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Dienstag, 15. November 2022

# 370 - Von Schuld und Vergebung

 Absolvo te heißt das zweite Buch des bulgarischen
Schriftstellers Georgi Bardarov, das die Jury des Europäischen Literaturpreises 2021 so sehr überzeugte, dass sie den Preis an den Autor vergab.

Bardarov ist Professor für ethno-religiöse Konflikte und Demographie an der Universität Sofia. Da scheint das Thema seines Romans nahezuliegen: Ein Araber, ein Jude und ein Nazi-Offizier stehen im Mittelpunkt der Handlung. Aber es gibt nicht "die" Handlung im klassischen Sinn, sondern Bardarov schildert in mehreren Handlungssträngen geschichtliche Ereignisse, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun zu haben scheinen: die Diktatur der Nationalsozialisten mit ihrer brutalen Tötungsmaschinerie und der israelisch-palästinensische Konflikt, dessen Beginn etwa auf das Ende des 19. Jahrhunderts datiert werden kann und der bis heute andauert. Die Romanhandlung betrachtet diesen Konflikt im Zeitrahmen der 1970-er und 1980-er Jahre.

Wie ein roter Faden zieht sich die Figur des Max Schewtschenko durch den Roman. Das Kuriose daran: Man bemerkt diesen Kniff beim Lesen erst mit Verzögerung. Max, ein begabter Student und Sportler, ist ein aus der Ukraine stammender Jude, der Mitte November 1944 mit einem Güterzug zusammen mit vielen anderen Menschen in das Konzentrationslager Auschwitz gebracht wird. Unter dem Eindruck von Hunger und unmenschlicher Grausamkeit lernt er nicht nur seine seelischen und körperlichen, sondern auch seine moralischen Grenzen kennen. Zu überleben ist das einzige Ziel. Bardarov weist Max Schewtschenko die Funktion einer Brücke zwischen dem Holocaust und der tief sitzenden Feindschaft zwischen Juden und Palästinensern zu. Kann das gelingen?

Lesen?

Absolvo te bedeutet etwa "Ich spreche dich frei" oder "Ich entlaste dich". Das ist die Botschaft, die Georgi Bardarov seinen Leserinnen und Lesern vermittelt: Bevor es Frieden und Versöhnung geben kann, muss man einander vergeben. Angesichts dessen, dass das Buch auf zwei wahren Begebenheiten beruht, die von Brutalität und Gnadenlosigkeit geprägt sind, kann man sich gut vorstellen, dass die Vergebung für die Menschen, die sowohl Opfer als auch Täter sind, ein Kraftakt ist. Noch schwerer ist es aber, sich selbst zu vergeben.

Absolvo te ist in der deutschen Übersetzung 2022 im Anthea Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 22,90 Euro.

Sonntag, 10. April 2022

# 343 - Syrien - aus der Ferne betrachtet

Seit nun schon elf Jahren befindet sich Syrien im
Bürgerkrieg. Er wurde durch die gewaltsam niedergeschlagenen Proteste gegen den immer noch amtierenden Präsidenten Baschar al-Assad ausgelöst. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen starben mehr als 350.000 Zivilisten, etwa 5,6 Millionen Syrerinnen und Syrer sind aus ihrem Heimatland geflohen - alte und junge Menschen, die einfach nur ihr Leben leben wollten. Die Bedrohung besteht bis heute, ein Ende ist nicht abzusehen.

Djuman Badran ist im Roman Unser Haus dem Himmel so nah von Shahla Ujayli die Hauptperson. Sie ist promovierte Anthropologin und hat sich vor dem Krieg in der jordanischen Hauptstadt Amman in Sicherheit gebracht. Djuman führt die Leserinnen und Leser durch etwa 100 Jahre syrische Geschichte, indem sie auf Menschen trifft, die sie bereits kennt oder die neu in ihr Leben treten. Vom Krieg in ihrer Heimat und dessen Auswirkungen auf die Bevölkerung erfährt sie in Telefonaten mit ihrer in ihrer Geburtsstadt Raqqa gebliebenen Familie und über die Auswertung von Statistiken. Sie leidet mit ihrem Vater und ihren Geschwistern, die ihr von den Taten des IS berichten, aber als Djuman erfährt, dass sie an Krebs erkrankt ist, überlagern ihre Angst um das eigene Leben und die schmerzhafte Therapie die Nachrichten von zu Hause.

Ihr steht Nasser al-Amiri zur Seite. Djuman hat den Klimaforscher auf einem Flug von Tunesien nach Amman kennengelernt, und nach einer langsamen und vorsichtigen Annäherung werden sie ein Paar. Nasser hat syrische Wurzeln, sein Großvater war Rechtsanwalt in Aleppo, bevor er aus politischen Gründen nach Damaskus zog. Nasser lebt zum Zeitpunkt des Kennenlernens in Abu Dhabi.

Unser Haus dem Himmel so nah ist kein Roman, der stringent eine Geschichte erzählt. Es ist ein Roman über zahlreiche Menschen aus dem arabischen Raum, die es wegen politischer Krisen in ihren Heimatländern in die ganze Welt zieht. Sie verlassen ihr Zuhause, um irgendwo anders eine Zukunft und ein neues "Haus" aufzubauen. Informationen werden über Dialoge oder Monologe transportiert, wodurch die jeweiligen Personen besser kennen gelernt werden.

Man wird beim Lesen den Eindruck nicht los, dass sehr viel von Shahla Ujaylis eigener Geschichte in dieses Buch eingeflossen ist. Dieser Eindruck entsteht nicht nur durch die genaue Darstellung der einzelnen Menschen, sondern auch den Umstand, dass die Autorin in einem akademisch geprägten Umfeld aufgewachsen ist, das dem in ihrem Roman sehr ähnlich ist. Sogenannte "einfache Leute" kommen so gut wie gar nicht vor.

Lesen?

Trotz dieser etwas eingeschränkten Sichtweise ist Unser Haus dem Himmel so nah ein empfehlenswertes Buch. Shahla Ujayli ermöglicht insbesondere den Leserinnen und Lesern unseres eigenen Kulturkreises kulturelle und historische Einblicke, die Nachrichten oder Geschichtsbücher in dieser Form nicht vermitteln können.  

Unser Haus dem Himmel so nah ist in der vorliegenden deutschen Übersetzung von Christine Battermann 2022 im Kupido Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 28 Euro. Der Roman stand auf der Shortlist für den International Prize of Arabic Fiction.