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Dienstag, 1. April 2025

# 471 - Die Rolle der Frauen in der Mafia, erzählt von einem Mafia-Experten

Der italienische Journalist und Autor Roberto Saviano
wurde 2006 schlagartig auch außerhalb seines Heimatlandes bekannt, als sein erstes Buch erschien: Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra. Er deckte darin die mafiösen Strukturen in seiner Heimatstadt Neapel auf und nahm dabei kein Blatt vor den Mund. Seitdem ist Savianos vorheriges Leben beendet: Er braucht ständig Personenschutz und verlässt nur selten das Haus. Die Mafia vergisst nicht.

In diesem Monat ist Savianos neuestes Buch erschienen: Treue. Liebe, Begehren und Verrat - Die Frauen in der Mafia. Der Hanser Verlag, der das Buch herausgebracht hat, schreibt auf seiner Homepage, es sei "erstmals ein Buch über die Rolle der Frau in der Mafia". Dass das nicht den Tatsachen entspricht, zeigen Titel wie zum Beispiel die der österreichischen Journalistin Mathilde Schwabenender-Hain Die Stunde der Patinnen: Frauen an der Spitze der Mafia-Clans (erschienen 2014) oder Sie packen aus - Frauen im Kampf gegen die Mafia (erschienen 2020) sowie Ich war eine Mafia-Chefin: Mein Leben für die Cosa Nostra von Guiseppina Vitale (erschienen 2010). 
Der Klappentext ist da eindeutig: Es ist Savianos erstes Buch über die Frauen der Mafia. Er erzählt in zwölf Kapiteln von ebenso vielen Frauen, die in eine Mafia-Familie hineingeboren wurden oder einen Mafiosi geheiratet haben. Auf viele von ihnen trifft beides zu: Sie wurden als Töchter wie eine Handelsware von einer Mafia-Familie in die andere weitergereicht, um einen der Söhne zu heiraten. Viele waren mit dreizehn oder vierzehn Jahren noch sehr jung, als sie schwanger wurden und geheiratet haben. Ihre Hauptaufgabe: Kinder bekommen (selbstverständlich vom eigenen Mann) und sie großziehen - in der Regel die eigenen, aber in seltenen Fällen auch die, die der untreue Gatte mit seiner Geliebten gezeugt hat, die auf Anweisung der betrogenen Ehefrau jedoch ihr Leben lassen musste.

Jungen sind in diesem Umfeld wertvoller als Mädchen, weil sie später die Führungsrolle des Vaters übernehmen und/oder ihm die Konkurrenz vom Hals halten sollen. Das Muster erinnert stark an die Gebräuche des europäischen Adels im Mittelalter. Oberstes Gebot für die Ehefrauen: immer den Mund halten und tun, was von ihnen erwartet wird. Liebe ist in diesem Umfeld völlig unwichtig, ganz oben steht die Treue zum eigenen Clan und natürlich die Ehre. 

Doch es gibt auch für die Frauen Grenzen des Erträglichen. Da ist beispielsweise die Ehefrau eines spielsüchtigen rangniederen Mafioso. Als er beim Pokern knapp bei Kasse ist, wirft er anstelle von Geld ein Foto seiner Gattin auf den Tisch. Er verliert und seine Frau muss seinen Einsatz in seinem Beisein "bezahlen". Sie wendet sich an ihren Bruder, einen Polizisten. Der frischt seinen alten Kontakt zu einem Mafioso aus einer anderen Stadt auf, der die Dinge final "regelt" - im Sinne der missbrauchten Frau und ihrem Bruder, aber auch hinsichtlich der Ehrvorstellungen der Mafiosi. In deren Kodex steht nicht etwa die Misshandlung der Frau im Vordergrund, sondern die Unzuverlässigkeit ihres Mannes:
"Weil er zur Gefahr geworden ist. Weil er zum Verräter werden könnte. [...] Wie hätte er sich einem Polizisten gegenüber verhalten, der erdrückende Beweise gegen ihn gehabt hätte? Oder gegenüber dem Capo einer rivalisierenden Familie, der mit einem Handkoffer voller Geld, [...], vor ihm gestanden hätte?"

Saviano schildert nicht nur das Leben von Mafia-Frauen, die aus Angst um ihr Leben oder davor, dass sie bei einem Fehlverhalten ihre Kinder nie mehr wiedersehen würden, ihr Leben lang den Mund halten und sich geräuschlos in die Clanhierarchie einfügen. Er greift auch die Fälle heraus, in denen Frauen aktiv nach der Macht gegriffen haben, wenn sich ihnen die Gelegenheit bot. Sie waren dabei nicht weniger zimperlich als ihre männlichen Pendants.
Die einzelnen Mafia-Gruppierungen gehen mit Frauen allerdings nicht einheitlich um: Die Camorra schätzt es, wenn ihre Anführer promiskuitive Frauenhelden sind. Die Ehefrauen haben jedoch ihren Männern immer treu zu sein. Die Mitglieder der Cosa Nostra leben hingegen monogam, lassen sich nicht scheiden und sind homophob. Schon ein entfernter homosexueller Verwandter kann für sie ein Problem sein. Von einer Frau zurückgewiesen zu werden, wird von Mafiosi grundsätzlich als Ehrverletzung angesehen, die gerächt werden muss. 

