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Montag, 19. Januar 2026

# 496 - Eine Mischung aus Familiengeschichte und Fantastik

Der Titel von Anna Maschiks Debütroman Wenn du es
heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
 ist zugleich auch der erste Satz ihres Buches. Die Einstiegsszene spielt auf einem Bauernhof in einem Dorf an der deutschen Nordseeküste, wo Henrike während des Zweiten Weltkriegs ein Schaf "schwarz" schlachtet. Im Gegensatz zu Schweinen sterben Schafe still und verraten nicht ihre Schlächter.

Henrike, die am Neujahrstag des Jahres 1900 als ältestes von fünf Geschwistern am selben Ort geboren wird, ist die Urgroßmutter der Erzählerin Alma und der Ausgangspunkt dieser speziellen Familiengeschichte. Anna Maschik legt dabei den Schwerpunkt auf die Frauen und schildert, unter welchen Umständen sie ihre Leben gemeistert haben. Auffällig ist, dass sich manche Verhaltensweisen wiederholen: Die Mütter haben ein Lieblingskind und eines, mit dem sie sich kaum verbunden fühlen. Außerdem stehen sie dem Wunsch ihrer Töchter nach Bildung im Gegensatz zu den Vätern skeptisch gegenüber.

Henrikes Tochter Hilde wird während des Zweiten Weltkriegs von einem österreichischen Soldaten schwanger. Als der Soldat nach Kriegsende zurückkehrt, geht sie mit ihm und dem kleinen gemeinsamen Sohn nach Österreich. Ihre Schwiegereltern haben dort ein Möbelgeschäft, in das das junge Paar einsteigen kann. Fern der Heimat fühlt sie sich so fremd, wie man sich nur fühlen kann: Ihre Schwiegereltern betrachten sie kritisch, die Stadt ist so viel größer als das Heimatdorf, in der  Stadtwohnung lebt es sich ganz anders als auf dem Bauernhof und die Leute mögen keine Deutschen. Hildes ständiger Begleiter ist das Heimweh.

Das Gefühl der Fremdheit und emotionalen Distanziertheit durchzieht die ganze Handlung. Die Geschwister der jeweiligen Generation gehen sich im besten Fall aus dem Weg, die Eheleute gehen mit ihrer Beziehung pragmatisch um. Zu den Konstanten des norddeutschen Dorflebens gehören die Hebamme Anna und die Leichenfrau Nora, die auch dann vor der Haustür stehen, wenn sie nicht gerufen - aber trotzdem gebraucht werden. Beide umgibt eine besondere Aura, aber keine von ihnen beurteilt oder bewertet die Dinge, die sie sieht.

Eine andere Konstante ist, dass die Personen nur so viel wie nötig miteinander kommunizieren. So wird der Weg für Missverständnisse und gegenseitiges Unverständnis geebnet. Auch Kindern wird das, was sie wegen ihres Alters noch nicht verstehen können, nicht erklärt.

Anna Maschik greift auf zwei weitere Stilmittel zurück: Am Ende vieler Abschnitte fügt sie Listen an, die Sachverhalte kurz und knapp erzählen. Das gilt auch dann, wenn eine dieser Listen leer bleibt. Außerdem schildert Maschik einige Szenen mehrmals aus den unterschiedlichen Perspektiven der Personen. So gelingt es ihr mit wenigen Worten, Stimmungen zu erzeugen und Sachverhalte verständlich zu machen.

Lesen?

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten schlägt zwar einen zeitlich großen Bogen von 1900 bis heute, auf einzelne Zeitabschnitte wird aber nur schlaglichtartig eingegangen. Anna Maschik erzählt die Familiengeschichte nicht chronologisch, sondern springt zwischen den Zeitebenen vor und zurück.

Die fiktionalen Elemente sind gewöhnungsbedürftig: Da ist Henrikes Sohn Benedikt, der bei seiner Geburt nicht die Augen öffnet, seine gesamte Kindheit und Jugend verschläft und erst als junger Mann aufsteht. Benedikt kann, obwohl er bis zu diesem Tag nur gelegen und mit niemandem geredet hat, sofort gehen und sprechen. Maschik erklärt diesen wundersamen Vorgang nicht, sondern schreibt lediglich: "Es ist nicht natürlich, dass jemand plötzlich als junger Mann erwacht und sprechen und denken kann, als hätte er es irgendwo gelernt." Benedikts erstaunliche kognitive Fähigkeiten führen dazu, dass er gute Ideen hat wie das Gründen einer Dreschgenossenschaft, aber leider auch schlechte: Er will, dass seine Eltern in die NSDAP eintreten, weil er deren Versprechen glaubt, die Höfe zu entschulden. Benedikt stirbt viele Jahre später einsam und verwahrlost auf seinem Hof, Bart und Fingernägel sind meterlang. Hat er zuvor wieder jahrelang geschlafen?

Der Tod wird als etwas beschrieben, das die Verstorbenen so lange im Jenseits hält, bis jemand aus der Familie verstirbt: Benedikts Leiche wird sowohl von der lebenden Nora als auch seinen längst nicht mehr lebenden Eltern aus dem Haus getragen, während Miriam, die Mutter der Erzählerin, in ihrem Gewächshaus als Zitronenbaum in einen Blumentopf eingewachsen ist und von ihrer Tochter gegossen wird. Die Abholung von Miriam wird zu einem Aufmarsch der Toten, die so aussehen, wie die Erzählerin sie in Erinnerung hat.

Es bleibt unklar, ob die fiktionalen Elemente als Metaphern eingesetzt werden. Da sie allerdings stark überzogen sind, wirken sie irritierend.

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten ist 2025 im Luchterhand Verlag erschienen und kostet 23 Euro sowie als E-Book 17,99 Euro.
Der Roman stand auf der Shortlist des Österreichischen Debütpreises 2025. 

Dienstag, 23. September 2025

# 488 - Liebe und Kulturschock - eine anstrengende Mischung

T. C. Boyle verfolgt in seinem neuen Roman No Way
Home
die Spuren einer Liebe, die nicht nur für die beiden hauptsächlich Beteiligten, sondern auch für eine dritte Person anstrengend ist.

Terry ist 31 Jahre alt, Arzt in einem Krankenhaus in L. A. und arbeitet auf die Zulassung als Internist hin. Jeden Tag wird er in der Klinik mit den Folgen von Gewalt und Verwahrlosung konfrontiert. Eines Tages erfährt er, dass seine Mutter verstorben ist. Sie hinterlässt ihm ein Haus in der Wüstenstadt Boulder City und die Hündin Daisy. Terrys Mutter lebte seit einigen Jahren in der Kleinstadt in der Nähe von Las Vegas, Terry kennt den Ort nur von seinen seltenen Besuchen. Nun muss er sich jedoch dort um die Formalitäten kümmern und entscheiden, was aus Haus und Hund werden soll.

Terry lernt dort zufällig die gutaussehende Bethany kennen, die sich von ihrem Freund Jesse getrennt hat und aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen ist. Zwischen Terry und Bethany gibt es sofort eine Anziehung, die nach einer gemeinsamen Nacht darin mündet, dass die junge Frau hinter Terrys Rücken in das leerstehende Haus seiner Mutter einzieht. Terry schafft es nicht, Bethany vor die Tür zu setzen, denn das Arrangement hat auch für ihn Vorteile. Ab sofort pendelt er an den Wochenenden zwischen Los Angeles und Boulder City, eine Strecke von immerhin mehr als 450 Kilometern.

Was genau Bethany für den jungen Arzt empfindet, bleibt unklar. Für sie ist er auf jeden Fall "eine gute Partie" mit einer hoffnungsvollen Zukunft - in Boulder City, wenn es nach ihr geht. Aber Terry empfindet in der Wüstenstadt einen Kulturschock und erlebt ein Amerika, das ihm bislang fremd war: die Leute haben konservative Ansichten, reichlich Machos und Lebensentwürfe, in denen er sich nicht wiederfindet. Er erlebt, was mit dem Wort "Sozialkontrolle" gemeint ist.

Und dann ist da noch Jesse, Bethanys Ex-Freund. Der Lehrer entwickelt sich zum Stalker und verletzt Terry so schwer, dass dieser seine Facharztausbildung unterbrechen muss. Bethany kümmert sich um Terry, aber die Pflege, die Verantwortung für den Hund und die Erwartungen, die Terry an sie stellt, überfordern sie schnell. Zuverlässigkeit und Disziplin sind nicht unbedingt ihr Ding. Jesse ist charakterlich einfach gestrickt, für ihn zählen männlich-dominante Typen. Er hat seine Eifersucht immer weniger im Griff und verstößt sogar gegen richterliche Auflagen.

Letztlich bleibt wegen ihres ambivalenten Verhaltens unklar, zu wem sich Bethany tatsächlich hingezogen fühlt und ob das, was die beiden jungen Männer für Liebe halten nicht eher der Wunsch nach einer Inbesitznahme ist.

Lesen?

T. C. Boyle hat sich in vielen seiner Bücher mit Klima- und Umweltthemen beschäftigt. In No Way Home werden sie zwar nicht völlig vernachlässigt, aber nur am Rande benannt. Da ist beispielsweise vom stetig sinkenden Wasserspiegel des durch den Hoover-Damm aufgestauten Lake Mead die Rede sowie der Hoffnung, dass es in den Bergen einen schneereichen Winter gibt, damit das Schmelzwasser im Frühling den See speist. Doch der Lake Mead, an dessen Ufer sich Boulder City befindet, hat nicht nur mit dem Wasserverlust, sondern auch mit einer zu starken Wassererwärmung und dadurch übermäßigen Algenausbreitung zu kämpfen.
Etwas rätselhaft bleibt, warum Boyle an dieser Stelle den Tod eines Jungen erwähnt, der sich nach dem Baden in einem nicht benannten amerikanischen Gewässer mit der sog. hirnfressenden Amöbe Naegleria fowleri infiziert hatte. Dieser von Bethany erwähnte Fall bleibt ein loses Ende - ebenso wie der Schluss des Romans. Und es bleibt die Frage: Ist es besser, sich in einer problematischen Beziehung zu arrangieren oder allein zu sein? Um eine befriedigende Antwort zu geben, wurden die Hauptfiguren allerdings nicht klar genug herausgearbeitet.

