Posts mit dem Label Schicksal werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Schicksal werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 12. Mai 2025

# 474 - Geschichte einer manipulativen Beziehung

Die serbische Schriftstellerin Milica Vučković hat bereits
einige literarische Auszeichnungen erhalten. Nun ist erstmals eines ihrer Bücher auf Deutsch erschienen: In ihrem Roman 
Der tödliche Ausgang von Sportverletzungen geht es zwar nicht um Sport, aber um andere physische und psychische Verletzungen.

Eva ist knapp über dreißig und lebt nach einer gescheiterten Ehe mit ihrem zweijährigen Sohn bei ihren Eltern in einem Belgrader Vorort. Ihre Eltern sind ihr eine große Hilfe, weil sie sich um ihren Enkel kümmern, damit ihre Tochter arbeiten gehen kann. Doch Eva geht nur wegen des Geldes ins Büro, ansonsten ist sie sowohl von ihrer Tätigkeit als auch von den Kolleginnen und Kollegen angeödet. Ihr Leben läuft aus ihrer Sicht in einer Endlosschleife ab.

Bei einer Firmenfeier lernt Eva den gutaussehenden Viktor kennen. Er stellt sich ihr als Journalist und Schriftsteller vor, die beiden werden ein Paar. Dann folgt etwas, von dem man schon viele Male unter dem Stichwort "toxische Beziehung" gehört hat: Viktor umgarnt Eva mit Komplimenten und Liebesbeteuerungen, um kurz darauf wegen einer Nichtigkeit die Nerven zu verlieren, seine Freundin zu beschimpfen und irgendwann auch zu schlagen. Es folgen Entschuldigungen, Besserungsgelübde und neue Liebesschwüre, bis alles wieder von vorn beginnt. Es gelingt Viktor, Eva mit der Aussicht auf eine rosige gemeinsame Zukunft von Belgrad nach Stuttgart zu locken. Eva ist nun auf Viktor angewiesen, der mit Gemeinheiten, Lügen und Intrigen erreicht, dass seine Freundin in ihrer neuen Heimat keine stabilen sozialen Kontakte aufbauen kann.

Die Geschichte wird als Ich-Erzählung von Eva geschildert, was sie sehr eindringlich und nahbar macht. Was paradox erscheint, in Beziehungen nach diesem Muster jedoch typisch ist: Eva registriert, dass Viktor ein Soziopath und Choleriker ist, der dabei ist, sie zu brechen. Doch wenn es zwischen den beiden zum Streit kommt, ist sie zu oft bereit, die Schuld dafür bei sich zu suchen, um die Wogen zu glätten. Sie beginnt bald, körperlich zu spüren, wenn sich ein neuer Konflikt anbahnt: "[...], im Kopf hörte ich wieder dieses Geräusch, immer nur dieses eine Geräusch, ich stellte mir vor, dass man so ein Geräusch unter solchen Hochspannungstransformatoren, Signalverstärkern hörte, obwohl ich nie unter einem Signalverstärker gestanden hatte, aber das war bestimmt dieses Geräusch."  Auch Evas kleiner Sohn leidet unter der katastrophalen Situation: Er wird immer stiller und beginnt, sich wieder einzunässen. Das Kind wird je nach Situation zu Evas Eltern, zur Nachbarin oder zu serbischen Freunden von Evas Vater, die in Stuttgart in ihrer Nähe leben, gebracht, bis sich das Verhältnis zwischen seiner Mutter und Viktor wieder eingerenkt hat.

Eva wird erst spät klar, dass viele Menschen um sie herum längst wahrgenommen haben, was da zwischen ihr und Viktor passiert; eher, als sie es sich selbst eingestanden hatte. Dann kommt der Moment, an dem sie sich einredet, dass ein gemeinsames Kind die Beziehung zum Guten wenden könnte. Als ihre Periode aussetzt, hofft sie auf weitere Anzeichen für eine Schwangerschaft. Das ist einer von vielen Momenten, an denen man Eva am liebsten schütteln und ihr sagen will: "Lauf weg von diesem Mann, so weit und so schnell du kannst." Der Roman endet so, wie es in Beziehungen, die nach diesem Muster verlaufen, häufig vorkommt.

Lesen?

Trotz des bedrückenden Themas schlägt das Buch beim Lesen nicht auf die eigene Stimmung. Das liegt vor allem am schwarzen Humor, den Milica Vučković wohldosiert einstreut. Eva nutzt beispielsweise ihr Handy als ein Ventil. Wenn wieder mal eine Situation eskaliert ist, gibt sie manchmal in die Suchleiste des Browsers dazu passende Anfragen ein: Viktor packt wieder seine Sachen in eine Reisetasche, um Eva auf seine übliche theatralische Art zu verlassen. Eva hingegen ist genervt vom Geräusch der Reißverschlüsse und gibt in das Suchfeld "Tod wegen Reißverschluss" ein. Das Ergebnis ist allerdings nicht das, was sie erwartet hatte.

Milica Vučković bedankt sich zum Schluss bei einer Freundin, die ihr ihre eigene Geschichte über eine toxische Beziehung mit einem Mann erzählt hat. Da kommt es dann wieder zurück, das Gefühl der Bedrückung.

Der tödliche Ausgang von Sportverletzungen ist 2025 im Paul Zsolnay Verlag erschienen und kostet gebunden 23 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.


Montag, 20. Januar 2025

# 463 - Tödlicher Wackelkontakt

Mit Wackelkontakt ist dem österreichischen Schriftsteller Wolf Haas ein ungewöhnlicher Roman gelungen. Das Ungewöhnliche: Ohne das Lesen eines bestimmten Buches käme die Handlung nicht voran.