Roberto Saviano schreibt über Ereignisse, die zwischen den 1980-er Jahren und zu Beginn dieses Jahrhunderts passiert sind. Anders, als es der Titel vermuten lassen könnte, kommt aber keine der von ihm genannten Frauen selbst zu Wort. Die Informationen hat der Autor aus zweiter Hand erhalten, was an seiner sehr zurückgezogenen Lebensweise liegen dürfte.

Lesen?

Roberto Saviano versteht es, seinen Lesern die Denk- und Handlungsweise der Mafiosi näherzubringen. Es geht um ein archaisches System, das keine Gnade kennt, sondern nur den Machterhalt in den Mittelpunkt stellt. Er verwendet einen romanhaften Stil, der durch hervorgehobene und sachlich formulierte Abschnitte unterbrochen wird. Die eingestreuten Metaphern stören allerdings den Lesefluss und wären inhaltlich nicht nötig gewesen.

Im Grunde handelt Savianos Buch doch wieder von Männern. Männer sind es, die über das Schicksal von Frauen den Daumen heben oder senken, und Männer sind es auch, die die Mafia-Frauen dazu bringen, sich selbst aktiv um die "Geschäfte" zu kümmern, weil der eigene Mann wegen des soundsovielten Mordes Jahre oder Jahrzehnte im Gefängnis sitzt.

Treue. Liebe, Begehren und Verrat - Die Frauen in der Mafia ist vor einem Jahr in der italienischen Originalausgabe erschienen. Dort heißt das Buch Noi due ci appartaniamo. Sesso, amore, violenza, tradimento nella vita dei boss. Auf Deutsch: Wir zwei gehören zusammen. Sex, Liebe, Gewalt, Verrat im Leben von Chefs. 
Der Originaltitel beschreibt besser, was Leserinnen und Leser erwartet.

Treue. Liebe, Begehren und Verrat - Die Frauen in der Mafia ist wie oben erwähnt 2025 im Hanser Verlag erschienen. Das Buch kostet gebunden 24 Euro sowie als E-Book 17,99 Euro.

Nachtrag: Im letzten Jahr war Italien das Gastland der Frankfurter Buchmesse. Kurz zuvor hatte Roberto Saviano die Regierung von Giorgia Meloni kritisiert. Er gehörte danach nicht zur italienischen Delegation, die nach Frankfurt reiste. Saviano war jedoch trotzdem vor Ort, eine Einladung des Hanser Verlags hatte es möglich gemacht. In einem Interview mit dem SWR warnt er vor einem verharmlosenden Umgang mit der italienischen Regierungschefin: "Europa unterschätzt die Regierung Meloni. Sie halten sie für eine einfache konservative Regierung. Dabei ist es eine rechtsextreme Regierung, die die Institutionen manipuliert. Europa muss also aufpassen, dass das nicht zu anderen herüber schwappt." Saviano hatte zuvor in einem Prozess wegen Beleidigung gegen Meloni verloren und seine Sendung war aus dem staatlichen Fernsehsender RAI hinaus gedrängt worden. Man darf gespannt sein, wie sein weiteres Leben verlaufen wird.

Montag, 20. Januar 2025

# 463 - Tödlicher Wackelkontakt

Mit Wackelkontakt ist dem österreichischen Schriftsteller Wolf Haas ein ungewöhnlicher Roman gelungen. Das Ungewöhnliche: Ohne das Lesen eines bestimmten Buches käme die Handlung nicht voran.

Elio Russo ist ein Verräter. Der junge Mafioso aus Südkalabrien sitzt im Knast und wartet darauf, freigelassen zu werden. Er hat als Kronzeuge kurz zuvor siebenundzwanzig hochrangige Mitglieder der 'Ndrangheta verraten. Im Gegenzug wurde ihm eine neue Identität versprochen, um in Deutschland neu anfangen zu können.

Der leidlich erfolgreiche Trauerredner Franz Escher wartet in seiner Wohnung in Wien auf den Elektriker. Eine Steckdose in seiner Küche hat einen Wackelkontakt, der nun behoben werden soll. Der alleinstehende Escher hat zwei Leidenschaften: anspruchsvolle Puzzles - gern mit Motiven seines Namensvetters M. C. Escher - und das Lesen von Mafia-Romanen. Die Wartezeit auf den Handwerker zieht sich hin, deshalb beginnt Escher, ein neues Buch zu lesen. Es handelt von dem jungen Kriminellen Elio Russo aus Südkalabrien, der siebenundzwanzig hochrangige Mafiosi verraten hat und eine neue Identität bekommen wird. 

Elio Russo vertreibt sich im Gefängnis das Warten mit dem Lesen eines Buches, das er von seinem deutschen Zellennachbarn bekommen hat. Es geht um einen Mann namens Franz Escher, der zu Hause auf den Elektriker wartet. Als der Handwerker die defekte Steckdose repariert, kommt er ums Leben. Escher wird verzögert klar, dass dieser Tod seine Schuld ist. 

Wolf Haas verwebt zwei Handlungsstränge, die jedoch nicht unbedingt zeitlich parallel verlaufen. Die Leben zweier Männer, die einander nicht kennen und nichts gemeinsam haben, laufen trotzdem aufeinander zu. Das ist umso erstaunlicher, wenn man registriert, dass die Handlung im Leben des Franz Escher nur wenige Tage abdeckt, im Leben von Elio Russo, der nach einem vorgetäuschten Suizid zu Marko Steiner wird, jedoch viele Jahre vergehen.
Das von Escher gelesene Buch bleibt bei ihm, während Steiners Exemplar in andere Hände gerät und die Lesenden wie dieser den Fortgang der Ereignisse er-lesen. 
Letztlich wird die Handlung von Eschers Vorstellung vom Lauf der Zeit bestimmt. Wolf Haas lässt seinen Protagonisten diese Sätze sagen, die dessen Sichtweise auf den Punkt bringen: "Wir haben sowieso eine falsche Vorstellung von der Zeit. Unsere Vorstellung ist zu linear. Wir glauben, es geht in eine Richtung. Man muss es sich aber wie eine Schleife vorstellen."

