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Freitag, 8. Mai 2026

# 504 - Geld als Waffe

Der Krieg - das ist ein Thema, das viele Menschen gern
ausblenden würden. Der Krieg ist: Tod, Zerstörung, unendliches Leid. Zum Krieg gehören: Militär, Politik, Demokratie und - Geld.

Damit sind jedoch nicht die Aktienkurse von Rüstungsunternehmen gemeint. Gemeint ist, dass sich am Geld entscheidet, wie Kriege beendet werden. Die ökonomische Sicht auf Kriege bringt die Wirtschaftsexpertin Ulrike Herrmann ihren Leserinnen und Lesern in ihrem Buch Geld als Waffe näher.

Ulrike Herrmann beschränkt sich auf zwei Bedrohungsszenarien: Chinas Wunsch, Taiwan zu annektieren, und Putins Plan, Europa zu bedrohen. Sie erläutert in zwei ausführlichen Kapiteln die Hintergründe für die Kriegsbereitschaft der beiden Länder und deren wirtschaftliche Möglichkeiten, Kriege zu führen und in ihrem Sinne zu einem Erfolg zu führen.

Die Betrachtung Russlands beginnt bereits in der Zeit der Mongolenherrschaft, erläutert dann das "Erfolgsmodell" der faktischen massenhaften Volksversklavung während des Zarenreichs und führt über den Bolschewismus und den Stalinismus bis zur Herrschaft von Putin. Herrmann schildert Putins Aufstieg, die politischen Strukturen Russlands und die Fallstricke, die der vom russischen Präsidenten angezettelte Krieg gegen die Ukraine birgt. Sehr einleuchtend erläutert sie, warum Putin diesen Krieg so schnell nicht beenden wird und zieht eine Parallele zum Beginn der Napoleonischen Kriege 1803: Obwohl mehr als 200 Jahre zwischen diesen Kriegen liegen, sind wirtschaftliche Überlegungen sehr wichtige, wenn nicht sogar ausschlaggebende Gründe, die Kriegshandlungen am Leben zu erhalten. Sowohl Napoleon als auch Putin befanden bzw. befindet sich in einem Dilemma. "Erst im Frieden zeigt sich, wie teuer ein Krieg war" bringt es auf den Punkt.

Auch der chinesische Staatschef Xi Jinping steht vor größeren ökonomischen Problemen, als man auf den ersten flüchtigen Blick auf die Wirtschaftsdaten seines Landes glauben würde. Auch hier geht Ulrike Herrmann weit in die Geschichte des Landes zurück, bis zur Gründung des chinesischen Kaiserreichs im Jahr 221 v. Chr. Wie schon bei der Darstellung der Geschichte Russlands sind Grundkenntnisse der chinesischen Geschichte wichtig, um Kultur und Denkweise wenigstens näherungsweise zu verstehen. Die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung in China macht es Xi schwer, den unausgesprochenen Pakt zwischen der Regierung und der Bevölkerung einzuhalten: Die Regierung versprach die fortschreitende Verbesserung des Lebensstandards, wirtschaftliche Stabilität sowie Chinas Aufstieg zur Weltmacht. Im Gegenzug akzeptierte die Bevölkerung die uneingeschränkte Führungsrolle der Kommunistischen Partei, eine strenge Internetüberwachung, Einschränkungen der persönlichen Freiheit und kaum politische Teilhabe. Doch die Versprechen können nicht mehr eingehalten werden, die Anzeichen für die Unzufriedenheit der Menschen nehmen zu. Ein Krieg gegen Taiwan, unterfüttert mit der passenden Propaganda, könnte geeignet sein, von den innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken. Diese Logik ist nicht neu und war in der Vergangenheit immer wieder ein Auslöser für einen Krieg. Sollte China tatsächlich Taiwan angreifen und das Land einnehmen, "hätten die Amerikaner ihren Status als Supermacht verloren und Peking könnte mühelos noch weitere Gebiete in Südostasien erobern oder unter seine Kontrolle bringen". Die Welt, wie wir sie kennen, wäre eine andere.

Herrmann macht sich Gedanken über das Drohpotenzial von Atomwaffen und die Risiken, die ein atomarer Angriff für die Angegriffenen und Angreifer hätte und erläutert, was es mit "schmutzigen Bomben" auf sich hat. Doch trotz dieser gefühlt großen Bedrohung sagt sie: "Die Wirkungsmacht dieser ökonomischen Waffen [Anm.: Sanktionen, Blockaden, Finanzmarkt-Manipulationen, Zurückhalten wichtiger Rohstoffe] entscheidet, wie viel Militär in einem Krieg noch gebraucht wird." 

Nach Ansicht von Ulrike Herrmann führt kein Weg an der Aufrüstung Europas vorbei. Diese Entwicklung wird ihrer Meinung nach zu einem geänderten Selbstverständnis der EU führen: "[...], diese Militärausgaben werden die EU für immer verändern: Europa ist auf dem Weg, zu einem echten Staat zu werden. Heute ist die EU eine Union selbstständiger Länder, künftig wird sie sich zu einer Art Föderalstaat entwickeln, in dem die einzelnen Nationen zwar noch formal eigenständig sind - aber sehr eng kooperieren."

Lesen?

Geld als Waffe gibt einen sehr guten Überblick, was unter einer sog. Kriegswirtschaft zu verstehen ist. Herrmann verbindet die aktuellen Schlagzeilen mit historischen Betrachtungen und macht immer wieder Exkurse zu praktischen Fragen, die sich in einem Krieg stellen: Wie können Fabriken weiterarbeiten? Woher kommen die Vorprodukte? Und was passiert, wenn diese Systeme zusammenbrechen?

Zum Verständnis von Herrmanns Erläuterungen sind spezielle wirtschaftswissenschaftliche Vorkenntnisse nicht nötig. Das Buch fügt sich in die aktuelle Debatte über Resilienz, Verteidigungsausgaben und die damit zusammenhängenden Zielkonflikte ein, die entstehen, wenn Sicherheit sowohl als militärisches als auch wirtschaftliches Projekt erkannt wird.

Ulrike Herrmanns Ausblick hat trotz der Düsternis des Themas einen positiven Grundtenor: "Putin wollte Europa spalten, doch dürfte er das Gegenteil erreichen und den Kontinent einen. Europa wird stärker, nicht schwächer."

Geld als Waffe ist 2026 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 25 Euro sowie als E-Book 22,99 Euro. 

Samstag, 22. März 2025

# 470 - Ein Szenario: Wenn Russland gewinnt

Was passiert, Wenn Russland gewinnt? Diese Frage
steht seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 im Raum. Der renommierte Politikwissenschaftler und Militärexperte Carlo Masala hat in seinem neuesten Buch ein Szenario entworfen, wie sich die globale und europäische Sicherheitsarchitektur in diesem Fall in den nächsten Jahren entwickeln könnte. Als Sieg gilt für ihn auch, dass Russland das derzeit von ihm besetzte Gebiet nicht zurückgeben muss.

Fiktion auf der Grundlage von Wissenschaft und fortgeschriebenen Entwicklungen

Masalas Szenario setzt im März 2025 ein. Die Unterstützung, um die der ukrainische Präsident Selenskyj dringend gebeten hat, bleibt aus. Der US-Präsident lässt nicht nur die Ukraine, sondern auch Europa sicherheitstechnisch fallen. Die europäischen Staaten sind nicht in der Lage, diesen Ausfall aufzufangen. Der Ukraine bleibt nur die Kapitulation und damit die Aufgabe von zwanzig Prozent ihres Staatsgebiets. Eine durch die Vereinten Nationen bereitgestellte Friedenstruppe soll den Waffenstillstand überwachen, jedoch nicht eventuelle Angriffe Russlands gegen die Ukraine abwehren.

Ende März 2028 dringen russische Brigaden in die estnische Stadt Narwa ein. Die dortige Bevölkerung ist zu 95 Prozent russischsprachig und hat seit Wochen gegen ihre sprachliche und kulturelle Benachteiligung durch die estnischen Behörden protestiert und den durch Desinformation gestreuten Gerüchten geglaubt, für die Regierung künftig nur noch Bürger zweiter Klasse zu sein. Die russischen Soldaten stoßen nicht auf Gegenwehr, die Stadt ist binnen weniger Stunden eingenommen. Dieser Erfolg war auch deshalb möglich, weil sich sowohl die estnische Regierung als auch die NATO von Truppenbewegungen fast 150 Kilometer entfernt haben ablenken lassen.

In derselben Nacht besetzen russische Soldaten, die zuvor per Fähre als Touristen getarnt angereist waren, die estnische Insel Hiiumaa. Die Gegenwehr der 12.000 dort lebenden Menschen ist gering.

Die Frage ist nun: Ist die russische Annexion einer Stadt mit etwa 56.000 Einwohnern sowie einer Insel in einem kleinen NATO-Mitgliedsland ein Anlass, um den Bündnisfall auszurufen? Von der Antwort hängt insbesondere die Zukunft Europas ab, und sie fällt innerhalb der EU sehr unterschiedlich aus.
In Masalas Szenario entscheidet sich binnen weniger Tage, welche Staaten die globale Vorherrschaft erringen werden.

Lesen?