No Way Home ist im September 2025 im Hanser Verlag erschienen. Die englische Originalausgabe wird im April 2026 veröffentlicht, ebenfalls im Hanser Verlag. Die deutsche Fassung kostet als gebundenes Buch 28 Euro sowie als E-Book 20,99 Euro.



Dienstag, 12. August 2025

# 485 - Tod, Liebe - Mallorca

Es fällt fast gar nicht auf, dass ich ein Fan von 
Mallorca bin. In meiner Bücherkiste habe ich bislang fünf Titel vorgestellt, die mit der Baleareninsel in Verbindung stehen (siehe unten). Klar, dass ich Das Teufelshorn von Anna Nicholas lesen musste. Nicholas ist Britin, lebt aber schon viele Jahre auf Mallorca.

Dort hat sie nun den ersten Band ihrer Cosy-Crime-Reihe um die ehemalige Polizistin Isabel Flores Montserrat angesiedelt. Isabel ist Anfang 30, Single, in ihrem fiktiven Heimatdorf Sant Martí beliebt und hat vor zwei Jahren den Polizeidienst in Palma gegen die Arbeit in der Vermittlungsagentur für Ferienwohnungen ihrer Mutter getauscht. Dort wird sie von Pep, dem Bruder ihrer besten Freundin, unterstützt. Seitdem Isabel sich um die Agentur kümmert, hat diese sich zu einem lukrativen Unternehmen entwickelt. Insgeheim trauert sie der Polizeiarbeit jedoch ein bisschen nach.

Doch dann passiert am Montag, dem 20. August um 14 Uhr etwas Schreckliches: Die achtjährige Britin Miranda Walters verschwindet unbemerkt am Strand von Pollença, als ihre Mutter einen kurzen Moment abgelenkt ist. Es gibt keine Anhaltspunkte, ob es sich um einen Unfall oder ein Verbrechen handeln könnte. Aber die Lokalpolitik ist sich einig: Der Fall muss so rasch wie möglich aufgeklärt werden, um schlechte Presse zu vermeiden. Isabels Ex-Chef in Palma, Hauptkommissar Tolo Calbot, bittet seine frühere Kollegin noch am selben Tag um ihre Hilfe.

Die Suche nach dem Kind sollte alle Alarmglocken schrillen lassen, aber wie so oft zieht ein Verbrechen ein weiteres nach sich. Mindestens. So ist es auch diesmal: Ein alter Mann, der gemeinsam mit seiner Haushälterin in seiner Finca lebt, wird grausam ermordet aufgefunden. Die ebenfalls betagte Angestellte wurde von den Tätern an einen Stuhl gefesselt. Beide stammen ursprünglich aus Kolumbien. Der Senior ist dem örtlichen Pater wegen seiner Frömmigkeit bekannt, auch die Haushälterin ist eine eifrige Kirchgängerin. Ansonsten lebten die beiden alten Leute sozial isoliert. Wer hatte einen Grund, diesen Mord zu verüben? Auch für diesen Fall wird Isabel von der Polizei um Unterstützung gebeten.

Und dann ist da noch das mysteriöse Kokain in einer Meereshöhle, das vermutlich von Drogenschmugglern dort versteckt wurde. 
Als ob das nicht reichen würde, kommt noch eine dem Okkultismus anhängende Bruderschaft hinzu, die vor langer Zeit vom Drogenbaron Pablo Escobar gegründet wurde. Hier kommt der Buchtitel ins Spiel: Das Geheimzeichen dieser Bruderschaft ist ein Teufelshorn gewesen.

Lesen?

Das Teufelshorn ist genau das Richtige für einen entspannten Sommertag auf Mallorca oder anderswo. Der Roman ist leichte Lektüre, die man genießen kann, wenn man die Dinge nicht so eng sieht. Ich finde allerdings, dass der Respekt vor den Leserinnen und Lesern beinhaltet, ihnen keine falschen Informationen anzubieten. Einige Beispiele, über die ich in diesem Buch gestolpert bin: 

Wer Mallorca kennt, weiß, dass Pollença keinen Strand hat, sondern man nach Port de Pollença fahren muss, um das Meer zu genießen. 
Nicholas beschreibt das Innere einer Höhle im Westen Mallorcas, in der Jahre zuvor die Knochen von Tausenden von Höhlenziegen gefunden worden waren. In diesem Zusammenhang spricht sie von einem "Elfenbeinberg", der ein Geschenk für Paläontologen war. Als Elfenbein werden die Stoßzähne von Elefanten oder Mammuts, manchmal auch die Eck- oder Stoßzähne einiger Säugetiere wie zum Beispiel Pott- oder Narwale bezeichnet. Kein Teil einer Ziege ist als Elfenbein bekannt.
Die toxikologische Untersuchung des ermordeten alten Mannes ergibt, dass er mit einer Substanz vergiftet wurde, "die als Burundanga bekannt ist. Das Pulver wird aus einem Nachtschattengewächs hergestellt, das in Kolumbien verbreitet ist. Wohlgemerkt, es wächst auch hier auf Mallorca." Doch diese Nachricht des Rechtsmediziners überrascht Isabel nicht: "Ich kenne Burundanga. [...] Enthält Scopolamin." Das geht knapp an den Tatsachen vorbei: Burundanga ist die in kriminellen Kreisen verwendete Bezeichnung für Scopolamin. Scopolamin ist Burundanga und nicht ein Teil davon. Für seine Herstellung kommen viele Nachtschattengewächse infrage und nicht nur eines. Einige davon (z. B. Engelstrompete, Stechapfel, Bilsenkraut) gibt es auf Mallorca, aber auch in den meisten anderen Teilen der Erde. 
Diese und weitere Ungenauigkeiten können als dramaturgische Kniffe bewertet werden, haben mich allerdings gestört. 

Irritierend ist auch Isabels Cleverness als Alleinstellungsmerkmal unter allen mit den Fällen befassten Personen. Sie lässt ihre früheren Kontakte spielen (hat ihr Ex-Chef keine?), hat immer den richtigen Riecher und ist einfach unverzichtbar. Man will nicht wissen, wie die mallorquinischen Polizeibehörden zurechtkommen, wenn sich Isabel eines Tages entschließt, sich nur noch um die Agentur zu kümmern. 

Die Handlung ist abseits des kriminellen Anteils in eine Atmosphäre voller Harmonie und Zuneigung eingebettet. Außer von den Bösen fällt keine hässliche Bemerkung, niemand ist ungeduldig. Die Beschreibung von Mallorcas Schönheit vervollständigt die Idylle. Zum Schluss warten noch ein Liebes-Cliffhanger und die Auflösung des Rätsels um das Verschwinden von Isabels Onkel auf die Leserinnen und Leser des zweiten Bands.

Das Teufelshorn ist 2025 im Diogenes Verlag erschienen und kostet 18 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro.

Nachtrag
Wie oben angekündigt zeige ich euch, welche Bücher über Mallorca sich außerdem in meiner Bücherkiste tummeln:

Dienstag, 1. April 2025

# 471 - Die Rolle der Frauen in der Mafia, erzählt von einem Mafia-Experten

Der italienische Journalist und Autor Roberto Saviano
wurde 2006 schlagartig auch außerhalb seines Heimatlandes bekannt, als sein erstes Buch erschien: Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra. Er deckte darin die mafiösen Strukturen in seiner Heimatstadt Neapel auf und nahm dabei kein Blatt vor den Mund. Seitdem ist Savianos vorheriges Leben beendet: Er braucht ständig Personenschutz und verlässt nur selten das Haus. Die Mafia vergisst nicht.

In diesem Monat ist Savianos neuestes Buch erschienen: Treue. Liebe, Begehren und Verrat - Die Frauen in der Mafia. Der Hanser Verlag, der das Buch herausgebracht hat, schreibt auf seiner Homepage, es sei "erstmals ein Buch über die Rolle der Frau in der Mafia". Dass das nicht den Tatsachen entspricht, zeigen Titel wie zum Beispiel die der österreichischen Journalistin Mathilde Schwabenender-Hain Die Stunde der Patinnen: Frauen an der Spitze der Mafia-Clans (erschienen 2014) oder Sie packen aus - Frauen im Kampf gegen die Mafia (erschienen 2020) sowie Ich war eine Mafia-Chefin: Mein Leben für die Cosa Nostra von Guiseppina Vitale (erschienen 2010). 
Der Klappentext ist da eindeutig: Es ist Savianos erstes Buch über die Frauen der Mafia. Er erzählt in zwölf Kapiteln von ebenso vielen Frauen, die in eine Mafia-Familie hineingeboren wurden oder einen Mafiosi geheiratet haben. Auf viele von ihnen trifft beides zu: Sie wurden als Töchter wie eine Handelsware von einer Mafia-Familie in die andere weitergereicht, um einen der Söhne zu heiraten. Viele waren mit dreizehn oder vierzehn Jahren noch sehr jung, als sie schwanger wurden und geheiratet haben. Ihre Hauptaufgabe: Kinder bekommen (selbstverständlich vom eigenen Mann) und sie großziehen - in der Regel die eigenen, aber in seltenen Fällen auch die, die der untreue Gatte mit seiner Geliebten gezeugt hat, die auf Anweisung der betrogenen Ehefrau jedoch ihr Leben lassen musste.

Jungen sind in diesem Umfeld wertvoller als Mädchen, weil sie später die Führungsrolle des Vaters übernehmen und/oder ihm die Konkurrenz vom Hals halten sollen. Das Muster erinnert stark an die Gebräuche des europäischen Adels im Mittelalter. Oberstes Gebot für die Ehefrauen: immer den Mund halten und tun, was von ihnen erwartet wird. Liebe ist in diesem Umfeld völlig unwichtig, ganz oben steht die Treue zum eigenen Clan und natürlich die Ehre. 

