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Freitag, 10. September 2021

# 307 - Lust auf Skurriles aus der Tierwelt?

Der Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke ist vielen durch seine Fernsehauftritte (z. B. 'TV total', 'Inas Nacht'), seinen YouTube-Kanal und seine Bücher bekannt. Einer seiner Spitznamen ist "Herr der Fliegen", denn sein Geschäft ist der Tod - oder besser das, was mit einem Menschen nach seinem letzten Atemzug passiert.

Sein neuestes Buch hat er 2020 gemeinsam mit der Illustratorin Kat Menschik herausgebracht. Es trägt den knappen und einprägsamen Titel Kat Menschiks & des Diplombiologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes illustrirtes Thierleben

Wer sich bei diesem Titel an 'Brehms Tierleben' erinnert fühlt, liegt gar nicht so falsch: Der Verfasser dieses Werks wird genauso zitiert wie andere Wissenschaftler, die sich in den letzten paar Jahrhunderten mit Tieren beschäftigt haben. 

Doch was ist dieses Buch nun? Benecke hat nicht den Anspruch, eine Art Übersicht über die Tierwelt zu geben. Kat Menschiks & des Diplombiologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes illustrirtes Thierleben ist eher ein Leseband, in dem auf jeder Seite die Liebe des Biologen und der Illustratorin zu den Tieren deutlich wird. Benecke erzählt in siebzehn Kapiteln Erstaunliches, Skurriles und Interessantes aus dem Tierreich - dem real existierenden und dem aus dem Reich der Phantasie. Letzterem widmet Benecke das erste Kapitel Barks' Tierleben, das sich mit den Tieren aus dem Comicuniversum des bekannten Autors und Cartoonisten beschäftigt. Er würdigt nicht nur dessen Kreativität, sondern auch seine Genauigkeit, wenn es um die Einsortierung der Bewohner in und um Entenhausen geht: Wie es sich wissenschaftlich gehört wurden sie korrekt in Über- und Untergruppen klassifiziert. Beneckes Favorit ist übrigens der Indische Plaudervogel, der Menschen und Tiere manipuliert, um an sein Lieblingsfutter Dörrpflaumen zu kommen.

Beneckes Reise durch die Welt der Tiere führt anschließend (fast) nur zu tatsächlich lebenden Tieren wie Hunden, Vögeln, Kopffüßlern, betrunkenen Elchen, dem Rotbeinigen Schinkenkäfer, nekrophilen Enten, Pfeilstörchen, Menschen fressenden Haustieren (leider ja!), Glühwürmern, Silberfischchen sowie Staren. Und der Meerjungfrau, obwohl es sein kann, dass da die Phantasie früherer Naturbeobachter...  Immer wieder wird versucht, eine Parallele zum menschlichen Verhalten zu ziehen, was tatsächlich oft genug gelingt. Fazit: Mensch und Tier sind sich in vielem sehr ähnlich.

Lesen?

Kat Menschiks & des Diplombiologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes illustrirtes Thierleben hat mich sehr gut unterhalten und ich habe obendrein eine Menge gelernt. Was will man mehr? Die Illustrationen von Kat Menschik werten das Buch auf. Leseempfehlung!

Kat Menschiks & des Diplombiologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes illustrirtes Thierleben ist 2020 im Galiani Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 20 Euro sowie als E-Book 12,99 Euro.

Nachtrag: Das Video zum Buch gibt es hier.

Freitag, 20. Mai 2016

# 51 - Außenseiter mit grandiosen Fähigkeiten

Seit vielen Jahren bin ich ein Fan von John Irving, und sein neuestes Buch Straße der Wunder hat mich im Großen und Ganzen nicht enttäuscht. Im Mittelpunkt stehen der zu Beginn 14-jährige Mexikaner Juan Diego Guerrero und seine ein Jahr jüngere Schwester Lupe. Sie wachsen auf einer Müllkippe in Oaxaca auf und leben bei Rivera, dem Chef der Müllhalde.

Mexiko 1970: brennende Müllhalden und Bücher

Juan Diego und Lupe sind nur auf den ersten Blick typische Müllkippenkinder, wie es sie noch heute in Mexiko gibt. Rivera, el jefe, kümmert sich um die Geschwister und behandelt sie wie seine eigenen Kinder; und das, obwohl es nur bei Juan Diego den Hauch einer Chance gibt, dass er dessen Sohn sein könnte. Ihre Mutter Esperanza spielt im Leben der beiden Jugendlichen keine große Rolle: Sie ist Prostituierte und außerdem Putzfrau in der Kirche und im Waisenhaus der Jesuiten. Die Pater haben ihr diesen Job in der Hoffnung gegeben, dass sie so wieder auf den rechten Weg zurückfindet. Nur sporadisch lässt sich Esperanza bei Rivera und ihren Kindern sehen. 


Im Kloster von Oaxaca misten die Jesuiten von Zeit zu Zeit ihre Klosterbibliothek aus und bringen Bücher zum Verbrennen auf Riveras Müllkippe. Dort rettet sie Juan Diego aus dem Feuer und liest sie gründlich. Er ist Autodidakt und hat sich selbst das Lesen beigebracht. Mithilfe der vom Kloster  entsorgten Bücher hat er auch Englisch gelernt.
Seine Schwester Lupe wirkt auf die, die sie nur oberflächlich kennen, geistig zurückgeblieben: Sie spricht völlig unverständlich und oft so, als stünde sie kurz vor einem emotionalen Ausbruch. Nur ihr Bruder versteht sie und ist darum ihr Dolmetscher. Alle, die sie besser kennen, wissen aber, dass Lupe Gedanken lesen kann und oft in der Lage ist, in die Zukunft zu sehen. 