Carlo Masala warnt eindringlich davor, Russland zu unterschätzen. Er hält militärische Aktionen, die die Reaktions- und Verteidigungsfähigkeit der NATO testen sollen, für realistisch und benennt deutlich die - nicht fiktionalen, sondern tatsächlichen - Fähigkeitslücken des Verteidigungsbündnisses. Seiner Einschätzung nach verfolgt Putin das Ziel, die europäische Sicherheitsarchitektur zu zerstören.

Donald Trump ist erst seit wenigen Wochen im Amt, als Masala noch an seinem Buch arbeitet. Er schreibt: "Mein Szenario beruht darauf, dass die USA der Ukraine die Unterstützung entziehen und sich in der Folge aus Europa weitgehend zurückziehen, um sich auf Asien zu konzentrieren." Es ist beklemmend, dass sich diese Einschätzung bereits bewahrheitet hat.

Hinter einem Szenario steht nicht nur die Frage "Was wäre, wenn?" Es dient auch dazu, Vorbereitungen zu treffen, um den Worst Case zu verhindern - denn genau das ist es, worum es in Wenn Russland gewinnt geht. Masala beschreibt Russlands militärische und zivile Zersetzungsstrategie und kritisiert den Umgang der Politik mit dem Kriegsgeschehen in der Ukraine. Dass, als ob das nicht schon reichen würde, den Politikern eine klare Strategie bislang fehlte und sich daran auch nach drei Jahren Kriegsdauer nichts geändert hat, verleitet nicht zu Optimismus. 

Masala empfiehlt die Priorisierung von Staatsaufgaben zugunsten von Verteidigungsausgaben sowie die klare Kommunikation der Regierungen mit ihren Wählerinnen und Wählern. Sein letzter Satz ist eine Mahnung: "Demokratische Gesellschaften sind durch hybride Kriegsführung bedroht und letzten Endes geht es um nicht weniger als um die Verteidigung der demokratischen Staatsform, oder pathetischer gesprochen, um die Art und Weise, wie wir leben und leben wollen."

Wenn Russland gewinnt ist im März 2025 im Verlag C. H. Beck erschienen und kostet als Broschurausgabe 15 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.



Freitag, 27. Dezember 2024

# 460 - Couchsurfing in der Ukraine während des Krieges

Warum macht man eine Couchsurfing-Reise in ein
Kriegsgebiet und setzt sich dem hohen Risiko aus, im Bett, im Supermarkt oder wo auch immer von einem russischen Geschoss oder einer einstürzenden Hauswand getötet zu werden? Und haben die Menschen in der Ukraine derzeit nichts Besseres zu tun, als einem deutschen Journalisten einen Schlafplatz in ihrer Wohnung inmitten einer Stadt, die zu einem großen Teil nur noch aus Trümmern besteht oder einem Dorf, in dem nur noch wenige Bewohner ausharren, zu ermöglichen?

Die erste Frage hat Stephan Orth in seinem Buch Couchsurfing in der Ukraine so beantwortet: "Erstens wohnt Julija in Kyjiw, wir sind seit gut einem Jahr zusammen." Und: "Ich möchte durch die Ukraine reisen und couchsurfen." 
Die Antwort auf die zweite Frage lautet: Die meisten Frauen und Männer, denen Orth begegnet ist, waren ihm gegenüber aufgeschlossen und hilfsbereit. Sie haben bereitwillig über ihr Leben vor und seit dem 24. Februar 2022 erzählt: ihre Ängste, ihre Hoffnungen und ihre Verluste.

Orth macht sich im April 2023 mit dem Zug auf den Weg nach Kyjiw. Durch seine Freundin hat er den Krieg vom ersten Tag an aus der Ferne miterlebt. Aber er will selbst sehen, was aus der schon seit vierzehn Monaten von Russland angegriffenen Ukraine geworden ist.

Was er in den folgenden fast acht Monaten erlebt, ist Gastfreundschaft unter erschwerten Bedingungen, ein unerschütterlicher Durchhaltewille und viel Optimismus. Orth startet in Kyjiw, von wo aus er sternförmig ins Land fährt und immer wieder zu seiner dort wohnenden Freundin zurückkehrt. Er beginnt im Westen im Karpatenvorland und wohnt bei den Trekking-Guides Polina und Roman, die ihn auf eine Wandertour in den Karpaten mitnehmen. Während einer Pause denkt Polina darüber nach, ob Menschen aus der Geschichte lernen oder sich Ereignisse in großen Abständen wiederholen: "Manchmal glaube ich, in jedem Land ist etwa alle achtzig Jahre ein großer Krieg möglich. Weil dann alle tot sind, die noch von dem vorherigen Krieg berichten können." Man blickt beim Lesen dieses Satzes unwillkürlich auf die Geschichte des eigenen Landes und die aktuelle Situation.

Stephan Orth besucht auch Charkiw, wo er von der Lehrerin Wiktorija erfährt, wie die russische Propaganda einen Keil zwischen sie und ihre in Russland lebende Verwandtschaft getrieben hat. Auch die eigene Mutter glaubt dem russischen Fernsehen mehr als den Berichten der Tochter.
Seine Gastgeberin Swetlana macht ihm deutlich, wie wenig sich die Menschen mittlerweile von Raketeneinschlägen beeindrucken lassen: "Unterrichten, leben, kochen, schlafen. Wenn eine Rakete im Nachbarviertel in einen Supermarkt einschlägt, gehe ich trotzdem am nächsten Tag einkaufen."

Orths weitere Ziele sind unter andrem die Oblast Lwiw, Poltawa, Odesa, Dnipro oder Saporischschja - Orte, die im Zusammenhang mit dem russischen Angriffskrieg immer wieder in den Nachrichten genannt werden und für Tod und Zerstörung stehen. Doch der Journalist erlebt auch, dass Spaß zu haben und sich in einem Krieg zu befinden sich nicht ausschließen: Die intakten Restaurants und Cafés sind gut besucht, die Theater bieten Aufführungen an - nun allerdings ohne Stücke von russischen Autoren. Diese schönen Erlebnisse brauchen die Menschen, um die ständige Bedrohung auszuhalten.

Stephan Orth macht sich in seinem Buch auch Gedanken über die eigenen moralischen Wertvorstellungen, als er von Polina erfährt, was sie in den ersten Kriegswochen tat, um "runterzukommen": Sie sah sich im Internet Videos an, in denen russische Soldaten getötet wurden. Orth verurteilt ihre Freude am Tod von Menschen in einem ersten Reflex. Doch dann kommen ihm Zweifel, ob er es sich erlauben kann, Polinas Verhalten auf diese Weise zu bewerten: "Die Schwelle zwischen dem, was wir Zivilisation nennen, und einem sehr düsteren Abgrund ist nicht so hoch, wie ich bislang dachte."

Lesen?

Couchsurfing in der Ukraine bietet einen guten Einblick in den Alltag der Ukrainerinnen und Ukrainer unter Kriegsbedingungen. Trotz des vielen Leids bewahren sich die Menschen die Hoffnung auf eine bessere Zeit, viele von ihnen glauben an den Sieg ihres Landes über Russland.

Stephan Orth macht deutlich: Die Ukraine wird sich gegen ihren Angreifer nur behaupten können, wenn sie weiterhin von den westlichen Staaten unterstützt wird.
Er empfiehlt, das Land zu bereisen, sobald Frieden ist, und es auf diese Weise dabei zu unterstützen, wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen.
Eine Café-Inhaberin, die mit ihrem Mann aus Cherson geflüchtet ist und in Winnyzja in der West-Ukraine eine Konditorei und Eisdiele eröffnete, bringt ihre Zukunftsperspektive auf den Punkt: "Als klar war, dass ich tatsächlich hier einen Laden aufmachen kann, war das mein glücklichster Tag seit Langem. Weil ich verstand: Das Leben geht weiter."

Couchsurfing in der Ukraine ist 2024 im Piper Verlag erschienen und enthält mehr als neunzig Fotos. Das Buch kostet als Paperback 18 Euro sowie als E-Book 13,99 Euro.


Montag, 18. September 2023

# 409 - Eine Tour de Force durch das kriegseuphorische Wien

Hans Ranftler ist siebzehn Jahre alt, lebt und arbeitet
für einen Hungerlohn als Knecht auf einem Hof in einem tiroler Tal und trauert seiner Schulzeit in einem Gymnasium nach, die mit dem Unfalltod des Vaters vor sieben Jahren ein jähes Ende nahm. Von dem, was in der Welt oder sogar nur in Österreich passiert, hat er nur so viel mitbekommen, wie ihm sein mit "Herr" angesprochener Bauer erzählt hat.

Am frühen Morgen des 30. Juli 1914 kommt Hans mit dem Zug in Wien an, nachdem er sich vom Hof fortgeschlichen hat. Sein Ziel ist die Praxis der Psychoanalytikerin Helene Cheresch, einer Expertin für "Massenhysterien und parapsychologische Effekte", von der er in der Zeitung gelesen hat. Hans hat an sich eine Gabe beobachtet, die er für so außergewöhnlich hält, dass er von Chereschs Interesse daran ausgeht: Er nimmt Gedanken von Menschen in seiner Nähe kurz, bevor sie ihnen selbst bewusst werden, wahr.

