Posts mit dem Label Flüchtlinge werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Flüchtlinge werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 24. Oktober 2024

# 457 - Allein durch die Wüste - eine wahre Geschichte über die Flucht eines Kindes

Vor 25 Jahren wird ein neunjähriger Junge auf eine
lange und gefährliche Reise von El Salvador nach Tucson, Arizona, geschickt. Der Versuch, ein reguläres Visum zu bekommen, ist da bereits gescheitert. Er wird einem Schlepper anvertraut, sein Großvater begleitet seinen Enkel auf der Busfahrt durch Guatemala bis nach Ocós an der mexikanischen Grenze. Ab dort ist das Kind auf sich allein gestellt. Dieses Kind ist der Autor Javier Zamora, der diese unglaubliche und rd. 6.000 Kilometer lange Reise in seinem Buch Solito beschreibt. Der Titel trifft die Sache genau, denn 'solito' bedeutet 'allein'.

Javiers Eltern sind schon einige Jahre zuvor als "Illegale" in die USA geflüchtet. Der zwölfjährige Bürgerkrieg in ihrer Heimat hatte zu einer Gewaltspirale geführt und El Salvador auch wirtschaftlich zerrüttet. Doch 1999 beschließt die Familie, dass Javier seinen Eltern nach 'La USA' folgen soll. Für den Jungen wird ein Traum wahr.

Javier kennt seinen Vater, der zuerst das Land verlassen hat, nur noch durch regelmäßige Telefonate und weiß durch Fotos, wie er aussieht. An seine Mutter kann er sich jedoch gut erinnern. Die Fotos zeigen seine Eltern vor schönen Häusern, die gepflegte Gärten und Swimmingpools haben. Javier schließt daraus irrtümlich, dass auch sie in solch einer Umgebung leben. Das steigert - neben seiner Sehnsucht nach ihnen - seine Vorfreude auf das neue Leben in den USA.

Javier fährt auf dem Pazifik in einem überladenen Boot von Ocós (Guatemala) nach Oaxaca (Maxiko); er schläft mit seiner Flüchtlingsgruppe in billigen Motels oder überfüllten Wohnungen und läuft nachts durch die eiskalte Wüste, die sich am Tag wie ein brütend heißer Ofen anfühlt; er erlebt Gewalt und Korruption und verbringt eine Nacht und einen Tag in der überfüllten und stinkenden Sammelzelle eines amerikanischen Grenzgefängnisses. Menschen, die mit der Gruppe nicht mehr Schritt halten können, werden in der Wüste zurückgelassen.

Doch Javier hat Glück: Er bekommt unterwegs Hilfe vom 19-jährigen Chino und der 27-jährigen Patricia, die mit ihrer kleinen Tochter Carla ebenfalls auf dem Weg in die USA ist. Die Vier werden auf dem Boot bis zu ihrer Ankunft zu einem Team, das zusammenhält und aufeinander achtet. Sie erleben gemeinsam, an der Grenze ihres Traumlands zu scheitern und motivieren sich gegenseitig, nicht aufzugeben. Die Familie auf Zeit ist Javiers rettender Anker. 

Lesen?

Solito war 2022, als die Originalausgabe in den USA erschien, wochenlang auf der Bestseller-Liste der New York Times. Das Thema illegale Migration spaltet seit etlichen Jahren das Land und trieb die Wählerinnen und Wähler im Wahlkampf sowohl in diesem Jahr als auch vor vier Jahren um. Zamora hat mit seinem Buch dazu beigetragen, sich in die Situation der Migranten, gegen die Ex-Präsident Trump das Land mit einer Mauer schützen will, hineinzuversetzen. 

Javier Zamora arbeitet zwar mit konkreten Datumsangaben, es darf jedoch bezweifelt werden, dass sich ein neunjähriger Junge, der mit dem nackten Überleben beschäftigt ist, täglich Notizen macht. Seine in Romanform verarbeiteten Erlebnisse geben jedoch Einblicke, wie gefährlich eine Flucht durch Schlepper und wie groß die Hoffnung ist, die Angehörigen wiederzusehen und ein Leben in Frieden zu führen.

Zamora hat viele Jahre lang niemandem von seiner fast zehnwöchigen Flucht erzählt. Die Erlebnisse haben ihn so schwer traumatisiert, dass er sich in psychotherapeutische Behandlung begeben hat. Seine Erzählung enthält sehr viele Eindrücke aus der Perspektive eines Kindes, das sich immer wieder orientieren und eine Situation einschätzen muss: Zamora schildert Gerüche in Unterkünften oder von Menschen, das Mienenspiel von Mitflüchtlingen, Schleppern oder Polizeibeamten oder den Geschmack von Staub. Es ist der Blickwinkel eines Kindes, von dem das Verhalten eines Erwachsenen erwartet wird. Die Angst ist ein ständiger Begleiter - bis zum Schluss, als der kleine Javier hofft, dass seine Eltern ihn vom letzten Schlepper freikaufen und abholen.

Das Buch ist sehr interessant, die immer wieder eingestreuten spanischen Begriffe und Aussprüche, die im Glossar übersetzt werden, haben den Lesefluss allerdings leider gehemmt und waren für das Verständnis nicht nötig.

Zamora ist in den USA bis zur Veröffentlichung von Solito als Lyriker bekannt gewesen und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. 

Solito ist 2024 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als gebundenes Buch 26 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.


Tipp: Im Laufe der Handlung werden immer wieder Bands aus Mittelamerika und ihre bekanntesten Lieder genannt. Man muss kein Fan dieser Musik sein, aber sie sich zwischendurch anzuhören trägt dazu bei, die Atmosphäre des Buches zu erfassen.


