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Mittwoch, 15. Oktober 2025

# 490 - Der große UFA-Bluff - Überleben im 3. Reich

Mit seinem Roman Der große Ufa-Bluff greift Anton Leiss-Huber eine historische Begebenheit auf, die sich 1945 kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs ereignet hat, aber bislang ziemlich unbekannt war.

Die Nationalsozialisten versuchen dem Volk (und wahrscheinlich auch sich selbst) vorzugaukeln, dass der Endsieg nah ist. Doch nicht nur Durchhalteparolen sollen die Stimmung aufhellen, sondern auch Kinofilme. Die erfolgreichen und beliebten Ufa-Schauspielerinnen und -Schauspieler werden hofiert, solange sie dem Regime nützlich sind. Aber mittlerweile gehen den Nazis die Soldaten aus, und so müssen auch die Ufa-Darsteller befürchten, dass man sie zum Volkssturm schickt. Da schmiedet der Produktionsleiter Eberhard Schmidt einen Plan: Gemeinsam mit einer Schauspiel-Crew sowie Erich Kästner und dessen Freundin setzt er sich von Berlin in das Tiroler Dorf Mayrhofen ab. Dort ist es sicherer als in der Hauptstadt. 

Das Team gibt vor, einen kriegswichtigen Film zu drehen - was mangels Material gar nicht möglich ist. Aber der Schein muss sowohl gegenüber den Dorfbewohnern als auch dem Regime aufrechterhalten werden. Das ist nicht so leicht, weil die Neuankömmlinge auf Bauernhöfen untergebracht werden und sich nun mit den Einheimischen die ohnehin zu wenigen Lebensmittel teilen müssen. Die Mayrhofener sind ohnehin nicht gut auf Berlin zu sprechen und beobachten die neuen Mitbürger mit Argwohn.

Nachdem die Finte einige Zeit funktioniert hat, bahnt sich eine Komplikation an: Der Ortsgruppenleiter möchte sich mit ein paar Gästen ansehen, was bislang gedreht wurde. Jetzt ist jede Menge Kreativität gefragt, um die Täuschung aufrecht zu erhalten und die Zeit bis zum hoffentlich bevorstehenden Kriegsende zu überbrücken.

Lesen?

Anton Leiss-Huber verbindet gekonnt historische Tatsachen mit Fiktion und würzt die Handlung mit Spannung und einer Liebesgeschichte. Der große Ufa-Bluff ist jedoch keine triviale Geschichte, sondern erzählt auch von den existenziellen Ängsten und Nöten aller Beteiligten. 

Anton Leiss-Huber hat die Vorgänge in Mayrhofen genau recherchiert. Die ausführlichste Quelle waren die Aufzeichnungen von Erich Kästner, die unter dem Titel Notabene 45 veröffentlicht wurden. Eines ist klar: Angesichts der zahlreichen Schwierigkeiten, die die Film-Crew bewältigen musste, dürften damals einigen die Schweißperlen auf der Stirn gestanden haben.

Der große Ufa-Bluff ist am 9. Mai 2025 im Gmeiner-Verlag erschienen, einen Tag nach dem 80. Jahrestag der Befreiung der Deutschen vom Nationalsozialismus.
Der Roman kostet 18 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.

Donnerstag, 4. September 2025

# 487 - Elefanten in Berlin lösen eine Regierungskrise aus

Gaea Schoeters greift in ihrem neuesten Roman Das
Geschenk
 eine politische Begebenheit aus den Jahren 2023 und 2024 auf: Mehrere europäische Staaten, darunter auch Deutschland, sprachen sich dafür aus, das EU-Recht hinsichtlich des Imports von Jagdtrophäen zu verschärfen. Die Einfuhr von beispielsweise Elfenbein sollte nach Ansicht des Bundesumweltministeriums „insgesamt reduziert und im Einzelfall ganz verboten“ werden. 
Botswanas Präsident 
Mokgweetsi Masisi war darüber verärgert, er und andere afrikanische Staatschefs werteten diesen Vorschlag als neokoloniale Einmischung. Im Scherz drohte Masisi, 20.000 Elefanten nach Deutschland zu schicken.

Schoeters hat den Faden weitergesponnen und in ihrem Buch tatsächlich den botswanischen Präsidenten Elefanten nach Berlin schicken lassen. Eines Tages werden einige von ihnen im Morgennebel am Spreeufer gesehen, nach und nach tauchen im ganzen Stadtgebiet immer mehr auf. Zum Schluss werden 20.000 Tiere gezählt. Sie trampeln nieder, was ihnen vor ihre Füße kommt, brauchen riesige Mengen Futter und hinterlassen wahre Kotberge. Außer, dass die riesigen Kotfladen stinken, haben sie noch eine andere Wirkung: In ihnen sind unverdaute Samen aus der afrikanischen Heimat der Elefanten, die die Pflanzenwelt der Hauptstadt verändern. Das bezieht auch hohe Gebäude ein, die schon nach bis dahin elf vergangenen Wochen in einen grünen Mantel eingewoben sind. Geht das wirklich so schnell? Die Antwort: nein.

Die Elefanten-Armada hat aber nicht nur eine ökologische Dimension, sondern wirft auch finanziell, sicherheitstechnisch und politisch reichlich Probleme auf. Bundeskanzler Hans Christian Winkler wird von der Gesamtsituation kalt erwischt. Er muss diese Krise unbedingt bewältigen, denn die nächsten Wahlen stehen an und er will sein Amt gegen den Rechtsaußen-Politiker Holger Fuchs verteidigen. Während ein Krisenstab eingerichtet wird und man Zuständigkeiten hin und her schiebt, verschärft sich die Situation.

Die Elefanten werden von der Bevölkerung zu Beginn ihres Auftauchens als Ereignis angesehen, aber hundert Tage später lehnen sich ganze Berufsgruppen von den Landwirten bis zu den Müllwerkern gegen ihre Anwesenheit auf. Der Kanzler steht als Versager da, sein Kontrahent Fuchs gewinnt in Wählerumfragen an Boden. Der Satz "Wir schaffen das!", fällt auch hier, damit auch die und der Letzte die Parallelen sieht. Wer kann da helfen? Winkler wendet sich an Ex-Kanzlerin Erika Fuchs, die einen Rat parat hat.

Doch kaum, dass sich eine Lösung anbahnt, ergeben sich neue Probleme: Wie kann verhindert werden, dass sich die Elefantenpopulation vergrößert?

Das Ende des Romans erinnert stark an Vorschläge, was mit illegal eingereisten Menschen, die nicht in ihre Herkunftsländer abgeschoben werden können, passieren sollte. 

Lesen?

Vor etwa einem Jahr habe ich hier Trophäe vorgestellt, das erste Buch von Gaea Schoeters, das auf Deutsch übersetzt wurde. Nicht nur ich war von diesem Roman begeistert, der inhaltlich und sprachlich überzeugte. Inhaltlich knüpft Das Geschenk daran an, wenn auch weniger überzeugend.

Die amüsante Grundidee, dass sich ein afrikanischer Regierungschef mit dem Verschicken von Wildtieren für eine politische Entscheidung rächen könnte, wird schon ab dem Zeitpunkt unglaubwürdig, in dem völlig unklar ist, wie die Tiere nach Berlin gekommen sind. Doch offensichtlich geht es Schoeters nicht um Elefanten und Artenschutz. Im Verlauf der Handlung wird immer klarer, dass die Elefanten metaphorisch für illegal eingereiste Flüchtlinge stehen, die nun insbesondere von Holger Fuchs für politische Propaganda herhalten müssen: "Und so muss der durchschnittliche, hart arbeitende Deutsche für den Schaden geradestehen, für den invasive afrikanische Arten als Folge irgendeines woken Gesetzes verantwortlich sind." Die Situation ist "der perfekte Nährboden für eine Partei, die nur Phrasen drischt und von der Unzufriedenheit der Bürger lebt. Dass ihre Lösung [...] nicht umsetzbar ist, ist egal; sie können das einfach rausposaunen, ohne es je umsetzen zu müssen."

Die Handlung des Romans erstreckt sich über 435 Tage, wobei Schoeters in großen Zeitsprüngen erzählt. Auf weniger als 150 Seiten reißt sie Themen wie Natur- und Artenschutz, Landwirtschaft, Integration, Klimakrise, Postkolonialismus, die Fallstricke des Politikbetriebs, Wirtschaft, ... - habe ich etwas vergessen? - an, vertieft jedoch nichts davon. Am Ende des Buches bleibt die Frage: Wollte Gaea Schoeters ihre Leserinnen und Leser amüsant unterhalten oder sie zum Nachdenken bringen? 
Von den Geschlechterklischees habe ich da noch gar nicht angefangen. 

Das Geschenk ist 2025 im Zsolnay Verlag erschienen (Übersetzung: Lisa Mensing) und kostet als gebundenes Buch 22 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.



