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Freitag, 3. März 2023

# 383 - Ein Roman, der ein Jahrhundert ukrainischer Geschichte erzählt

Lisa Weeda wurde in den Niederlanden geboren und
hatte sich lange nicht mit der Geschichte ihrer Familie beschäftigt. Sie wusste, dass ihre Großmutter Aleksandra aus der Ukraine stammte, im Zweiten Weltkrieg 1942 als Zwangsarbeiterin nach Deutschland kam, später in den Niederlanden geheiratet hatte und dort geblieben war. Erst vor einigen Jahren begann sich die Autorin für ihre Familiengeschichte bis zurück zu ihrem Urgroßvater zu interessieren - eine Geschichte, die sich in der Ostukraine, Russland, Deutschland und den Niederlanden abspielte. Sie erfuhr, dass sie von Donkosaken abstammte, die sich bereits im 15. Jahrhundert zusammenschlossen.

In ihrem Debütroman Aleksandra lässt Weeda mit einer Mischung aus Fiktion und realen Begebenheiten ihre Ich-Erzählerin Lisa im Jahr 2018 nach Lugansk reisen. Ihre Großmutter Aleksandra hatte sie beauftragt, das Grab ihres Neffen Kolja zu suchen, der drei Jahre zuvor verschwunden war. Die Erzählerin hat etwas Besonderes im Gepäck: ein Sticktuch, auf dem mit schwarzem und rotem Faden die Lebenslinien der einzelnen Familienmitglieder nachempfunden waren. Die roten Linien stehen für das Leben, die schwarzen für den Tod. Dieses Tuch soll auf Koljas Grab gelegt werden, da Aleksandra fühlt, dass dieser sonst keine Ruhe findet.

Am Grenzübergang von der Ukraine zur sog. Volksrepublik Lugansk, die 2014 völkerrechtswidrig von Russland annektiert wurde, scheitert Lisa am Wachsoldaten, der sie partout nicht passieren lassen will. In einem günstigen Moment rennt sie in ein Getreidefeld, um ihr Ziel zu erreichen und den Wunsch der Großmutter zu erfüllen. Als sie stolpert, fällt sie auf die Stufen eines plötzlich auftauchenden Palasts mit gigantischen Ausmaßen und trifft dort auf ihren schon lange verstorbenen Urgroßvater Nikolaj, der sie durch die zahllosen hohen Räume des Gebäudes führt. 

Dieser "Palast der verlorenen Donkosaken" erinnert an Josef Stalins hochfliegende Pläne aus den 1930-er Jahren, in Moskau einen "Palast der Sowjets" zu bauen, der mit einer Höhe von 415 Metern alle Gebäude auf der Welt überragen und von der Großartigkeit der Sowjetunion überzeugen sollte. 

Nikolaj zeigt seiner Urenkelin etliche Palasträume und leitet sie auf diese Weise durch die kollektiven Erinnerungen der Familie sowie die Historie der Ukraine und Russlands. Die Zeit unter Stalin, als Nikolaj und seine Frau Anna wie viele andere Bauern ihre Ernte hergeben mussten und später sogar enteignet wurden, die Qualen des Holodomors Anfang der 1930-er Jahre oder der Einmarsch der Nationalsozialisten in die Ukraine waren nur einige der prägenden Ereignisse, die die Familie vor schwere Prüfungen stellte und auseinander riss.
Diese so verpackten Begebenheiten verknüpft Lisa Weeda mit den Erzählungen ihrer Großmutter und dem, was im Zusammenhang mit der Annexion der Volksrepublik Lugansk, in deren Wirren Kolja verschwand, passierte.

Lesen?

Aleksandra ist ein vielschichtiger Roman, der seine Leser und Leserinnen auf fast jeder Seite mit historischen Informationen versorgt. Lisa Weeda hat eindrucksvoll dargestellt, wie sehr Menschen durch politische Entscheidungen hin und her geworfen werden können wie Laub im Wind, ohne eine Chance zu haben, ihre Lage aktiv zu verbessern. 