Sonntag, 19. September 2021

# 308 - Mutti war's nicht

Das "weiß" doch praktisch jeder: Angela Merkel hat 2015 für die Flüchtlinge die Grenzen geöffnet, mit dem bekannten Ausspruch "Wir schaffen das!" tausende von Flüchtlingen motiviert, sich auf den Weg nach Deutschland zu machen und ist letztlich für stetig steigende Flüchtlingszahlen in den letzten Jahren verantwortlich. Obendrein hat sich dadurch auch das Problem der Kriminalität verschärft.

Das und noch viel mehr zum Thema "Die Kanzlerin und ihre Flüchtlingsfreundlichkeit" hat man aus zahllosen Richtungen, in Nachrichtenmagazinen ebenso wie in Talk-Shows, gehört und gelesen. Der Haken daran: Es handelt sich um Zuschreibungen, die sich leicht durch schnöde Statistiken widerlegen ließen - wenn man sich nur die Mühe machen würde.

Der Autor Gerd Hachmöller hat mit seinem Buch Mutti war's nicht genau das getan: Er ist einer Vielzahl von vermeintlich gesicherten Erkenntnissen, die die Kanzlerin als diejenige, die die Zuwanderung von Flüchtlingen  angekurbelt hat, benennen, nachgegangen. Spoiler: Die vier oben beispielhaft genannten Zuschreibungen sind alle falsch. Hachmöller erklärt darüber hinaus, wie es zu den Bildern und Schlagzeilen kam, die diesen Eindruck weiter unterfüttert und nicht zuletzt auch Politikern und Bürgern am rechten Rand Munition für ihre Angriffe gegen Merkel gegeben haben. 

Auch mit der Behauptung, Deutschland habe von den Regelungen des Dublin-Abkommens profitiert, räumt Hachmöller auf. Er erklärt außerdem, warum entgegen der oft geäußerten Ansicht, Deutschland müsse sich mit Italien und Griechenland solidarischer zeigen, die Faktenlage belegt, dass im Gegenteil von diesen beiden Ländern hinsichtlich der Flüchtlingsthematik mehr Solidarität nötig wäre. Ähnlich sieht es mit der Türkei als Aufnahmeland aus: Hachmöller erläutert, dass sich der türkische Staat so gut wie nicht um die Flüchtlinge gekümmert hat und ihnen grundlegende soziale Leistungen wie z. B. den Zugang zum Gesundheitssystem oder zu schulischer Bildung verwehrt hat.

Warum sind so viele dieser Mythen derart beständig in Umlauf und werden gebetsmühlenartig wiederholt? Hier kann auch Hachmöller nur Mutmaßungen anstellen, aber darum geht es in seinem Buch auch nur am Rande.

Mutti war's nicht steht auf der Longlist für den Jugendsachbuchpreis 2021, richtet sich aber an alle politisch Interessierten.

Lesen?

Mit seinem Buch widerlegt Gerd Hachmöller zahlreiche immer wieder geäußerte Legenden, die sich um die Kanzlerin und die Flüchtlinge ranken. Wem daran liegt, sich ein realistisches Bild über diese Thematik zu machen, sollte Mutti war's nicht lesen.

Mutti war's nicht ist im Goldegg Verlag erschienen und kostet 22 Euro.

Freitag, 5. März 2021

# 280 - Es ist alles so optimal hier

Theresa Hannig hat mit ihrem Debütroman Die Optimierer einen Blick in unsere Zukunft geworfen. 

Wir sind im Jahr 2052 und Deutschland ist kaum noch wiederzuerkennen: Die Europäische Union gibt es seit 2031 nicht mehr, Deutschland ist nun Mitglied der BEU, der 'Bundesrepublik Europa'. Zur BEU gehören außerdem Norwegen, Polen, Dänemark, Östereich, Frankreich, die Benelux-Länder sowie die Schweiz. Um die BEU wurde ein Grenzzaun gezogen, um die Flüchtlingsströme - insbesondere aus dem armen Italien - draußen zu halten. Das neu eingeführte Gesellschaftssystem wird als 'Optimalwohlökonomie' bezeichnet, und mit technischen Neuerungen, die angeblich zum Wohl und der Bequemlichkeit der Menschen eingeführt wurden, werden die Bürger nicht nur überwacht, sondern bis in den Schlaf hinein manipuliert. Dagegen ist 1984 von Aldous Huxley Kinderkram.

Im Mittelpunkt steht Samson Freitag. Er ist Anfang dreißig, lebt mit seiner Freundin in München und ist erfolgreicher Lebensberater. Seine Arbeit besteht darin, Bürger aufzusuchen und anhand eines standardisierten Kriterienkatalogs herauszufinden, für welche Tätigkeit an welchem Arbeitsplatz sie sich am besten eignen. Wer sich von ihm beraten lässt, muss seiner Empfehlung für mindestens zehn Jahre Folge leisten, bevor ein erneuter Termin bei der Lebensberatung möglich ist. Die übliche Grußformel "Jeder an seinem Platz!" passt da genau zum System.

Freitag ist ein Vorzeigebürger, der alles richtig machen will und die neue Gesellschaftsordnung voll und ganz unterstützt. Auf seine Eltern, die der Optimalwohlökonomie sehr skeptisch gegenüberstehen und sich immer wieder ihre kleinen Schlupflöcher suchen, blickt er mit einer Mischung aus Unverständnis und Sorge. Warum wollen sie nicht verstehen, dass die Regierung das Beste für alle will?

Neben weit verzweigten Überwachungsstrukturen zeichnet sich das Leben durch eine Reihe von Vorgaben aus. Der Verzehr von echtem Fleisch ist streng verboten; der Internetzugang ist zensiert; ein Privatauto ist nur wenigen verdienten Bürgern - darunter auch Freitag - vorbehalten, alle anderen nutzen Bahnen, Segways, Fahrräder oder sog. Kommunalautos, die sich selbst steuern; immer mehr humanoide Roboter, die kaum noch von echten Menschen zu unterscheiden sind, übernehmen im öffentlichen und privaten Bereich Aufgaben; die Partnersuche wird mithilfe der Volksdatenbank abgewickelt; klassische Schreibutensilien wie Notizbücher oder Füllfederhalter sind nostalgische Relikte aus einer fernen Vergangenheit. 