Freitag, 8. August 2025

# 484 - Abschied: Ein Zeitzeugnis und eine unerfüllte Liebe

Der 1999 verstorbene Sebastian Haffner wurde als
Journalist und Autor von zeitgeschichtlichen Büchern wie Anmerkungen zu Hitler oder Von Bismarck zu Hitler bekannt. Auf Anraten seines Vaters stellte er seinen Wunsch, Schriftsteller zu werden, zurück, und studierte Jura. Erst jetzt, fast einhundert Jahre nach dessen Fertigstellung, erscheint Haffners Roman Abschied.
 

Haffner, der unter dem Namen Raimund Pretzel geboren wurde, schildert seine Liebe zu Teddy während seiner Zeit als Rechtsreferendar am Amtsgericht Rheinsberg. Mit Teddy ist Gertrude Joseph gemeint, die als Jüdin bereits 1930 angesichts des in Deutschland erstarkenden Nationalsozialismus' nach Paris emigrierte und dort studierte. Teddy umgab sich mit interessanten Personen und war für Haffner die Verkörperung von Lebenslust und Unabhängigkeit. Die beiden fühlten sich zueinander hingezogen, wurden aber nie das, was man als Liebespaar bezeichnen würde. Abschied spielt 1930 zwischen Rheinsberg und Berlin sowie 1931 in einer Pension in Paris, in die sich Haffner für seinen Besuch bei Teddy eingemietet hat. Dort wohnt die junge Frau ebenfalls, und der verliebte Referendar erlebt, wie seine Angebetete ihre Zeit verbringt - und mit wem. 

Haffners Beziehung mit Teddy ist ein Wechselspiel zwischen Anziehung und Abstoßung. Man spürt beim Lesen, wie sehr sein Herz an ihr hängt und ahnt früh die Melancholie des Abschieds, die sich auf dem Bahnsteig des Gare du Nord einstellt. Das letzte Gespräch der beiden bleibt im Ungefähren, es werden keine Zusagen oder gar Liebesschwüre ausgetauscht, die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft machen könnten.

Lesen?

Raimund Pretzel emigrierte 1938 nach Großbritannien, nachdem er im nationalsozialistischen Deutschland weder persönlich noch politisch eine Zukunft sah. Da er sich in Deutschland in einem liberalen Umfeld bewegte, befürchtete er Repressalien. In Großbritannien arbeitete er als Journalist und nahm den Namen Sebastian Haffner an, um insbesondere seine Eltern zu schützen. 

Haffner hat Abschied innerhalb weniger Wochen zwischen dem 18. Oktober und dem 23. November 1932 geschrieben. Sein Roman ist in einem gerade für die damalige Zeit gelösten und beschwingten Stil verfasst. Die Sprache macht jedoch deutlich, wie viel Zeit über das Buch hinweggegangen ist: Haffner verwendet häufig veraltet wirkende Begriffe oder Formulierungen, die heute in einem anderen Kontext stehen. So beschreibt er beispielsweise den Inhalt seines überquellenden Reisekoffers mit dem Satz: "In meinem Koffer ging es zu wie in einem Konzentrationslager oder in einem Flüchtlingszug." Das erste NS-Konzentrationslager (Dachau) gab es allerdings erst 1933. Der Begriff war jedoch seit dem 19. Jahrhundert in Zusammenhang mit den kubanischen Unabhängigkeitskriegen (1868-1898) und dem Burenkrieg (1899-1902) in der Welt.

Die Familie von Sebastian Haffner, insbesondere sein Sohn Oliver Pretzel, haben die Veröffentlichung von Abschied ermöglicht. Eine gute Entscheidung.

Abschied wurde 2025 im Carl Hanser Verlag veröffentlicht und kostet 24 Euro.

 


Dienstag, 4. Februar 2025

# 465 - Aus der Krise entsteht ein Buch: Joachim Meyerhoffs Rettung durch seine Mutter

Mit Man kann auch in die Höhe fallen hat der
Schauspieler und Autor Joachim Meyerhoff sein sechstes Buch veröffentlicht. In allen seiner Bücher geht es um seine Eltern, seine Brüder und ihn selbst. Seine Partnerinnen sowie die gemeinsamen Kinder werden zwar nicht verschwiegen, kommen aber nur am Rande vor.

In diesem Buch beschränkt sich Meyerhoff nun fast ausschließlich auf seine Mutter Susanne und sich selbst. Eine schwere Lebenskrise bringt ihn mit Mitte fünfzig zu dem Entschluss, seine in Berlin lebende Familie vorübergehend zu verlassen und bei seiner 86-jährigen Mutter, die allein in einem Haus mit großem Grundstück in Schleswig-Holstein an der Ostsee lebt, Unterschlupf zu suchen. In der ländlichen Ruhe hofft er, wieder zu sich selbst zu finden und sein Leben in den Griff zu kriegen.

Der Krise sind ein Schlaganfall, die Unzufriedenheit als Schauspieler und der ungeordnet wirkende Umzug vom geliebten Wien ins unruhige Berlin vorausgegangen. Meyerhoff schreibt in Episoden, die sich mal mit seinen teilweise skurrilen Erlebnissen auf deutschen Theaterbühnen und mal mit dem Mutter-Sohn-Leben an der Ostsee beschäftigen. Wer mindestens eines der vorangegangenen Bücher gelesen hat, wird den selbstironischen Tonfall und trockenen Humor wiedererkennen.

Joachim und Susanne Meyerhoff werkeln zusammen im Garten, baden gemeinsam in der Ostsee oder tun Dinge, die Mutter Meyerhoff spontan in den Sinn kommen. Das abendliche Zusammensitzen mit einem Glas Whisky in der Hand ist ein Ritual, bei dem sich gute Gespräche ergeben. Joachim Meyerhoff beschreibt seine Mutter als eigenwillige Person, die nach dem Tod ihres Mannes aufgeblüht ist und sich um Konventionen keine Gedanken macht. Auch in Situationen, die befremdlich wirken, kommt seine Mutter letztendlich noch gut weg.

Mit sich selbst geht der Autor in seinem Buch weniger schonend um. Wenn Meyerhoff Szenen aus seinem Leben Revue passieren lässt, macht das Gelesene teilweise ratlos. Oft steht er sich selbst im Weg und findet aus Alltagssituationen, die anders als geplant verlaufen, keinen sinnvollen Ausweg. Er beobachtet an sich eine erhöhte Reizbarkeit, die er für eine Folge des Schlaganfalls hält und seinen Alltag verkompliziert. Sein Nervenkostüm ist so dünn, dass Meyerhoff vor einer Lesung in einer Lübecker Buchhandlung eine Panikattacke erleidet. Die Lesung wird durch seine Mutter gerettet, die diese Aufgabe trotz fehlender Erfahrung mit Bravour meistert.

Meyerhoff verbringt zehn Wochen bei seiner Mutter, ehe er sich in der Lage fühlt, nach Berlin zu seiner Partnerin und seinem jüngsten Sohn zurückzukehren. In dieser Zeit hat er die Texte für Man kann auch in die Höhe fallen fertig gestellt, was ihm in Berlin nicht möglich gewesen war.

Lesen?

Man kann auch in die Höhe fallen liest sich ebenso flüssig wie seine Vorgänger. Bei einigen Anekdoten aus Meyerhoffs Leben als Schauspieler kann man sich wegen ihrer Absurdität fragen, ob sie tatsächlich wahr oder einfach gut erfunden sind.

Das Buch hat einen hohen Unterhaltungswert, aber (zu) oft beschleicht einen das Bedürfnis, den hilflos wirkenden Autor an die Hand zu nehmen und zu sagen: "Komm, mien Jung, ick helpe di."

Rührend und zugleich bedrückend ist Meyerhoffs Fazit seiner Aus-Zeit, das er seiner Mutter gegenüber kurz vor seiner Abreise zieht:
"Seit Jahren habe ich das Gefühl, dass sich etwas zuzieht, Mama, dass ich in etwas Dunkles hineingerate. Ich versuche ununterbrochen alles, um es abzuwenden. Mich zu wappnen und stark zu bleiben. Ich versuche, für alle da zu sein. [...] Aber die Zeit bei dir, die hat mich gerettet. Es geht mir wirklich viel besser. Ich werde am Theater kündigen. [...] Es geht einfach nicht mehr, das hab ich jetzt begriffen. Durch dich. Danke, Mama."

Dass ihr Sohn, als seine Mutter mit einem Bekannten spontan zu einer Reise aufbricht und er zwei Wochen allein in ihrem Haus ist, beim Gedanken an ihren Tod von Verlustängsten geradezu überrollt wird, weiß sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Man kann auch in die Höhe fallen ist 2024 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet 26 Euro sowie als E-Book 22,90 Euro.

Hinweis: Aus Meyerhoffs Buchreihe wurden in meiner Bücherkiste Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war (der erste Beitrag dieses Blogs!) und Alle Toten fliegen hoch - Teil 1: Amerika besprochen.

