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Dienstag, 4. Februar 2025

# 465 - Aus der Krise entsteht ein Buch: Joachim Meyerhoffs Rettung durch seine Mutter

Mit Man kann auch in die Höhe fallen hat der
Schauspieler und Autor Joachim Meyerhoff sein sechstes Buch veröffentlicht. In allen seiner Bücher geht es um seine Eltern, seine Brüder und ihn selbst. Seine Partnerinnen sowie die gemeinsamen Kinder werden zwar nicht verschwiegen, kommen aber nur am Rande vor.

In diesem Buch beschränkt sich Meyerhoff nun fast ausschließlich auf seine Mutter Susanne und sich selbst. Eine schwere Lebenskrise bringt ihn mit Mitte fünfzig zu dem Entschluss, seine in Berlin lebende Familie vorübergehend zu verlassen und bei seiner 86-jährigen Mutter, die allein in einem Haus mit großem Grundstück in Schleswig-Holstein an der Ostsee lebt, Unterschlupf zu suchen. In der ländlichen Ruhe hofft er, wieder zu sich selbst zu finden und sein Leben in den Griff zu kriegen.

Der Krise sind ein Schlaganfall, die Unzufriedenheit als Schauspieler und der ungeordnet wirkende Umzug vom geliebten Wien ins unruhige Berlin vorausgegangen. Meyerhoff schreibt in Episoden, die sich mal mit seinen teilweise skurrilen Erlebnissen auf deutschen Theaterbühnen und mal mit dem Mutter-Sohn-Leben an der Ostsee beschäftigen. Wer mindestens eines der vorangegangenen Bücher gelesen hat, wird den selbstironischen Tonfall und trockenen Humor wiedererkennen.

Joachim und Susanne Meyerhoff werkeln zusammen im Garten, baden gemeinsam in der Ostsee oder tun Dinge, die Mutter Meyerhoff spontan in den Sinn kommen. Das abendliche Zusammensitzen mit einem Glas Whisky in der Hand ist ein Ritual, bei dem sich gute Gespräche ergeben. Joachim Meyerhoff beschreibt seine Mutter als eigenwillige Person, die nach dem Tod ihres Mannes aufgeblüht ist und sich um Konventionen keine Gedanken macht. Auch in Situationen, die befremdlich wirken, kommt seine Mutter letztendlich noch gut weg.

Mit sich selbst geht der Autor in seinem Buch weniger schonend um. Wenn Meyerhoff Szenen aus seinem Leben Revue passieren lässt, macht das Gelesene teilweise ratlos. Oft steht er sich selbst im Weg und findet aus Alltagssituationen, die anders als geplant verlaufen, keinen sinnvollen Ausweg. Er beobachtet an sich eine erhöhte Reizbarkeit, die er für eine Folge des Schlaganfalls hält und seinen Alltag verkompliziert. Sein Nervenkostüm ist so dünn, dass Meyerhoff vor einer Lesung in einer Lübecker Buchhandlung eine Panikattacke erleidet. Die Lesung wird durch seine Mutter gerettet, die diese Aufgabe trotz fehlender Erfahrung mit Bravour meistert.

Meyerhoff verbringt zehn Wochen bei seiner Mutter, ehe er sich in der Lage fühlt, nach Berlin zu seiner Partnerin und seinem jüngsten Sohn zurückzukehren. In dieser Zeit hat er die Texte für Man kann auch in die Höhe fallen fertig gestellt, was ihm in Berlin nicht möglich gewesen war.

Lesen?

Man kann auch in die Höhe fallen liest sich ebenso flüssig wie seine Vorgänger. Bei einigen Anekdoten aus Meyerhoffs Leben als Schauspieler kann man sich wegen ihrer Absurdität fragen, ob sie tatsächlich wahr oder einfach gut erfunden sind.

Das Buch hat einen hohen Unterhaltungswert, aber (zu) oft beschleicht einen das Bedürfnis, den hilflos wirkenden Autor an die Hand zu nehmen und zu sagen: "Komm, mien Jung, ick helpe di."

Rührend und zugleich bedrückend ist Meyerhoffs Fazit seiner Aus-Zeit, das er seiner Mutter gegenüber kurz vor seiner Abreise zieht:
"Seit Jahren habe ich das Gefühl, dass sich etwas zuzieht, Mama, dass ich in etwas Dunkles hineingerate. Ich versuche ununterbrochen alles, um es abzuwenden. Mich zu wappnen und stark zu bleiben. Ich versuche, für alle da zu sein. [...] Aber die Zeit bei dir, die hat mich gerettet. Es geht mir wirklich viel besser. Ich werde am Theater kündigen. [...] Es geht einfach nicht mehr, das hab ich jetzt begriffen. Durch dich. Danke, Mama."

Dass ihr Sohn, als seine Mutter mit einem Bekannten spontan zu einer Reise aufbricht und er zwei Wochen allein in ihrem Haus ist, beim Gedanken an ihren Tod von Verlustängsten geradezu überrollt wird, weiß sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Man kann auch in die Höhe fallen ist 2024 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet 26 Euro sowie als E-Book 22,90 Euro.

Hinweis: Aus Meyerhoffs Buchreihe wurden in meiner Bücherkiste Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war (der erste Beitrag dieses Blogs!) und Alle Toten fliegen hoch - Teil 1: Amerika besprochen.

Freitag, 20. Januar 2017

# 84 - Über einen Bestatter, dem der Tod auf die Pelle rückt

Das Leben ist riskant und endet immer tödlich

 

Paddy Buckley arbeitet seit einer Ewigkeit in Dublin als Bestatter für Frank Gallagher. Schon sein Vater war dort als Tischler beschäftigt und hat sich bis zu seinem Tod um die Särge gekümmert. Als Kind ging Paddy deshalb bei Gallagher ein und aus. Ihm ist fast nichts mehr fremd, und er hat mehr Tote gesehen, als er zählen kann. Doch Jeremy Massey schüttelt in seinem ersten Roman Die letzten vier Tage des Paddy Buckley das Leben des Mannes so gründlich durch, dass innerhalb weniger Tage nichts mehr so ist, wie es einmal war.

Leichen pflastern seinen Weg...

 

Paddy Buckley ist gern Bestatter und hat seinen Job all die Jahre gewissenhaft und empathisch erledigt. Der Tod ist sein Geschäft, aber vor einigen Jahren ist er ihm zu nahe gekommen: Seine schwangere Frau Eva starb an einem Hirnschlag, während sie im Supermarkt an der Kasse anstand. Den Schock hat er nur schwer verarbeitet, aber er lebt sein Leben weiter.
Am 13. Oktober 2014 um 9.40 Uhr fängt Paddys Leben jedoch an, zu Staub zu zerfallen. Das Verrückte daran: Es ist, als würde er sich selbst beim Rasen in einem Sportwagen beobachten, immer in der Gewissheit, dass die nächste Mauer das Letzte ist, was er lebend sehen würde. Aber nichts kann diesen rasenden Sportwagen aufhalten.
Es beginnt damit, dass Paddy von Gallagher zu einer Witwe geschickt wird, deren Mann vor wenigen Stunden gestorben ist. Die beiden besprechen die Details der Bestattung und kommen sich dabei deutlich näher, als es üblich ist. Ganz offensichtlich findet die Witwe Trost in der sehr intimen Zweisamkeit. Doch als die beiden zum Höhepunkt kommen, bricht die Frau tot auf Paddy zusammen. Was eigentlich eine Katastrophe ist, soll schon in der darauffolgenden Nacht zum kleinsten Problem des Bestatters werden.

Unglückliche Umstände? Wie viel Pech kann man haben?