Lesen?

Wackelkontakt ist ein sehr unterhaltsames Spiel mit der Zeit. Die Anspielungen auf den Künstler M. C. Escher und seine besonderen Werke sowie die Verschränkungen der Handlung machen das Buch zu etwas Besonderem. 

Der deutsche Schriftsteller Daniel Kehlmann hat im Dezember 2024 gegenüber dem Deutschlandfunk diesen passenden Kommentar abgegeben: "Ich bin sehr neidisch auf diese Grundidee. Ich denke mir, man, die hätte ich gerne gehabt, aber ich hatte sie nicht, was soll man machen."

Wackelkontakt ist 2024 im Carl Hanser Verlag erschienen und kostet 25 Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Samstag, 7. Oktober 2023

# 412 - Wie ist das Kindsein im Krieg? Ein Roman über Entwurzelung, Sprachlosigkeit und Euthanasie

Sepp Malls Roman Ein Hund kam in die Küche ist
eine Zeitreise nach Südtirol und Oberösterreich Anfang der 1940-er Jahre. 
Die Südtiroler Familie Gruber entschließt sich 1942 auf Drängen des Vaters, die Heimat zu verlassen und nach Österreich auszuwandern, das nach dem sog. "Anschluss" des Alpenlandes ein Teil des Deutschen Reichs wurde. Hitler und Mussolini hatten eine als "Option" bezeichnete Möglichkeit vereinbart, dass die deutsch- und ladinischsprachige Bevölkerung Italiens (was im Wesentlichen der Bevölkerung Südtirols entsprach) sich entweder für ein Leben im Deutschen Reich oder den Verbleib in Italien entscheiden konnte. Die Ausreisewilligen werden in den Augen vieler Südtiroler zu Heimatverrätern.

Der Vater des im Roman als Ich-Erzähler auftretenden elfjährigen Ludi ist von der Vorstellung begeistert, Reichsdeutscher werden und der deutschen Sache dienen zu können. Doch die Familie, die außerdem noch aus der Mutter und dem sechsjährigen Hanno besteht, ahnt nicht, was da auf sie zukommt.

Die erste Station ist Innsbruck. Dort werden die Vier zunächst in einem Hotelzimmer untergebracht, danach folgt eine genaue ärztliche Untersuchung. Während sie für Ludi und seine Eltern komplikationslos verläuft, muss sich Hanno einer weiteren medizinischen Begutachtung unterziehen. Er ist wegen seiner körperlichen und geistigen Einschränkungen aufgefallen.

Der Vater meldet sich kurz nach der Ankunft zum Kriegsdienst an die Front. Er ist überzeugt davon, dass Deutschland den Krieg schnell gewinnen und er bald wieder bei seiner Familie sein wird. Es wird jedoch Jahre dauern, bis er zurückkehrt.

Aufgrund der Untersuchungsergebnisse muss Hanno in ein Behindertenheim. Die Familie geht davon aus, dass es ein Aufenthalt von einigen Wochen oder vielleicht einem Monat wird und Hanno danach besser sprechen und laufen kann. Man ahnt, dass es anders kommt.

Lesen?

Sepp Mall beschreibt die Folgen der krassen Fehlentscheidung des Vaters, die Heimat zu verlassen, brutal, aber dennoch empathisch. Szenen wie die, in denen es der Mutter und Ludi im Behindertenheim durch einen Trick verwehrt wird, sich von Hanno zu verabschieden, gehen sehr nahe. Ludi, der zu seinem Bruder ein enges und liebevolles Verhältnis hat, hofft, diesen noch einmal durch eines der Fenster zu sehen: "Und doch wurde ich den Gedanken nicht los, dass Hanno uns noch gesehen hatte. [...] Er musste uns gesehen haben, als wir davongingen." Die Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung, die von Ludis Worten ausgeht, ist deutlich zu spüren. Später hört er den Kommentar des Dorfladenbesitzers nach Hannos Tod, dass alle Opfer bringen müssten und man das dem gesunden Volkskörper schuldig sei.

Mall spricht nicht nur die Euthanasie an, der Hanno im Zuge der "Aktion T4" zum Opfer fiel, sondern auch das Gefühl der Heimatlosigkeit. Ludi hat Heimweh nach seinem Tal in Südtirol, und seine Mutter verspricht ihm, dass sie beide so bald wie möglich dorthin zurückkehren werden. Er fühlt sich in Österreich im "Niemandsland": "Meine Mutter war die Einzige, die wusste, wer in der Schulbank neben mir gesessen hatte oder wen ich meinte, wenn ich der Schneider sagte. [...] Hier an diesem Ort gab es keine Erinnerungen, die mir gehörten und die ich mit jemandem teilen konnte."
Doch zunächst werden sie ins sog. Oberdonaugau (heutiges Oberösterreich) geschickt. Die Familie wird wegen ihrer italienischen Herkunft mit Vorurteilen konfrontiert, die geflüchteten Sudetendeutschen, denen sie begegnet, werden von den Einheimischen aber deutlich schlechter behandelt. 

