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Freitag, 18. Oktober 2024

# 455 - Lügen verboten! Sonst...

Tessa Weidrich und Philipp Bajon sind neunzehn Jahre alt, kennen sich (bislang) nicht und finden unabhängig voneinander eine mysteriöse Silbermünze. Obwohl finden nicht das richtige Wort ist: Tessa stiehlt ihr Exemplar aus dem Portemonnaie ihres verhassten Onkels Henrik, Philipp bekommt seine von einer Kommilitonin, die diese in einer Packung Teelichter entdeckt hat. An dieser Stelle läuft sich Scandor von Ursula Poznanski noch warm, wird aber schon kurz danach spannend.

Auf der einen Münzseite ist ein Barcode, der zu einer Website führt, in die man sich mit dem auf der zweiten Seite abgedruckten Pin einloggen kann. Dort stoßen sie auf einen Wettbewerb, der es in sich hat: Es geht darum, eine Zeit lang nicht zu lügen. Keine Notlügen, keine Halbwahrheiten, keine ausweichenden Antworten auf Fragen von Gesprächspartnern. Keine leichte Aufgabe, wenn man dem ständig meckernden Nachbarn einen guten Morgen wünscht oder das neue Kleid, das die beste Freundin begeistert vorführt, scheußlich findet. Kleine Lügereien sind gesellschaftlich akzeptiert und werden in bestimmten Situationen sogar erwartet, weil man seine Mitmenschen nicht verletzen will. Aber sie sind bei diesem ungewöhnlichen Spiel absolut tabu: Wer von den 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern lügt, scheidet sofort aus.

⮚ [...]Alles deutet darauf hin, dass dieser Tag ein Scheißtag wird. Als sie sich das nächste Mal aufrichtet, steckt gerade der Briefträger - der neue, hübsche - ein paar Umschläge in den Postkasten. Er lächelt ihr zu. "Wie geht es Ihnen heute?"
Sie lächelt zurück [...]. "Danke, gut."
Dass das nicht der Wahrheit entspricht und dass Scandor auch dahingesagte Floskeln abstraft, begreift sie erst, als Kälte ihren Arm durchströmt. Ein Gefühl, als hätte sie Eiswasser in den Adern. 
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Die Mühe, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf sich nehmen, wird belohnt: Die Person, die zum Schluss alle anderen mit ihrer absoluten Wahrheit besiegt hat, bekommt fünf Millionen Euro.
Aber während des Auswahlgesprächs wird klar, dass alle, die ausscheiden, sich ihrer größten Angst stellen müssen. Die Furcht, Dinge tun oder aushalten zu müssen, die einem schon beim bloßen Gedanken an sie den Angstschweiß auf die Stirn treiben, ist eine zusätzliche Motivation.

Philipp kommt aus einer wirtschaftlich gut situierten Familie. Er leidet jedoch unter den ständigen Streitereien seiner Eltern, die seine Kindheit und Jugend begleitet haben. Er möchte sich mit dem Preisgeld den Traum vom Auslandsstudium erfüllen. Weit weg von den Eltern.

Auch Tessas Entscheidung, bei dem Wettbewerb mitzumachen, hängt mit ihrer Familie zusammen. Ihr Vater hatte einen Motorradunfall, als Tessa ein kleines Mädchen war. Seitdem ist er stark gehbehindert und hadert mit seinem Schicksal. Die Eltern leben zur Miete in einer Wohnung, die Tessas Onkel Henrik gehört. Hendrik unterstützt die beiden auch finanziell, behandelt sie jedoch wie Bettler und generiert sich als barmherzigen Samariter. Mit dem Gewinn wären die Eltern für immer von Henrik unabhängig. Und sie selbst natürlich auch.

Bereits bei der Eignungsprüfung bekommen Tessa und Philipp einen ersten Eindruck von dem, was da auf sie zukommt: Wie alle Kandidatinnen und Kandidaten sind sie mit einem sehr zuverlässig arbeitenden Lügendetektor verbunden, der schon bei der kleinsten Nachlässigkeit anschlägt. Das ist ein Vorgeschmack auf das, was sie im Wettbewerb erwartet. Wie alle anderen werden Tessa und Philipp mit Scandor ausgestattet, einem neuartigen Gerät, das seinen Träger Tag und Nacht auf Ehrlichkeit und Offenheit scannt. Die flache Vorrichtung wird den Mitspielern auf dem Unterarm fixiert, sie können sie nicht selbst entfernen.

Bald wird deutlich, dass mit dem Gewinnspiel ein bestimmtes Ziel verfolgt werden soll und der Wettbewerb nur den Rahmen bildet. Tessa und Philipp haben jedoch mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie müssen ihren normalen Alltag leben, also zur Uni gehen und in ihren Jobs arbeiten: Tessa in einem Callcenter und als Servicekraft, Philipp als Aushilfe in einem Jeansladen. Und dann sind da noch die Konkurrenten, die mit fiesen Tricks versuchen, die anderen Mitspieler auszuschalten, sowie zusätzliche Aufgaben, die erfüllt werden müssen. Wer ist der oder die Nächste, die durch einen Kältestoß von Scandor erfährt, dass das Spiel für ihn oder sie zu Ende ist?

Tessa und Philipp gewöhnen sich an, keine spontanen Antworten zu geben und die gewohnten Floskeln aus ihrem Sprachschatz zu tilgen. Mit ihrer Taktik machen sie ihrer Konkurrenz schwer zu schaffen. Doch mit dem, was sie gegen Ende erwartet, haben sie nicht gerechnet. Die meisten Leserinnen und Leser vermutlich auch nicht.

Lesen?

Scandor spielt mit der Frage, wie aufrichtig Menschen sind. Wie oft lügen wir pro Tag? Lange Zeit wurde gesagt, dass durchschnittlich 200 Lügen pro Tag normal seien. Doch mittlerweile weiß man, dass es bedeutend weniger sind: Die meisten von uns lügen nur ein bis zwei Mal täglich.

Ursula Poznanski sorgt mit ihrem Jugendroman (ab 14 Jahre) für reichlich Spannung und vermittelt wie nebenbei, dass wir uns unserer Verantwortung für unser Handeln stellen müssen - auch, wenn es schmerzhaft werden kann.

Scandor ist 2024 im Loewe Verlag erschienen und kostet 19,95 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro.

Samstag, 29. Juli 2023

# 403 - Wen interessiert Eishockey? Wie ein kleiner Ort in Schweden um diesen Sport kreist

Der erfolgreiche schwedische Schriftsteller Fredrik
Backman hatte mit dem Bestseller Ein Mann namens Ove seinen Durchbruch, aber der Roman Björnstadt steht dem in nichts nach.

Backman siedelt den fiktiven Ort inmitten der schwedischen Einsamkeit an. Es gibt jede Menge Wald, einige Seen und ein paar Arbeitsplätze. Das, worauf die Einwohner stolz sind, ist der Eishockeyverein. Die "Björnstadter Bären" hatten ihren letzten nennenswerten Erfolg zwar schon vor etlichen Jahren, aber der Sport ist das, was die Menschen zusammenhält. 

In Björnstadt liegt neun Monate im Jahr Schnee. Wer sich an die langen kalten Winter und die Einsamkeit nicht gewöhnen kann, zieht woanders hin. Die, die bleiben, sind entweder hier aufgewachsen oder gestrandet. Auf der Juniorenmannschaft der "Bären" ruhen die Hoffnungen der Stadt, denn sie hat es geschafft, bei den nationalen Meisterschaften ins Halbfinale zu kommen. Wenn die Jungs dieses und das Finalspiel gewinnen, profitiert Björnstadt von einem Geldregen. Das würde bedeuten: Durch mehr Sponsoren- und Preisgelder wäre der Bau eines neuen Eishockeystadions und eine bessere Ausrüstung möglich. Das würde junge Talente aus anderen Landesteilen anziehen, die Siegchancen des Clubs würden steigen... Ein Erfolg der Juniormannschaft würde so etwas wie ein finanzielles Perpetuum Mobile in Gang setzen.

Der Star der Mannschaft ist der 17-jährige Kevin Erdahl. Seitdem er sechs Jahre alt ist und sein außergewöhnliches Talent erkannt wurde, wurde eine Mannschaft um ihn herum aufgebaut, die ihn unterstützt und eisern nach außen zusammenhält. Kevins Eltern sind wohlhabend und die Hauptsponsoren des Vereins. Ihr gefühlsarmer Umgang mit ihrem Sohn wird durch ein Leben kompensiert, in dem es an nichts fehlt, was mit Geld gekauft werden kann. Mit Skepsis blicken sie auf Kevins besten Freund Benji, mit dem er sich auch ohne Worte versteht. Die beiden Jugendlichen sind auch in der Mannschaft ein untrennbares Team, aber Kevins Eltern missfällt Benjis soziale Herkunft mit einer Mutter, die ihre vier Kinder allein großzog, nachdem sich der Vater erschossen hat.

Tatsächlich schafft das Juniorenteam der "Bären", was vor einiger Zeit niemand für möglich gehalten hätte, und gewinnt das Halbfinale. Die Hoffnungen von ganz Björnstadt liegen nun noch schwerer auf den Schulter der 15- bis 17-jährigen Spieler. Aber erstmal wird der Sieg im Haus der Erdahls gefeiert. Kevins Eltern sind - wie so oft - auf Geschäftsreise. Der Alkohol fließt in Strömen, und die in Kevin verliebte Tochter des Sportdirektors, Maya, hofft, ihrem Schwarm an diesem Abend näher zu kommen. Doch das, was dann passiert, wird sie ein Leben lang traumatisieren und die Stadt vor eine Zerreißprobe stellen, deren Ausgang entscheidend für ihre Zukunft sein wird.

Lesen?

Björnstadt ist der erste Teil einer Trilogie, die sich um die Stadt dieses Namens und ihre Bewohner dreht. Fredrik Backman hat mit diesem Buch einen Pageturner geschrieben, in dem es um Loyalität, Freundschaft, Homophobie und Misogynie geht. Der Autor beschreibt Verhaltensweisen der Jungen und Männer, die sich über Generationen hinweg etabliert haben und nie hinterfragt wurden. Wie sehr sich das rächt, wird durch das, was sich während der Party ereignet, deutlich.

Backman beschreibt die wichtigsten Charaktere sehr genau. Auch wenn das den Fortgang der Handlung etwas bremst, ist es wichtig, um die Atmosphäre in Björnstadt und die Handlungsweisen der Personen nachzuvollziehen und zu verstehen. 

Björnstadt ist in einer Neuauflage 2023 im Goldmann Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 16,95 Euro, als Taschenbuch 12 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro. Unter dem Titel Kleine Stadt der großen Träume wurde der Roman bereits 2017 im S. Fischer Verlag veröffentlicht.
Die nachfolgenden Bände haben die Titel Wir gegen euch und Die Gewinner.

Sonntag, 25. Juni 2023

# 398 - Der Fassadenkletterer - eine deutsch-polnische Geschichte

Mona ist Schwester, Mutter einer erwachsenen Tochter
und Tochter eines Vaters, über dessen Vergangenheit sie kaum etwas weiß - und steht sich zu oft selbst im Weg. Der Kontakt zu Bruder Richard ist schwierig, Tochter Alisa ist von ihrer Mutter und deren Sprunghaftigkeit und Unzuverlässigkeit überwiegend genervt. Einen Partner hat Mona nicht; ihre Beziehungen zu Männern beginnen euphorisch und versickern dann. Man kann vermuten, dass Mona Angst vor zu engen Bindungen hat.

Das Leben der Drei könnte in den gewohnten Bahnen und Konstellationen weitergehen, aber dann klingelt eines Tages Monas Telefon. Am anderen Ende der Leitung ist Piotr, der Sohn von Dariusz, des früher besten Freunds ihres verstorbenen Vaters Martin, aus Poznań (früher: Posen). Piotr hat im Nachlass seines Vaters Briefe gefunden, die sie, Mona, sicher interessieren würden. Mona ist sofort Feuer und Flamme und beschließt, nach Poznań zu reisen und sich vor Ort ein Bild zu machen. Sie überredet Richard und Alisa, sie zu begleiten, und gemeinsam Nachforschungen in Polen anzustellen. Dass sich die Wege der Drei schon bald nach ihrer Ankunft trennen werden, ahnen sie nicht. In Der Fassadenkletterer schickt Angela Schmidt-Bernhardt ein ungleiches Trio nach Polen und damit in ein Land, über das viele Deutsche trotz der direkten Nachbarschaft sehr wenig wissen.

Die gemeinsam begonnene Reise in die Vergangenheit bringt nicht nur Licht in das Leben, das Martin vor seiner Auswanderung von Poznań nach Deutschland geführt hat, sondern bringt sie auch einem Stück polnischer Geschichte näher: Im Juni 1956 kam es zum Posener Arbeiteraufstand, an dem 100.000 Menschen teilnahmen und in dessen Verlauf die polnische Armee auf die eigenen Bürger schoss. Fast 60 Menschen starben, etwa 600 wurden verletzt. Dieser Aufstand hatte zahlreiche Parallelen zum Volksaufstand in der DDR und Ost-Berlin am 17. Juni 1953, über ihn ist außerhalb Polens jedoch kaum etwas bekannt. Martin und Dariusz waren damals mitten drin, aber auch Martins Schwester Hanka und Dariusz' Schwester Małgorzata.

Lesen?

Angela Schmidt-Bernhardt hat in ihrem Roman die Fragen gestellt, die viele von uns beschäftigen: Woher komme ich? Wie wurde meine Familie so, wie ich sie kenne? Und letztlich: Wie beeinflusst es mein Leben, wenn ich Dinge über einen geliebten Menschen erfahre, die dunkle Schatten auf meine Erinnerungen an ihn werfen? Der Fassadenkletterer ist ein Roman über Familie, Liebe, Freundschaft, Zusammenhalt und die Probleme, die es damit geben kann. Und natürlich über polnische Geschichte. Schmidt-Bernhardt hat daraus einen sehr lesenswerten Roman gemacht, an dessen Ende ein neuer Anfang steht.

Der Fassadenkletterer ist 2023 im Anthea Verlag Berlin erschienen und kostet als Klappenbroschur 22,90 Euro.




Freitag, 19. Mai 2023

# 393 - Tödliche Irrwege

Charlotte Ford und Danielle Reeves waren mal dicke
Freundinnen, als beide noch in Houston aufs College gingen. Jede machte schon damals ihr eigenes Ding: Charlotte, weil ihre schmerzgeplagte Mutter bis zu ihrem Tod wegen der vielen Medikamente nicht in der Lage war, sich um irgendetwas zu kümmern, schon gar nicht um ihre Tochter; Danielle, die bei ihrer reichen Mutter lebte, diese jedoch so viel arbeitete, dass sie glaubte, Liebe mit Geld ausgleichen zu können. Melissa Ginsburg hat in ihrem ersten Krimi Sunset City komplexe Beziehungsstrukturen zu einer feinen Handlung verwoben.

Als Charlottes Mutter gestorben war, trudelten noch eine ganze Weile deren Medikamente ein. Die beiden Teenager testeten die Medikamente an sich selbst, was sie nicht nahmen, vertickten sie. Das Leben war locker und leicht - wenn man es verstand, sich etwas vorzumachen.

Im Gegensatz zu Charlotte schaffte Danielle den Absprung nicht und rutschte tief in die Sucht hinein. Sie wurde heroinsüchtig und musste für eine längere Zeit ins Gefängnis. Der Kontakt zwischen ihnen riss ab.

Doch dann treffen sich die beiden nach Jahren wieder. Während sich in Charlottes Leben nicht viel getan hat - nach wie vor lebt sie in der Wohnung der Mutter und arbeitet als Barista -, hört sich das, was Danielle zu erzählen hat, spannender an: Die junge Frau verdient ihr Geld mit Pornos und hat einen Freundeskreis, der aus Leuten besteht, die ebenfalls in der Branche arbeiten.

Zwei Tage nach dem Wiedersehen steht Detective Ash vom Houston Police Department vor Charlottes Tür und teilt ihr mit, dass Danielle ermordet wurde. Vielleicht wäre abgeschlachtet das bessere Wort. Doch wer hat die Freundin so sehr gehasst? Wer konnte der immer gut gelaunten und hübschen Frau das antun? Charlotte versinkt so sehr in ihrer Trauer um die Freundin und die Zeit, die sie noch zusammen hätten haben können, dass sie wissen will, wie Danielle gelebt hat. Sie taucht ein in die Welt der Pornodarsteller, Süchtigen und Dealer und ist dabei, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren. Charlotte gleitet von einem Drogenrausch zum nächsten und rutscht in Sexabenteuer, die sie sich vorher nicht hätte ausmalen können. Aber in ihren lichten Momenten registriert sie, wie das, was ihr Danielles "Freunde" erzählen, zu dem passt, was sie selbst wahrnimmt - oder eben nicht. Sie zieht ihre Schlüsse, doch Detective Ash verfolgt eine andere Spur. Dann droht die Situation zu kippen.

Lesen?

Sunset City wird von zahlreichen Szenen im Sonnenuntergang getragen, der jedoch keine Romantik erzeugt, sondern eher zu einer diffusen Atmosphäre beiträgt. Diese passt genau zu dem Leben, das die Hauptpersonen führen: immer nur eine handbreit vom nächsten Joint oder den nächsten Pillen entfernt, die die eigenen Probleme für eine Weile in den Hintergrund treten lassen. Das Leben ist zerbrechlich, der Tod lauert in Houstons dunklen Ecken. Melissa Ginsburg lässt daran von der ersten Seite an keinen Zweifel. Wer mal etwas anderes lesen will als einen Krimi, in dessen Mittelpunkt die Polizei steht, aber trotzdem nicht auf Spannung verzichten möchte, dem kann dieses Buch empfohlen werden.

Sunset City ist in der deutschen Übersetzung von Kathrin Bielfeldt 2023 im Polar Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 17 Euro.

Dienstag, 9. Mai 2023

# 391 - Kindheit auf Teneriffa

Die spanische Autorin Andrea Abreu hat mit So
forsch, so furchtlos
einen Debütoman geschrieben, der nicht nur in ihrer Heimat Begeisterung auslöste, wo sie seitdem zu den besten einheimischen Schriftstellern gezählt wird.

Schauplatz ist die Heimat Abreus, die Kanareninsel Teneriffa. Die Kanaren sind für Touristen ein Versprechen des ewigen Frühlings: Milde Temperaturen locken sie an die langen Strände, wo Hotelanlagen für einen angenehmen Urlaub sorgen. Doch diese Kulisse hat nichts mit dem Leben der Einheimischen zu tun, die die Hotels allenfalls als Service- oder Putzpersonal von innen sehen.

Die Handlung beginnt am ersten Tag der Sommerferien. Von Anfang an ist klar, dass sich die nächsten Monate zäh dahinziehen würden.
Zwei zehnjährige Mädchen stehen im Mittelpunkt des Romans. Beide kommen aus schwierigen Familienverhältnissen und wohnen dort, wohin es keinen Urlauber verschlägt: in einem Dorf, dessen Häuser sich an den Hängen des Vulkans Teide förmlich stapeln. Isora, die sich als frühreif gibt, nennt ihre Freundin, die hier als Ich-Erzählerin auftritt, nur Sis. Wann immer es ihre Zeit zulässt, kleben sie fast aneinander und wünschen sich das, was für die Touristen selbstverständlich ist: im Bikini im Meer zu schwimmen und im Sand zu liegen. Aber das Meer ist für sie unerreichbar fern und bleibt bis zur letzten Seite ein Wunschtraum.

Die Freundschaft der beiden ist nicht auf Augenhöhe: Sis bewundert Isora für ihre Unerschrockenheit und ihr Draufgängertum. "Und ich wollte so sein wie sie, so forsch, so furchtlos", lässt sie die Leserinnen und Leser schon auf den ersten Seiten wissen. Doch was das einfache Leben der Freundinnen prägt, ist eine Art von Maßlosigkeit, die zu den einfachen Lebensverhältnissen zu passen scheint. Isora und Sis sprechen nicht einfach nur, sie pöbeln und fluchen wie die Bierkutscher. Sie sind nicht dezent, wenn ihnen etwas unangenehm ist, sondern Isora "pulte sich die Unterhose aus der Poritze". Sie essen nicht, sondern fressen. Fäkalsprache ist für sie normal und selbstverständlich.

Aber was Sis an Isora als Zeichen von Stärke zu erkennen glaubt, ist tatsächlich das Gegenteil. "Ich will mir das Leben nehmen, ich will sterben", hört Sis ihre Freundin mehrmals sagen. Aber kurz danach rennen sie gemeinsam durchs Dorf und der Satz ist vergessen. Bis zum nächsten Mal. Und auch Isoras Bulimie fällt niemandem auf: Das Mädchen erbricht sich nach jeder Mahlzeit und findet sich zu dick. Doch in der Welt der Erwachsenen ist jeder mit etwas beschäftigt: Geld verdienen, den Haushalt machen und was eben noch so anfällt. Sis und Isora wachsen auf wie herrenlose junge Welpen. Die besondere Situation, auf die der Roman zuläuft, sieht man allerdings nicht unbedingt kommen.

Lesen? 

So forsch, so furchtlos ist kein typischer Coming-of-Age-Roman, sondern beinhaltet eine große Portion Sozial- und Gesellschaftskritik. Das von Abreu beschriebene Milieu ist ihr gut bekannt, sie ist selbst darin aufgewachsen und kann deshalb besonders authentisch von der melancholischen Atmosphäre des Bergdorfs, dem Aberglauben der alten Frauen und der Gottesfürchtigkeit schreiben. Ob die ununterbrochene Benutzung von Fäkalsprache und Derbheit etwas mit der Lebenswirklichkeit von Zehnjährigen in einem kanarischen Dorf zu tun hat, ist möglich, aber an manchen Stellen schwer vorstellbar. 

Der Roman ist 2020 unter dem Originaltitel Panza de burro erschienen, was wörtlich übersetzt "Eselsbauch" heißt. Damit sind die besonderen Wolkenformationen in höheren Lagen der Kanarischen Inseln gemeint, von denen auch in So forsch, so furchtlos immer wieder die Rede ist und die das Dorf oft wie in eine kühle und feuchte Watteschicht einwickeln. 

So forsch, so furchtlos ist 2022 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 20 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.

Sonntag, 5. September 2021

# 306 - Der Freund auf vier Pfoten

2020 ist dieses Buch auf Deutsch erschienen, nachdem die Autorin Sigrid Nunez 2018 für Der Freund mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde.

Ausgangspunkt ist der Tod des besten Freundes der Ich-Erzählerin. Er war vor Jahrzehnten an der Hochschule ihr Lehrer, und abgesehen von einem winzigen Anflug von Begehren vor langer Zeit war ihre Freundschaft platonisch. Dieser Freund hat sich kürzlich umgebracht. Warum, wird nicht näher erläutert. Die erzählende Freundin fühlt sich zurückgelassen und empfindet einen tiefen Schmerz über diesen Verlust. Doch dann erfährt sie von der dritten Frau ihres Freundes, dass dieser ihr seinen Hund vermacht hat.

Apollo heißt das Tier, und es handelt sich um eine nicht mehr ganz junge Harlekindogge. In der kleinen New Yorker Wohnung der Erzählerin sind Hunde verboten, doch eine Dogge mit einem Stockmaß von 85 cm und einem Gewicht von 80 kg kann man nicht einfach unter das Sofa schieben, wenn mal der Hausmeister vorbeischaut. Aber dann, entgegen aller Vernunft und obwohl ihr Katzen viel lieber sind, folgt sie dem Wunsch ihres Freundes und nimmt Apollo bei sich auf.

Was nun folgt ist die Geschichte einer Annäherung zwischen der trauernden Frau und dem ebenfalls um sein Herrchen trauernden Hund. Beide lernen sich immer besser kennen und die Frau findet nach und nach immer mehr Gefallen an Apollo, der immer in sich ruht, aber außerhalb der Wohnung alle Blicke auf sich zieht.

Aber es geht nicht nur um diesen Prozess der gegenseitigen Gewöhnung, aus der dann doch noch eine Freundschaft wird. Die Trauernde erinnert sich an den Freund als einen Mann, der, obwohl er verheiratet war, ständig Liebschaften mit Studentinnen einging und sich in der jüngsten Vergangenheit darüber wunderte, dass das, was doch sein ganzes Berufsleben lang so gut funktioniert hatte, plötzlich am Protest der Studentinnen scheiterte. #MeToo lässt grüßen.

Die Erzählerin ist ebenso wie der Verstorbene Schriftstellerin und Literaturdozentin und denkt über die Veränderungen nach, die sich im Laufe der vergangenen Jahre in dieser Szene entwickelt haben: Im Zusammenhang mit der Nennung einiger Schriftsteller wie z. B. Rainer Maria Rilke beschäftigt sie sich mit der Frage, welche Literatur heute noch geschrieben werden kann. Doch es geht in ihren Überlegungen auch darum, dass sich Schriftsteller gegenseitig nicht das Schwarze unter den Fingernägeln gönnen oder die Hoffnung von Nachwuchsautoren, mit dem Schreiben von Büchern zu Ruhm zu kommen.

Im elften und vorletzten Teil des Romans stellt sich Nunez vor, wie die Geschichte enden könnte. Da ist der Freund noch am Leben, aber schwer von seinem Suizidversuch gezeichnet. Die Erzählerin hat sich während seines Aufenthalts in einer psychotherapeutischen Klinik um dessen Dackel Jip gekümmert. Sie erzählt ihrem Freund von ihren Recherchen, die sie über Gewalt gegen Frauen angestellt hat und ihre Unfähigkeit, darüber zu schreiben. Ihr steht die Person des Autors zu sehr im Vordergrund, was sie als problematisch empfindet.

Lesen?

Der Freund wurde in den Feuilletons der Print- und Online-Medien rauf und runter gefeiert. Ich habe mich allerdings mühsam durch das Buch gearbeitet, weil mir das, was bezahlte Literaturkritiker als "zwei Erzählstränge" bezeichnet haben, schlicht zu weitschweifig war. Nunez Roman mäandert hin und her zwischen dem Hund, dem Leben des toten Freundes und Überlegungen, die irgendwie mit der Literatur und dem Literaturbetrieb zu tun haben. Der ausschweifende Exkurs darüber, wie es sein könnte, wenn der Freund überlebt hätte, hat mich schließlich so irritiert, dass ich das Buch fast an dieser Stelle abgebrochen hätte: Warum ist da plötzlich anstelle der riesigen Dogge Apollo der als 'winzig' beschriebene Dackel Jip? Und ist es nicht ziemlich unglaubwürdig, dass man sich mit seinem besten Freund, der knapp dem Tod von der Schippe gesprungen ist, beim ersten Besuch sachlich und gemessen über die Rolle des Autors unterhält und es dabei unter anderem um "die Agenda des weißen imperialistischen Patriarchats" geht? Meine Begeisterung für das Buch hat sich leider in Grenzen gehalten.

Der Freund ist 2020 beim Aufbau Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 12 Euro, als E-Book 8,99 Euro sowie als Hörbuch 14,99 Euro.


Freitag, 11. Juni 2021

# 294 - Der große Sommer - eine Geschichte vom Erwachsenwerden in den 1980-ern

Ewald Arenz hat mit Der große Sommer einen
Coming-of-Age-Roman geschrieben, der in einem Jahr spielt, in der der 1965 geborene Arenz genauso alt war wie seine Hauptfigur Friedrich "Frieder" Büchner: 1981. 

1981 war das Jahr, in dem die SALT II-Verhandlungen zwischen den USA und der Sowjetunion scheiterten und das Wettrüsten neu Fahrt aufnahm. Eine Zeit der Unsicherheit und der Sorge, wann und wie diese Entwicklung ein Ende nehmen würde.

Was da in der Welt vorgeht, spielt für Frieder jedoch keine große Rolle. Er durchlebt seine eigene, ganz private Unsicherheit: Der Gymnasiast ist in der 9. Klasse gescheitert und kann seinen Verbleib in der Schule nur sichern, indem er die Nachprüfungen besteht. Seine Eltern eröffnen ihm, dass er nicht wie in den letzten Jahren mit ihnen und seinen Geschwistern ans Meer fahren, sondern die ganzen Sommerferien zum Lernen bei den Großeltern verbringen wird. Der Großvater ist ein angesehener Professor für Bakteriologie und streng mit sich und seinen Mitmenschen. Im Gegensatz zum Alltag in der eigenen achtköpfigen Familie erwarten Frieder dort Ruhe, ein geregelter Tagesablauf und Aufsicht. Frieder fügt sich und hakt die nächsten sechs Wochen im Geiste als gelaufen ab.

Doch die Zeit entwickelt sich völlig anders als gedacht. Frieder lernt im Freibad die gleichaltrige Beate kennen, die seine erste große Liebe wird. Die beiden verbringen die Nachmittage und Abende mit Frieders Schwester Alma und seinem besten Freund Johann. Im Gegensatz zu allem anderen, was für Frieder bislang passte und es jetzt nicht mehr tut - die Schule, die Schallplatten im Kinderzimmer, die Eltern - passt diese Gemeinschaft hundertprozentig.

Johann ist der, der den Takt vorgibt und vorschlägt, was man unternehmen könnte. Er ist auch der, der am coolsten wirkt und so, als könnte ihn nichts erschüttern. Doch mitten in den Ferien gibt es ein Ereignis, das seine Seele völlig aus der Bahn wirft. Sein für die Clique verändertes Verhalten ist irritierend und führt dazu, dass die Freundschaften plötzlich auseinanderbrechen und kein Stein auf dem anderen bleibt. 

Doch nicht nur in dieser Situation erweist sich der anfangs so skeptisch betrachtete Großvater als verlässlicher und pragmatischer Helfer, der um sein Handeln nicht viel Aufhebens macht. Frieder beginnt, seinen Blick auf ihn zu verändern.

Durch einen Zufall stößt er im Haus seiner Großeltern auf ein Tagebuch seiner Großmutter aus dem Jahr 1948. Er liest darin und erfährt Dinge aus der Familiengeschichte, die ihm bislang unbekannt waren. Manches, was er bislang nicht verstanden hatte, kann er nun nachvollziehen und in einem neuen Licht sehen. Auch das ist eine Zäsur mit Folgen.

Lesen?

Ich bin nur ein Jahr jünger als Ewald Arenz. Deshalb weckt vieles von dem, was er schreibt, Erinnerungen an meine eigene Jugend und das Lebensgefühl, das ich mit dieser Zeit verbinde. Hier spüre ich, dass jemand weiß wovon er schreibt und nicht Sekundärquellen heranziehen muss, bevor er den ersten Satz formuliert.

Arenz belässt es nicht dabei, seine Hauptfigur diesen einen Sommer erleben zu lassen. Er zeigt auch den erwachsenen Frieder, der regelmäßig auf den Friedhof seiner Heimatstadt geht, um ein bestimmtes Grab aufzusuchen. Dabei wird deutlich, dass Frieder nicht völlig mit sich im Reinen ist: Heute ist so ein Tag. Ein Tag, an dem ich mich frage, ob aus dem Jungen von damals dieser Mann werden musste, der zu früh aufwacht und überlegt, ob er sein Leben noch richtig lebt. (Seite 39)

Der Tod ist ein Motiv, das sich durch den Roman zieht. Frieder wird sehr nachdenklich, als er eigentlich nur seine Schwester, die in einem Altenheim arbeitet, dort besuchen will. Unvorbereitet findet er sich in einem Zimmer wieder, in dem sich eine alte Frau in der letzten Phase des Sterbens befindet und eine Schwester ihm und Alma genau erklärt, welche Anzeichen auf den nahen Tod hindeuten. Ihm wird zum ersten Mal klar, was der Tod bedeutet und dass sich die Erde danach weiterdreht.

Der letzte Sommer hat viele lebensfrohe und komische Facetten, wird aber immer wieder von Nachdenklichkeit und einem Hauch Melancholie durchweht. Leseempfehlung!

Der letzte Sommer ist 2021 im DuMont Buchverlag erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 20 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro.

Samstag, 31. Oktober 2020

# 263 - Eine öffentliche Familie

Anna-Louisa ist mit ihrer Jugendliebe Arthur verheiratet
und hat mit ihm eine zweieinhalbjährige Tochter. Gerade hat sie ihren Job als Lektorin in einem Berliner Buchverlag gekündigt, um als Influencerin mit ihrem Mama-Blog voll durchzustarten. Ständig postet sie Fotos von sich und ihrer Familie bei Instagram. Die Zukunft liegt rosarot vor ihr. Was in Martin Krists Psychothriller Niemand wird vergeben so harmlos und harmonisch beginnt, wird schnell zu einer existenzbedrohenden Situation eskalieren.

Auf dem Weg zu einer wichtigen Party läuft ihr Ziggy, ein alter Kumpel, den sie seit 15 Jahren nicht gesehen hat, über den Weg. Er ist kaum wiederzuerkennen: Früher machte er sich über Leute lustig, die ihren Wohlstand zeigten, jetzt steht er vor Anna-Louisa wie aus dem Ei gepellt. Über seinen aktuellen Beruf gibt er allerdings nur zögernd Auskunft. 

Kurz nach diesem Zusammentreffen schickt jemand der jungen Frau eine Botschaft auf ihr Smartphone: Diese Nachricht ist dein Tod. Wenig später wird Ziggy nur ein paar Meter weiter ermordet. In der Hand hält er eine von Annas Visitenkarten. Sein Tod ist der Wendepunkt für Annas kleine Familie, ihr gutes Leben scheint in seine Einzelteile zu zerfallen. Anna weiß immer weniger, wem sie noch trauen kann. Sie wird durch die Presse in den Mord hineingezogen, verliert einen lukrativen Blogger-Vertrag und wird Opfer eines Internet-Shitstorms. Jetzt rächt sich, dass sie ihr Leben öffentlich gemacht hat. Was Anna nicht ahnt: Der Schlüssel zu Ziggys Ermordung und allem, was ihr noch widerfahren soll, liegt in ihrer gemeinsamen Vergangenheit. Und sie wird lernen, dass die, die sie glaubte gut zu kennen, gefährliche Geheimnisse hatten.

Lesen?

Wer spannende Thriller mag, ist bei Martin Krist auf jeden Fall gut aufgehoben. Er hat einen mitreißenden Schreibstil und erzeugt in diesem Thriller auch dadurch eine authentische Stimmung, indem er einzelne bekannte Songtexte einflicht oder ganz in Social-Media-Manier mit Hashtags arbeitet. 

Niemand wird vergeben ist 2020 über neopubli erschienen und kostet als Taschenbuch 9,99 Euro sowie als E-Book 3,99 Euro.

Freitag, 26. Juni 2020

# 246 - Eine besondere Freundschaft

Der kanadische Autor Denis Thériault veröffentlichte 2010 den Roman Das Lächeln des Leguans, mit dem ich meine Reihe mit Büchern kanadischer Autoren beginne. Anlass ist die diesjährige Frankfurter Buchmesse, deren Ehrengast Kanada sein wird. Ich werde bis zum Beginn der Messe daher in unregelmäßigen Abständen Titel aus Kanada vorstellen.

Darum geht es

Thériault schreibt über die Freundschaft zweier elfjähriger Jungen aus der Sicht des einen, der hier als Ich-Erzähler auftritt. Er lebt nach dem schweren Unfall seiner Eltern, bei dem sein Vater ums Leben kam, bei seinen Großeltern und hofft auf die Genesung seiner im Koma liegenden Mutter.

In dieser schweren Zeit lernt er den kauzigen Luc kennen, der auf ihn zunächst wie ein Fremdkörper wirkt. Die beiden freunden sich an und Luc erschließt seinem neuen Begleiter nach und nach seine Welt: Da ist der alkoholkranke, gewalttätige und heruntergekommene Vater, der sein Geld mit der Fischerei im Sankt-Lorenz-Strom verdient. Und da ist Lucs Mutter, die vor vielen Jahren spurlos verschwand und deren Kleidung am Ufer des Stroms gefunden wurde. Der Junge glaubt fest daran, dass seine Mutter eines Tages wiederkehren wird und flüchtet sich in eine maritime Traumwelt, in der phantasievolle Figuren eine Rolle spielen.

Luc glaubt fest an die Macht des Leguans. Er hat das vor langer Zeit präparierte Tier mit den eindringlich funkelnden Augen zufällig gefunden und huldigt ihm nun wie einem Gott. Luc hat für den Leguan eine einsame Höhle eingerichtet, das tote Reptil gibt ihm Halt und Hoffnung und verhilft ihm seiner Meinung nach zu mitreißenden und visionären Träumen.

Die Freunde verbringen schon bald fast die ganze Zeit miteinander und überstehen gemeinsam einige dramatische Erlebnisse. Nicht nur, dass dem Erzähler der Geist seines toten Vaters erscheint, der ihm eine schwierige Aufgabe stellt; auch Luc findet etwas über seine Vergangenheit und die seiner Eltern heraus, was ihn innerlich zerbrechen lässt. Sein Freund hält auch dann zu ihm und erweist ihm einen letzten Dienst. Eine sehr schwere Entscheidung, die man nicht einmal einem Erwachsenen zumuten möchte und schon gar nicht einem elfjährigen Jungen.


Lesen?

Das Lächeln des Leguans ist ein sehr anrührender und phantasievoller Roman, der von der Kraft der Freundschaft und der Magie erzählt. Leseempfehlung!

Das Lächeln des Leguans ist 2010 bei dtv erschienen und kostet als E-Book 11,99 Euro. Die broschierte Ausgabe ist nur noch antiquarisch erhältlich.

Freitag, 29. Mai 2020

# 242 - Wer hat den Toten wirklich gekannt?

Nach Mattias ist kein klassischer Roman, der eine Geschichte halbwegs übersichtlich erzählt. Das Buch des niederländischen Autors Peter Zantingh ist eine Abfolge von Beobachtungen von acht Menschen, die in einem unterschiedlichen Verhältnis zu Mattias standen. Standen, denn Mattias ist tot. Ganz plötzlich kam er ums Leben. Manche dieser Menschen kennen sich gar nicht.

In jedem Kapitel wird Mattias von einer anderen Person beschrieben. Da sind Menschen wie seine Freundin Amber, die den Verstorbenen sehr gut kannten, aber auch ein junger Mann, der mit ihm nur über ein Online-Spiel verbunden gewesen ist. Falls man dabei überhaupt von "verbunden" sprechen kann.

Mit jedem Kapitel und damit jedem sozialen Kontakt zu Mattias schält sich ein Stück von seiner Persönlichkeit heraus. Dabei stellen Einzelne fest, dass es an dem Toten Seiten gab, die sie nicht an ihm kannten. Manchmal bemerkt man aber auch, dass Eigenschaften, die man an Mattias mochte und schätzte, von anderen nicht oder anders wahrgenommen wurden.  

Nach Mattias handelt nicht nur von der Titelfigur, sondern auch von der Erkenntnis, dass es auch Verbindungen zwischen Menschen geben kann, die es ohne eine dritte Person so nicht gegeben hätte -  und das, obwohl diese Menschen nicht unbedingt Kontakt zu dieser dritten Person gehabt haben.
Erst spät wird deutlich, warum Mattias gestorben ist. Und dass dies der Grund dafür ist, dass die Trauer den privaten Bereich verlässt und öffentlich wird.

Nach Mattias beschäftigt sich zwar mit der Trauer und dem Tod, strahlt aber Hoffnung aus: Das Leben der acht Menschen wird 'nach Mattias' weitergehen, auch wenn Mattias Sterben eine Lücke hinterlassen hat.

Der Roman ist bei Diogenes erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Samstag, 14. März 2020

# 232 - Traumata und Liebe

Mit Todesfalle setzt die amerikanische Autorin Karen Rose ihre sog. Baltimore-Reihe fort. Der Einstieg hat alles, was ein guter Thriller braucht: Die elfjährige Jazzie findet ihre Mutter in der Wohnung auf dem Boden liegend vor - erschlagen, das Gesicht bis fast zur Unkenntlichkeit entstellt. Der Täter ist noch da und sucht fluchend in den Schränken nach Wertgegenständen. Jazzie ist klar, welches Schicksal ihr blüht, wenn er sie hier entdecken sollte: Sie kennt ihn und seine Brutalität nur zu gut. Das Mädchen versteckt sich hinter einem Sessel und hofft, nicht von ihm gefunden zu werden.

Jazzie trifft gemeinsam mit ihrer 5-jährigen Schwester Janie einen Monat später auf die 23-jährige Taylor Dawson. Taylor hat ihr Psychologie-Studium beendet und ein Praktikum als Therapeutin auf der Farm Healing Hearts with Horses in Hunt Ville, Baltimore, begonnen. Dort soll den beiden Mädchen dabei geholfen werden, mit ihrem traumatischen Erlebnis fertig zu werden. 

Taylor hat jedoch nicht in erster Linie der Job dazu bewogen, sich auf die 3.000 Kilometer lange Reise aus dem heimatlichen Kalifornien nach Baltimore zu machen. Sie ist auf der Suche nach einer bestimmten Person, von der sie hofft, sie auf der Farm zu finden. Was sie nicht weiß: Diese Person hat selbst die letzten 20 Jahre immer wieder versucht, sie zu finden. Kann man Taylor trauen?

Karen Rose lässt die Wege von Jazzie und Taylor miteinander kreuzen. Das führt dazu, dass beide in das Visier des brutalen Mörders geraten, der innerhalb kürzester Zeit mehrere Menschen tötet. In seinen Augen sind sie nur Kollateralschäden, die dazu dienen, sein wahres Ziel zu erreichen. 

Lesen?

Das Buch ist bereits der fünfte Teil der Baltimore-Reihe. Deshalb ist die Vielzahl der Personen, die an der Handlung beteiligt und den Lesern der vorigen Bände geläufig sind, manchmal etwas unübersichtlich. Karen Rose flicht in die zwei Tage, während der sich die Ermittlungsarbeit der Polizei und die Jagd des Killers auf Taylor und Jazzie abspielt, noch eine Liebesgeschichte ein. Das ist für diesen kurzen Zeitraum ziemlich gedrängt. Die seelische Achterbahn, die sich da bei einigen Personen abspielt, und ihre gleichzeitige Fähigkeit, trotzdem noch überwiegend unaufgeregt und vernünftig zu reagieren, ist etwas unglaubwürdig.

Todesfalle ist ein Buch, das zur Unterhaltung gelesen werden kann. Nicht mehr und nicht weniger. Zu große Erwartungen sollte man nicht haben.

Der Titel ist bei Knaur erschienen und kostet broschiert 16,99 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro.

Freitag, 7. Februar 2020

# 228 - Wie es sich zwischen den Fronten lebt


Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow beschreibt in seinem Roman Graue Bienen die Leiden der zivilen Bevölkerung in den Zeiten des Krieges in der Ukraine. Die Handlung ist in der sogenannten "Grauen Zone" angesiedelt: Das Gebiet mit einer Länge von ca. 450 Kilometern, in dem sich etwa 100 Dörfer befinden, ist so etwas wie eine Pufferzone zwischen der ukrainischen Armee und den für Russland kämpfenden Separatisten. Beide Seiten beanspruchen es für sich.

Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei Männer, die nach drei Kriegsjahren hier allein in einem Dorf im Niemandsland leben. Alle ihre Nachbarn sind längst geflohen. Seit ihrer Kindheit sind die beiden verfeindet, aber im Laufe der Zeit hat diese Feindschaft Rost angesetzt: Sie sind jetzt beide um die 50, Frührentner und allein. Der Mangel an vielem, was vor dem Krieg selbstverständlich war, zwingt sie zur Sparsamkeit und Improvisation. Auch die Einsamkeit und die Angst, unter Beschuss zu geraten, bringt sie einander allmählich näher. Der fast tägliche Geschützdonner ist längst Teil ihres normalen Alltags geworden.

Für den einen von ihnen, Sergej Sergejitsch, sind seine Bienen sein Lebensinhalt, nachdem er von seiner Frau und seiner Tochter verlassen wurde. Der Honig lässt sich gegen andere Lebensmittel tauschen und hin und wieder kommen zahlende Kunden, die von der Heilkraft der Bienen gehört haben und auf den Bienenkörben schlafen wollen. 
Sergej interessiert sich nicht für die Ursachen des Krieges, er nimmt ihn nur als Dauerstörung seines Lebens wahr. Das scheinen auch die Bienen zu tun: Die häufigen Detonationen in der Umgebung stören die Tiere in den Bienenkörben in ihrer Winterruhe. Sergej befürchtet, dass die aufgeregten Bienen sich in alle Winde zerstreuen und er sie verlieren könnte, wenn er sie aus den Körben ließe. Also beschließt der Imker im anbrechenden Frühling, seinen Tieren einen ruhigen Platz zu suchen, und fährt mit den Bienenkörben im Anhänger Richtung Westen.

Sergej macht nach einigen Stunden Autofahrt auf einer Lichtung in der Nähe eines Dorfs halt. Zunächst lässt sich alles gut an: Den Bienen geht es gut, die Ladeninhaberin des Dorfes versorgt ihn mit Essen und menschlicher Nähe. Aber für die Einheimischen ist er ein Fremder, manche vermuten sogar, er sei ein Flüchtling. Als ihm ein vom Krieg traumatisierter junger Mann eines Nachts sämtliche Autoscheiben zertrümmert, reist Sergej mit seinen Bienen weiter.

Sergejs nächste Station ist auf der Krim. Dass er in dem von Russland annektierten Gebiet als Ausländer behandelt werden würde, war ihm vorher nicht bewusst. Sergej hat vor mehr als 20 Jahren während eines Bienenzüchterkongresses Achtem Mustafajew, einen Krimtartaren, kennengelernt. Dort angekommen erfährt er, dass sein damaliger Zimmergenosse zwei Jahre zuvor vom FSB verschleppt wurde und seine Familie seitdem kein Lebenszeichen von ihm erhalten hat. Achtems Frau und Kinder sind gegenüber Sergej hilfsbereit und gastfreundlich, aber die Situation der Familie verschärft sich während seiner Anwesenheit. So sehr ihm die Landschaft gefällt, so sehr spürt er, dass er auch hier ein Fremder ist: sowohl für die Tartaren als auch für die Russen, die ihm misstrauen, weil er zu Tartaren Kontakt hat. Sein Wunsch, alles möge wieder so sein wie vor dem Ausbruch des Krieges, verstärkt sich.

Die Bienen werden für den Imker mit jeder Erfahrung, die er während seiner Fahrt macht, zu einem immer größeren Vorbild: An ihnen lässt sich erkennen, wie ein geordnetes und produktives Staatswesen funktioniert. Ihr Leben ist gewissermaßen der Gegenentwurf zu den ungeordneten und gewalttätigen Zuständen in der Ostukraine.

Lesen?

 

In Graue Bienen bringt Andrej Kurkow seinen Lesern das Leben der Menschen näher, die in der Öffentlichkeit fast nicht wahrgenommen werden. Die Bewohner der Grauen Zone sind von allem abgeschnitten, was das Leben, das wir für normal halten, ausmacht: Es gibt weder Strom noch fließendes Wasser, es gibt keine Läden, in denen Lebensmittel gekauft werden könnten, es gibt keine Post und keine Geldausgabe, viele Wohnhäuser und öffentliche Gebäude wurden zerstört. Wovon es reichlich gibt, ist die Angst, versehentlich in eine Tretmine zu geraten oder von einem Heckenschützen getötet zu werden. Diese dauerhaft angespannte Atmosphäre, gepaart mit einem großen Durchhaltewillen und einer gewissen Portion Phlegma wird von Kurkow sehr gut vermittelt.

Andrej Kurkow hat sich mit seinen russlandkritischen Büchern bei der dortigen Regierung keine Freunde gemacht. Seit einigen Jahren dürfen sie nicht mehr nach Russland eingeführt werden, weil der Autor auf einer schwarzen Liste steht. Es ist Kurkow zu wünschen, dass er mit seinem Buch sein Ziel erreicht: dass sich die Weltöffentlichkeit wieder dem Ukrainekonflikt zuwendet und ihn aus seinem aktuell eingefrorenen Zustand dem Frieden zuführt.

Graue Bienen ist 2019 im Diogenes Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 20,99 Euro.

Sonntag, 22. Dezember 2019

# 222- Eine Geschichte vom Abschiednehmen

Vatersohn hat Monika Boldt ihr erstes Buch betitelt und damit in diesem einen Wort viel von dessen Inhalt gesagt.

Im Mittelpunkt steht die Familie Kampmann. Die
© Karl Rauch Verlag
Handlung spielt in der Nähe von Düsseldorf in den 1970-er Jahren. Vater Kampmann ist Lokführer, die Mutter kümmert sich um die beiden Kinder und den Haushalt. Der Sohn Marten ist zehn Jahre alt, seine Schwester Liz einige Jahre älter. Auch die Oma, Vater Kampmanns Mutter, spielt eine Rolle.


Der Alltag ist berechenbar und läuft nach einem festen Muster ab. Jeder hat seine Pflichten zu erfüllen. Der Vater ist für seinen Sohn ein Vorbild, das Kind bewundert seine Fähigkeiten und Kenntnisse beim Umgang mit Zügen.

Doch dann kommt der Tag, der alles durcheinanderwirft. Ein Selbstmörder steht plötzlich auf den Gleisen, als Kampmann die Strecke fährt, die er längst auswendig kennt. Es dauert 48 Sekunden, bis der Zug nach der Vollbremsung zum Stehen kommt. Die längsten 48 Sekunden in Kampmanns Leben. Zu lang, um den unbekannten Mann zu retten.

Der Lokführer ist seelisch tief erschüttert und versucht, den Vorfall zu verarbeiten. Dabei ist er praktisch auf sich allein gestellt. Diese Belastung ist zu viel für ihn, er stirbt wenige Wochen nach dem Unfall.

Sein Tod bringt seine Familie an den Abgrund der Verzweiflung. Die Mutter schafft es in ihrem Schmerz nicht, für ihre haltlosen Kinder da zu sein. Marten versucht sich zu schützen, indem er sich einredet, dass sein Vater nur für eine Weile weg sei und irgendwann zurückkomme. Da bekommt er eine Nachricht, die seine Welt erneut ins Wanken bringt. Er fasst einen wahnwitzigen Plan. 

 

Lesen?


Vatersohn erzählt von sich nach einem Schicksalsschlag lösenden familiären Bindungen, der Vorstellung der damaligen Gesellschaft, dass man mit Belastungen selbst fertig werden muss und die Zeit alle Wunden heilt und von der Erkenntnis, dass sich in der eigenen Familie keineswegs die besseren Menschen befinden. Die Leichen befinden sich allerdings nicht im Keller.

Monika Boldts Roman ist ein sehr gelungenes Debut, das nach dem Lesen der letzten Sätze noch nachhallt. Die Autorin liest hier einige Abschnitte aus ihrem Buch:



Vatersohn ist im Karl Rauch Verlag erschienen und kostet 20 Euro. Der Titel ist sehr schön mit einem strukturierten Bezugspapier und einem Lesebändchen ausgestattet.

Freitag, 24. August 2018

# 164 - Das Hauen und Stechen am Panamakanal

DIE berufliche Chance für einen Ingenieur

 

Der Brite Max Burns ist ein angesehener Geomatik-Ingenieur, ein Spezialist für den Kanal- und Brückenbau. Er lässt in Christoph Martins Buch Die Expansion für die Erfüllung seines großen beruflichen Traums buchstäblich alles stehen und liegen, als er von seinem alten Kumpel Godfredo Roco überredet wird, am Großprojekt der Erweiterung des Panamakanals als Chefingenieur mitzuarbeiten: Er hat die Zusage, in der Firma seines künftigen Schwiegervaters eine Stelle anzutreten, zurückgezogen, was gleichzeitig auch das Aus für seine Verlobung mit dessen Tochter Sarah war.

Auf alte Freunde ist doch immer Verlass...

 

Godfredo Roco und Max Burns kennen sich aus Schultagen. Die Freundschaft wurde durch den Selbstmord von Max' Eltern jäh beendet, weil dann kein Geld mehr für das teure Internat da war. Max wuchs bei seinem Onkel Alan in bescheidenen aber behüteten Verhältnissen auf. Godfredo und dessen Vater Paco, die bei dem Projekt die Fäden in der Hand halten, haben für das Team um Max luxuriöse Unterkünfte bereitgestellt und treten mit dem Habitus von Menschen auf, die es gewohnt sind, zu gewinnen. Die Ausschreibung für das Großprojekt wird denn auch von ihnen gewonnen, obwohl jedem Experten angesichts des niedrigen Preises klar sein muss, dass da etwas ganz gewaltig zum Himmel stinkt. Das finden auch Max und Godfredo, die in die Hinterzimmerspielchen, die Paco inszeniert hat, nicht eingeweiht wurden.
Doch auch die Amerikaner hatten ihr Gebot abgegeben: einerseits aus historischen Gründen aber auch, um einen Gegenpart zu den Chinesen zu bilden. Merkwürdigerweise nimmt China jedoch gar nicht an der Ausschreibung teil.
Was Max noch nicht ahnt: Er ist hier nur das Bauernopfer in einem groß angelegten Betrugs- und Unterschlagungsszenario. Die Strippenzieher haben eingeplant, dass der Ingenieur seinen Kopf für Dinge herhalten muss, die er nicht getan hat und schrecken auch vor einem Mord nicht zurück.
Der panamaische US-Botschafter nimmt in der Handlung eine zwielichtige Rolle ein, und auch die Installation des Defense Clandestine Services, einer US-Geheimdiensteinheit, wird zunehmend undurchsichtiger. Die enorm ehrgeizige Chefin Fisher ist bereit, für ihr Land alles zu geben und dabei auch Wahrheit und Gerechtigkeit zu opfern.

Auch dieses Buch kommt nicht völlig ohne Romantik aus. Am Schluss wird es zwei Paare geben, die auf den ersten Blick nicht zusammen zu passen scheinen, aber die körperliche Anziehungskraft kann da vielleicht einiges überdecken.

Wie war's?

 

Mein Eindruck fällt gemischt aus. Der Plot ist sehr gut, auch wenn es hier um ein Ereignis geht, das bereits stattgefunden hat: Die Erweiterung des Panamakanals erfolgte zwischen 2007 und 2016, die wesentliche Handlung von Die Expansion spielt im Jahr 2008. Ich hätte mir allerdings einen stärkeren Bezug auf das Bauprojekt gewünscht, und auch der Blick auf Panama fällt sehr dezent aus. Kurz: Land und Projekt sind austauschbar. Das Buch hat mich gut unterhalten, für einen Thriller halte ich es jedoch nicht, da ich dafür mehr Spannung erwarte. Manche der Figuren hätte genauer gezeichnet werden und Korrektorat und Lektorat gern aufmerksamer ausfallen dürfen. Max Burns wird beispielsweise als Geomantik-Professor bezeichnet, obwohl wenig wahrscheinlich ist, dass die Durchführung eines Großprojekts von Esoterik und Hellseherei profitieren könnte.
Die Expansion ist zunächst in einer englischen Version erschienen. Informationen hierzu gibt es unter www.theexpansionbook.com. 
Der Autor, der mit vollem Namen Christoph Martin Zollinger heißt, ist nach eigenen Angaben ein Schweizer Unternehmer, der nach seinem Jura-Studium lange in Panama gearbeitet hat. Seine Co-Autorin ist die Australierin Libby O'Loghlin. 

Was ich zum Schluss noch anmerken möchte: Normalerweise gehe ich auf Buchcover hier nicht ein, aber dieses Mal mache ich eine Ausnahme. Mir stößt wirklich auf, dass hier die Rechtschreibung zugunsten einer halbwegs gleichmäßigen Buchstabenverteilung geopfert wurde. Hätte ich das Buch im Regal eines Buchhändlers gesehen, hätte ich es ganz sicher nicht gekauft, weil ich davon ausgegangen wäre, dass sich diese Schludrigeit im Text fortsetzt. 

Die Expansion kostet als Taschenbuch 11,95 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 7,99 Euro.
Ich bedanke mich bei der Agentur Literaturtest, die mir das Buch zur Verfügung gestellt hat. 

Donnerstag, 1. Juni 2017

# 102 - Schuld, Rache und Vergebung

Von der gnadenlosen Hitze Algeriens ins moderne Frankreich und zurück

 

Baptiste Dumont ist 67, als er eines Nachts einen Anruf aus dem Krankenhaus erhält. Seine geliebte Frau Claire, mit der er seit Jahrzehnten verheiratet gewesen war, hat den Kampf gegen den Krebs verloren. Er ist nun allein; seine Tochter, sein Schwiegersohn und seine Enkelin sind schon vor sieben Jahren nur wenige Tage nach der Geburt des Kindes bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Jetzt, da mit Claire der Mittelpunkt und Anker seines Lebens nicht mehr da ist und er spürt, dass sich auch für ihn unaufhaltsam der Tod nähert, fasst er einen Entschluss: Er verkauft die Wohnung in dem kleinen Dorf in der Provence, in der er mit Claire sein Leben verbracht hat, und schließt sich jungen Leuten an, die mithilfe eines Wohltätigkeitsprojekts das Schulhaus in dem malawischen Dorf Chila um ein Waisenhaus erweitern wollen. Mit der jungen Ella, die mit dem Projektgründer liiert ist, verbindet ihn bald eine besondere Freundschaft. In seinem Debütroman Palast aus Staub und Wind schreibt Haroon Gordon über Freundschaft, Liebe, Hass und Tod.

Frauengefängnis unter algerischer Sonne

 

In den 1930-er bis 1950-er Jahren wachsen im Frauengefängnis Agda zwei Jungen auf: Baptiste ist der Sohn von Gefängnisdirektor Colonel Dumont und von Celine Dumont, die der Familie zuliebe ihre Karriere als Pianistin an den Nagel gehängt hat. Im Gefängnis wächst der nur ein Jahr jüngere Gabriel als Sohn einer Inhaftierten heran, die ihn dort geboren hat. Die beiden sind die einzigen Kinder und werden zu besten Freunden. Doch Baptiste spürt bereits als Jugendlicher, dass die Ehe seiner Eltern belastet ist: Sein Vater hat im Alkohol einen ständigen Begleiter gefunden, die Mutter kapselt sich ab und wird psychisch krank. Doch niemand spricht mit dem Jungen über den Grund für diese Veränderungen. Auch, warum Celine für Gabriel nur Hass übrig hat, ist den beiden Freunden ein Rätsel. 

Erst als junger Mann erfährt Gabriel durch eine ehemalige Mitinsassin seiner Mutter von dem dunklen Geheimnis der Dumonts. Die Situation eskaliert, es gibt einen mit Absicht Getöteten und einen weiteren, der versehentlich zu Tode kommt. Baptiste hat nie jemandem von seiner Vergangenheit erzählt. Doch während eines Unwetters in Chila, als Ella lebensgefährlich erkrankt und außer Baptiste niemand da ist, bleibt er bei ihr und erzählt der jungen Frau seine Geschichte. Ella wird wieder gesund, doch nun ist Baptiste erkrankt. Als er erkennt, dass sein Ende nah ist, bittet er Ella um ein Versprechen: Sie soll an seiner Stelle nach Agda reisen und etwas für ihn erledigen, damit seine Seele ihren Frieden findet.

Wie war's?

 

Palast aus Staub und Wind ist ein von Beginn an fesselnder Roman mit mehren Wendungen. Haroon Gordons Schreibstil reißt seine Leser von Anfang an mit und lässt sie die Höhen und Tiefen der Figuren hautnah miterleben. Ein brisantes Thema, das ausschließlich Ella betrifft, wird am Ende des Romans allerdings zu oberflächlich abgehandelt. Das ist jedoch die einzige Schwäche, die sich das Buch erlaubt.

Palast aus Staub und Wind ist bei hockebooks erschienen und wurde mir von bloggdeinbuch.de  zur Verfügung gestell. Der Roman kostet als Taschenbuch 12,99 € sowie als E-Book 7,99 €. Mir lag das Buch als E-Book vor.


 



Freitag, 20. Januar 2017

# 84 - Über einen Bestatter, dem der Tod auf die Pelle rückt

Das Leben ist riskant und endet immer tödlich

 

Paddy Buckley arbeitet seit einer Ewigkeit in Dublin als Bestatter für Frank Gallagher. Schon sein Vater war dort als Tischler beschäftigt und hat sich bis zu seinem Tod um die Särge gekümmert. Als Kind ging Paddy deshalb bei Gallagher ein und aus. Ihm ist fast nichts mehr fremd, und er hat mehr Tote gesehen, als er zählen kann. Doch Jeremy Massey schüttelt in seinem ersten Roman Die letzten vier Tage des Paddy Buckley das Leben des Mannes so gründlich durch, dass innerhalb weniger Tage nichts mehr so ist, wie es einmal war.

Leichen pflastern seinen Weg...