Doch es gibt auch für die Frauen Grenzen des Erträglichen. Da ist beispielsweise die Ehefrau eines spielsüchtigen rangniederen Mafioso. Als er beim Pokern knapp bei Kasse ist, wirft er anstelle von Geld ein Foto seiner Gattin auf den Tisch. Er verliert und seine Frau muss seinen Einsatz in seinem Beisein "bezahlen". Sie wendet sich an ihren Bruder, einen Polizisten. Der frischt seinen alten Kontakt zu einem Mafioso aus einer anderen Stadt auf, der die Dinge final "regelt" - im Sinne der missbrauchten Frau und ihrem Bruder, aber auch hinsichtlich der Ehrvorstellungen der Mafiosi. In deren Kodex steht nicht etwa die Misshandlung der Frau im Vordergrund, sondern die Unzuverlässigkeit ihres Mannes:
"Weil er zur Gefahr geworden ist. Weil er zum Verräter werden könnte. [...] Wie hätte er sich einem Polizisten gegenüber verhalten, der erdrückende Beweise gegen ihn gehabt hätte? Oder gegenüber dem Capo einer rivalisierenden Familie, der mit einem Handkoffer voller Geld, [...], vor ihm gestanden hätte?"

Saviano schildert nicht nur das Leben von Mafia-Frauen, die aus Angst um ihr Leben oder davor, dass sie bei einem Fehlverhalten ihre Kinder nie mehr wiedersehen würden, ihr Leben lang den Mund halten und sich geräuschlos in die Clanhierarchie einfügen. Er greift auch die Fälle heraus, in denen Frauen aktiv nach der Macht gegriffen haben, wenn sich ihnen die Gelegenheit bot. Sie waren dabei nicht weniger zimperlich als ihre männlichen Pendants.
Die einzelnen Mafia-Gruppierungen gehen mit Frauen allerdings nicht einheitlich um: Die Camorra schätzt es, wenn ihre Anführer promiskuitive Frauenhelden sind. Die Ehefrauen haben jedoch ihren Männern immer treu zu sein. Die Mitglieder der Cosa Nostra leben hingegen monogam, lassen sich nicht scheiden und sind homophob. Schon ein entfernter homosexueller Verwandter kann für sie ein Problem sein. Von einer Frau zurückgewiesen zu werden, wird von Mafiosi grundsätzlich als Ehrverletzung angesehen, die gerächt werden muss. 

Roberto Saviano schreibt über Ereignisse, die zwischen den 1980-er Jahren und zu Beginn dieses Jahrhunderts passiert sind. Anders, als es der Titel vermuten lassen könnte, kommt aber keine der von ihm genannten Frauen selbst zu Wort. Die Informationen hat der Autor aus zweiter Hand erhalten, was an seiner sehr zurückgezogenen Lebensweise liegen dürfte.

Lesen?

Roberto Saviano versteht es, seinen Lesern die Denk- und Handlungsweise der Mafiosi näherzubringen. Es geht um ein archaisches System, das keine Gnade kennt, sondern nur den Machterhalt in den Mittelpunkt stellt. Er verwendet einen romanhaften Stil, der durch hervorgehobene und sachlich formulierte Abschnitte unterbrochen wird. Die eingestreuten Metaphern stören allerdings den Lesefluss und wären inhaltlich nicht nötig gewesen.

Im Grunde handelt Savianos Buch doch wieder von Männern. Männer sind es, die über das Schicksal von Frauen den Daumen heben oder senken, und Männer sind es auch, die die Mafia-Frauen dazu bringen, sich selbst aktiv um die "Geschäfte" zu kümmern, weil der eigene Mann wegen des soundsovielten Mordes Jahre oder Jahrzehnte im Gefängnis sitzt.

Treue. Liebe, Begehren und Verrat - Die Frauen in der Mafia ist vor einem Jahr in der italienischen Originalausgabe erschienen. Dort heißt das Buch Noi due ci appartaniamo. Sesso, amore, violenza, tradimento nella vita dei boss. Auf Deutsch: Wir zwei gehören zusammen. Sex, Liebe, Gewalt, Verrat im Leben von Chefs. 
Der Originaltitel beschreibt besser, was Leserinnen und Leser erwartet.

Treue. Liebe, Begehren und Verrat - Die Frauen in der Mafia ist wie oben erwähnt 2025 im Hanser Verlag erschienen. Das Buch kostet gebunden 24 Euro sowie als E-Book 17,99 Euro.

Nachtrag: Im letzten Jahr war Italien das Gastland der Frankfurter Buchmesse. Kurz zuvor hatte Roberto Saviano die Regierung von Giorgia Meloni kritisiert. Er gehörte danach nicht zur italienischen Delegation, die nach Frankfurt reiste. Saviano war jedoch trotzdem vor Ort, eine Einladung des Hanser Verlags hatte es möglich gemacht. In einem Interview mit dem SWR warnt er vor einem verharmlosenden Umgang mit der italienischen Regierungschefin: "Europa unterschätzt die Regierung Meloni. Sie halten sie für eine einfache konservative Regierung. Dabei ist es eine rechtsextreme Regierung, die die Institutionen manipuliert. Europa muss also aufpassen, dass das nicht zu anderen herüber schwappt." Saviano hatte zuvor in einem Prozess wegen Beleidigung gegen Meloni verloren und seine Sendung war aus dem staatlichen Fernsehsender RAI hinaus gedrängt worden. Man darf gespannt sein, wie sein weiteres Leben verlaufen wird.

Sonntag, 9. März 2025

# 468 - Vermissen auf Japanisch

Die Japanerin Kyoko ist mit dem US-Amerikaner Levi verheiratet und lebt mit ihm und dem gemeinsamen zweijährigen Sohn Alex in San Francisco. Die Aufgaben sind klassisch verteilt: Levi kümmert sich um die Firma und die Finanzen, Kyoko um den Sohn und den Alltag. Doch dann verunglückt Levi tödlich und Kyoto muss ihr Leben und das ihres Sohnes neu ordnen. Aus dieser Ausgangssituation entwickelt sich die Handlung des Romans Vermissen auf Japanisch von Yukiko Tominaga (übersetzt von Juliane Zaubitzer).

Trotz seiner Beteuerungen, sich um eine Lebensversicherung zu kümmern, hatte Levi es versäumt, tatsächlich eine abzuschließen. Statt wohlgeordneten Finanzen hinterlässt er seiner Familie Schulden.

Levis Familie sind ihre jüdischen Wertvorstellungen wichtig. Deshalb bietet dessen Bruder Ben Kyoko an, zu ihm und seiner Familie nach Boston zu ziehen. Dort lebt auch ihre Schwiegermutter, die ihrer Schwiegertochter trotz der eigenen Trauer Halt geben will.

Yukiko Tominaga schildert in Episoden nicht nur, wie es Kyoko und Alex über mehrere Jahre gelingt, ihre Leben in gute Bahnen zu lenken, sondern sie macht auch deutlich, welche Bedeutung es in den beiden unterschiedlichen Kulturen hat, einen Menschen zu vermissen: Während man im Englischen auf verschiedene Weise zum Ausdruck bringen kann, dass einem eine Person fehlt, gibt es dafür im Japanischen keinen speziellen Ausdruck, mit dem das deutlich gemacht werden könnte. Kyoko äußert, dass ihr Levi fehlt, bezweifelt aber, ob sie ihn tatsächlich geliebt hat. Der starke kulturelle Unterschied, wenn es darum geht, einander Liebe zu zeigen, offenbart sich in einem Dialog zwischen Kyoko und ihrer Schwiegermutter:

"Weißt du was", sagte ich, "in unserer Sprache gibt es auch keine >Umarmung<."
"Kein >Ich vermisse dich< und keine Umarmungen. Wie erkennt ihr die Liebe?"
"Wir lesen die Luft", sagte ich.

Lesen?

Vermissen auf Japanisch hat mir atmosphärisch gut gefallen. Yukiko Tominaga hat die Sorgen und Nöte ihrer Protagonistin sowie die kulturelle Kluft zwischen ihr und ihrer angeheirateten amerikanischen Familie gut vermittelt. Die Autorin hat allerdings mit Zeitsprüngen gearbeitet, was mir das Lesen erschwert hat. Um zu zeigen, wie sich das Leben von Kyoko und Alex nach Levis Tod entwickelt, wäre eine chronologische Entwicklung aus meiner Sicht besser gewesen.

Vermissen auf Japanisch ist 2025 im mare Verlag erschienen und kostet 24 Euro sowie als E-Book 15,99 Euro.



Freitag, 3. Januar 2025

461 - Das letzte Buch eines Nobelpreisträgers

Der Todestag des Literatur-Nobelpreisträgers Gabriel
García Márquez jährt sich im April zum elften Mal. Seine letzten Lebensjahre wurden von einer fortschreitenden Demenz geprägt. Kurz vor dem Ende seines Lebens schrieb er die letzte Fassung von Wir sehen uns im August, ein kurzes Werk von nur 63 Seiten. Das 2024 als Kurzroman herausgegebene Buch war ursprünglich dazu gedacht, Teil eines umfangreicheren Romans zu sein, der aus fünf Teilen bestehen und sich mit der Liebe älterer Menschen beschäftigen sollte. Wir sehen uns im August sollte eine dieser Erzählungen sein. 
1999 wurde der Text erstmals in der spanischen Tageszeitung El País abgedruckt.

Doch Gabriel García Márquez' hoher Anspruch an seine Arbeit verhinderte den Fortgang. Der Text wurde von ihm mehrmals geändert. García Márquez kämpfte dabei gegen seine schwindenden geistigen Kräfte an. Im Vorwort schreiben seine Söhne, die sich letztendlich für die Veröffentlichung nach einer erneuten Überarbeitung entschieden haben, wie ihr Vater dazu stand:
"Dieses Buch taugt nichts. Es muss vernichtet werden."