Lisa Weede hat der Handlung erfreulicherweise einen Familienstammbaum vorangestellt, der sich über fünf Generationen erstreckt. Das ist sehr hilfreich, um sich zurechtzufinden, da einzelne Vornamen in mehreren Generationen vorkommen, was ziemlich verwirrend sein kann.

Der im Roman verwendete Leitspruch der Donkosaken spiegelt wider, wie die Ukrainer mit den Angriffen Russlands umgehen: "Wir sterben lieber frei als versklavt" macht deutlich, dass Aufgeben die letzte Option ist.

Lisa Weeda hat acht Jahre an ihrem Buch geschrieben. Aufgrund der Faktenfülle wäre mir sehr recht gewesen, wenn sie sich nicht auf rund 280 Seiten beschränkt, sondern der gesamten Darstellung mehr Raum gelassen hätte.

Aleksandra war 2022 in den Niederlanden ein großer Publikumserfolg und wurde mit De Bronzen Uil, dem Preis für das beste niederländisch-sprachige Debüt, ausgezeichnet und stand auf der Shortlist des niederländischen Libris-Literaturpreises.

Der Roman erschien am 24. Februar 2023 zum ersten Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine im Kanon Verlag und kostet 25 Euro.

Freitag, 22. Januar 2016

# 33 - Sowjetische Gerechtigkeit im Stalinismus

Eine Spur des Todes entlang der Transsibirischen Eisenbahn

 

Kind 44 von Tom Rob Smith ist ein Roman, dessen Verfilmung ich gesehen hatte, bevor ich das Buch kannte. Neu war mir jedoch bis zum Lesen des Nachworts, dass sich die Handlung des Romans sehr eng an einem tatsächlichen Fall orientiert. Aber der Reihe nach.

Es kann nicht sein, was nicht sein darf 

 

Januar 1933: In der Ukraine leiden die Menschen unter dem Hungerwinter. Viele sind bereits an Unterernährung gestorben, die noch Lebenden ernähren sich buchstäblich von allem, was irgendwie essbar ist. Da sieht Pavel eine streunende Katze. Auf Anweisung seiner Mutter nimmt er seinen jüngeren 8-jährigen Bruder Andrej mit auf die Katzenjagd. Dabei wird Pavel hinterrücks von einem Mann überwältigt und entführt. Der kurzsichtige Andrej, der seinen Bruder nach einer kurzen Suche nicht finden kann, kann seiner Mutter nur noch von dessen Verschwinden berichten. Pavel taucht nicht mehr zu Hause auf.

14. Februar 1953: Der knapp 5-jährige Arkadi wird tot auf den Bahngleisen in Moskau gefunden. Man hört, ein alter Mann habe die Leiche gesehen, die völlig nackt und übel zugerichtet gewesen sei. Eine Frau will einen Mann beobachtet haben, der in der Nähe des Leichenfundortes gewesen ist - mit einem kleinen Jungen an der Hand. Doch für die Behörden ist schnell klar: Der Tod des kleinen Arkadi ist tragisch, aber ein Unfall, an dem keiner außer dem Kind selbst eine Schuld trägt. Der Junge hatte sich zu dicht an den Bahngleisen aufgehalten, niemand nimmt Ermittlungen auf: Während der Diktatur Stalins gab es offiziell keine Kriminalität. Sie wurde als Auswuchs des Kapitalismus angesehen. Doch Arkadis Vater Fjodor Andrejew, ein Mitarbeiter des MGB, der Vorgängerinstitution des KGB, zweifelt an dieser Darstellung: Seinem Freund und Kollegen Leo Demidow, der den Auftrag erhalten hat, Fjodor und dessen Familie vom Unfalltod des Sohnes zu überzeugen, gelingt es nicht, dessen Zweifel an der Darstellung, die vom MGB vorgegeben ist, zu zerstreuen. Leo ist ein treuer und überzeugter Anhänger des Sowjetsystems und würde fast alles für sein Land tun. Er teilt die Vision Lenins, dass sich die Zahl der Verbrechen in dem Umfang verringern würde, in dem die Armut sich zurückbildet. Die sowjetische Gesellschaft war seiner Meinung nach auf dem besten Weg dorthin. Sofern die Menschen daran glaubten, würden sie sich stetig auf das Ziel hinbewegen, ein besseres Gemeinwesen zu formen. Dieser Glaube durfte nicht durch Gerüchte um ein ermordetes Kind ins Wanken gebracht werden.