Montag, 24. Juni 2024

# 441 - Eine wahre Geschichte über den Jazz als Propagandamittel des Dritten Reichs

Jazz galt für die Nationalsozialisten als entartete Kunst. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, ihn im 2. Weltkrieg für ihre Propaganda zu benutzen. Genauer: eine Propaganda gegen Großbritannien, in der vor allem Premierminister Winston Churchill und dessen Kriegspolitik aufs Korn genommen wurden. Der Radiointendant Adolf Raskin schlug dem Propagandaministerium deshalb 1940 ein Paket von drei Maßnahmen vor, die einander jeweils unterstützen sollten: eine Radiosendung mit dem Namen Germany Calling, eine in dieser Sendung auftretende Jazzband und eine wohlwollende Publikation, für die ein bislang unbekannter Schweizer Schriftsteller ausgewählt wurde. Dieser propagandistische Dreiklang war an dem ausgerichtet, was man im Ministerium für angelsächsischen Geschmack hielt.

Was seltsam klingt, hat so tatsächlich stattgefunden. Der Schweizer Autor und Archäologe Demian Lienhard hat die Begebenheit in seinem Roman Mr. Goebbels Jazzband aufgegriffen und sich dabei eng an die historischen Fakten gehalten. Zu diesen Fakten gehört auch, dass man es bei der Auswahl der Bandmitglieder mit deren Herkunft nicht so genau nahm und auch jüdische oder homosexuelle Musiker einstellte. Die Motive, bei Charlie and His Orchestra - wie die Band damals hieß - dabei zu sein, reichten von der Verbesserung des Einkommens bis zur Hoffnung, möglichst lange vom Kriegsdienst verschont zu bleiben.

Für die Moderation der Radiosendung setzte man auf größtmögliche Authentizität und wählte den faschistischen irisch-britischen Kommentator William Joyce aus. Er ging seinem Auftrag mit einem so großen Eifer nach, dass es in Großbritannien eine Fangemeinde gab.
Das kann über den Schriftsteller Fritz Mahler nicht gesagt werden. Er verstand seine Abreise aus der Schweiz nach Berlin und seinen ungewöhnlichen Auftrag sowohl als eine Flucht vor seinem Vater, von dem er sich bevormundet fühlte, als auch die Chance auf den schriftstellerischen Erfolg, den er sich so sehr wünschte.

Die dem Buch seinen Titel gebende Jazzband spielt hier jedoch nicht die Hauptrolle. Lienhard legt den Schwerpunkt auf den Kollaborateur Joyce sowie den Möchtegern-Autor Mahler. Ersterer ist mit seinem unsteten Lebenswandel und einem auf ihn wartenden Henker, noch bevor er 40 Jahre alt wird, eine historisch ziemlich traurige Figur. 
Mahler wird als Person beschrieben, die sich einredet, sich über den Inhalt des beauftragten Buches ständig Gedanken zu machen, aber in Wahrheit die personifizierte Unstrukturiertheit und der wandelnde Selbstzweifel ist. Es vergehen drei Jahre, in denen Mahler komplett unproduktiv ist und sich auf Kosten des Propagandaministeriums in Bars, Kneipen und Restaurants aufhält - zu Recherchezwecken, versteht sich.

Lesen?

Demian Lienhard hat sich einem Thema gewidmet, das mir bislang unbekannt war. Dass man es mit den selbst aufgestellten Kriterien, wie ein für die "deutsche Rasse" wertvoller Mensch auszusehen habe, in der eigenen Führungsriege nicht so genau nahm, ist bekannt: Joseph Goebbels haftete wegen seiner geringen Körpergröße und seines Klumpfußes der Spitzname "Schrumpfgermane" an, der 1934 auf Befehl von Adolf Hitler ermordete SA-Führer Ernst Röhm war homosexuell.
Wenn es der eigenen Sache diente, waren auch Menschen gut genug, die man unter anderen Umständen als "unwert" eingestuft hätte.

Das hätte jedoch in Mr. Goebbels Jazzband jedoch auch etwas gestraffter dargestellt werden können. Auch der Schreibstil ist mit seinen oft sehr langen Sätzen und geschraubten Formulierungen gewöhnungsbedürftig. Erst zum Schluss, im Nachwort des Berner Staatsarchivars Dr. phil. Samuel Tribolet, in dem dieser süffisant über Lienhards dortige Nachforschungen berichtet, heißt es zu meiner Überraschung: "Unter diesen Materialien befand sich auch das uns damals nicht näher bekannte, unvollendete Typoskript eines Romans mit dem Titel 'Mr. Goebbels Jazzband', den Lienhard nun auf den vorangehenden Seiten erstmals der Öffentlichkeit zugänglich macht." Damit soll vermutlich der teilweise antiquiert wirkende Stil erklärt und die Handlung zu einem Ende gebracht werden.
Aber stammt dieses Nachwort tatsächlich von Staatsarchivar Tribolet oder hat sich Lienhard die Freiheit genommen, ihn als fiktive Person und Stilmittel einzusetzen? Das bleibt unklar; auf der Website des Berner Staatsarchivs findet sich zumindest kein Mitarbeiter mit diesem Namen.

Mr. Goebbels Jazzband ist 2023 bei der Frankfurter Verlagsanstalt (FVA) erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro, als E-Book 18,99 Euro sowie als Hörbuch 9,95 Euro.

Der Roman wurde 2023 für den Schweizer Buchpreis nominiert.

Sonntag, 24. September 2023

# 410 - Eine urbane Liebesgeschichte in Kreuzberg

Quelle Cover: Kanon Verlag
Der Erfolg von Tim Staffels in Berlin spielendem Buch Südstern hat den Autor selbst möglicherweise am meisten überrascht. Seine ersten vier Romane hat Staffel zwischen 1998 und 2008 veröffentlicht und dafür mehrere Literaturpreise erhalten, danach folgten zahlreiche Theaterstücke und Hörspiele. In einer Lebensphase, in der er sich aus dem Kulturbetrieb zurückgezogen hatte, um herauszufinden, ob er auch dann noch schreiben kann, wenn er nicht davon leben muss, hat Staffel dieses Buch neben seinem Brotjob geschrieben - und es damit auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2023 geschafft.

Vanessa Paschke und Deniz Aziz sind die zentralen Figuren der Handlung. Sie ist 27, Pharmakologin, Barfrau und seit Kurzem Drogenkurierin - was sie scherzhaft als Apothekenservice bezeichnet. Vanessa ist mit Olli, einem Bundestagsabgeordneten und Gesundheitsexperten, der sich für saubere Drogen engagiert, liiert.
Deniz ist ähnlich alt, Streifenpolizist aus Überzeugung und mit der Pflege seines an Parkinson erkrankten Vaters angesichts von Doppelschichten und gefährlichen Einsätzen und trotz der regelmäßigen Hilfe durch eine ambulante Pflegerin heillos überfordert.

Die beiden begegnen sich zufällig vor dem Mehrfamilienhaus in Kreuzberg, in dem Deniz mit seinem Vater Markus wohnt. Vanessa hat Markus nach Hause begleitet, als der den Weg nicht mehr fand. Seit diesem ersten Zusammentreffen gehen Vanessa und Deniz einander nicht mehr aus dem Kopf. Staffel beschreibt, wie sie sich langsam aneinander herantasten und nicht wissen, wie weit sie gehen und wie viel sie über sich erzählen dürfen. Es dauert einige Zeit, bis das Vertrauen zwischen ihnen so weit gewachsen ist, dass es auf dem Niveau ihrer Gefühle füreinander angekommen ist.

Sowohl Vanessa als auch Deniz kommen aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Beide sind in Kreuzberg aufgewachsen, Deniz' Vater stammt aus der Gegend um den Südstern, einem im 19. Jahrhundert angelegten Platz, über den mehrere Kreuzberger Straßen verlaufen und unter dem sich eine gleichnamige U-Bahn-Station befindet. Markus passiert diesen Platz immer dann, wenn er das Grab seiner verstorbenen Frau Selda besuchen will. Es ist der einzige längere Weg, den er noch ohne Begleitung machen kann und für ihn ein bisschen ein Kurztrip in die eigene Vergangenheit.

Südstern greift das Leben vieler Menschen in Kreuzberg auf, die in Staffels Roman oft nur kurz und als Stellvertreter vieler Menschen auftreten, die ein ähnliches Schicksal haben. Da geht es um  Schutzgelderpressung in der Gastronomie ebenso wie um Probleme im Kleinbürgermilieu.
Vanessa sieht schnell, wo die wahren Nöte der Leute liegen und wird von manchen direkt um ihre diskrete
 "Hilfe" gebeten. Ärzte, Politiker und Sportler, die den Druck, der auf ihnen lastet, nicht mehr aushalten, sind ihre typischen Kunden. Aber sie ist auch da, wenn ihre empathische Unterstützung gebraucht wird: Sobald sie den Eindruck hat, dass ihr durch Bundeswehreinsätze traumatisierter Bruder Felix dem Tod näher als dem Leben ist, lässt sie alles stehen und liegen. Dessen Depression und Gewaltbereitschaft sind so stark, dass er für die Arbeit als Justizvollzugsbeamter im Gefängnis Tegel nicht mehr geeignet ist und schon mit 29 Jahren frühpensioniert wird. 

