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Freitag, 18. Oktober 2024

# 455 - Lügen verboten! Sonst...

Tessa Weidrich und Philipp Bajon sind neunzehn Jahre alt, kennen sich (bislang) nicht und finden unabhängig voneinander eine mysteriöse Silbermünze. Obwohl finden nicht das richtige Wort ist: Tessa stiehlt ihr Exemplar aus dem Portemonnaie ihres verhassten Onkels Henrik, Philipp bekommt seine von einer Kommilitonin, die diese in einer Packung Teelichter entdeckt hat. An dieser Stelle läuft sich Scandor von Ursula Poznanski noch warm, wird aber schon kurz danach spannend.

Auf der einen Münzseite ist ein Barcode, der zu einer Website führt, in die man sich mit dem auf der zweiten Seite abgedruckten Pin einloggen kann. Dort stoßen sie auf einen Wettbewerb, der es in sich hat: Es geht darum, eine Zeit lang nicht zu lügen. Keine Notlügen, keine Halbwahrheiten, keine ausweichenden Antworten auf Fragen von Gesprächspartnern. Keine leichte Aufgabe, wenn man dem ständig meckernden Nachbarn einen guten Morgen wünscht oder das neue Kleid, das die beste Freundin begeistert vorführt, scheußlich findet. Kleine Lügereien sind gesellschaftlich akzeptiert und werden in bestimmten Situationen sogar erwartet, weil man seine Mitmenschen nicht verletzen will. Aber sie sind bei diesem ungewöhnlichen Spiel absolut tabu: Wer von den 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern lügt, scheidet sofort aus.

⮚ [...]Alles deutet darauf hin, dass dieser Tag ein Scheißtag wird. Als sie sich das nächste Mal aufrichtet, steckt gerade der Briefträger - der neue, hübsche - ein paar Umschläge in den Postkasten. Er lächelt ihr zu. "Wie geht es Ihnen heute?"
Sie lächelt zurück [...]. "Danke, gut."
Dass das nicht der Wahrheit entspricht und dass Scandor auch dahingesagte Floskeln abstraft, begreift sie erst, als Kälte ihren Arm durchströmt. Ein Gefühl, als hätte sie Eiswasser in den Adern. 

Die Mühe, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf sich nehmen, wird belohnt: Die Person, die zum Schluss alle anderen mit ihrer absoluten Wahrheit besiegt hat, bekommt fünf Millionen Euro.
Aber während des Auswahlgesprächs wird klar, dass alle, die ausscheiden, sich ihrer größten Angst stellen müssen. Die Furcht, Dinge tun oder aushalten zu müssen, die einem schon beim bloßen Gedanken an sie den Angstschweiß auf die Stirn treiben, ist eine zusätzliche Motivation.

Philipp kommt aus einer wirtschaftlich gut situierten Familie. Er leidet jedoch unter den ständigen Streitereien seiner Eltern, die seine Kindheit und Jugend begleitet haben. Er möchte sich mit dem Preisgeld den Traum vom Auslandsstudium erfüllen. Weit weg von den Eltern.

Auch Tessas Entscheidung, bei dem Wettbewerb mitzumachen, hängt mit ihrer Familie zusammen. Ihr Vater hatte einen Motorradunfall, als Tessa ein kleines Mädchen war. Seitdem ist er stark gehbehindert und hadert mit seinem Schicksal. Die Eltern leben zur Miete in einer Wohnung, die Tessas Onkel Henrik gehört. Hendrik unterstützt die beiden auch finanziell, behandelt sie jedoch wie Bettler und generiert sich als barmherzigen Samariter. Mit dem Gewinn wären die Eltern für immer von Henrik unabhängig. Und sie selbst natürlich auch.

Bereits bei der Eignungsprüfung bekommen Tessa und Philipp einen ersten Eindruck von dem, was da auf sie zukommt: Wie alle Kandidatinnen und Kandidaten sind sie mit einem sehr zuverlässig arbeitenden Lügendetektor verbunden, der schon bei der kleinsten Nachlässigkeit anschlägt. Das ist ein Vorgeschmack auf das, was sie im Wettbewerb erwartet. Wie alle anderen werden Tessa und Philipp mit Scandor ausgestattet, einem neuartigen Gerät, das seinen Träger Tag und Nacht auf Ehrlichkeit und Offenheit scannt. Die flache Vorrichtung wird den Mitspielern auf dem Unterarm fixiert, sie können sie nicht selbst entfernen.

Bald wird deutlich, dass mit dem Gewinnspiel ein bestimmtes Ziel verfolgt werden soll und der Wettbewerb nur den Rahmen bildet. Tessa und Philipp haben jedoch mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie müssen ihren normalen Alltag leben, also zur Uni gehen und in ihren Jobs arbeiten: Tessa in einem Callcenter und als Servicekraft, Philipp als Aushilfe in einem Jeansladen. Und dann sind da noch die Konkurrenten, die mit fiesen Tricks versuchen, die anderen Mitspieler auszuschalten, sowie zusätzliche Aufgaben, die erfüllt werden müssen. Wer ist der oder die Nächste, die durch einen Kältestoß von Scandor erfährt, dass das Spiel für ihn oder sie zu Ende ist?

Tessa und Philipp gewöhnen sich an, keine spontanen Antworten zu geben und die gewohnten Floskeln aus ihrem Sprachschatz zu tilgen. Mit ihrer Taktik machen sie ihrer Konkurrenz schwer zu schaffen. Doch mit dem, was sie gegen Ende erwartet, haben sie nicht gerechnet. Die meisten Leserinnen und Leser vermutlich auch nicht.

Lesen?

Scandor spielt mit der Frage, wie aufrichtig Menschen sind. Wie oft lügen wir pro Tag? Lange Zeit wurde gesagt, dass durchschnittlich 200 Lügen pro Tag normal seien. Doch mittlerweile weiß man, dass es bedeutend weniger sind: Die meisten von uns lügen nur ein bis zwei Mal täglich.

Ursula Poznanski sorgt mit ihrem Jugendroman (ab 14 Jahre) für reichlich Spannung und vermittelt wie nebenbei, dass wir uns unserer Verantwortung für unser Handeln stellen müssen - auch, wenn es schmerzhaft werden kann.

Scandor ist 2024 im Loewe Verlag erschienen und kostet 19,95 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro.

Sonntag, 19. September 2021

# 308 - Mutti war's nicht

Das "weiß" doch praktisch jeder: Angela Merkel hat 2015 für die Flüchtlinge die Grenzen geöffnet, mit dem bekannten Ausspruch "Wir schaffen das!" tausende von Flüchtlingen motiviert, sich auf den Weg nach Deutschland zu machen und ist letztlich für stetig steigende Flüchtlingszahlen in den letzten Jahren verantwortlich. Obendrein hat sich dadurch auch das Problem der Kriminalität verschärft.