Leos persönliche Wende: Ein Spion wird verhört

 

Das MGB verdächtigt den Tierarzt Anatoli Brodsky der Spionage, weil auch die Haustiere ausländischer Diplomaten zu seinen Patienten zählen. Als Brodsky bemerkt, dass er beschattet wird, kann er fliehen, wird jedoch von einer Gruppe von MGB-Beamten, die von Leo kommandiert wird, gefangengenommen. Leo hadert mit sich, weil er als Verantwortlicher eine der Grundregeln seines Berufs verletzt hat: "Besser, zehn Unschuldige leiden, als ein Spion entkommt." Zum ersten Mal erlebt Leo jedoch, dass er einem Verhafteten seine Aussage glaubt: Brodsky wird wie üblich gefoltert und widersteht den Misshandlungen länger als es andere Gefangene tun.

Doch Brodskys Festnahme hat für Leo ein Nachspiel: Als sein Untergebener Wassili Nikitin in einem entlegenen Dorf aus offensichtlichem Spaß am Töten ein Ehepaar erschießt, das verdächtigt wird, dem Entflohenen Unterschlupf gewährt zu haben und damit zwei kleine Mädchen zu Waisen macht, wird er von Leo niedergeschlagen, bevor er auch noch die beiden Kinder umbringen kann. Das macht die Männer zu Todfeinden.

Weil Leos Verhalten Aufmerksamkeit bei seinem Vorgesetzten Generalmajor Kuzmin erregt, fordert dieser von ihm einen Loyalitätsbeweis: Leo soll seine eigene Frau Raisa bespitzeln, die verdächtigt wird, eine Spionin zu sein. Ihm ist klar, dass Kuzmin nur eine Antwort von ihm akzeptiert: Die Bestätigung, dass Raisa tatsächlich ein Schädling des Sowjetvolkes ist. Damit wäre ihr Schicksal besiegelt: Nach einem Verhör, das wie gewohnt mit einem durch Folter erpressten Geständnis enden würde, würde auf die junge Frau eine Haft im Gulag warten, die mehrere Jahrzehnte dauern könnte - wenn sie diese lange Zeit überhaupt überleben könnte. Er entscheidet sich dafür, seine Frau nicht zu denunzieren, was die unmittelbare Degradierung und die Versetzung zur Miliz in Wualsk, einer tristen Industriestadt im Ural, nach sich zieht.

Leo wird in Wualsk General Nesterow unterstellt, der ihm wegen seiner ehemaligen MGB-Zugehörigkeit mit großem Misstrauen begegnet. Nur zwei Tage vor seiner Ankunft wurde in Wualsk ein junges Mädchen ermordet aufgefunden, und Leo fällt sofort die Ähnlichkeit mit den Umständen auf, unter denen der kleine Arkadi in Moskau ums Leben gekommen ist: Auch diese Leiche wurde grausam zugerichtet und befand sich in der Nähe des Bahnhofs. Nesterow lehnt kriminalistische Ermittlungen ab und verhaftet den geistig zurückgebliebenen Warlam Babinitsch, weil bei ihm eine blonde Locke, die von dem getöteten Mädchen stammen könnte, gefunden wurde. Babinitsch wird wegen Mordes zum Tod verurteilt und hingerichtet. Erst als in Wualsk eine weitere Kinderleiche gefunden wird, an der deutliche Parallelen zu den beiden vorangegangenen Morden zu erkennen sind, kann Leo seinen Vorgesetzten dazu überreden, mit ihm zusammen heimlich Ermittlungen aufzunehmen. Ihre Arbeit ist gefährlich und ergibt Anfang Juli 1953, dass quer durch die Sowjetunion außer Arkadi noch mindestens 43 weitere Kinder und Jugendliche auf die gleiche Weise getötet worden waren - Arkadi ist damit Kind 44. Nie hatte jemand eine Verbindung zwischen diesen Morden hergestellt, aber in jedem Fall hatte es einen "Täter" gegeben: bereits verurteilte Vergewaltiger, Diebe oder stadtbekannte Alkoholiker mussten hierfür herhalten.

