiner Vergangenheit erzählt. Doch während eines Unwetters in Chila, als Ella lebensgefährlich erkrankt und außer Baptiste niemand da ist, bleibt er bei ihr und erzählt der jungen Frau seine Geschichte. Ella wird wieder gesund, doch nun ist Baptiste erkrankt. Als er erkennt, dass sein Ende nah ist, bittet er Ella um ein Versprechen: Sie soll an seiner Stelle nach Agda reisen und etwas für ihn erledigen, damit seine Seele ihren Frieden findet.

Wie war's?

 

Palast aus Staub und Wind ist ein von Beginn an fesselnder Roman mit mehren Wendungen. Haroon Gordons Schreibstil reißt seine Leser von Anfang an mit und lässt sie die Höhen und Tiefen der Figuren hautnah miterleben. Ein brisantes Thema, das ausschließlich Ella betrifft, wird am Ende des Romans allerdings zu oberflächlich abgehandelt. Das ist jedoch die einzige Schwäche, die sich das Buch erlaubt.

Palast aus Staub und Wind ist bei hockebooks erschienen und wurde mir von bloggdeinbuch.de  zur Verfügung gestell. Der Roman kostet als Taschenbuch 12,99 € sowie als E-Book 7,99 €. Mir lag das Buch als E-Book vor.