Und dann ist da diese Sprachlosigkeit. Nichts wird Ludi erklärt, oft muss er sich die Wahrheit aus den wenigen Äußerungen und Gesten seiner Eltern zusammenreimen. Auf Nachfragen, warum man ihm nichts gesagt habe, kommt häufig die stereotype Antwort: "Es ist besser so." Begriffe, die in der Sprachwelt der Erwachsenen eine Bedeutung haben, sind dem Jungen fremd und er gibt ihnen einen neuen Inhalt.

Mit einem sprachlichen Kniff lässt Sepp Mall den getöteten Hanno lebendig werden: Er erscheint seinem Bruder sowohl im Traum als auch im Alltag und erzählt ihm, was ihm im Behindertenheim widerfahren ist.

Ein Hund kam in die Küche wurde für den Deutschen Buchpreis 2023 nominiert. Zu Recht, denn der Roman schildert eindringlich und mit klaren Worten, wie sich Entwurzelung und Krieg für ein Kind anfühlen. 

Das Buch 2023 in der Leykam Buchverlagsgesellschaft erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24,-- Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Freitag, 20. August 2021

# 304 - Wie legt man einen Neuanfang hin?

Der fernste Ort, das ist für den Protagonisten Julian
nicht etwa ein weit entfernter Planet, sondern der Ort, an dem er ein neues Leben anfangen will.

Der österreichische Autor Daniel Kehlmann hat in seinem 2001 erschienen Buch das Porträt eines jungen Mannes gezeichnet, der sein Leben als Sackgasse wahrnimmt. Julian arbeitet bei einer Versicherung, aber er ist dort eher hineingestolpert, als dass er sich aus Überzeugung um die Anstellung gekümmert hätte. Er mag seinen Kollegen nicht, und auch sein Chef ist ihm unsympathisch. Ausgerechnet dieser nimmt ihn zu einem Kongress nach Italien mit. Julian soll dort einen wichtigen Vortrag halten.

Zwei Stunden, bevor Julians Rede geplant ist, hat sein Entwurf genau null Wörter. Ein Desaster. Da es jetzt auch nicht mehr darauf ankommt, beschließt er, im See neben dem Hotel schwimmen zu gehen. Der Portier ermahnt ihn, vorsichtig zu sein, erst kürzlich sei hier ein Mann ertrunken. Julian nimmt seine Brille zum Schwimmen ab und sieht seine Umgebung nur noch schemenhaft. Nach wenigen Minuten hat er die Orientierung verloren und spürt, dass aus der Tiefe etwas nach ihm greift und ihn nach unten zieht. Er kämpft um sein Leben und kommt am Ufer wieder zu sich. Wie er dorthin gekommen ist, weiß er nicht. Doch er sieht seine Chance, seinem Leben eine entscheidende Wendung zum Besseren zu geben: Julian will seinen Tod vortäuschen. Sein Ziel: "Ultima Thule", der "fernste Ort" in Norwegen, von dem einst seine Deutschlehrerin gesprochen hatte.

Kehlmann skizziert seine Hauptfigur als einen Menschen, dem Emotionen fremd sind und der alle Ereignisse nur sachlich wahrnimmt. Als Kind steht er im Schatten seines hochbegabten Bruders Paul, der ihn seine Überlegenheit immer wieder spüren lässt. Die Trennung seiner Eltern ruft bei Julian keine Erschütterung hervor, ebenso wenig der Suizid seiner Mutter oder die Totgeburt, die seine Freundin erleidet. Das Abitur besteht er nur mit Pauls Unterstützung, die Uni besucht er antriebs- und interesselos. Seine Doktorarbeit über einen (fiktiven) niederländischen Mathematiker und Philosophen des Barock wird von der Fachpresse verrissen. Seine Umwelt nimmt ihn - wenn überhaupt - als einen Niemand wahr, und das entspricht auch dem Bild, das Julian über sich selbst hat.

Lesen?

Der fernste Ort verfolgt eine Idee, die wahrscheinlich viele Menschen (gehabt) haben: Einfach alles hinter sich zu lassen und irgendwo anders komplett neu anzufangen. Kehlmanns Hauptperson Julian scheint die Gelegenheit beim Schopf zu packen, aber so ganz genau weiß man es nicht. Die Welt um Julian wird mit seinem Erlebnis im See immer surrealer und scheint zu verschwimmen. Da sind plötzlich sein Bruder, der ihm Geld zusteckt, ein Nachtclub-Besitzer, der ihn ohne Bezahlung mit einem Reisepass aus seiner Schreibtischschublade versorgt oder zwei schwarzgekleidete Räuber, die ihm beides wieder abnehmen. Alle diese Personen wirken äußerlich wie Doppelgänger von Menschen, die vor dem Badeunfall Teil seines Lebens waren: Der Nachtclub-Chef hat frappierende Ähnlichkeit mit Julians Chef in der Versicherung, die Räuber sind seinen Kollegen wie aus dem Gesicht geschnitten.

Man ahnt, dass Julian in einer Art Zwischenwelt steckt, in der sich Erinnerungen mit Phantasien zu etwas Neuem vermengen, und auch, dass er Norwegen nicht auf die Art erreichen wird, die er sich vorgestellt hat.

Leseempfehlung? Ich bin unentschlossen.

Der fernste Ort ist 2001 im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 17,80 Euro, als Taschenbuch 8 Euro sowie als E-Book 7,99 Euro.