Spannung bis zur letzten Seite

 

Kind 44 ist kein Krimi im klassischen Sinn. Natürlich ist viel davon die Rede, auf welche Weise und unter welchen widrigen Umständen Leo und Nesterow jeden Mord recherchieren, aber der Roman wirft auch ein Schlaglicht auf die Zeit, in der das Sowjetreich von Josef Stalin diktatorisch und gewaltsam regiert wurde. Die Beschreibung des Hungerwinters zu Beginn des Buchs geht auf tatsächliche Begebenheiten zurück: Im Winter 1932/1933 starben allein in der Ukraine etwa 3,5 Millionen Menschen an Unterernährung - ein Umstand, den die meisten Historiker heute als einen von Stalin absichtlich herbeigeführten Zustand betrachten, um die Ukrainer gefügig zu machen. In dieser Zeit soll es auch Fälle von Kannibalismus gegeben haben.

Auch die Schilderung der Mordserie geht auf einen historischen Kriminalfall zurück, der in der UdSSR für viel Aufregung sorgte und fast die Evakuierung einer ganzen Stadt nach sich gezogen hätte: Zwischen 1978 und 1990 tötete der Lehrer  Andrei Romanowitsch Tschikatilo mehr als 50 Kinder und Jugendliche auf grausame Weise. Wie im Roman stellte die Miliz lange Zeit keine Verbindung zwischen den Morden her: Tschikatilos Opfer waren Frauen und Mädchen fast aller Altersgruppen, die Taten hatten kein erkennbares Muster. Erst als er zufällig von einem Beamten dabei beobachtet wurde, wie er verdreckt aus einem Waldstück kam, in dem kurz darauf Kleidungsstücke und eine weitere Leiche entdeckt wurden, geriet er in den Fokus der Ermittler und konnte schließlich überführt werden. 1994 wurde er hingerichtet.

Kind 44 ist ein Buch, das man bis zum Schluss nicht mehr aus der Hand legt. Es schildert sehr deutlich das politische Klima in der Sowjetunion unter dem Regime von Stalin: Jeder achtete genau auf seine Worte und musste damit rechnen, auch von Angehörigen denunziert und der staatlichen Willkür ausgeliefert zu werden. Die Strafen für allerkleinste Vergehen, deren sich die Beschuldigten oft gar nicht bewusst waren, waren drakonisch. Tom Rob Smith versteht es, seinen Lesern das Leben der Menschen in dieser Zeit zu verdeutlichen, ohne sie mit Milieustudien zu langweilen. Für seinen Roman gibt es von mir eine ganz klare Empfehlung. 
Für alle, die sich jetzt fragen, wo der Zusammenhang zwischen dem Hungerwinter und den Tötungen sein könnte, sei gesagt: Es gibt sie, und seine Umstände sind die Erklärung für das Motiv des Mörders.


Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir dieses Buch zur Verfügung gestellt hat. Kind 44 kann beim Goldmann Verlag bestellt und in jeder Buchhandlung zum Preis von 9,99 € gekauft werden (Taschenbuch). Die Kindle-Edition und die epub-Ausgabe kosten je 8,99 €.