Deniz hat als Polizist zwar seinen Traumberuf gefunden, kämpft aber darum, als Beamter mit Migrationshintergrund ernst genommen zu werden. Er muss sich nicht nur gegen Pöbeleien, sondern auch massive tätliche Angriffe im Dienst wehren. Dass er ausgerechnet mit seiner Kollegin Jovanna auf Streife ist, die nicht nur eine Angststörung, sondern auch ein ausgewachsenes Rassismusproblem hat, macht sein Leben nicht leichter.

Trotz aller Unterschiede bewegen sich Vanessa und Deniz aufeinander zu. Vanessa realisiert jedoch lange nicht, in welchem Konflikt sich Deniz befindet: Er liebt Vanessa, kann aber als Polizist schlecht damit umgehen, dass sie dealt. Werden sie den Konflikt lösen können?

Lesen?

Südstern ist ein Buch mit einer sehr urbanen Atmosphäre. Tim Staffel hält seine Sätze so kurz wie möglich und verzichtet auf sprachliche Schnörkel. Die Perspektivwechsel von Vanessa zu Deniz und umgekehrt passieren oft von einem Satz zum nächsten, was manchmal nur aus dem Zusammenhang erkennbar wird. Das irritiert zunächst, man gewöhnt sich jedoch daran.

Die Frage "Kriegen sie sich?" wird genauso hochgehalten wie die Beschreibung des besonderen Umfelds, in dem sich die beiden Protagonisten bewegen. Das macht den Roman von der ersten bis zur letzten Seite interessant. Insbesondere Vanessa stellt sich immer die Frage, was ein Zuhause und was Heimat ist. In ihrer Kindheit hatte sie beides nicht, jetzt als Erwachsene scheint sie erneut heimatlos zu sein. Aber die Hoffnung auf einen Platz, wo sie hingehört, ist ihr geblieben.

Kritik habe ich an einigen Ungenauigkeiten, die vermeidbar gewesen wären. Da geht es um Felix' üppige Pension, die nach wenigen Dienstjahren im mittleren Dienst die Durchschnittspension aller Beamten übersteigt.
Es geht auch um Deniz' pflegebedürftigen Vater Markus, der bereits einen Pflegegrad hat, der im Roman aber nicht hoch genug ist, um den Einbau einer bodengleichen Dusche zu bezahlen - was schlicht falsch ist.
Und dann ist da noch die offenbar prekäre Situation mit der für Markus dringend nötigen Physiotherapie, für die der Arzt nur ein Rezept über zehn Behandlungen ausgestellt hat, was er nur einmal pro Quartal darf. Allerdings gehört Parkinson zu denjenigen Erkrankungen, für die eine Dauerverordnung möglich ist. 
Gegen diese Kritik ist die Szene, in der Vanessa und Deniz Ende April Pflaumen, Aprikosen und Kirschen aus Gärten klauen, eine Kleinigkeit. 

So hoffnungslos und dramatisch etliche Szenen in Tim Staffels Roman sind, so positiv ist es, dass sich für die Hauptpersonen etliches in ihrem Leben zum Guten wendet. Die Leserinnen und Leser erwartet ein Happy End, mit dem in dieser Form nicht zu rechnen war.

Südstern ist 2023 im Kanon Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 25 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.




Sonntag, 9. April 2023

# 388 - Die Geschichte um Gretchen geht weiter

 Vor wenigen Wochen habe ich hier den Roman Stay
away from Gretchen
 von Susanne Abel vorgestellt, nun wollte ich wissen, wie die Geschichte weitergeht. Mit ihrem Buch Was ich nie gesagt habe spinnt die Autorin den Faden weiter und leuchtet einen weiteren Part der Geschichte der Kölner Familie Monderath aus.

Greta - oder Gretchen - spielt nach wie vor eine wichtige Rolle, doch nun rückt Tom Monderaths Vater Konrad stärker in den Fokus. Konrad war niedergelassener Gynäkologe und hatte zu seinem Sohn ein schlechtes Verhältnis, als dessen Pubertät begann. Tom hat sich zwar immer wie jemand gefühlt, der in der Familie ein Stück weit am Rand stand, hatte dafür aber keine Erklärung. 

Susanne Abel baut auch die Handlung dieses Romans auf zwei Zeitebenen auf: Sie beginnt mit dem Jahr 1933, in dem der fünfjährige Konrad von einem Tag auf den anderen seinen Vater Wilhelm verliert. Seine Mutter Ida ist mit dem dritten Kind hochschwanger und auf die Zuverlässigkeit von Konrads zwölfjährigem Bruder Franz angewiesen. Zur Familie gehören noch Idas Eltern und Wilhelms in Berlin lebender Bruder Heinrich, ein Gynäkologe, zu dem es aber nur wenig Kontakt gibt.

Wilhelms Tod ist der Beginn einer Kette von Heimsuchungen, die die Familie ereilt. Susanne Abel erzählt vom Aufstieg des Nationalsozialismus', dem Franz begeistert verfällt, der einsetzenden Judenverfolg und den Bücherverbrennungen. Mit Kriegsbeginn wird Franz eingezogen und 1943 getötet. Konrads Schwester Lizzy wird 1933 mit dem Down Syndrom geboren und neun Jahre später zwangsweise in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Da sie von den Nazis als Mensch ohne Wert eingestuft wird, wird sie ein Jahr später getötet - offiziell verstarb sie an einer Lungenentzündung, der standardmäßig verwendeten "Diagnose" nach der Ermordung von behinderten Menschen.

Während Konrads Einsatz als Flakhelfer wird Köln 1943 massiv bombardiert. Seine Mutter und die Großeltern kommen dabei ums Leben. 
Mit 15 Jahren wird Konrad im Schnelldurchlauf zum Soldaten ausgebildet, gerät in amerikanische Kriegsgefangenschaft und muss zusammen mit etlichen anderen Kriegsgefangenen auf einer Baumwollplantage in Mississippi arbeiten. Deutschland wird er erst zwei Jahre später wiedersehen und muss dann mit gerade mal 18 Jahren und ohne Angehörige versuchen, in Köln Fuß zu fassen.

Die zweite Zeitebene setzt 2016 ein. Der bekannte Kölner TV-Nachrichtenmoderator Tom Monderath erfährt von einem älteren Halbbruder, der in den Niederlanden lebt. Die beiden Männer lernen sich kennen und sind über ihre große Ähnlichkeit verblüfft. Die demente Greta hält den "Familienzuwachs" sogar für ihren verstorbenen Mann Konrad. Mithilfe der Fernsehassistentin Jenny spüren die Brüder weitere Halbgeschwister auf. Was hat sich in der Praxis von Konrad zugetragen? War Toms Vater der Samenspender für alle Halbgeschwister?

Lesen?

Susanne Abel baut auch in diesem Roman die Handlung entlang von historischen Fakten auf und schildert beispielsweise, dass die künstliche Befruchtung damals nicht nur dem Zweck diente, ungewollt kinderlosen Paaren zu helfen, sondern sich in ihr das nationalsozialistische Gedankengut fortsetzte: Wertvollere Menschen sollten sich fortpflanzen können, um nicht von sozial schwachen Menschen, die sich angeblich massenhaft vermehrten, zahlenmäßig überrollt zu werden. 

Während beide Zeitstränge langsam aufeinander zu laufen, erleben Greta und Konrad sowie Tom Ereignisse, die bis heute im kollektiven Gedächtnis präsent sind wie z. B. den Kniefall von Willy Brandt vor dem Ehrenmal des jüdischen Ghettos in Warschau, den Bau der Berliner Mauer, den Besuch von John F. Kennedy in Berlin oder den Tod von Prinzessin Diana. So ermöglicht das Buch einen Eindruck, inwieweit der Lauf der Geschichte das Schicksal einer Familie bestimmt hat - wie auch zahllose andere Schicksale.

Wie schon nach dem Lesen von Stay away from Gretchen drängt sich auch bei diesem Roman die Frage auf, wie viel von Susanne Abels eigener Familiengeschichte in Was ich nie gesagt habe eingeflossen ist. Tatsächlich hat Abel erlebt, wie die Demenzerkrankung ihrer Mutter lange verdrängte Erinnerungen nach oben gespült hat, sodass sie eine neue Seite an ihr kennengelernt hat. 

Wer die Bücher gelesen hat, kommt zu dem Schluss: Leute, redet miteinander. Auch über die Vergangenheit, auch über möglicherweise Unbequemes.

Was ich nie gesagt habe ist 2022 bei der dtv Verlagsgesellschaft erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 23 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.

Freitag, 7. Oktober 2022

# 366 - Skurrilität gepaart mit autobiographischen Inhalten

Jan Faktor wurde in Prag geboren und siedelte 1978
wegen der Liebe nach Ost-Berlin über. Zehn Jahre zuvor hatte er in Prag Annette Simon, die Tochter der Schriftstellerin Christa Wolf, kennengelernt. Sein Sohn Benjamin nahm sich vor zehn Jahren im Alter von 33 Jahren das Leben.

Die Biographie eines Autors vorzustellen gehört normalerweise nicht an den Anfang einer Rezension. Ich mache hier eine Ausnahme, weil es genau das ist, worum es in Jan Faktors aktuellem Roman Trottel geht.