 

Paddy schlittert geradewegs in die nächste Misere: Er hat kaum den Notarzt gerufen, als die wegen des verstorbenen Vaters angereiste Tochter des Ehepaars zur Haustür hereinkommt und nach ihrer Mutter fragt. Mühsam ringt er um eine plausible Erklärung und hofft, dass die spätere Obduktion keine Hinweise auf seine Beteiligung am Ableben der Kundin zutage bringt.
So viel Pech reicht eigentlich für einen Tag, aber Paddy setzt noch eins drauf: Schon in der folgenden Nacht, in der er einen Toten aus dem örtlichen Altenheim für Arme holen soll und dann auch noch in strömendem Regen einen Reifen wechseln muss, geht das Desaster weiter. Er ist in seinem Privatwagen todmüde auf dem Weg nach Hause, als sich drei Dinge praktisch gleichzeitig ereignen: Paddy bemerkt, dass er ohne Licht fährt, nestelt an seinem Autoradio herum und sieht, dass eine Gestalt, die sich gegen den Regen eine Zeitung über den Kopf hält, kurz vor ihm über die Straße geht. Viel zu kurz vor ihm. Sekundenbruchteile später prallt ein Mensch mit Paddys Wagen zusammen, fliegt meterhoch durch die Luft und bleibt tot liegen. Paddy ist unter normalen Umständen ein moralisch ziemlich aufrechter Mensch, aber nach einem Blick in die Brieftasche des Fremden wirft der Bestatter alle ethischen Grundsätze über Bord und entschließt sich zur Fahrerflucht: Er hat den Bruder des gefährlichsten Gangsters von Dublin getötet. Ehrlichkeit wäre jetzt das sichere Todesurteil. Doch es kommt noch dicker: Der völlig verängstigte Paddy wird von seinem ahnungslosen Chef damit beauftragt, sich um die Bestattung dieses Toten zu kümmern. Seine Gefühle beim ersten Besuch des trauernden Gangsterbosses sind so ähnlich, als würde man seinen Kopf in das weit geöffnete Maul eines hungrigen Löwen stecken.

Eine Mischung aus Krimi und schwarzem Humor

 

Jeremy Massey gelingt es, seine Story so aufzubauen, dass auch die absurdesten Szenen absolut nachvollziehbar sind und gar nicht so unwahrscheinlich wirken, wie es der Plot nahelegt. Seine plastische Sprache lässt den Leser wie einen stummen Zuschauer neben Paddy stehen und ihn dabei beobachten, wie sich die Abwärtsspirale immer schneller dreht. Die letzten vier Tage des Paddy Buckley ist ein Roman, der trotz des Grusels eine heitere und hoffnungsvolle Seite hat. Und die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Die letzten vier Tage des Paddy Buckley wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist als Klappenbroschur bei carl's books erschienen und kostet 14,99 €.




Freitag, 27. Mai 2016

# 52 - Wovor haben wir die größte Angst?

Vom Weglaufen vor dem Unvermeidlichen

 

Der Journalist Till Türmer hat sein Leben im Griff: Er lebt allein in Aurich, liebt die Ausritte auf seiner Stute Rubina und schreibt Biografien und Briefe für Menschen, denen die passenden Worte fehlen. Er ist ein empathischer und geduldiger Mann, zu dem Menschen schnell Vertrauen fassen und sich ihm öffnen. Doch er gerät an Grenzen, wenn es um das geht, dem niemand ausweichen kann: den Tod. Andreas Klaene beschreibt in seinem Buch Till Türmer und die Angst vor dem Tod wie schwer es ist, dem Unvermeidlichen auf Dauer auszuweichen.

Wann muss man sich dem Tod stellen?

 

Immer, wenn Till zu Rubina geht, begegnet er dem alten Jupp, der auf dem Reiterhof des Bauern Enno wohnt und alles macht, was anfällt. Jupp lebt dort ganz für sich. Keiner weiß besonders viel über den wortkargen Mann, aber für Till ist er ein Freund. Doch Jupp geht es schlecht. So schlecht, dass auch Till klar ist, dass es mit dem alten Mann bald zu Ende gehen wird. Er weiß von Enno, dass Jupp hofft, sich von Till im Krankenhaus verabschieden zu können. Nur ein letzter Besuch, ein paar Worte zum Abschied. Doch Till schiebt diesen Besuch so lange auf, bis Jupp tot ist. Wieder meldet sich Enno bei ihm: Ob Till ihm bei der Planung der Beisetzung helfen könne? Jupp habe keine Angehörigen mehr gehabt, und er, Till, sei doch so gut mit ihm befreundet gewesen. Till ignoriert Ennos Bitte, und Jupp wird ohne ihn beerdigt.

Ähnlich geht Till mit einer Kundin um, die ihn bittet, ihr in ihrem Namen einen Brief an ihre Tochter zu schreiben. Es ist klar, dass die an Krebs erkrankte Dame nicht mehr lange leben wird, aber ihr größter Wunsch ist es, ihre Tochter, zu der sie seit Jahren keinen Kontakt mehr hat, noch ein Mal zu sehen und mit ihr zu sprechen. Till sagt ihr zu, sich Gedanken zu machen, aber "vergisst" dann, seine Auftraggeberin zurückzurufen.
Er fühlt sich durchaus schlecht dabei, sich so zu verhalten, doch bisher fehlte eine starke Motivation, an dieser Einstellung zu arbeiten und sich zu ändern.

Auch Till Türmer muss sich entscheiden


Doch dann lernt er Sarah kennen. Sie ist für ihn zunächst nur so etwas wie ein Phantom, weil er durch das gekippte Fenster der Herrentoilette eines Auricher Restaurants nur ihre Stimme hören kann. Till ist sofort von deren Klarheit und Intensität fasziniert und beginnt, die unbekannte Frau zu suchen. Mithilfe der wenigen Informationen, die er an seinem Fensterplatz gehört hat, wird er schließlich fündig: Er begegnet Sarah in einem Supermarkt in Pewsum und erkennt sie an ihrer Stimme wieder. Durch ein Gespräch zwischen ihr und einer anderen Kundin erfährt er von einem kulturellen Ereignis, bei dem Sarah mitwirken wird. Für Till ist klar, dass er dorthin muss, wenn er Sarah wiedersehen will, doch er ist überrascht, worauf er trifft: Die junge Frau tritt im Rahmen einer Veranstaltung, auf der über Multiple Sklerose informiert wird, als Pianistin auf. Sie kommen ins Gespräch und fühlen sich sofort stark zueinander hingezogen. Doch als sie sich immer besser kennenlernen, erfährt Till, was Sarahs Leben bereits jetzt einschränkt und womit sie ihr Geld verdient. Zwei Dinge, die ihn aufwühlen und ihn unmittelbar mit der Endlichkeit des Lebens konfrontieren. Er muss sich entscheiden, denn eine Beziehung mit Sarah ist ohne die Anwesenheit des Todes nicht denkbar.

Ein sehr schöner Roman um ein "heißes Eisen"  

 

Andreas Klaene hat das von vielen Menschen als Tabu empfundene Thema Sterben und Endlichkeit in einem sehr flüssigen Schreibstil verarbeitet, der den Leser in die Handlung hineinzieht. Man kann durchaus auf die Idee kommen, dass dem ansonsten so offenen Till Türmer zu Beginn noch ein kleines Stückchen fehlt, um "richtig" erwachsen zu werden, aber der Autor beschreibt das Fluchtverhalten des Journalisten ohne einen erhobenen Zeigefinger. In einem kurzen Rückblick wird deutlich, welchen Ursprung Tills Angst vor dem Tod haben könnte und es passt zu ihm, sich mit seiner Vergangenheit nicht wirklich auseinandergesetzt zu haben.
Das Buch spielt in Ostfriesland, und Leser, denen die Gegend um Aurich vertraut ist, werden sicher das Eine oder Andere wiedererkennen. Auch die gute ostfriesische Sitte des Teetrinkens mit Stövchen sowie Kluntje und Wulkje ( großer, weißer Kandiszucker und eine Sahnewolke) fehlt hier nicht. 
Till Türmer und die Angst vor dem Tod ist ein lesenswertes Buch, das auch diejenigen in die Hand nehmen können, denen es so geht wie Till zu Beginn der Handlung. 


Till Türmer und die Angst vor dem Tod wurde bei epubli herausgegeben und kann sowohl dort als auch beim stationären oder Versandbuchhandel bezogen werden. Es kostet als Taschenbuch 10,99 € und als Kindle-Edition 4,99 €.

Freitag, 20. Mai 2016

# 51 - Außenseiter mit grandiosen Fähigkeiten

Seit vielen Jahren bin ich ein Fan von John Irving, und sein neuestes Buch Straße der Wunder hat mich im Großen und Ganzen nicht enttäuscht. Im Mittelpunkt stehen der zu Beginn 14-jährige Mexikaner Juan Diego Guerrero und seine ein Jahr jüngere Schwester Lupe. Sie wachsen auf einer Müllkippe in Oaxaca auf und leben bei Rivera, dem Chef der Müllhalde.