Im Umfeld von Chereschs Praxis lernt Hans zufällig den Aristokratensohn und Offizier Adam und die begabte Mathematikdoktorandin Klara kennen, die aus armen Verhältnissen kommt und mit der Psychoanalytikerin lebt.  

Wien ist zu diesem Zeitpunkt in Aufruhr. Zar Nikolaus II. hat die Generalmobilmachung der russischen Armee befohlen, und in Österreich ist der drohende Kriegsbeginn das alles beherrschende Thema. Zu Tausenden strömen junge Männer euphorisch in die Kasernen, der Kriegstaumel hat die ganze Stadt ergriffen. Jeder, mit dem Hans in Wien zusammentrifft, geht wie selbstverständlich davon aus, dass sich der junge Mann zum Kriegsdienst melden wird. Doch das hat Hans nicht vor.

Für Klara und Adam geht es nur einen Tag später ums Ganze: Die Doktorandin will am 31. Juli 1914 ihr Rigorosum bestehen, bei dem es um Irrationalzahlen geht, die auch als Inkommensurable bezeichnet werden, und der junge Offizier hat bereits seinen Einberufungsbefehl in der Tasche. Die beiden sind gut miteinander befreundet und nehmen den intelligenten, aber unbedarften Hans unter ihre Fittiche. 

Adam, der von seinem Vater früh für das Leben als Offizier gedrillt wurde, hat diesem vor Jahren eine Bratsche abgetrotzt, um seiner wahren Leidenschaft, der Musik, nachgehen zu gönnen. Hans erlebt nun eine Probe des Zweiten Streichquartetts von Arnold Schönberg, danach ein Abendessen mit Adams Eltern und weiteren elitären Gästen und anschließend zu dritt Besuche von anrüchigen Etablissements, in denen Adam und Klara ein und aus gehen, die für Hans aber eine ganz neue Welt sind. Das, was er in kurzer Zeit in atemberaubender Geschwindigkeit kennenlernt, hat mit seinem bisherigen Leben auf dem Land nichts zu tun.

Lesen?

Raphaela Edelbauer hat mit Die Inkommensurablen einen Roman geschrieben, der dicht gedrängt sowohl ein Ritt durch die Wiener Geschichte als auch die Zeichnung eines Gesellschaftsbildes beinhaltet. Die kriegstrunkene Bevölkerung verachtet Juden und Sozialisten, weil man bei ihnen eine fehlende nationalistische Einstellung voraussetzt. Die gesellschaftlichen Klassen spielen eine große Rolle und werden hier durch die drei Kurzzeit-Freunde Hans (Bauern), Adam (Adel und Militär) und Klara (Proletariat) repräsentiert. Hans beobachtet in einem Unterweltlokal zum ersten Mal homosexuelle Menschen, erlebt Drogensüchtige und hört neue Musik wie den Jazz und die heftig kritisierte Zwölftonmusik, deren bekanntester österreichischer Komponist der o. g. Arnold Schönberg ist.

Das Buch hält die Aufmerksamkeit durch sein Tempo und Edelbauers treffsichere Formulierungen hoch.
An manchen Stellen schleicht sich jedoch etwas Unglaubwürdigkeit in die Handlung: Es bleibt unklar, was Adam und Klara dazu bringt, die letzten Stunden bis zu den Wendepunkten ihres Lebens ausgerechnet mit einem ihnen völlig unbekannten Knecht zu verbringen, dem sie zufällig bei ihrer Psychoanalytikerin begegnen. Auch dass die Zeit für einige ausgedehnte philosophische Betrachtungen ausreicht, ist im Hinblick auf die sich überschlagenden Ereignisse erstaunlich. Nicht zuletzt ist das Vertrauen, dass beispielsweise Klara Hans entgegenbringt, ungewöhnlich: Sie kennen sich nur wenige Stunden, als sie ihm ein Geheimnis über Adam anvertraut. Doch was erwartet man von ihr, die sich unter großen Opfern durch ihr Studium gekämpft hat, um sich die letzte Nacht vor ihrem Rigorosum um die Ohren zu schlagen? Logisches Verhalten jedenfalls nicht unbedingt.

Die Wege der drei jungen Menschen trennen sich nach eineinhalb intensiven Tagen. Was aus ihnen wird und ob sie sich wiedersehen, bleibt offen.

Die Inkommensurablen ist ein lesenswertes Buch mit einigen Abstrichen. Es steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2023.

Der Roman ist 2023 bei Klett-Cotta erschienen und kostet als Hardcover 25 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.

Freitag, 3. März 2023

# 383 - Ein Roman, der ein Jahrhundert ukrainischer Geschichte erzählt

Lisa Weeda wurde in den Niederlanden geboren und
hatte sich lange nicht mit der Geschichte ihrer Familie beschäftigt. Sie wusste, dass ihre Großmutter Aleksandra aus der Ukraine stammte, im Zweiten Weltkrieg 1942 als Zwangsarbeiterin nach Deutschland kam, später in den Niederlanden geheiratet hatte und dort geblieben war. Erst vor einigen Jahren begann sich die Autorin für ihre Familiengeschichte bis zurück zu ihrem Urgroßvater zu interessieren - eine Geschichte, die sich in der Ostukraine, Russland, Deutschland und den Niederlanden abspielte. Sie erfuhr, dass sie von Donkosaken abstammte, die sich bereits im 15. Jahrhundert zusammenschlossen.

In ihrem Debütroman Aleksandra lässt Weeda mit einer Mischung aus Fiktion und realen Begebenheiten ihre Ich-Erzählerin Lisa im Jahr 2018 nach Lugansk reisen. Ihre Großmutter Aleksandra hatte sie beauftragt, das Grab ihres Neffen Kolja zu suchen, der drei Jahre zuvor verschwunden war. Die Erzählerin hat etwas Besonderes im Gepäck: ein Sticktuch, auf dem mit schwarzem und rotem Faden die Lebenslinien der einzelnen Familienmitglieder nachempfunden waren. Die roten Linien stehen für das Leben, die schwarzen für den Tod. Dieses Tuch soll auf Koljas Grab gelegt werden, da Aleksandra fühlt, dass dieser sonst keine Ruhe findet.

Am Grenzübergang von der Ukraine zur sog. Volksrepublik Lugansk, die 2014 völkerrechtswidrig von Russland annektiert wurde, scheitert Lisa am Wachsoldaten, der sie partout nicht passieren lassen will. In einem günstigen Moment rennt sie in ein Getreidefeld, um ihr Ziel zu erreichen und den Wunsch der Großmutter zu erfüllen. Als sie stolpert, fällt sie auf die Stufen eines plötzlich auftauchenden Palasts mit gigantischen Ausmaßen und trifft dort auf ihren schon lange verstorbenen Urgroßvater Nikolaj, der sie durch die zahllosen hohen Räume des Gebäudes führt. 

Dieser "Palast der verlorenen Donkosaken" erinnert an Josef Stalins hochfliegende Pläne aus den 1930-er Jahren, in Moskau einen "Palast der Sowjets" zu bauen, der mit einer Höhe von 415 Metern alle Gebäude auf der Welt überragen und von der Großartigkeit der Sowjetunion überzeugen sollte. 

Nikolaj zeigt seiner Urenkelin etliche Palasträume und leitet sie auf diese Weise durch die kollektiven Erinnerungen der Familie sowie die Historie der Ukraine und Russlands. Die Zeit unter Stalin, als Nikolaj und seine Frau Anna wie viele andere Bauern ihre Ernte hergeben mussten und später sogar enteignet wurden, die Qualen des Holodomors Anfang der 1930-er Jahre oder der Einmarsch der Nationalsozialisten in die Ukraine waren nur einige der prägenden Ereignisse, die die Familie vor schwere Prüfungen stellte und auseinander riss.
Diese so verpackten Begebenheiten verknüpft Lisa Weeda mit den Erzählungen ihrer Großmutter und dem, was im Zusammenhang mit der Annexion der Volksrepublik Lugansk, in deren Wirren Kolja verschwand, passierte.

Lesen?

Aleksandra ist ein vielschichtiger Roman, der seine Leser und Leserinnen auf fast jeder Seite mit historischen Informationen versorgt. Lisa Weeda hat eindrucksvoll dargestellt, wie sehr Menschen durch politische Entscheidungen hin und her geworfen werden können wie Laub im Wind, ohne eine Chance zu haben, ihre Lage aktiv zu verbessern. 

Lisa Weede hat der Handlung erfreulicherweise einen Familienstammbaum vorangestellt, der sich über fünf Generationen erstreckt. Das ist sehr hilfreich, um sich zurechtzufinden, da einzelne Vornamen in mehreren Generationen vorkommen, was ziemlich verwirrend sein kann.

Der im Roman verwendete Leitspruch der Donkosaken spiegelt wider, wie die Ukrainer mit den Angriffen Russlands umgehen: "Wir sterben lieber frei als versklavt" macht deutlich, dass Aufgeben die letzte Option ist.

Lisa Weeda hat acht Jahre an ihrem Buch geschrieben. Aufgrund der Faktenfülle wäre mir sehr recht gewesen, wenn sie sich nicht auf rund 280 Seiten beschränkt, sondern der gesamten Darstellung mehr Raum gelassen hätte.