Elio Russo ist ein Verräter. Der junge Mafioso aus Südkalabrien sitzt im Knast und wartet darauf, freigelassen zu werden. Er hat als Kronzeuge kurz zuvor siebenundzwanzig hochrangige Mitglieder der 'Ndrangheta verraten. Im Gegenzug wurde ihm eine neue Identität versprochen, um in Deutschland neu anfangen zu können.

Der leidlich erfolgreiche Trauerredner Franz Escher wartet in seiner Wohnung in Wien auf den Elektriker. Eine Steckdose in seiner Küche hat einen Wackelkontakt, der nun behoben werden soll. Der alleinstehende Escher hat zwei Leidenschaften: anspruchsvolle Puzzles - gern mit Motiven seines Namensvetters M. C. Escher - und das Lesen von Mafia-Romanen. Die Wartezeit auf den Handwerker zieht sich hin, deshalb beginnt Escher, ein neues Buch zu lesen. Es handelt von dem jungen Kriminellen Elio Russo aus Südkalabrien, der siebenundzwanzig hochrangige Mafiosi verraten hat und eine neue Identität bekommen wird. 

Elio Russo vertreibt sich im Gefängnis das Warten mit dem Lesen eines Buches, das er von seinem deutschen Zellennachbarn bekommen hat. Es geht um einen Mann namens Franz Escher, der zu Hause auf den Elektriker wartet. Als der Handwerker die defekte Steckdose repariert, kommt er ums Leben. Escher wird verzögert klar, dass dieser Tod seine Schuld ist. 

Wolf Haas verwebt zwei Handlungsstränge, die jedoch nicht unbedingt zeitlich parallel verlaufen. Die Leben zweier Männer, die einander nicht kennen und nichts gemeinsam haben, laufen trotzdem aufeinander zu. Das ist umso erstaunlicher, wenn man registriert, dass die Handlung im Leben des Franz Escher nur wenige Tage abdeckt, im Leben von Elio Russo, der nach einem vorgetäuschten Suizid zu Marko Steiner wird, jedoch viele Jahre vergehen.
Das von Escher gelesene Buch bleibt bei ihm, während Steiners Exemplar in andere Hände gerät und die Lesenden wie dieser den Fortgang der Ereignisse er-lesen. 
Letztlich wird die Handlung von Eschers Vorstellung vom Lauf der Zeit bestimmt. Wolf Haas lässt seinen Protagonisten diese Sätze sagen, die dessen Sichtweise auf den Punkt bringen: "Wir haben sowieso eine falsche Vorstellung von der Zeit. Unsere Vorstellung ist zu linear. Wir glauben, es geht in eine Richtung. Man muss es sich aber wie eine Schleife vorstellen."

Lesen?

Wackelkontakt ist ein sehr unterhaltsames Spiel mit der Zeit. Die Anspielungen auf den Künstler M. C. Escher und seine besonderen Werke sowie die Verschränkungen der Handlung machen das Buch zu etwas Besonderem. 

Der deutsche Schriftsteller Daniel Kehlmann hat im Dezember 2024 gegenüber dem Deutschlandfunk diesen passenden Kommentar abgegeben: "Ich bin sehr neidisch auf diese Grundidee. Ich denke mir, man, die hätte ich gerne gehabt, aber ich hatte sie nicht, was soll man machen."

Wackelkontakt ist 2024 im Carl Hanser Verlag erschienen und kostet 25 Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Sonntag, 4. August 2024

# 446 - Ein guter Rat gefällig?

Eliza Peabody ist 51 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann
Henry in einem Haus in der Rathbone Road am Rand von London. Das Paar ist seit 30 Jahren verheiratet, hat keine Kinder und gehört zur gehobenen Mittelschicht. Henry ist Diplomat im Außenministerium; Eliza ist nicht berufstätig, weil das in ihrem sozialen Umfeld so üblich ist. Elizas Leben hat sich an Henrys Karriere ausgerichtet: Die beiden haben in Bangkok, Damaskus, Kairo und Washington gelebt, bevor sie nach London zurückkehrten.

Eliza betätigt sich ehrenamtlich in einem christlichen Hospiz. Dort steht sie jedoch nicht den Sterbenden bei, sondern spült das Geschirr. Eliza ist der Meinung, dass sie ihre Meinung jederzeit ungefragt äußern sollte. So hält sie es auch in ihrer Nachbarschaft: In den Briefkästen des Viertels finden sich immer wieder Zettel, auf denen Eliza "hilfreiche" Hinweise geschrieben hat. Doch in Jane Gardams Roman Gute Ratschläge wird deutlich, wo das Problem ist: Sie geht ihren Mitmenschen mit ihren Tipps auf die Nerven.

In ihrer Straße wohnt eine Familie mit zwei Kindern und einem Hund. Vater Charles ist wie Henry im Außenministerium beschäftigt. Elizas Fokus liegt auf der Mutter Joan: Deren hinkender Gang erregt ihre Aufmerksamkeit, und sie schreibt der Nachbarin einen Brief. Darin gibt sie ihr Ratschläge, was es mit Joans Bein auf sich haben könnte: "Ich glaube, es ist etwas Psychologisches, Psychosomatisches, und Charles nimmt es furchtbar schwer. Es macht sowohl ihn als auch dich zum Gespött und ihr ruiniert euch euer Leben."

Viele Leute würden nach so viel Übergriffigkeit an Joans Tür Sturm klingeln und ihr den Marsch blasen. Joan tut nichts dergleichen. Sie schweigt. Kurze Zeit später verschwindet sie und lässt Familie und Hund zurück. Eliza erfährt erst einen Monat später davon. In der Zwischenzeit hat sie der Nachbarin drei weitere Briefe geschrieben, in denen sich eine Instinktlosigkeit an die andere reiht. Als Eliza Joans Verschwinden registriert, stachelt sie das zu weiteren Briefen an, in denen sie der Frau, als deren Freundin sie sich jedes Mal bezeichnet, schwere Vorwürfe macht. Die Briefe sendet sie an Adressen auf einer Liste, die Joan für ihren Mann geschrieben hat.