Freitags ausgeprägtes bürokratisches Pflichtgefühl hat dazu geführt, dass er fast 1.000 Sozialpunkte auf seinem persönlichen Bürgerkonto hat. Er hat sie sich durch Wohltaten und das obsessive Schreiben von Korrekturvermerken verdient. Sobald er die 1.000-Punkte-Marke erreicht hat, kann er mit einer Beförderung rechnen und auf weitere Privilegien hoffen. Freitag sieht eine glänzende Zukunft vor sich.

Aber dann kommt der Tag, an dem sich sein Leben von Grund auf ändern soll. Freitag beendet die Lebensberatung einer jungen Frau damit, dass er sie zur Kontemplation vorsieht. Damit bekommt sie bis zum nächsten Beratungstermin ein bedingungsloses Grundeinkommen, darf aber keinem Beruf nachgehen. Freitag hält sich bei seiner Entscheidung strikt an die Vorgaben und ist felsenfest davon überzeugt, auch hier richtig gehandelt zu haben. Doch schon zwei Tage später ist die Frau tot: Aus Verzweiflung über ihr Schicksal hat sie sich das Leben genommen. Für seine Vorgesetzten bei der Lebensberatung ist klar, dass Freitags Beratung fehlerhaft war und er für den Suizid verantwortlich ist. Er wird vom Dienst suspendiert. 

Der Verlust des angesehenen Berufs ist der Beginn einer unheilvollen Entwicklung. Freitags Freundin trennt sich von ihm, bei einem Besuch bei seinen Eltern servieren ihm diese einen echten Braten, um ihm eine Freude zu machen, und als ob das nicht schon reichen würde, schreibt Freitag einen Korrekturvermerk, in dem er einen bekannten Politiker eines Betrugs beschuldigt. Seine Sozialpunkte schmelzen zusammen wie Schnee im Sonnenlicht und binnen drei Tagen nach der Beratung der jungen Frau hat er den Status eines sog. Piretisten - eines Menschen, der in der sozialen Hierarchie auf der untersten Stufe steht und dem einige Bürgerrechte aberkannt wurden.

Lesen?

Die Optimierer zeichnet eine Welt, die von Technik dominiert wird und die Bürger in vorgegebene Handlungs- und Zukunftsschablonen zwängt. Absolut angepasstes Wohlverhalten wird belohnt, Fehler oder mangelnder Einsatz werden sanktioniert - dieses Prinzip gilt bereits heute in China. Das Land kann jedoch hinsichtlich der technischen Überwachungsmöglichkeiten bei Theresa Hannig Nachhilfe nehmen, die beschreibt, was hier tatsächlich denkbar und möglich wäre. 

Warum ein solches System, in dem individuelle Freiheiten nichts mehr gelten, von den meisten Menschen hingenommen wird, erklärt Hannig damit, dass diese mit einer bescheidenen Karriere, einem schönen Urlaub und ein bisschen Wohlstand zufrieden sind, das Wohl des Staates ihnen aber gleichgültig ist.

Hannig greift Themen auf, die seit Jahren diskutiert werden, und spinnt den Faden weiter: Klimawandel, Flüchtlinge, Wohlstand und Wirtschaftswachstum hängen miteinander zusammen. Sind politische Systeme wie die Optimalwohlökonomie Möglichkeiten, diese Probleme zu überwinden? Und führt eine vollständige Video- und Audioüberwachung der Bevölkerung zu mehr Sicherheit?

Samson Freitags Weg als sozialer Aussätziger nimmt einen Verlauf, den er sich wenige Tage zuvor nicht hätte vorstellen könnte. Das Ende des Romans ist konsequent, aber bis kurz vor dem Schluss dennoch überraschend. Die Optimierer ist ein spannend geschriebenes Buch, das uns nachdenklich machen sollte.

Die Optimierer ist 2017 im Bastei Lübbe Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 10 Euro sowie als E-Book 6,99 Euro.

Samstag, 23. Februar 2019

# 185 - Ein Dorf mit Leichen im Keller

Potztausend heißt das 2018 erschienene Buch der Autorin
A.C. Scharp, und dieser Ausruf passt angesichts der Ereignisse, die den kleinen Ort Demarchau erschüttern, genau. Dort leben die unterschiedlichsten Charaktere, und was von außen betrachtet nach einer dörflichen Idylle aussieht, erweist sich bei näherem Hinsehen als als moralischer Sumpf, der unter günstigeren Umständen unentdeckt geblieben wäre.


Was Ehrgeiz bewirkt, wenn er aus dem Ruder läuft


Obwohl: "Ehrgeiz" trifft es hier nicht ganz. Eher ist es der Wunsch, dass alles so bleiben möge, wie es gerade ist: ruhig. Das ist die Vorstellung von Demarchaus derzeitigem Bürgermeister Clemens Bohnenschäfer, der sich in seiner patriarchalischen Rolle gefällt und den Plan hat, von seinen Bürgern noch einmal gewählt zu werden. Nur eine Amstperiode noch in diesem verschlafenen Ort, und er könnte nahtlos in den Ruhestand hinübergleiten. Dazu ist normalerweise nur nötig, dass die Dinge so laufen, wie sie es schon in den letzten Jahren getan haben: geräuschlos und konfliktfrei. Doch er hat die Rechnung ohne den ortsansässigen Geschäftsmann Klaus Landgräber gemacht: Angesichts des Zustroms von Flüchtlingen nach Deutschland wittert er eine neue Einnahmequelle und beschließt, die Hälfte seines maroden Altenheims für sie zu räumen. 