Aleksandra war 2022 in den Niederlanden ein großer Publikumserfolg und wurde mit De Bronzen Uil, dem Preis für das beste niederländisch-sprachige Debüt, ausgezeichnet und stand auf der Shortlist des niederländischen Libris-Literaturpreises.

Der Roman erschien am 24. Februar 2023 zum ersten Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine im Kanon Verlag und kostet 25 Euro.

Dienstag, 31. Januar 2023

# 379 - Vier Generationen auf der Flucht - eine wahre Familiengeschichte

Inge Ruth Marcus' Familiengeschichte ist
außergewöhnlich. So außergewöhnlich, dass sie von der Autorin mit ihrem biografischen Roman Glut im Eis erzählt werden musste. Einen ersten Hinweis darauf gibt schon ihr Geburtsort: Hsinking in Mandschukuo. 1941 kam sie dort zur Welt, in einem nur dreizehn Jahre existierenden Marionettenstaat, von dem ich bis dato noch nie gehört hatte.

Hsinking heißt heute Changchun und ist eine Provinzhauptstadt im Nordosten Chinas mit mehr als 3,4 Millionen Einwohnern. Marcus deutet es im Untertitel ihres Romans an: "Vier Generationen zwischen fünf Diktatoren". Sie selbst gehört zur vierten Generation, erwähnt sich jedoch ohne Namensnennung nur kurz. Im Mittelpunkt ihres Buches steht ihr Großvater, dem sie das Pseudonym Josef Naumann gegeben hat. Josef wird 1877 in Hamburg geboren, wächst in bürgerlichen Verhältnissen auf und arbeitet für eine Hamburger Handelsfirma. Schon früh spürt er den Wunsch, mehr von der Welt zu sehen. Es ist die Zeit, in der die neuartigen Dampfschiffe den Fortschritt symbolisieren und der Arzt Bernhard Nocht für sein besonnenes Verhalten während der Cholera-Epidemie verehrt wird.

Dann ergibt sich für Josef unerwartet die Gelegenheit, weit weg von zu Hause zu arbeiten: Sein Arbeitgeber sucht für ein deutsches Handelsunternehmen in Wladiwostok, mit dem er als Geschäftspartner in Verbindung steht, jemanden mit bestimmten Sprachkenntnissen und Verwaltungserfahrung. Ohne lange zu überlegen nimmt Josef die Herausforderung an und macht sich auf die Reise in eine ihm fremde Welt, fast 8.000 Kilometer Luftlinie von zu Hause entfernt. Erst nach sechs Jahren würde ihm ein halbes Jahr Urlaub zustehen.

Sollte Josef bis dahin geglaubt haben, mit dem Besteigen des Schiffes sein größtes Abenteuer vor sich zu haben, würde er einige Jahre später eines Besseren belehrt werden. Das, was das Leben für ihn bereithalten würde, sollte eine Abfolge von extremen Situationen sein, die ihn mehrmals dem Tod nahebringen. Josef erlebt die Zarenzeit unter Nikolaus II., dem letzten Kaiser Russlands, und Jahre der Verbannung in Sibirien. Dort findet er zwar sein privates Glück mit einer Burjatin, mit der er zwei Kinder haben wird, ist aber wieder von Verfolgung bedroht. Die Rote Armee kämpft gegen die aus Freiwilligen bestehende Weiße Armee und hinterlässt dort, wo sie auftaucht, eine Spur der Verwüstung. Die Situation wird für Josef als Deutschen brenzlig, aber unter abenteuerlichen Umständen und mit der Hilfe der Familie seiner Frau gelingt die Flucht nach Wladiwostok. Dort bekommt Josef wieder Arbeit. Kommen die Vier hier nun zur Ruhe? 

Lesen?

Glut im Eis ist ein anspruchsvoller Roman, für den man sich Zeit nehmen sollte. Inge Ruth Marcus spannt auf fast 650 Seiten einen weiten Bogen der europäischen und asiatischen Geschichte zwischen 1897 und 1945 und zeigt, wie sehr Menschen zu einem Spielball der politischen Verhältnisse werden können. Ihr Großvater war zweifellos ein kluger Mann, der gern "trickste", wie es seine burjatische Frau gern nannte. Das, was er und später auch seine Familie erleben musste, war nur mit Mut, Zähigkeit und einem unbedingten Überlebenswillen auszuhalten. Ganz sicher kam Josef auch zugute, dass er das, was man heute als "Netzwerken" bezeichnet, sehr gut beherrschte. So gab es oft ihm wohlgesonnene Menschen, die ihm hilfreich verdeckt oder offen zur Seite standen und ihm den Hals retteten.

Inge Ruth Marcus hat im Anhang ein 20-seitiges Sachregister erstellt, das sehr dabei hilft, die geschilderten Zusammenhänge ihres Romans zu verstehen. Dennoch habe ich mehrmals zusätzlich das ein oder andere nachgeschlagen, weil mich die geschichtlichen Hintergründe interessiert haben. 
Auch die nach Zeiträumen aufgeteilte Auflistung der handelnden Personen habe ich häufig genutzt. Ohne sie kann man bei der Vielzahl der Menschen, die für die Handlung eine Rolle spielen, schnell ins Schleudern kommen.

Das einzig Irritierende war für mich Marcus' Umgang mit der wörtlichen Rede. Das Gesagte wird nie in Anführungszeichen gesetzt, sondern mit dem Namen des Sprechers oder der Sprecherin angekündigt und am Beginn mit einem Spiegelstrich markiert. Daran habe ich mich bis  zum Schluss nicht gewöhnen können.

Glut im Eis ist 2022 im Anthea Verlag Berlin erschienen und kostet als Paperback-Ausgabe 22,90 Euro.

Freitag, 20. Januar 2023

# 378 - Das Leben einer Kriegsreporterin in einem Roman

In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg. hat die Schriftstellerin und Kriegsreporterin Gabriele Riedle ihr Buch genannt. Und damit keine Missverständnisse aufkommen, über das, was die Leserinnen und Leser erwarten können, lautet der Untertitel: Eine Art Abenteuerroman.

Diese sehr vage Bezeichnung trifft es genau: Dieses Buch ist kein Roman im üblichen Sinne, weil es sich bei seinem Inhalt kaum um Fiktion handelt. Gabriele Riedle hat ihre namenlose Ich-Erzählerin in die Rolle einer Kriegsreporterin schlüpfen lassen und lässt diese schildern, was ihr Berufsleben prägt.

Der rote Faden ist der Tod ihres britischen Kollegen Tim Hetherington, der 2011 im libyschen Misrata von einer Granate getötet wurde. Die Trauer um ihn ist deutlich zu spüren, Riedle hatte mit ihm für eine "Geo"-Reportage in Liberia zusammengearbeitet. Von Hetheringtons Tod hat die Erzählerin an einem sonnigen Apriltag 2011 im Radio erfahren, die nächste Meldung war die über das Wetter. Zu ihm kehren die Ausführungen immer wieder zurück.

Gabriele Riedle hat einen sehr besonderen Erzählstil gewählt. Die Gedanken mäandern oft von einem Thema zum nächsten, oft passen auf eine Buchseite nur zwei Sätze. Sie beschreibt das Leben von Kriegsberichterstattern und -fotografen auf eine Weise, auf die vor allem ein Attribut passt: atemlos.

Da ist der Chefredakteur eines Nachrichtenmagazins, der die Reporter in ein Krisengebiet schickt und sich von ihnen wünscht, sie mögen an die Leser denken. Was er damit meint? Unklar. Manchmal ist das auch egal, weil der Chefredakteurssessel bedenklich wackelt, wenn die Auflage sinkt. Und dann "rief auch der Neue uns hinterher, wir sollten einfach immer nur sagen, was ist, und natürlich sollten wir dabei an die Leser denken."

In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg. ist ein Blick hinter die Reportagen. Wir erahnen, was sich in Redaktionen abspielt, und erfahren, wie es ist, ständig unter Lebensgefahr von dem zu berichten, was die Auftraggeber in Hamburg, Manhattan oder sonstwo erwarten. Wir erfahren auch, dass die Welt der Kriegsberichterstattung von Männern dominiert wird, dass es hier Besonnene und Wichtigtuer gibt und Janusköpfigkeit sowohl in den fernen Krisengebieten Afghanistans oder Liberias als auch in den westlichen Chefredaktionen existiert.

Lesen?

In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg. ist ein sehr schnelles und teilweise hektisches Buch. Bei all dem, was inhaltlich vermittelt wird, wird jedoch deutlich, dass Gabriele Riedle offenbar nichts mehr erschüttern kann. Sie schreibt beispielsweise mit Ironie über die Chefredaktionen, mit Belustigung über die Taliban, die sich in ihren eigenen strengen Vorschriften verheddern, doch auf alles fällt eine gute Portion Zynismus. Die größten Schwierigkeiten hatte ich jedoch mit ihrem Schreibstil, mit dem ich am besten durch oberflächliches, schnelles Lesen umgehen konnte. Als ich das Buch zur Seite gelegt habe, zeigte mir der E-Book-Reader an, dass ich 80 Prozent geschafft hatte. Auf das letzte Fünftel habe ich verzichtet.

In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg. ist 2022 in der Buchreihe "Die andere Bibliothek" im Aufbau Verlag erschienen und kostet 24 Euro, als E-Book 16,99 Euro. Es stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2022.