Freitag, 30. April 2021

# 288 - Eine neue Insel entsteht: Was kann man nicht alles daraus machen...

Armin Strohmeyr hat sich in seinem neuesten Buch Ferdinandea - Die Insel der verlorenen Träume einem Ereignis gewidmet, das im Juli 1831 stattgefunden hat: der "Geburt" einer neuen Insel.

Die Vulkaninsel erhob sich damals mit viel Dampf, Brodeln und reichlich Schwefelgestank vor der sizilianischen Ortschaft Sciacca aus dem Meer und wurde praktisch sofort zur Projektionsfläche unterschiedlichster Wünsche und Begehrlichkeiten.

Für den örtlichen Pastor hatte hier der Teufel seine Hände im Spiel, der deutsche Geologe Friedrich Hoffmann sah in dem neuen Eiland ein großartiges Forschungsobjekt. Er war es auch, der die Insel nach dem sizilianischen König Ferdinand II. benannte: Ferdinandea. Er war zufällig mit seinem französischen Kollegen Constant Prévost vor Ort und beide verfolgten das seltene Schauspiel 50 Kilometer vor Sizilien.

Aber sollten sie gehofft haben, ihre Forschungen in Ruhe durchführen zu können, wurden sie schon bald enttäuscht. Ein britischer Kapitän legte an und machte mit dem Aufpflanzen des Union Jack Ansprüche des Vereinigten Königreichs geltend. Er gab der Insel nach einem Lord der Admiralität den Namen 'Graham'.

Auch aus Frankreich kam ein Schiff mit der Absicht, sich den auch nach dem Ende der großen Eruptionen immer noch unruhigen Haufen aus Vulkangestein unter den Nagel zu reißen. Die Franzosen kreierten mit 'Giulia' den dritten Namen für die Insel. Dieser sollte an den Monat Juli erinnern, in dem sie entstanden ist.

Nicht nur militärisch-strategische Gründe sorgten dafür, dass in Sciacca ein ungewohnter touristischer Boom einsetzte. Der französische König Louis-Philippe I. kam, ohne Ferdinandea überhaupt gesehen zu haben, auf die Idee, von deren mutmaßlich vorhandenen Heilquellen zu profitieren und sie zu einem Kurort zu machen. Die Vorstellung eines neuen Vichy im Mittelmeer begeisterte ihn. Doch als sich bereits die ersten Kurgäste eingefunden hatten und sich auch die Presse für das Thema interessierte, machte der Geologe Hoffmann eine Entdeckung, die alles änderte.

Lesen?

Ferdinandea - Die Insel der verlorenen Träume ist ein sehr gelungener historischer Roman. Strohmeyr schafft es elegant, die vielen verschiedenen Figuren so zu platzieren, dass nie der Überblick verloren geht. Darüber hinaus zeichnet er anhand dieses Ereignisses, wie sehr der menschliche Jahrmarkt der Eitelkeiten dazu beiträgt, kleine Wünsche zu großen Visionen anschwellen zu lassen und dabei die Realität mit ihren unschönen und unbequemen Nuancen ein Stück weit außen vor zu lassen. Leseempfehlung!

Ferdinandea - Die Insel der verlorenen Träume ist 2021 beim Südverlag erschienen und kostet als gebundenes Buch mit Lesebändchen 24 Euro.

gemeinfreies Bild, das Ferdinandeas Entstehung zeigt;  Link:
Ferdinandea – Wikipedia

 



Freitag, 31. Juli 2020

# 251 - Frauen morden anders

Selige Witwen heißt der Roman von Ingrid Noll, der bereits 2001 erschienen ist. Ich hatte vor dem Lesen keine Ahnung, dass er Teil einer Mini-Reihe um die beiden Freundinnen Cora und Maja ist, die ihre sehr spezielle Art haben, ihre Leben zu gestalten.

Cora und Maja sind Anfang 20. Cora ist bereits verwitwet und durch die Erbschaft wohlhabend geworden. Traurig ist sie wegen des Todes ihres Mannes nicht, denn das Beerben reicher Männer ist ihr Geschäftskonzept. Maja ist Mutter eines kleinen Sohnes, folgt ihrer Freundin und deren Wünschen und ist ständig pleite, weil sie ihren Job als Fremdenführerin in der Toskana verloren und keinen Beruf gelernt hat. Ihre einzige Einnahmequelle ist Cora, die sie immer wieder anschnorrt.

Doch durch die einst innige Mädchenfreundschaft zieht sich jedoch ein Riss. Maja nimmt ihre Freundin immer stärker als egoistisch und rücksichtslos wahr, Cora hingegen empfindet Maja immer öfter als schwerfällig und belastend. Cora hat ein Auge auf eine zum Verkauf stehende italienische Luxusvilla geworfen, die ihr von einer reichen Amerikanerin vor der Nase weggekauft wird. Was läge da näher, als diese Dame ins Jenseits zu befördern?

Aber da gibt es noch weitere Schauplätze. Während Cora die italienische Lebensart genießt und ihre Freundin darüber beinahe vergisst, lernt Maja in einer WG in Darmstadt, in die sie vorübergehend aufgenommen wurde, die unscheinbare Kathrin kennen. Kathrin ist auf der Flucht vor ihrem Noch-Ehemann Erik, einem gewieften Rechtsanwalt. Es stellt sich heraus, dass Erik nicht nur menschlich unterste Schublade ist, sondern sich im Rotlichtmilieu von Frankfurt tummelt. Geschäftlich, versteht sich. Und selbstverständlich kriminell, denn es geht nicht nur um illegale Prostitution, sondern auch um Menschenhandel und Mord. Da kann Maja nicht untätig bleiben, und auch Cora, die irgendwann gut erholt in Hessen eintrudelt, mischt kräftig mit.