Mit jedem Brief steigert sich Eliza mehr in ihren belehrenden Wahn hinein, und jeder wird länger und ausufernder. Joan antwortet ihr jedoch nicht. Allerdings kommt der verlassene Charles der Einladung nach, Zeit mit den Peabodys zu verbringen. Das führt nach einigen Monaten zu einem unerwarteten Ereignis: Henry informiert seine Frau darüber, dass er ab sofort mit Charles zusammenleben werde. Die beiden Männer verlassen das Viertel. Eliza bleibt allein im Haus zurück und kreist um sich selbst.

Elizas Briefe werden immer persönlicher. Der ehemaligen Nachbarin, die sie in Wahrheit kaum kennt, erzählt sie intime Details aus ihrem Leben bis hin zum Grund für ihre Kinderlosigkeit. Sie nimmt auch kein Blatt vor den Mund, als sie das Leben der Frauen in der Nachbarschaft beurteilt: "Vermutlich habe ich bei dir nur beobachtet, was in weniger dramatischer Form bei vielen Frauen unseres Alters in der Rathbone Road zu sehen war: Langeweils, Überdruss, Erkenntnis."

Aber dann kommt der Zeitpunkt, ab dem Eliza von surrealen Erlebnissen erzählt. Da ist ein Professor, dessen Körper schmilzt und in der Kanalisation verschwindet, ein absurdes Gespräch mit ihrer ehemaligen Tutorin in Oxford und unangemeldete Besucher, die angeblich von Joan geschickt wurden. Am unheimlichsten ist ihr Erlebnis mit dem Hospizbewohner Barry, der Eliza besonders am Herzen lag. Sie wird von einer der Schwestern über seinen Tod informiert, eilt an sein Bett und führt dort mit ihm ein langes Gespräch über ihr Leben.

Lesen?

Erst allmählich schält sich heraus, wie Eliza zu der Person geworden ist, die ihrem Mann und ihren Nachbarn heute den letzten Nerv raubt. Doch genau wie Elizas Leben zerfasert, tut es auch die Handlung. Zum Schluss ist nicht klar, was real ist und was nur in Elizas Kopf existiert.

Gute Ratschläge ist ein Entwicklungsroman über eine erwachsene Frau, die reflektiert, dass sie in einer Gesellschaft voll Doppelmoral lebt, in der Frauen vor allem Ehegattinnen zu sein haben, die ihren Männern den Rücken frei halten und mit denen sich diese schmücken können. Gardam zeigt auch, wie es einem Menschen gehen kann, der ein traumatisches Erlebnis mit niemandem teilen und nicht verarbeiten kann. Der Roman hat heitere, aber auch nachdenklich machende Facetten.

Gute Ratschläge ist unter dem Originaltitel The Queen of the Tambourine 1992 erschienen und wurde 2024 erstmals in der deutschen Übersetzung (Übersetzerin: Monika Baark) im Hanser Verlag veröffentlicht. Der Roman kostet als gebundene Ausgabe 25 Euro und als E-Book 18,99 Euro.

Sonntag, 10. April 2022

# 343 - Syrien - aus der Ferne betrachtet

Seit nun schon elf Jahren befindet sich Syrien im
Bürgerkrieg. Er wurde durch die gewaltsam niedergeschlagenen Proteste gegen den immer noch amtierenden Präsidenten Baschar al-Assad ausgelöst. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen starben mehr als 350.000 Zivilisten, etwa 5,6 Millionen Syrerinnen und Syrer sind aus ihrem Heimatland geflohen - alte und junge Menschen, die einfach nur ihr Leben leben wollten. Die Bedrohung besteht bis heute, ein Ende ist nicht abzusehen.

Djuman Badran ist im Roman Unser Haus dem Himmel so nah von Shahla Ujayli die Hauptperson. Sie ist promovierte Anthropologin und hat sich vor dem Krieg in der jordanischen Hauptstadt Amman in Sicherheit gebracht. Djuman führt die Leserinnen und Leser durch etwa 100 Jahre syrische Geschichte, indem sie auf Menschen trifft, die sie bereits kennt oder die neu in ihr Leben treten. Vom Krieg in ihrer Heimat und dessen Auswirkungen auf die Bevölkerung erfährt sie in Telefonaten mit ihrer in ihrer Geburtsstadt Raqqa gebliebenen Familie und über die Auswertung von Statistiken. Sie leidet mit ihrem Vater und ihren Geschwistern, die ihr von den Taten des IS berichten, aber als Djuman erfährt, dass sie an Krebs erkrankt ist, überlagern ihre Angst um das eigene Leben und die schmerzhafte Therapie die Nachrichten von zu Hause.

Ihr steht Nasser al-Amiri zur Seite. Djuman hat den Klimaforscher auf einem Flug von Tunesien nach Amman kennengelernt, und nach einer langsamen und vorsichtigen Annäherung werden sie ein Paar. Nasser hat syrische Wurzeln, sein Großvater war Rechtsanwalt in Aleppo, bevor er aus politischen Gründen nach Damaskus zog. Nasser lebt zum Zeitpunkt des Kennenlernens in Abu Dhabi.

Unser Haus dem Himmel so nah ist kein Roman, der stringent eine Geschichte erzählt. Es ist ein Roman über zahlreiche Menschen aus dem arabischen Raum, die es wegen politischer Krisen in ihren Heimatländern in die ganze Welt zieht. Sie verlassen ihr Zuhause, um irgendwo anders eine Zukunft und ein neues "Haus" aufzubauen. Informationen werden über Dialoge oder Monologe transportiert, wodurch die jeweiligen Personen besser kennen gelernt werden.