Als García Márquez-Fan mag ich so weit nicht gehen. Die Geschichte um Ana Magdalena Bach, die zu Beginn 46 Jahre alt, mit einem Dirigenten verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen musikalisch begabten Kindern ist, ist berührend. Jedes Jahr im August besucht sie allein das Grab ihrer Mutter, die auf einer nicht benannten Insel in der Karibik bestattet ist. Jahrelang folgen diese Besuche einem festen Ablauf, doch dann lernt Ana Magdalena in ihrem Stammhotel einen allein reisenden Mann kennen. Die beiden kommen sich näher und schlafen am selben Abend miteinander. Das Gefühl, begehrt worden zu sein, erlischt schlagartig, als Ana Magdalena am nächsten Morgen allein in ihrem Hotelbett aufwacht und bemerkt, dass der Fremde einen Zwanzigdollarschein in das aktuell von ihr gelesene Buch gesteckt hat.

Trotz dieser Demütigung wird die Suche nach einem Mann für eine Nacht für sie in den nächsten Jahren fester Bestandteil der Aufenthalte auf der Insel. Das regelmäßige Fremdgehen wirkt sich jedoch auf ihre Ehe aus. Ana Magdalena hat außerdem den Eindruck, dass sich die Insel seit ihrer ersten Affäre jedes Jahr stärker wandelt. Auch ihrem Mann fällt das veränderte Verhalten seiner Frau auf, sodass Ana Magdalena befürchtet, dass ihr Geheimnis auffliegen könnte.

Der Schluss des Buches hält für die nun fast 50-jährige Frau eine überraschende Erkenntnis über ihre Mutter bereit.

Lesen?

Wir sehen uns im August ist ein guter Einstieg für alle, die bislang noch kein Werk von Gabriel García Márquez gelesen haben und sich einen ersten Eindruck von seinem Schreibstil verschaffen wollen.
Mir sind jedoch leider die Schwächen aufgefallen, die das Buch im Vergleich zu allen anderen Titeln des Autors hat: Manche Reaktionen sind nicht nachvollziehbar, wiederholt werden Erzählstränge nicht fortgesetzt, sondern verharren wie lose Enden in der Geschichte. Immer wieder blitzt das grandiose Erzähltalent des preisgekrönten Autors auf, und man spürt, dass da noch mehr hätte kommen sollen. Den Eindruck, ein unfertiges Buch in der Hand zu halten, wird man nicht los.

Die Hauptfigur Ana Magdalena Bach hat den fast identischen Namen der zweiten Ehefrau des Komponisten Johann Sebastian Bach. Wollte García Márquez eine Parallele herstellen und hat vergessen, den Gedanken fortzuführen? Oder hat er sich nichts dabei gedacht? Man wird es nicht mehr erfahren.

Wir sehen uns im August ist 2024 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet 23 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.

Mittwoch, 4. Dezember 2024

#458 - Ein anderes Leben - aber wessen?

Die Schauspielerin Caroline Peters hat ihr erstes Buch geschrieben. Bislang war sie dem breiten Publikum als Teil des Ensembles am Wiener Burgtheater und in der Rolle der Kommissarin Sophie Haas in der Krimi-Serie "Mord mit Aussicht" bekannt.

Schon viele Schauspieler und Schauspielerinnen haben sich als Autoren versucht. Das gelang mal gut und mal weniger gut. In Ein anderes Leben entwirft Peters das Leben einer Patchwork-Familie, in deren Mittelpunkt die Mutter Hanna steht. Das ist zunächst ein bisschen kurios, weil die Handlung auf dem Friedhof beginnt: Peter, der Vater der Ich-Erzählerin und von allen "Bow" genannt, ist gestorben. Peter war Hannas dritter Ehemann, die ersten beiden waren seine besten Studienfreunde. Von jedem Ehemann hat Hanna, die schon seit etlichen Jahren nicht mehr lebt, eine Tochter: Laura von Klaus, Lotta von Roberto, die Erzählerin von Bow, von dem Hanna ebenfalls seit langem geschieden ist. Treffend lässt Caroline Peters ihre Erzählerin diesen Satz sagen:

Heute ist die Beerdigung meines Vaters, und für mich ist es die Auferstehung meiner Mutter. Ich kann es nicht anders sagen. So viele Jahre vor ihm ist sie gestorben.

Doch Hanna war nicht nur wegen dieser Familienkonstellation eine ungewöhnliche Mutter. Sie versuchte, trotz des Mutter-Seins Konventionen zu ignorieren. Das ist allerdings nicht so einfach: Die promovierte Germanistin und Slawistin mit einem ausgeprägten Faible für das Übersetzen von russischer Literatur musste sich um ihre Kinder kümmern. Ihr dritter Mann Bow war Architekt und hatte so viel zu tun, dass er am Alltag nur sporadisch teilnahm.
Hannas Kompromiss, ihre Leidenschaft und ihre Pflichten als Mutter halbwegs unter einen Hut zu bekommen, war ihre Arbeit in der Universitätsbibliothek.

Doch Hanna entsprach nicht dem traditionellen Mutterbild, das vorsieht, dass die Kinder immer an erster Stelle stehen und die Mutter ihre eigenen Bedürfnisse hintanstellt. Sie wie auch Papa Bow verhielten sich zumindest ihrer jüngsten Tochter gegenüber manchmal fast schon lieblos: Zu ihrer Einschulung reisten die Eltern in die USA, nach vierwöchigen Sommerferien bei der Oma holten sie das Kind nicht vom Bahnhof ab.

Caroline Peters wirbt jedoch auch um Verständnis um manche auf den ersten Blick seltsamen Verhaltensweisen von Mutter und Vater, weil sie oft auf Erfahrungen beruhten, die beide während des Zweiten Weltkriegs gemacht haben.

Ein anderes Leben zeigt jedoch auch, was die meisten von uns selbst schon festgestellt haben werden, wenn sie mit anderen über "früher" gesprochen haben: Die Erzählerin und ihre beiden deutlich älteren Schwestern tauschen sich noch während der Trauerfeier über Ereignisse und Erlebnisse mit Hanna und ihren jeweiligen Vätern aus - um festzustellen, dass es nicht die eine Erinnerung gibt, sondern jeder anders an vergangene Zeiten zurückdenkt.

Lesen?

Caroline Peters hat in Interviews mehrmals betont, dass in ihre Figur Hanna vieles von ihrer eigenen und schon lange verstorbenen Mutter eingeflossen ist, es sich aber nicht um sie handelt. Sie ist sich jedoch sicher, dass ihre Mutter oft gern so wie die Hanna im Roman ihrer Tochter gewesen und Ein anderes Leben gelebt hätte. Die Grenzen zwischen tatsächlicher Familiengeschichte und Fiktion verschwimmen in Peters' Geschichte. Aber ist das im Leben nicht ebenfalls oft so?

Mit Ein anderes Leben hat Caroline Peters bewiesen, dass sie nicht nur eine gute Schauspielerin ist, sondern auch schreiben kann.

Ein anderes Leben ist 2024 im Rowohlt Verlag erschienen und kostet als Hardcover 23 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.


Samstag, 18. Mai 2024

# 437 - Das, was am Ende von uns übrig bleibt - Kodokushi in Japan

Der Roman Oben Erde, unten Himmel der österreichischen Schriftstellerin Milena Michiko Flašar ist eines der sensibelsten Bücher, das mir in der letzten Zeit untergekommen ist. Flašar stellt ein gesellschaftliches Phänomen in den Mittelpunkt, das nicht nur in Japan, wo die Handlung angesiedelt ist, sondern auch in vielen anderen Industrienationen thematisiert, aber oft nicht ernst genug genommen wird: die Einsamkeit.

Aber ist es nicht ganz einfach, der Einsamkeit zu entfliehen, wenn man in Vereine eintritt, sich gesellschaftlich engagiert oder auf andere Weise mit Menschen in Kontakt kommt? Wenn es so banal wäre, gäbe es keine einsamen Menschen mehr. 

Milena Michiko Flašar hat sich in ihrem Buch einer besonderen Form der Einsamkeit gewidmet, für die es in Japan seit den 1980-er Jahren einen eigenen Begriff gibt: Kodokushi, den einsamen Tod. In Japan versteht man darunter das Versterben von Menschen, die über Wochen oder sogar Jahre von niemandem vermisst werden. 

Die 25-jährige Suzu ist grundsätzlich eine heiße Kodokushi-Kandidatin. Sie ist introvertiert und in einem Maße sozial inkompetent, dass sie ihren Aushilfsjob in einem typischen japanischen Familienrestaurant verliert.
Gleich zu Beginn charakterisiert sie sich treffend selbst: "Ich bin gerne allein. Und eigentlich hat sich daran auch nichts geändert. Nach wie vor bin ich kein Mensch, der viel Gesellschaft um sich braucht. Anders als früher brauche ich jedoch welche, und die Erkenntnis, dass dem so ist, hat meinem Leben eine neue Richtung gegeben." 

Auf einen Schlag hat sie nun kein Einkommen mehr. Ihre Eltern, die auf dem Land leben, um Hilfe zu bitten, kommt nicht infrage: Suzu war für ein Studium, das sie nach kurzer Zeit abgebrochen hatte, in die Großstadt gezogen. Das und die Tatsache, noch immer keinen heiratswilligen Partner zu haben, sind genug Enttäuschungen, die sie ihnen zugemutet hat. Eine weitere will Suzu nicht hinzufügen.

Wenn es nicht ihren Hamster Punsuke gäbe, der auf ihre Fürsorge angewiesen ist, wäre jetzt wohl der Zeitpunkt gekommen, an dem sich Suzu aufgegeben und womöglich einen einsamen Tod gestorben wäre. Aber die Verantwortung bringt sie dazu, sich nach einer neuen Stelle umzusehen. Das erste (und einzige) Vorstellungsgespräch bringt sie in die Reinigungsfirma von Herrn Sakai. Suzu begreift erst nach und nach, worauf sich dessen Unternehmen  spezialisiert hat: Der Chef reinigt mit seinem Team die Wohnungen von Verstorbenen, die erst nach langer Zeit entdeckt wurden. Wenn der Trupp kommt und seine Arbeit beginnt, sind die Leichen nicht mehr da, wohl aber die Spuren, die sie hinterlassen haben. Für diese Arbeit braucht man einen starken Magen und ein dickes Fell.