Mexiko 1970: brennende Müllhalden und Bücher

Juan Diego und Lupe sind nur auf den ersten Blick typische Müllkippenkinder, wie es sie noch heute in Mexiko gibt. Rivera, el jefe, kümmert sich um die Geschwister und behandelt sie wie seine eigenen Kinder; und das, obwohl es nur bei Juan Diego den Hauch einer Chance gibt, dass er dessen Sohn sein könnte. Ihre Mutter Esperanza spielt im Leben der beiden Jugendlichen keine große Rolle: Sie ist Prostituierte und außerdem Putzfrau in der Kirche und im Waisenhaus der Jesuiten. Die Pater haben ihr diesen Job in der Hoffnung gegeben, dass sie so wieder auf den rechten Weg zurückfindet. Nur sporadisch lässt sich Esperanza bei Rivera und ihren Kindern sehen. 


Im Kloster von Oaxaca misten die Jesuiten von Zeit zu Zeit ihre Klosterbibliothek aus und bringen Bücher zum Verbrennen auf Riveras Müllkippe. Dort rettet sie Juan Diego aus dem Feuer und liest sie gründlich. Er ist Autodidakt und hat sich selbst das Lesen beigebracht. Mithilfe der vom Kloster  entsorgten Bücher hat er auch Englisch gelernt.
Seine Schwester Lupe wirkt auf die, die sie nur oberflächlich kennen, geistig zurückgeblieben: Sie spricht völlig unverständlich und oft so, als stünde sie kurz vor einem emotionalen Ausbruch. Nur ihr Bruder versteht sie und ist darum ihr Dolmetscher. Alle, die sie besser kennen, wissen aber, dass Lupe Gedanken lesen kann und oft in der Lage ist, in die Zukunft zu sehen. 

Ein Roman mit einem Blick auf sich selbst

Die Jesuiten legen Wert auf Bildung und werden auf Juan Diego aufmerksam. Vor allem Pater Pepe setzt sich dafür ein, dass die Geschwister nach dem Tod ihrer Mutter ins katholische Waisenhaus umziehen. Doch das Waisenhaus ist keine Lösung, und letztlich finden sich die beiden im nahegelegenen Zirkus wieder. Doch auch der Aufenthalt dort soll nicht von Dauer sein, was vor allem daran liegt, dass Lupe wegen ihrer Hellsichtigkeit weiß, wie ihre und die Zukunft ihres Bruders aussehen würden, wenn sie dort blieben. Da entschließt sie sich zu einem gravierenden Schritt, der ihrer Ansicht nach die einzige Chance ist, Juan Diego eine Zukunft zu ermöglichen, die seinen Fähigkeiten entspricht.


Tatsächlich wird er den Beruf ergreifen, den Lupe in ihm gesehen hat: Der mittlerweile zu einem bekannten Schriftsteller avancierte Juan Diego blickt in Straße der Wunder 40 Jahre später während einer Lesereise auf die Philippinen auf sein Leben zurück. Lupes selbstloser Plan hat tatsächlich dazu geführt, dass sein Leben eine Wendung genommen hat, die unter normalen Umständen kaum möglich gewesen wäre. Edward, ein ihm freundschaftlich verbundener amerikanischer Jesuit und dessen Freundin Flor, eine transsexuelle mexikanische Prostituierte, adoptieren ihn und nehmen ihn mit in Edwards Heimat Iowa. Dies ist für Juan Diego die Eintrittskarte in ein besseres Leben.

Das Leben unter dem Einfluss von Betablockern und Viagra

Juan Diego ist wegen einer Herzschwäche auf die regelmäßige Einnahme von Betablockern angewiesen. Sie führen jedoch dazu, dass er ein Leben führt, dass er als "reduziert" bezeichnet: Er leidet unter Müdigkeit, die oft schon narkoleptische Züge hat, und Erektionsstörungen. Die haben ihn mangels einer Partnerin bislang wenig gestört, doch auf seiner Reise begegnet er mit Miriam und Dorothy zwei seiner Fans, die vor allem eines tun wollen: sich "liebevoll" um ihn kümmern. Dass es sich bei den beiden um Mutter und Tochter handelt, macht es nicht wirklich einfacher. Um im Bett nicht zu versagen, nimmt es der Schriftsteller mit der Einnahme der Betablocker nicht mehr so genau und greift immer öfter zu Viagra. Doch er wird aus den beiden Frauen nicht schlau: Sie scheinen immer um die Welt zu reisen und tauchen so plötzlich an seinen Reisestationen auf, wie sie anschließend wieder verschwinden. Bereitwillig lässt er es zu, dass sie ständig in seine Reiseplanung eingreifen, die ursprünglich von seinem ehemaligen Studenten Clark French, der jetzt ebenfalls Schriftsteller ist, ausgearbeitet worden ist. Juan Diego wirkt wie das Klischee eines alternden Romanautors: immer etwas neben sich stehend, kaum lebenstüchtig und ein wenig durch sein Leben irrlichternd. Am Ende kommt es mit ihm, wie es kommen muss.

Lesen?

Wie schon erwähnt bin ich bei John Irving im positiven Sinn voreingenommen. Ich mag die skurrilen Charaktere und Wendungen, wie es sie auch in Straße der Wunder reichlich gibt. Mich haben auch die dezenten Verweise auf andere Bücher von ihm amüsiert. Immer wieder baut er auch Kritik am "American Way of Life" und dem Selbstverständnis der US-Amerikaner ein: Er kritisiert indirekt die Folgen des Vietnamkriegs und macht deutlich, dass es oft mit Chancengleichheit und Toleranz nicht weit her ist.

Etwas ermüdend fand ich allerdings das unglaubwürdige Dreiecksverhältnis zwischen Juan Diego sowie Miriam und Dorothy, dass sich - immer schön abwechselnd - fast nur in der Horizontalen abspielte und um ein Haar noch um eine weitere Person erweitert worden wäre. 
Als gegen Ende der Handlung die Identität der beiden Frauen buchstäblich nebulös wurde, wurde es mir mit den Mysterien zu viel. Letzten Endes bleibt es für den Leser unklar, ob es die beiden Damen nur in Juan Diegos Vorstellung gegeben hat. Auch andere geisterhafte Wesen tauchen im letzten Fünftel des Buches auf; inwieweit sie für den Fortgang der Handlung wichtig sind, erschließt sich mir nicht. 
Insgesamt ist meine Kritik an diesem Buch jedoch so gering, dass ich es auf jeden Fall empfehlen kann. Die Hinweise, die John Irving auf seine vorangegangenen Romane gibt, sind für das Verständnis des Buches nicht wichtig, sodass auch Leser, die zum ersten Mal einen Titel von ihm lesen, an Straße der Wunder Freude haben werden.



Vielen Dank!

Das Buch Straße der Wunder wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich ganz herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorhandene Exemplare innerhalb eines Werktages.  Die Kontaktdaten und Öffnungszeiten gibt es hier: Hemminger Buchhandlung

Straße der Wunder kostet als gebundene Ausgabe 26,-- € und als epub- oder Kindle-Edition 22,99 €. Das Hörbuch (3 MP3-CDs) ist für 24,99 € erhältlich. 



 

Freitag, 13. Mai 2016

# 50 - Was hat eine Freundschaft mit gutem Essen zu tun?

Über eine Freundschaft zwischen Menschen, die (eigentlich) nichts gemeinsam haben

 

Ich möchte euch heute ein Buch ans Herz legen - so viel Pathos ist hier durchaus angebracht -, das wie der Gegenentwurf zu so vielen anderen Büchern wirkt, die von Kritikern hoch gelobt werden. Es überzeugt durch seine einfache, klare Sprache und enthält ein ganzes Fuder Lebensweisheit. Die Rede ist von Kirschblüten und rote Bohnen des japananischen Autors Durian Sukegawa.

