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Samstag, 3. November 2018

# 173 - Ein Kind wird gefunden, das niemand vermisst

Die Geschichte vom alten Kind ist das erste Buch der bekannten und mit mehreren Preisen ausgezeichneten Autorin Jenny Erpenbeck und mein erstes, das ich von ihr gelesen habe. Das Kuriose: Obwohl es eine Handlung, eine Spannungskurve oder ein anderes stilistisches Merkmal, das einen Roman normalerweise ausmacht, nicht gibt, übt es so etwas wie eine Anziehungskraft aus.

Wenig Handlung, viel Atmosphäre

 

Eines Nachts wird ein Mädchen auf der Straße gefunden. Außer einem leeren Blecheimer hat es nichts bei sich. Man erfährt nur, dass es vierzehn Jahre alt ist, sonst nichts. Da das Mädchen nicht als vermisst gemeldet wurde und sich auch keine Angehörigen ausfindig machen lassen, wird es in ein Heim gegeben. Dort wird ihm alles, was es hat, weggenommen, und es wird neu ausgestattet. Eine deutliche Zäsur, die den alten vom neuen Lebensabschnitt trennt.

Das namenlose Mädchen ist größer als alle anderen Gleichaltrigen im Heim und in der Schule, aber auf eine seltsame Art kraftlos. Seine Statur ist konturlos und schwammig, sein Gesicht nichtssagend und es spricht so gut wie nie. Die saloppe Redewendung "Wenn sie reinkommt, denkt man, jemand sei hinausgegangen" passt hier genau. Das Mädchen schwimmt mit den Mitbewohnern und -schülern mit und ist froh, auf der untersten Stufe der Gruppenhierarchie zu stehen: Ist man dort, muss man um nichts kämpfen. Doch bald merken die Gleichaltrigen, dass sein Verhalten einen Vorteil hat: Das, was dem Mädchen erzählt wird, versinkt in ihm wie in einem schwarzen Loch und es erfährt garantiert niemand anders davon; das, womit man es beauftragt, erledigt es, ohne zu protestieren oder Fragen zu stellen.
Ihre Unscheinbarkeit und gewissermaßen Unsichtbarkeit ermöglichen es dem Mädchen, Dinge zu sehen und zu erfahren, die allen anderen verborgen bleiben. Aber auch Beobachtungen, die bei anderen Menschen dazu geführt hätten, dass sie sie wenigstens einem anderen Menschen anvertraut hätten, sinken folgenlos in ihr Bewusstsein hinab.

Die Kraftlosigkeit und Müdigkeit des Mädchens nehmen immer stärker von ihm Besitz. Eines Morgens sind sie so übermächtig, dass sie nicht mehr aufstehen kann. Wenn man in einem Leben, das derart von Schwäche und Stille geprägt ist wie das dieses Mädchens, überhaupt von einem Wendepunkt sprechen kann, dann ist er jetzt gekommen.

Wie war's?

 

Geschichte vom alten Kind wurde nach seinem Erscheinen 1999 hoch gelobt. Jenny Erpenbeck ist mit diesem Buch ein Roman gelungen, der sich von den meisten abhebt, die mit einer nachvollziehbaren Handlung aufwarten können. Wer Lust hat, sich auf eine ungewöhnliche "Schreibe" einzulassen, der sollte dieses Buch lesen.
Geschichte vom alten Kind ist in der mir vorliegenden Taschenbuchausgabe 2001 bei btb zum Preis von 7,99 Euro erschienen. Als epub- oder Kindle-Edition kostet es 6,99 Euro.


Freitag, 29. Juli 2016

# 61 - Ein Dorf ist gegen Windkraft - oder auch nicht

Manche Entscheidungen wollen wohlüberlegt sein. Auch die, in ein kleines, entlegenes Dorf zu ziehen. Alle, die von einem idyllischen Landleben, hilfsbereiten Nachbarn, einer Dorfkneipe und ganz viel Ruhe träumen, empfehle ich Unterleuten. Der große Gesellschaftsroman von Juli Zeh räumt nachhaltig auf mit der Dorfromantik, wie sie sich Stadtmenschen gerne erträumen.

Das Dorf Unterleuten mit seinen 250 Einwohnern mitten in Brandenburg gibt es zwar nicht, aber bei näherem Hinsehen stellt man fest, dass es stellvertretend für zahlreiche andere Dörfer steht. So oder so ähnlich. Unterleuten wirkt wie aus der Zeit gefallen: Es gibt weder eine Arztpraxis noch eine Schule, kein Internet, und die Renten der alten Bewohner sind so klein, dass der Tauschhandel blüht. Doch da geht es nicht um Geld gegen Naturalien, sondern um „Eine Hand wäscht die andere“. Probleme werden innerhalb der Dorfgemeinschaft gelöst, die Polizei wird nicht gebraucht. Alles, was außerhalb des Dorfes passiert, ist für die Bewohner uninteressant.