Für Suzu ist klar, dass sie diesen Job nur so lange machen wird, bis sie etwas Besseres gefunden hat. Doch sie fragt sich, wer sie wohl vermissen würde, wenn sie stürbe. Wann würde ihr Tod bemerkt werden?
Die Monate gehen dahin, und sie merkt, dass sie nicht nur wegen des Geldes zur Arbeit geht, sondern dort Teil einer Gemeinschaft geworden ist. Das ist vor allem Herrn Sakai zu verdanken, der seine Firma nicht nur ökonomisch, sondern auch hinsichtlich des sozialen Miteinanders zusammenhält. 

Die neuen Kontakte zu anderen Menschen führen bei Suzu zu ihr völlig neuen Einsichten. Angespornt von einem gleichaltrigen Kollegen steigt sie auf das Flachdach ihres Mehrfamilienhauses, von dem aus sich ihr das Panorama auf ihre Nachbarschaft offenbart: nicht einfach nur eine Ansammlung von Fassaden und Dächern, sondern Szenen aus den Leben der Menschen um sie herum. Bis zu diesem Tag kannte sie in diesem Haus nur den Weg von der Haustür bis zu ihrer Wohnung.
Aber dann gibt es in Herrn Sakais Firma eine Nachricht, die Suzu aus der Bahn werfen könnte. 

Lesen?

Ich habe die Antwort darauf gleich zu Beginn vorweggenommen. Oben Erde, unten Himmel ist ein durch und durch empathisches Buch, das von großer Kenntnis der japanischen Kultur zeugt. Das ist kein Wunder, denn Flašars Mutter ist Japanerin. Die Autorin hat in ihrer Kindheit mehrere Sommer in Japan verbracht und reist jedes Jahr für einige Wochen in das Land. 

Oben Erde, unten Himmel gehört zu den Büchern, die so berühren, dass man sie nach der letzten Seite nicht einfach beenden und das nächste Buch beginnen kann.

Oben Erde, unten Himmel ist 2023 im Verlag Klaus Wagenbach erschienen und kostet gebunden 26 Euro sowie als E-Book 22,99 Euro.

Nachtrag: Die Japanerin Miyu Kojima hat selbst als Reinigungskraft in einer Firma, die sich um die Wohnungen einsam Verstorbener kümmerte, gearbeitet. Irgendwann kam ihr die Idee, deren Wohnungen so, wie sie vorgefunden worden waren, im Kleinformat nachzubilden. Wer mehr darüber wissen will: hier entlang.

Montag, 15. April 2024

# 432 - Der Platz - ein Buch über die innere Distanz zum Vater

Die Literaturnobelpreis-Trägerin Annie Ernaux hat in
ihrem Buch Der Platz über ihr Verhältnis zu ihrem Vater geschrieben, der 1967 gestorben ist - genau zwei Monate nach ihrer Prüfung für den höheren Schuldienst an Gymnasien. Sein Tod war der Anstoß, sich über sein Leben und das, was zwischen Vater und Tochter stand, Gedanken zu machen.

Ernaux hat sich einmal als "Ethnologin meiner selbst" bezeichnet. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Wie in Eine Frau geht es auch hier um den sozialen Aufstieg der Eltern, insbesondere aber um den Aufstieg der Tochter Annie, den die Eltern immer gewollt hatten.
Der Vater hat nur eine geringe Schulbildung und wächst unter einfachsten Verhältnissen auf dem Land auf. Nach der Schule wird er zunächst Knecht. Nach dem Ersten Weltkrieg findet er eine Stelle in einer Seilerei. Dort lernt er Ernaux' Mutter kennen. Sein Leben wird von dem Wunsch bestimmt, es einmal besser zu haben und sich einen bescheidenen Wohlstand zu erarbeiten. Er ist sich mit seiner Frau einig, dass sie nur ein Kind haben würden. Das konnten sie sich finanziell erlauben, mehr nicht.

Nach einigen Rückschlägen schafft es das Paar, in Yvetot einen renovierungsbedürftigen Hof mit einem Lebensmittelladen und einer Kneipe zu übernehmen. Das Leben von Ernaux' Eltern ist um die Selbstständigkeit herum aufgebaut, Laden und Kneipe werden auch sonntags geöffnet. Um den Erhalt des erreichten sozialen Status' kämpft der Vater bis zum Schluss; es geht ihm darum, seinen Platz im Leben zu verteidigen. Emotionale Zuwendung und Kommunikation sind beiden Eltern jedoch fremd. Die Fürsorge für ihre Tochter drückt sich darin aus, dass sie ihr eine gute Schulbildung ermöglichen, mit der es Annie Ernaux auf die Hochschule schafft.

Je älter Ernaux wird, desto fremder werden ihr die Eltern; das gilt sicher auch in die andere Richtung. Dieses auf dem Bildungsaufstieg des Kindes beruhende Phänomen gibt es heute ebenso wie damals und kann zu einem Kontaktabbruch zwischen den Eltern und ihren Kindern führen. Auch zwischen Annie Ernaux und ihren Eltern gab es Phasen, in denen sie sich kaum sahen, weil sie sich nichts zu sagen hatten oder sich nur stritten. Die Eltern sind stolz auf ihre gescheite Tochter, während diese sich ihrer oft schämt - um sich dann für ihre Scham zu schämen. Diese Scham fühlt sich an wie ein Verrat an den Eltern. Gerade dem Vater ist seine unterprivilegierte Herkunft in seiner Sprache und seinem Habitus anzumerken.

Wie ein dunkler Schatten liegt der Tod von Ernaux' Schwester über der kleinen Familie, die zwei Jahre vor Ernaux' Geburt gestorben ist. Annie ist das Ersatzkind. Auch darüber wird nur einmal gesprochen und danach nie wieder.

Lesen?

Annie Ernaux blickt auf ihr Leben und das ihrer Kernfamilie zurück, indem sie es fragmentiert. Jedem Fragment oder jeder Person wird eines ihrer Bücher gewidmet. So bleibt es nicht aus, dass sich deren Inhalte oft überschneiden. Wer also Eine Frau gelesen hat, dem kommt auch vieles in Der Platz bekannt vor.

Ernaux schreibt auch hier sachlich und schnörkellos. Diese Direktheit ermöglicht es, sich in die Familie einzufühlen und ihre Emotionen nachzuvollziehen. Diese strikte Sachlichkeit führt jedoch dazu, dass auch in schicksalhaften Momenten wie dem Tod des Vaters man als Leser oder Leserin mit Befremden auf das Abspulen des üblichen Alltags blickt, der doch gerade erst erschüttert wurde. Nur der Besuch des Pfarrers und die Beisetzung unterbrechen den gewohnten Tagesablauf.

Einen Hinweis auf den Grund, der Ernaux dazu bewogen hat, über ihren Vater zu schreiben, gibt ein Zitat des französischen Schriftstellers Jean Genet, das der Handlung vorangestellt ist:
"Ich wage eine Erklärung: Schreiben ist der letzte Ausweg, wenn man einen Verrat begangen hat."

Die Originalausgabe erschien 1983 unter dem Titel La Place. Das mir vorliegende E-Book folgt der 3. Auflage der Ausgabe des Suhrkamp Taschenbuchs 5108 und wurde von Sonja Finck übersetzt.
Der Platz kostet als gebundenes Buch 20 Euro, als Broschur 11 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.


Samstag, 16. März 2024

# 429 - Ein Krimi, der auf das Leben in Japan im beginnenden 20. Jahrhundert blickt

Der bereits 1981 verstorbene Krimi-Autor Seishi Yokomizo ist in Japan sehr bekannt, außerhalb des Landes war er es bis vor Kurzem nicht. Das änderte sich zumindest für den deutschen Buchmarkt, nachdem der Aufbau Verlag 2022 unter seiner Marke Blumenbar die Übersetzung des ersten Teils der Reihe um den Detektiv Kosuke Kindaichi, Die rätselhaften Honjin-Morde, herausbrachte. Das erstmals 1946 erschienene Buch war so erfolgreich, dass Yokomizo noch 76 weitere Male seinen Detektiv durch Japan schickte, um scheinbar unlösbare Kriminalfälle aufzuklären.

Die Handlung spielt im November 1937 in einer ländlichen Gegend in der Präfektur Okayama. Kenzo, der älteste und bereits 40-jährige Sohn einer begüterten Familie, hat am Vortag im kleinen Kreis geheiratet, als die Familie in der Nacht durch schreckliche Schreie geweckt wird. Kurz erklingt das schnelle Anschlagen einer Koto [Anm.: japanisches Saiteninstrument], gefolgt vom Geräusch eines Aufpralls. Als die Familie das vor Kenzos Haus liegende Gartentor gewaltsam öffnen will, sind wieder die Töne einer Koto und kurz darauf ein sirrendes Geräusch, das von einer gerissenen Saite stammen könnte, zu hören.

Die Familie findet Kenzos Haus verschlossen vor. Auf dem Grundstück sind auf dem frisch gefallenen Schnee keine menschlichen Spuren außer ihren eigenen zu sehen - und ein Schwert, das im Schnee steckt. Mithilfe eines Beils verschaffen sich einige der Männer Zutritt zum Gebäude und finden das Brautpaar getötet in einer großen Blutlache vor. Neben der toten Braut Katsuko steht eine blutverschmierte Koto mit einer gerissenen Saite. Außerdem ist ein Wandschirm umgestürzt. Auf ihm befinden sich ebenfalls Blutspuren: Es ist der Abdruck einer Hand zu sehen, allerdings nur des Daumens, des Zeige- sowie des Mittelfingers. Und offenbar hatte sich der Mörder Koto-Plektren über die Finger gestreift. Ist der mysteriöse Fremde, der im Dorf am Tag der Hochzeit nach dem Weg zum Anwesen der Familie gefragt hatte, der Mörder?