Ex-Häftling trifft auf alte Frau

 

Sentaro ist ein junger Mann, der sein Leben bis jetzt gehörig vergurkt hat: Er hat sich in Drogengeschäfte verwickeln lassen und dafür einige Jahre im Gefängnis gesessen. Weil er bei der Polizei nicht über die Hintermänner auspacken wollte, wurde ihm auch kein Strafrabatt gewährt. Unnötig zu erwähnen, dass er außer einem einfachen Schulabschluss über keine Qualifikation verfügt. Doch aus Dankbarkeit für sein Schweigen bietet ihm einer dieser Hintermänner an, für ihn in seinem Dorayaki- Imbiss 'Doraharu' zu arbeiten. Dorayakis sind runde Pfannkuchen, die mit einer süßen Paste aus roten Bohnen gefüllt werden. Da er beim Inhaber obendrein auch noch Schulden hat, wird das Doraharu für Sentaro zu seiner persönlichen Hölle. Doch nach nur drei Jahren stirbt sein Chef unerwartet, und dessen Witwe übernimmt den Imbiss. Da sie vom Geschäft oder gar von der Herstellung der Dorayakis keine Ahnung hat, ernennt sie Sentaro zum Geschäftsführer. Doch den hält nur die Aussicht, irgendwann seine Schulden abbezahlt zu haben, in diesem Job. Die traditionelle Süßspeise stellt er lust- und lieblos her und greift bei der Herstellung des Bohnenmus' auf ein Fertigprodukt aus dem Kanister zurück. Seine Dorayaki schmecken ihm nicht, aber das ist ihm gleichgültig. Direkt nach Feierabend geht er in die nächste Kneipe und spült seinen Kummer hinunter. Doch nachdem er einen Aushang an die Tür geklebt hat, mit dem er einen Helfer sucht, meldet sich nur eine alte Frau, Tokue. Sie ist bereit, für einen lächerlich geringen Lohn für ihn zu arbeiten. Sentaro sträubt sich zunächst, Tokue einzustellen, weil sie schon 76 Jahre alt ist und gebrechlich wirkt. Doch sie lässt nicht locker und überzeugt ihn schließlich, indem sie das beste Bohnenmus herstellt, dass Sentaro jemals gegessen hat.
Weil Tokue an den Händen und im Gesicht entstellt ist, hat Sentaro Bedenken, sie beim Verkauf helfen zu lassen. Er spricht Tokue nicht auf die Herkunft der Entstellungen an und behält auch die Gründe, warum sie nur in der Küche arbeiten soll, für sich. 

Das Blatt scheint sich zu wenden

 

Der ungewöhnlich gute Geschmack der Dorayakis spricht sich herum, und schon bald kann sich der Imbiss vor Kunden kaum noch retten. Eine der neuen Kundinnen ist das 14-jährige Schulmädchen Wakana: Sie lebt nach der Trennung ihrer Eltern bei ihrer Mutter, die ständig Geldsorgen hat. Mit ihr kommt Tokue nach und nach ins Gespräch, und nach einiger Zeit stellt das Mädchen der alten Frau die Frage, die auch Sentaro immer auf der Zunge liegt: Warum sind Tokues Finger so verkrümmt? Doch die Antwort, das sei auf eine schlimme Krankheit in ihrer Jugend zurückzuführen, bleibt vage.
Alles ändert sich, als kurz darauf Sentaros Chefin in den Imbiss kommt und von ihm verlangt, die alte Frau zu entlassen. Sie habe gehört, sie sei an Lepra erkrankt gewesen, und so etwas wollten die Kunden nicht sehen. Und überhaupt könne man ja nie wissen, ob die Krankheit nicht immer noch ansteckend sei.
Kurz darauf versiegt der Kundenstrom, sodass kaum noch Bohnenpaste zubereitet werden muss. Tokue kommt zunächst seltener, doch dann macht sie es Sentaro leicht und kündigt von sich aus. Doch der Kontakt zu ihr bricht nicht ab, und sie öffnet sich gegenüber Sentaro und Wakana und gibt ihnen tiefe Einblicke in ihr Leben.

Ein Ende mit Tragik, aber nicht ohne Hoffnung

 

Zwischen Sentaro, Wakana und Tokue entsteht eine tiefe Verbundenheit, die vor allem der empathischen und lebensklugen Tokue zu verdanken ist. Durian Sukegawa greift in seinem Buch auch die Art und Weise auf, wie Japan mit seinen Leprakranken seit dem Ende des 2. Weltkriegs umgegangen ist: Obwohl die Erkrankten dank eines seinerzeit aus den USA eingeführten Medikaments völlständig gesund wurden und niemanden anstecken konnten, blieb es bis 1996 dabei, dass sie die eigens gebauten Leprosorien nicht verlassen durften. Es gab Zwangsarbeit, die Männer wurden zwangssterilisiert, Föten erkrankter Frauen abgetrieben oder ihre Babys getötet. Im ganzen Land wurden Leprakolonien errichtet, und in den ersten Jahren wurden die Kranken in Einzelzzellen isoliert. Allen, die in eine der Leprakolonien gebracht wurden, war klar, dass sie ihre Familien nie wiedersehen würden. 
Aber auch nach 1996 hat sich das Leben der Menschen, die vor Jahrzehnten erkrankt sind, nicht wesentlich verbessert: Sie können sich zwar frei bewegen, sind aber wegen ihrer Entstellungen sozial isoliert. Da sich in den meisten Fällen auch ihre Angehörigen von ihnen abgewendet haben, bleiben sie letztendlich unter sich.
Das erinnert stark an den Umgang mit den Menschen, die durch die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki und den Atomunfall in Fukushima durch Radioaktivität sofort oder später geschädigt wurden: Auch sie werden gemieden, als hätten sie eine todbringende Krankheit und haben keine Möglichkeit, ein halbwegs normales Leben zu führen

Ich habe es bisher vermieden, mit Zitaten aus Büchern zu arbeiten, über die ich schreibe. Hier will ich eine Ausnahme machen. Tokue gibt Sentaro diesen Satz mit auf den Weg:

"Zäune überwinden kann nur, wer mit einem Herzen lebt, das Zäune überwunden hat."


Durian Sukegawa ist ein japanischer Romanautor, Fernseh- und Radiomoderator, Schauspieler und Punkmusiker. Kirschblüten und rote Bohnen wurde unter dem Titel "An" (Anm.: japanisch für Bohnenmus) ein Bestseller und für die Festspiele in Cannes 2015 verfilmt. 

Kirschblüten und rote Bohnen ist 2016 im DuMont Buchverlag erschienen und wurde mir von bloggdeinbuch zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es kostet in der gebundenen Ausgabe 18,-- € und als epub- oder Kindle-Edition 14,99 €. Es kann online hier bestellt werden: Bestell-URL
 









Freitag, 6. Mai 2016

# 49 - Einmal Ägypten - Köln

Zurück zu den Wurzeln - eine gute Entscheidung?

 

Das heutige Buch spielt in Köln, genauer: im Severinsviertel zwischen Ende September 2008 und Anfang März 2009. Die Autorin Ulrike Blatter hat im Februar 2016 ihren Roman Vor dem Erben kommt das Sterben veröffentlicht, der mit der Rückkehr der fast 40-jährigen Blanche in ihre Heimatstadt Köln beginnt. Blanche war zuletzt vor 20 Jahren hier gewesen und wegen der schlechten Erinnerungen geflohen. Sie hatte ihre beste Freundin Eva-Maria, die sie wegen ihrer porzellanweißen Haut und der schwarzen Haare auch "Schneewittchen" genannt hatte, verloren, als die beiden Mädchen 13 Jahre alt waren. An ihrem Tod, der sich vor Blanches Augen abspielte, hatte sie sich eine Mitschuld gegeben. Seitdem war ihr Leben aus der Bahn geraten: Sie hatte sich immer nur durchgemogelt, war nach Berlin abgehauen, um sich danach an den Junkie-Treffpunkten in Frankfurt, Hamburg und Zürich herumzutreiben. Aber jetzt spürt sie so etwas wie Heimweh, das sie in ihre alte Heimat zurücktreibt.

Zurück ins Veedel

 

Das Severinsviertel, das in Köln auch "Vringsveedel" genannt wird, gilt als der kölscheste Stadtteil. Dass seine alteingesessenen Bewohner sich als enge Gemeinschaft betrachten, kommt auch im Buch immer wieder zum Ausdruck. Hier ist Blanche aufgewachsen, als Tochter einer selbstständigen Frisörmeisterin und Enkelin einer resoluten Inhaberin einer Metzgerei. Männer haben in dem Leben der Drei keinen Platz. Die Mutter Lisbeth und die Großmutter ("Omma") sind beide sehr mit ihren Läden beschäftigt, sodass Lara, wie Blanche eigentlich heißt, eher nebenher versorgt wird. Doch nun ist sie wieder da, und da sie keine andere Anlaufstelle hat, wendet sie sich an ihre Mutter, die das Veedel verlassen hat und als Rentnerin in Köln-Höhenberg lebt. Lisbeth hält bei diesem Treffen nicht mit ihrem Ärger hinterm Berg, dass sie viel Geld für die Entzüge und Therapien ihrer Tochter gezahlt hat, das sie lieber in deren Ausbildung gesteckt hätte. Aber nun will sie ihr eine letzte Chance geben: Blanche soll in die alte Wohnung im Veedel ziehen, die die drei Frauen früher bewohnt hatten. Nach Ommas Tod und Lisbeths Auszug steht sie leer. Doch die Sache hat ein paar Haken: Der Baubeginn der Nord-Süd-Stadtbahn hat die Gegend entlang der Streckenführung sehr in Mitleidenschaft gezogen. Die Anwohner müssen nicht nur den ständigen Baulärm ertragen, sondern beobachten auch, dass die Bausubstanz zahlreicher Häuser so sehr leidet, dass sich tiefe Risse durch die Mauern ziehen. Außerdem setzt Lisbeth ihrer Tochter ein Ultimatum: Sie überlässt Blanche die Wohnung für ein halbes Jahr mietfrei, damit diese ihr Leben wieder ordnen kann. Und Blanche hat vor, diese Chance auf ihre Weise zu nutzen.