Donnerstag, 15. September 2022

# 364 - Ein rätselhaftes Verbrechen in den Wirren des ukrainischen Umbruchs

Beim Titel von Andrej Kurkows Roman Samson und
Nadjeschda
 könnte man auf die Idee kommen, es handele sich hier um einen Liebesroman. Doch die Liebe spielt in diesem Buch nur eine Rolle unter mehreren.

Der 11. Mai 1919 wird für Samson zu einem Schicksalstag: Als er mit seinem Vater zu Fuß in Kiew unterwegs ist, werden die beiden von einer Gruppe berittener Kosaken überfallen. Mit einem Säbelhieb spaltet einer von ihnen Samsons Vater den Schädel, mit einem weiteren schlägt er Samson ein Ohr ab. Die Brutalität und Sinnlosigkeit der Tat passen zu dieser Zeit: Nach der russischen Revolution setzte sich die Krise in einem Bürgerkrieg fort. Auf dem Gebiet der Ukraine entbrannte der sowjetisch-ukrainische Krieg, in den sich in dessen letzten Jahren weitere europäische Staaten - auch Deutschland - einschalteten. Die Bolschewiken versuchten 1919, die Macht in der Ukraine zu übernehmen und ihre Gesellschaftsordnung zu implementieren. Die Bevölkerung lebte in einer anarchischen Umgebung von Gewalt, Willkür, Gesetzlosigkeit und ständiger Warenknappheit.

Samson ist nach dem Tod seines Vaters allein. Er hofft, dass ein ihm bekannter Augenarzt die Ohrmuschel wieder annähen kann, aber der verpackt das Körperteil in einer Puderdose, die er Samson überreicht. All das geschieht in einer fast schon sachlichen Atmosphäre ohne Pathos. Der junge Mann wird zunächst von den Ereignissen mitgetragen: Die Hausmeisterwitwe in seinem Mietshaus, die dort so etwas wie eine graue Eminenz ist, möchte, dass Samson nicht mehr allein ist und fädelt die Bekanntschaft mit Nadjeschda (dt.: Hoffnung), einer glühenden Bolschewikin, ein, die dann tatsächlich nach und nach zu einer Liebesbeziehung wird.

Als sich zwei Rotarmisten in Samsons Wohnung einquartieren, ändert sich sein Leben ein weiteres Mal. Nicht nur, dass sie das Arbeitszimmer des verstorbenen Vaters besetzen, sie tragen auch Kisten mit Gegenständen herein, die sie angeblich requiriert haben. Als Samson beim Nachhausekommen sieht, dass auch der Schreibtisch des Vaters samt Inhalt beschlagnahmt wird, um in einem Milizrevier aufgestellt zu werden, ist das Maß voll. Er beschwert sich vor Ort, wird aufgefordert, einen Rapport zu schreiben, und am nächsten Tag als Milizionär eingestellt, weil er so gut schreiben kann. Samson ist ab sofort dafür zuständig, Diebstähle zu bekämpfen und für Ordnung zu sorgen. Dass sein Ohr in der Puderdose ihm das Leben retten würde, ahnt er noch nicht. Und dass die beiden Rotarmisten in seiner Wohnung in einen rätselhaften Fall, in dem wertvoller Stoff und ein Oberschenkelknochen aus Silber eine Rolle spielen, verwickelt sein würden, ebenfalls nicht. Aber Samson geht der Sache mit sehr speziellen Ermittlungsmethoden auf den Grund, die seinem Vorgesetzten nicht immer gefallen.

Lesen?

Andrej Kurkows Samson und Nadjeschda ist der Auftakt einer Reihe, wenn man dem letzten Satz glauben darf: "Ende. Aber Fortsetzung folgt." Im Epilog belauscht Samson nachts, wie Männer in seinem Schreibtisch in der Milizwache herumwühlen und allem, was sie finden, eine falsche Bedeutung zumessen. Sie entscheiden sich, nicht gegen Samson zu ermitteln, sondern ihn nur zu beobachten. Das sieht doch sehr nach einem zweiten Teil aus, oder?

In der mir vorliegenden E-Book-Ausgabe lautet der Untertitel "Kriminalroman", aber das ist irreführend. Wer hier ein spannungsgeladenes Whodunit erwartet, ist auf der falschen Fährte. Die kriminalistische Arbeit des völlig unerfahrenen Nachwuchsmilizionärs Samson ist lediglich ein Gerüst, um den sich Kurkows Schilderung der desolaten Zustände in der Ukraine in dieser Zeit rankt. Trotz der unwürdigen Bedingungen, unter denen die Menschen leben, verlieren sie jedoch nie die Hoffnung, sondern versuchen, aus ihrer Situation das Beste zu machen - mit oder ohne Gewalt.

Samson und Nadjeschda ist 2022 im Diogenes Verlag erschienen und kostet 24 Euro. Die Originalfassung wurde bereits 2020 in Kiew veröffentlicht.


Sonntag, 10. April 2022

# 343 - Syrien - aus der Ferne betrachtet

Seit nun schon elf Jahren befindet sich Syrien im
Bürgerkrieg. Er wurde durch die gewaltsam niedergeschlagenen Proteste gegen den immer noch amtierenden Präsidenten Baschar al-Assad ausgelöst. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen starben mehr als 350.000 Zivilisten, etwa 5,6 Millionen Syrerinnen und Syrer sind aus ihrem Heimatland geflohen - alte und junge Menschen, die einfach nur ihr Leben leben wollten. Die Bedrohung besteht bis heute, ein Ende ist nicht abzusehen.

Djuman Badran ist im Roman Unser Haus dem Himmel so nah von Shahla Ujayli die Hauptperson. Sie ist promovierte Anthropologin und hat sich vor dem Krieg in der jordanischen Hauptstadt Amman in Sicherheit gebracht. Djuman führt die Leserinnen und Leser durch etwa 100 Jahre syrische Geschichte, indem sie auf Menschen trifft, die sie bereits kennt oder die neu in ihr Leben treten. Vom Krieg in ihrer Heimat und dessen Auswirkungen auf die Bevölkerung erfährt sie in Telefonaten mit ihrer in ihrer Geburtsstadt Raqqa gebliebenen Familie und über die Auswertung von Statistiken. Sie leidet mit ihrem Vater und ihren Geschwistern, die ihr von den Taten des IS berichten, aber als Djuman erfährt, dass sie an Krebs erkrankt ist, überlagern ihre Angst um das eigene Leben und die schmerzhafte Therapie die Nachrichten von zu Hause.

Ihr steht Nasser al-Amiri zur Seite. Djuman hat den Klimaforscher auf einem Flug von Tunesien nach Amman kennengelernt, und nach einer langsamen und vorsichtigen Annäherung werden sie ein Paar. Nasser hat syrische Wurzeln, sein Großvater war Rechtsanwalt in Aleppo, bevor er aus politischen Gründen nach Damaskus zog. Nasser lebt zum Zeitpunkt des Kennenlernens in Abu Dhabi.

Unser Haus dem Himmel so nah ist kein Roman, der stringent eine Geschichte erzählt. Es ist ein Roman über zahlreiche Menschen aus dem arabischen Raum, die es wegen politischer Krisen in ihren Heimatländern in die ganze Welt zieht. Sie verlassen ihr Zuhause, um irgendwo anders eine Zukunft und ein neues "Haus" aufzubauen. Informationen werden über Dialoge oder Monologe transportiert, wodurch die jeweiligen Personen besser kennen gelernt werden.

Man wird beim Lesen den Eindruck nicht los, dass sehr viel von Shahla Ujaylis eigener Geschichte in dieses Buch eingeflossen ist. Dieser Eindruck entsteht nicht nur durch die genaue Darstellung der einzelnen Menschen, sondern auch den Umstand, dass die Autorin in einem akademisch geprägten Umfeld aufgewachsen ist, das dem in ihrem Roman sehr ähnlich ist. Sogenannte "einfache Leute" kommen so gut wie gar nicht vor.

Lesen?

Trotz dieser etwas eingeschränkten Sichtweise ist Unser Haus dem Himmel so nah ein empfehlenswertes Buch. Shahla Ujayli ermöglicht insbesondere den Leserinnen und Lesern unseres eigenen Kulturkreises kulturelle und historische Einblicke, die Nachrichten oder Geschichtsbücher in dieser Form nicht vermitteln können.  

Unser Haus dem Himmel so nah ist in der vorliegenden deutschen Übersetzung von Christine Battermann 2022 im Kupido Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 28 Euro. Der Roman stand auf der Shortlist für den International Prize of Arabic Fiction.

Freitag, 26. März 2021

# 283 - Fritz und Emma - Wie ein Satz alles verändert

1947: Der 20-jährige Fritz Draudt kommt aus der Kriegsgefangenschaft in sein Heimatdorf Oberkirchbach in der Pfalz zurück. Doch von dem, was einmal sein Zuhause war, ist nichts mehr übrig: Bei einem Bombentreffer kamen seine Eltern und sein jüngerer Bruder ums Leben, das Elternhaus fiel zu einem Schutthaufen zusammen. Doch da ist die gleichaltrige Emma Hillese: Sie und Fritz wurden 1927 fast gleichzeitig geboren und sind sich so nahe, dass sie für den Rest ihres Lebens zusammenbleiben wollen. Dieser Einstieg könnte der Beginn eines kitschigen Liebesromans mit jeder Menge Schmalz und Herzeleid sein, aber Barbara Leciejewski lässt es in ihrem Roman Fritz und Emma glücklicherweise nicht soweit kommen.