Flüchtlinge in Demarchau sind ungefähr das Gegenteil dessen, was der Bürgermeister unter einem wohlgeordneten und friedlichen Dorfleben versteht. Seine Befürchtungen vergrößern sich, als er überraschend von einem Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes angerufen wird, der ihn vor Schläfern in seinem Ort warnt. Für Bohnenschäfer ist sonnenklar, dass die sich abzeichnende Terrorismusgefahr für seine Wiederwahl ein Problem werden kann, und er leitet umgehend Gegenmaßnahmen ein. Doch die weitere Entwicklung hat Ähnlichkeit mit einer langen Schlange von Dominosteinen: Einmal angestoßen, kann ihr Fall nicht mehr gestoppt werden. Der immer hilfloser agierende Bürgermeister kann nicht verhindern, dass es zu einem Brand kommt, dass Menschen sterben und die buchstäbliche Leiche im Keller ans Tageslicht kommt. Hat er noch genug Autorität, um eine weitere Eskalation zu verhindern und außerdem im Amt zu bleiben?


Wie war's?


A.C. Scharp zeichnet in Potztausend ein satirisch überspitztes Bild vom Leben in einem Dorf und zeigt, dass sich hinter den gutbürgerlichen Fassaden Neid, Gier, Hass oder Schlimmeres verbergen können. Auch, dass die Vorstellung von Fremden in dieser Gemeinschaft Ängste auslöst, ist gut nachvollziehbar. Da wird dann schnell mit einem Flüchtling ein potenzieller Attentäter assoziiert.
Der Roman ist wie die vorigen Bücher der Autorin sehr unterhaltsam geschrieben und wird nicht langweilig.
Worüber ich dann gestolpert bin, ist, dass zugunsten der oft turbulenten Handlung Sachverhalte beschrieben wurden, die nicht stimmig waren: Kein Bürgermeister hat einem Mitarbeiter eines Jobcenters Anweisungen zu geben. Er hat auch keine Möglichkeit, die Ausweisung eines Ausländers anzuordnen. Allerdings nehmen es auch etliche bekanntere Autorinnen und Autoren damit nicht so genau.

Potztausend ist ein Selfpublishing-Titel und kostet als Taschenbuch 10,99 Euro sowie als Kindle- oder epub-Edition 3,99 Euro.

Von A.C. Sharp sind auf diesem Blog außerdem Rezensionen zu ihren Büchern Gas und Galle sowie Das forensische Gemetzel erschienen.

Sonntag, 19. Februar 2017

# 88 - Fluchthilfe in Deutschland


Von hüben nach drüben – ein Risiko für alle Beteiligten




Mit Der Wels – Freiheit oder Diktatur hat Hans-Gerd Pyka seinen zweiten Roman veröffentlicht. Besonders interessant: Die Handlung ist nicht völlig frei erfunden, sondern beruht auf den Erlebnissen des in den 1960-er bis 1980-er Jahren bekannten Fluchthelfers Kay Mierendorff, der mehr als 1.000 DDR-Bürgern zur Flucht nach Westdeutschland verhalf.



Was ist die Motivation für die Fluchthilfe im großen Stil?




Am 18. Dezember 1966 beginnt für den jungen Max Weidendorf so etwas wie ein neues Leben: Der 21-Jährige tritt in Berlin eine Stelle als Leiter der Alliierten-Wohnungen in der Zehlendorfer Siedlung Onkel  Toms Hütte an. Das Viertel ist von den US-Streitkräften besetzt, amerikanische Soldaten und ihre Familien sind von nun an seine Kunden.  Zum Job gehören außer dem Monatsgehalt von 3.000 DM eine große, moderne Dienstwohnung und ein Dienstwagen. Seine Frau Carola bekommt ebenfalls eine Stelle. Doch Max weiß schon an seinem ersten Arbeitstag, dass ihm das auf Dauer nicht reicht: Er will einmal richtig viel Geld verdienen. Dieses Ziel steht für ihn über allen anderen. Schon Tage später „erweitert“ Max seine Arbeit um neue Betätigungsfelder: Er vermittelt Autos an US-Soldaten und verhökert US-Ware. Das bringt schon in den ersten beiden Wochen in der „Onkel Tom“ 2.500 D-Mark ein. Max hat Blut geleckt.



Max‘ „Karriere“ als Fluchthelfer beginnt durch einen Zufall




Als eine der Wohnungen am nächsten Tag neu vergeben werden soll, der Vormieter aber den Schlüssel nicht abgegeben hat, muss ein Handwerker kommen, um das Problem zu beheben. Es erscheint Lutz. Er bohrt das Schloss auf, weigert sich aber, sich um einen weiteren Schaden zu kümmern. Es ist Freitag, und Lutz hat eine Einreiseerlaubnis zu seiner Tante in Ost-Berlin. Tatsächlich will er in Ost-Berlin seine Freundin Julia besuchen, die nur bis Sonntag Zeit hat. Der mit Max befreundete Soldat Frank Miller spricht aus, was den Anstoß für alles Weitere gibt: „Warum holen wir das Fraulein nicht rüber?“, fragt er in gebrochenem Deutsch. Der Transfer ist sehr einfach: Zwischen West- und Ost-Berlin gibt es zu diesem Zeitpunkt keine Kontrollen für die Fahrzeuge der drei westlichen Besatzungsmächte. Doch auch, was zunächst so simpel aussieht, muss sorgfältig geplant werden. Julias Einstieg in einen Jeep der US-Army darf niemandem auffallen, und die geliehene Uniform muss Max tadellos passen. Eigentlich war diese Aktion nur als Testlauf gedacht, doch Julia beschließt, im Westen zu bleiben. Für diesen Transfer verlangt Max noch keine Bezahlung.