Lesen?

Muss nicht sein. Die Handlung inklusive der "Wir-Frauen-müssen-zusammenhalten"-Szenarien ist in weiten Teilen vorhersehbar. Am Ende weilen ein paar Menschen weniger auf dieser Erde - die meisten davon selbstverständlich von der bösen Sorte - und andere Menschen sind bedeutend reicher als zu Beginn des Romans. Immerhin macht sich Maja auf den letzten Seiten Gedanken über ihren Lebenswandel und kommt zu dem Schluss: "Ich morde keine Männer mehr." Ingrid Noll scheint das jedoch nicht unbedingt so zu sehen, denn sie lässt die Tür zum nächsten Mord einen Spalt breit offen.

Selige Witwen ist bei Diogenes erschienen und kostet als gebundenes Buch 22,50 Euro, als Taschenbuch 12 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro.

Freitag, 28. Juni 2019

# 203 - Ines Fox ist nicht zu bremsen

Die Hobbyermittlerin Ines Fox, die wegen ihrer
ungezügelten Neugier oft mehr oder weniger absichtlich  in gefährliche Situationen gerät, kennen alle, die ab und zu in der Bücherkiste vorbeischauen. Nun hat Christiane Kördel die junge Frau und ihren Freund, den angehenden Rechtsmediziner Dr. Marc Frieder, wieder in eine Handlung geschubst, in deren Verlauf alte Bekannte auftauchen. Seefimmel heißt das vierte Buch, das den eigentlich idyllischen Bodensee zu einem Kriminalitätsdrehkreuz werden lässt. 

Eine Frau sucht ihre Neffen, eine andere ihre Schwester

 

Aus dem Buch Seekoller ist Tante Inés hinlänglich bekannt. Jetzt taucht sie plötzlich bei Ines Fox auf und bittet sie, ihre beiden Neffen zu suchen. Ines und ihr Dr. Frieder haben daran kein gesteigertes Interesse: Die Männer sind Mitglieder der kubanisch-amerikanischen Mafia und haben besonders Ines im dritten Band in Miami das Leben schwer gemacht. Aber bevor sie sich dann doch auf den Weg zum Lago Maggiore machen, geraten sie auf dem Bodensee während einer Bootstour in ein Unwetter. Drei Kajakfahrer sind gekentert, nur zwei können gerettet werden. Die Umstände lassen zunächst auf einen Unfall schließen, doch auch hier kann Ines nicht aus ihrer Haut: Sie hakt auf eigene Faust nach und forscht im Leben der Toten und ihrer überlebenden Zwillingsschwester. Was die junge Frau und Dr. Frieder herausfinden, bringt den Witwer der tödlich Verunglückten zur Verzweiflung.

Auch die Suche nach Tante Inés' Neffen nimmt eine Wendung, die wohl niemand vorausgeahnt hatte, am wenigsten Tante Inés selbst. Harmlos wirkende Menschen entpuppen sich als bedrohliche Pistolenfans, und auch hier muss ein Mensch unfreiwillig sein Leben lassen.

Und als ob das nicht schon genug wäre, taucht Ines' Erzfeind getreu dem Motto "Totgeglaubte leben länger" wieder auf. An Langeweile mangelt es weder Ines Fox und Dr. Frieder noch den Lesern.

Wie war's?

 

Seefimmel folgt der Linie, die Christiane Kördel seit dem ersten Band Seezeichen 13 eingeschlagen hat. Ines Fox taucht immer dort auf, wo sich das Verbrechen im Schatten verkriechen will und bohrt da nach, wo es am meisten weh tut. Mit ihrer hibbeligen Art ist die Konstanzer Webdesignerin das genaue Gegenteil ihres norddeutschen Partners Marc Frieder, der in fast allen Lebenslagen in sich ruht und die Worte mit Bedacht wählt. Dieser Cosy-Krimi ist für alle, die sich ein paar spannende, aber dennoch entspannte Lesestunden wünschen, genau das Richtige.

Da einige Figuren eine Rolle spielen, die sich dem Leser nicht von selbst erschließen, ist das Lesen der vorangegangenen Krimis eine gute Idee:

Seefimmel ist im Selbstverlag erschienen und kostet als Taschenbuch 11,99 Euro sowie als E-Book 2,99 Euro.

Freitag, 19. Januar 2018

# 132 - Die Zeit heilt nicht alle Wunden

Mysteriöse Morde in Südtirol

 

28. April 1985: In der Gegend um die Bletterbachschlucht in den Dolomiten tobt tagelang ein Gewitter, das so stark und ausdauernd ist, dass sich niemand an ein ähnlich schweres Unwetter erinnern kann. Drei junge Menschen aus dem nahen Dorf Siebenhoch sind kurz zuvor zu einer Wanderung aufgebrochen und wurden seitdem nicht mehr gesehen. Die Bergretter machen sich trotz des schlechten Wetters auf den Weg und finden die drei Wanderer nach einigen Stunden Suche - tot und auf grausame Art und Weise verstümmelt. Der Anblick von Evi, Kurt und Markus ist so schrecklich, dass die erfahrenen Retter stundenlang nicht in der Lage sind, sich zu rühren. Dieser Mord bestimmt die Handlung des Thrillers Der Tod so kalt des aus Bozen stammenden Autors Luca D'Andrea.