Aber auch ein auf den ersten Blick so rückständiges Dorf verändert sich. Es kommen neue Menschen hinzu, die sich hier ein „neues Leben“ aufbauen wollen. Da ist zum Beispiel der frühere Soziologieprofessor Gerhard Fließ, der als neuer Mitarbeiter des Vogelschutzbunds Unterleuten Gefallen daran findet, bei jedem Bauantrag beinahe zwanghaft Einspruch einzulegen, weil er die Existenz des seltenen Kampfläufers bedroht sieht. Man muss kein Hellseher sein, um zu ahnen, dass er sich damit keine Freunde und das Leben zur Hölle macht. In seinem Schlepptau sind seine 22 Jahre jüngere Ehefrau Jule und ihre gemeinsame sechs Monate alte Tochter Sophie. Jule war bei Gerhard Studentin und muss im Verlauf der Handlung erkennen, dass ihr Mann ein anderer Mensch ist, als sie geglaubt hat.

Doch auch Linda Franzen, die mit ihrem Freund Frederik Wachs ein heruntergekommenes Gutshaus gekauft hat, das sie jetzt renovieren will, ist mit ihrem ausgeprägten Ehrgeiz ein Fremdkörper in der Dorfgemeinschaft. Ihr ist fast jedes Mittel recht, um an eine Baugenehmigung zu kommen, die es ihr möglich macht, einen Stall für ihr Pferd Bergamotte zu bauen. Hat es etwas zu bedeuten, dass alle vorherigen Bewohner des Gutshofs nur kurz dort gelebt haben, weil es sie frühzeitig dahingerafft hat?
Konrad Meiler ist der große Unbekannte des Dorfes. Er hat bei einer Versteigerung riesige Flächen rund um Unterleuten gekauft, ohne zu wissen, was er damit tun soll. Doch seine Ratlosigkeit dauert nur kurze Zeit. Wohnen wird er dort nicht.

Die Zugezogenen sehen sich den Alteingesessenen gegenüber, die teilweise seit Jahrzehnten ihre Konflikte so ausdauernd pflegen wie andere Leute einen seltenen Bonsai. Die Unterleutener, die schon zu Zeiten der DDR dort gewohnt haben, sind in einem von außen nur mühsam zu durchschauenden Beziehungs- und Abhängigkeitsgeflecht miteinander verbunden, in dem Alte gegen Junge, Frauen gegen Männer, Betriebsleiter gegen LPG-Veteranen und alle zusammen gegen ihr Leben arbeiten.

Erneuerbare Energien? Wer will das schon!


2010 wird für das fast 700 Jahre alte Unterleuten ein Schicksalsjahr. Das Flurstück „Schiefe Kappe“, eine bislang karge und uninteressante Anhöhe, rückt in den Mittelpunkt des Dorfinteresses, als es zum Eignungsgebiet für einen neuen Windpark erklärt wird. Die Aufregung ist groß, viele Einwohner befürchten eine Verschandelung der Landschaft. Doch es gibt auch Nachbarn, die sich davon ein einträgliches Geschäft versprechen, dessen Ertrag sie für den Rest ihres Lebens unabhängig machen würde. Es beginnt ein Krieg, in dessen Verlauf Konflikte, die bisher dicht unter der Oberfläche schwelten, aufbrechen. Die Situation eskaliert, es wird  intrigiert und gelogen, aber nicht wirklich kommuniziert. Der Dorffunk behält dabei immer die Oberhand; den Gerüchten, die er transportiert, wird vorbehaltlos geglaubt. Kein Wunder, dass Unterleuten sich mit jedem neuen Gerücht vom Frieden immer weiter entfernt. Da ist es fast schon zwangsläufig, dass auch gestorben wird. Schließlich kommt kein Krieg ohne Tote aus.

Lesen?


Unterleuten nimmt seine Leser mit in die Unterleutener Heide mitsamt aller zwischenmenschlichen Verwerfungen. Es ist egal, wo man das Dorf ansiedelt: Zerwürfnisse, wie sie in diesem Roman geschildert werden, gibt es zuhauf auch woanders. Auch das Thema, das hier wie der Funke an der Lunte wirkt, ist austauschbar: In Unterleuten ist es ein Windpark, in anderen Orten sorgen Neubaugebiete oder neue Straßen dafür, dass Nachbarn aufeinander losgehen. Juli Zeh hat ihren Roman spannend auf mehr als 630 Seiten inszeniert und durch überraschende Wendungen, von denen oft nur der Leser erfährt, dafür gesorgt, dass es nie langweilig wird.