Man wird beim Lesen den Eindruck nicht los, dass sehr viel von Shahla Ujaylis eigener Geschichte in dieses Buch eingeflossen ist. Dieser Eindruck entsteht nicht nur durch die genaue Darstellung der einzelnen Menschen, sondern auch den Umstand, dass die Autorin in einem akademisch geprägten Umfeld aufgewachsen ist, das dem in ihrem Roman sehr ähnlich ist. Sogenannte "einfache Leute" kommen so gut wie gar nicht vor.

Lesen?

Trotz dieser etwas eingeschränkten Sichtweise ist Unser Haus dem Himmel so nah ein empfehlenswertes Buch. Shahla Ujayli ermöglicht insbesondere den Leserinnen und Lesern unseres eigenen Kulturkreises kulturelle und historische Einblicke, die Nachrichten oder Geschichtsbücher in dieser Form nicht vermitteln können.  

Unser Haus dem Himmel so nah ist in der vorliegenden deutschen Übersetzung von Christine Battermann 2022 im Kupido Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 28 Euro. Der Roman stand auf der Shortlist für den International Prize of Arabic Fiction.

Samstag, 3. November 2018

# 173 - Ein Kind wird gefunden, das niemand vermisst

Die Geschichte vom alten Kind ist das erste Buch der bekannten und mit mehreren Preisen ausgezeichneten Autorin Jenny Erpenbeck und mein erstes, das ich von ihr gelesen habe. Das Kuriose: Obwohl es eine Handlung, eine Spannungskurve oder ein anderes stilistisches Merkmal, das einen Roman normalerweise ausmacht, nicht gibt, übt es so etwas wie eine Anziehungskraft aus.

Wenig Handlung, viel Atmosphäre

 

Eines Nachts wird ein Mädchen auf der Straße gefunden. Außer einem leeren Blecheimer hat es nichts bei sich. Man erfährt nur, dass es vierzehn Jahre alt ist, sonst nichts. Da das Mädchen nicht als vermisst gemeldet wurde und sich auch keine Angehörigen ausfindig machen lassen, wird es in ein Heim gegeben. Dort wird ihm alles, was es hat, weggenommen, und es wird neu ausgestattet. Eine deutliche Zäsur, die den alten vom neuen Lebensabschnitt trennt.

Das namenlose Mädchen ist größer als alle anderen Gleichaltrigen im Heim und in der Schule, aber auf eine seltsame Art kraftlos. Seine Statur ist konturlos und schwammig, sein Gesicht nichtssagend und es spricht so gut wie nie. Die saloppe Redewendung "Wenn sie reinkommt, denkt man, jemand sei hinausgegangen" passt hier genau. Das Mädchen schwimmt mit den Mitbewohnern und -schülern mit und ist froh, auf der untersten Stufe der Gruppenhierarchie zu stehen: Ist man dort, muss man um nichts kämpfen. Doch bald merken die Gleichaltrigen, dass sein Verhalten einen Vorteil hat: Das, was dem Mädchen erzählt wird, versinkt in ihm wie in einem schwarzen Loch und es erfährt garantiert niemand anders davon; das, womit man es beauftragt, erledigt es, ohne zu protestieren oder Fragen zu stellen.
Ihre Unscheinbarkeit und gewissermaßen Unsichtbarkeit ermöglichen es dem Mädchen, Dinge zu sehen und zu erfahren, die allen anderen verborgen bleiben. Aber auch Beobachtungen, die bei anderen Menschen dazu geführt hätten, dass sie sie wenigstens einem anderen Menschen anvertraut hätten, sinken folgenlos in ihr Bewusstsein hinab.

Die Kraftlosigkeit und Müdigkeit des Mädchens nehmen immer stärker von ihm Besitz. Eines Morgens sind sie so übermächtig, dass sie nicht mehr aufstehen kann. Wenn man in einem Leben, das derart von Schwäche und Stille geprägt ist wie das dieses Mädchens, überhaupt von einem Wendepunkt sprechen kann, dann ist er jetzt gekommen.

Wie war's?

 

Geschichte vom alten Kind wurde nach seinem Erscheinen 1999 hoch gelobt. Jenny Erpenbeck ist mit diesem Buch ein Roman gelungen, der sich von den meisten abhebt, die mit einer nachvollziehbaren Handlung aufwarten können. Wer Lust hat, sich auf eine ungewöhnliche "Schreibe" einzulassen, der sollte dieses Buch lesen.
Geschichte vom alten Kind ist in der mir vorliegenden Taschenbuchausgabe 2001 bei btb zum Preis von 7,99 Euro erschienen. Als epub- oder Kindle-Edition kostet es 6,99 Euro.


Montag, 29. Februar 2016

Diese Bücher gab es hier im Februar

Ziemlich bunt gemischt

 

Gleich das erste Buch dieses Monats war so etwas wie ein Paukenschlag: Der Distelfink von Donna Tartt widmet sich dem wechselhaften Leben eines Jungen aus New York über einen Zeitraum von 14 Jahren. Langweilig? Keine Spur! Theo Decker macht so viel durch, dass es noch für zwei weitere Leben reichen würde. Ich finde dieses Buch sehr lesenswert und gebe darum 
























Wer mehr wissen möchte: Ijoma Mangold hat im Youtube-Kanal von ZEIT Online ebenfalls über diesen Roman gesprochen.
----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Für den Rest des Monats hatten die Self-Publisher die Nase vorn. Den Anfang machte hier Jens Thaele mit dem Titel  Vom Yin und Yang der digitalen Revolution. Der Autor ist Nachrichtentechnik- und Wirtschaftsingenieur und erklärt seinen Lesern verständlich und gut nachvollziehbar, was es mit der sog. digitalen Revolution auf sich hat und wie sich jeder Einzelne ihre Vorteile zunutze machen kann. Für dieses Buch gebe ich