Katsukos Onkel, der Teil der Hochzeitsgesellschaft gewesen ist, registriert, dass der anwesende Kriminalkommissar und sein Assistent an ihre Grenzen stoßen und schickt seiner Frau ein Telegramm: Katsuko tot. Schick Kindaichi.
Wird der Privatdetektiv, der Kriminalfälle nur nach logischen Gesichtspunkten löst, es schaffen, auch hinter das Geheimnis dieses Falls zu kommen?

Lesen?

Die rätselhaften Honjin-Morde ist insbesondere für europäische Leserinnen und Leser ungewöhnlich. Nicht nur, dass Seishi Yokomizo hier ein Locked Room Murder Mystery konstruiert und sein Publikum zwischendurch gekonnt in die Irre führt; der Krimi gibt außerdem einen tiefen Einblick in die gesellschaftlichen Regeln und Lebensumstände im Japan der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts - eine Welt, die uns kaum fremder sein kann. Wer normalerweise keine Krimis liest, sollte diesen allein deshalb zur Hand nehmen.

Allerdings ist auch Yokomizos Stil etwas gewöhnungsbedürftig, sodass sich sein Krimi nicht durchgehend flüssig lesen lässt. Aber es lohnt sich, am Ball zu bleiben.

Um den Überblick aufgrund der Vielzahl von japanischen Ausdrücken und auftretenden Personen nicht zu verlieren, sind dem Buch ein Personenregister und ein Glossar angefügt.

Die rätselhaften Honjin-Morde ist gebunden für 20 Euro, als Taschenbuch für 12 Euro, als Audio-Download für 14,99 Euro sowie als E-Book für 9,99 Euro erhältlich.

Anmerkung: Honjins waren während der Edo-Zeit Gasthäuser, in denen nur gehobene Regierungsbeamte und Adelige einkehrten. Wer solch einen Gasthof betreiben durfte, stieg sowohl wirtschaftlich als auch sozial auf. Die Familie des getöteten Kenzo betrieb ein Honjin bis zum Sturz des Shoguns und der Wiederherstellung des kaiserlichen Systems Ende der 1860-er Jahre. Diese Zeit bildet die Grundlage ihres Ansehens und Wohlstands.


Freitag, 9. Februar 2024

# 426 - Hass und Liebe während der "Troubles" in Nordirland

Louise Kennedy hat mit Übertretung ihren ersten
Roman veröffentlicht - im dafür ungewöhnlichen Alter von 56 Jahren. Sie wuchs in der Nähe von Belfast auf und hat die auch als "Troubles" bezeichneten bürgerkriegsähnlichen Zustände während des Nordirlandkonflikts, um die es in ihrem Buch geht, aus erster Hand erlebt.

Belfast, 1975: Die 24-jährige Grundschullehrerin Cushla Lavery lebt mit ihrer alkoholkranken Mutter Gina zusammen und hilft häufig im Pub ihres Bruders Eamonn aus. Der Pub befindet sich in einem Stadtteil, der überwiegend von Protestanten bewohnt wird, die Laverys sind allerdings Katholiken. Das ist mitten im Nordirland-Konflikt, in dem trotz der vereinbarten Waffenruhe täglich Attentate von beiden Seiten verübt werden, nicht einfach. Katholisch zu sein ist dort eine Sache, es zu zeigen eine andere und in dieser Gegend keine gute Idee. Niemand ist davor geschützt, nicht Opfer eines Anschlags zu werden. Wer nicht hinterrücks in seinem Haus erschossen werden will, zieht mit Einbruch der Dunkelheit die Vorhänge vor die Fenster. Schon ein geringes Fehlverhalten von pro-britischen Protestanten oder pro-irischen Katholiken kann zu einer Eskalation führen.

Cushla ist mit ganzem Herzen Lehrerin und nimmt wahr, wie belastend die ständige Gewalt um sie herum für ihre Schülerinnen und Schüler ist. Am meisten haben Kinder aus sogenannten Mischehen zu leiden, bei denen ein Elternteil katholisch und das andere protestantisch ist. Das erfährt auch der kleine Davey McGeown, dessen Klassenlehrerin Cushla ist. Sein Vater wird eines Tages derart zusammengeschlagen, dass ihn die massiven Verletzungen zu einem lebenslang behinderten Mann machen, der seine Familie nicht mehr ernähren kann. Um Davey kümmert sich Cushla besonders.

Cushla lernt während ihrer Arbeit im Pub den Prozessanwalt Michael Agnew kennen. Der Jurist ist Protestant, verheiratet, Vater eines Sohnes und etwa doppelt so alt wie die junge Frau. Er ist in Nordirland sehr bekannt, weil er vor allem Menschen verteidigt, die wegen politischer Delikte angeklagt sind. Ihre Konfession ist Michael egal. Es gibt somit genügend Gründe, zu ihm Abstand zu halten. Eigentlich. Doch zwischen Cushla und Michael beginnt eine leidenschaftliche Beziehung, die strikt geheim gehalten werden muss. Sie ahnen nicht, dass sie schon bald ins Visier genommen werden. Über ihnen braut sich ein Unheil zusammen, das sich in einem dramatischen Ereignis entlädt.

Lesen?

Mit Übertretung ist Louise Kennedy ein Roman gelungen, der seine Leserinnen und Leser in den Nordirland-Konflikt, der seit dem Brexit auf kleiner Flamme wieder aufgelebt ist, eintauchen lässt. Mit der verbotenen Liebe zwischen Cushla und Michael transportiert sie die damalige brisante Stimmung in Nordirland und zeigt, wie sehr der Hass das Leben der Menschen bestimmte und Menschlichkeit und Mitgefühl abschaffte.

Kennedy beleuchtet auch, inwieweit die Kirche durch ihren Einfluss auf die Bevölkerung den Konflikt befeuerte und hier in Gestalt des widerwärtigen Paters Flatterly Öl ins Feuer goss. Der Roman ist spannend geschrieben, sodass man ihn kaum aus der Hand legen mag.

Leider sind in der von mir gelesenen E-Book-Erstausgabe etliche Fehler beim Korrekturlesen übersehen worden. Das ist sehr schade, ändert aber nichts am guten Eindruck des Werks.

Übertretung ist 2023 im Steidl Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 25 Euro sowie als E-Book 12,99 Euro.

Freitag, 2. Februar 2024

# 425 - Ein Familiengeheimnis wird entschlüsselt

Matilda war zum letzten Mal vor zwanzig Jahren im Haus ihrer Großmutter Enni am Bodensee. Doch Enni ist vor Kurzem gestorben, und Matilda hat gemeinsam mit ihrer Schwester deren Haus geerbt. Matildas Mutter, Ennis Tochter, hat das Erbe ausgeschlagen. Sie wollte nichts mehr von ihrer Mutter, mit der sie seit Jahrzehnten kein Wort mehr gewechselt hatte, haben. Der Graben zwischen ihnen war offenbar zu tief.

Rike Richstein schickt ihre Protagonistin in ihrem Roman Die Farben des Sees für eine Auszeit an den Bodensee, die Matilda helfen soll, die Trennung von ihrem Freund zu überwinden. Als sie sich in Ruhe im Haus umsieht, stellt sie fest, wie wenig sie über ihre Großmutter wusste. Die Besuche bei ihr fanden damals, als sie noch ein Kind war, ein abruptes Ende. Warum, das hat ihr nie jemand erklärt.

Und dann stößt Matilda im Nachttisch ihrer Großmutter auf das Foto eines jungen Mannes, der nicht ihr verstorbener Großvater ist. Um wen handelt es sich und warum ist dieser Mann für Enni offenbar so wichtig gewesen, dass sie dieses Bild aufbewahrt hat?

Mit einer Mischung aus Neugier und dem Versuch, sich vom eigenen Kummer abzulenken, macht sich Matilda auf die Suche nach einer Antwort. Doch sie hätte nicht gedacht, dass sie am Ende ihrer Nachforschungen ein Familiengeheimnis aufdecken würde, das eine Erklärung für einige Ungereimtheiten, die Matilda im Laufe der Jahre aufgefallen sind, ist.

Lesen?

Die Farben des Sees verknüpft eine besondere Familiengeschichte mit der Atmosphäre des Bodensees, dessen Farben immer wieder anders sind und von einer Person beschrieben werden, die sich erst nach und nach als diejenige herausstellt, die ohne es zu wollen außerhalb der Familie steht.

Mir hätte das Buch noch besser gefallen, wenn die einzelnen Figuren etwas genauer herausgearbeitet geworden wären. So weiß man zum Beispiel von Matilda kaum mehr, als dass sie um das Zerbrechen ihrer Beziehung trauert und ein enges Verhältnis zu ihrer Schwester hat.

Etwas kurios ist, dass ich im Buchtext auch bei einer zweiten Durchsicht keinen Hinweis darauf gefunden habe, dass es sich bei dem beschriebenen Gewässer um den Bodensee handelt. Es ist die Rede von einem See, über den eine Fähre fährt und in dessen Nähe Berge sind. Das trifft jedoch nicht nur auf den Bodensee zu. Die einzige konkrete Benennung findet sich im Klappentext. Immerhin.

Die Farben des Sees ist 2024 im Verlag Friedr. Stadtler Konstanz erschienen und kostet als gebundene Ausgabe mit Lesebändchen 22 Euro.

Sonntag, 28. Januar 2024

# 424 - Reinhold Beckmann: Zwei Kriege löschten beinahe seine Familie aus

Reinhold Beckmann ist der breiten Öffentlichkeit vor
allem als TV-Moderator und Fußballkommentator bekannt. In großen Abständen veröffentlicht er jedoch auch Bücher, die sich mit dem Blick in die Vergangenheit beschäftigen. In seinen Titeln Zufall? und Erzähl doch mal von früher - Loki Schmidt im Gespräch mit Reinhold Beckmann ging es immer um die Leben bekannter Persönlichkeiten, die mit seinem eigenen nichts zu tun hatten.