Unterleuten wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Das Buch ist im Luchterhand Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24,99 €, als Kindle- oder epub-Edition 19,99 €, als gekürztes Hörbuch (Download) 30,49 € sowie als MP3-Version 19,99 €.

Freitag, 20. Mai 2016

# 51 - Außenseiter mit grandiosen Fähigkeiten

Seit vielen Jahren bin ich ein Fan von John Irving, und sein neuestes Buch Straße der Wunder hat mich im Großen und Ganzen nicht enttäuscht. Im Mittelpunkt stehen der zu Beginn 14-jährige Mexikaner Juan Diego Guerrero und seine ein Jahr jüngere Schwester Lupe. Sie wachsen auf einer Müllkippe in Oaxaca auf und leben bei Rivera, dem Chef der Müllhalde.

Mexiko 1970: brennende Müllhalden und Bücher

Juan Diego und Lupe sind nur auf den ersten Blick typische Müllkippenkinder, wie es sie noch heute in Mexiko gibt. Rivera, el jefe, kümmert sich um die Geschwister und behandelt sie wie seine eigenen Kinder; und das, obwohl es nur bei Juan Diego den Hauch einer Chance gibt, dass er dessen Sohn sein könnte. Ihre Mutter Esperanza spielt im Leben der beiden Jugendlichen keine große Rolle: Sie ist Prostituierte und außerdem Putzfrau in der Kirche und im Waisenhaus der Jesuiten. Die Pater haben ihr diesen Job in der Hoffnung gegeben, dass sie so wieder auf den rechten Weg zurückfindet. Nur sporadisch lässt sich Esperanza bei Rivera und ihren Kindern sehen. 


Im Kloster von Oaxaca misten die Jesuiten von Zeit zu Zeit ihre Klosterbibliothek aus und bringen Bücher zum Verbrennen auf Riveras Müllkippe. Dort rettet sie Juan Diego aus dem Feuer und liest sie gründlich. Er ist Autodidakt und hat sich selbst das Lesen beigebracht. Mithilfe der vom Kloster  entsorgten Bücher hat er auch Englisch gelernt.
Seine Schwester Lupe wirkt auf die, die sie nur oberflächlich kennen, geistig zurückgeblieben: Sie spricht völlig unverständlich und oft so, als stünde sie kurz vor einem emotionalen Ausbruch. Nur ihr Bruder versteht sie und ist darum ihr Dolmetscher. Alle, die sie besser kennen, wissen aber, dass Lupe Gedanken lesen kann und oft in der Lage ist, in die Zukunft zu sehen. 

Ein Roman mit einem Blick auf sich selbst

Die Jesuiten legen Wert auf Bildung und werden auf Juan Diego aufmerksam. Vor allem Pater Pepe setzt sich dafür ein, dass die Geschwister nach dem Tod ihrer Mutter ins katholische Waisenhaus umziehen. Doch das Waisenhaus ist keine Lösung, und letztlich finden sich die beiden im nahegelegenen Zirkus wieder. Doch auch der Aufenthalt dort soll nicht von Dauer sein, was vor allem daran liegt, dass Lupe wegen ihrer Hellsichtigkeit weiß, wie ihre und die Zukunft ihres Bruders aussehen würden, wenn sie dort blieben. Da entschließt sie sich zu einem gravierenden Schritt, der ihrer Ansicht nach die einzige Chance ist, Juan Diego eine Zukunft zu ermöglichen, die seinen Fähigkeiten entspricht.


Tatsächlich wird er den Beruf ergreifen, den Lupe in ihm gesehen hat: Der mittlerweile zu einem bekannten Schriftsteller avancierte Juan Diego blickt in Straße der Wunder 40 Jahre später während einer Lesereise auf die Philippinen auf sein Leben zurück. Lupes selbstloser Plan hat tatsächlich dazu geführt, dass sein Leben eine Wendung genommen hat, die unter normalen Umständen kaum möglich gewesen wäre. Edward, ein ihm freundschaftlich verbundener amerikanischer Jesuit und dessen Freundin Flor, eine transsexuelle mexikanische Prostituierte, adoptieren ihn und nehmen ihn mit in Edwards Heimat Iowa. Dies ist für Juan Diego die Eintrittskarte in ein besseres Leben.