Emma ist Fritz eine große Stütze. Die Liebe zueinander motiviert ihn, an die Zukunft zu glauben und nährt seine Hoffnung, das Furchtbare, das er im Krieg getan und gesehen hat, irgendwann zu vergessen. Er beginnt, das zerstörte Haus für sie beide wieder aufzubauen und das Paar legt einen Hochzeitstermin fest. Aber dann passiert etwas zwischen ihnen, das ihre intensive Verbindung zerstört. Es scheint keine Möglichkeit zu geben, den tiefen Riss, der sich zwischen ihnen aufgetan hat, zu kitten. Emma verbietet Fritz, jemals wieder Kontakt zu ihr zu haben. Beide gehen getrennte Wege, heiraten und werden Eltern, weichen einander aber in den nächsten Jahrzehnten konsequent aus, obwohl sie weiterhin im selben Dorf leben. 

Zu Ostern 2019 übernimmt der junge Pfarrer Jakob Eichendorf die Oberkirchbacher Gemeinde, seine Frau Marie ist für die Dorfbewohner ab sofort die "Frau Pfarrer". Marie hat nur ihrem Mann zuliebe dem Wechsel in das 820-Seelen-Dorf zugestimmt, sie fühlt sich dort schnell einsam und vom normalen Leben abgehängt. Das wird zunächst auch nicht besser, als sie sich lustlos an den Planungen für die 750-Jahr-Feier des Dorfes beteiligt: Was soll man denn schon planen, wenn das Geld an allen Ecken und Enden fehlt und die Dorfbewohner so lebenslustig und kontaktfreudig sind wie ein Schwarm toter Fische? Doch ihr Interesse ist geweckt, als sie von der Feindschaft zwischen Emma und Fritz hört, die nun schon seit 70 Jahren nicht mehr miteinander gesprochen haben. Was damals vorgefallen ist, weiß allerdings niemand so genau. Ist es möglich, dass man die beiden alten Leute nach so langer Zeit wieder zusammenbringen kann?

Lesen?

Barbara Leciejewski lenkt den Blick auf die Sprachlosigkeit der Generation von Emma und Fritz, die die Menschen oft bis zu ihrem Lebensende beibehalten haben. Die Kriegserlebnisse der Soldaten und auch der Zivilisten haben, wie man heute weiß, auch für die nächsten Generationen Folgen.

Die Entwicklung von Oberkirchbach von einem Ort des Zusammenhalts zu einer fast nicht mehr existierenden Gemeinschaft steht stellvertretend für viele andere Dörfer, die heute von vielen neu zugezogenen Menschen nur deshalb bewohnt werden, weil das Bauland dort bezahlbar ist. Der Roman stellt die Frage, ob sich daran etwas ändern und sich eine Dorfgemeinschaft wieder herstellen lässt, und gibt darauf eine Antwort.

Fritz und Emma ist ein sehr berührendes Buch, das für mich vor allem eine Botschaft hat: Hört auf euer Herz und erstickt eure Gefühle nicht in einem sturen Schweigen. Das Sprichwort "Reden ist Silber, Schweigen ist Gold" mag hier und da ganz passend sein, aber sicher nicht allgemeingültig.

Fritz und Emma ist im Ullstein Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur-Ausgabe 14,99 Euro sowie als E-Book 7,99 Euro.


Freitag, 7. Februar 2020

# 228 - Wie es sich zwischen den Fronten lebt


Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow beschreibt in seinem Roman Graue Bienen die Leiden der zivilen Bevölkerung in den Zeiten des Krieges in der Ukraine. Die Handlung ist in der sogenannten "Grauen Zone" angesiedelt: Das Gebiet mit einer Länge von ca. 450 Kilometern, in dem sich etwa 100 Dörfer befinden, ist so etwas wie eine Pufferzone zwischen der ukrainischen Armee und den für Russland kämpfenden Separatisten. Beide Seiten beanspruchen es für sich.

Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei Männer, die nach drei Kriegsjahren hier allein in einem Dorf im Niemandsland leben. Alle ihre Nachbarn sind längst geflohen. Seit ihrer Kindheit sind die beiden verfeindet, aber im Laufe der Zeit hat diese Feindschaft Rost angesetzt: Sie sind jetzt beide um die 50, Frührentner und allein. Der Mangel an vielem, was vor dem Krieg selbstverständlich war, zwingt sie zur Sparsamkeit und Improvisation. Auch die Einsamkeit und die Angst, unter Beschuss zu geraten, bringt sie einander allmählich näher. Der fast tägliche Geschützdonner ist längst Teil ihres normalen Alltags geworden.

Für den einen von ihnen, Sergej Sergejitsch, sind seine Bienen sein Lebensinhalt, nachdem er von seiner Frau und seiner Tochter verlassen wurde. Der Honig lässt sich gegen andere Lebensmittel tauschen und hin und wieder kommen zahlende Kunden, die von der Heilkraft der Bienen gehört haben und auf den Bienenkörben schlafen wollen. 
Sergej interessiert sich nicht für die Ursachen des Krieges, er nimmt ihn nur als Dauerstörung seines Lebens wahr. Das scheinen auch die Bienen zu tun: Die häufigen Detonationen in der Umgebung stören die Tiere in den Bienenkörben in ihrer Winterruhe. Sergej befürchtet, dass die aufgeregten Bienen sich in alle Winde zerstreuen und er sie verlieren könnte, wenn er sie aus den Körben ließe. Also beschließt der Imker im anbrechenden Frühling, seinen Tieren einen ruhigen Platz zu suchen, und fährt mit den Bienenkörben im Anhänger Richtung Westen.

Sergej macht nach einigen Stunden Autofahrt auf einer Lichtung in der Nähe eines Dorfs halt. Zunächst lässt sich alles gut an: Den Bienen geht es gut, die Ladeninhaberin des Dorfes versorgt ihn mit Essen und menschlicher Nähe. Aber für die Einheimischen ist er ein Fremder, manche vermuten sogar, er sei ein Flüchtling. Als ihm ein vom Krieg traumatisierter junger Mann eines Nachts sämtliche Autoscheiben zertrümmert, reist Sergej mit seinen Bienen weiter.

Sergejs nächste Station ist auf der Krim. Dass er in dem von Russland annektierten Gebiet als Ausländer behandelt werden würde, war ihm vorher nicht bewusst. Sergej hat vor mehr als 20 Jahren während eines Bienenzüchterkongresses Achtem Mustafajew, einen Krimtartaren, kennengelernt. Dort angekommen erfährt er, dass sein damaliger Zimmergenosse zwei Jahre zuvor vom FSB verschleppt wurde und seine Familie seitdem kein Lebenszeichen von ihm erhalten hat. Achtems Frau und Kinder sind gegenüber Sergej hilfsbereit und gastfreundlich, aber die Situation der Familie verschärft sich während seiner Anwesenheit. So sehr ihm die Landschaft gefällt, so sehr spürt er, dass er auch hier ein Fremder ist: sowohl für die Tartaren als auch für die Russen, die ihm misstrauen, weil er zu Tartaren Kontakt hat. Sein Wunsch, alles möge wieder so sein wie vor dem Ausbruch des Krieges, verstärkt sich.

Die Bienen werden für den Imker mit jeder Erfahrung, die er während seiner Fahrt macht, zu einem immer größeren Vorbild: An ihnen lässt sich erkennen, wie ein geordnetes und produktives Staatswesen funktioniert. Ihr Leben ist gewissermaßen der Gegenentwurf zu den ungeordneten und gewalttätigen Zuständen in der Ostukraine.

Lesen?

 

In Graue Bienen bringt Andrej Kurkow seinen Lesern das Leben der Menschen näher, die in der Öffentlichkeit fast nicht wahrgenommen werden. Die Bewohner der Grauen Zone sind von allem abgeschnitten, was das Leben, das wir für normal halten, ausmacht: Es gibt weder Strom noch fließendes Wasser, es gibt keine Läden, in denen Lebensmittel gekauft werden könnten, es gibt keine Post und keine Geldausgabe, viele Wohnhäuser und öffentliche Gebäude wurden zerstört. Wovon es reichlich gibt, ist die Angst, versehentlich in eine Tretmine zu geraten oder von einem Heckenschützen getötet zu werden. Diese dauerhaft angespannte Atmosphäre, gepaart mit einem großen Durchhaltewillen und einer gewissen Portion Phlegma wird von Kurkow sehr gut vermittelt.

Andrej Kurkow hat sich mit seinen russlandkritischen Büchern bei der dortigen Regierung keine Freunde gemacht. Seit einigen Jahren dürfen sie nicht mehr nach Russland eingeführt werden, weil der Autor auf einer schwarzen Liste steht. Es ist Kurkow zu wünschen, dass er mit seinem Buch sein Ziel erreicht: dass sich die Weltöffentlichkeit wieder dem Ukrainekonflikt zuwendet und ihn aus seinem aktuell eingefrorenen Zustand dem Frieden zuführt.