Das und noch viel mehr zum Thema "Die Kanzlerin und ihre Flüchtlingsfreundlichkeit" hat man aus zahllosen Richtungen, in Nachrichtenmagazinen ebenso wie in Talk-Shows, gehört und gelesen. Der Haken daran: Es handelt sich um Zuschreibungen, die sich leicht durch schnöde Statistiken widerlegen ließen - wenn man sich nur die Mühe machen würde.

Der Autor Gerd Hachmöller hat mit seinem Buch Mutti war's nicht genau das getan: Er ist einer Vielzahl von vermeintlich gesicherten Erkenntnissen, die die Kanzlerin als diejenige, die die Zuwanderung von Flüchtlingen  angekurbelt hat, benennen, nachgegangen. Spoiler: Die vier oben beispielhaft genannten Zuschreibungen sind alle falsch. Hachmöller erklärt darüber hinaus, wie es zu den Bildern und Schlagzeilen kam, die diesen Eindruck weiter unterfüttert und nicht zuletzt auch Politikern und Bürgern am rechten Rand Munition für ihre Angriffe gegen Merkel gegeben haben. 

Auch mit der Behauptung, Deutschland habe von den Regelungen des Dublin-Abkommens profitiert, räumt Hachmöller auf. Er erklärt außerdem, warum entgegen der oft geäußerten Ansicht, Deutschland müsse sich mit Italien und Griechenland solidarischer zeigen, die Faktenlage belegt, dass im Gegenteil von diesen beiden Ländern hinsichtlich der Flüchtlingsthematik mehr Solidarität nötig wäre. Ähnlich sieht es mit der Türkei als Aufnahmeland aus: Hachmöller erläutert, dass sich der türkische Staat so gut wie nicht um die Flüchtlinge gekümmert hat und ihnen grundlegende soziale Leistungen wie z. B. den Zugang zum Gesundheitssystem oder zu schulischer Bildung verwehrt hat.

Warum sind so viele dieser Mythen derart beständig in Umlauf und werden gebetsmühlenartig wiederholt? Hier kann auch Hachmöller nur Mutmaßungen anstellen, aber darum geht es in seinem Buch auch nur am Rande.

Mutti war's nicht steht auf der Longlist für den Jugendsachbuchpreis 2021, richtet sich aber an alle politisch Interessierten.

Lesen?

Mit seinem Buch widerlegt Gerd Hachmöller zahlreiche immer wieder geäußerte Legenden, die sich um die Kanzlerin und die Flüchtlinge ranken. Wem daran liegt, sich ein realistisches Bild über diese Thematik zu machen, sollte Mutti war's nicht lesen.

Mutti war's nicht ist im Goldegg Verlag erschienen und kostet 22 Euro.

Freitag, 8. Dezember 2017

# 127 - Fake News und Lügenpresse - Was ist dran?

Was sind unsere Medien noch wert?

 

Der Professor für Journalistik und Medienmanagement Stefan Russ-Mohl macht sich in seinem Buch Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde über die Entwicklung Gedanken, die Zeitungen, Fernsehsender und das Internet in den letzten Jahren durchgemacht haben. 

Wie wichtig ist die Wahrheit?

 

Die öffentlich-rechtlichen als auch die privaten Medien fühlen sich der Wahrheit verpflichtet. Alle weisen weit von sich, absichtlich Falschmeldungen in die Welt zu setzen. Die Absicht, die Leser, Zuschauer und Internetnutzer immer möglichst gut zu informieren, spricht Russ-Mohl ihnen auch nicht ab. Aber er wirft ihnen vor, auf der Jagd nach der neuesten Nachricht und mit dem Wunsch, immer ein kleines bisschen schneller zu sein als die Konkurrenz, ein Stück des Wahrheitsanspruchs über Bord geworfen zu haben. Etwas, was schnell gemeldet werden soll, kann nicht mehr gründlich überprüft werden. Erschwerend kommt hinzu, dass sich Nachrichten - wahre und falsche - durch die zunehmende Digitalisierung deutlich schneller verbreiten als noch vor ein paar Jahren.

Aber der Autor zeigt auch, dass sich die Mediennutzer gern auch mal an die eigene Nase fassen dürfen, ehe sie stetig "Lügenpresse" skandieren. Die sozialen Medien im Internet laden dazu ein, Meldungen ungeprüft mit einem "Like" zu bewerten und binnen Sekunden weiter zu verbreiten. Sehr oft gilt: Es wird für wahr gehalten, was bereits viele andere Nutzer für wahr halten, auch wenn es das nicht ist. Russ-Mohl zitiert hier die für die Neue Zürcher Zeitung schreibende Journalistin Sieglinde Geisel, die für dieses Verhalten den Begriff der "Schwarmdummheit" verwendet. 

Doch der Journalismus krankt noch an etwas anderem: Die "Geiz-ist-geil"-Mentalität hat auch dazu geführt, dass die Nutzer erwarten, aktuelle und selbstverständlich wahre Nachrichten zum Nulltarif zu erhalten. Dass hinter jeder belastbaren Meldung eine Recherche steckt, die mitunter sehr aufwendig sein kann, und Menschen dafür bezahlt werden und davon leben wollen, scheint die Konsumenten nicht zu interessieren. Tatsächlich glauben viele daran, dass gute Nachrichten umsonst zu haben sind. Russ-Mohl zeigt auf, dass dies ein Irrtum ist: De facto ist keine Meldung gratis. Aber der primäre Einfluss auf die Nachrichten geht immer weniger von den Verlagen oder Sendern selbst aus, sondern verlagert sich in eine Richtung, die uns nicht gefallen kann, wenn uns Wahrheit und der Erhalt der Demokratie auch in Zukunft wichtig sind.

Wir haben es in der Hand

 

Russ-Mohl vertieft sich auf sehr anschauliche Weise darin, seinen Lesern die Mechanismen der aktuellen Medienlandschaft und den Einfluss ihrer Nutzer auf sie nahezubringen. Er beruft sich auf etliche Studien, die kürzlich oder vor einigen Jahren zu diesem Thema erstellt wurden, sodass jede seiner Aussagen einen Beleg hat. Kaum ein Sachbuch, das ich in der letzten Zeit gelesen habe, wartet mit so vielen Fakten auf, sodass es den Rahmen dieses Textes sprengen würde, näher auf sie einzugehen. 

Mir ist unter all dem, was Russ-Mohl erläutert, ein Abschnitt besonders aufgefallen. Darin geht es um die massive Datensammlung, die nicht nur Internetkonzerne, sondern auch Geheimdienste ebenso wie einfache Behörden betreiben. Gepaart mit der großen Bereitschaft der Internetnutzer, ihre persönlichen Daten frei nach dem Motto "Ich habe ja nichts zu verbergen" einfach herzugeben und kombiniert mit der wachsenden Terrorangst warnt Russ-Mohl vor der Gefahr eines Überwachungsstaats, in dem nichts Persönliches mehr persönlich bleibt.

Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde ist ein sehr empfehlenswertes Buch für alle, die wissen wollen, wie es um unsere Presse- und Meinungsfreiheit bestellt ist und welche Auswirkungen die Veränderung der Medienlandschaft auf unsere Gesellschaft hat.

Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde ist im Herbert von Halem Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 23,-- Euro.  
Das Buch wurde mir von der Agentur Literaturtest zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.

Zu der Frage, inwieweit es Bestrebungen gibt, zugunsten des Kampfes gegen den Extremismus die Rechte der Bürger auszuhöhlen, habe ich mich in einem weiteren Blogtext beschäftigt. 

Samstag, 14. Januar 2017

# 83 - Vom konservativen preußischen Junker zum Pazifisten

Eine ungewöhnliche Lebensgeschichte eines heute vergessenen Demokraten

 

Mit dem autobiographischen Buch Von Rechts nach Links von Hellmut von Gerlach stelle ich einen Titel vor, der sich seit den 1980-er Jahren in meinem Bücherschrank befindet. Nicht nur von Gerlach ist aus dem kollektiven Gedächtnis so gut wie verschwunden, das Buch war es auch aus meinem. Zu Unrecht.

Kindheit und Jugend im Schutz des Adelsstandes

 

Hellmut von Gerlach wurde 1866 in Mönchmotschelnitz, einem Dorf in Niederschlesien, als Sohn eines Großgrundbesitzers geboren und wuchs im elterlichen Schloss auf, an das er sich als einen im Winter eiskalten Kasten erinnert, dessen Saal sich bei einer Außentemperatur von -22° C auf maximal 6° C heizen ließ. Ihm wurde früh klar, dass er unter privilegierten Verhältnissen aufwächst, er nahm das aber zur Kenntnis wie jemand, der der Meinung ist, dass ihm das aufgrund seines Standes zusteht. Er stieß sich erst als Jugendlicher daran, dass die Knechte mit ihren Familien und ihren bis zu 12 Kindern in einem einzigen Zimmer hausen mussten, während die eigene Familie in ihrem Schloss viele Räume gar nicht bewohnte. Bis zum Abitur war er strikt antisemitisch, militaristisch und erzkonservativ. Juden waren für ihn herumziehende und zerlumpte Menschen, die bettelnd oder Haushaltswaren verkaufend von Tür zu Tür ziehen. So kannte er sie aus seiner Heimat. Das Jurastudium in Genf zeigte ihm, dass es in Europa noch andere Vorstellungen von einem sozialen Miteinander gab, die mit dem Dünkel und den Moralvorstellungen des deutschen Adels und der Junker nichts gemeinsam hatten: Hier studierten auch zahlreiche Frauen, was an den deutschen Hochschulen noch völlig undenkbar war. Ursprünglich nur, um seine Französischkenntnisse zu verbessern, nahm von Gerlach an zahlreichen Versammlungen und Vorträgen teil. Dort begegnete er Anschauungen und Gepflogenheiten, die den eigenen und gewohnten diametral entgegenstanden: Die Polizei hielt sich so weit wie möglich im Hintergrund, der Staat brachte allen Bürgern grundsätzlich Vertrauen entgegen und errichtete öffentliche Gebäude, die allen Parteien gleichermaßen für ihre Wahlveranstaltungen zur Verfügung gestellt wurden. Das war genau das Gegenteil dessen, was der junge deutsche Student aus der eigenen Heimat gewohnt war, wo die Regierung jede legale und illegale Möglichkeit nutzte, um die Sozialdemokratie klein zu halten. In von Gerlach regten sich erste Zwiefel, ob das, was er bislang als normal und richtig angesehen hatte, dies auch tatsächlich war. Er setzte sein Studium in Straßburg, Leipzig und Berlin fort und trat als Rechtsreferendar in den Staatsdienst ein. 

Von allen Seiten: Erwartungen, die es zu erfüllen galt

 

Hellmut von Gerlachs Großväter hatten es zu etwas gebracht: Der eine war Polizei- und später Regierungspräsident gewesen, der andere hatte sich als angesehener Agrarexperte einen Namen gemacht und war dafür von der Universität Berlin mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet worden. Eine achtbare berufliche Laufbahn wurde unausgesprochen auch von ihm erwartet. Die Anstellung als Rechtsreferendar am Amtsgericht Lübben zeigte ihm erstmals deutlich, wie weit Wunsch und Wirklichkeit voneinander entfernt sein können. War es während des Studiums um Recht und Gerechtigkeit gegangen, behielten am ländlichen Amtsgericht Beständigkeit und Gemütlichkeit die Oberhand: Alles sollte so bleiben, wie es immer gewesen war, auch Urteile, die nach Sympathie oder Antipathie gesprochen wurden. Von all dem war von Gerlach so wenig ausgefüllt, dass er sich bereit erklärt hatte, für die lokale Zeitung gratis Theaterkritiken zu verfassen. Die "bessere Gesellschaft" nahm den mutmaßlichen Kontakt mit den nicht standesgemäßen Schauspielern derart übel, dass er auf dieses Hobby verzichten musste, um nicht seine Anstellung zu gefährden. Es verschlug ihn als Rechtsreferendar an weitere Orte, bevor er Regeirungsassessor in Ratzeburg wurde. 1892 verließ er den Staatsdienst und wurde Journalist. Seinem gesellschaftlichen Ansehen schadete dieser Schritt. Seine berufliche Tätigkeit für das Königreich Preußen hatte ihn immer wieder gezwungen, die Augen vor groben Ungerechtigkeiten zu verschließen und dem Unrecht den Vorzug zu geben: Zu beobachten, wie die aufkeimende Sozialdemokratie zugunsten der Erhaltung der Monarchie unterdrückt wurde, widersprach seinem Gerechtigkeitssinn. So war es allgemein üblich, dass an Wahltagen diejenigen Züge, die in den riesigen Wahlkreisen die überwiegend sozialdemokratisch gesinnten Wähler in die Wahllokale bringen sollten, auf freier Strecke anhielten und erst weiterfuhren, wenn die Wahl beendet war. Schuld war selbstverständlich immer der schlechte technische Zustand der Züge. Auch die Tatsache, dass sich Reichskanzler Bismarck ständig davor drückte, Steuern zu zahlen und sich deswegen auch für Repressalien gegen Untergebene nicht zu schade war, ärgerte von Gerlach.
Sein Beruf führte ihn auch in einige afrikanische Kolonien, die von Deutschland oder England beansprucht waren. Der Umgang der Engländer mit den "Negern" war aus seiner Sicht deutlich geschickter als der der deutschen Kolonialherren: Sie waren mit Diplomatie und einem Gespür für die örtlichen Gegebenheiten erfolgreich, während seine Landsleute mit Einschüchterung und Gewalt versuchten, die Einheimischen zu unterwerfen.