Das ist mit seinem neuesten Buch Aenne und ihre Brüder: Die Geschichte meiner Mutter völlig anders. Beckmann erzählt die Lebensgeschichte seiner Mutter, die 2019 im Alter von 98 Jahren verstarb. Ihr Leben war geprägt durch Entbehrungen, Krankheiten und Todesfälle, die im Zusammenhang mit den beiden Weltkriegen standen.

Der Zwillingsbruder ihres Vater litt seit seiner Rückkehr aus dem 1. Weltkrieg, wo er gemeinsam mit Aennes Vater im Stellungskrieg gegen Frankreich an der Front gewesen war, an einem hartnäckigen Husten. Als Aenne am 1. August 1921 in Wellingholzhausen, heute ein Ortsteil von Melle in Niedersachsen, als Schwester von drei Brüdern geboren wurde, besuchte der stolze Onkel seine Schwägerin und seine Nichte. 

Unwissentlich steckte Aennes Onkel sie und ihre Mutter mit Tuberkulose an, an der er kurz darauf verstarb. Nur knapp acht Wochen später war auch die Mutter tot. Aenne überlebte die Krankheit knapp. Beide Todesfälle stehen in einem Zusammenhang zum Weltkrieg.

Mit fünf Jahren wurde Aenne zur Vollwaise. Sie wird drei Brüder, eine Halbschwester sowie einen Stiefbruder haben. Alle vier Brüder kommen im 2. Weltkrieg ums Leben. Reinhold Beckmann spürt seinen Onkeln, die starben, bevor sie ihre eigenen Träume leben konnten, mithilfe von Feldpostbriefen nach, die ihm seine Mutter kurz vor ihrem Tod übergeben hatte. In ihnen spiegelt sich das ganze Elend im Leben der Frontsoldaten wider. Der Jüngste, Stiefbruder Willi, wird kurz nach seinem siebzehnten Geburtstag zum Volkssturm, dem letzten Aufgebot, das den "Endsieg" bringen soll, eingezogen.

Reinhold Beckmann bettet die Geschichte der durch die Weltkriege so sehr strapazierten Familie inhaltlich in drei Teile ein: Da sind die Brüder mit ihrer Angst vor dem Tod und der immerwährenden Hoffnung, dass alles doch noch ein gutes Ende nimmt; da ist Aennes Leben in Wellingholzhausen und ihren Arbeitsstellen in der näheren Umgebung, einschließlich der Schilderung, wie sich die dortige Bevölkerung und insbesondere die Repräsentanten der katholischen Kirche angesichts der wachsenden Bedrohung durch Nationalsozialismus und Krieg verhalten haben; und schließlich ist da Beckmanns Beschreibung der historischen politischen Ereignisse und Kriegsverläufe, mit denen er seine Familiengeschichte einrahmt.

Lesen?

Es gibt viele Familien wie die Beckmanns, in denen eine ganze Generation von Söhnen ausgelöscht wurde, weil der "Führer" auf Gedeih und Verderb sein Ziel von einer Weltmacht Deutschland durchsetzen wollte. In einer Kultur des Schweigens haben allerdings viele Nachfahren nur wenig Wissen über die näheren Umstände, unter denen man im "Dritten Reich" lebte. Das Thema totzuschweigen, war viel zu oft die Regel. Beckmanns Buch lässt das Schicksal seiner Angehörigen nah an die Leserinnen und Leser heranrücken und macht es begreifbar. Durch das wörtliche Zitieren der Feldpostbriefe der drei ältesten Brüder wird es noch authentischer. Kurz: Lest es.

Aenne und ihre Brüder: Die Geschichte meiner Mutter ist 2023 im Propyläen Verlag erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 26 Euro sowie als E-Book 21,99 Euro.



Freitag, 29. September 2023

# 411 - Eine verhängnisvolle Liebe

Muna oder Die Hälfte des Lebens von Terézia
Mora ist die Geschichte einer Frau, die in der DDR im fiktiven Ort Jüris aufgewachsen ist. Der Roman beginnt Ende 1988 mit Munas Vorsatz, ihrer Heimatstadt und der Mutter so bald wie möglich den Rücken zu kehren.
Muna Appelius steht kurz vor dem Abitur. Sie lebt mit ihrer alkoholkranken Mutter, einer Theaterschauspielerin, zusammen, der Vater ist vor zehn Jahren an Lungenkrebs verstorben. Die finanzielle Situation der beiden Frauen ist prekär, denn Munas Mutter hat den Höhepunkt ihrer Karriere schon vor längerer Zeit überschritten. Beziehungen hat Muna bislang in Verbindung mit Trennung und Schmerz wahrgenommen.

Im Herbst 1988, ein halbes Jahr vor dem Ende ihrer Schulzeit, beginnt Muna ein Praktikum bei einem Magazin der Tageszeitung Volksstimme. Dort lernt sie Magnus Otto kennen. Magnus ist hauptberuflich Gymnasiallehrer, im Nebenberuf Bildredakteur beim Magazin und deutlich älter als Muna. Er steuert dem Magazin von ihm selbst aufgenommene Fotos bei. Muna verliebt sich sofort in den introvertierten und geheimnisvoll wirkenden Mann und beginnt, ihm nachzuspionieren.

Im Juli 1989 verbringt Muna eine Nacht mit Magnus. Er fährt am nächsten Tag angeblich für eine Radtour nach Rumänien, aber in Wahrheit nutzt er die Situation in Ungarn, um sich in den Westen abzusetzen. Er bricht alle Brücken hinter sich ab, Muna sucht vergeblich nach ihm. Sie wird zum ersten Mal vor einer Beziehung mit Magnus gewarnt, versteht jedoch nicht den Grund dafür, denn sie sieht in Magnus "den schönsten Mann, den ich je im Leben sehen würde".

Muna beginnt in Berlin ein Literaturstudium. Weitere Stationen führen sie nach Wien und London. Sie hat Affären mit verschiedenen Männern, keine davon befriedigt sie. Ihr Leben finanziert sie mit schlecht bezahlten Jobs. Magnus ist immer in ihrem Hinterkopf, allerdings sucht sie nicht mehr nach ihm. Doch dann, sieben Jahre nach ihrem One-Night-Stand, treffen sie sich zufällig in Berlin bei einer Open-Air-Veranstaltung. Sie nehmen den abrupt gerissenen Faden ihrer Beziehung wieder auf. 

Ohne, dass sie es zunächst spürt, nimmt das Verhängnis für Muna seinen Lauf: Sie, die intelligente und sehr gut aussehende Frau, der viele Türen offen stehen würden, richtet ihr Leben an Magnus' Wünschen und Bedürfnissen aus. Sie vernachlässigt die Arbeit an ihrer Dissertation, folgt ihm bei jedem Ortswechsel und achtet penibel auf jeden Stimmungswechsel ihres Liebsten, um diesen nicht zu reizen. Wenn man sich bislang fragte, wie es dazu kommen kann, dass sich ein Mensch von einem anderen Menschen völlig abhängig macht und ihm psychisch und sexuell ergeben ist, bekommt man beim Lesen von Muna oder Die Hälfte des Lebens eine Ahnung von den Mechanismen, die dazu führen. Magnus manipuliert Muna auf eine Weise, die deren Selbstbewusstsein aushöhlt und sie an sich zweifeln lässt.

Muna sehnt sich danach, mit ihrem Traummann eine Familie zu gründen. Doch Magnus ist beim Thema Kinder klar: Er will weder jetzt noch irgendwann Vater werden. In das "irgendwann" legt Muna ihre Hoffnung, dass sie und Magnus nun ein Paar sind. Sie baut darauf, seine Meinung mit der Zeit zu ändern. Vor den Zeichen, die auf eine deutliche Schieflage in dieser Beziehung hindeuten, verschließt sie die Augen.

Man ahnt es: Nach der ersten wüsten Beschimpfung, die Magnus Muna wegen einer Kleinigkeit an den Kopf wirft, dauert es nicht mehr lange bis zur ersten Handgreiflichkeit. Es wird nicht die letzte bleiben.

Lesen?

Muna oder Das halbe Leben ist ein sehr bewegender und oft verstörender Roman, und man möchte der jungen Frau, die am Ende des Buches ihr halbes Leben hinter sich hat, immer wieder zurufen: "Verlass ihn! Renn, so schnell du kannst!"
Terézia Mora erzeugt jedoch Verständnis für Munas irrationales Verhalten, das dazu führt, dass sie ihre Beziehung zu Magnus auch dann noch verteidigt, als er immer gewalttätiger und rücksichtsloser wird. Doch es führt ein Weg aus dieser unheilvollen Beziehung hinaus, auch wenn er nur über Munas psychischen Zusammenbruch und ein unheilvolles Wiedersehen möglich ist.

Muna oder Das halbe Leben steht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2023, und das völlig zu Recht. Terézia Mora hat den Deutschen Buchpreis bereits 2013 gewonnen und hat mehr als ein Dutzend weitere Preise erhalten.

Der Roman ist 2023 im Luchterhand Verlag erschienen und kostet gebunden 25 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro. Terézia Mora hat das Buch als den ersten Teil einer Trilogie angekündigt. Man darf also gespannt sein, wie es weitergeht.


Sonntag, 9. April 2023

# 388 - Die Geschichte um Gretchen geht weiter

 Vor wenigen Wochen habe ich hier den Roman Stay
away from Gretchen
 von Susanne Abel vorgestellt, nun wollte ich wissen, wie die Geschichte weitergeht. Mit ihrem Buch Was ich nie gesagt habe spinnt die Autorin den Faden weiter und leuchtet einen weiteren Part der Geschichte der Kölner Familie Monderath aus.