  



















Weitere Informationen über das Buch und seinen Autor gibt es auf der Homepage von Jens Thaele.
----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Am 19. Februar  lag der Schwerpunkt mit Der Pfauenfedernmord von Ulrike Busch auf der Unterhaltung: Eine Clique trifft sich wie jedes Jahr im Sommer in Kampen auf Sylt, doch diesmal sollen dieses Ereignis nicht alle Teilnehmer überleben. Hauptkommissar Knudsen und Kommissar Zander ermitteln in diesem Cosy-Krimi mit viel Lokalkolorit. Das Buch ist gut gemachte Unterhaltung und bekommt deshalb 





















Von Ulrike Busch sind noch weitere Bücher erschienen, in die sie auf ihrer Autorenseite Einblick gibt.
----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Am letzten Wochenende bildete Eine Liebe im Schatten der Krone der Autorin Bettina Pecha den Schlusspunkt unter diesen Monat. Das Buch ist Fans von historischen Romanen auf jeden Fall zu empfehlen und beleuchtet einige Jahre der Regentschaft der schottischen Königin Maria I., die besser unter dem Namen Maria Stuart bekannt ist. Der Roman hält sich an die historischen Fakten und lässt sich gut lesen. Daher bekommt er 




















Auch Bettina Pecha hat eine Autorenhomepage und verrät dort Details über ihre Romane sowie deren historische Hintergründe. 


Schon in wenigen Tagen geht es mit dem nächsten Buch weiter, und ich freue mich, euch einen spannenden Roman vorstellen zu können. Wir sehen uns am Freitag!


















Samstag, 6. Februar 2016

# 35 - Ein preisgekröntes Epos

Ein Vogel auf Abwegen

 

Der Roman Der Distelfink der Amerikanerin Donna Tartt beginnt fast am Ende der Erzählung: Theo Decker, ein 27-jähriger Amerikaner, befindet sich seit einer Woche in einem Amsterdamer Hotelzimmer. Er ist krank und sieht in einem Fiebertraum im Spiegel seine Mutter, die plötzlich hinter ihm auftaucht. Doch kurz, bevor sie etwas sagen kann, endet der Traum abrupt. Theo wird bewusst, dass sein Leben einen besseren Verlauf genommen hätte, wenn es diesen Tag vor 14 Jahren nicht gegeben hätte. 
 

Der 13-jährige Theo Decker lebt allein mit seiner Mutter in einer kleinen Wohnung in New York. Sein alkoholkranker und meistens übellauniger Vater hat die kleine Familie bereits vor einem Jahr sang- und klanglos verlassen und zahlt keinen Unterhalt. Dass das Geld seitdem knapp ist, ist allerdings im Vergleich dazu das kleinere Übel.
Theo und seine Mutter Audrey hatten schon immer eine enge Bindung, die seit dem Verschwinden des Vaters noch etwas intensiver geworden ist. Doch dann kommt der Tag, der Theos bisheriges Leben aus den Fugen und seine Welt zum Einsturz bringen soll: Er besucht mit seiner Mutter das Metropolitan Museum of Art, in dem gerade eine Ausstellung gezeigt wird: Nördliche Meisterwerke des goldenen Zeitalters. Audrey hatte vor Jahren  Kunstgeschichte an der New York University studiert, bevor sie Theos Vater kennenlernte und nach der Hochzeit das Studium aufgab. Ihr Faible für Kunst hatte sie jedoch nie losgelassen und sie freut sich sehr, als sie in der Ausstellung ein Bild entdeckt, das sie seit ihrer Kindheit nur aus einem Kunstbildband kannte, von dem sie jedoch seit damals fasziniert ist: Der Distelfink des niederländischen Künstlers Carel Fabritius, das 1654 gemalt wurde.

Die Wege trennen sich...

 

Theo und seine Mutter haben mittags einen Termin, sodass die beiden ihren Museumsrundgang abkürzen müssen. Doch Audrey möchte sich auf die Schnelle noch ein weiteres Gemälde ansehen, das in einem benachbarten Ausstellungsraum hängt. Sie verabreden, dass sie sich im Museumsshop treffen. Wenige Augenblicke später wird der Raum von einer so gewaltigen Explosion erschüttert, dass Theo zwischen herumwirbelnden Trümmerteilen zu Boden geworfen wird und das Bewusstsein verliert. Erst als er nach einer Weile wieder zu sich kommt, erkennt er, was wirklich passiert ist: Ein Bombenanschlag hat Teile des Museums zum Einsturz gebracht. Um ihn herum liegen Tote, von seiner Mutter ist weit und breit nichts zu sehen. Auf der Suche nach einem Ausgang trifft er auf einen schwer verletzten alten Mann, der um sein Leben ringt. In seinen letzten Minuten weist er Theo eindringlich an, ein staubiges rechteckiges Brett, das ganz in der Nähe zwischen Trümmern liegt, aufzuheben und auf jeden Fall mitzunehmen. Als Theo sich das Brett genauer ansieht, erkennt er, dass es sich um den Distelfinken, das Lieblingsbild seiner Mutter, handelt. Ohne länger darüber nachzudenken, entscheidet er, das Bild an sich zu nehmen. Doch kurz bevor Theo die Suche nach dem Ausgang fortsetzt, gibt ihm der sterbende Mann einen schweren Goldring. Einige seiner letzten Worte sind "Hobart and Blackwell" und "Läute die grüne Glocke."