Irrtümer und Enttäuschungen

 

Hellmut von Gerlach hatte sich lange Zeit Vorbilder gesucht, die ihm helfen sollten, den Weg zur richtigen Anschauung zu finden. In Von Rechts nach Links gibt er mehrmals selbstkritisch zu, sich in seinerzeit bekannten und geachteten Persönlichkeiten getäuscht und sich auf dem Holzweg befunden zu haben. 1898 versuchte von Gerlach im Wahlkreis Lingen-Bentheim einen Sitz im Preußischen Abgeordnetenhaus zu erringen. Doch seine liberalen Ansichten und seine Bemühungen um die Stimmen der Textil- und Eisenbahnarbeiter weckten bei den nationalliberalen Fabrikbesitzern so viel Argwohn, dass sie sich mit der verhassten Deutschen Zentrumspartei zusammentaten, um Gerlachs Wahl zum Abgeordneten erfolgreich zu verhindern. Etliche Jahre stand von Gerlach dem Theologen Stoecker politisch nahe, dessen Hetze gegen die Juden stieß ihn allerdings zunehmend ab. Er brach mit Stoecker und wandte sich dem charismatischen Friedrich Naumann zu, der die Vorstellung einer klassenübergreifenden Einheitsgesellschaft vertrat.
Der Ausbruch des 1. Weltkriegs und dessen weiterer Verlauf machten Hellmut von Gerlach endgültig zum Pazifisten. Er nahm wahr, wie die Militärführung das deutsche Volk mit Übertreibungen über die eigene Stärke und die Schwäche der Kriegsgegner belog und es über die wahre Situation beständig im Unklaren ließ. Dazu trug die massive Zensur der Presse bei, die sich in den fast 4 1/2 Kriegsjahren ständig verschärfte und die Bürger dumm hielt. Pazifisten, die sich offen gegen den Krieg aussprachen, wurden bespitzelt, ihre Telefongespräche wurden abgehört und ihre Post geöffnet.

Lebendige Geschichte: deutsche Geschichte vor 100 Jahren

 

Hellmut von Gerlach hat mit Von Rechts nach Links ein autobiographisches Werk geschaffen, das das Leben im Preußischen Reich, der Weimarer Republik und dem Dritten Reich greif- und verstehbar macht. Seine Sprache ist schnörkellos, und der Autor ist auch gegen sich selbst schonungslos ehrlich. Er ist sich immer im Klaren darüber gewesen, dass sein Leben allein aufgrund seines sozialen Standes ruhiger und gesicherter hätte verlaufen können. Aber er hat sich bewusst dafür entschieden, seinen Anschauungen zu folgen und sich durch seine journalistische Arbeit und später als Abgeordneter des Reichstags und Unter-Staatssekretär für Demokratie, Menschenrechte, Abrüstung und Meinungsfreiheit einzusetzen. Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht in Deutschland übernahmen, wurde von Gerlach der Pass entzogen und sein Name landete auf der Ausbürgerungsliste. Er floh nach Österreich und siedelte von dort nach Frankreich über, wo er bis zu seinem Tod 1935 lebte. Er war den Nationalsozialisten derart ein Dorn im Auge, dass sein 1926 erschienenes Buch Die große Zeit der Lüge 1933 der Bücherverbrennung zum Opfer fiel.

Von Rechts nach Links ist erstmals 1937 in Zürich erschienen und wurde mehrmals neu aufgelegt. Mein Exemplar stammt aus dem Jahr 1987 und wurde im Fischer Taschenbuch Verlag herausgegeben. Der Verlag hat es  im Oktober 2015 erneut herausgebracht. Es kostet jetzt als Taschenbuch 14,99 € und als Kindle-Edition 11,99 €. Unbedingte Leseempfehlung.

Freitag, 22. Juli 2016

# 60 - Wenn nichts mehr ist, wie es mal war

"Wer bin ich?" - kein Ratespiel, sondern eine überlebenswichtige Frage

 

Eine Frau wacht auf der Intensivstation eines Krankenhauses aus dem Koma auf und erinnert sich an nichts: nicht an ihren Namen, nicht an ihr Leben, nicht an die Menschen, die ihr wichtig sein könnten. Mit diesem Szenario beginnt Fremdes Leben, der neueste Roman von Petra Hammesfahr.

Ein Stückwerk aus Erinnerungen

 

Sie ist sich völlig sicher: Die Frau, mit deren Namen sie die Ärztin im Krankenhaus anspricht, ist sie nicht. Mit "Claudia Beermann"  verbindet sie rein gar nichts. Sie ist Cilly Castrup, die Frau von Achim Castrup. Und sie ist sich sicher: Ihr Mann hat ihr eine Falle gestellt, um sie loszuwerden. Ganz deutlich kann sie sich daran erinnern, dass sie mit ihm in der Dunkelheit in ihrem SUV einen Aussichtspunkt angesteuert hatte, der sich in einem Steinbruch befand. Doch dann hatte Achim von einem merkwürdigen Geräusch im Motorraum gesprochen und angehalten. Sie hatte nichts dergleichen gehört, aber das musste ja nichts heißen. Achim war ausgestiegen, hatte die Motorhaube aufgeklappt, und dann hatte sich der Wagen rückwärts den steil abfallenden Weg hinunter in Bewegung gesetzt. Sie hatte es nicht mehr bis zur Bremse geschafft; wo sich der Schalter für die Handbremse befand, hatte sie nicht gewusst. Achim hatte nur dagestanden, mit hängenden Armen, und ihr ausdruckslos hinterhergesehen. Er hatte keinen Finger gerührt, um ihr zu helfen. Er hatte gewollt, dass sie stirbt. Das Letzte, an das sich die Frau, die mit "Frau Beermann" angesprochen wird, erinnern kann, ist der verschneite Steinbruch und ein einsamer Bauwagen. Und die kreischende Frauenstimme, die immer wieder "Mach sie tot! Mach sie tot!" schrie.

Erinnerungen sind wie ein Kartenspiel, das immer wieder neu gemischt wird

 

Je klarer sie wird, desto mehr Erinnerungsfetzen tauchen in ihrem Kopf auf. Die sie behandelnde Ärztin klärt sie über den Grund ihrer Einlieferung ins Krankenhaus auf: Sie hatte Ende 2012, also vor fast zwei Jahren, einen so schweren Autounfall, dass ihr Leben nur noch an einem seidenen Faden gehangen hatte und sie nach dem damaligen Klinikaufenthalt in eine private Pflegestelle gebracht worden ist. Niemand hatte daran geglaubt, dass sie je wieder aus dem Koma erwachen würde. Ihr Sterben war die wahrscheinlichste Variante gewesen. 
Nachdem man sie in der Pflegestelle fast zu Tode "gepflegt" hatte, war sie mit dem Rettungswagen in dieses Krankenhaus gebracht worden. Ihr Mann hatte die private Betreuung bezahlt. 