Durch einen weiteren Zufall kommt es zur nächsten Fluchthilfe, bei der es nun auch um Geld geht. Ilse Barnick will zusammen mit ihrem Sohn aus Ost-Berlin flüchten. Von ihrem geschiedenen Mann weiß Max, dass die Frau „Judengold“ besitzt, das von einem SS-Sturmbannführer stammt. Mit dem Gold kann sie in der DDR nichts anfangen, aber sie kann damit Max für seine Fluchthilfe bezahlen. Die Fluchthilfe gelingt, vom Gold ist anschließend keine Rede mehr. Max geht leer aus. Doch Schaden macht klug: Er lernt aus jedem Fehler und perfektioniert sein System so erfolgreich, an dem sich immer mehr Menschen, darunter einige US-Soldaten, beteiligen, dass die Fluchthilfe seine Haupteinnahmequelle wird. Die Arbeit als Hausverwalter erledigt er nebenbei und mit der Hilfe seiner Frau.

Max erreichen immer mehr Hinweise auf Menschen, die die DDR verlassen wollen. Ganz überwiegend sind es solche, die über eine akademische Ausbildung und Berufserfahrung verfügen: Ärzte und Ingenieure sind darunter, die im Westen ihr Glück finden und eine Zukunft in Freiheit haben wollen. Max bekommt eine erste Warnung der CIA, sich künftig nicht mehr der Hilfe von Mitgliedern der amerikanischen Streitkräfte zu bedienen – und ignoriert sie. Es läuft gerade einfach zu gut für ihn: Mit seiner Fluchthilfe will er einerseits unzufriedenen DDR-Bürgern zu einem besseren Leben im Westen verhelfen, andererseits aber auch Geld verdienen. Es dauert nicht lange, bis er pro erfolgreichem Transfer fünfstellige Beträge verlangt, die auch in Raten abbezahlt werden können. Carola sieht die Geschäfte ihres Mannes zwiespältig: Einerseits hat sie Angst vor den möglichen Konsequenzen, andererseits übernimmt sie ab 1968 die Buchführung und nimmt sich dafür aus dem häuslichen Tresor monatlich 1.000 DM zu ihrer freien Verfügung. In der ersten Hälfte des Jahres 1968 macht Max mit der Fluchthilfe sowie dem Handel mit Autos und US-Waren einen Gewinn von 93.000 DM. Doch im Laufe der Zeit werden sich die Eheleute zunehmend fremd, was nicht ohne Folgen bleiben soll.



Keine Flucht bleibt unbemerkt




Der spürbare Abgang von Bürgern ist natürlich auch der Staatssicherheit der DDR ein Dorn im Auge. Max fühlt sich zunächst zwar verfolgt, aber es ist nicht mehr als ein vages Gefühl, für das es keine Belege gibt. Doch im Oktober 1971 wird eine Prostituierte ermordet aufgefunden, bei der Max Stammgast gewesen ist. Mit ihr wurde ein Freier ermordet, der kurzfristig den ansonsten für Max reservierten Termin bekommen hat. Max hat zum ersten Mal Angst und legt sich eine Pistole zu. Auch Carola hat jetzt manchmal den Eindruck, verfolgt zu werden.

Mit dem ab Juni 1972 gültigen Reiseabkommen zwischen der BRD und der DDR öffnet sich für Max und seinen immer größeren Helferkreis eine neue Tür: Westdeutsche können nun ohne große Probleme nach Ost-Berlin und in die DDR reisen. Max weitet das Geschäft aus und wird dabei immer professioneller. Nur sehr selten fliegt eine Flucht auf. Er erfährt allerdings zu spät vom Plan seines Bruders Manni, einer jungen Frau und ihrem Kind zur Flucht zu verhelfen. Mannis dilettantische Aktion fliegt auf, er wird verhaftet und zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Max wird den Verdacht nicht los, dass sein Bruder ein Stück weit für ihn mit büßen soll.

Max‘ Team arbeitet später mit gefälschten Fahrbefehlen der US-Army und immer neuen trickreich umgebauten Fluchtfahrzeugen. Da findet Max Ende April 1972 den Mechaniker Jupp erhängt in seinem Haus auf; den Mann, der durch seinen Einfallsreichtum und seine handwerklichen Fähigkeiten aus einem normalen Fahrzeug ein ausgetüfteltes Fluchtfahrzeug machen konnte und so entscheidend zum Erfolg der Fluchthilfeaktionen beigetragen hat. Ein Selbstmord kann ausgeschlossen werden: Seine Hände sind ihm vor seinem Bauch zusammengebunden worden.

Die beängstigenden Erlebnisse häufen sich, und Max beschließt, die Fluchthilfe nicht mehr selbst durchzuführen, sondern sie nur noch aus der Ferne zu leiten. Mit Carola und seinen 1968 und 1970 geborenen Söhnen zieht er an die Ostsee nach Kellinghusen. Dort, so denkt er, wird ihn die Stasi sicher in Ruhe lassen. Max trägt ab sofort vom Aufstehen bis zum Schlafengehen eine schusssichere Weste. Aber er soll merken, dass er sich in der Stasi entschieden geirrt hat: Sie beginnt, sich noch mehr für ihn zu interessieren, als er eine neue Fluchtroute über die österreichisch-ungarische Grenze zu nutzen beginnt.



Ein Vermächtnis




Jürgen Weiske, ein Freund Kay Mierendorffs und Herausgeber dieses Buches, sorgte auf dessen Wunsch dafür, dass seine Erlebnisse in einem Roman aufgearbeitet wurden. Das Erscheinen von Der Wels – Freiheit oder Diktatur im Herbst 2016 hat Mierendorff nicht mehr erlebt: Er starb bereits vier Jahre zuvor an Krebs. Das Buch trägt die Widmung „gewidmet all jenen, die es nicht geschafft haben“. Es lehnt sich trotz seiner fiktiven Elemente so stark an das von Mierendorff Erlebte an, dass es starke autobiographische Züge hat. Hans-Gerd Pyka hat auf dieser Grundlage einen spannenden Roman vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte zu Zeiten des Kalten Krieges geschaffen, der durch immer wieder eingestreute Hinweise auf das damalige politische Geschehen eine große Authentizität hat.



