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Dienstag, 29. Juli 2025

# 483 - Surreale Kurzgeschichten

Etgar Keret ist ein Experte für Kurzgeschichten. Nicht
nur, aber auch. In seinem neuesten Buch Starke Meinung zu brennenden Themen versammeln sich 33 von ihnen und bieten ihren Leserinnen und Lesern einen oft surrealen Blick aufs Leben.

Haben wir uns nicht manchmal gewünscht, in eine Zeitmaschine zu steigen und in der Zeit vor oder zurück zu reisen? Kerets Vision in einer der Geschichten macht es möglich, hat jedoch einen entscheidenden Haken: Wer in die Zukunft reist, nimmt an Körpergewicht zu; wer sich in der Vergangenheit umsehen möchte, verliert zwar einige Kilogramm, muss sich aber mit den Gefahren des vergangenen Zeitalters herumschlagen und dort bleiben, wenn er nicht wieder sein altes (Über-)Gewicht bekommen will.

Der Verlauf der titelgebenden Geschichte der englischen Ausgabe (Autocorrect) erinnert entfernt an den Kinofilm "Und täglich grüßt das Murmeltier": Juvi ist CEO des von ihm gegründeten Unternehmens. Heute ist ein wichtiger Tag, weil die Chinesen einen Vertrag unterschreiben werden. Sein Vater kommt an diesem Morgen schon früh in Juvis Wohnung und möchte mit ihm gemeinsam in die Firma fahren. Doch dann gibt es einen Unfall, bei dem der Vater ums Leben kommt. Die Frage, die sich Keret gestellt hat, lautet: Hätte das Unglück durch eine andere Entscheidung verhindert werden können? 
Wie oft haben wir uns das nicht schon selbst gefragt: Was wäre gewesen, wenn ich dies oder jenes getan oder gelassen hätte? Wir haben darauf keine Antwort, aber Keret nimmt sich die Freiheit, den morgendlichen Ablauf wieder und wieder wie einen Film zum Anfang zurückzuspulen. Jeder neue Anfang birgt die Chance, dass nun alles gut wird oder das Schicksal erneut die Keule herausholt.

Fast alle Kurzgeschichten spielen in Israel, der Heimat des Autors, und viele ranken sich in irgendeiner Weise um den Tod. Keret greift in den meisten dieser kurzen Szenarien ein aktuelles Thema auf und überzeichnet es stark. Das gilt auch für die Titelgeschichte der deutschen Ausgabe: Im Mittelpunkt steht ein Mann, der auf eine Zeitungsanzeige stößt, die provokativ "Haben Sie eine starke Meinung zu brennenden Themen?" fragt. Meine Güte, wer hat das heutzutage nicht? Sind wir nicht umgeben von Leuten, die weniger durch Kenntnisse, aber umso mehr durch ihre (laut)starken Meinungen auf sich aufmerksam machen? Und haben diese Leute nicht so viele Möglichkeiten wie nie zuvor, gequirlten Blödsinn in die Welt zu pusten? Hier setzt Kerets Geschichte an und gewinnt an Fahrt, als der junge Mann den zweiten Satz der Annonce liest: "Jetzt können Sie viel Geld aus Ihren Meinungen machen!" Ein Geschäftsmodell, das mit einem stabilen Einkommen mit wenig Leistung lockt - oder?

Lesen?

Etgar Keret greift wie nebenbei politische und gesellschaftliche Dystopien auf, die zum Teil bereits Wirklichkeit geworden sind: Das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023, der seit dem Ende des 19. Jahrhunderts währende israelisch-palästinensische Hass oder die Corona-Pandemie sind Beispiele dafür. Viele Texte beschreiben einen Alltag, der so auch in den USA stattfinden könnte: Hedgefonds, Dating-Plattformen oder Streaming-Dienste sind Teil des Lebens. Nur wegen der israelischen Ortsbezeichnungen oder den Erwähnungen des israelischen Militärs sowie der Hisbollah wird dieser irreführende Eindruck geradegerückt. Tatsächlich wurden zahlreiche Kurzgeschichten aus diesem Buch in US-amerikanischen Medien veröffentlicht. Jüdisches Leben kommt nur vereinzelt vor, was ein deutlicher Gegensatz zu Büchern anderer jüdischer Autorinnen und Autoren wie beispielsweise Deborah Feldman oder Akiva Weingarten ist.

Kerets Art, zu schreiben, ist sehr speziell und oft irritierend. Bei manchen Geschichten bleibt das Lachen im Hals stecken, weil trotz des Humors, der sich durch die Seiten zieht, viele der Hauptfigur von einer atmosphärischen Düsternis umgeben sind, die sie daran hindert, glücklich zu sein, obwohl sie vom Glück nur eine Handbreit entfernt sind. Kann ich Starke Meinung zu brennenden Themen empfehlen? Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht.

Starke Meinung zu brennenden Themen ist 2025 in der Übersetzung von Barbara Linner im Aufbau Verlag erschienen. Das gebundene Buch kostet 24 Euro, das E-Book 17,99 Euro.

Dienstag, 15. November 2022

# 370 - Von Schuld und Vergebung

 Absolvo te heißt das zweite Buch des bulgarischen
Schriftstellers Georgi Bardarov, das die Jury des Europäischen Literaturpreises 2021 so sehr überzeugte, dass sie den Preis an den Autor vergab.

Bardarov ist Professor für ethno-religiöse Konflikte und Demographie an der Universität Sofia. Da scheint das Thema seines Romans nahezuliegen: Ein Araber, ein Jude und ein Nazi-Offizier stehen im Mittelpunkt der Handlung. Aber es gibt nicht "die" Handlung im klassischen Sinn, sondern Bardarov schildert in mehreren Handlungssträngen geschichtliche Ereignisse, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun zu haben scheinen: die Diktatur der Nationalsozialisten mit ihrer brutalen Tötungsmaschinerie und der israelisch-palästinensische Konflikt, dessen Beginn etwa auf das Ende des 19. Jahrhunderts datiert werden kann und der bis heute andauert. Die Romanhandlung betrachtet diesen Konflikt im Zeitrahmen der 1970-er und 1980-er Jahre.

Wie ein roter Faden zieht sich die Figur des Max Schewtschenko durch den Roman. Das Kuriose daran: Man bemerkt diesen Kniff beim Lesen erst mit Verzögerung. Max, ein begabter Student und Sportler, ist ein aus der Ukraine stammender Jude, der Mitte November 1944 mit einem Güterzug zusammen mit vielen anderen Menschen in das Konzentrationslager Auschwitz gebracht wird. Unter dem Eindruck von Hunger und unmenschlicher Grausamkeit lernt er nicht nur seine seelischen und körperlichen, sondern auch seine moralischen Grenzen kennen. Zu überleben ist das einzige Ziel. Bardarov weist Max Schewtschenko die Funktion einer Brücke zwischen dem Holocaust und der tief sitzenden Feindschaft zwischen Juden und Palästinensern zu. Kann das gelingen?

Lesen?

Absolvo te bedeutet etwa "Ich spreche dich frei" oder "Ich entlaste dich". Das ist die Botschaft, die Georgi Bardarov seinen Leserinnen und Lesern vermittelt: Bevor es Frieden und Versöhnung geben kann, muss man einander vergeben. Angesichts dessen, dass das Buch auf zwei wahren Begebenheiten beruht, die von Brutalität und Gnadenlosigkeit geprägt sind, kann man sich gut vorstellen, dass die Vergebung für die Menschen, die sowohl Opfer als auch Täter sind, ein Kraftakt ist. Noch schwerer ist es aber, sich selbst zu vergeben.

Absolvo te ist in der deutschen Übersetzung 2022 im Anthea Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 22,90 Euro.

Sonntag, 20. November 2016

# 76 - Adenauer und die Killer - die Bundesrepublik in den Zeiten des Aufbruchs

Der Tod lauert zwischen den dunklen Baumwipfeln 

  

1952: Konrad Adenauer ist der erste deutsche Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Der Staat Israel ist fünf Jahre alt, aber es fehlt dort an allen Ecken und Enden an Lebensmitteln, Wohnhäusern, Schulen,... 
Adenauer hat sich zum Ziel gesetzt, eine Aussöhnung mit den Juden herbeizuführen. Im selben Jahr wird zwischen der Bundesrepublik, dem Staat Israel und der Jewish Claims Conference das Luxemburger Abkommen abgeschlossen, das sowohl die Zahlung von Geld, Waren und Dienstleistungen im Wert von 3,5 Milliarden DM als auch die Rückerstattung des Vermögens von zwangsenteigneten Juden vorsieht.
Sowohl in der Bundesrepublik als auch in Israel gibt es erheblichen Widerstand gegen die Wiedergutmachungspläne des Kanzlers: Die Deutschen wollen lieber verdrängen und vergessen, viele Juden wollen kein Geld von einem Volk, das Millionen von ihnen ermordet hat. Doch der damalige israelische Premierminister Ben Gurion befürwortet die Zahlungen. Das Geld wird dringend gebraucht, um Israel aufzubauen und den allgegenwärtigen Mangel an allem Lebensnotwendigen zu beenden. Vor diesem politischen Hintergrund spielt der Roman Bühlerhöhe von Brigitte Glaser.

Agenten, Morddrohungen und tatsächliche Morde

 

Konrad Adenauer fährt jedes Jahr im Sommer gemeinsam mit seiner Tochter Libeth zur Frischzellentherapie in den Schwarzwald. Dort wohnt er im Nobelhotel Bühlerhöhe, in dem vor dem Krieg auch zahlreiche Juden ihre Ferien verbracht haben. Die Gefahr, einem Anschlag zum Opfer zu fallen, ist dem Kanzler bewusst. Deshalb wird er von einem Stab von Sicherheitsleuten begleitet, an dessen Spitze General von Droste steht. Doch der geht davon aus, dass nur die Kommunisten Adenauer ins Visier genommen haben. Das gewohnte Feindbild lässt sich eben nicht so leicht ablegen.
Doch der israelische Geheimdienst Mossad weiß, dass es während Adenauers Urlaub im Schwarzwald einen Anschlag auf ihn geben soll und schickt Rosa Silbermann in das Luxushotel, um das Attentat zu verhindern. Rosa ist eine Agentin wider Willen, und dies ist ihr erster Auftrag. Sie lebt glücklich mit ihrem 3-jährigen Sohn Ben in einem Kibbuz in Israel, nachdem sie in den 1930-er Jahren zusammen mit ihrer älteren Schwester aus Deutschland vor den Nationalsozialisten geflüchtet ist. Die beiden Frauen sind die einzigen Familienmitglieder, die den Holocaust überlebt haben. Rosa kennt den Schwarzwald sehr gut, weil sie als Kind ganz in der Nähe des Hotels Bühlerhöhe oft ihre Sommerferien verbracht hat. Diese Ortskenntnis gibt für den Mossad den Ausschlag, diesen Geheimauftrag an sie zu vergeben.

Das Grandhotel wird von der strengen Hausdame Sophie Reisacher am Laufen gehalten. Sie hat immer den Überblick und trifft bei den Hotelgästen jederzeit den richtigen Ton. Doch in ihrem Inneren rumort es: Die Witwe eines deutschen NS-Offiziers, die sich durch die Heirat erhofft hatte, im sozialen Ansehen zu steigen und die Welt zu sehen, war von ihrem Mann schon bald enttäuscht. Nachdem er aus dem Krieg nicht zurückgekehrt war, musste sie 1945 ihre elsässische Heimat verlassen. Seitdem hatte sie Beziehungen zu Männern, von denen sie sich die Ehe und gleichzeitig das Sprungbrett in die bessere Gesellschaft erhoffte. Aber bislang wurde sie immer enttäuscht, was sie zu einer unzufriedenen und misstrauischen Frau gemacht hat. Sophie hält viel auf ihre Menschenkenntnis und steht Rosa, die in der Bühlerhöhe als Rosa Goldberg absteigt, vom ersten Moment an skeptisch gegenüber. 

Allein, ratlos, von Feinden umzingelt?

 

Rosa hat von Anfang an große Zweifel, ob es ihr gelingt, den Auftrag auszuführen. Doch ihr Kontaktmann beim Mossad kann sie beruhigen: Am Bahnhof von Baden-Baden wird sie auf Ari, einen erfahrenen und weltgewandten Agenten treffen. Als Ehepaar würden sie unauffälliger sein, und Ari würde mit seiner Ankunft im Schwarzwald das Heft in die Hand nehmen. Doch Ari taucht zunächst nicht auf, sodass Rosa auf sich allein gestellt ist. Gegen immer mehr Menschen, die sich zur selben Zeit in der Bühlerhöhe aufhalten, regt sich ihr Misstrauen, sie ist ununterbrochen auf der Hut. Rosa wird zusätzlich durch die Fülle der Erinnerungen, die sie in Israel verdrängen konnte, immer wieder überwältigt. 
Tatsächlich findet sie schon bald einen Marokkaner, der erschossen im Wald liegt und einen engen Kontakt zu einzelnen Gästen der Bühlerhöhe hatte. Kurz darauf stürzt die Limousine des Kanzlers an einer engen Kurve in die Tiefe. Die Situation droht sie zu überfordern.

Bühlerhöhe ist ein spannender Roman, in dem historische Fakten und Fiktion miteinander verwoben werden. Je mehr er sich dem Höhepunkt zuneigt, umso mehr wird er zu einem Polit-Thriller, den man nicht mehr aus der Hand legen mag. Brigitte Glaser ist selbst im Schwarzwald aufgewachsen, ihre Ortskenntnis verleiht dem Buch viel Authentizität. Das Hotel Bühlerhöhle hat sie allerdings nur anhand von Schwarz-Weiß-Fotos beschrieben; betreten hat sie es erst nach der Veröffentlichung des Romans. Es wird heute wieder als Nobelhotel unter dem Namen Schlosshotel Bühlerhöhe geführt.



Vielen Dank!

Das Buch Bühlerhöhe wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich ganz herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorhandene Exemplare innerhalb eines Werktages.  Die Kontaktdaten und Öffnungszeiten gibt es hier: Hemminger Buchhandlung

 

Bühlerhöhe kostet als gebundene Ausgabe (mit Lesebändchen) 20 Euro, als Audio-CD 17,99 Euro, als Kindle- oder epub-Edition 16,99 Euro sowie als Hörbuch-Download 16,95 Euro.

Freitag, 1. April 2016

# 44 - Eine Atombombe auf dem Weg nach Schweden

Weltgeschichte humorvoll verpackt

 

Ich habe beim ersten Buch von Jonas Jonasson "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" etliche Male gelacht und mich auf seinen zweiten Roman Die Analphabetin, die rechnen konnte gefreut. Die Kombination aus Weltgeschichte und skurrilem Humor hatte mich damals bestens unterhalten.

Afrika als Wiege des Weltgeschehens

 

1961 wird in einem Slum im südafrikanischen Soweto Nombeko Mayeki geboren. Ihr Schicksal der ewigen Armut scheint von Anfang an besiegelt zu sein. Tatsächlich wird sie ihren Vater nie kennenlernen, der ihre Mutter bereits verlassen hat, als Nombeko nichts weiter als eine befruchtete Eizelle war. Die Mutter wiederum betrauert ihr Schicksal mithilfe von Medikamenten. Als Nombeko im Alter von fünf Jahren beginnt, wie viele andere als Latrinentonnenträgerin zu arbeiten und sich dadurch das Familieneinkommen erhöht, erweitert sich das Repertoire der Mutter auf Alkohol und andere Suchtmittel. Die finanzielle Situation der beiden verbessert sich durch Nombekos Einkommen also nicht. Fünf Jahre später stellt sie ihrer Mutter ein Ultimatum: Sie soll entweder aufhören, das Geld zu verschwenden oder sich eine andere Lösung überlegen. Gesagt, getan: Kurz danach stirbt die Mutter, und Nombeko muss ihr Geld mit niemandem mehr teilen. Doch das Kind ist keine typische Zehnjährige, sondern fällt schon früh durch sein Rechentalent und seine Cleverness auf. So schafft Nombeko es auch, einen Mann, der ihr an die Wäsche will, nicht nur davon abzuhalten, sondern ihn mit einer Drohung dazu zu bringen, ihr Lesen beizubringen. Die Phase, in der Nombeko Analphabetin ist, nimmt also in der Handlung nur einen sehr kleinen Teil ein. Als der Mann unerwartet zu Tode kommt, wird sie auf einen Schlag wohlhabend: Ihr war schon lange das verdächtige Funkeln im Mund ihres Lesementors aufgefallen, und bei näherem Hinsehen entpuppen sich die Zahnfüllungen des Toten als Diamanten. Getreu dem Motto "Wo etwas ist, da ist auch noch mehr", findet sie im Haus des Mannes unter dem Linoleumbelag des Fußbodens eine noch größere Menge Diamanten, die sie sich in ihre einzige Jacke einnäht. 

Die eigene Sichtweise eines Apartheidregimes

 

Nombeko kann sich nicht lange über ihren Fund freuen: Der stockbesoffene Ingenieur  Engelbrecht van der Westhuizen überfährt sie mit seinem Auto auf dem Gehweg. Eigentlich sollte die Schuldfrage klar sein, doch die Apartheid hatte ihre eigenen Gesetze: Schwer verletzt wird sie vor Gericht gestellt und mit einer abstrusen Begründung dazu verurteilt, das gegen sie verhängte Bußgeld innerhalb von sieben Jahren bei Westhuizen als Putzfrau abzuarbeiten. Ihre Diamanten verschweigt sie wohlweislich. Ihr Plan, bei der erstbesten Gelegenheit zu fliehen, erledigt sich kurz nach der Verurteilung: Westhuizen ist der für das geheime südafrikanische Atomwaffenprogramm verantwortliche Ingenieur und lebt und arbeitet in Pelindaba - einem hermetisch abgeschotteten Forschungsgelände, das von Wärtern und Wachhunden kontrolliert und mit Starkstromzäunen gesichert wird. Doch der Aufenthalt hat eine positive Seite: Nombeko hat Zugang zur dortigen Bibliothek und erwirbt sich im Laufe der Jahre so viel Wissen, dass sie für den völlig unfähigen Ingenieur zu einer unentbehrlichen Stütze wird. Immer wieder gelingt es ihr, Westhuizens Unkenntnis zu vertuschen und so seinen Kopf zu retten - und ihren eigenen gleich mit, weil sie als Geheimnisträgerin keine Stunde mehr zu leben hätte, wenn die Dummheit ihres Chefs aufflöge. Selbstverständlich weiß er das nicht zu würdigen, weil er in seinem rassistischen Schwarz-Weiß-Denkmuster verhaftet ist.

Der Wahnwitz hat Methode

 

Ohne zu viel verraten zu müssen kann gesagt werden, dass Nombeko zwar mehr als sieben Jahre in Pelindaba bleibt, aber es ihr gelingt, mithilfe von zwei israelischen Geheimagenten zu fliehen. Israel ist zwischenzeitlich Südafrikas Atombomben-Kooperationspartner geworden. Doch bei der Bombenproduktion unterläuft Westhuizen ein nicht mehr zu tilgender Fehler: Statt der von der Regierung geforderten sechs hat er versehentlich sieben Atombomben bauen lassen. Doch da ändert sich die Situation: Der ANC bekommt politischen Aufwind, und der weiße Präsident Botha will auf keinen Fall, dass bei einem eventuellen Machtwechsel der neuen schwarzen Regierung Atomwaffen in die Hände fallen. Also ordnet er die Zerstörung der sechs Exemplare an, deren Existenz bekannt ist und verpackt dies als Selbstmarketing-Aktion. Doch nun hat Ingenieur Westhuizen ein Problem: Wohin mit der siebten Bombe?

Hier kommt wieder Nombeko ins Spiel. Sie will nach Schweden fliehen, und bittet die drei Chinesinnen in der Poststelle von Pelindaba, mit denen sie befreundet ist, um einen Gefallen: Sie sollen ein Paket mit zehn Kilogramm von Nombekos heißgeliebtem getrockneten Antilopenfleisch an die israelische Botschaft in Stockholm und eine größere Kiste zusammen mit den Diplomatenpoststücken nach Jerusalem senden. Doch so einfach soll es nicht werden, sich der überzähligen Atombombe zu entledigen.

Als politischer Flüchtling kommt Nombeko in ein Flüchtlingslager in der Nähe von Stockholm und lernt dort zufällig den gleichaltrigen Holger Qvist kennen, der dort gerade Bettdecken und Kissen ausliefert. Holger hat einen gleichnamigen Zwillingsbruder, der als der Erstgeborene der beiden gilt und nur deshalb als einziger bei seiner Geburt dem Standesamt gemeldet wurde: Ihr Vater Ingmar war ein glühender Republikaner, der dem staatlichen und vom Königshaus dominierten System zutiefst misstraute und seine Söhne immer abwechselnd zur Schule schickte. Die "gewonnene" Zeit nutzte er, um seinen Nachwuchs in der richtigen Gesinnung zu unterrichten, damit sie nach seinem Tod in seine Fußstapfen treten und das Königshaus weiter bekämpfen können. Die Afrikanerin und der eigentlich nicht existierende Schwede kommen sich näher.

Erinnerung an den alten Wein in neuen Schläuchen

 

So gern ich Jonassons erstes Buch gelesen habe, so wenig habe ich dieses bis zum Schluss durchgehalten. Der Autor hält sich zwar an die Fakten der damaligen Weltpolitik, wobei die meisten Protagonisten ihr Fett abkriegen; die Wendungen werden im Laufe der Handlung jedoch immer abstruser und ähneln in ihrer Struktur so sehr dem "Hundertjährigen", dass ich angefangen habe, mich zu langweilen. Jonasson hat das Prinzip seines durchschlagenden Erstlingserfolgs kurzerhand ein weiteres Mal angewendet - nur der Ausgangspunkt und die Figuren wurden neu "eingekleidet". Das hat mich nicht überzeugt und wird mich eher nicht dazu bringen, Jonassons drittes Buch zu lesen, wenn es denn eines geben sollte.

Die Analphabetin, die rechnen konnte ist bereits im November 2013 erschienen und als Hardcover für 19,99 € erhältlich. Die Kindle- und die epub-Ausgabe kosten je 15,99 €, die Audio-Edition 7,99 €.

Freitag, 18. März 2016

# 42 - Schauspieler lässt Kuh reisen

 Auswandern leicht gemacht

 

Heute stelle ich euch zum ersten Mal ein Hörbuch vor. Ich bin eigentlich eher ein Fan von "richtigen" Büchern, aber als ich Heilige Kuh bekam, hat mich interessiert, was dahintersteckt. Es stammt von David Duchovny, der als Schauspieler durch seine Hauptrollen in "Akte X" und "Californication" bekannt geworden ist. Dass er vor seiner Karriere als Schauspieler einen Abschluss in Literaturwissenschaften an der renommierten Princeton University erworben hat, dürften nur wenige wissen.

Kuh trifft auf Realität

 

Die 3-jährige Kuh Elsie lebt ein  ziemlich geruhsames Leben auf einer Farm in den USA, wo sie die Zeit mit ihrer besten Freundin Mallory schwatzend und wiederkäuend verbringt. Beiden ist gemeinsam, dass ihre Mütter ohne Ankündigung verschwanden und sie nicht wissen, wo sie sich jetzt aufhalten. Das wundert sie jedoch nicht besonders, weil sie es so auch bei allen anderen Kühen beobachtet haben und für den normalen Lauf der Dinge halten. Doch eines Tages trabt Elsie am Haus ihres Bauern gerade dann vorbei, als dort im Wohnzimmer im Fernsehen eine Dokumentation über die Massenschlachtungen in Schlachthöfen gezeigt wird. Sie ist entsetzt und kann das Gesehene kaum verkraften. Ihrer Freundin erzählt sie nichts davon. Bei einem weiteren TV-Besuch vor dem Wohnzimmerfenster erfährt Elsie, dass Kühe in Indien nicht geschlachtet, sondern als heilige Tiere verehrt und gepflegt werden. Indien wird zu ihrem Traumland, und Elsie beschließt zu fliehen und künftig dort zu leben. Doch unter den Tieren auf einem Bauernhof bleibt auch das größte Geheimnis nicht geheim. So kommt es, dass sich ihr auch Shalom, ein zum Judentum konvertiertes Schwein, und der Truthahn Tom anschließen wollen. Deren Ziele sind jedoch ganz andere. Shalom möchte den Rest seines Lebens in Israel verbringen, wo sein Fleisch verschmäht wird, während es Tom in die Türkei zieht: Ist die Namensgleichheit zwischen den englischen Bezeichnungen für Truthahn und Türkei - "Turkey"- nicht Beweis genug, dass es ihm dort gutgehen wird? Aber zunächst brauchen sie einander, um die Flucht in die Welt außerhalb der Farm zu wagen.

Transport von Botschaften 

 

Nach allem, was ich über David Duchovny gelesen habe, ist er kein konsequenter Vegetarier, würde jedoch selbst kein Essen, das aus Fisch oder Fleisch besteht, zubereiten. Das, was er seinen Lesern vermitteln will, spricht die Kuh Elsie für ihn aus: Es ist grundsätzlich in Ordnung, dass sowohl Tiere als auch Menschen einander (fr)essen, wenn es tatsächlich dazu dient, den Nahrungsbedarf zu decken. Dass für die Massenproduktion von Fleisch die Tiere jedoch unter unwürdigen Umständen leben und sterben müssen, wird scharf verurteilt. Elsie wird auch nicht müde, immer wieder für gegenseitige Toleranz zu werben und spricht den Hörer dabei auch direkt an. Diesen Botschaften werden die meisten Menschen zustimmen, sie sind jedoch nicht neu und taugen meiner Meinung nach innerhalb dieser Handlung nicht dazu, jemanden zum Nachdenken zu bewegen.

Die Sprecherin Cathlen Gawlich ist Schauspielerin und hat Heilige Kuh nicht einfach nur vorgelesen, sondern den beteiligten Tieren - darunter auch ein Bombenspürhund mit kölschem Dialekt und ein Kamel, das als Model in der Werbung für eine Zigarettenmarke berühmt geworden ist - Leben eingehaucht. Sie gibt jedem Tier eine andere Klangfarbe und lässt Shalom Jiddisch sprechen und Tom im östereichischen Dialekt psychologische Betrachtungen à la Sigmund Freud vortragen. Aber wie das nun mal so ist: Jedes Buch ist Geschmackssache, und was zu Beginn noch amüsant war, begann mir im Laufe des Zuhörens auf die Nerven zu gehen. Wie gut die Übersetzung von Timur Vernes war, kann man nur beurteilen, wenn man den Originaltext gelesen hat. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass eine Geschichte, die von einem Amerikaner geschrieben wird und in den USA ihren Anfang nimmt, an das deutsche Publikum angepasst wird, indem z. B. auf Theo Lingen verwiesen wird. Auch der Sprachstil, der vermutlich besonders jugendlich wirken soll, macht das Zuhören anstrengend. 
David Duchovny hat mir als Schauspieler gut gefallen, als Autor hat er mich leider nicht überzeugt.

Heilige Kuh ist als Hörbuch bei der hörverlag erschienen und kostet 14,99 € (3 CDs). Die gebundene Ausgabe ist zum Preis von 16,99 €, das Taschenbuch für 9,99 € und die Kindle- sowie die epub-Edition für 13,99 € erhältlich.
Das Hörbuch wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.