Wie kann man seinen Mitmenschen das Geld aus der Tasche ziehen?

 

Blanche bewohnt ihre neue Bleibe nicht allein: Schon am Tag ihres Einzugs drängt sich ihr eine weiße Katze förmlich auf, die sie mit ihren smaragdgrünen Augen fixiert und ihrem Blick standhält. Die Katze, die sie aus einer Eingebung heraus Cleo nennt, ist ihr unheimlich, aber sie wird sie nicht mehr los. Was Blanche nicht weiß: Cleo ist nicht irgendeine Katze, sondern die Wiedergeburt der letzten ägyptischen Königin Kleopatra VII., die 30 v. Chr. starb. Kleopatra hat bis zu ihrer Existenz als Katze verschiedene Wiedergeburten durchlaufen, darunter auch als Hexe, die auf einem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Für Cleo ist Blanche keine Fremde: Sie kennt sie bereits seit den 1970-er Jahren, als sie in Gestalt der weißhaarigen Frau Müller das Kind Lara aus dem Haus gegenüber beobachtete. Jetzt hat sie sich vorgenommen, sich um Blanche zu kümmern.

Blanche hat keinen Beruf gelernt und ist sowieso der Meinung, dass normale Arbeit eine Form der Ausbeutung ist. Doch was sie beherrscht, ist die Manipulation ihrer Mitmenschen, und auch auf dem Gebiet der Hypnose hat sie gute Fertigkeiten. Sie beginnt ihre Berufstätigkeit nun als Astro-Beraterin für eine Telefon-Hotline, bei der sie die Anrufer so lange wie möglich hinhält, um deren Telefongebühren in die Höhe zu treiben. Der Verdienst ist für den Anfang nicht schlecht, aber erst als eine Kundin namens Sybille um eine persönliche Beratung bittet, wendet sich das Blatt.

Sybille ist das perfekte Opfer: Sie ist vor Kurzem verwitwet, naiv, kinderlos, in tiefer Trauer um ihren Mann und - das ist am wichtigsten - sehr wohlhabend. Blanche wittert bei dieser labilen Frau ihre Chance, endlich mit geringem Aufwand an viel Geld zu kommen und nutzt ihre Gabe, Menschen zu beeinflussen, aus: Im Laufe mehrerer Sitzungen suggeriert sie der älteren Frau, sie könne sie ihrem verstorbenen Mann näherbringen. Sie versetzt sie in Trance und tischt ihr in sogenannten Rückführungen Liebesgeschichten aus der Kölner Stadtgeschichte auf, die angeblich in grauer Vergangenheit zwischen Sybille und ihrem Mann stattgefunden haben. Die grundehrliche, aber sehr leichtgläubige Sybille fällt auf den Schwindel herein und schöpft aus diesen vermeintlichen Begegnungen mit ihrem geliebten Hubert neuen Lebensmut. Doch Blanche reichen die Honorare für die Sitzungen längst nicht mehr. Sie nutzt ihre Fähigkeiten, um in Sybille einen neuen Wunsch keimen zu lassen: durch den eigenen Tod und eine nachfolgende Wiedergeburt irgendwann wieder mit Hubert vereint zu sein. Und Blanche weiß sehr genau, wie sie dieses Ziel erreichen kann.


Kölner Stadtgeschichte, Tote, Heimtücke und ein guter Zweck

 

Vor dem Erben kommt das Sterben ist ein Roman, der sich interessant und sehr flüssig liest und randvoll mit Kölner Geschichte ist. Ulrike Blatter setzt sich gleich mit mehreren Themenfeldern auseinander, die sie in den Verlauf der Handlung einbaut: Sie beschäftigt sich sowohl mit der Möglichkeit der Reinkarnation als auch dem von zahlreichen Pannen und dem tragischen Einsturz des Stadtarchivs im März 2009 überschatteten Bau der Kölner Nord-Süd-Bahn, deren endgültige Fertigstellung aus heutiger Sicht noch in den Sternen steht. Auch ein weiteres Thema, mit dem sich andere Großstädte ebenfalls beschäftigen, behandelt sie: die Gentrifizierung, also die Abwanderung der finanziell wenig leistungsstarken Bewohner zugunsten des Zuzugs von wohlhabenden Bevölkerungsgruppen. Nicht nur in Köln haben Investoren fragwürdige Methoden, um Wohnhäuser zu "entmieten" und sie anschließend nach einer Sanierung für viel Geld zu vermieten oder zu verkaufen.

Ulrike Blatter spendet 10 % des Verkaufserlöses aus diesem Roman an die  Kölner Stiftung Stadtgedächtnis. Das Geld soll dabei helfen, die bei dem Einsturz des Stadtarchivs beschädigten Dokumente wiederherzustellen.

Vor dem Erben kommt das Sterben wurde bei neobooks als e-Book herausgegeben und kostet 2,49 € (400 Seiten). 

Freitag, 22. April 2016

# 47 - Eine Frau ist freiwillig dort, von wo andere fliehen

Ein Leben auf Zeit in Kabul

 

Die Autorin des heutigen Buches Ausgerechnet Kabul - 13 Geschichten vom Leben im Krieg, Ronja von Wurmb-Seibel, beschließt zum ersten Mal im Frühling 2013, in die afghanische Hauptstadt Kabul zu reisen. Bis zu diesem Zeitpunkt verbindet sie mit Afghanistan das, was sich die meisten Menschen vorstellen, wenn sie fernab irgendwo vor dem Fernseher sitzen oder in ihren Zeitungen blättern: Krieg, Terrorismus, die Taliban. Vier Wochen sollen zunächst reichen, um zu erfahren, wie es sich anfühlt, dort zu leben, wo schon seit vielen Jahren ein Krieg den anderen ablöst: 1979 der Einmarsch der sowjetischen Armee, die erst zehn Jahre später wieder abziehen sollte; ab 1992 ein jahrelanger Kampf in Kabul gegen die Taliban, der 1996 in deren Einnahme der Hauptstadt mündete; immer wieder weitere Vorstöße der Taliban und zusätzlich Kämpfe zwischen verfeindeten Milizen; im Oktober 2001 der Einmarsch der US-Armee und ihrer Verbündeten als Folge der Anschläge vom 11. September 2001; seit 2015 der Abzug der US-Truppen. Und immer wieder die Taliban.

Warum will jemand in einem Krisengebiet leben?

Das wurde Ronja von Wurmb-Seibel auch gefragt: nicht nur von ihren Angehörigen und Freunden in Deutschland, sondern auch von Afghanen. Doch trotz aller Befürchtungen verbringt sie die vier Wochen in Kabul und nutzt diese Zeit so intensiv wie möglich: Sie unterstützt ihren Übersetzer bei dessen Hausarbeit über Leni Riefenstahl, lässt sich von einem Einheimischen die Wirren der Machtspiele in Afghanistan erklären, lernt die ersten Vokabeln auf Dari und übernachtet bei einem Ausflug aufs Land mit einem Mullah und sechs weiteren Männern im selben Zimmer. In diesen vier Wochen wird ihr kurz vor ihrer Rückreise nach Deutschland bewusst, was ihr an diesem krisengeschüttelten Land gefällt: die Menschen mit ihren Witzen und Geschichten, aber auch das Gefühl, dass mit den Wahlen und dem geplanten Abzug der NATO-Truppen im folgenden Jahr etwas Großes und Neues in Afghanistan beginnen könnte. 
Doch ihr Interesse an Afghanistan entstand nicht aus sich selbst heraus: 2013 war sie als Praktikantin bei der Wochenzeitschrift DIE ZEIT beschäftigt und stieß auf der Suche nach Themen auf die Meldung, dass die Bundeswehr ihr erstes Feldlager in Afghanistan schließen würde. Sie stellte einen Antrag bei der Bundeswehr, das Lager als Journalistin besuchen zu dürfen und bekam die Genehmigung, sich vor Ort umzusehen: neun Tage in Masar-e-Scharif und weitere fünf Tage in Faisabad. Doch was sie sah, war nicht wirklich Afghanistan, sondern nur ein Stück der Bundeswehr. Zu wenig.
Nach ihrer Rückkehr arbeitet sie für ein halbes Jahr als ZEIT-Redakteurin und beschäftigt sich weiter mit Afghanistan. Genauer: Mit Menschen, die oft schon als Kinder aus ihrem Heimatland geflohen waren und nun, mit dem bevorstehenden Abzug der NATO-Truppen, nach Afghanistan zurück wollten, weil sie den Eindruck hatten, nur dort wirklich etwas für ihr Land tun zu können.
Das gibt für die Autorin den Ausschlag: Auch sie will dorthin, wo sie unmittelbar mit den Problemen Afghanistans konfrontiert ist und nicht nur aus der Ferne über das Land schreiben. 