Der Suizid seines psychisch kranken Sohnes ist das größte Trauma in Faktors Leben. Immer wenn es in seinem Buch um ihn geht, verändert sich die Sprache: Beschreibt Faktor sein eigenes Leben oder vergleicht er Prag mit Ost-Berlin, driftet er ab, erfindet neue Wortschöpfungen oder lässt Personen auftauchen, die schon kurz nach ihrer Benennung wieder so gründlich verschwinden, als hätte es sie gar nicht gegeben. 

Wendet er sich hingegen seinem Sohn zu, sind seine Formulierungen klar und beinahe sachlich, die Liebe ist jedoch immer spürbar. Das gilt auch dann, wenn Faktor über Zeiten schreibt, in denen er und seine Frau vom Leben ihres Sohnes nicht viel mitbekommen haben und manches erst nach seinem Tod erfuhren.

Ich habe Trottel dennoch nach dem ersten Drittel abgebrochen. Die Abschnitte, in denen Jan Faktor inhaltlich hin und her gesprungen ist wie ein Känguru auf der Flucht, wurden mir zu viel. Seitenlang ging es um zum Teil aus meiner Sicht redundante Inhalte, die von mindestens ebenso redundanten Fußnoten gespickt waren, die weder die Handlung weiterbrachten noch eine Erkenntnis lieferten.

Lesen?

Im Kapitel "Siebzehnmal darfst du raten" findet sich ein Satz, zu dem ich zustimmend genickt habe:

"Erzähle ich zu viel Überflüssiges - oder sogar den reinen, unsauber randomisierten Unsinn?"

Trottel ist 2022 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als gebundenes Buch 24 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.

Jan Faktor wurde für diesen Roman mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet. Trottel steht außerdem auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2022.

Nachtrag: Auf ihrem Blog Mikka liest das Leben hat Mikka, eine der offiziellen Buchpreisblogger*innen für den Deutschen Buchpreis, ebenfalls den Roman rezensiert. Lest hier, wie er ihr gefallen hat.

Freitag, 4. Juni 2021

# 293 - Die Schnüfflerin

Anne von Vaszary hat mit Die Schnüfflerin ihren ersten Krimi veröffentlicht. Im Mittelpunkt steht die 23-jährige Berlinerin Ninella-Pritilata Buck, die von allen nur Nina genannt wird. 

Nina ist bislang irgendwie durch ihr Leben geschlingert. Sie hat die Schule abgebrochen und sich mit kleinen Jobs über Wasser gehalten. Von ihrer Mutter wurde sie schon früh an die Oma weitergereicht, die immer versucht hat, den Spagat zwischen ihrem Beruf als selbstständige Hebamme und der Erziehung ihrer Enkelin zu schaffen. Die Oma, die immer die einzige Konstante für Nina war, ist seit fünf Jahren tot. Ihr Vater ist in Ninas Leben der große Unbekannte, über dessen Identität sich die Mutter ausschweigt. Die junge Frau fühlt sich allein und haltlos.

Aber schlimmer geht bekanntlich immer. Nina hat einen One-Night-Stand mit dem großmäuligen Aufreißer Ricky und wird prompt von ihm schwanger. Sie hat nichts dagegen, eine Familie zu gründen, aber doch bitte nicht mit diesem Spinner!

Als sie sich mit ihm in einem Restaurant verabredet, um ihm die frohe Botschaft mitzuteilen, hält ein merkwürdiger Geruch Nina davon ab, ihr Essen zu probieren. Durch die Schwangerschaft ist ihr Geruchssinn extrem sensibel geworden. Doch alle Gäste um sie herum - auch Ricky - fangen schon nach dem ersten Bissen an, nach Luft zu ringen und um ihr Leben zu kämpfen. Wie sich später herausstellt, wurde den Gerichten Zyankali beigemischt.

Da Nina als einzige ihr Essen nicht angerührt hat, wird sie für die Polizei automatisch zur Hauptverdächtigen. Doch Kommissar Koller, der für seine unkonventionellen Ermittlungsmethoden berüchtigt ist, spannt Nina für seine Zwecke ein. Er verfolgt gemeinsam mit ihr zahlreiche Spuren und nutzt ihren ausgeprägten Geruchssinn aus - wohl wissend, dass sie nur mitmacht, um ihre Glaubwürdigkeit unter Beweis zu stellen.

Nina beeindruckt Koller immer wieder mit ihren logischen Schlussfolgerungen. Aber sein Misstrauen bleibt: Hat sie wirklich nichts mit dem Fall zu tun? Oder war sie tatsächlich nur zur falschen Zeit am falschen Ort?

Nina hat nicht nur gegen Kollers immer wieder aufflammende Zweifel an ihrer Unschuld zu kämpfen, sondern spürt, dass sie ihr Leben endlich in Ordnung bringen muss. Durch unerwartete Ereignisse erfährt sie, auf wen sie sich wirklich verlassen kann.

Lesen?

Nina ist in diesem Cosy-Krimi eine sympathische Protagonistin, die sich trotz aller Rückschläge nicht entmutigen lässt. Sie macht Die Schnüfflerin wegen ihrer Fähigkeiten zu einem ungewöhnlichen Buch und trägt dazu bei, dass das Interesse am Fortgang des Falls bis zur letzten Seite erhalten bleibt. Leseempfehlung!

Die Schnüfflerin ist 2020 im Knaur Verlag erschienen und kostet sowohl als Taschenbuch als auch als E-Book 9,99 Euro.



Donnerstag, 1. April 2021

# 284 - Raus ins Grüne! So gemütlich lebt es sich in einem Schrebergarten

Sebastian Lehmann hatte nach 20 Jahren in Berlin
ebenso wie seine Freundin die Nase voll vom ständigen Trubel der Großstadt und den zahllosen Baustellen im eigenen Viertel. Wahrscheinlich wird man, wenn man auf die 40 zugeht, empfindlicher und hat ein größeres Ruhebedürfnis.

Die Lösung scheint dem Paar ganz einfach zu sein: Ein Schrebergarten muss her! Ruhe und Erholung inmitten der Natur, mit dem Zwitschern der Vögel und dem leisen Säuseln des Windes als einzige harmoniestiftende Geräuschquellen. Das ist der Einstieg für sein Buch Das hatte ich mir grüner vorgestellt.

Lehmann erstellt eine Liste mit Kriterien, die das künftige Refugium erfüllen muss und schon kann die Suche nach einem geeigneten Garten losgehen. Blöd nur, dass auf diese originelle Idee auch viele andere Stadtflüchtlinge gekommen sind. Deshalb muss der Suchradius etwas ausgedehnt werden. Und tatsächlich: Nach einigen Misserfolgen ergibt sich die Möglichkeit, ein Gartengrundstück in einer sehr kleinen Kolonie auf dem platten mecklenburgischen Land zu kaufen. Das benachbarte Dorf bietet außer einer Straße keine Infrastruktur, der bereits vorhandene Bungalow schreit nach einer Sanierung und der eigentliche Garten hat in den vergangenen Jahren die Gelegenheit genutzt, sich frei zu entfalten.

Doch Lehmann, dem alles Handwerkliche bislang fremd war, sieht die Gesamtsituation als zu bewältigende Herausforderung an und kauft die Parzelle. Nebenbei stellt sich heraus, dass er nicht nur körperlichen Arbeiten sondern auch rechtlichen Fragen im Zusammenhang mit einem Immobilienkauf ahnungslos gegenübersteht. Irgendwie wird es schon werden - das ist seine Herangehensweise allen Dingen gegenüber, die ihm fremd sind.

Mit Humor beschreibt der frischgebackene Hobbygärtner die Probleme, die sich im Laufe des ersten Gartenjahres auftun: Für ihn völlig überraschend realisiert er, dass die Gartenkolonie so weit draußen nicht an ein öffentliches Abwassernetz angeschlossen ist. Gerade noch rechtzeitig erreicht er eine Firma, die ihm seine Sammelgrube leerpumpt. Auch die Renovierung des Bungalows wirft Probleme auf: Der Boden ist uneben, die Veranda morsch und zum Entsetzen des Paares haben sich im Haus Spinnen gemütlich eingerichtet.

Die Illusion von entspannten Wochenenden im Liegestuhl zerplatzt ziemlich schnell, weil ein Problem das andere ablöst. Aber zum Glück ist da der Gartennachbar Heinz, der ganzjährig Feinrippunterhemden trägt und immer mit dem passenden Kommentar zur Stelle ist. Ohne seine Tipps wäre Lehmann möglicherweise bei seinem Versuch, ein Freizeit-Landei zu werden, krachend gescheitert.

Lesen?