Sie ist also verheiratet, und zwar mit einem Carsten Beermann. Doch der braucht ein paar Tage, ehe er sich zum ersten Mal an ihrem Krankenbett sehen lässt. Von ihm erfährt sie im Laufe mehrerer Besuche immer mehr Details aus ihrem Leben, an das sie sich fast nicht erinnern kann. Carstens Schilderungen zufolge war sie ein eitles, selbstsüchtiges Miststück, das auch als Mutter - einen Sohn gibt es also auch noch! - komplett versagt hat. Sie soll sogar fremdgegangen sein.
Wie, um noch alles zu verschlimmern, tauchen immer wieder Erinnerungen auf, die sie in einem noch schlechteren Bild erscheinen lassen: Sie sieht einen an der Decke baumelnden Mann, eine junge Frau, die erstochen in einem brennenden Bett liegt und einen kleinen Jungen, der sich in einem Gitterbettchen in der brennenden Wohnung befindet und weinend nach seiner Mama ruft. Ihr ist völlig klar, dass sie es war, die die Frau umgebracht hat und dass sie nichts getan hat, um deren Sohn vor dem sicheren Feuertod zu retten.

Ein Mordversuch ist nicht genug

 

Die Zeichen verdichten sich, dass es sich bei der Patientin tatsächlich um Claudia Beermann handelt, aber diese Erkenntnis führt zunächst nicht unbedingt dazu, dass ihre Erinnerungslücken aufgefüllt werden würden. Sie erfährt, dass sie mit ihrem Mann zwar noch verheiratet ist, er aber mittlerweile in einer neuen Beziehung lebt und sogar wieder Vater geworden ist. Claudia Beermann schafft es, in der Rehaklinik ein Stück Selbstständigkeit zurückzugewinnen und eine kleine Wohnung zu beziehen, die ihr ihr Mann besorgt hat. Sie ist finanziell von seiner Unterstützung abhängig, weiß allerdings von ihm, dass sie Carsten vor ihrem Unfall mehrere zehntausend Euro für Umbauten in seinem Autohaus geliehen hat. Warum hatte sie das getan, wenn ihre Ehe seiner Schilderung nach längst in Trümmern lag? Und woher hatte sie so viel Geld? Nicht nur hier stößt sie auf Ungereimtheiten und ist sich nicht sicher, wem sie überhaupt vertrauen kann.
Auf der Suche nach der Vergangenheit fährt sie zum Haus, in dem sich die Pflegestelle befunden hat. Im Ort wird sie fast von einem Pkw überfahren, der ihr bekannt vorkommt und findet ihr Auto an einer ganz anderen Stelle wieder, als sie es abgestellt hatte. Für sie steht fest, dass es jemanden gibt, der sie aus dem Weg räumen will. Doch sie lässt sich nicht einschüchtern und fährt in das Dorf, in dem sie bei ihrer Großmutter aufgewachsen ist. Dort wird sie von Inge, einer früheren Nachbarin, angesprochen, die sie gut zu kennen scheint, an die sich Claudia allerdings nicht erinnern kann. Sagt Inge ihr die Wahrheit über ihr früheres Leben?

Guter Plot mit Schwächen

 

Fremdes Leben ist nicht der erste Roman, den ich von Petra Hammesfahr gelesen habe, alle vorangegangenen haben mir allerdings besser gefallen. Das Buch hatte wie erwartet einen starken psychologischen Einschlag, als Leser ist man angesichts der sehr unterschiedlichen Erinnerungen und Schlussfolgerungen von Claudia Beermann zunächst genauso ratlos wie sie. An manchen Stellen keimt eine Ahnung dessen auf, was sich an dem Tag, an dem sich das Leben der Hauptperson so grundlegend verändert hat, abgespielt haben könnte. Aber die Art, wie die Figur der Inge beschrieben wird, erinnert stark an einen selbstlosen Samariter. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Frau, die zwar im Haus gegenüber  der Großmutter wohnt, zu der der Kontakt aber immer eher oberflächlich gewesen ist, in einer Weise einsetzt, wie man sie von nahen Angehörigen oder der besten Freundin erwarten würde, finde ich relativ gering. Inge spielt allerdings eine Schlüsselrolle bei der Aufklärung dessen, was Claudia Beermann zugestoßen ist. Sie weiß außerdem bestens über deren Lebensumstände seit ihrer Kindheit bescheid. An dieser Stelle wird mir die Handlung zu unglaubwürdig.
Auch die Art und Weise, wie Claudia letztendlich mit den gewonnenen Erkenntnissen umgeht und welche Entscheidung sie bezüglich des Umgangs mit den Tätern trifft, habe ich als unwahrscheinlich empfunden.
Abgesehen von diesen Kritikpunkten ist Fremdes Leben ein Buch, das seine Leser durchgehend bei der Stange hält und für angenehme Lesestunden sorgt. 

Fremdes Leben ist im Diana-Verlag erschienen und wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.
Das Buch kostet als Hardcover-Ausgabe 19,99 €, als Audio-CD (gekürzte Lesung) 17,99 €, als epub- oder Kindle-Edition 15,99 € sowie als Hörbuch-Download (gekürzt) 13,95 €.
  

Freitag, 22. April 2016

# 47 - Eine Frau ist freiwillig dort, von wo andere fliehen

Ein Leben auf Zeit in Kabul

 

Die Autorin des heutigen Buches Ausgerechnet Kabul - 13 Geschichten vom Leben im Krieg, Ronja von Wurmb-Seibel, beschließt zum ersten Mal im Frühling 2013, in die afghanische Hauptstadt Kabul zu reisen. Bis zu diesem Zeitpunkt verbindet sie mit Afghanistan das, was sich die meisten Menschen vorstellen, wenn sie fernab irgendwo vor dem Fernseher sitzen oder in ihren Zeitungen blättern: Krieg, Terrorismus, die Taliban. Vier Wochen sollen zunächst reichen, um zu erfahren, wie es sich anfühlt, dort zu leben, wo schon seit vielen Jahren ein Krieg den anderen ablöst: 1979 der Einmarsch der sowjetischen Armee, die erst zehn Jahre später wieder abziehen sollte; ab 1992 ein jahrelanger Kampf in Kabul gegen die Taliban, der 1996 in deren Einnahme der Hauptstadt mündete; immer wieder weitere Vorstöße der Taliban und zusätzlich Kämpfe zwischen verfeindeten Milizen; im Oktober 2001 der Einmarsch der US-Armee und ihrer Verbündeten als Folge der Anschläge vom 11. September 2001; seit 2015 der Abzug der US-Truppen. Und immer wieder die Taliban.

Warum will jemand in einem Krisengebiet leben?