Ronja von Wurmb-Seibel bleibt ein Jahr in Afghanistan. Sie lebt mitten unter den Menschen, schließt Freundschaften, erlebt im Wortsinn Merkwürdiges und lernt die zum Teil für sie irritierenden gesellschaftlichen Gepflogenheiten kennen. Da sind beispielsweise die Listen: Sie entscheiden darüber, ob man "dazugehört" und zu Partys eingeladen wird oder an welchen öffentlichen Orten man sich als Ausländer aufhalten darf. Die erste Sorte kann man durch gute Beziehungen beeinflussen, die zweite stellen die Arbeitgeber auf. Hält man sich an verbotenen Orten auf, kann das für die Arbeitgeber ein Grund für die Kündigung und für Versicherungsunternehmen für die Weigerung zur Schadensregulierung sein, sollte man bei einem Anschlag verletzt oder getötet werden.

Eine für uns ungewohnte Perspektive

Ronja von Wurmb-Seibel zeigt ihren Lesern, wie sie Afghanistan erlebt hat. Ihr ist dabei bewusst, dass sie sich gegenüber den Einheimischen in einer privilegierten Situation befindet: Sie hat sich freiwillig entschieden, einen Teil ihres Lebens dort zu verbringen und kann das Land jederzeit wieder verlassen. Sie verfällt nicht in eine Romantisierung des Landes und seiner Bevölkerung, sondern schildert auch Szenen wie die in einem Frauengefängnis, das sie gemeinsam mit mehreren Anwältinnen am Weltfrauentag besucht: Zahlreiche Insassinnen sind keine Kriminellen, sondern Frauen, die ihr Zuhause und ihre Männer verlassen haben, woraufhin diese sie beschuldigten, "versuchtes Fremdgehen" begangen zu haben - eine Tat, die es im afghanischen Strafrecht nicht gibt, wofür aber auch ohne jegliche Beweise Verurteilungen ausgesprochen werden. Auch Frauen, die ihre Strafe abgesessen haben, müssen befürchten, das Gefängnis nicht verlassen zu können: Dazu ist ein männlicher Verwandter nötig, der sie am Tor abholt.

Ausgerechnet Kabul - 13 Geschichten vom Leben im Krieg zeigt sehr anschaulich, in welcher Situation sich die afghanische Gesellschaft tatsächlich befindet. Nichts davon findet normalerweise den Weg in die deutsche Presse. Kein Wunder, dass unser Bild, das wir von diesem Land weit weg in Asien haben, so wenig differenziert ausfällt. Allen, die mehr über Afghanistan wissen wollen, kann ich dieses Buch unbedingt empfehlen. 

Ausgerechnet Kabul - 13 Geschichten vom Leben im Krieg  wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist bei der Deutschen Verlags-Anstalt erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 17,99 €. Die Kindle- und epub-Editionen sind für je 13,99 € erhältlich.
 

Dienstag, 12. April 2016

# 46 - Schwedische Schwermut

Die Geschichte einer schwedischen Kleinfamilie

 

In Die Raben erzählt Tomas Bannerhed über das Leben einer Bauernfamilie in Småland in den 1970-er Jahren: Im Mittelpunkt steht der zu Beginn des Buchs 12-jährige Klas, der wie ein Gefangener seines eigenen Lebens wirkt. Seine sehr guten Schulnoten interessieren seinen Vater Tom Agne Georgsson ebensowenig wie sein großes Interesse an der Natur, insbesondere an Vögeln. Und Klas weiß fast alles über die Vögel in seiner Heimat: Er kennt ihre Gewohnheiten, ihre Rufe und die Routen der Zugvögel. So oft es geht, streift er mit dem Fernglas in der Hand durch die Umgebung und beobachtet die Tiere. Für seinen Vater ist das nur eine Form der Drückebergerei, um der schweren Feldarbeit aus dem Weg zu gehen.

Wolken ziehen über der Familie auf

 

Klas schwankt immer wieder in seiner Haltung gegenüber seinem Vater. Der vom Leben gezeichnete Mann hat nie etwas anderes als das einfache Leben und die Landarbeit kennengelernt und stellt sich vor, dass sein älterer Sohn Klas den Hof übernehmen soll, wenn er alt genug dazu ist. Doch der kleine Familienbetrieb steht wirtschaftlich bereits am Abgrund. Die Schuld gibt der Vater regelmäßig dem Wetter. Aber sein Sohn hat kein Interesse daran, das entbehrungsreiche Leben seines Urgroßvaters, Großvaters und Vaters zu führen - auf diese bäuerliche Ahnenreihe weist ihn Agne gern hin, doch er erreicht damit das Gegenteil dessen, was er beabsichtigt.

Die Mutter ist es, die den Familienfrieden mit aller Kraft aufrecht erhält. Sie ist nicht zufrieden mit ihrem eintönigen Leben, das von der Haus- und der Feldarbeit bestimmt wird und in dem es fast keinen Platz für Freiheiten und Heiterkeit gibt. Sie ist der ruhende Pol nicht nur für Klas und Agne, sondern auch für Klas' jüngeren Bruder Göran. Die Mutter nimmt auch wahr, dass sich ihr Mann immer mehr überfordert fühlt und versucht ständig, ihn zu beruhigen. Doch der gleitet immer mehr in den Wahnsinn ab und entwickelt sich zu einer Gefahr nicht nur für sich, sondern auch für seine Familie. 
Klas empfindet das Verhalten seines Vaters immer stärker als Bedrohung und beginnt, sich wieder nachts einzunässen. Als er erfährt, dass bereits der Großvater psychisch krank gewesen ist und sich umgebracht hat, beginnt er auch bei sich, nach Anzeichen von Wahnsinn zu suchen.

Schwierige Einschätzung

 

Beim Lesen von Die Raben hatte ich zwiespältige Empfindungen: Da sind einerseits die poetische Sprache und der genaue Blick auf Details, die es dem Leser ermöglichen, sich vollkommen in den jungen Klas einzufühlen. Aber es gibt auch den fast durchgehend sehr präsenten Eindruck, dass über der Familie ständig ein dickes Federkissen liegt, das ein normales Leben erschwert und das sich - je nach der augenblicklichen Verfassung des Vaters - jederzeit auf die Menschen legen und ihnen auf ihrem Hof die Luft zum Atmen nehmen kann. Die Handlung läuft schließlich auf ein Ereignis zu, das die Situation der Familie völlig ändert.

Die Raben ist in der deutschsprachigen Ausgabe 2015 im btb Verlag erschienen. Tomas Bannerhed hat für die schwedische Originalausgabe, die 2011 unter dem Titel "Korparna" erschienen ist, im selben Jahr den in Schweden renommierten August-Preis erhalten - interessanterweise in der Kategorie 'Fiction'. 
Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir dieses Buch zur Verfügung gestellt hat. Die Raben kann als gebundenes Buch zum Preis von 21,99 € gekauft werden. Die Kindle- sowie die epub-Edition kosten jeweils 17,99 €.
 

Freitag, 8. April 2016

# 45 - Ein Abschied

Ein Buch über Liebe, Geduld und Gedankenlosigkeit

 

Heute geht es um das Buch Sechs Jahre von Charlotte Link. Die für ihre Kriminalromane bekannte Schriftstellerin hat sich auf ein ihr bislang völlig fremdes Terrain gewagt - vor allem, weil sie es ihrer Schwester versprochen hatte.