Graue Bienen ist 2019 im Diogenes Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 20,99 Euro.

Freitag, 10. Januar 2020

# 224 - Das Mittelalter ruft: Die Waringhams sind zurück

Leser von Rebecca Gablé, die die bislang fünf Bände
der Waringham-Saga kennen, dürfen sich den sechsten Band Teufelskrone nicht entgehen lassen. Wer die Saga noch nicht kennt, kann problemlos mit diesem Buch einsteigen: Der neueste Titel aus der Reihe spielt nicht etwa nach dem fünften Teil Der Palast der Meere, sondern ist zeitlich vor dem ersten angesiedelt: Gablé lässt die Handlung Ende Dezember 1192 mit der Festsetzung von König Richard "Löwenherz" von England durch den österreichischen Herzog Leopold V. beginnen.

Die Familie in zwei Lagern

 

Die fiktive Familie Waringham wird dieses Mal vom Vater Earl Jocelyn of Waringham und seinen Söhnen Guillaume und Yvain dominiert. Jocelyn behält nicht nur die Geschicke seiner Baronie im Blick, sondern beobachtet auch aufmerksam die politische Entwicklung in England. König Richard kann sich seiner Position nicht sicher sein, denn sein Bruder Prinz John "Ohneland" beansprucht die Krone ebenfalls für sich. Guillaume ist bereits ein Ritter des Königs, und als Yvain alt genug ist, schickt ihn sein Vater als Knappe an den Hof des Prinzen. Es ist schließlich immer gut, zwei Eisen im Feuer zu haben.

Dieser Schachzug ist zwar taktisch gut überlegt, treibt aber in den darauffolgenden Jahrzehnten einen Keil zwischen die Brüder. Beide stehen loyal hinter ihren Dienstherren und verteidigen diese gegen Angriffe aller Art - auch untereinander. Die Situation verkompliziert sich, als sich Guillaume und Yvain in dieselbe Frau verlieben und der Ältere sie heiratet.

Rebecca Gablé verwebt das Schicksal der Familie Waringham - wieder einmal - gekonnt mit der englischen Geschichte, bis hin zur Mitwisserschaft an einem Mord, der Yvain of Waringham mit König John verbindet. Der Roman zeugt von den profunden historischen Kenntnissen der Autorin und ist gewohnt flüssig und spannend geschrieben. Die mehr als 900 Seiten sind schnell gelesen. Er endet im Jahr 1216 nach einer schicksalhaften Krise, die die Familie in mehrfacher Hinsicht heimgesucht hat.

Wenn es an diesem Buch überhaupt etwas zu kritisieren gibt, dann den Umstand, dass es so etwas wie der Teil 0 der gesamten Saga ist. Dadurch büßt eine der eigentlich spannendsten Begebenheiten etwas von ihrer Dramatik ein.

Lesen?


Auf jeden Fall. Teufelskrone hat keiner Stelle Längen; da die Zahl der Akteure geringer ist als bei den anderen Teilen der Saga, lässt sich der Verlauf etwas einfacher nachvollziehen. Ein Verzeichnis der wichtigsten Personen sowie ein Stammbaum des Hauses Plantagenet helfen dabei, den Überblick zu behalten.

Teufelskrone ist bei Lübbe erschienen und kostet als gebundenes Buch 28 Euro, als E-Book 19,99 Euro sowie als Audio-CD 24,98 Euro.


Sonntag, 31. März 2019

# 190 - Einmal Bosnien und zurück

Der Bosnienkrieg hat die Welt von 1992 bis 1995 in
Atem gehalten. Unvergessen sind die grausamen Gemetzel wie in Srebrenica, die nicht nur gegen Soldaten, sondern auch gegen Zivilisten gerichtet waren und von den anwesenden Blauhelm-Soldaten der Vereinten Nationen nicht gestoppt wurden. Erst das Ende 1995 geschlossene Friedensabkommen von Dayton beendete den Kriegszustand.

2001 macht sich Juli Zeh auf den Weg nach Bosnien-Herzegowina. Ihr einziger Begleiter: ihr Hund Othello, der wie sie unterwegs eine Menge auszuhalten hat.
In ihrem 2002 erschienenen Buch Die Stille ist ein Geräusch: Eine Fahrt durch Bosnien beschreibt Juli Zeh, wie sie versucht, die selbst gestellten Fragen zu beantworten. Eine davon heißt: Wer hasst wen und wie sehr? Es ist eine Frage, die ihr dabei helfen soll, den wahren Hintergründen, die den Krieg ausgelöst haben, auf den Grund zu gehen. Die Antworten, die sie von den Menschen, denen sie auf ihrer Reise zufällig begegnet, haben eine Gemeinsamkeit: Die Erklärung der Weltpresse, dahinter habe ein ethnischer Konflikt gestanden, wird ganz überwiegend für Unsinn gehalten. Die genannten Gründe könnten jedoch nicht unterschiedlicher sein.

Das Land ist zerstört, manches wurde wieder aufgebaut, anderes blieb in Trümmern. Mittendrin ist die deutsche Schriftstellerin Juli Zeh, die ihre Reise so beginnt wie jemand, der im Freibad auf dem Zehn-Meter-Brett steht und sich kurz vor dem Sprung einen Ruck gibt: ziemlich kurzentschlossen und - so scheint es - ohne größere Vorbereitungen. Wie wenig Bosnien-Herzegowina als touristisches Ziel gilt, merkt sie bereits im Reisebüro an der Reaktion der Angestellten: "Was wollen Sie da? Da ist doch Krieg!" Der Versuch, bei einem der größten deutschen Autovermieter für einen Monat ab Sarajevo einen Pkw zu mieten, scheitert an den horrenden Kosten: 3.500 $ werden verlangt. Vermutlich geht man in dem Unternehmen davon aus, dass man das Fahrzeug angesichts des Reiseziels auf die Verlustliste setzen muss.

Der Roadtrip beginnt zunächst mit einer Zugfahrt, die von Wien über das slowenische Maribor nach Zagreb führt. Dort bekommt sie von einem Freund eines Freundes eine Kurzinfo in bosnischer Staats- und Gesellschaftskunde und Verhaltenstipps. Später, auf dem Weg nach Sarajevo, erfindet sie eine neue Sprache, um mit den Kommunikationsschwierigkeiten fertig zu werden: Endepol ist eine Mischung aus Englisch, Deutsch und Polnisch, erweist sich im Laufe der Reise aber nicht immer als zuverlässige Verständigungshilfe. Sie macht Halt in Jajce, einer Kleinstadt, deren Bevölkerung sich infolge des Bosnienkrieges neu zusammenstzte. Weitere Stationen sind Mostar, Sarajevo, Pale, Fojnica, Čapljina, Tuzla, Srebrenica, Travnik, Banja Luka, Zagreb und einige kleinere Orte, die hier praktisch unbekannt sind. Innerhalb Bosnien-Herzegowinas legt sie die Strecken mit einem Auto zurück. Die Namen der meisten Städte, die sie besucht, sind hier durch die damalige Berichterstattung in den Nachrichten bekannt.

Juli Zeh verbringt körperlich anstrengende Wochen in Bosnien-Herzegowina. Eine für Touristen geeignete Infrastruktur gibt es nicht, Unterkünfte findet sie unterwegs eher zufällig, ihre Ernährung ist - gelinde gesagt - ungesund. Sie lässt sich treiben und entschließt sich oft spontan, die eine oder andere Richtung einzuschlagen. In den größeren Städten erlebt sie eine andere Stimmung als in den kleinen Ortschaften: Während die Städter sich offen geben und abends gepflegt durch das Zentrum flanieren, ist in den Kleinstädten und Dörfern der Wiederaufbau noch nicht weit gekommen und der Krieg in den Köpfen der Menschen noch deutlich präsenter.


Da Juli Zeh als Deutsche zur sog. "intrenational crowd" gehört, ist das Orgaisieren eines SFOR-Ausweises kein Problem. Dieser Ausweis erweist sich etliche Male als Türöffner. Das schützt sie aber nicht vor der fast allgegenwärtigen Gefahr, Opfer einer Mine zu werden. Besonders bewusst wird ihr das, als auf einer Bergkuppe bei Mostar einen großes aus Steinen gelegtes "H" irrtümlich als Zeichen für "Helikopter" interpretiert. Erst bei näherem Hinsehen wird Zeh klar, dass es sich um ein großes "M" handelt und sie sich mitten in einem abgesperrten Minengebiet befindet.

Lesen?

Die Stille ist ein Geräusch: Eine Fahrt durch Bosnien ist in mehrerer Hinsicht ein lesenswertes Buch. Juli Zeh hat keinen der üblichen Reisebrichte geschrieben, sondern ihre Beobachtungen notiert: über die Menschen, das, was der Krieg mit ihnen gemacht hat und nicht zuletzt über sich selbst. Sie haucht auch dem, was auf den ersten Blick tot wirkt, noch Leben ein und verzichtet bei aller Empathie darauf, von ihrem vom Krieg geschundenen Reiseland ein Bild des Entsetzens zu zeichnen. Lesen!

Die Stille ist ein Geräusch: Eine Fahrt durch Bosnien ist in der mir vorliegenden Ausgabe bei Schöffling & Co. erschienen. Die Taschenbuchausgabe kostet 10 Euro, die epub- oder Kindle-Edition 9,99 Euro. Das gebundene Buch ist nur noch antiquarisch zu bekommen.