Das wurde Ronja von Wurmb-Seibel auch gefragt: nicht nur von ihren Angehörigen und Freunden in Deutschland, sondern auch von Afghanen. Doch trotz aller Befürchtungen verbringt sie die vier Wochen in Kabul und nutzt diese Zeit so intensiv wie möglich: Sie unterstützt ihren Übersetzer bei dessen Hausarbeit über Leni Riefenstahl, lässt sich von einem Einheimischen die Wirren der Machtspiele in Afghanistan erklären, lernt die ersten Vokabeln auf Dari und übernachtet bei einem Ausflug aufs Land mit einem Mullah und sechs weiteren Männern im selben Zimmer. In diesen vier Wochen wird ihr kurz vor ihrer Rückreise nach Deutschland bewusst, was ihr an diesem krisengeschüttelten Land gefällt: die Menschen mit ihren Witzen und Geschichten, aber auch das Gefühl, dass mit den Wahlen und dem geplanten Abzug der NATO-Truppen im folgenden Jahr etwas Großes und Neues in Afghanistan beginnen könnte. 
Doch ihr Interesse an Afghanistan entstand nicht aus sich selbst heraus: 2013 war sie als Praktikantin bei der Wochenzeitschrift DIE ZEIT beschäftigt und stieß auf der Suche nach Themen auf die Meldung, dass die Bundeswehr ihr erstes Feldlager in Afghanistan schließen würde. Sie stellte einen Antrag bei der Bundeswehr, das Lager als Journalistin besuchen zu dürfen und bekam die Genehmigung, sich vor Ort umzusehen: neun Tage in Masar-e-Scharif und weitere fünf Tage in Faisabad. Doch was sie sah, war nicht wirklich Afghanistan, sondern nur ein Stück der Bundeswehr. Zu wenig.
Nach ihrer Rückkehr arbeitet sie für ein halbes Jahr als ZEIT-Redakteurin und beschäftigt sich weiter mit Afghanistan. Genauer: Mit Menschen, die oft schon als Kinder aus ihrem Heimatland geflohen waren und nun, mit dem bevorstehenden Abzug der NATO-Truppen, nach Afghanistan zurück wollten, weil sie den Eindruck hatten, nur dort wirklich etwas für ihr Land tun zu können.
Das gibt für die Autorin den Ausschlag: Auch sie will dorthin, wo sie unmittelbar mit den Problemen Afghanistans konfrontiert ist und nicht nur aus der Ferne über das Land schreiben. 

Ronja von Wurmb-Seibel bleibt ein Jahr in Afghanistan. Sie lebt mitten unter den Menschen, schließt Freundschaften, erlebt im Wortsinn Merkwürdiges und lernt die zum Teil für sie irritierenden gesellschaftlichen Gepflogenheiten kennen. Da sind beispielsweise die Listen: Sie entscheiden darüber, ob man "dazugehört" und zu Partys eingeladen wird oder an welchen öffentlichen Orten man sich als Ausländer aufhalten darf. Die erste Sorte kann man durch gute Beziehungen beeinflussen, die zweite stellen die Arbeitgeber auf. Hält man sich an verbotenen Orten auf, kann das für die Arbeitgeber ein Grund für die Kündigung und für Versicherungsunternehmen für die Weigerung zur Schadensregulierung sein, sollte man bei einem Anschlag verletzt oder getötet werden.

Eine für uns ungewohnte Perspektive

Ronja von Wurmb-Seibel zeigt ihren Lesern, wie sie Afghanistan erlebt hat. Ihr ist dabei bewusst, dass sie sich gegenüber den Einheimischen in einer privilegierten Situation befindet: Sie hat sich freiwillig entschieden, einen Teil ihres Lebens dort zu verbringen und kann das Land jederzeit wieder verlassen. Sie verfällt nicht in eine Romantisierung des Landes und seiner Bevölkerung, sondern schildert auch Szenen wie die in einem Frauengefängnis, das sie gemeinsam mit mehreren Anwältinnen am Weltfrauentag besucht: Zahlreiche Insassinnen sind keine Kriminellen, sondern Frauen, die ihr Zuhause und ihre Männer verlassen haben, woraufhin diese sie beschuldigten, "versuchtes Fremdgehen" begangen zu haben - eine Tat, die es im afghanischen Strafrecht nicht gibt, wofür aber auch ohne jegliche Beweise Verurteilungen ausgesprochen werden. Auch Frauen, die ihre Strafe abgesessen haben, müssen befürchten, das Gefängnis nicht verlassen zu können: Dazu ist ein männlicher Verwandter nötig, der sie am Tor abholt.

Ausgerechnet Kabul - 13 Geschichten vom Leben im Krieg zeigt sehr anschaulich, in welcher Situation sich die afghanische Gesellschaft tatsächlich befindet. Nichts davon findet normalerweise den Weg in die deutsche Presse. Kein Wunder, dass unser Bild, das wir von diesem Land weit weg in Asien haben, so wenig differenziert ausfällt. Allen, die mehr über Afghanistan wissen wollen, kann ich dieses Buch unbedingt empfehlen. 

Ausgerechnet Kabul - 13 Geschichten vom Leben im Krieg  wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist bei der Deutschen Verlags-Anstalt erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 17,99 €. Die Kindle- und epub-Editionen sind für je 13,99 € erhältlich.
 

Freitag, 29. Januar 2016

# 34 - Ein Roman in zwei Epochen

 Zwei Schauplätze, zwei Zeiten

 

Ich stelle euch heute mit La Vita Seconda - Das zweite Leben das Erstlingswerk von Charlotte Zeiler vor. Sie arbeitet als Krankenschwester in einer Intensivstation, was sich in ihrem Buch positiv bemerkbar macht.


Köln/Cölln als Schicksalsstadt

 

Im Jahr 1617 findet sich die junge Franziska verletzt auf einer staubigen Straße zwischen Cölln und Jülich wieder. Nur mit Mühe kann sie sich konzentrieren, aber die Umgebung um sie herum ist ihr fremd. Auch alles, was ihr Leben ausmacht, ist aus ihrem Gedächtnis verschwunden: ihr Wohnort, der Name ihrer Eltern ... alles ist weg. Auch an den Mann, der ihr offensichtlich helfen will und sich um sie kümmert, kann sie sich nicht erinnern: Antonio. Zusammen mit seinem Begleiter bringt er Franziska zu seinem Elternhaus in Cölln, wo sie Ruhe finden und sich erholen soll. 

In einem zweiten Handlungsstrang geschieht in der Gegenwart ein schrecklicher Unfall: Eine junge Frau ist in ihrem Auto auf dem Weg zu ihrer Arbeit in einem Krankenhaus. Kurz vor dem Ziel kommt es zu einem Zusammenstoß zwischen ihrem Fahrzeug und einem Lkw, bei dem dessen Fahrer ums Leben kommt und das Auto fast von dem Vierzigtonner zerquetscht wird. Der Notarzt Mark und ein Rettungssanitäter sind als erste am Unfallort und können die schwer verletzte Autofahrerin ins Krankenhaus bringen. Dort wird sie von Oliver, Marks bestem Freund, weiterbehandelt.

Wie können die Leben zweier Frauen trotz der zeitlichen Distanz umeinander kreisen?