Eine Achterbahnfahrt zwischen Hoffnungsschimmern und Hoffnungslosigkeit

 

Anfang 2006 wird bei Charlotte Links Schwester Franziska im Alter von 41 Jahren Darmkrebs diagnostiziert. Die Situation wird von den Ärzten als kritisch eingeschätzt: Sie befürchten, dass bereits die Lymphknoten und das Bauchfell befallen sein könnten. Die Behandlung mit Chemotherapie, Bestrahlung und anschließender Operation beginnt praktisch sofort. Was jetzt so wirken mag, als hätte Charlotte Link das Wechselspiel der unterschiedlichen Therapieformen auf ein ganzes Buch ausgedehnt, ist falsch. Das Schreiben ist ihr Weg, sich mit dem langsamen Sterben ihrer ihr sehr nahestehenden Schwester auseinanderzusetzen und den Verlust zu verarbeiten.

Bereits als junge Frau war Franziska zum ersten Mal an Krebs erkrankt: Sie litt unter Morbus Hodgkin, einer sehr seltenen Erkrankung des lympathischen Systems, die mithilfe von Chemo- und Strahlentherapie gut heilbar ist, wenn sie früh erkannt wird. So war es auch bei Franziska: 17 Jahre lang galt sie als krebsfrei, doch der dann auftretende Darmkrebs soll nicht zu ihrem Hauptproblem werden. Was ihr in den nächsten Jahren zu schaffen machen wird, sind die Vernarbungen auf der Lunge, die Jahrzehnte zuvor im Zuge der Morbus-Hodgkin-Therapie entstanden sind: Sie beginnen, sich auszubreiten und die Lungenkapazitäten allmählich dramatisch zu reduzieren. Franziska wird sechs Jahre mit allen nur erdenklichen Höhen und Tiefen, mit Hoffnungen und Enttäuschungen erleben. Sie klammert sich an ihr Leben und will sehen können, wie ihre Kinder aufwachsen.

Menschlichkeit und Empathie - oft vergeblich gesucht

 

Innerhalb des ersten dieser sechs schweren Jahre stellen drei Ärzte unabhängig vomeinander Diagnosen, die alle mit Prognosen über Franziskas noch zu erwartende Lebenszeit einhergehen und sich später als falsch erweisen. Diese Diagnosen werden mit Attributen wie "Sie leben Ende des Jahres nicht mehr" oder "Nichts zu machen!" versehen und zum Teil so gefühlskalt und gnadenlos vorgetragen, dass sie in der Patientin schwere seelische Erschütterungen hervorrufen. Für psychisch labilere Menschen als es Charlotte Links Schwester war, können solche Situationen der Anlass für einen Suizid sein. Doch auch das Verhalten des Pflegepersonals in einer der beschriebenen Kliniken eignet sich nicht dazu, Menschen die Angst vor dem Klinikaufenthalt zu nehmen.

Die Familie trifft jedoch bei ihrer Suche nach geeigneten Behandlungsmethoden auch auf sehr gute Mediziner, die so sind, wie sie sich jeder Patient wünscht: kompetent, geduldig und einfühlsam. In den Krankenhäusern, in denen sie tätig sind, geht auch das Pflegepersonal sehr fürsorglich mit den Patienten um. Möglicherweise gibt es hier einen Zusammenhang.

Kann man solch ein Buch überhaupt bewerten?

 

Ich habe vereinzelte Rezensionen gelesen, in denen Charlotte Link vorgeworfen wurde, das Schicksal der Schwester und damit der ganzen Familie für ihr Buch auszuschlachten. Auch, dass es noch viele andere Menschen gibt, die genauso leiden wie Franziska, aber deren Schicksal nicht öffentlich wird, weil sie nicht prominent sind, wurde kritisiert. Prominenz hat jedoch hier einen großen Voteil: Die Stimme einer bekannten Person wird gehört, sie kann ihren Einfluss in der Öffentlichkeit und auf Entscheidungsträger nutzen. So war es auch hier: Noch während sie ihr Buch schrieb, wurde Charlotte Link bereits von zwei Kliniken um Lesungen gebeten. Den beiden Krankenhäusern ging es um den Umgang mit Schwerstkranken bzw. die Spätfolgen der Strahlentherapie. Die Medizin hat in den letzten Jahren das Dilemma einer klassischen Krebstherapie erkannt: Auch wenn die Erkrankung bei einem Patienten besiegt werden kann, kann er sich auch nach vielen Jahren seines Lebens nicht sicher sein.

Sechs Jahre ist ein - naturgemäß - sehr emotionales Buch, das die Hilflosigkeit, in der unzählige Schwerstkranke und ihre Angehörigen stecken, zeigt. Es ist aber auch ein Buch voller Hoffnung und der Botschaft, in einer schweren Situation erst dann aufzugeben, wenn alle Möglichkeiten erschöpft sind. Es ist kein Buch, bei dem man nach dem Lesen der letzten Zeile nahtlos zum Tagesgeschehen zurückkehren kann.

Sechs Jahre wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist beim Blanvalet Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 19,99 €. Die Kindle- und epub-Edition ist für 8,99 €, das Taschenbuch für 9,99 € und die Audio-CD für 14,99 € erhältlich.

Freitag, 25. März 2016

# 43 - Schlauchboot trifft Kreuzfahrtschiff

Vier Schiffe und elf Schicksale

 

Das Thema Flüchtlinge und ihre Konfrontation mit Touristen gab es in diesem Blog bereits: Mit "Boat People" von Roland Künzel hatte ich im Januar ein Buch vorgestellt, das diese Konstellation aufgegriffen hat. Doch so augenscheinlich diese Übereinstimmung zum heutigen Titel sein mag, so deutlich wird der Unterschied schon nach den ersten Seiten: Havarie von Merle Kröger nimmt sich der ganzen Tragik an, die in der Situation der Flüchtlinge liegt, die in Seelenverkäufern über das Mittelmeer nach Europa fliehen. Doch die Autorin lenkt den Blick auch auf andere Personen, die in irgendeiner Weise mit ihnen in Kontakt kommen.

Das Mittelmeer als Treffpunkt der Welt

 

Das drittgrößte Kreuzfahrtschiff der Welt, die "Spirit of Europe", fährt mit 5.000 Menschen über das Mittelmeer. Unter ihnen ist auch Marwan Fakhouri, ein syrischer Arzt, der aus Aleppo geflohen ist und nun als Illegaler in der Bordwäscherei arbeitet. Doch es gibt eine Komplikation: Fakhouri bricht zusammen, und die sichtlich überforderte Bordärztin diagnostiziert eine Hirnblutung. Der Patient müsste sofort ins Krankenhaus. Doch Nikhil Mehta, der Sicherheitschef, spielt gedanklich die Alternativen durch: Der nächste Hafen Palma de Mallorca wird erst am nächsten Morgen erreicht, das ist zu spät. Die andere Option ist, einen Hubschrauber anzufordern und den Kranken nach Alicante oder Almería zu transportieren und dort operieren zu lassen. Das zöge hohe Kosten und deswegen zwangsläufig die Kritik der Konzernleitung nach sich. Seine Karriere wäre beendet, er könnte seine Familie in Indien nicht mehr unterstützen. Klar ist nur: Der Syrer muss runter von Bord, irgendwie. Mehta findet eine Lösung. Da begegnet die "Spirit of Europe" einem Schlauchboot mit Flüchtlingen in Seenot.

Im Hafen von Oran (Algerien) legt der unter irischer Flagge fahrende Frachter "Siobhan" ab. Der ukrainische Chef-Ingenieur Oleksij Lewtschenko steht an der Reling und beobachtet ein Boot der Küstenwache, das an der Mole festmacht. Ein nasses Bündel wird an Land geworfen. Lewtschenko ist klar, worum es sich dabei handelt: Um einen Toten, der aus dem Mittelmeer geborgen wurde, einen Flüchtling.

Dies sind nur zwei von elf Personen, auf die Merle Kröger in ihrem Buch den Blick wie durch ein Brennglas richtet. Alle haben eines gemeinsam: In ihren Biographien befinden sich Brüche, die sie durch ihr ganzes Leben begleiten. Das gilt für die gutsituierte Passagierin Sybille Malinowski, die in einem fortgeschrittenen Stadium an der Parkinson-Krankheit leidet und in ihrer Kindheit im 2. Weltkrieg Flucht und Vertreibung erlebt hat ebenso wie für den philippinischen Bordmusiker Joseph Quezón, der sich heimlich durch Prostitution Geld dazuverdient. Die Autorin lässt das Kreuzfahrtschiff, den Frachter, ein Seenotrettungsschiff und ein Schlauchboot, das mit anfangs 12 algerischen Flüchtlingen auf dem Weg in eine bessere Zukunft besetzt ist, einander auf dem Mittelmeer begegnen. Oft, aber nicht immer siegt bei diesen Begegnungen das Geld über die Menschlichkeit.