Die Mauer des Schweigens

 

Die Handlung wird aus der Sicht des amerikanischen Dokumentarfilmers Jeremiah Salinger erzählt. Er ist mit Annelise verheiratet, die aus Siebenhoch stammt, und hat mit ihr eine fünfjährige Tochter, Clara. Als Salinger sich an einem beruflichen Tiefpunkt befindet, stimmt er Annelises Vorschlag zu, ein paar Monate in der Abgeschiedenheit und Ruhe Siebenhochs zu verbringen, um vom Film Abstand zu bekommen und zu überlegen, wie es weitergehen soll. Salingers Schwiegervater Werner lebt dort und erzählt seinem Schwiegersohn kurz nach der Ankunft der kleinen Familie von einem tödlichen Bergungfall, der sich 1950 in der Nähe von Siebenhoch ereignet hat. Fünf junge Männer waren damals zum Zwölferkofel gewandert, aber nur zwei von ihnen kamen lebend wieder zurück. Einer von ihnen war Werner. Für ihn war dieses Unglück der Anlass, für die Gründung der Bergrettung zu kämpfen, die nun, dreißig Jahre später, über einen Hubschrauber und einen Arzt verfügt.
Die Geschichte löst bei Salinger den Wunsch aus, einen Film über den Alltag der Bergretter zu drehen. Mehrere Wochen begleitet er die Arbeit der Bergretter zusammen mit seinem Freund Mike, bis es eines Tages darum geht, eine Touristin aus einer Gletscherspalte zu retten. Weil Salinger darauf besteht, zum Filmen in die Spalte herabgelassen zu werden, kommt es zu einer Lawine, die fünf Menschen das Leben kostet und Salinger unter sich begräbt. Er wird gerettet, leidet jedoch an PTBS - posttraumatischen Belastungsstörungen. In dieser Phase erfährt er zufällig von der Bluttat von 1985, die bei den Einheimischen unter dem Namen "Bletterbach-Massaker" bekannt ist. Der Mörder läuft seit damals noch frei herum. Salinger beschließt, herauszufinden, wer diese drei jungen Menschen vor dreißig Jahren hingerichtet hat. Doch je mehr er im Dorf nachfragt, umso feindseliger wird die Stimmung, die ihm entgegenschlägt. Plötzlich erscheinen Salinger auch diejenigen verdächtig, etwas mit den Morden zu tun zu haben, die ihm bislang freundlich begegnet sind - allen voran sein Schwiegervater. Auch ein Jaekelopterus rhenaniae, ein Seeskorpion, der (eigentlich) vor 400 Millionen Jahren gelebt hat, gerät kurzzeitig in den Verdacht, für das Gemetzel verantwortlich gewesen zu sein.

Wie war's?

 

Der Tod so kalt ist ein insgesamt spannendes Buch. Auf einige "Schleifen" hätte D'Andrea aber gern verzichten können. Dazu gehören das Zwischenspiel des Jaekelopterus rhenaniae, das wie an den Haaren herbeigezogen wirkt, und die manische Besessenheit, die Salinger antreibt. Sie ist so ausufernd, dass er seine Familie darüber grob vernachlässigt und es beinahe zur Trennung von seiner Frau kommt. 
Das Szenario eines Fremden, der auf eine gewachsene und geschlossene Dorfgemeinschaft trifft und nicht wahrhaben will, dass Annäherung vor allem Zeit braucht, ist nicht neu und fast schon der Klassiker in Büchern, deren Handlung in den Bergen angesiedelt ist. Dass die Dorfbewohner Salinger die Schuld am Tod der Bergretter geben, trägt zur Entfremdung bei. Mein Eindruck ist also eher zwiespältig, sodass ich den Thriller nicht uneingeschränkt empfehlen kann.
Wer sich selbst ein erstes Bild machen will, kann das mit diesem Buchtrailer:



Der Tod so kalt ist erschienen bei Deutsche Verlags-Anstalt und kostet als Taschenbuch 14,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Ausgabe 11,99 Euro. Das Hörbuch wird als MP3-CD für 8,99 Euro angeboten (gekürzte Fassung).
Das Buch wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.

Samstag, 1. Juli 2017

# 106 - Ein Kind verschwindet

Eingespieltes Ermittlerteam stößt an seine Grenzen

 

Der mit den Glasaugen ist der zweite Teil einer Trilogie der schweizerischen Autorin Marta Monti, bei der wie schon im ersten Roman Auf ein Ewiges das Ermittlerduo Beta Bianca und Benno Bertschi (B&B) im Mittelpunkt steht. Sie und ihre Kollegen der Kriminalpolizei Bern müssen sich gleich zwei Themen stellen, die auch gestandenen Ermittlern an die Nieren gehen.

Wo ist Jan?