Theo schafft es, einen Weg aus dem zerstörten Museum zu finden und klammert sich an die Hoffnung, seine Mutter zu Hause anzutreffen. Doch die Wohnung ist leer. Erst etliche Stunden später stehen zwei Sozialarbeiter vor der Wohnungstür. In diesem Moment wird Theo klar, dass er seine Mutter nie wiedersehen wird. Angesichts dessen, dass die Sozialarbeiter überlegen, Theo entweder in staatliche Fürsorge, zu einer Pflegefamilie oder zu seinen Großeltern zu geben, wird er von Panik erfasst: Jeder dieser Vorschläge ist schlimmer als der andere; seine Großeltern hatten sich noch nie für ihn interessiert und waren an Lieblosigkeit kaum zu übertreffen. In seiner Not nennt er den Namen der Familie seines Freundes Andy Barbour, und tatsächlich wird er dort aufgenommen. Der Distelfink bleibt zunächst in der alten Wohnung.


Trautes Heim, Glück allein?

 

Die Familie Barbour lässt ihn bei sich wohnen, aber die Atmosphäre dort ist sehr kühl und sachlich. Sein Aufenthalt wird akzeptiert, finanziell ist er jedoch kein Problem: Mr. Barbour arbeitet an der Wall Street, man leistet sich Personal und einen angenehmen Lebensstil. Ihre Wohnung liegt an der bekannten und teuren Park Avenue.
Theo hat den Ring des alten Mannes immer bei sich, aber es dauert eine Weile, bis er sich entschließen kann, die Adresse von Hobart and Blackwell im Telefonbuch nachzuschlagen und hinzufahren. Dort trifft er auf Mr. Hobart ("Hobie"), den guten Freund und Geschäftspartner des toten Mannes aus dem Museum. Die beiden Männer betreiben seit vielen Jahren ein in Sammlerkreisen angesehenes Antiquitätengeschäft, in dem Hobie den Part des Restaurators innehat. Hobie wird zu einem Anker und Ruhepunkt in Theos Leben, das immer mehr aus den Fugen gerät. Der Heranwachsende trägt schwer am Tod seiner Mutter und gibt sich die Schuld daran. Seit der Explosion ringt er außerdem mit einer posttraumatischen Belastungsstörung: Er erträgt Menschenmengen nur sehr schlecht,  und plötzliche Geräusche oder Bewegungen in seiner Nähe bringen ihn aus der Fassung. 
Als sein Leben bei den Barbours sich etwas normalisiert hat, taucht unvermittelt sein Vater mit seiner Freundin Xandra auf und holt Theo zu sich in die Einöde eines Trabantenvororts von Las Vegas. Doch die Hoffnung, jetzt wieder ein richtiges Zuhause in einer normalen Familie zu haben, wird schon kurz nach der Ankunft beendet: Der Vater hat seinen Suchtschwerpunkt vom Alkohol auf Tabletten verlagert und häuft bei Wetten und Glücksspiel Schulden an, während Xandra keinen Hehl daraus macht, dass ihr Theo lästig ist. Theo lebt in den Tag hinein und spürt deutlich, nicht geliebt zu werden.

14 Jahre Leben auf mehr als 1.000 Seiten 


Wer angesichts der Seitenzahl abgeschreckt ist, diesen Roman zu lesen, verpasst ein sehr flüssig und lebendig geschriebenes Buch, das seine Leser bis zum letzten Punkt auf Seite 1.022 nicht mehr loslässt. Donna Tartt beschreibt das psychische Loch, in das der junge Theo nach dem Tod seiner Mutter, der wichtigsten Person in seinem Leben, fällt, so authentisch, dass man es mit dem Jungen mitfühlt. Über viele Jahre hinweg kann er nicht an bestimmte Dinge denken oder sich an Orten aufhalten, an denen er mit ihr gewesen ist, ohne dass in seinem Kopf ein Film mit Szenen aus dem gemeinsamen Leben abläuft. Wie sehr sich Theo wünscht, dass alles so bleiben möge, wie er es gekannt hat, wird besonders deutlich, als er zum Mietshaus, in dem er jahrelang mit seiner Mutter gelebt hat, zurückkehrt, um mit den ihm vertrauten Türstehern zu sprechen. Als er dort ankommt, ist er fassungslos: Das Haus ist eingerüstet und wird gerade entkernt, das gesamte Hauspersonal wurde entlassen. Ein Fremder erzählt ihm, ein Investor habe das Gebäude gekauft und wolle daraus moderne, teure Wohnungen machen.

Das Leben entgleitet dem Jugendlichen Theo mehr und mehr. Über einen Freund gerät er an Drogen und Alkohol, und erst ein weiterer Schicksalsschlag, der für ihn mehr ein Befreiungsschlag ist, öffnet ihm die Tür für ein einigermaßen normales Leben. Das Gemälde, dessen Rückgabe er sich mehrmals vorgenommen und immer wieder aufgeschoben hat, entwickelt sich zu einem Fluch, obwohl er es gut versteckt hält und irgendwann nicht mehr wagt, es auszupacken und anzusehen.

Donna Tartt hat 2014 für The Goldfinch den Pulitzer Preis bekommen - meiner Ansicht nach absolut verdient. 
Die deutsche Übersetzung ist 2014 im Goldmann Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24,99 €, als Taschenbuch 12,99 €, als mp3-Hörbuch 14,99 € sowie als Kindle-Edition 9,99 €.


 

Vielen Dank!

Das Buch Der Distelfink wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich ganz herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorhandene Exemplare innerhalb eines Werktages. 
Die Kontaktdaten und Öffnungszeiten gibt es hier: Hemminger Buchhandlung



   

Freitag, 29. Januar 2016

# 34 - Ein Roman in zwei Epochen

 Zwei Schauplätze, zwei Zeiten

 

Ich stelle euch heute mit La Vita Seconda - Das zweite Leben das Erstlingswerk von Charlotte Zeiler vor. Sie arbeitet als Krankenschwester in einer Intensivstation, was sich in ihrem Buch positiv bemerkbar macht.