Ein klassischer Krimi?

Der Argument Verlag, der Havarie herausgebracht hat, hat den Titel in seine Reihe der "Ariadne Kriminalromane" eingefügt. Auch die Wochenzeitschrift DIE ZEIT führte ihn in der KrimiZEIT auf dem 3. Platz. Ich kann diese Zuordnung nicht nachvollziehen, erst recht nicht vor dem Hintergrund der Gedanken, die sich die ZEIT selbst 2010 über das, was einen Krimi ausmacht, gemacht hat. Es gibt zwei Tote, und über die Todesursache der einen Person herrscht bis zum Ende des Buches Unklarheit. Aber Tote allein machen noch keinen Krimi aus.
Merle Kröger hat für ihren Roman (diese Bezeichnung geht fast immer) einen ungewöhnlichen Sprachstil gewählt. Sie arbeitet mit kurzen, prägnanten Sätzen, die die Szenen auf den Punkt bringen. Als etwas irritierend habe ich die englischen Einsprengsel empfunden, die den jeweiligen Personen vermutlich eine coole Aura geben sollten. 
Die Personen werden dem Leser authentisch nahegebracht, sodass man sich auch in die Entscheidungszwänge der Handelnden hineinversetzen kann, ohne ihr Tun unbedingt gutheißen zu müssen. Havarie ist ein lesenswertes Buch, das seinen Lesern die Komplexität des brandaktuellen Flüchtlingsthemas etwas näherbringt. 

Merle Kröger ist auch als Filmproduzentin tätig und hat Havarie als Film herausgebracht. Die Premiere fand Anfang Februar im Rahmen der Berlinale statt.

Die gebundene Ausgabe (mit Lesebändchen) kostet 15,-- €, die epub- oder Kindle-Edition 9,99 €.


Vielen Dank!

Das Buch Havarie wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich ganz herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorhandene Exemplare innerhalb eines Werktages. 
Die Kontaktdaten und Öffnungszeiten gibt es hier: Hemminger Buchhandlung
 



 

Freitag, 27. November 2015

# 26 - Der Schleier wird gelüftet: Das denkt Jesus wirklich!

Mit Gottes Sohn über "Gott und die Welt" diskutieren

 

Um die Bibel ranken sich einige strittige Fragen, die immer wieder aufs Neue von Theologen und Laien (verbal) ausgefochten wurden und werden. Jeder scheint für sich eine Deutungshoheit zu beanspruchen, was die Christen in dieser Hinsicht nicht von der einen oder anderen Religion unterscheidet. Detlev F. Neufert hat sich in seinem im Februar 2015 erschienenen Buch Jesus - Das Interview mit Gottes Sohn über alle Themen unterhalten, die sich immer wieder aufdrängen: Wie eng soll man die Zehn Gebote auslegen? Ist das Zölibat nicht dafür verantwortlich, dass es immer wieder verheimlichte uneheliche Kinder gegeben hat und sich Priester aus Verzweiflung umbrachten? Ist Gott immer gut und gerecht?


Auf einen Plausch mit Jesus

 

Auf 256 Seiten erfährt man, wie Jesus wirklich "tickt". Neufert führt mit ihm ein ziemlich launiges, aber immer wieder auch kritisches Interview, wobei sich die beiden Herren nichts schenken. Anhand des Covers und des Titels hatte ich zunächst ein eher lustiges Buch erwartet, die Absicht des Autors ist aber eine ganz andere. Das Interview ist in einzelne Kapitel aufgeteilt, wobei ein Kapitel fließend in das nächste über geht. Kein Zweifel, dass da immer wieder Neuferts persönliche Ansichten durchschimmern, zumal er selbst u. a. Theologie studiert hat. So äußert er sich zu der Frage, wie sinnvoll eine Babytaufe ist, obwohl der Täufling noch keine Ahnung haben kann, woran er glauben sollte (sinnvoll!). 

Auch das Thema Zwangsheirat, das in Deutschland immer wieder im Zusammenhang mit muslimischen Frauen in den Medien auftaucht, wird angesprochen. Jesus - oder Neufert? - ist selbstverständlich dagegen, denn er ist nicht der Meinung, dass ein Leben nicht nur dazu da ist, um der Fortpflanzung zu dienen. Diese Haltung passt auch zum Thema Homosexualität:

Im Gegensatz zu manch kirchlichem Würdenträger ist Jesus kein Gegner von Eheschließungen unter homosexuellen Paaren. Er hängt die "Idee der Heirat" von gleichgeschlechtlichen Partnern, die vor allem in der katholischen Kirche auf großen Widerstand stößt, bei Weitem nicht so hoch auf wie die, die Gottes Stellvertreter auf Erden sind. "Der Wille  meines Vaters ist, dass die Liebe siegt." Das darf sich gern jeder auf die Fahnen schreiben.


Was macht eine gute Religion aus?

 

Diese Frage ist ja eigentlich immer aktuell: Jede Religion verkörpert für ihre Anhänger die besten Werte und Weltsichten. Schwierig wird es jedoch, wenn religiöse Vorstellungen einen dogmatischen Drall bekommen und als allein seligmachend angesehen werden. Jesus definiert hier einige Kriterien, die man anlegen kann, um den wahren Wert einer Religion zu erkennen: Wird die Freiheit der Erkenntnis unterdrückt? Werden Andersgläubige akzeptiert? Sind Männer und Frauen gleichberechtigt? Das sind nur einige der Maßstäbe, die zur Beurteilung einer Religion herangezogen werden.

Immer wieder ist auch von Luzifer und der Hölle die Rede. An diesen Stellen, in denen es darum geht, dass Sünder in die Hölle kommen, weht ein Hauch Mittelalter durch die Buchseiten. Aber auch das Prinzip und die Häufigkeit der Wiedergeburt werden besprochen und von Jesus erläutert.
Neufert lässt kaum ein Thema aus, das sich mit der Bibelauslegung, religiösen oder ethischen Fragen beschäftigt. Wie beurteilt Gott den Kindesmissbrauch durch Priester? Zitat Jesus: "Gott kotzt!" Das ist ja schon mal ganz beruhigend, dass Gott aufgefallen ist, dass da etwas völlig aus dem Ruder gelaufen ist, aber an solchen Stellen finde ich angesichts der lebenslang verletzten Seelen diese göttliche Reaktion zu dürftig. Aber das mag jeder anders sehen.


Kann ich das Buch empfehlen?

 

Das ist eine schwierige Frage. Das Frage-Antwort-Prinzip ist eine interessante und ungewöhnliche Möglichkeit, sich theologischen  und ethischen Themen zuzuwenden. Neufert hat Jesus eine ziemlich coole Aura gegeben, sodass er nicht vergeistigt und unnahbar wirkt. Jesus - Das Interview lässt sich dank Neuferts flottem Schreibstil flüssig lesen und verzichtet auf religiöses Fachvokabular. So kann man jedem Gedankengang problemlos folgen. Der Autor spricht jedoch so viele verschiedene Themen an, dass sich die Diskussion zwischen den beiden Herren zum Teil jeweils nur kurz mit ihnen auseinandersetzen kann. Die meisten Fragen hätten es jedoch verdient, ausführlicher behandelt zu werden als ein Abrissblatt auf einem Tageskalender.
Religiösere Menschen als ich könnten auch durchaus auf die Idee kommen, warum sich jemand dazu aufschwingen kann, uns mitteilen zu wollen, wie Jesus die Welt und die Menschen beurteilt. Aber das kann jeder für sich selbst entscheiden.
Hin und wieder hätte ich mir einen aufmerksameren Lektor gewünscht, wie zum Beispiel an der Stelle, an der es hieß, dass Kain Adam erschlagen haben sollte.
Meine Bilanz fällt insgesamt etwas gemischt aus. Im Gegensatz zu einigen anderen Büchern, die ich hier schon vorgestellt habe, würde ich dieses zumindest kein zweites Mal lesen. 

Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir dieses Buch zur Verfügung gestellt hat. Es ist über die Verlagsseite des Gütersloher Verlagshauses oder den Buchhandel zum Preis von 17,99 € erhältlich. Die Ausgabe im Kindle-Format kostet 13,99 €.