Sebastian Lehmann ist Buchautor, Poetry Slammer und Kleinkünstler. Dass es in diesem Buch also eher um die lustigen Seiten des gärtnerischen Scheiterns als um die Heldentaten eines Großstädters gehen würde, war klar. Etliche Szenen sind wirklich witzig, andere leider aber klischeehaft: Ob es Heinz' Feinrippunterhemd, die eigene verkrampfte Anpassung an den örtlichen "Dresscode" oder das kontinuierliche Nichtwissen ist - das Gefühl, das schon mal irgendwo anders gelesen zu haben, wird bei jedem Kapitel stärker. Das hatte ich mir grüner vorgestellt ist nette Unterhaltung für einen Tag am Meer, auf dem Balkon oder ja, auch im Schrebergarten. Und zum Schluss wird dort, wo bislang eine olle Tanne gestanden hat, was gepflanzt? Genau, ein Apfelbaum.

Das hatte ich mir grüner vorgestellt ist im Goldmann Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur-Ausgabe 13 Euro und als E-Book 9,99 Euro.

Nachtrag: Es gibt Dinge, die mich bei Büchern ärgern, unabhängig von Verlag oder Autor/in. Dazu gehören Mängel beim Korrektorat, sodass es sich beim Lesen so anfühlt, als würde ich quasi beim Gehen mit dem Fuß hängenbleiben. Da wird dann die heisere zu einer heißeren Nachtigall oder "die ehemaligen Sozialdemokraten spuckten nur noch als seelenlose Gespenster ganz hinten in meinem Kopf herum."

An der Stelle kann man eventuell noch sagen, dass das schon mal passieren kann. Aber wenn auch der Imperativ falsch gebildet wird ("breche" statt "brich" oder "sehe" statt "sieh"), habe ich bei einem Verlag, der im Bereich der Taschenbücher zu den umsatzstärksten gehört, kein Verständnis mehr.



Freitag, 2. Oktober 2020

# 259 - Ein unorthodoxes Leben

Diese beiden Bücher von Deborah Feldman sollten nicht getrennt voneinander beurteilt werden, weil sie inhaltlich zu dicht beieinander sind: Unorthodox (erschienen 2016) und Überbitten (erschienen 2017). In beiden schreibt Feldman über den Menschen, den sie am besten kennt und den sie neu kennenlernen musste: sich selbst. 

Deborah Feldman wächst in der ultraorthodoxen chassidischen Satmarer-Sekte auf. Weil ihr Vater kaum imstande ist, sich selbst zu versorgen, und ihre Mutter mit Sack und Pack verschwunden ist, als die Tochter noch ein kleines Kind war, wird sie von den Großeltern aufgenommen. Die Satmarer leben in Williamsburg, einem Stadtteil des New Yorker Stadtbezirks Brooklyn. Sie sind ganz unter sich und folgen den von ihrem Rabbi gemachten Regeln. Diese Regeln sind äußerst streng und engen vor allem die Frauen ein.

Schon als Achtjähriger fällt Feldman auf, dass den Mädchen und Frauen Wissen vorenthalten wird: Sie beteiligen sich nicht an Gesprächen mit den Männern und gehen auf Mädchenschulen, in denen nur das vermittelt wird, was die künftigen Ehefrauen und Mütter wissen müssen, um ihre Aufgabe zu erledigen. Die Isolation mitten in der Millionenstadt New York wird durch eine Reihe von Verboten zementiert: Die Sprache der Gemeinde ist Jiddisch, Englisch gilt als unrein. Bücher zu lesen ist ebenfalls verboten, wenn es sich nicht um die Tora handelt. Die Ernährung unterliegt der Überwachung des Rabbis, die Milch für Milchprodukte darf nur unter der Aufsicht eines religiös sehr bewanderten Juden gemolken werden. Das Singen ist ab dem zwölften Geburtstag nicht mehr erlaubt. Es reiht sich Verbot an Verbot, Feldman lebt in ihrer Kindheit und Jugend wie in einem Käfig, an dessen Gitterstäbe sie ununterbrochen stößt. Gefühle zu zeigen ist verpönt, stattdessen wird jedes Familienmitglied danach bewertet, wie strikt es die zahllosen Regeln einhält.

Deborah Feldman lebt von Beginn an mit einer Schuld, die sie sich nicht selbst aufgeladen hat. Ihre aus Ungarn stammende Großmutter hat als Einzige in ihrer Familie den Holocaust überlebt, in der Gemeinde finden sich viele Menschen mit einem ähnlichen Schicksal. Um sich posthum an Hitler zu rächen, zeugen die Satmarer so viele Kinder wie möglich. Die Großmutter versäumt nicht, ihre Enkelin darauf hinzuweisen, dass diese nur deshalb lebt, weil die alte Frau überlebt hat. Eine perfide Strategie, einem schuldlosen Menschen Schuldgefühle einzupflanzen.

Feldman wird mit 17 Jahren mit dem sechs Jahre älteren Eli verkuppelt, dem sie bis zum Tag ihrer Hochzeit nur drei Mal begegnet ist. Ihre Ehe gerät in jeder Hinsicht zum Desaster: menschlich, sexuell, religiös. Die Hoffnung, dass eine Ehe gleichbedeutend mit mehr Freiheiten sein könnte, zerschlägt sich: Gebärfähige Ehefrauen haben religiöse Pflichten einzuhalten, was insbesondere Elis Familie wichtig ist. Die junge Frau baut psychisch und physisch ab, und der unreife Eli beginnt fremdzugehen. 

Als sie 19 ist, wird Feldman Mutter eines Sohnes. Fast gleichzeitig schreibt sie sich heimlich bei einem College für ein Literaturstudium ein und trägt außerhalb von Williamsburg moderne Kleidung. Der Abnabelungsprozess von ihrem Mann und der Sekte mündet schließlich darin, dass Feldman ihren Mann nach fünf Jahren Ehe verlässt - rechtzeitig genug, um ihrem Sohn die streng religiöse Erziehung, die im Alter von drei Jahren beginnt, zu ersparen. Sie tut dies in dem Wissen, dass sie für den normalen Arbeitsmarkt ohne einen gültigen Schulabschluss und ohne einen Beruf uninteressant ist. Eine weitere Hürde ist die ihr fremde Welt, in der sie nun leben wird: mit unbekannten Verhaltenscodes und Werten. Mit der Hilfe einer Freundin schafft sie es, mit 23 ihren ersten Verlagsvertrag abzuschließen - für Unorthodox, ein Buch, das sich in den USA zu einem Bestseller entwickeln wird.

Lesen?

Unorthodox vermittelt nicht nur das schwierige Sektenleben, von dem sich Deborah Feldman eingepfercht gefühlt hat. Es geht in ihrer chronologischen Autobiographie auch um weitere Aspekte: Da ist die prüde Erziehung durch die Großeltern, die dazu führte, dass ihre Enkelin nichts über die Sexualität ihres Körpers wusste, aber auch Feldmans Beobachtungen, wie sich das arme Williamsburg nach und nach durch Gentrifizierung veränderte. Sie berichtet auch, wie herzlos und emotional grausam mit Familienangehörigen umgegangen wird, die dem dauernden Druck nicht standhalten und einen Nervenzusammenbruch erleiden.

Deborah Feldman gibt den Leserinnen und Lesern ihres Buches zum Schluss eine Botschaft mit auf den Weg: Wenn irgendwer versuchen sollte, Dir vorzuschreiben, etwas zu sein, was Du nicht bist, dann hoffe ich, dass auch Du den Mut findest, lautstark dagegen anzugehen.
Sie hatte diesen Mut und hat ihn mit dem Ausschluss aus ihrer Familie bezahlt.
 
 
Mit Überbitten hat Deborah Feldman ihr erstes Buch
fortgesetzt. Sie beschließt, sich gemeinsam mit ihrem Sohn auf die Spuren ihrer Großmutter zu begeben, weil diese der einzige Mensch war, der sich ihr positiv zugewandt hatte. Feldman fühlt sich von Europa angezogen und weiß, dass ihr ihre Zukunft einiges abverlangen wird: Sie hört von Menschen, die einen ähnlichen Weg eingeschlagen und sich verzweifelt das Leben genommen haben. 

Bevor sie sich auf ihre Reise begibt, blickt sie auf ihr zurückgelassenes Leben zurück und stellt fest, wie sehr sich die Mitglieder ihrer Sekte abgeschottet haben. So sehr, dass die Häufung von schweren Erkrankungen auf Inzest zurückzuführen sein könnte. Die Gemeinde reagierte darauf mit einem Programm, mit dem die Erbgesundheit ihrer Mitglieder im heiratsfähigen Alter festgestellt wurde.

Als in der Schule allen die Aufgabe gestellt, einen Familienstammbaum zu erstellen, erfährt Feldman bei ihren Recherchen erstmals, welche Rolle Europa in der Familiengeschichte spielt und dass ihre Mutter aus Deutschland stammte. Die gewonnenen Informationen sollen die Grundlage für ihre Reise durch Europa werden, auf der sie vor allem auf der Suche nach ihrer eigenen Identität ist.