Köln/Cölln als Schicksalsstadt

 

Im Jahr 1617 findet sich die junge Franziska verletzt auf einer staubigen Straße zwischen Cölln und Jülich wieder. Nur mit Mühe kann sie sich konzentrieren, aber die Umgebung um sie herum ist ihr fremd. Auch alles, was ihr Leben ausmacht, ist aus ihrem Gedächtnis verschwunden: ihr Wohnort, der Name ihrer Eltern ... alles ist weg. Auch an den Mann, der ihr offensichtlich helfen will und sich um sie kümmert, kann sie sich nicht erinnern: Antonio. Zusammen mit seinem Begleiter bringt er Franziska zu seinem Elternhaus in Cölln, wo sie Ruhe finden und sich erholen soll. 

In einem zweiten Handlungsstrang geschieht in der Gegenwart ein schrecklicher Unfall: Eine junge Frau ist in ihrem Auto auf dem Weg zu ihrer Arbeit in einem Krankenhaus. Kurz vor dem Ziel kommt es zu einem Zusammenstoß zwischen ihrem Fahrzeug und einem Lkw, bei dem dessen Fahrer ums Leben kommt und das Auto fast von dem Vierzigtonner zerquetscht wird. Der Notarzt Mark und ein Rettungssanitäter sind als erste am Unfallort und können die schwer verletzte Autofahrerin ins Krankenhaus bringen. Dort wird sie von Oliver, Marks bestem Freund, weiterbehandelt.

Wie können die Leben zweier Frauen trotz der zeitlichen Distanz umeinander kreisen?

 

Charlotte Zeiler hilft ihren Lesern dabei, die beiden unterschiedlichen Handlungsstränge auseinanderzuhalten: Bei jedem Wechsel in die jeweils andere Epoche ändert sich nicht nur die Schriftart, sondern auch die Zeit: Die Kapitel, die in der Gegenwart spielen, sind im Präteritum, die Handlung im 17. Jahrhundert ist im Präsens formuliert. Ohne die klare Strukturierung würde es vermutlich schwerfallen, jeden Handlungsverlauf für sich zu verfolgen.

Doch es bleibt lange rätselhaft, was die Schicksale der beiden Frauen miteinander zu tun haben könnten. Gemeinsam ist ihnen, dass sich in beiden Epochen eine Liebesgeschichte anbahnt: Mark, der von seiner früheren Verlobten betrogen wurde und monatelang keine Freude mehr am Leben hatte, fühlt sich zu der Autofahrerin hingezogen und besucht sie sogar, als sie wegen der Schwere ihrer Verletzungen in die Uni-Klinik Köln verlegt wird. Ihr ist das allerdings nicht bewusst: Sie liegt im Koma auf der Intensivstation. Mark erfährt auch bald ihren Namen, weil man in der Uniklinik irrtümlich annimmt, dass es sich bei der Patientin um seine Freundin handelt: Leya Volta. Er hat den Eindruck, ihr schon einmal begegnet zu sein, kann sich aber zunächst nicht daran erinnern, wo oder in welchem Zusammenhang er Leya bereits kennengelernt haben könnte.

Auch Franziska hat großes Gefallen an ihrem Retter Antonio gefunden, der sich als ein Sohn des Pfalzgrafen Wolfgang Wilhelm entpuppt. Doch schon kurz nach ihrer Ankunft im Haus des Pfalzgrafen kann Franziska nicht mehr sprechen. Auch ihre Erinnerung an ihr Leben vor dem Augenblick ihrer Rettung ist nicht zurückgekehrt. So beginnt die Suche nach ihrer wahren Identität. Doch schon bald ahnt sie, dass sie im Haushalt des Pfalzgrafen eine Feindin hat. Diese Ahnung soll sich tatsächlich bestätigen.


Vorsicht Spoiler!


Es fällt mir bei La Vita Seconda - Das zweite Leben sehr schwer, den weiteren Verlauf des Romans zu beschreiben, ohne zumindest einen Hinweis zu geben, was hinter diesen beiden Geschichten steckt. Charlotte Zeiler hat sich eines ungewöhnlichen Schreibstils bedient, an den man sich zu nächst gewöhnen muss, der jedoch das Verständnis für die Hintergründe erleichtert. Ihre medizinischen Fachkenntnisse, die an vielen Stellen deutlich werden, tragen ebenfalls dazu bei, dass die Handlung immer glaubwürdig bleibt.

Das Buch ist als Taschenbuch zum Preis von 9,95 € und als Kindle-Edition für 2,99 € erhältlich.

 

Donnerstag, 25. Juni 2015

# 4 - Über die Angst vor der Unendlichkeit

Das heutige Buch spielt auf dem komfortablen Ozeandampfer "Virginian", der ständig zwischen der Alten und der Neuen Welt pendelt. Es heißt Novecento, wurde von Alessandro Baricco geschrieben und in der deutschen Ausgabe zum ersten Mal 2000 herausgebracht. Es erzählt von einem Jungen, der im Jahr 1900 auf dem Schiff von  einer unbekannten Passagierin geboren und dort zurückgelassen wird. Im Alter von etwa zehn Tagen wid das namenlose Baby von dem Matrosen Danny Bootman gefunden, als die "Virginian" in Boston vor Anker liegt und sich die Passagiere und fast die ganze Besatzung auf einem Landgang befinden - in einem Pappkarton, der auf dem Klavier im Tanzsaal für die Reisenden der 1. Klasse steht.