Greta - oder Gretchen - spielt nach wie vor eine wichtige Rolle, doch nun rückt Tom Monderaths Vater Konrad stärker in den Fokus. Konrad war niedergelassener Gynäkologe und hatte zu seinem Sohn ein schlechtes Verhältnis, als dessen Pubertät begann. Tom hat sich zwar immer wie jemand gefühlt, der in der Familie ein Stück weit am Rand stand, hatte dafür aber keine Erklärung. 

Susanne Abel baut auch die Handlung dieses Romans auf zwei Zeitebenen auf: Sie beginnt mit dem Jahr 1933, in dem der fünfjährige Konrad von einem Tag auf den anderen seinen Vater Wilhelm verliert. Seine Mutter Ida ist mit dem dritten Kind hochschwanger und auf die Zuverlässigkeit von Konrads zwölfjährigem Bruder Franz angewiesen. Zur Familie gehören noch Idas Eltern und Wilhelms in Berlin lebender Bruder Heinrich, ein Gynäkologe, zu dem es aber nur wenig Kontakt gibt.

Wilhelms Tod ist der Beginn einer Kette von Heimsuchungen, die die Familie ereilt. Susanne Abel erzählt vom Aufstieg des Nationalsozialismus', dem Franz begeistert verfällt, der einsetzenden Judenverfolg und den Bücherverbrennungen. Mit Kriegsbeginn wird Franz eingezogen und 1943 getötet. Konrads Schwester Lizzy wird 1933 mit dem Down Syndrom geboren und neun Jahre später zwangsweise in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Da sie von den Nazis als Mensch ohne Wert eingestuft wird, wird sie ein Jahr später getötet - offiziell verstarb sie an einer Lungenentzündung, der standardmäßig verwendeten "Diagnose" nach der Ermordung von behinderten Menschen.

Während Konrads Einsatz als Flakhelfer wird Köln 1943 massiv bombardiert. Seine Mutter und die Großeltern kommen dabei ums Leben. 
Mit 15 Jahren wird Konrad im Schnelldurchlauf zum Soldaten ausgebildet, gerät in amerikanische Kriegsgefangenschaft und muss zusammen mit etlichen anderen Kriegsgefangenen auf einer Baumwollplantage in Mississippi arbeiten. Deutschland wird er erst zwei Jahre später wiedersehen und muss dann mit gerade mal 18 Jahren und ohne Angehörige versuchen, in Köln Fuß zu fassen.

Die zweite Zeitebene setzt 2016 ein. Der bekannte Kölner TV-Nachrichtenmoderator Tom Monderath erfährt von einem älteren Halbbruder, der in den Niederlanden lebt. Die beiden Männer lernen sich kennen und sind über ihre große Ähnlichkeit verblüfft. Die demente Greta hält den "Familienzuwachs" sogar für ihren verstorbenen Mann Konrad. Mithilfe der Fernsehassistentin Jenny spüren die Brüder weitere Halbgeschwister auf. Was hat sich in der Praxis von Konrad zugetragen? War Toms Vater der Samenspender für alle Halbgeschwister?

Lesen?

Susanne Abel baut auch in diesem Roman die Handlung entlang von historischen Fakten auf und schildert beispielsweise, dass die künstliche Befruchtung damals nicht nur dem Zweck diente, ungewollt kinderlosen Paaren zu helfen, sondern sich in ihr das nationalsozialistische Gedankengut fortsetzte: Wertvollere Menschen sollten sich fortpflanzen können, um nicht von sozial schwachen Menschen, die sich angeblich massenhaft vermehrten, zahlenmäßig überrollt zu werden. 

Während beide Zeitstränge langsam aufeinander zu laufen, erleben Greta und Konrad sowie Tom Ereignisse, die bis heute im kollektiven Gedächtnis präsent sind wie z. B. den Kniefall von Willy Brandt vor dem Ehrenmal des jüdischen Ghettos in Warschau, den Bau der Berliner Mauer, den Besuch von John F. Kennedy in Berlin oder den Tod von Prinzessin Diana. So ermöglicht das Buch einen Eindruck, inwieweit der Lauf der Geschichte das Schicksal einer Familie bestimmt hat - wie auch zahllose andere Schicksale.

Wie schon nach dem Lesen von Stay away from Gretchen drängt sich auch bei diesem Roman die Frage auf, wie viel von Susanne Abels eigener Familiengeschichte in Was ich nie gesagt habe eingeflossen ist. Tatsächlich hat Abel erlebt, wie die Demenzerkrankung ihrer Mutter lange verdrängte Erinnerungen nach oben gespült hat, sodass sie eine neue Seite an ihr kennengelernt hat. 

Wer die Bücher gelesen hat, kommt zu dem Schluss: Leute, redet miteinander. Auch über die Vergangenheit, auch über möglicherweise Unbequemes.

Was ich nie gesagt habe ist 2022 bei der dtv Verlagsgesellschaft erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 23 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.

Freitag, 3. März 2023

# 383 - Ein Roman, der ein Jahrhundert ukrainischer Geschichte erzählt

Lisa Weeda wurde in den Niederlanden geboren und
hatte sich lange nicht mit der Geschichte ihrer Familie beschäftigt. Sie wusste, dass ihre Großmutter Aleksandra aus der Ukraine stammte, im Zweiten Weltkrieg 1942 als Zwangsarbeiterin nach Deutschland kam, später in den Niederlanden geheiratet hatte und dort geblieben war. Erst vor einigen Jahren begann sich die Autorin für ihre Familiengeschichte bis zurück zu ihrem Urgroßvater zu interessieren - eine Geschichte, die sich in der Ostukraine, Russland, Deutschland und den Niederlanden abspielte. Sie erfuhr, dass sie von Donkosaken abstammte, die sich bereits im 15. Jahrhundert zusammenschlossen.

In ihrem Debütroman Aleksandra lässt Weeda mit einer Mischung aus Fiktion und realen Begebenheiten ihre Ich-Erzählerin Lisa im Jahr 2018 nach Lugansk reisen. Ihre Großmutter Aleksandra hatte sie beauftragt, das Grab ihres Neffen Kolja zu suchen, der drei Jahre zuvor verschwunden war. Die Erzählerin hat etwas Besonderes im Gepäck: ein Sticktuch, auf dem mit schwarzem und rotem Faden die Lebenslinien der einzelnen Familienmitglieder nachempfunden waren. Die roten Linien stehen für das Leben, die schwarzen für den Tod. Dieses Tuch soll auf Koljas Grab gelegt werden, da Aleksandra fühlt, dass dieser sonst keine Ruhe findet.

Am Grenzübergang von der Ukraine zur sog. Volksrepublik Lugansk, die 2014 völkerrechtswidrig von Russland annektiert wurde, scheitert Lisa am Wachsoldaten, der sie partout nicht passieren lassen will. In einem günstigen Moment rennt sie in ein Getreidefeld, um ihr Ziel zu erreichen und den Wunsch der Großmutter zu erfüllen. Als sie stolpert, fällt sie auf die Stufen eines plötzlich auftauchenden Palasts mit gigantischen Ausmaßen und trifft dort auf ihren schon lange verstorbenen Urgroßvater Nikolaj, der sie durch die zahllosen hohen Räume des Gebäudes führt. 

Dieser "Palast der verlorenen Donkosaken" erinnert an Josef Stalins hochfliegende Pläne aus den 1930-er Jahren, in Moskau einen "Palast der Sowjets" zu bauen, der mit einer Höhe von 415 Metern alle Gebäude auf der Welt überragen und von der Großartigkeit der Sowjetunion überzeugen sollte. 

Nikolaj zeigt seiner Urenkelin etliche Palasträume und leitet sie auf diese Weise durch die kollektiven Erinnerungen der Familie sowie die Historie der Ukraine und Russlands. Die Zeit unter Stalin, als Nikolaj und seine Frau Anna wie viele andere Bauern ihre Ernte hergeben mussten und später sogar enteignet wurden, die Qualen des Holodomors Anfang der 1930-er Jahre oder der Einmarsch der Nationalsozialisten in die Ukraine waren nur einige der prägenden Ereignisse, die die Familie vor schwere Prüfungen stellte und auseinander riss.
Diese so verpackten Begebenheiten verknüpft Lisa Weeda mit den Erzählungen ihrer Großmutter und dem, was im Zusammenhang mit der Annexion der Volksrepublik Lugansk, in deren Wirren Kolja verschwand, passierte.

Lesen?

Aleksandra ist ein vielschichtiger Roman, der seine Leser und Leserinnen auf fast jeder Seite mit historischen Informationen versorgt. Lisa Weeda hat eindrucksvoll dargestellt, wie sehr Menschen durch politische Entscheidungen hin und her geworfen werden können wie Laub im Wind, ohne eine Chance zu haben, ihre Lage aktiv zu verbessern. 

Lisa Weede hat der Handlung erfreulicherweise einen Familienstammbaum vorangestellt, der sich über fünf Generationen erstreckt. Das ist sehr hilfreich, um sich zurechtzufinden, da einzelne Vornamen in mehreren Generationen vorkommen, was ziemlich verwirrend sein kann.

Der im Roman verwendete Leitspruch der Donkosaken spiegelt wider, wie die Ukrainer mit den Angriffen Russlands umgehen: "Wir sterben lieber frei als versklavt" macht deutlich, dass Aufgeben die letzte Option ist.

Lisa Weeda hat acht Jahre an ihrem Buch geschrieben. Aufgrund der Faktenfülle wäre mir sehr recht gewesen, wenn sie sich nicht auf rund 280 Seiten beschränkt, sondern der gesamten Darstellung mehr Raum gelassen hätte.

Aleksandra war 2022 in den Niederlanden ein großer Publikumserfolg und wurde mit De Bronzen Uil, dem Preis für das beste niederländisch-sprachige Debüt, ausgezeichnet und stand auf der Shortlist des niederländischen Libris-Literaturpreises.

Der Roman erschien am 24. Februar 2023 zum ersten Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine im Kanon Verlag und kostet 25 Euro.