 

Alice Köhler hat ihren Mann verlassen und den fünfjährigen gemeinsamen Sohn Jan mitgenommen. Mit ihrem neuen Freund Richard Lang plant sie, nach Sardinien auszuwandern und dort ein neues Leben zu beginnen. Jan soll mitkommen, was weder das Kind noch dessen Vater will. Doch die Wünsche ihrer Mitmenschen lassen Alice Köhler kalt: Sie beeindruckt nicht durch ein mitfühlendes Wesen, sondern durch ihr blendendes Aussehen. Eines Abends bringt sie ihren Sohn ins Bett und verlässt das Haus, um sich mit ihrem Freund in einer Bar zu treffen. Nach ihrer Rückkehr ist das Kind unauffindbar. Mit ihrer Aussage, die offensichtliche Lügen enthält, gerät sie schnell in den Verdacht, etwas mit Jans Verschwinden zu tun zu haben. Allerdings äußert sie die Vermutung, ihr Ex-Mann könnte das Kind entführt haben, um zu verhindern, dass sie Jan mit nach Italien nimmt. Diese Theorie ist auf den ersten Blick gar nicht so unwahrscheinlich, denn zwischen den früheren Eheleuten herrscht eine erbitterte Feindschaft, bei der Jan als Spielball missbraucht wird. Außerdem befinden sich auf Köhlers Segelyacht Jans Teddy und sein Lieblingsbecher. Beide Gegenstände begleiten den Jungen, ohne sie geht er nirgendwo hin. 

Selbstsucht und Gefühlskälte bestimmen das Handeln


B&B erkennen rasch, dass es den Eltern nicht in erster Linie um das Wohl des Kindes geht, sondern darum, dem ehemaligen Partner zu schaden und ihm das Leben schwer zu machen. Ihre Befragungen ergeben allerdings auch, dass Jan Richard Lang auf die Nerven geht und er ihn auf keinen Fall mit nach Sardinien nehmen will. Auch er macht sich verdächtig. Je mehr Einzelheiten die Beamten über den Alltag der Familie Köhler herausfinden, desto mehr Personen kommen in Betracht, etwas mit Jans Verschwinden zu tun zu haben oder etwas darüber zu wissen. Zwei Dinge stehen jedoch fest: In der Verwandtschaft und Nachbarschaft der Familie gibt es praktisch niemanden ohne eine seelische Störung oder ein sonderbares Sozialverhalten. Ein besonderes Augenmerk haben die Beamten auf den einschlägig vorbestraften Nachbarn Seiler, den sie rasch verdächtigen, mit Kinderpornographie und Kindesmissbrauch zu tun zu haben. Auch ein bekannter Bauunternehmer und ein Justizbeamter geraten in den Fokus der Nachforschungen. Und: So sehr die Berner Kripo den Jungen sucht, es gibt keine brauchbare Spur, die zu ihm führt. Die Akten werden vorläufig geschlossen.

Kommissar Zufall bringt die Ermittlungen voran

 

Eineinhalb Jahre später wird Jans Leiche von zwei Kletterern in einer Felsspalte der Falkenfluh, einem Kletterberg zwischen Bern und Thun, gefunden. Noch vor der pathologischen Untersuchung ist klar, dass es sich um das vermisste Kind handeln muss, da der Junge einen auffälligen Pyjama trägt. Der Fall wird wieder aufgerollt, und die Ermittlungen nehmen Fahrt auf. Der Rechtsmediziner findet heraus, dass Jan wahrscheinlich erstickt wurde. Das Duo B&B hofft im Zuge einer Dienstreise, in Italien neue Erkenntnisse zu gewinnen. Der Fundort und die ungewöhnliche Körperhaltung des toten Kindes engen den Kreis der möglichen Täter deutlich ein.

Wie war's?


Der mit den Glasaugen ist ein Krimi, der sich einem Thema widmet, das so gut wie niemanden kalt lässt: Verbrechen an Kindern erschüttern auch dann, wenn man die Opfer nicht gekannt hat. So ist es auch hier. Die Autorin nutzt jedoch die Chancen, die dieses Delikt für den weiteren Verlauf bietet, nicht aus: Der Handlung fehlt es an Spannung, und der Verdacht, dass das Kind nicht mehr am Leben ist, drängt sich dem Leser bereits zu einem Zeitpunkt auf, als die Ermittler noch Hubschrauber und Mantrailer in die schweizerische Bergwelt schicken. Die Untersuchung der Alibis der dringend Verdächtigen und die Überprüfung aller Aussagen auf Unwahrheiten und Widersprüche werden erst begonnen, nachdem das tote Kind gefunden wird. Da drängt sich die Frage auf, warum man die letzten 18 Monate nicht sinnvoll genutzt und diese Basisarbeit erledigt hat. 
Wer den ersten Teil der Trilogie nicht gelesen hat, hat es mitunter schwer, sich in die Figuren hineinzuversetzen: Mehrere Beamte haben sehr spezielle Verhaltensmuster, die zunächst nur als schrullig wahrgenommen werden können. Was hinter ihnen steht, können sich die Leser im weiteren Verlauf zusammenreimen, wirklich verstehen kann man sie nicht.
Wer das Buch aufmerksam liest, stolpert immer wieder über Ungereimtheiten: Dass die Fassadenreinigung des Berner Polizeigebäudes auch nach eineinhalb Jahren noch in vollem Gange ist und einer der Kriminalbeamten verschiedenfarbige Pupillen haben soll, sind die kleineren Ungenauigkeiten. Ein Lektorat hätte der Handlung gutgetan. Auch ein Korrektorat hätte geholfen, die zahlreichen den Lesefluss bremsenden Kommafehler zu vermeiden und dem Genitiv eine Chance zu geben.

Der mit den Glasaugen ist bei tredition erschienen und als E-Book (2,99 €), Paperback (15,99 €) und Hardcover (23,99 €) erhältlich.