Samstag, 27. Oktober 2018

# 172 - Der amerikanische Bürgerkrieg kehrt zurück

Alte Feinde ist der achte Fall der schweizerischen Krimi-Autorin Petra Ivanov, in dem die Zürcher Staatsanwältin Regina Flint und der mit ihr liierte Kriminalpolizist Bruno Cavalli in gefährliche Ermittlungen verwickelt werden. Es ist allerdings das erste Mal, dass ihre Nachforschungen bis ins 19. Jahrhundert, in die Zeit des Sezessionskrieges, zurückreichen. Was für die Handlung wesentlich ist: Cavalli ist US-Bürger und indianischer Abstammung.

Wenn sich Wege überschneiden

 

Cavalli wurde vom FBI angefordert. Er soll undercover in einem Cherokee-Reservat dazu beitragen, die Ermittlungen in einer Mordserie voranzubringen, bei der Menschen durch Pfeilgift, das mit einem Blasrohr auf sie geschossen wird, getötet werden. 
Während seiner Abwesenheit wird in einem Zürcher Wohnhaus die Leiche von Albert Gradwohl gefunden. Die Ermittlungen ergeben, dass er mit einer historischen Waffe, die aus der Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs stammt, geradezu hingerichtet wurde. Der Tote ist ein Nachfahre des berüchtigten Lagerkommandanten Henry Wirz, der seinerzeit wegen der furchtbaren Zustände, unter denen die Gefangenen unter seiner Verantwortung leben mussten, hingerichtet wurde. Aus dem direkten Umfeld des Opfers kommt jedoch niemand als Täter infrage. Regina Flint erkennt, dass sie in der Schweiz mit ihren Nachforschungen nicht voran kommt und reist in die USA, um den Faden dort wieder aufzunehmen. Damit verbindet sie auch einen privaten Hintergedanken: Sie hat von Cavalli seit Monaten nichts mehr gehört und hofft, ihn zu finden. Sie hat zunächst keine Ahnung, dass sich der Vater ihrer Tochter Lily in tödlicher Gefahr befindet: Ein mit dem FBI abgesprochener Einsatz in einem Lokal, bei dem dem Blasrohr-Mörder eine Falle gestellt werden sollte, ging gründlich schief. Als der Killer vor Ort seinen nächsten Mord an dem Lockvogel Emma verüben will, ist entgegen der Absprachen niemand vom FBI vor Ort. Schwer verletzt kann Cavalli mit Emma fliehen und die beiden finden bei Emmas Cousin Buzz Unterschlupf. Buzz, ein Ex-Soldat, lebt völlig zurückgezogen und abgeschieden und wird sich im weiteren Verlauf der Handlung als loyaler und sehr hilfreicher Freund herausstellen. Cavalli ahnt, dass es beim FBI einen Maulwurf geben muss. Der Ermittler kommt außerdem zu dem Schluss, dass alle bisherigen Opfer des Blasrohr-Mörders in irgendeinem Verhältnis zu ihm gestanden haben und der Killer ihm mit jedem weiteren Toten ein Stück näher gekommen ist. Er vermutet einen Rachefeldzug, der seine gesamte Familie in Gefahr bringt.

Weil sich Flint im Rahmen ihrer Ermittlungen auch im Reservat aufgehalten hat, erfährt Cavalli von ihrer Anwesenheit. Gemeinsam führen sie die Ermittlungen fort und wissen schon bald nicht mehr, wem sie noch trauen können. Letztlich bringen sie ihre persönlichen Eigenschaften - der klare Verstand von Flint sowie die dosierte Risikobereitschaft und die hohe Sensibilität Cavallis - in ihren Ermittlungen einen großen Schritt nach vorn. Doch auch sie erkennen zu spät die Gefahr einer großen Eskalation.

Wie war's?

 

In Alte Feinde greift Petra Ivanov historische Fakten auf, die sie selbst recherchiert hat. So erfährt man nebenbei eine Menge über den Sezessionskrieg. Dem Leser ist es unbedingt zu empfehlen, die am Beginn der Kapitel genannten Datumsangaben im Auge zu behalten, um den roten Faden nicht zu verlieren. 
Bis zum Zeitpunkt des Aufeinanderstreffens von Flint und Cavalli ist das Buch interessant, ab dann wird es erst richtig spannend. Ich habe keinen der sieben vorangegangenen Bände gelesen, was an der einen oder anderen Stelle jeodch hilfreich gewesen wäre. Deshalb war die Erkenntnis, wer letztlich hinter den Morden steckt, für mich als "Quereinsteigerin" nicht schlüssig. 
Die von der Autorin erzeugte Atmosphäre dient nicht nur der Spannung, sondern auch dem Verständnis für die Gefühle und Handlungen von Flint und Cavalli. Ein Krimi, den ich mit den genannten Einschränkungen empfehlen kann.

Alte Feinde ist im Unionsverlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 26 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 22,99 Euro. Ich bedanke mich bei der Agentur Literaturtest, die mir das Buch zur Verfügung gestellt hat. 

Freitag, 21. Juli 2017

# 109 - Eine Geschichte aus dem Mittelalter

Spannender Historienroman 

 

Rebecca Gablé ist bekannt für ihre lebendig geschriebenen historischen Romane, und Die fremde Königin fügt sich nahtlos in die Reihe der erfolgreichen Bücher der Autorin ein. Diesmal geht es um Adelheid von Burgund, die ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes König Lothar II. von Italien König Otto I. heiratet. Diese auch aus taktischen Gründen geschlossene Ehe rief erwartungsgemäß einige Gegner auf den Plan und führte auch in der eigenen Familie zu Verwerfungen. Die fremde Königin knüpft an die Handlung des Romans Das Haupt der Welt an. 

Historische Fakten geschickt verwoben mit Erfundenem

 

König Lothar II. von Italien wird 950 Opfer eines Giftmordes, und so ist seine Frau Adelheid im Alter von 19 Jahren plötzlich verwitwet. Markgraf Berengar von Ivrea steckt hinter dem Anschlag: Sein halbwüchsiger Sohn Adalbert soll die junge Witwe heiraten und so zum König von Italien aufsteigen. Doch auch die Kerkerhaft in Garda unter widrigsten Umständen kann Adelheid nicht dazu bringen, sich ein Ja-Wort abzuringen. Mithilfe des Panzerreiters Gaidemar gelingt ihr 951 zusammen mit ihrer kleinen Tochter Emma und ihren Begleitern die Flucht aus dem Verlies, und die Gruppe findet in der Burg des Grafen von Canossa Unterschlupf. Währenddessen ist König Otto I. über die Alpen gezogen, hat Berengar aus Pavia vertrieben und seinen Bruder Heinrich Herzog von Bayern ausgesandt, um Adelheid nach Parvia zu eskortieren. Der Zweck ist klar: Wie im Adel des Mittelalters üblich, soll auch diese Verbindung eine Zweckehe sein, die Otto zum König von Italien macht. Außerdem braucht Otto mehr Söhne, damit es nach seinem Tod kein Problem bei der Thronfolge gibt. Doch Otto und Adelheid haben ein weiteres großes Ziel: Der König plant die Errichtung einer prächtigen Pfalz in Magdeburg und die Gründung des Erzbistums Magdeburg, und sowohl er als auch seine Frau streben die Kaiserkrönung an. Doch zuvor müssen zahllose Intrigen überstanden und überlebt werden, ehe es in Rom dazu kommen kann. Auch die Pest, an der Otto 956 in Köln erkrankt, ist eine schwere Prüfung.

Pageturner bis zur letzten Seite

 

Rebecca Gablé spannt den Bogen von August 951 bis Januar 962, dem Zeitpunkt der Krönung des Königspaares zum Kaiser bzw. zur Kaiserin durch Papst Johannes XII. Wie schon in ihren anderen Romanen verwebt sie gekonnt historisch belegte Tatsachen mit selbst erdachten Personen und Handlungen. Am Ende ihres Buches weist sie jedoch detailliert auf alles hin, was ihrer Phantasie entsprungen ist.
Ebenfalls typisch für die Autorin sind Personen oder Personengruppen, die dem gesamten Verlauf einen roten Faden geben. In der fünfteiligen Reihe um die Familie Waringham (siehe auch Der Palast der Meere) war es eben diese, die alle Titel der Reihe durchzog und die Handlung zusammenhielt, die es aber nie gegeben hat. In Die fremde Königin ist es der Panzerreiter Gaidemar, der für den Fortgang des Romans unverzichtbar ist: Der junge Mann ist insbesondere gegenüber Adelheid sehr loyal, mutig und ehrlich und hat einen weichen Kern unter seiner harten Schale. Schade, dass auch er nicht gelebt hat.

Die fremde Königin ist bei Bastei Lübbe erschienen, hat inkl. des Nachworts ca. 760 Seiten und kostet in der gebundenen Ausgabe 26,-- €, als Audio-CD 20,99 €, als Kindle- oder epub-Edition 19,99 € und als Hörbuch 44,95 € (ungekürzt) oder 20,95 € (gekürzt). 

Vielen Dank!

Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorrätige Titel innerhalb eines Werktages.