 

Charlotte Zeiler hilft ihren Lesern dabei, die beiden unterschiedlichen Handlungsstränge auseinanderzuhalten: Bei jedem Wechsel in die jeweils andere Epoche ändert sich nicht nur die Schriftart, sondern auch die Zeit: Die Kapitel, die in der Gegenwart spielen, sind im Präteritum, die Handlung im 17. Jahrhundert ist im Präsens formuliert. Ohne die klare Strukturierung würde es vermutlich schwerfallen, jeden Handlungsverlauf für sich zu verfolgen.

Doch es bleibt lange rätselhaft, was die Schicksale der beiden Frauen miteinander zu tun haben könnten. Gemeinsam ist ihnen, dass sich in beiden Epochen eine Liebesgeschichte anbahnt: Mark, der von seiner früheren Verlobten betrogen wurde und monatelang keine Freude mehr am Leben hatte, fühlt sich zu der Autofahrerin hingezogen und besucht sie sogar, als sie wegen der Schwere ihrer Verletzungen in die Uni-Klinik Köln verlegt wird. Ihr ist das allerdings nicht bewusst: Sie liegt im Koma auf der Intensivstation. Mark erfährt auch bald ihren Namen, weil man in der Uniklinik irrtümlich annimmt, dass es sich bei der Patientin um seine Freundin handelt: Leya Volta. Er hat den Eindruck, ihr schon einmal begegnet zu sein, kann sich aber zunächst nicht daran erinnern, wo oder in welchem Zusammenhang er Leya bereits kennengelernt haben könnte.

Auch Franziska hat großes Gefallen an ihrem Retter Antonio gefunden, der sich als ein Sohn des Pfalzgrafen Wolfgang Wilhelm entpuppt. Doch schon kurz nach ihrer Ankunft im Haus des Pfalzgrafen kann Franziska nicht mehr sprechen. Auch ihre Erinnerung an ihr Leben vor dem Augenblick ihrer Rettung ist nicht zurückgekehrt. So beginnt die Suche nach ihrer wahren Identität. Doch schon bald ahnt sie, dass sie im Haushalt des Pfalzgrafen eine Feindin hat. Diese Ahnung soll sich tatsächlich bestätigen.


Vorsicht Spoiler!


Es fällt mir bei La Vita Seconda - Das zweite Leben sehr schwer, den weiteren Verlauf des Romans zu beschreiben, ohne zumindest einen Hinweis zu geben, was hinter diesen beiden Geschichten steckt. Charlotte Zeiler hat sich eines ungewöhnlichen Schreibstils bedient, an den man sich zu nächst gewöhnen muss, der jedoch das Verständnis für die Hintergründe erleichtert. Ihre medizinischen Fachkenntnisse, die an vielen Stellen deutlich werden, tragen ebenfalls dazu bei, dass die Handlung immer glaubwürdig bleibt.

Das Buch ist als Taschenbuch zum Preis von 9,95 € und als Kindle-Edition für 2,99 € erhältlich.

 

Montag, 30. November 2015

Der November hielt eine gute Mischung bereit

Aktuelles, Spirituelles, Spannendes, Weltbewegendes...

 

Dieser November hielt eine ziemlich breite Palette von völlig verschiedenen Büchern bereit. Es lag allerdigs ein klarer Schwerpunkt auf informativen Büchern.


Am 6. November ging es los mit Es regnet Geld für ein Weltkonto - Die Tausendstel-Frage. Joachim Ackva, der mit spektakulären Geldverschenkungen in deutschen Großstädten auf sich aufmerksam gemacht hatte, macht sich darin Gedanken, wie man die wichtigsten Weltprobleme lösen könnte. Seine Idee sieht auf den ersten Blick fast schon zu banal aus, um zu funktionieren, lohnt aber auf jeden Fall näheres Hinsehen. In einem Interview beim WDR erklärt er, was es mit einem Weltkonto auf sich hat.

Da ich der Meinung bin, dass Ackvas Theorie weiterverfolgt werden sollte, aber bislang noch ein paar Schwächen hat, vergebe ich für dieses Buch

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Für das Buch, das ich eine Woche später vorgestellt habe, wünsche ich mir, dass es besonders viele Leser erhält. Mit dem Kochbuch Fadi kocht syrisch setzen sich der ehemalige syrische Fernsehkoch Fadi Alauwad und seine zehn ehernamtlichen Helfer dafür ein, dass den notleidenden Kindern in Syrien geholfen wird. Die Erlöse aus dem Buchverkauf werden komplett an den Verein Syrienhilfe e. V. weitergeleitet, der davon Lebensmittel, Unterkünfte sowie medizinischen und seelischen Beistand für Kinder in Syrien finanziert. Auch hierüber hat der WDR einen Fernsehbeitrag ausgestrahlt, diesmal in der Sendung Lokalzeit aus Aachen vom 26. November 2015.
Daran, wie ich dieses Kochbuch bewerte, gibt es nicht nur wegen des Hilfsprojekts, sondern auch wegen der tollen Rezepte und brillanten Fotos keinen Zweifel:

 


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Am 13. November 2015, eine Woche vor der Veröffentlichung des Blogbeitrags, schlug der "Islamische Staat (IS)" in Paris zu: Bei mehreren Anschlägen kamen insgesamt 130 Menschen ums Leben. Grund genug, das Buch Die schwarze Macht von Christoph Reuter vorzuziehen. Der Journalist beschäftigt sich darin nach vielen Recherchen mit den Anfängen und Strukturen des IS und beleuchtet anschaulich und sachlich die Hintergründe, die dessen rasanten Aufstieg seit 2010 erst möglich gemacht haben. Wer sich wirklich mit diesem Thema beschäftigen und es verstehen will, kommt nicht um dieses Buch herum. Christoph Reuter hat für Die schwarze Macht am 25. November 2015 den Sachbuchpreis von NDR Kultur erhalten.Der NDR hat zur Preisverleihung ein kurzes Video veröffentlicht.
Über die Bewertung für dieses Sachbuch muss ich nicht lange nachdenken:








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Der letzte Freitag im November hielt ein Buch für Menschen bereit, die sich nicht im Klaren waren, ob die Botschaften der Bibel richtig interpretiert werden und was Gott von ihnen erwartet - oder sie von ihm erwarten können. Detlev F. Neufert sorgt mit Jesus - Das Interview hier für Abhilfe. In einem Interview, das er mit Gottes Sohn führt, werden viele der Themen besprochen, die zahlreichen Menschen auf der Seele brennen: Gibt es Engel? Was kommt, wenn wir gestorben sind? Ist Jesus Kommunist? 
Einen ersten Eindruck gibt es mit dieser Leseprobe: 







Da ich nicht rundum zufrieden mit diesem Buch war, gibt es hierfür

und 1/2 Daumen.





Ich freue mich auf die Bücher im Dezember und auf eure Besuche bei Inas Bücherkiste.