Ein Roman mit einem Blick auf sich selbst

Die Jesuiten legen Wert auf Bildung und werden auf Juan Diego aufmerksam. Vor allem Pater Pepe setzt sich dafür ein, dass die Geschwister nach dem Tod ihrer Mutter ins katholische Waisenhaus umziehen. Doch das Waisenhaus ist keine Lösung, und letztlich finden sich die beiden im nahegelegenen Zirkus wieder. Doch auch der Aufenthalt dort soll nicht von Dauer sein, was vor allem daran liegt, dass Lupe wegen ihrer Hellsichtigkeit weiß, wie ihre und die Zukunft ihres Bruders aussehen würden, wenn sie dort blieben. Da entschließt sie sich zu einem gravierenden Schritt, der ihrer Ansicht nach die einzige Chance ist, Juan Diego eine Zukunft zu ermöglichen, die seinen Fähigkeiten entspricht.


Tatsächlich wird er den Beruf ergreifen, den Lupe in ihm gesehen hat: Der mittlerweile zu einem bekannten Schriftsteller avancierte Juan Diego blickt in Straße der Wunder 40 Jahre später während einer Lesereise auf die Philippinen auf sein Leben zurück. Lupes selbstloser Plan hat tatsächlich dazu geführt, dass sein Leben eine Wendung genommen hat, die unter normalen Umständen kaum möglich gewesen wäre. Edward, ein ihm freundschaftlich verbundener amerikanischer Jesuit und dessen Freundin Flor, eine transsexuelle mexikanische Prostituierte, adoptieren ihn und nehmen ihn mit in Edwards Heimat Iowa. Dies ist für Juan Diego die Eintrittskarte in ein besseres Leben.

Das Leben unter dem Einfluss von Betablockern und Viagra

Juan Diego ist wegen einer Herzschwäche auf die regelmäßige Einnahme von Betablockern angewiesen. Sie führen jedoch dazu, dass er ein Leben führt, dass er als "reduziert" bezeichnet: Er leidet unter Müdigkeit, die oft schon narkoleptische Züge hat, und Erektionsstörungen. Die haben ihn mangels einer Partnerin bislang wenig gestört, doch auf seiner Reise begegnet er mit Miriam und Dorothy zwei seiner Fans, die vor allem eines tun wollen: sich "liebevoll" um ihn kümmern. Dass es sich bei den beiden um Mutter und Tochter handelt, macht es nicht wirklich einfacher. Um im Bett nicht zu versagen, nimmt es der Schriftsteller mit der Einnahme der Betablocker nicht mehr so genau und greift immer öfter zu Viagra. Doch er wird aus den beiden Frauen nicht schlau: Sie scheinen immer um die Welt zu reisen und tauchen so plötzlich an seinen Reisestationen auf, wie sie anschließend wieder verschwinden. Bereitwillig lässt er es zu, dass sie ständig in seine Reiseplanung eingreifen, die ursprünglich von seinem ehemaligen Studenten Clark French, der jetzt ebenfalls Schriftsteller ist, ausgearbeitet worden ist. Juan Diego wirkt wie das Klischee eines alternden Romanautors: immer etwas neben sich stehend, kaum lebenstüchtig und ein wenig durch sein Leben irrlichternd. Am Ende kommt es mit ihm, wie es kommen muss.

Lesen?

Wie schon erwähnt bin ich bei John Irving im positiven Sinn voreingenommen. Ich mag die skurrilen Charaktere und Wendungen, wie es sie auch in Straße der Wunder reichlich gibt. Mich haben auch die dezenten Verweise auf andere Bücher von ihm amüsiert. Immer wieder baut er auch Kritik am "American Way of Life" und dem Selbstverständnis der US-Amerikaner ein: Er kritisiert indirekt die Folgen des Vietnamkriegs und macht deutlich, dass es oft mit Chancengleichheit und Toleranz nicht weit her ist.

Etwas ermüdend fand ich allerdings das unglaubwürdige Dreiecksverhältnis zwischen Juan Diego sowie Miriam und Dorothy, dass sich - immer schön abwechselnd - fast nur in der Horizontalen abspielte und um ein Haar noch um eine weitere Person erweitert worden wäre. 
Als gegen Ende der Handlung die Identität der beiden Frauen buchstäblich nebulös wurde, wurde es mir mit den Mysterien zu viel. Letzten Endes bleibt es für den Leser unklar, ob es die beiden Damen nur in Juan Diegos Vorstellung gegeben hat. Auch andere geisterhafte Wesen tauchen im letzten Fünftel des Buches auf; inwieweit sie für den Fortgang der Handlung wichtig sind, erschließt sich mir nicht. 
Insgesamt ist meine Kritik an diesem Buch jedoch so gering, dass ich es auf jeden Fall empfehlen kann. Die Hinweise, die John Irving auf seine vorangegangenen Romane gibt, sind für das Verständnis des Buches nicht wichtig, sodass auch Leser, die zum ersten Mal einen Titel von ihm lesen, an Straße der Wunder Freude haben werden.



Vielen Dank!

Das Buch Straße der Wunder wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich ganz herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorhandene Exemplare innerhalb eines Werktages.  Die Kontaktdaten und Öffnungszeiten gibt es hier: Hemminger Buchhandlung

Straße der Wunder kostet als gebundene Ausgabe 26,-- € und als epub- oder Kindle-Edition 22,99 €. Das Hörbuch (3 MP3-CDs) ist für 24,99 € erhältlich.