Die junge Frau beginnt ihre Selbst-Suche mit einem Roadtrip durch die USA und lernt viele verschiedene Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebenskonzepten kennen. Sie reist mit ihrem Sohn immer wieder in europäische Länder und beschäftigt sich intensiv mit europäischer Literatur. Das Gefühl des langsamen Ankommens wird stärker und sie merkt, dass ihre wahren Wurzeln in Europa sind. Feldman setzt ihre Nachforschungen über ihre Vorfahren, die sie als 14-jährige Schülerin begonnen hatte, fort und stößt auf erstaunliche Erkenntnisse. Ihre Reise endet in Berlin, wo sie sich mit ihrem Kind niederlässt und spürt, dass sich für sie ein Kreis geschlossen hat: Das Jiddische hat große Ähnlichkeit mit der deutschen Sprache und ein Teil ihres Stammbaums besteht aus einer deutschen Verwandtschaft.

Aber das Ankommen in Berlin verläuft nicht ohne Rückschläge: Mit den Stolpersteinen kann sie nichts anfangen und auf einem ehemaligen jüdischen Friedhof ist heute ein Kinderspielplatz. Das schockierendste Erlebnis hat Feldman jedoch bei einem Schwimmbadbesuch: Sie sieht einen Neonazi, dessen Körper mit eindeutigen Tattoos einschließlich einer Skizze des KZ Auschwitz und der Aufschrift "Jedem das Seine" bedeckt ist und der sich unbehelligt dort aufhält. Der Mann ist Kreistagsabgeordneter der NPD und wird wegen seines "Auftritts" angeklagt. Doch Feldman empfindet den Prozess als Show, das Urteil fällt mild aus.

In einem Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung erläutert Deborah Feldman den Titel ihres Buches. "Überbitten" geht auf das jüdische Wort "iberbeten" zurück. Damit ist ein Ritual gemeint, mit dem man sich prophylaktisch auch für die Verfehlungen und Verletzungen entschuldigt, von denen man nichts weiß, die man aber begangen haben könnte. Es dient dazu, Gott gnädig zu stimmen und ist eine Versöhnung, bei der nichts besprochen wird. Mit jedem "Iberbeten" wird ein Teil der Schuld gelöscht.
 

Lesen?

Überbitten ist gleichzeitig Fortsetzung und Ergänzung von Unorthodox. Schon das ist eine Empfehlung. Das Buch bietet jedoch einen noch größeren Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt Feldmans, weshalb beide Titel gelesen werden sollten.

Unorthodox ist als gebundenes Buch beim Secession Verlag erschienen, jedoch nur noch antiquarisch erhältlich. Das beim btb Verlag erschienene Taschenbuch kostet 10 Euro.
Die gebundene Ausgabe von Überbitten ist ebenfalls im Secession Verlag erschienen und kostet 28 Euro. Das im btb Verlag veröffentlichte Taschenbuch ist für 12 Euro erhältlich.


Freitag, 21. Juni 2019

# 202 - Hier hält das Grauen Einzug

Tabea, Mark und ihre kleine sechs Monate alte
Tochter Amy sind eine glückliche Familie. Sie leben in Berlin-Zehlendorf in einem Haus zusammen mit Tabeas Eltern, haben aber dort ihre eigene Wohnung. Doch schon auf den ersten Seiten wird klar, dass Tabea dieses Glück nicht für stabil hält: Sie ist immer auf der Hut, dass ihr Mann dem Mädchen etwas antun könnte. So, wie Mark beschrieben wird, wirkt das zunächst völlig absurd, denn es ist offensichtlich, dass er das Kind liebt und sich gern um es kümmert. Dies ist der Einstieg in den Psychothriller Niemand stirbt allein von Martin Krist, der dafür bekannt ist, seine Leser nicht zu schonen.

Man ahnt bald, dass hinter Tabeas latenter Sorge ein handfester Grund stecken könnte: In einem Gespräch mit ihrem Vater bekräftigt dieser, dass weder er selbst noch Tabeas Mutter oder ihre Schwester Theresa Mark vertrauen. Offenbar nicht zum ersten Mal fühlt sich Tabea in die Enge getrieben und verteidigt ihren Mann gegen dieses Misstrauen, obwohl sie dabei kein gutes Gefühl hat. Es ist die Rede von einer Therapie, die Mark nach Ansicht seines Arztes sehr geholfen haben soll. Doch es scheint niemand in der Familie, einschließlich Tabea, den Auslöser für Marks Erkrankung zu kennen, die diese Therapie nötig gemacht hat. 

Nur Minuten nach dem Gespräch zwischen Vater und Tochter kommt es zum Schlimmsten: Als Tabea die Wohnung betritt, hört sie, wie Mark seiner Tochter etwas vorsingt, doch schon als sie das Kinderzimmer betritt, sieht er sie an und greift mit den Worten "Jetzt wird deine Familie sterben" zu einer bereitliegenden Pistole. Es gelingt Tabea, zu fliehen und sich und ihre Tochter zu retten. Doch von allen, von denen sie sich Hilfe erhofft, fühlt sie sich verraten: Theresa will sie davon abbringen, sich an die Polizei zu wenden, und die Polizei beginnt, nach ihr, Tabea, zu fahnden. Doch dann bekommt sie von unerwarteter Seite Unterstützung: Ihr Jugendfreund Jonas, zu dem Tabea schon seit langer Zeit keinen Kontakt mehr hatte, findet sie in ihrem alten Versteck, das früher ihr geheimer Treffpunkt war. Wird nun alles gut?


Wie war's?


Martin Krist beschreibt sehr genau die Verzweiflung, die Tabea ununterbrochen durchlebt. Kaum hat sie ein bisschen Hoffnung, der für sie und ihre Tochter unerträglichen Situation zu entkommen, folgt der nächste Rückschlag. Krist greift in seinem Buch ein Thema auf, über das bereits oft diskutiert wurde und um das es eine grundsätzliche Einigkeit gibt, dass hier viel mehr getan werden müsste. Leider passiert das bislang nicht im nötigen Umfang. Worum es dabei genau geht, soll hier nicht näher erläutert werden.

Niemand stirbt allein ist Ende Mai 2019 erschienen und kostet als Tolino-E-Book 3,99 Euro und als Taschenbuch 9,99 Euro.

Freitag, 7. Dezember 2018

# 176 - Eine Frau will hoch hinaus: Europas erste Flugbegleiterin

Mit Nelly Diener - Engel der Lüfte wirft die Autorin Pascale Marder einen Blick zurück auf das Leben der Frau, die den ihr nachfolgenden Frauen den Weg in den Beruf der Flugbegleiterin ebnete.

Die Schweizerin Nelly Diener war 22, als sie ihren Mut zusammennahm und sich bei der damals noch jungen Fluggesellschaft Swissair um eine Stelle als Flugbegleiterin bewarb. Im Gespräch mit dem Direktor verschwieg sie alles, von dem sie vermutete, dass es sie in einem ungünstigen Licht erscheinen lassen könnte: ihren eigentlichen Vornamen Hedwig, der ihr zu altbacken war und dem sie ihren zweiten Vornamen Nelly vorzog; die fünf Halbgeschwister und nicht zuletzt den damals noch anrüchigen Umstand, dass ihre Eltern geschieden waren.

Pascale Marder erzählt die Geschichte von Nelly Diener aus deren Sicht und und aus der eines Reporters der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) jeweils in der Ich-Form und hält sich dabei an die historischen Fakten. Als die junge Frau 1934 als erste Flugbegleiterin Europas berufliches Neuland betrat, war das eine Sensation. Als Vorbild diente die amerikanische Krankenschwester Ellen Church, die bereits vier Jahre zuvor als weltweit erste im Service tätige Flugbegleiterin für Boeing das neue Berufsbild einführte.
Die (kurze) Geschichte von Nelly Diener ist eng mit der Geschichte des europäischen Linienflugs verknüpft und zeigt, unter welchen Bedingungen Crew und Pasagiere die Strecken zurücklegten. Diener war nicht nur dazu da, auf der Strecke Zürich - Berlin die Fluggäste zu beruhigen, wenn das Wetter mal nicht so mitspielte, sondern hat auch auf eigene Rechnung selbst geschmierte Brote und Cognac serviert. Sie tat das so charmant und umsichtig, dass die Piloten schon nach kurzer Zeit ihre Meinung, eine Frau habe an Bord eines Flugzeugs nichts zu suchen, revidierten.
Diener begegnet auf ihren Flügen vielen Prominenten und fand immer den richtigen Ton. Schon nach kurzer Zeit war sie selbst so bekannt, dass sie immer ein paar Autorammkarten bei sich trug, die sie auf Wunsch gern signierte.

Nelly Diener wurde von ihren Chefs ein langes Wochenende in Berlin versprochen, sobald sie ihre ersten 100.000 Flugkilometer hinter sich gebracht hatte. Wegen des engen Flugplans kannte sie bislang von der deutschen Hauptstadt nur den Flughafen. Für diese Tage und auch für künftige Abwesenheiten wählte sie selbst ihre Vertreterin aus. Sie konnte nicht ahnen, dass es zu dem Aufenthalt in Berlin nicht mehr kommen sollte und ihre Vertreterin schon bald ihre Nachfolgerin werden sollte.

Wie war's?