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Freitag, 18. September 2015

# 16 - Leben, Liebe und Ehre - was ist wirklich wichtig?

Wie wahr ist die Wahrheit?


Heute geht es um den Roman Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert, dessen deutschsprachige Ausgabe erstmals 2013 im Piper Verlag veröffentlicht wurde. Der Autor Joël Dicker stellt zwei Männer in das Zentrum seines Romans.


Beste Freunde halten zusammen

 

Da ist Marcus Goldman, ein Schriftsteller, der im Herbst 2006 mit 28 Jahren sein Erstlingswerk veröffentlicht und damit einen Riesenerfolg gelandet hat. Eine Zeit lang war sein Name in aller Munde, doch nun erwartet sein Verleger, dass er seinen Vertrag erfüllt und vier weitere Bücher vorlegt. Aber es geht einfach nicht: Marcus setzt sich immer wieder an seinen Computer und versucht, einen weiteren Bestseller zu schreiben, aber er bringt nichts Brauchbares zu Papier. Die „Schriftstellerkrankheit“ hat ihn voll im Griff. Auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskrise ruft er im Februar 2008 seinen langjährigen Mentor Harry Quebert an und bittet ihn um Hilfe.

Quebert ist ebenfalls Schriftsteller und zehrt seit 33 Jahren von seinem Bucherfolg mit dem Titel "Der Ursprung des Übels", in dem es um eine unmögliche Liebe geht. Dieser Roman machte ihn auf einen Schlag berühmt und wohlhabend. Ein ähnlicher Erfolg ist ihm seitdem nicht mehr geglückt.
Harry Quebert war damals zuvor von New York in die Kleinstadt Aurora gezogen, einem (fiktiven) Ort im US-Bundesstaat New Hampshire. In dieser ziemlich spießigen und provinziellen Umgebung ist er seitdem geblieben - allein lebend in seinem Haus an einem Meeresarm, dem Goose Cove.
Goldman und Quebert kennen sich seit 1998: In diesem Jahr begann der 20-jährige Goldman sein Literaturstudium am Burrows College in Massachusetts, wo der damals 57-jährige Quebert als Professor tätig war. Quebert hat früh das Talent des jungen Studenten erkannt und ihn während seiner ganzen Collegezeit unterstützt und motiviert. Daraus hat sich eine tiefe und von gegenseitigem Respekt geprägte Freundschaft entwickelt. Quebert will Goldman aus seiner Krise heraushelfen und lädt ihn zu sich ein.


Plötzlich ist alles anders - eine unfreiwillige Zeitreise in die Vergangeheit beginnt

 

Als sich Goldman allein in Queberts Haus aufhält, stößt er zufällig auf eine Schachtel, die Fotos, Zeitungsartikel und den Liebesbrief einer gewissen Nola enthält. Quebert weiht daraufhin Goldman in sein größtes Geheimnis ein: Die nur 15-jährige Nola war die große Liebe seines Lebens, doch wegen des großen Altersunterschiedes von 19 Jahren haben beide ihre Beziehung geheim gehalten. Eines Abends Ende August 1975 wurde sie von einer Nachbarin blutend gesehen und verschwand danach spurlos. Niemand hat seitdem wieder etwas von ihr gehört.
Goldman verspricht Quebert, niemals darüber zu sprechen und reist im März 2008 nach New York ab, um sein Buch zu schreiben. Die Zeit drängt: Sein Verleger hat ihm hierfür ein Ultimatum von drei Monaten gesetzt.
Doch am 12. Juni 2008 ändert sich die Situation von einer Minute auf die andere: Nolas Leiche wird bei Gartenarbeiten auf Queberts Grundstück gefunden. Um ihren Hals trägt sie eine Ledertasche, in der sich das Manuskript von "Der Ursprung des Übels" befindet, versehen mit der handschriftlichen Widmung 'Adieu, allerliebste Nola'. Eine Schädelverletzung lässt darauf schließen, dass sie ermordet wurde. Harry Quebert wird als dringend tatverdächtig festgenommen.
Goldman ist von dessen Unschuld überzeugt und bricht sofort nach Aurora auf, um seinem Freund zu helfen. Er wohnt in Goose Cove und ermittelt zunächst auf eigene Faust, später dann zusammen mit Seargant Gahalowood. Doch es gibt jemanden, dem es offenbar nicht gefällt, dass der Schriftsteller eigene Nachforschungen durchführt: Mehrmals findet Goldman Drohbriefe, dann gehen schließlich das Auto und kurz darauf auch das Haus von Quebert in Flammen auf.
"Der Ursprung des Übels" fällt mit dem Beginn der Ermittlungen gegen Quebert in Ungnade: Der Autor ist in den Augen der Bevölkerung nichts weiter als ein Pädophiler, der seine Gelüste unter dem Deckmantel einer angeblich unschuldigen Liebe ausgelebt hat. Alle Exemplare des Romans werden aus den Buchläden und öffentlichen Bibliotheken entfernt, das College entlässt ihn, Queberts Ruf ist ruiniert.

Goldman gibt dem Drängen seines Verlegers nach und erklärt sich bereit, über seine Ermittlungen ein Buch zu schreiben. Dieser bietet ihm dafür 1 Million Dollar an und sorgt im Hintergrund für eine gut geölte PR-Kampagne.


Es wird kompliziert

 

Ein graphologisches Gutachten beweist, dass die Widmung auf dem bei Nola gefundenen Manuskript nicht von Quebert geschrieben wurde. Damit bricht der Hauptbelastungspunkt der Staatsanwaltschaft weg, und Quebert wird freigelassen. Doch wer hat dann Nola getötet, wenn es nicht der Schriftsteller war? Goldman und Sergeant Gahalowood gehen in die Vergangenheit Auroras zurück und finden zahlreiche bislang gut gehütete Geheimnisse. Je mehr das Buch auf die Lösung des Mordfalls zugeht, umso mehr nimmt die Handlung Fahrt auf: Es werden weitere Verdächtige ausgemacht, es passieren ein Mord und ein vermeintlicher Selbstmord, ein reicher Unternehmer wird zu einem Outing genötigt.

Die Wahrheit über Harry Quebert ist nicht nur ein Kriminalroman. Er beleuchtet auch, wie sich die Freundschaft zwischen den beiden Schriftstellern verändert und thematisiert (Selbst-) Betrug und Lebenslügen. Obwohl der Roman etwa 720 Seiten umfasst, habe ich ihn in wenigen Tagen gelesen. Nach den letzten Zeilen ging es mir so, wie es im Nachwort mit einem Satz von Harry Quebert beschrieben wird: "Ein gutes Buch ist ein Buch, bei dem man bedauert, dass man es ausgelesen hat." 
So ist es.

Danke!

Das Buch Die Wahrheit über Harry Quebert wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich ganz herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorhandene Exemplare innerhalb eines Werktages. 
Die Kontaktdaten und Öffnungszeiten gibt es hier: Hemminger Buchhandlung