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Freitag, 25. Juni 2021

# 296 - Was man von hier aus sehen kann

Mariana Leky hat die Handlung ihres Bestsellers Was
man von hier aus sehen kann
 in ein Dorf im Westerwald verlegt. Im Mittelpunkt steht Luise, deren Leben von ihrem zehnten bis etwa dreißigsten Lebensjahr nachvollzogen wird und die hier als Ich-Erzählerin auftritt.

Luises auffallendstes Wesensmerkmal ist ihre Passivität. Sowohl als Kind als auch Heranwachsende kann man über sie nur sagen: Sie läuft immer irgendwie mit. Das ist umso auffälliger, als die anderen Personen, mit denen sie ständig mehr oder weniger Kontakt hat, mindestens mit dem Attribut 'speziell' bedacht werden können. Ihre Großmutter Selma träumt hin und wieder von einer Begegnung mit einem Okapi, und alle im Dorf wissen, was das bedeutet: Innerhalb der nächsten 24 Stunden wird jemand von ihnen sterben. In einem Fall auch viel zu jung und zu tragisch. Doch Selmas Schwägerin Elsbeth weiß auch hier mithilfe ihres Aberglaubens Rat. Keinen Rat weiß sich leider der Optiker: Er war bis zu dessen Tod der beste Freund von Selmas Mann Heinrich. Heinrich lebt schon seit Jahrzehnten nicht mehr, und fast genau so lange liebt der Optiker die Witwe - hat aber nicht den Mut, ihr seine Gefühle zu gestehen. Luises Eltern nehmen wie der örtliche Einzelhändler, die mürrische und immer nörgelnde Marlies oder der Jäger Palm Nebenrollen ein, die restlichen Dorfbewohner spielen keine Rolle.

Das Dorf folgt den Klischees, das man ihm allgemein zuschreibt: Jeder bewegt sich in seinen Bahnen, man findet sich manchmal gegenseitig seltsam, hält aber zusammen, wenn es darauf ankommt. Was im Geheimen unter vier Augen erzählt wird, findet in kurzer Zeit seinen Weg zu vielen weiteren Ohren. Leky beschreibt diesen Zusammenhalt teils sehr amüsant, teils aber auch irritierend. Hier und da fragt man sich, wie viel Skurrilität eine Gemeinschaft verträgt, bevor jemand die Nerven verliert.

Selma ist unbestritten der Mittelpunkt des Dorfes oder zumindest derjenigen, die in diesem Roman eine Rolle spielen. An ihrem Küchentisch wird gelacht, getröstet und geweint. Sie gibt den Menschen um sich herum Halt und erlebt mit, dass sich ihre Enkelin Luise mit 22 Jahren verliebt. Luise hat Frederik zufällig am Waldrand in der Nähe des Dorfes kennengelernt. Er ist ein aus Hessen stammender buddhistischer Mönch und lebt in einem Kloster in Japan. Im Gegensatz zu ihr hat Frederik sich bewusst für dieses Leben entschieden, während Luise feststellt, dass ihr Dinge immer nur widerfahren sind und sie nie zu etwas Ja, sondern immer nur nicht Nein gesagt hat.

Die Liebe, die sich unerwartet in Luises Leben breitgemacht hat, droht wegen Frederiks Lebensentwurf und der großen Entfernung zwischen den beiden immer wieder unterzugehen. Zehn Jahre lang halten die jungen Leute per Brief und telefonisch den Kontakt. Luise bekommt immer wieder von ihrer Oma und dem Optiker einen dezenten verbalen Schubs, der sie daran erinnern soll, Frederik nicht aus den Augen zu verlieren. An diesem Punkt, als sie sogar dem Rat ihrer resignierenden Oma folgt, sich mit einem Mitschüler aus der Berufsschule zu treffen, ist Luises Trägheit kaum noch auszuhalten. Doch ein einschneidendes Ereignis bringt den Optiker dazu, einzugreifen - was Luise immer noch nicht möglich war.

Lesen?

Was man von hier aus sehen kann enthält viele Metaphern, die die Gefühle, Beziehungen und Verhältnisse quasi durch die Hintertür erklären. Leky schildert mit einem ganz besonderen Humor das scheinbar ereignislose Leben in diesem kleinen Dorf, das immer wirkt, als spielte sich außerhalb seiner Grenzen kaum etwas anderes Wesentliches ab.

Der Tod spielt in diesem Roman eine große Rolle. Jeder Todesfall verändert die Menschen, die davon betroffen sind, und lässt sie nicht nur spüren, dass ihr eigenes Leben ebenfalls endlich ist, sondern auch, dass die Zeit vergeht - und zwar immer schneller, je älter man wird. Und dass es für Veränderungen nie zu spät ist.

Was man von hier aus sehen kann ist ein Buch für Menschen, die die leisen und unaufgeregten Töne mögen und sich von manchmal etwas skurrilen Szenen nicht abschrecken lassen.

Was man von hier aus sehen kann ist 2017 im Dumont Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 20 Euro, als E-Book 9,99 Euro sowie als Taschenbuch 12 Euro.

Freitag, 26. März 2021

# 283 - Fritz und Emma - Wie ein Satz alles verändert

1947: Der 20-jährige Fritz Draudt kommt aus der Kriegsgefangenschaft in sein Heimatdorf Oberkirchbach in der Pfalz zurück. Doch von dem, was einmal sein Zuhause war, ist nichts mehr übrig: Bei einem Bombentreffer kamen seine Eltern und sein jüngerer Bruder ums Leben, das Elternhaus fiel zu einem Schutthaufen zusammen. Doch da ist die gleichaltrige Emma Hillese: Sie und Fritz wurden 1927 fast gleichzeitig geboren und sind sich so nahe, dass sie für den Rest ihres Lebens zusammenbleiben wollen. Dieser Einstieg könnte der Beginn eines kitschigen Liebesromans mit jeder Menge Schmalz und Herzeleid sein, aber Barbara Leciejewski lässt es in ihrem Roman Fritz und Emma glücklicherweise nicht soweit kommen.

Emma ist Fritz eine große Stütze. Die Liebe zueinander motiviert ihn, an die Zukunft zu glauben und nährt seine Hoffnung, das Furchtbare, das er im Krieg getan und gesehen hat, irgendwann zu vergessen. Er beginnt, das zerstörte Haus für sie beide wieder aufzubauen und das Paar legt einen Hochzeitstermin fest. Aber dann passiert etwas zwischen ihnen, das ihre intensive Verbindung zerstört. Es scheint keine Möglichkeit zu geben, den tiefen Riss, der sich zwischen ihnen aufgetan hat, zu kitten. Emma verbietet Fritz, jemals wieder Kontakt zu ihr zu haben. Beide gehen getrennte Wege, heiraten und werden Eltern, weichen einander aber in den nächsten Jahrzehnten konsequent aus, obwohl sie weiterhin im selben Dorf leben. 

Zu Ostern 2019 übernimmt der junge Pfarrer Jakob Eichendorf die Oberkirchbacher Gemeinde, seine Frau Marie ist für die Dorfbewohner ab sofort die "Frau Pfarrer". Marie hat nur ihrem Mann zuliebe dem Wechsel in das 820-Seelen-Dorf zugestimmt, sie fühlt sich dort schnell einsam und vom normalen Leben abgehängt. Das wird zunächst auch nicht besser, als sie sich lustlos an den Planungen für die 750-Jahr-Feier des Dorfes beteiligt: Was soll man denn schon planen, wenn das Geld an allen Ecken und Enden fehlt und die Dorfbewohner so lebenslustig und kontaktfreudig sind wie ein Schwarm toter Fische? Doch ihr Interesse ist geweckt, als sie von der Feindschaft zwischen Emma und Fritz hört, die nun schon seit 70 Jahren nicht mehr miteinander gesprochen haben. Was damals vorgefallen ist, weiß allerdings niemand so genau. Ist es möglich, dass man die beiden alten Leute nach so langer Zeit wieder zusammenbringen kann?

Lesen?

Barbara Leciejewski lenkt den Blick auf die Sprachlosigkeit der Generation von Emma und Fritz, die die Menschen oft bis zu ihrem Lebensende beibehalten haben. Die Kriegserlebnisse der Soldaten und auch der Zivilisten haben, wie man heute weiß, auch für die nächsten Generationen Folgen.

Die Entwicklung von Oberkirchbach von einem Ort des Zusammenhalts zu einer fast nicht mehr existierenden Gemeinschaft steht stellvertretend für viele andere Dörfer, die heute von vielen neu zugezogenen Menschen nur deshalb bewohnt werden, weil das Bauland dort bezahlbar ist. Der Roman stellt die Frage, ob sich daran etwas ändern und sich eine Dorfgemeinschaft wieder herstellen lässt, und gibt darauf eine Antwort.

Fritz und Emma ist ein sehr berührendes Buch, das für mich vor allem eine Botschaft hat: Hört auf euer Herz und erstickt eure Gefühle nicht in einem sturen Schweigen. Das Sprichwort "Reden ist Silber, Schweigen ist Gold" mag hier und da ganz passend sein, aber sicher nicht allgemeingültig.

Fritz und Emma ist im Ullstein Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur-Ausgabe 14,99 Euro sowie als E-Book 7,99 Euro.


Freitag, 26. Februar 2021

# 279 - Mittagsstunde ... und andere Rituale auf dem Dorf

Dörte Hansen hat sich mit ihrem Buch Mittagsstunde nach ihrem Erfolgsroman Altes Land wieder in ein Dorf begeben. Diesmal jedoch nicht in das Hamburger Umland mit seinen Obstbäumen, sondern nach Schleswig-Holstein in die Nähe von Husum. Das fiktive Dorf Brinkebüll liegt in der friesischen Geest, einer dünn besiedelten und kargen Landschaft.

Im Mittelpunkt steht Ingwer Feddersen. Der promovierte Archäologe ist in Brinkebüll als Enkel des Gastwirtehepaars Ella und Sönke Feddersen aufgewachsen, hat auf dringendes Anraten des Dorfschullehrers das Gymnasium besucht und ist zum Studieren nach Kiel gegangen. Damit hat er sich gegen die Tradition entschieden, denn für Sönke Feddersen war es eigentlich klar gewesen, dass Ingwer mal den Gasthof übernehmen würde. So wie schon sein eigener Vater, Großvater und Urgroßvater es getan hatten. Tradition verpflichtet schließlich. 

Aber jetzt ist der Junge, der mittlerweile schon fast 50 ist, weit weg und arbeitet als Dozent an der Kieler Uni. Das an sich ist für Sönke schon seltsam genug, aber Ingwer hat auch keine eigene Familie, sondern lebt bereits seit einer Ewigkeit in einer WG mit einer Frau und einem Mann in seinem Alter. Wenn das jetzt nicht wirklich eigenartig ist, was dann sonst?

Aber Sönke und Ella sind nun alt geworden, schon über 90, und Ingwer nimmt sich 2012 ein Sabbatjahr, um die beiden Alten eine Weile zu pflegen und zu überlegen, was aus der Gaststätte werden soll. Sönke ist geistig hellwach, aber körperlich gebrechlich, während Ellas Verstand stark abgebaut hat. Sie lebt immer mehr in der Vergangenheit. 

Ihre Tochter Marret, "die Verdreihte", ist schon seit vielen Jahren verschwunden. Niemand weiß, was aus ihr geworden ist. Marret war das, was man heute als verhaltensauffällig bezeichnen wurde, und Ingwer dämmert erst nach und nach, was es mit der Familiengeschichte der Feddersens eigentlich auf sich hat.

Dörte Hansen befindet sich jedoch nicht nur in der Gegenwart, sondern erklärt in zahlreichen Rückblicken, wie das Dorf mit seinen Bewohnern wurde, was es heute ist, und was es ausmacht. Schützen- und Gesangsvereine spielen keine Rolle, wohl aber die vielen Teppiche, unter die der ganze soziale Unrat gekehrt wurde; das, was nicht jeder wissen durfte und worüber man am besten niemals sprach. Da sind die Kuckuckskinder, die verkorksten Ehen, Väter, die ihre Kinder gewohnheitsmäßig grün und blau schlagen und die Veränderungen, die auch vor einem verschlafenen Nest wie Brinkebüll nicht haltmachen.

Die Flurbereinigung von 1964 gab den Anstoß für eine ganze Reihe von Veränderungen: Vermesser kamen nach Brinkebüll, die kleinen Felder wurden zu größeren zusammengelegt und die alte schadhafte Dorfstraße wurde durch eine glatte Durchfahrtsstraße ersetzt, die sogar eine Mittellinie bekam. Dafür mussten viele alte Kastanien weichen. Das Dorf erhielt dadurch einen anderen Charakter, zog Neubürger an, die sich am Ortsrand ihre Häuschen bauten und erfuhr eine Wandlung, die den Alteingesessenen zwar nicht gefiel, die sie aber nicht aufhalten konnten. Die althergebrachten Strukturen lösten sich auf und andere entstanden. Ob sie besser waren, ist eine ganz andere Frage.

Die Handlung wird begleitet vom Soundtrack der 1960-er und 1970-er Jahre. Ingwer Feddersen hört die Musik von Neil Young, wenn er zur Ruhe kommen will, und die einzelnen Kapitel sind nach Songs aus den alten Zeiten von Brinkbüll - von Interpreten von Manuela über Janis Joplin und Bob Dylan bis zu Roland Kaiser - benannt.

Lesen?

Dörte Hansen widmet sich in ihrem Roman nicht nur den Einwohnern von Brinkebüll mit ihren Marotten und Geheimnissen, sondern auch der Frage, was die junge Generation der alten schuldig ist. Haben die Nachkommen eine Verpflichtung gegenüber den Alten, weil die sich in ihrer Kindheit und Jugend um sie gekümmert haben?

Darüber hinaus werden mit der Flurbereinigung nicht nur deren Folgen für einzelne Menschen im Dorf geschildert, sondern die Autorin beschäftigt sich auch mit den Auswirkungen dieser weitgreifenden Maßnahme für die Natur und die Struktur Deutschlands. Mithilfe der Flurbereinigungen sollte während der Jahre des deutschen Wirtschaftswunders erreicht werden, dass kleine und schlecht zu erreichende Äcker so umstrukturiert wurden, dass es am Ende des Prozesses nur noch große Felder gab, die sich für moderne Landmaschinen eigneten. Dafür wurden natürliche Hecken gerodet, Bäche stillgelegt oder umgeleitet und Feuchtgebiete trockengelegt. Das Sterben der kleinen Höfe begann und das Artensterben gleich mit.

Mittagsstunde ist ein sehr einfühlsam geschriebenes Buch. Das, was lange im Verborgenen geblieben war, wird von Dörte Hansen oft nur angedeutet: mit einem Nebensatz oder einer im Suff herausgerutschten Bemerkung. Die Atmosphäre bekommt durch zahlreiche plattdeutsche Dialoge viel Authentizität, sodass das Ende des Romans nach der letzten Seite viel zu früh kommt. Das Bild über die Vergangenheit der Dorfbewohner setzt sich erst nach und nach zusammen, vieles kommt einem bekannt vor. Brinkebüll: Der Name steht stellvertretend für viele Dörfer. Klare Leseempfehlung!

Mittagsstunde ist 2018 im Penguin Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 22 Euro, als Taschenbuch 12 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.

Samstag, 23. Februar 2019

# 185 - Ein Dorf mit Leichen im Keller

Potztausend heißt das 2018 erschienene Buch der Autorin
A.C. Scharp, und dieser Ausruf passt angesichts der Ereignisse, die den kleinen Ort Demarchau erschüttern, genau. Dort leben die unterschiedlichsten Charaktere, und was von außen betrachtet nach einer dörflichen Idylle aussieht, erweist sich bei näherem Hinsehen als als moralischer Sumpf, der unter günstigeren Umständen unentdeckt geblieben wäre.


Was Ehrgeiz bewirkt, wenn er aus dem Ruder läuft


Obwohl: "Ehrgeiz" trifft es hier nicht ganz. Eher ist es der Wunsch, dass alles so bleiben möge, wie es gerade ist: ruhig. Das ist die Vorstellung von Demarchaus derzeitigem Bürgermeister Clemens Bohnenschäfer, der sich in seiner patriarchalischen Rolle gefällt und den Plan hat, von seinen Bürgern noch einmal gewählt zu werden. Nur eine Amstperiode noch in diesem verschlafenen Ort, und er könnte nahtlos in den Ruhestand hinübergleiten. Dazu ist normalerweise nur nötig, dass die Dinge so laufen, wie sie es schon in den letzten Jahren getan haben: geräuschlos und konfliktfrei. Doch er hat die Rechnung ohne den ortsansässigen Geschäftsmann Klaus Landgräber gemacht: Angesichts des Zustroms von Flüchtlingen nach Deutschland wittert er eine neue Einnahmequelle und beschließt, die Hälfte seines maroden Altenheims für sie zu räumen. 

Flüchtlinge in Demarchau sind ungefähr das Gegenteil dessen, was der Bürgermeister unter einem wohlgeordneten und friedlichen Dorfleben versteht. Seine Befürchtungen vergrößern sich, als er überraschend von einem Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes angerufen wird, der ihn vor Schläfern in seinem Ort warnt. Für Bohnenschäfer ist sonnenklar, dass die sich abzeichnende Terrorismusgefahr für seine Wiederwahl ein Problem werden kann, und er leitet umgehend Gegenmaßnahmen ein. Doch die weitere Entwicklung hat Ähnlichkeit mit einer langen Schlange von Dominosteinen: Einmal angestoßen, kann ihr Fall nicht mehr gestoppt werden. Der immer hilfloser agierende Bürgermeister kann nicht verhindern, dass es zu einem Brand kommt, dass Menschen sterben und die buchstäbliche Leiche im Keller ans Tageslicht kommt. Hat er noch genug Autorität, um eine weitere Eskalation zu verhindern und außerdem im Amt zu bleiben?


Wie war's?


A.C. Scharp zeichnet in Potztausend ein satirisch überspitztes Bild vom Leben in einem Dorf und zeigt, dass sich hinter den gutbürgerlichen Fassaden Neid, Gier, Hass oder Schlimmeres verbergen können. Auch, dass die Vorstellung von Fremden in dieser Gemeinschaft Ängste auslöst, ist gut nachvollziehbar. Da wird dann schnell mit einem Flüchtling ein potenzieller Attentäter assoziiert.
Der Roman ist wie die vorigen Bücher der Autorin sehr unterhaltsam geschrieben und wird nicht langweilig.
Worüber ich dann gestolpert bin, ist, dass zugunsten der oft turbulenten Handlung Sachverhalte beschrieben wurden, die nicht stimmig waren: Kein Bürgermeister hat einem Mitarbeiter eines Jobcenters Anweisungen zu geben. Er hat auch keine Möglichkeit, die Ausweisung eines Ausländers anzuordnen. Allerdings nehmen es auch etliche bekanntere Autorinnen und Autoren damit nicht so genau.

Potztausend ist ein Selfpublishing-Titel und kostet als Taschenbuch 10,99 Euro sowie als Kindle- oder epub-Edition 3,99 Euro.

Von A.C. Sharp sind auf diesem Blog außerdem Rezensionen zu ihren Büchern Gas und Galle sowie Das forensische Gemetzel erschienen.

Freitag, 6. Januar 2017

# 82 - Biogasanlage entzweit Dorfbewohner

Debutroman spielt auf dem platten Land

 


Mit der ersten Buchvorstellung für 2017 wünsche ich euch allen ein frohes neues Jahr und dass die Dinge für euch so laufen, wie ihr sie euch wünscht. Das heutige "Premierenbuch" in diesem Jahr ist ein Self-Publishing-Buch, doch damit enden die Parallelen zur ersten Rezension aus dem Jahr 2016 auch schon (Boat People).
Das Dorf Muckeringen ist im Roman Gas und Galle von A. C. Scharp in heller Aufregung: Bauer Matthias, der den Hof von seinem Vater übernommen, mit Nutztieren aber nicht viel am Hut hat, plant den Bau einer Biogasanlage. Sein Partner ist das örtliche Versorgungsunternehmen Ekelon Gas. Wie zu erwarten war, sind sich die übrigen 16 Einwohner des Dorfes nicht einig, was sie davon halten sollen. Ihre Gründe, für oder gegen das Projekt zu sein, haben allerdings nicht in jedem Fall etwas mit der Anlage zu tun.

Eine Bürgerinitiative soll es richten

 

Bevor überhaupt irgendwelche Einzelheiten feststehen, blasen die eitle Nicole Rotter und Alt-Hippie Stephanie Gärtner zum Angriff. Ihr Repertoire reicht vom Malen von dilettantischen Protestplakaten über Dorfzusammenkünfte im heimischen Wohnzimmer bis zu Aktionen, die ein klarer Rechtsbruch sind. Dafür lässt sich sehr gut Stephanies Mann Christian einspannen: ein Waschlappen mit Ingenieur-Diplom, der keine Ahnung hat, wie er seiner Frau schonend beibringen soll, dass er der Projektleiter für den Bau der ihr so verhassten Anlage ist.
Der Bürgerprotest erhält jedoch weniger durch Fakten, die die Anlage betreffen, sondern eher durch persönliche Allianzen oder Abneigungen immer neue Nahrung. Da wird zuerst verhalten, dann offener fremdgegangen, der zurückgezogen lebende Single-Bauer Matthias hat eine Art Damen-Fanclub, dessen Mitglieder sich gegenseitig misstrauisch beäugen, und dann gibt es sogar noch drei Tote, die auf gewaltsame Art und Weise ihr Leben aushauchen. Das wiederum führt zu Verdächtigungen und schürt das Misstrauen sogar unter Eheleuten. Wie weit würde eine der engagiertesten Gegnerinnen der Biogasanlage, die bereits öffenlichkeitswirksam und im Namen der guten Sache ihren Allerwertesten in die Kameras der Reporter gehalten hat, gehen, um das Bauwerk zu verhindern?
Doch die Einwohnerschaft von Muckeringen wird nicht nur durch die Toten reduziert, das Dorf hat noch weitere Abgänge zu verkraften. Bauer Matthias trifft eine Entscheidung, die für die Resteinwohnerschaft des jetzt noch unbedeutenderen Dorfs Folgen hat.

Wie war's?

 

A. C. Scharp ist mit ihrem Erstlingswerk ein Buch gelungen, das sich wegen seiner flüssigen Formulierung gut lesen lässt. Einzige Einschränkung: Mir hätte es besser gefallen, wenn sich der Bürgerprotest hin und wieder deutlicher auf Fakten gegründet hätte. Ich hatte allerdings den Eindruck, dass die Bürgerinitiative für ihre treibenden Kräfte in erster Linie  dazu diente, die eigenen Eitelkeiten zu bedienen und persönliche Ziele zu verfolgen. Davon abgesehen kann ich das Buch als gut gemachte Unterhaltungslektüre empfehlen.
Ähnlichkeiten zum Roman Unterleuten sind aufgrund des ähnlichen Plots vorhanden, ich gehe jedoch davon aus, dass A. C. Scharp zum Erscheinungstermin von Juli Zehs Roman bereits mit ihrem eigenen beschäftigt war und diese Überschneidung schlicht Pech ist.
Gas und Galle ist als SP-Ausgabe erschienen und kostet als Taschenbuch 9,99 € und als Kindle-Edition 2,99 €. Ich bedanke mich bei Blogg dein Buch für das Überlassen eines Rezensionsexemplars.
Die Autorin stellt sich auf ihrer Homepage vor. Ihr Buch kann im stationären Buchhandel und bei amazon bestellt werden.

 

 



Dienstag, 9. August 2016

Der Juli war ein bunter Mix

Schaurige Maklerphotos, ein paar Tote und etwas Philosophie

 

Am 1. Juli habe ich ein Buch vorgestellt, das mich nicht so sehr begeistert hat: So still in meinen Armen ist aus einer Kooperation zwischen Mary Higgins Clark und Alafair Burke entstanden. Ein bereits 20 Jahre zurückliegender Mord an einer jungen Studentin und Jungschauspielerin in den Hollywood-Hills wurde von der Polizei nicht aufgeklärt und zu den Akten gelegt. Doch in ihrer Sendereihe Unter Verdacht will die TV-Produzentin Laurie Moran den alten Fall wieder aufrollen. Sie ahnt nicht, dass sie damit nicht nur sich und ihre Familie, sondern auch ihr Team in tödliche Gefahr bringt. Die Schauspielerin Michou Friesz liest einen Auszug aus dem Thriller.



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Maklerfotos aus der Hölle von Andy Donaldson war das mit Abstand beliebteste Buch dieses Blogs. Bei seiner Suche nach einer Wohnung in London ist Donaldson immer wieder auf Makleranzeigen gestoßen, deren Fotos vor allem einen Gedanken auslösten: Vielleicht war das Leben in  den Höhlen unserer Vorfahren in grauer Vorzeit doch nicht so schlecht. 
Den Link zu Donaldsons Blog findet ihr im Rezensionstext. Der Autor ist auch auf Twitter aktiv, und zwar unter @BadRealityPhotos








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Mit dem Buch Das Café am Ende der Welt wurde es eher nachdenklich. John Strelecky beschäftigt sich darin mit der Frage, was der Sinn des Lebens ist und verpackt dies in eine Handlung um den gestressten Manager John, der zufällig in einem abgelegenen Café landet. Dort wird er dazu gebracht, über seine Art zu leben nachzudenken. Hier gibt es einen Auszug aus der Hörbuchfassung.




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Am 22. Juli wurde es wieder kriminell: Petra Hammesfahr schreibt in ihrem Roman Fremdes Leben über eine Frau, die nach fast zwei Jahren im Koma in einem Krankenhaus aufwacht und sich zunächst an nichts aus ihrem Leben erinnert. Doch nach und nach kehren einige Bruchstücke aus ihrer Vergangenheit zurück, und sie befürchtet, eine Mörderin zu sein. Aber kann sie ihren Erinnerungen wirklich vertrauen? Und wer von den Menschen, die in ihr Leben treten, sagt ihr tatsächlich die Wahrheit?
Petra Hammesfahr liest hin und wieder aus ihren Büchern und lädt die Videos bei Youtube hoch. Dieses Buch ist zwar (noch) nicht darunter, aber für ihre Fans ist ihr Kanal sicher interessant. 
Wer mit der Autorin direkt in Kontakt kommen möchte, kann das über ihre Facebook-Seite tun: Sie wird von ihr persönlich betreut, und Leser haben die Möglichkeit, Petra Hammesfahr direkt anzusprechen.


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Das letzte Buch im Juli gehört zu meinen Favoriten: In Unterleuten beschreibt Juli Zeh das Leben in einem brandenburgischen Dorf. Vorbehalte und Konflikte zwischen den alteingesessenen Bewohnern wurden seit DDR-Zeiten aufrechterhalten, auch wenn die meisten nicht offen ausgebrochen sind. Doch als eine karge Anhöhe am Dorfrand zum Eignungsgebiet für einen Windpark wird, geht ein Riss durchs Dorf: Manche würden davon unmittelbar profitieren, viele wollen sich aber nicht die Landschaft verschandeln lassen. Irgendwann scheint jeder gegen jeden zu opponieren und intrigieren. Die Situation schaukelt sich hoch und endet mit dem Schlimmsten.
Für das Buch wurde extra eine Internetseite kreiert, die das Dorf mit seinen Bewohnern, die Autorin und den Roman vorstellt. Da dürfen dann auch die Webseite der Dorfkneipe, dem Märkischen Landmann, und der Internetauftritt des Vogelschutzbundes Unterleuten e. V., dem nichts mehr als der Erhalt des seltenen Kampfläufers am Herzen liegt, nicht fehlen.
Wenn ihr noch einen Anstoß braucht, um die etwas über 630 Seiten zu lesen, hilft der Ausschnitt aus der Sendung Titel, Thesen, Temperamente vom 6. März 2016 eventuell weiter.






Das waren die fünf Bücher aus dem Juli 2016. Das erste Buch im August habe ich euch schon vorgestellt. Ich hoffe, ihr schaut wieder mal hier vorbei.


Freitag, 29. Juli 2016

# 61 - Ein Dorf ist gegen Windkraft - oder auch nicht

Manche Entscheidungen wollen wohlüberlegt sein. Auch die, in ein kleines, entlegenes Dorf zu ziehen. Alle, die von einem idyllischen Landleben, hilfsbereiten Nachbarn, einer Dorfkneipe und ganz viel Ruhe träumen, empfehle ich Unterleuten. Der große Gesellschaftsroman von Juli Zeh räumt nachhaltig auf mit der Dorfromantik, wie sie sich Stadtmenschen gerne erträumen.

Das Dorf Unterleuten mit seinen 250 Einwohnern mitten in Brandenburg gibt es zwar nicht, aber bei näherem Hinsehen stellt man fest, dass es stellvertretend für zahlreiche andere Dörfer steht. So oder so ähnlich. Unterleuten wirkt wie aus der Zeit gefallen: Es gibt weder eine Arztpraxis noch eine Schule, kein Internet, und die Renten der alten Bewohner sind so klein, dass der Tauschhandel blüht. Doch da geht es nicht um Geld gegen Naturalien, sondern um „Eine Hand wäscht die andere“. Probleme werden innerhalb der Dorfgemeinschaft gelöst, die Polizei wird nicht gebraucht. Alles, was außerhalb des Dorfes passiert, ist für die Bewohner uninteressant.

Aber auch ein auf den ersten Blick so rückständiges Dorf verändert sich. Es kommen neue Menschen hinzu, die sich hier ein „neues Leben“ aufbauen wollen. Da ist zum Beispiel der frühere Soziologieprofessor Gerhard Fließ, der als neuer Mitarbeiter des Vogelschutzbunds Unterleuten Gefallen daran findet, bei jedem Bauantrag beinahe zwanghaft Einspruch einzulegen, weil er die Existenz des seltenen Kampfläufers bedroht sieht. Man muss kein Hellseher sein, um zu ahnen, dass er sich damit keine Freunde und das Leben zur Hölle macht. In seinem Schlepptau sind seine 22 Jahre jüngere Ehefrau Jule und ihre gemeinsame sechs Monate alte Tochter Sophie. Jule war bei Gerhard Studentin und muss im Verlauf der Handlung erkennen, dass ihr Mann ein anderer Mensch ist, als sie geglaubt hat.

Doch auch Linda Franzen, die mit ihrem Freund Frederik Wachs ein heruntergekommenes Gutshaus gekauft hat, das sie jetzt renovieren will, ist mit ihrem ausgeprägten Ehrgeiz ein Fremdkörper in der Dorfgemeinschaft. Ihr ist fast jedes Mittel recht, um an eine Baugenehmigung zu kommen, die es ihr möglich macht, einen Stall für ihr Pferd Bergamotte zu bauen. Hat es etwas zu bedeuten, dass alle vorherigen Bewohner des Gutshofs nur kurz dort gelebt haben, weil es sie frühzeitig dahingerafft hat?
Konrad Meiler ist der große Unbekannte des Dorfes. Er hat bei einer Versteigerung riesige Flächen rund um Unterleuten gekauft, ohne zu wissen, was er damit tun soll. Doch seine Ratlosigkeit dauert nur kurze Zeit. Wohnen wird er dort nicht.

Die Zugezogenen sehen sich den Alteingesessenen gegenüber, die teilweise seit Jahrzehnten ihre Konflikte so ausdauernd pflegen wie andere Leute einen seltenen Bonsai. Die Unterleutener, die schon zu Zeiten der DDR dort gewohnt haben, sind in einem von außen nur mühsam zu durchschauenden Beziehungs- und Abhängigkeitsgeflecht miteinander verbunden, in dem Alte gegen Junge, Frauen gegen Männer, Betriebsleiter gegen LPG-Veteranen und alle zusammen gegen ihr Leben arbeiten.

Erneuerbare Energien? Wer will das schon!


2010 wird für das fast 700 Jahre alte Unterleuten ein Schicksalsjahr. Das Flurstück „Schiefe Kappe“, eine bislang karge und uninteressante Anhöhe, rückt in den Mittelpunkt des Dorfinteresses, als es zum Eignungsgebiet für einen neuen Windpark erklärt wird. Die Aufregung ist groß, viele Einwohner befürchten eine Verschandelung der Landschaft. Doch es gibt auch Nachbarn, die sich davon ein einträgliches Geschäft versprechen, dessen Ertrag sie für den Rest ihres Lebens unabhängig machen würde. Es beginnt ein Krieg, in dessen Verlauf Konflikte, die bisher dicht unter der Oberfläche schwelten, aufbrechen. Die Situation eskaliert, es wird  intrigiert und gelogen, aber nicht wirklich kommuniziert. Der Dorffunk behält dabei immer die Oberhand; den Gerüchten, die er transportiert, wird vorbehaltlos geglaubt. Kein Wunder, dass Unterleuten sich mit jedem neuen Gerücht vom Frieden immer weiter entfernt. Da ist es fast schon zwangsläufig, dass auch gestorben wird. Schließlich kommt kein Krieg ohne Tote aus.

Lesen?


Unterleuten nimmt seine Leser mit in die Unterleutener Heide mitsamt aller zwischenmenschlichen Verwerfungen. Es ist egal, wo man das Dorf ansiedelt: Zerwürfnisse, wie sie in diesem Roman geschildert werden, gibt es zuhauf auch woanders. Auch das Thema, das hier wie der Funke an der Lunte wirkt, ist austauschbar: In Unterleuten ist es ein Windpark, in anderen Orten sorgen Neubaugebiete oder neue Straßen dafür, dass Nachbarn aufeinander losgehen. Juli Zeh hat ihren Roman spannend auf mehr als 630 Seiten inszeniert und durch überraschende Wendungen, von denen oft nur der Leser erfährt, dafür gesorgt, dass es nie langweilig wird.

Unterleuten wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Das Buch ist im Luchterhand Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24,99 €, als Kindle- oder epub-Edition 19,99 €, als gekürztes Hörbuch (Download) 30,49 € sowie als MP3-Version 19,99 €.