Der Wels – Freiheit oder Diktatur ist bei epubli erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 25,99 € sowie als Kindle- oder epub-Edition 9,99 €

Freitag, 25. März 2016

# 43 - Schlauchboot trifft Kreuzfahrtschiff

Vier Schiffe und elf Schicksale

 

Das Thema Flüchtlinge und ihre Konfrontation mit Touristen gab es in diesem Blog bereits: Mit "Boat People" von Roland Künzel hatte ich im Januar ein Buch vorgestellt, das diese Konstellation aufgegriffen hat. Doch so augenscheinlich diese Übereinstimmung zum heutigen Titel sein mag, so deutlich wird der Unterschied schon nach den ersten Seiten: Havarie von Merle Kröger nimmt sich der ganzen Tragik an, die in der Situation der Flüchtlinge liegt, die in Seelenverkäufern über das Mittelmeer nach Europa fliehen. Doch die Autorin lenkt den Blick auch auf andere Personen, die in irgendeiner Weise mit ihnen in Kontakt kommen.

Das Mittelmeer als Treffpunkt der Welt

 

Das drittgrößte Kreuzfahrtschiff der Welt, die "Spirit of Europe", fährt mit 5.000 Menschen über das Mittelmeer. Unter ihnen ist auch Marwan Fakhouri, ein syrischer Arzt, der aus Aleppo geflohen ist und nun als Illegaler in der Bordwäscherei arbeitet. Doch es gibt eine Komplikation: Fakhouri bricht zusammen, und die sichtlich überforderte Bordärztin diagnostiziert eine Hirnblutung. Der Patient müsste sofort ins Krankenhaus. Doch Nikhil Mehta, der Sicherheitschef, spielt gedanklich die Alternativen durch: Der nächste Hafen Palma de Mallorca wird erst am nächsten Morgen erreicht, das ist zu spät. Die andere Option ist, einen Hubschrauber anzufordern und den Kranken nach Alicante oder Almería zu transportieren und dort operieren zu lassen. Das zöge hohe Kosten und deswegen zwangsläufig die Kritik der Konzernleitung nach sich. Seine Karriere wäre beendet, er könnte seine Familie in Indien nicht mehr unterstützen. Klar ist nur: Der Syrer muss runter von Bord, irgendwie. Mehta findet eine Lösung. Da begegnet die "Spirit of Europe" einem Schlauchboot mit Flüchtlingen in Seenot.

Im Hafen von Oran (Algerien) legt der unter irischer Flagge fahrende Frachter "Siobhan" ab. Der ukrainische Chef-Ingenieur Oleksij Lewtschenko steht an der Reling und beobachtet ein Boot der Küstenwache, das an der Mole festmacht. Ein nasses Bündel wird an Land geworfen. Lewtschenko ist klar, worum es sich dabei handelt: Um einen Toten, der aus dem Mittelmeer geborgen wurde, einen Flüchtling.

Dies sind nur zwei von elf Personen, auf die Merle Kröger in ihrem Buch den Blick wie durch ein Brennglas richtet. Alle haben eines gemeinsam: In ihren Biographien befinden sich Brüche, die sie durch ihr ganzes Leben begleiten. Das gilt für die gutsituierte Passagierin Sybille Malinowski, die in einem fortgeschrittenen Stadium an der Parkinson-Krankheit leidet und in ihrer Kindheit im 2. Weltkrieg Flucht und Vertreibung erlebt hat ebenso wie für den philippinischen Bordmusiker Joseph Quezón, der sich heimlich durch Prostitution Geld dazuverdient. Die Autorin lässt das Kreuzfahrtschiff, den Frachter, ein Seenotrettungsschiff und ein Schlauchboot, das mit anfangs 12 algerischen Flüchtlingen auf dem Weg in eine bessere Zukunft besetzt ist, einander auf dem Mittelmeer begegnen. Oft, aber nicht immer siegt bei diesen Begegnungen das Geld über die Menschlichkeit.


Ein klassischer Krimi?

Der Argument Verlag, der Havarie herausgebracht hat, hat den Titel in seine Reihe der "Ariadne Kriminalromane" eingefügt. Auch die Wochenzeitschrift DIE ZEIT führte ihn in der KrimiZEIT auf dem 3. Platz. Ich kann diese Zuordnung nicht nachvollziehen, erst recht nicht vor dem Hintergrund der Gedanken, die sich die ZEIT selbst 2010 über das, was einen Krimi ausmacht, gemacht hat. Es gibt zwei Tote, und über die Todesursache der einen Person herrscht bis zum Ende des Buches Unklarheit. Aber Tote allein machen noch keinen Krimi aus.
Merle Kröger hat für ihren Roman (diese Bezeichnung geht fast immer) einen ungewöhnlichen Sprachstil gewählt. Sie arbeitet mit kurzen, prägnanten Sätzen, die die Szenen auf den Punkt bringen. Als etwas irritierend habe ich die englischen Einsprengsel empfunden, die den jeweiligen Personen vermutlich eine coole Aura geben sollten. 
Die Personen werden dem Leser authentisch nahegebracht, sodass man sich auch in die Entscheidungszwänge der Handelnden hineinversetzen kann, ohne ihr Tun unbedingt gutheißen zu müssen. Havarie ist ein lesenswertes Buch, das seinen Lesern die Komplexität des brandaktuellen Flüchtlingsthemas etwas näherbringt. 

Merle Kröger ist auch als Filmproduzentin tätig und hat Havarie als Film herausgebracht. Die Premiere fand Anfang Februar im Rahmen der Berlinale statt.

Die gebundene Ausgabe (mit Lesebändchen) kostet 15,-- €, die epub- oder Kindle-Edition 9,99 €.


Vielen Dank!

Das Buch Havarie wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich ganz herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorhandene Exemplare innerhalb eines Werktages. 
Die Kontaktdaten und Öffnungszeiten gibt es hier: Hemminger Buchhandlung
 



 

Montag, 1. Februar 2016

Das habe ich im Januar gelesen

Wieder einmal waren die Bücher sehr unterschiedlich

 

Da ich Urlaub gemacht habe, hatte über den Jahreswechsel auch die Bücherkiste eine Pause. Das Buchjahr begann am 8. Januar mit Boat People von Roland Künzel. Nichts gegen Phantasie und eine Portion Zufall, aber bei diesem Buch fand ich die Dichte der Zufälle wirklich bemerkenswert. Der Roman hat mich nicht überzeugt und bekommt 
(von 5)















----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Am 15. Januar ging es in Nicole Neubauers Roman Kellerkind um den Mord an einer erfolgreichen Rechtsanwältin. Zunächst wird ein 14-jähriger Junge der Tat verdächtigt, der im Keller der Toten blutbesudelt angetroffen wird. Doch die Zahl der Verdächtigen steigt. Ein Buch, das mir sehr gut gefallen hat, darum gebe ich hierfür

 und 1/2 




   Eine Hörprobe gibt es hier bei Soundcloud.

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Eine Woche später habe ich euch Kind 44 von Tom Rob Smith vorgestellt. Anfang 1953 wird ein Junge tot auf den Bahngleisen eines Bahnhofs in Moskau gefunden. Ideologische Gründe verhindern polizeiliche Nachforschungen und sorgen dafür, dass der Mörder diesem noch mehrere Dutzend weitere Opfer hinzufügt. Der degradierte Geheimdienstoffizier Leo Demidow erkennt das System dahinter und beginnt, heimlich zu ermitteln.
Bei diesem Roman muss ich nicht lange überlegen:











 

Robert Hofmann hat den Film, der sich sehr nah an das Buch hält, in einem Video besprochen.

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------


Den Abschluss für diesen Monat bildete La Vita Seconda - Das zweite Leben von Charlotte Zeiler. Ihr Roman rankt sich um zwei Frauen, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts bzw. in der Gegenwart einen Schicksalsschlag erleiden. Ihn bewerte ich mit 






Wenn ihr mehr über die Autorin wissen möchtet, dann geht das über ihre Homepage.







Ich hoffe, euch hat die Auswahl gefallen. Die Bücherkiste macht mit dem nächsten Buch am 5. Februar weiter.

Freitag, 8. Januar 2016

# 31 - Afrikanische Armut trifft europäischen Lifestyle

Ein Verwirrspiel vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise

 

Dieses Buch ist eine Premiere für meinen Blog: Zum ersten Mal stelle ich hier mit Boat People von Roland Künzel ein E-Book vor. Der Roman ist in seiner ersten Auflage bereits im Januar 2015 erschienen und beschäftigt sich in erster Linie mit der Flüchtlingsproblematik, die seit Monaten das meistdiskutierte Thema in Europa ist. Die mir vorliegende zweite Auflage wurde im November 2015 herausgegeben.

Gran Canaria als Ziel der Träume

 

Auf der Kanareninsel Gran Canaria treffen sich gut situierte Touristen aus ganz Europa zu einem 5-Sterne-Luxusurlaub, der keine Wünsche offen lässt. Eine Gruppe von 23 Urlaubern, die aus 22 Erwachsenen und einem 8jährigen deutschen Mädchen besteht, hat einen Piratenabend gebucht mit allem, was dazu gehört: Eine Fahrt auf einer komfortablen Segelyacht in Piratenkostümen ist ebenso Teil des Arrangements wie ein zünftiger, feucht-fröhlicher Abend am Lagerfeuer in einer der einsamen Buchten. Das Leistungspaket beinhaltet selbstverständlich den Rücktransfer ins Hotel per Yacht und Bus, doch zum vereinbarten Zeitpunkt ist kein Schiffsführer in Sicht, der die überwiegend sturzbetrunkene Gruppe aufnehmen könnte. Das Servicepersonal entschließt sich zu vorgerückter Stunde trotzdem, Feierabend zu machen und verlässt die Hobby-Piraten, da praktisch minütlich mit dem Eintreffen der Yacht zu rechnen ist.

Zum selben Zeitpunkt steuert ein Fischerboot die Insel an, das 22 Erwachsene und einen Jungen von der nordafrikanischen Küste an den nächstliegenden Ort der EU bringt - Gran Canaria. Die 23 Afrikaner fliehen vor der wirtschaftlichen Aussichtslosigkeit in ihrer Heimat und erhoffen sich in Europa ein besseres Leben. Für die Überfahrt haben die Schleuser viel Geld verlangt, wofür oft die ganze Familie gemeinsam aufgekommen ist.
Die beiden Schleuser setzen ihre Flüchtlingsgruppe in einer der Buchten Gran Canarias ab. Von dort aus sollen die Afrikaner mit einem anderen Boot weitertransportiert werden. Doch schon kurz nachdem das Fischerboot die Heimfahrt in Richtung Afrika angetreten hat, werden die Schleuser von ihrem afrikanischen Mittelsmann darüber informiert, dass sich die afrikanischen Staaten im Rahmen des kürzlich in London geschlossenen europäisch-afrikanischen Abkommens dazu verpflichtet haben, die von dort ausgehenden Flüchtlingsströme zu stoppen und bereits in Europa angekommene afrikanische Flüchtlinge zurückzunehmen.
Im Gegenzug sagen die europäischen Staaten zu, Afrika dabei zu unterstützen, die dortigen Lebensverhältnisse deutlich zu verbessern. Das ist den beiden Schleusern in diesem Moment jedoch nicht so wichtig: Sie haben den Auftrag, die ausgesetzten 23 Flüchtlinge schleunigst wieder einzusammeln und auf direktem Wege zurück nach Afrika zu bringen, um diplomatisches Unheil zu vermeiden. Sollte ihnen das nicht gelingen, droht den beiden bei ihrer Rückkehr massiver Ärger mit dem britischen Hafenkommandanten John Hopkins in der Hauptstadt Nouakar, der von dem Verschwinden der Menschen noch nichts bemerkt hat.

Wenn es mal nicht nach Plan geht...

 

Die Schleuser machen sofort kehrt und fahren zurück nach Gran Canaria. Sie können sich allerdings nicht mehr genau erinnern, an welcher der Buchten sie die Flüchtlinge abgesetzt haben. Als sie ein Lagerfeuer sehen, halten sie direkt darauf zu. Doch sie treffen nicht auf die Afrikaner, sondern auf die Touristengruppe, die immer noch auf ihre Passage wartet. Da die Zeit drängt, beordern sie kurzerhand die Reisenden auf das Boot, die das zunächst noch für einen amüsanten Teil des Piraten-Ausflugspakets halten. Doch als der Bootsführer von ihnen verlangt, sich die Haut mit altem Motoröl einzureiben, um vor dem Hafenkommandanten in Afrika möglichst als Schwarze durchzugehen, keimt bei denjenigen, die noch halbwegs nüchtern sind, das erste Misstrauen auf. Für alle beginnt nun eine Odyssee, die sie ihr Leben lang nicht vergessen werden.

Auch die Flüchtlinge erleben eine interessante Zeit. Sie werden von einer eleganten Yacht abgeholt und an Bord mit köstlichen Getränken bewirtet. Ihre sehr einfache Kleidung erregt kein Misstrauen: Sie wird vom Bordpersonal sogar als besonders originelle Kostümierung gelobt. Nur die dunkle Haut der Menschen macht kurz skeptisch, aber warum soll es nicht auch wohlhabende Afrikaner geben, die sich eine so teure Reise erlauben können?
Die Vorzugsbehandlung setzt sich im Hotel fort, alle Flüchtlinge beziehen komfortable Suiten und werden erstklassig verpflegt. Als sich herausstellt, dass "ihr" Gepäck abhanden gekommen ist, dürfen sich die 23 Fremden auf Kosten der Hotelleitung neu einkleiden - selbstverständlich nur mit teurer Designerkleidung. Doch der Irrtum, den die Afrikaner fälschlicherweise als europäische Großzügigkeit interpretieren, fliegt auf, und die Gruppe wird sang- und klanglos in ein Flugzeug gesetzt, das sie zurück in ihre Heimat bringt.

Im Verlauf der weiteren Handlung begegnen sich die beiden so unterschiedlichen  Gruppen in Afrika, und es kommt zu weiteren Verwicklungen. Die Geschichte nimmt einen unerwarteten Verlauf und endet mit einem Ereignis, das sich auch ein phantasiebegabter Leser über weite Teile des Buches nicht vorstellen kann: Die Queen löst die Frage der Thronfolge auf ziemlich unorthodoxe Weise, was weltweit Begeisterung hervorruft.

Ein - eigentlich - ernstes Thema wird zu einer Folge von unerwarteten Begebenheiten

 

Ich habe selten ein Buch gelesen, das aus so vielen unwahrscheinlichen Elementen bestand, die dazu dienten, den Fortschritt der Handlung und so etwas wie Spannung am Leben zu erhalten. Im Hintergrund wabert immer eine Parallelgeschichte, die aus der Sorge um den Untergang des britischen Königshauses besteht: Einer bereits König Karl II. überlieferten Legende nach gehen die britische Monarchie und das gesamte Königreich unter, sobald die Tower-Raben den White Tower verlassen. Da in Boat People nicht nur die Raben kränkeln, sondern auch der White Tower einzustürzen droht, ist die betagte Queen auf der Suche nach einer Nachfolgeregelung, mit der diese Entwicklung aufgehalten werden kann. Sie findet sie, aber das Zustandekommen ihrer Entscheidung und die "Personalauswahl" selbst sind meiner Ansicht nach an den Haaren herbeigezogen. Auch andere Handlungsstränge sind dermaßen konstruiert, dass ich mich gefragt habe, ob das Buch als Satire gemeint war und deshalb mit bewussten Übertreibungen gearbeitet wurde. 
Schon der Beginn der Haupthandlung mit den identischen Gruppengrößen baute auf einer großen Portion Zufall auf; auch, dass der Hafenkommandant sich die zurückgekehrten "Flüchtlinge" nicht so genau anschaut und sie als Afrikaner ansieht, ist doch ziemlich weit hergeholt: Nach der Schilderung von Roland Künzel entsprachen die echten Flüchtlinge dem Bild, das sich Europäer im Allgemeinen von Afrikanern machen. Hopkins jedoch fällt nicht auf, dass die Gesichtszüge und Augenfarben nichts Afrikanisches an sich haben.
Es gibt noch mehr Ungereimtheiten, die mich fast dazu gebracht hätten, das Lesen dieses Romans abzubrechen. Doch dann hat die Neugier gesiegt: Was würde sich der Autor als Nächstes einfallen lassen, um seine Leser bei der Stange zu halten?
Ich muss es wohl nicht besonders betonen, aber BoatPeople hat meine Erwartungen nicht erfüllt. Die Grundidee ist gut, aber die Ausgestaltung hat mich nicht überzeugt. 

Ich bedanke mich für die Bereitstellung des Buches bei Blogg dein Buch. Das Buch ist beim Verlag epubli GmbH erschienen und kostet als Softcover-Ausgabe 9,95 € sowie als E-Book 2,99 €.