 

Pascale Marder hat mit Nelly Diener - Engel der Lüfte nicht nur einen Einblick in das Leben von Nelly Diener, sondern auch in die Anfänge der Verkehrsluftfahrt und nicht zuletzt in die in den 1930-er Jahren sehr engen Moralvorstellungen der Gesellschaft gegeben. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, was es für Diener bedeutet haben mag, sich in dieser Umgebung zu behaupten.

Nelly Diener - Engel der Lüfte ist im bilgerverlag Zürich erschienen und kostet als gebundene Ausgabe mit Lesebändchen 20,-- Euro.

Freitag, 31. August 2018

# 165 - Der zweite Fall für Kommissar Frei

Auf den Spuren eines Serienmörders

 

Kommissar Henry Frei hat bereits im Thriller Böses
Kind zusammen mit seiner Kollegin Louisa Albers in Berlin ermittelt. In Stille Schwester, dem neuesten Buch von Martin Krist, verfolgen die beiden in der winterlichen Hauptstadt einen Serienkiller. Seine Opfer scheinen nichts miteinander gemeinsam zu haben, zumindest solange sie noch lebten. Im Tod gibt es jedoch einige Übereinstimmungen: Alle wurden mit einer Drahtschlinge erdrosselt, gewaschen, auf ihre Betten drapiert und hielten in einer Hand einen Zettel mit der Telefonnummer des nächsten Opfers. In den Wohnungen finden sich keine Spuren, die Wohnzimmer und Bäder sind jedes Mal akribisch gereinigt. Erst nach und nach entdecken die Ermittler die Vorgehensweise des Täters: Da es nie Einbruchspuren gab, müssen die Opfer ihn selbst in die Wohnungen gelassen haben - aber dem zweiköpfigen Polizeiteam, das vor den Häusern Wache hielt, ist nichts Ungewöhnliches aufgefallen. 
Als die junge Rebecca erfährt, dass es nach dem letzten Mord einen deutlichen Hinweis darauf gegeben hat, dass sie das nächste Opfer sein könnte, laufen ihre Gedanken Amok und sie findet heraus, dass ihr Freund sie in einigen Dingen belogen hat. Ist er es, der kaltblütig Menschen tötet? Wird sie die Nächste sein?
Nicht nur Rebecca macht sich Sorgen, sondern auch Henry Frei ist in Alarmstimmung: Schwebt seine Kollegin Louisa in Lebensgefahr?

Parallel zur Handlung wird abschnittsweise eine an Frei gerichtete E-Mail gezeigt, deren Bedeutung sich erst fast zum Schluss erschließt. Es geht darin um die zerrüttete Familie der Absenderin, die die Ursache hierfür in der Bevorzugung der Schwester sieht. Die E-Mail wirkt zunächst so, als wollte sich mit ihr jemand den Frust von der Seele schreiben, aber es steckt weit mehr dahinter.

Das spurlose Verschwinden der Tochter von Freis ehemaligem Kollegen Marek, das schon in Böses Kind angesprochen wurde, wird wieder aufgeriffen, bleibt aber offen. Ich gehe davon aus, dass man im nächsten Frei-Thriller mehr darüber erfahren wird.

Wie war's?

 

Sehr spannend, authentisch, mitreißend. Ich will doch mal hoffen, dass sich Herr Krist gerade an seinem nächsten Titel die Finger wund schreibt.  Das Erscheinungsdatum für Kalte Hölle ist mit 'demnächst' angegeben.

Stille Schwester kostet als Taschenbuch 9,99 Euro und als epub- oder Kindle-Ausgabe 3,99 Euro.

Freitag, 13. Juli 2018

# 158 - Ein Gesellschaftsroman mit wahren Elementen

Ein mecklenburgisches Dorf als Zentrum des Geschehens

 

Machandel: Das ist der Name eines fiktiven mecklenburgischen Dorfes und des gleichnamigen Debutromans von Regina Scheer, der 2014, passend zum 25. Jahrestags des Falls der deutsch-deutschen Mauer, erschienen ist. Der Dorfame leitet sich vom niederdeutschen Wort für Wacholder ab, der rund um Machandel üppig wächst.

Deutschland von den 1930er bis zu den 1990er Jahren

 

So unbedeutend das winzige Dorf Machandel an sich ist, für die Hauptpersonen in Regina Scheers Roman ist es so etwas wie der Nabel ihres Lebens. Der russische Offizier Grigori strandet hier im 2. Weltkrieg für etwas mehr als ein Jahr ebenso wie die  Arztwitwe Emma aus Hamburg, die es sich zur Aufgabe macht, sieben verwaiste Kinder großzuziehen, deren Mutter verstorben ist, deren Vater als Soldat im Krieg kämpft und deren älteste Schwester in einer Nervenklinik ist - nachdem sie vom Stallarbeiter und späteren Gefangenenaufseher Wilhelm Stüwe vergewaltigt und dann als schwachsinnig denunziert wurde, damit sie ihm nicht gefährlich werden kann.

Doch im Mittelpunkt des Romans steht die 1960 geborene Clara. Wie die anderen Personen, die den Inhalt des Buches wesentlich prägen, spricht sie aus der Ich-Perspektive und zeigt ihre Sicht der Ereignisse. Sie ist die Schwester des 14 Jahre älteren Fotografen Jan Langner, der im Schloss von Machandel geboren wird und erst im Alter von sieben Jahren zu seinen Eltern nach Ost-Berlin zieht. Die beiden sind die Kinder des Kommunisten Hans Langner, der in der DDR verschiedene wichtige Positionen bis hin zum Minister inne hatte und sein Leben lang von einem kommunistischen Staat träumt. Er wird 1935 wie seine Lebensgefährtin Else als Mitglied der Kommunistischen Partei verhaftet und letztlich ab 1943 im KZ Sachsenhausen gefangen gehalten. Als die Rote Armee immer näher rückt, treibt die SS über 30.000 Häftlinge nach Nordwesten. Auf diesem Todesmarsch gelingt Hans Langner gemeinsam mit zwei tschechischen Gefangenen die Flucht und er erreicht schwer krank Machandel. Dort wird er von der jungen Johanna gesund gepflegt, die selbst zusammen mit ihrer Mutter als Flüchtling in das Dorf gelangt ist. Johanna und Hans werden ein Paar.

Clara lernt Machandel erst 1985 kennen. Jan hat seine Ausreise aus der DDR beantragt, und sie wurde genehmigt. Kurz vor dem Abschied schlägt er vor, mit Clara und ihrem Mann Michael nach Machandel zu fahren und ihnen den Ort seiner frühen Kindheit zu zeigen. Ab diesem Zeitpunkt wird das Dorf für Clara zu einer Art Sehnsuchtsort: Sie und Michael kaufen die alte Kate, in der Emma etliche Jahre zuvor mit den sieben Kindern gelebt hat, und richten sie als Wochenendhaus her. Sie verbringen viel Zeit in Machandel, das gerade Clara wie eine Art Oase und Ruhepunkt erscheint. Doch im Laufe der Jahre erfährt sie immer mehr über die Bewohner - die früheren und die jetzigen - und die Geschichte des Dorfs. Flucht, Gewalt und Erniedrigung hat dieser Ort gesehen, aber auch Zusammenhalt und Liebe. Clara lernt im Laufe der Jahre auch immer mehr über ihre eigene Familie. In ihrem eigenen Leben geht es auf und ab, doch ein Wunsch begleitet sie immer: Sie würde gern ihren Bruder wiederfinden. Niemand aus der Familie oder von seinen Freunden hat Jan seit seiner Ausreise aus der DDR wiedergesehen. Doch es gibt Spuren, an die sich sein alter Freund Herbert heftet: Immer wieder werden seine Fotos in Zeitschriften veröffentlicht - aus Kuba, Nicaragua oder Bolivien. Aber die Fotos sind nicht mit seinem Namen gekennzeichnet: Unter jedem Bild steht einfach nur "Machandel".

Lesen?

 

Machandel ist ein äußerst vielschichtiger Roman, in den man förmlich eintaucht. Da es sich nicht um eine chronologische Handlung handelt, sondern die Personen nacheinander ihre Sicht auf die Vergangenheit erzählen, gelingt es sehr gut, sich in sie hineinzufühlen. Jeder hat ein Geheimnis oder leidet unter der Erinnerung an oft lange zurückliegende Ereignisse. Nur der Leser weiß, warum die Menschen auf die eine oder andere Art gehandelt haben. Wie wäre ihr Leben wohl verlaufen, wenn sie mehr miteinander geredet hätten?

Regina Scheer wurde 1950 in Ost-Berlin geboren und hat die DDR auch dann nicht verlassen, als sich die Möglichkeit ergeben hatte. Der Osten Deutschlands und vor allem Berlin ist darum auch der Schwerpunkt ihres Buchs. Wer in der DDR aufgewachsen ist oder die Situation dort verfolgt hat, wird auch viele Namen von einst wichtigen Personen wiedererkennen; auch die, die nicht explizit genannt, sondern nur beschrieben werden.

Machandel ist in der mir vorliegenden Ausgabe 2017 im Penguin Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 10 Euro, als gebundene Ausgabe 22,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 8,99 Euro.
Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir das Buch zur Verfügung gestellt hat.