Wer ein Kind erwartet und sich Gedanken um dessen Namen macht, bekommt hier Hilfe ;-)

Danny Boodman sucht vergeblich nach einem Hinweis, wie das Kind heißen könnte und findet ihn auf dem Pappkarton: Dort steht deutlich lesbar "T. D. Limoni". Da ist es nur logisch, wie der Knirps heißen soll: Lemon! Und was ist mit "T. D." gemeint? Auch da ist sich Danny sicher: "Thanks, Danny". 

Danny Boodman kümmert sich um das Findelkind, findet aber, dass "Lemon" als alleiniger Name ein bisschen dürftig ist. Was liegt da näher, als ihm seinen eigenen Namen zu geben? Doch er findet diese neue Namensschöpfung immer noch nicht perfekt und fügt das "T. D." hinzu: Danny Boodman T. D. Lemon. Aber weiß nicht jedes Kind, dass erfolgreiche Menschen einen ganz speziellen Namen brauchen, der sie unverwechselbar macht? Eben! Da kommt Danny die Idee: Das Kind soll Novecento (1900) heißen, weil es im Jahr 1900 gefunden wurde.

Wie lebt ein "Schiffsjunge"?

Mehr als acht Jahre lang kümmert sich der Matrose Danny um seinen Ziehsohn Danny Boodman T. D. Lemon Novecento. Als er nach einem Arbeitsunfall stirbt, beschließt der Kapitän der Virginian, Novecento beim nächsten Landgang in Southampton nun endlich in staatliche Obhut zu geben. Bis dahin hatte der Junge noch keinen Fuß auf festen Boden gesetzt. Doch als man ihn holen will, ist er auf dem ganzen Schiff unauffindbar. Erst als der Dampfer erneut in See sticht, taucht er wieder auf: am Klavier im Tanzsaal der 1. Klasse. Er hat eine außergewöhnliche musikalische Begabung und wird irgendwann ein fester Bestandteil der Bordband. Im Laufe der Jahre wird er durch seinen speziellen Stil, Klavier zu spielen, so bekannt, dass sein Name auch Jelly Roll Morton, DEM Jazzmusiker des beginnenden 20. Jahrhunderts, zu Ohren kommt. Er beschließt, sich musikalisch mit Novecento zu duellieren. Da dieser nach wie vor sein Leben komplett auf dem Schiff verbringt, bucht Morton eine Überfahrt nach Europa. Er fordert Novecento im Tanzsaal vor Publikum heraus, doch erst beim dritten Stück zeigt der junge Pianist, welche Virtuosität in ihm steckt: Nach dem letzten Ton lässt er sich eine Zigarette geben und zündet sie an den erhitzten Klaviersaiten an. Morton muss sich geschlagen geben und verlässt das Schiff bei der nächsten Gelegenheit.

Was hält einen Menschen davon ab, ein normales Leben zu leben?

Mit 32 Jahren beschließt Novecento, im Hafen von New York von Bord zu gehen. Zum ersten Mal in seinem Leben. Er will künftig das Meer vom Land aus erleben und als Klavierspieler von Stadt zu Stadt ziehen. Sein Freund, der Trompeter Tim, schenkt ihm einen Kamelhaarmantel, und Novecento wendet sich zum Gehen. Doch schon auf der dritten Stufe hält er inne, wirft prüfend seinen Hut ins Wasser und kehrt wieder um. Niemand weiß, was ihn zum Bleiben bewogen hat, aber Novecento verlässt die Virginian nicht und arbeitet weiter als Bordpianist. Tim kündigt 1933 nach sechs Jahren seine Stelle auf dem Schiff und hört lange Zeit nichts von Novecento.

Eines Tages erhält Tim einen Brief von einem Iren, der früher ebenfalls auf der Virginian angeheuert hatte: Das Schiff war im Krieg als Lazarettschiff eingesetzt und stark beschädigt worden. In Plymouth war der Rest der Besatzung von Bord gegangen und das Schiff mit Dynamit beladen worden, um im offenen Meer gesprengt zu werden. Der Brief endet mit den Worten "Novecento ist an Bord geblieben".
Tim reist sofort nach Plymouth und findet seinen Freund, der im dunklen Schiff auf einer vollen Dynamitkiste sitzt.

Ein Buch mit viel Gefühl

Alessandro Baricco hat dieses Buch mit sehr viel Empathie und Poesie geschrieben. Man mag es zwischendurch nicht aus der Hand legen, weil man in die Handlung hinein gesogen wird. Das Ende wirkt zunächst tragisch, dann aber doch eher versöhnlich.

Den Musiker Jelly Roll Morton hat es im Gegensatz zu Novecento tatsächlich gegeben . Er begann seine Karriere 1902 im Alter von 17 Jahren und gehörte zu den Musikern, die die Entwicklung des Jazz maßgeblich beeinflussten.
Dem Matrosen Danny dämmerte übrigens zwischendurch, dass er mit seiner Deutung von "T. D." auf dem Holzweg war: Irgendwann sah er in einer Zeitung eine Werbeanzeige, in der ein aufgedunsener Mann und eine große Zitrone abgebildet waren. Daneben stand: "Tano Damato, der Zitronenkönig". Aber da war es ihm dann auch egal.

Novecento kommt als Taschenbuch in einer Neuauflage im Oktober 2015 erneut in den Handel. Die mir vorliegende Ausgabe hat nur etwa 80 Seiten und lässt sich daher auch gut "in einem Rutsch" lesen. Es ist ein Buch, das seine Leser nachdenklich macht und das man nach der Lektüre nicht einfach so auf den Bücherstapel zurücklegt. 

Der Film zum Buch kam 1998 unter dem Titel "Die Legende vom Ozeanpianisten" in die deutschen Kinos und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet.