Posts mit dem Label Kurzgeschichten werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kurzgeschichten werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 29. Juli 2025

# 483 - Surreale Kurzgeschichten

Etgar Keret ist ein Experte für Kurzgeschichten. Nicht
nur, aber auch. In seinem neuesten Buch Starke Meinung zu brennenden Themen versammeln sich 33 von ihnen und bieten ihren Leserinnen und Lesern einen oft surrealen Blick aufs Leben.

Haben wir uns nicht manchmal gewünscht, in eine Zeitmaschine zu steigen und in der Zeit vor oder zurück zu reisen? Kerets Vision in einer der Geschichten macht es möglich, hat jedoch einen entscheidenden Haken: Wer in die Zukunft reist, nimmt an Körpergewicht zu; wer sich in der Vergangenheit umsehen möchte, verliert zwar einige Kilogramm, muss sich aber mit den Gefahren des vergangenen Zeitalters herumschlagen und dort bleiben, wenn er nicht wieder sein altes (Über-)Gewicht bekommen will.

Der Verlauf der titelgebenden Geschichte der englischen Ausgabe (Autocorrect) erinnert entfernt an den Kinofilm "Und täglich grüßt das Murmeltier": Juvi ist CEO des von ihm gegründeten Unternehmens. Heute ist ein wichtiger Tag, weil die Chinesen einen Vertrag unterschreiben werden. Sein Vater kommt an diesem Morgen schon früh in Juvis Wohnung und möchte mit ihm gemeinsam in die Firma fahren. Doch dann gibt es einen Unfall, bei dem der Vater ums Leben kommt. Die Frage, die sich Keret gestellt hat, lautet: Hätte das Unglück durch eine andere Entscheidung verhindert werden können? 
Wie oft haben wir uns das nicht schon selbst gefragt: Was wäre gewesen, wenn ich dies oder jenes getan oder gelassen hätte? Wir haben darauf keine Antwort, aber Keret nimmt sich die Freiheit, den morgendlichen Ablauf wieder und wieder wie einen Film zum Anfang zurückzuspulen. Jeder neue Anfang birgt die Chance, dass nun alles gut wird oder das Schicksal erneut die Keule herausholt.

Fast alle Kurzgeschichten spielen in Israel, der Heimat des Autors, und viele ranken sich in irgendeiner Weise um den Tod. Keret greift in den meisten dieser kurzen Szenarien ein aktuelles Thema auf und überzeichnet es stark. Das gilt auch für die Titelgeschichte der deutschen Ausgabe: Im Mittelpunkt steht ein Mann, der auf eine Zeitungsanzeige stößt, die provokativ "Haben Sie eine starke Meinung zu brennenden Themen?" fragt. Meine Güte, wer hat das heutzutage nicht? Sind wir nicht umgeben von Leuten, die weniger durch Kenntnisse, aber umso mehr durch ihre (laut)starken Meinungen auf sich aufmerksam machen? Und haben diese Leute nicht so viele Möglichkeiten wie nie zuvor, gequirlten Blödsinn in die Welt zu pusten? Hier setzt Kerets Geschichte an und gewinnt an Fahrt, als der junge Mann den zweiten Satz der Annonce liest: "Jetzt können Sie viel Geld aus Ihren Meinungen machen!" Ein Geschäftsmodell, das mit einem stabilen Einkommen mit wenig Leistung lockt - oder?

Lesen?

Etgar Keret greift wie nebenbei politische und gesellschaftliche Dystopien auf, die zum Teil bereits Wirklichkeit geworden sind: Das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023, der seit dem Ende des 19. Jahrhunderts währende israelisch-palästinensische Hass oder die Corona-Pandemie sind Beispiele dafür. Viele Texte beschreiben einen Alltag, der so auch in den USA stattfinden könnte: Hedgefonds, Dating-Plattformen oder Streaming-Dienste sind Teil des Lebens. Nur wegen der israelischen Ortsbezeichnungen oder den Erwähnungen des israelischen Militärs sowie der Hisbollah wird dieser irreführende Eindruck geradegerückt. Tatsächlich wurden zahlreiche Kurzgeschichten aus diesem Buch in US-amerikanischen Medien veröffentlicht. Jüdisches Leben kommt nur vereinzelt vor, was ein deutlicher Gegensatz zu Büchern anderer jüdischer Autorinnen und Autoren wie beispielsweise Deborah Feldman oder Akiva Weingarten ist.

Kerets Art, zu schreiben, ist sehr speziell und oft irritierend. Bei manchen Geschichten bleibt das Lachen im Hals stecken, weil trotz des Humors, der sich durch die Seiten zieht, viele der Hauptfigur von einer atmosphärischen Düsternis umgeben sind, die sie daran hindert, glücklich zu sein, obwohl sie vom Glück nur eine Handbreit entfernt sind. Kann ich Starke Meinung zu brennenden Themen empfehlen? Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht.

Starke Meinung zu brennenden Themen ist 2025 in der Übersetzung von Barbara Linner im Aufbau Verlag erschienen. Das gebundene Buch kostet 24 Euro, das E-Book 17,99 Euro.

Samstag, 2. Februar 2019

# 182 - Es gibt nichts, was es nicht gibt

Mit Ferdinand von Schirach habe ich mich in der Bücherkiste schon einmal beschäftigt, als ich Euch sein Buch Carl Thorberg vorgestellt habe. Heute wird es um von Schirachs bislang letzte Veröffentlichung Strafe gehen.

Die Struktur ist bereits grundsätzlich bekannt: Der Jurist bietet seinen Lesern zwölf Kurzgeschichten an, die er mit einem für dieses Buch sehr treffenden Zitat des dänischen Philosophen und Schriftstellers Søren Kierkegaard einleitet: "Wenn alles still ist, geschieht am meisten."

Der Begriff der Strafe kommt in manchen der Fälle eher durch die Hintertür daher: Da ist zum Beispiel die Ehefrau, die verdächtigt wird, ihren Mann durch einen Schuss in den Hinterkopf ermordet zu haben. Alle Indizien sprechen gegen sie, ein Motiv hatte sie ebenfalls. Doch ihr Strafverteidiger bekommt von einem Mann, der für seine Kunden die Drecksarbeit macht, einen entscheidenden Hinweis, der den Prozessverlauf um 180° dreht. Woher der Informant in kürzester Zeit erkennen konnte, was die Polizei übersehen hatte? "Das wollen Sie nicht wissen, Herr Anwalt", lautet dessen süffisante Antwort.

Ferdinand von Schirach zeigt jedoch auch auf die Klippen, die das deutsche Strafrecht bereithält und schreibt über eine Sachlage, bei der sich dem juristisch Unkundigen die Fußnägel hochrollen, die aber in völligem Einklang mit der Rechtssituation steht: Ein unbescholtener Leiter einer Supermarktfiliale findet heraus, dass der Keller seines Hauses von Drogenkurieren als Versteck genutzt wird. Er findet dort in einer Tasche knapp fünf Kilo Kokain. Auf der Flucht vor den Kurieren verursacht er mit seinem Auto einen schweren Verkehrsunfall, wobei auch die mit Koks gefüllte Tasche gefunden wird. Wegen des Drogendelikts wird gegen ihn ein Haftbefehl erlassen. Doch wenige Wochen vor Prozessbeginn wird dem frisch gebackenen Kriminellen wegen der Unfallfahrt ein Strafbefehl zugestellt, den er akzeptiert. Doch da gibt es das Verbot, jemanden wegen derselben Sache zweimal zu verurteilen. Da das Drogendelikt allerdings in einem Tatzusammenhang mit dem Verkehrsunfall steht, es für den Unfall jedoch schon einen rechtskräftigen Strafbefehl gibt, endet der Prozess anders, als man es mit dem sogenannten "gesunden Menschenverstand" erwarten würde.

Lesen?

Wie man es von von Schirach gewohnt ist, erzeugt er in allen zwölf Texten mit seiner Klarheit und Strukturiertheit eine besondere Atmosphäre, von der nicht durch sprachliche Schnörkel abgelenkt wird. Der Ausgang aller Fälle ist überraschend und bildet die Vielfalt der menschlichen Verwerfungen ab. Und auch hier gilt: Das Böse kann gleich hinter der nächsten Tür lauern und kommt oft ganz harmlos daher.

Strafe ist bei Luchterhand erschienen und der letzte Teil einer Trilogie, die mit den Titeln Verbrechen und Schuld begonnen hat. Das gebundene Buch kostet 18 Euro, die epub- oder Kindle-Version 14,99 Euro und die MP3-CD 8,95 Euro.

Freitag, 18. Mai 2018

# 149 - Strafverteidiger schreibt über menschliche Abgründe

Was haben ein Bäcker, ein Richter und ein Mathematiker miteinander zu tun?

 

Ferdinand von Schirach ist Strafverteidiger, aber er ist weniger wegen seines Berufs, als vielmehr wegen seiner zahlreichen Bücher bekannt geworden. In Carl Thorberg versammeln sich drei kurze Erzählungen, die davon berichten, wann und unter welchen Umständen ein Mensch zum Mörder werden oder komplett die Seite wechseln kann. Diese Rezension wird kurz, denn das Buch ist es mit seinen 63 Seiten auch.

Enttäuschungen und ein Seitenwechsel 

 

Die drei Protagonisten in von Schirachs Kurzgeschichten sind auf den ersten Blick unauffällige Mitmenschen, die ihr Leben ohne größere Höhen und Tiefen leben. Doch der Berliner Bäcker hat eine dunkle Vergangenheit, die ihn wieder einholen wird. Eine dunkle Vergangenheit hat der unter scheinbar wohlhabenden Umständen aufgewachsene Carl Thorberg zwar nicht, aber ein Erlebnis aus seiner Kindheit hat sich tief in seine Seele eingegraben und wartet nur darauf, daraus wieder hervorzubrechen. Das geschieht auch, und zwar ausgerechnet zu Weihnachten. Und dann ist da noch der Amtsrichter Seybold, der jahrzehntelang pflichtbewusst und unspektakulär seine Arbeit macht, bevor er in den zunächst ebenfalls unspektakulären Ruhestand geht. Doch dann beobachtet er zufällig, wie sich zwei Jugendliche mit einem Draht an einem in einer Garage abgestellten Auto zu schaffen machen. Er sperrt sie kurzerhand ein und ruft die Polizei. Dieses Ereignis soll sein ganzes Leben umkrempeln.

Lesen?

 

Ja. Ferdinand von Schirach erzählt die drei Geschichten in einer schnörkellosen und klaren Sprache und hält jeweils überraschende Finale bereit. Ein kleines Buch über menschliche Untiefen.
Carl Tohrberg kostet als Klappenbroschur 8 Euro und als epub- oder Kindle-Edition 6,99 Euro. Das Buch wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.