Das Leben unter dem Einfluss von Betablockern und Viagra

Juan Diego ist wegen einer Herzschwäche auf die regelmäßige Einnahme von Betablockern angewiesen. Sie führen jedoch dazu, dass er ein Leben führt, dass er als "reduziert" bezeichnet: Er leidet unter Müdigkeit, die oft schon narkoleptische Züge hat, und Erektionsstörungen. Die haben ihn mangels einer Partnerin bislang wenig gestört, doch auf seiner Reise begegnet er mit Miriam und Dorothy zwei seiner Fans, die vor allem eines tun wollen: sich "liebevoll" um ihn kümmern. Dass es sich bei den beiden um Mutter und Tochter handelt, macht es nicht wirklich einfacher. Um im Bett nicht zu versagen, nimmt es der Schriftsteller mit der Einnahme der Betablocker nicht mehr so genau und greift immer öfter zu Viagra. Doch er wird aus den beiden Frauen nicht schlau: Sie scheinen immer um die Welt zu reisen und tauchen so plötzlich an seinen Reisestationen auf, wie sie anschließend wieder verschwinden. Bereitwillig lässt er es zu, dass sie ständig in seine Reiseplanung eingreifen, die ursprünglich von seinem ehemaligen Studenten Clark French, der jetzt ebenfalls Schriftsteller ist, ausgearbeitet worden ist. Juan Diego wirkt wie das Klischee eines alternden Romanautors: immer etwas neben sich stehend, kaum lebenstüchtig und ein wenig durch sein Leben irrlichternd. Am Ende kommt es mit ihm, wie es kommen muss.

Lesen?

Wie schon erwähnt bin ich bei John Irving im positiven Sinn voreingenommen. Ich mag die skurrilen Charaktere und Wendungen, wie es sie auch in Straße der Wunder reichlich gibt. Mich haben auch die dezenten Verweise auf andere Bücher von ihm amüsiert. Immer wieder baut er auch Kritik am "American Way of Life" und dem Selbstverständnis der US-Amerikaner ein: Er kritisiert indirekt die Folgen des Vietnamkriegs und macht deutlich, dass es oft mit Chancengleichheit und Toleranz nicht weit her ist.

Etwas ermüdend fand ich allerdings das unglaubwürdige Dreiecksverhältnis zwischen Juan Diego sowie Miriam und Dorothy, dass sich - immer schön abwechselnd - fast nur in der Horizontalen abspielte und um ein Haar noch um eine weitere Person erweitert worden wäre. 
Als gegen Ende der Handlung die Identität der beiden Frauen buchstäblich nebulös wurde, wurde es mir mit den Mysterien zu viel. Letzten Endes bleibt es für den Leser unklar, ob es die beiden Damen nur in Juan Diegos Vorstellung gegeben hat. Auch andere geisterhafte Wesen tauchen im letzten Fünftel des Buches auf; inwieweit sie für den Fortgang der Handlung wichtig sind, erschließt sich mir nicht. 
Insgesamt ist meine Kritik an diesem Buch jedoch so gering, dass ich es auf jeden Fall empfehlen kann. Die Hinweise, die John Irving auf seine vorangegangenen Romane gibt, sind für das Verständnis des Buches nicht wichtig, sodass auch Leser, die zum ersten Mal einen Titel von ihm lesen, an Straße der Wunder Freude haben werden.



Vielen Dank!

Das Buch Straße der Wunder wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich ganz herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorhandene Exemplare innerhalb eines Werktages.  Die Kontaktdaten und Öffnungszeiten gibt es hier: Hemminger Buchhandlung

Straße der Wunder kostet als gebundene Ausgabe 26,-- € und als epub- oder Kindle-Edition 22,99 €. Das Hörbuch (3 MP3-CDs) ist für 24,99 € erhältlich. 



 

Montag, 15. Juni 2015

Der Start: Bücher "rauf und runter"

Die Premiere - mein erster Blog


So, liebe Leute, es ist geschafft: Nach ein bisschen überlegen (Soll ich? Soll ich nicht?) will ich euch nun  regelmäßig ein paar Bücher vorstellen. Und nein: Ich werde nicht die Spiegel-Bestsellerliste abarbeiten. Das tun schon andere. Ich will euch zeigen, was ich gerade lese oder schon vor einer Weile gelesen habe. Das heißt: Es werden aktuelle Titel dabei sein, aber auch Bücher, die schon länger auf dem Markt sind. Ich freue mich, wenn ihr den einen oder anderen Kommentar da lasst. Aber jetzt ist es genug geschwafelt, es geht gleich nahtlos weiter zum ersten Buch.

Das Buch über ein Leben in der Anstalt

Vor kurzem habe ich tatsächlich einen Spiegel-Bestseller gelesen, und zwar Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war von Joachim Meyerhoff. Er ist 2015 erschienen und wurde mir von meinem Lieblings-Buchhändler empfohlen. Meyerhoff erzählt darin von seinem Leben in der Psychiatrie. Nein, nicht er ist es, der therapiert wird. Er lebt als Sohn des Direktors mitten auf dem Anstaltsgelände in Schleswig, zusammen mit seinen Eltern und den beiden älteren Brüdern. Das Buch beginnt, als der Autor sieben Jahre alt wird und endlich allein, ohne seine Mutter, zur Schule gehen darf. Eine Woche befolgt er die strikten Instruktionen seiner Eltern und geht genau den verabredeten Weg, aber schon zu Beginn der zweiten Woche ist es ihm zu langweilig und er macht einen Schlenker durch die verbotene Schrebergartensiedlung. Der Leser ahnt, dass das nicht ohne Folgen bleiben kann. Prompt findet das Kind Joachim einen Toten, aber in der Schule glaubt die Geschichte zunächst niemand. Das Erlebnis entwickelt sich zu seinem Leidwesen ganz anders als erhofft.

Ein Leben wie ein Roman - so etwas musste aufgeschrieben werden

Die Kindheit und Jugend des Autors hat nichts mit dem zu tun, was wir als „normal“ ansehen würden. Meyerhoff beschreibt die Geburtstagskaffeetafeln des Vaters mit immer denselben Gästen. Da sitzen dann keine Verwandten, Freunde oder Bekannten mit am Tisch, sondern vier Patienten: Margret, die das ganze Jahr über eine gemusterte Kittelschürze trägt und deren Sätze so klingen, als würden sie aus einem einzigen Wort bestehen; Ludwig, der sich jedes Jahr wieder wünscht, den Familienhund zu streicheln, es aber viele Jahre nicht schafft und hysterisch aus dem Zimmer rennt und die Feier ruiniert; Dietmar, der pausenlos Fragen stellt und seinen Kot auf die Klowände schmiert; und zu guter Letzt Kimberley, die sich nach dem Geburtstagskäffchen halb nackt zum Sonnen auf den Rasen legt.

Die Mutter versucht so gut es geht, zwischen nachts schreienden Patienten und unzähligen Skurrilitäten so etwas wie Normalität herzustellen. Nach und nach wird deutlich, dass ihr diese Aufgabe allmählich über den Kopf wächst. Ihr Mann, der allseits geachtete Psychiatriedirektor, ist ihr und ihren Söhnen gegenüber leider wenig empfindsam und vertieft sich lieber in theoretische Exkurse.

Die Fassade wird viele Jahre aufrechterhalten, bis diese durch den Unfalltod eines Familienmitglieds Risse bekommt. Das Zerbröseln des familiären Zusammenhalts nimmt Fahrt auf, als das Doppelleben des Vaters auffliegt.

Meyerhoff beschreibt die Figuren in seinem Roman so deutlich, dass sie beim Lesen klar vor Augen stehen. So kann man zum Beispiel das immer stärker werdende Läuten hören, wenn sich der Glöckner nähert. Man sieht ihn vor sich, in schwarzer Kleidung und mit schwarzen, zerzausten Haaren, wie er mit weit ausladenden Armbewegungen die Glocken in seinen Händen beim Gehen durch den Anstaltspark schwenkt. Die Angst des Kindes Joachim vor dem Patienten kann man als Leser gut nachfühlen. Aber Meyerhoff schildert auch andere Szenen so lustig, dass man immer wieder laut auflacht. Dass das Leben in der Anstalt nicht nur witzig oder seltsam war, wird jedoch auch beschrieben. Meyerhoff spart die traurigen und tragischen Phasen nicht aus.

Kaufen? Ja!

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, gerade wegen seiner Ausgewogenheit von Humor und Ernsthaftigkeit. Na klar, so gut wie niemand wächst in so einer Umgebung auf, darum erübrigt sich auch jeder Vergleich. Aber das Buch zeigt auf, dass das Heranwachsen eines Kindes in solchen ungewöhnlichen Umständen nicht dazu führen muss, dass aus ihm ein psychotischer Erwachsener wird, der an seinem Leben verzweifelt.

Das bei KiWi erschienene Taschenbuch kostet 9,99 €.