 

Paddy Buckley ist gern Bestatter und hat seinen Job all die Jahre gewissenhaft und empathisch erledigt. Der Tod ist sein Geschäft, aber vor einigen Jahren ist er ihm zu nahe gekommen: Seine schwangere Frau Eva starb an einem Hirnschlag, während sie im Supermarkt an der Kasse anstand. Den Schock hat er nur schwer verarbeitet, aber er lebt sein Leben weiter.
Am 13. Oktober 2014 um 9.40 Uhr fängt Paddys Leben jedoch an, zu Staub zu zerfallen. Das Verrückte daran: Es ist, als würde er sich selbst beim Rasen in einem Sportwagen beobachten, immer in der Gewissheit, dass die nächste Mauer das Letzte ist, was er lebend sehen würde. Aber nichts kann diesen rasenden Sportwagen aufhalten.
Es beginnt damit, dass Paddy von Gallagher zu einer Witwe geschickt wird, deren Mann vor wenigen Stunden gestorben ist. Die beiden besprechen die Details der Bestattung und kommen sich dabei deutlich näher, als es üblich ist. Ganz offensichtlich findet die Witwe Trost in der sehr intimen Zweisamkeit. Doch als die beiden zum Höhepunkt kommen, bricht die Frau tot auf Paddy zusammen. Was eigentlich eine Katastrophe ist, soll schon in der darauffolgenden Nacht zum kleinsten Problem des Bestatters werden.

Unglückliche Umstände? Wie viel Pech kann man haben?

 

Paddy schlittert geradewegs in die nächste Misere: Er hat kaum den Notarzt gerufen, als die wegen des verstorbenen Vaters angereiste Tochter des Ehepaars zur Haustür hereinkommt und nach ihrer Mutter fragt. Mühsam ringt er um eine plausible Erklärung und hofft, dass die spätere Obduktion keine Hinweise auf seine Beteiligung am Ableben der Kundin zutage bringt.
So viel Pech reicht eigentlich für einen Tag, aber Paddy setzt noch eins drauf: Schon in der folgenden Nacht, in der er einen Toten aus dem örtlichen Altenheim für Arme holen soll und dann auch noch in strömendem Regen einen Reifen wechseln muss, geht das Desaster weiter. Er ist in seinem Privatwagen todmüde auf dem Weg nach Hause, als sich drei Dinge praktisch gleichzeitig ereignen: Paddy bemerkt, dass er ohne Licht fährt, nestelt an seinem Autoradio herum und sieht, dass eine Gestalt, die sich gegen den Regen eine Zeitung über den Kopf hält, kurz vor ihm über die Straße geht. Viel zu kurz vor ihm. Sekundenbruchteile später prallt ein Mensch mit Paddys Wagen zusammen, fliegt meterhoch durch die Luft und bleibt tot liegen. Paddy ist unter normalen Umständen ein moralisch ziemlich aufrechter Mensch, aber nach einem Blick in die Brieftasche des Fremden wirft der Bestatter alle ethischen Grundsätze über Bord und entschließt sich zur Fahrerflucht: Er hat den Bruder des gefährlichsten Gangsters von Dublin getötet. Ehrlichkeit wäre jetzt das sichere Todesurteil. Doch es kommt noch dicker: Der völlig verängstigte Paddy wird von seinem ahnungslosen Chef damit beauftragt, sich um die Bestattung dieses Toten zu kümmern. Seine Gefühle beim ersten Besuch des trauernden Gangsterbosses sind so ähnlich, als würde man seinen Kopf in das weit geöffnete Maul eines hungrigen Löwen stecken.

Eine Mischung aus Krimi und schwarzem Humor

 

Jeremy Massey gelingt es, seine Story so aufzubauen, dass auch die absurdesten Szenen absolut nachvollziehbar sind und gar nicht so unwahrscheinlich wirken, wie es der Plot nahelegt. Seine plastische Sprache lässt den Leser wie einen stummen Zuschauer neben Paddy stehen und ihn dabei beobachten, wie sich die Abwärtsspirale immer schneller dreht. Die letzten vier Tage des Paddy Buckley ist ein Roman, der trotz des Grusels eine heitere und hoffnungsvolle Seite hat. Und die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Die letzten vier Tage des Paddy Buckley wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist als Klappenbroschur bei carl's books erschienen und kostet 14,99 €.




Freitag, 9. Dezember 2016

# 79 - Wenn die Sommerhitze den Verstand verbrennt

Das kollektive Gedächtnis vergisst und vergibt nicht

 

Der Farmer Luke Hadler hat ganz offensichtlich seine Frau Karen und seinen Sohn Billy getötet und sich dann auf der Ladefläche seines Pick-ups erschossen. Nur Lukes kleine Tochter Charlotte, die gerade ein Jahr alt ist, blieb verschont. 
Wie fast immer sind die Fliegen die ersten, die die Leichen entdecken. Kurz nach ihnen trifft der Postbote ein. So beginnt der Thriller The Dry von Jane Harper, der in der Kleinstadt Kiewarra irgendwo in Australien spielt.

Eine Kleinstadt ächzt unter der Dürre - eine Stimmung, um die Nerven zu verlieren

 

Aaron Falk kommt nach 20 Jahren anlässlich der Beerdigung seines Jugendfreunds Luke zum ersten Mal wieder in seine Heimatstadt, an die er nur wenige gute Erinnerungen hat. Er muss sich dazu überwinden, aber Lukes Eltern Barb und Gerry hatten ihn inständig darum gebeten. Die frühere enge Beziehung zu ihnen spielt bei Aarons Entscheidung eine Rolle, aber den Ausschlag, alle Bedenken über Bord zu werfen, gibt der Schluss in Gerrys Brief: Luke hat gelogen. Du hast gelogen.
Als Aaron in Kiewarra eintrifft und die Kirche betritt, in der die Trauerfeier abgehalten werden soll, brechen alte Erinnerungen hervor. Er muss den Blicken der Trauergäste standhalten, die ihn wiedererkennen und beschließt, die Rückreise nach Melbourne in spätestens 18 Stunden anzutreten. Jeder, mit dem Aaron nach dem Kirchgang spricht, verurteilt Lukes Tat, aber alle haben eine Erklärung parat, die jedem einleuchtet: Man erzählt sich, Luke sei total verschuldet gewesen und habe keinen anderen Ausweg mehr gesehen, als sich und seine Familie auszulöschen. Die schon so lange dauernde Dürre habe doch schon mehreren Farmern wirtschaftlich das Genick gebrochen. Doch warum ließ er die kleine Charlotte am Leben? Auch da ist man sich im Ort einig: Vermutlich sei er am Bett seiner Tochter zur Besinnung gekommen und habe es nicht mehr übers Herz gebracht, auch sie zu töten. Damit könnte der tragische Fall der Familie Hadler erledigt sein. Aber eine Person hat Zweifel: Sergeant Raco sieht in einzelnen Details zu viele Ungereimtheiten und beschließt, Nachforschungen anzustellen, obwohl die Beamten der ihm vorgesetzten Polizeistation in Clyde die Lage für offensichtlich halten und die Akten bereits geschlossen haben. Raco hat von niemandem Hilfe zu erwarten: nicht aus Clyde, wo man Kiewarra für ein hinterwäldlerisches Nest hält, und auch nicht von den eigenen beiden Kollegen, denen es an Eifer und Fähigkeit mangelt.

Die Vergangenheit lässt sich nicht abschütteln

 

Aaron Falk ist Bundespolizist, allerdings bei der Steuerfahndung. Aber sowohl er als auch Raco sind sich darin einig, dass an diesem erweiterten Suizid etwas faul ist. Sie beginnen mit inoffiziellen Ermittlungen, und Aarons Plan, so bald wie möglich die Heimreise anzutreten, gerät ins Wanken. Die Ermittlungen gestalten sich jedoch schwierig. Viele Bewohner der Stadt wissen noch genau, warum Aaron und sein Vater vor 20 Jahren fluchtartig Kiewarra verlassen hatten. Damals war Ellie, ein Mädchen, mit dem sowohl er als auch Luke befreundet waren, verschwunden und erst Tage später tot im Fluss gefunden worden. Aaron und Luke waren von der Polizei befragt worden, und Luke hatte ihr über seinen Freund, der kein brauchbares Alibi hatte, gesagt, dieser sei mit ihm zusammen auf Kaninchenjagd gewesen. Ganz Kiewarra war sich einig gewesen, dass Aaron ein Mörder ist und wurde von der Familie der Toten immer wieder aufgestachelt. Als der alte Falk und sein Sohn um ihr Leben fürchten mussten, waren sie Hals über Kopf geflohen. Aaron stößt bei seinen Nachforschungen zum Tod der Familie Hadler auch auf neue Erkenntnisse, die Ellies Tod betreffen.

Spannung pur

 

The Dry ist ein rundum gelungener Thriller. Jane Harper ist in ihrem ersten Buch nicht darauf angewiesen, Spannung durch Effekthascherei und Unmengen von Blut zu erzeugen. Bis fast zum Schluss bleibt unklar, wer für den Tod von Luke, Karen und Billy Hadler die Verantwortung trägt. Auch Ellies Tod, der die Bürger von Kiewarra zu den unterschiedlichsten Spekulationen anfeuerte, klärt sich auf. Kurzum: The Dry gehört zu den besten Thrillern, die ich kenne.

The Dry wurde mir von bloggdeinbuch zur Verfügung gestelt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es kann über den örtlichen Buchhandel sowie über den Rowohlt-Verlag zum Preis von 14,99 € bezogen werden.