Posts mit dem Label Kind werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kind werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 6. August 2021

# 302 - Wie ein Leben zerstört wird - Die Geschichte einer Vergewaltigung

In ihrem ersten Roman Scham kennt Inès Bayard keine
Zurückhaltung und keine Tabus. Sie schildert gleich zu Beginn, wie eine kleine Pariser Familie ausgelöscht wird - von der Mutter Marie, die während einer gemeinsamen Mahlzeit zuerst ihren Mann Laurent, dann ihren kleinen Sohn Thomas und zum Schluss sich selbst vergiftet. Für sie und den kleinen Jungen kommt der Tod schnell, Laurent hingegen kann ihm knapp entkommen.

Was muss passieren, damit eine Frau solche eine Tat begeht? Inès Bayard beschreibt das Leben, das Marie und Laurent gelebt haben: Er ist erfolgreicher Anwalt, sie ist eine ebenfalls erfolgreiche Vermögensberaterin in einer Bank. Sie sind seit einigen Jahren verheiratet, und um ihr privates Glück komplett zu machen, fehlt ihnen nur noch ein Kind. Bis dahin ist alles fast schon klischeehaft normal.

Doch dann bekommt die Zweigstelle, in der Marie immer gern gearbeitet hat, einen neuen Generaldirektor, den sie während einer internen Konferenz kennenlernt. Er ist der Typ Mensch, der an das Führen von Mitarbeitern gewöhnt ist. Noch am selben Tag findet sie ihr Fahrrad, mit dem sie nach dem Feierabend nach Hause fahren wollte, zerstört vor. Doch da scheint Hilfe aus einer ungewohnten Richtung zu kommen: Ihr neuer Chef bietet ihr an, sie nach Hause zu fahren. Marie schafft es nicht, sein Angebot abzulehnen und mit der Metro zu fahren, und steigt in sein Auto.

Bei der Schilderung dessen, was nun passiert, fällt es schwer, das Buch nicht aus der Hand zu legen. Nicht, weil es schlecht geschrieben wäre; Bayard beschreibt so detailliert, wie Marie von ihrem Vorgesetzten in dessen Auto vergewaltigt wird, dass man beim Lesen gegen die Übelkeit ankämpfen muss. Die Drohung ihres Chefs, ihre und die Karriere ihres Mannes zu vernichten, sollte sie jemandem erzählen, was passiert ist, lässt sie verstummen. Die Polizei wird nie von dieser Tat erfahren.

Die Vergewaltigung zerstört Maries Leben und stellt alles infrage, was ihr bislang wichtig war. Laurent ist für sie nicht mehr der geliebte Ehemann mit seinen sexuellen Bedürfnissen, sondern jemand, der sich heimlich mit Pornos aufgeilt und nicht merkt, dass seine Frau während des Geschlechtsverkehrs Schmerzen hat und alles über sich ergehen lässt. Den Menschen, die ihr immer wichtig waren, fällt zwar Maries Wesensveränderung auf, aber niemand - auch nicht ihre Schwester, ihre Eltern oder enge Freunde - fragt nach. Die Ignoranz derjenigen, von denen Marie immer glaubte, dass sie ihr besonders nahe stünden, ist sehr irritierend und scheint dem Muster "Es kann nicht sein, was nicht sein darf" zu folgen.

Es gibt im Laufe der Handlung für Marie immer wieder Gelegenheiten, sich zu offenbaren, aber sie entschließt sich dann doch, zu schweigen. Warum? Aus Scham und der Angst, dass das Wissen der anderen um das, was ihr zugestoßen ist, ihren Blick auf die junge Frau verändern könnte.

Dann erfährt Marie, dass sie schwanger ist. Ihre Familie und Freunde freuen sich, aber sie ist verzweifelt: Ist es nicht völlig klar, dass das Kind von ihrem Vergewaltiger sein muss? Als der kleine Thomas geboren ist, empfindet Marie nur Abneigung. Sie lässt den Säugling verwahrlosen und denkt darüber nach, wie sie ihn töten könnte. Nichts soll sie mehr an das schrecklichste Ereignis ihres Lebens erinnern.

Ihr ist mittlerweile alles Zwischenmenschliche fremd geworden. An ihrem Arbeitsplatz ist sie isoliert, und am Verhalten einiger Frauen glaubt sie ablesen zu können, dass diese ebenfalls wie sie vergewaltigt wurden. Sollte man da nicht zusammenhalten und sich gegenseitig unterstützen? Die Abwehr der Frauen deutet sie nicht als ihren Irrtum, sondern als eine Verstörung, wie sie selbst empfindet.

Laurent wird misstrauisch und bittet einen befreundeten Arzt heimlich, einen DNA-Test zu machen. Sollte seine Frau fremdgegangen sein? Durch einen Zufall erfährt Marie davon. Nun steht ihr Plan fest.
Der Arzt spricht das Testergebnis auf Laurents Mailbox, als dieser bereits um sein Leben ringt.

Lesen?

Scham ist über weite Strecken harte Kost. Bayards Schreibstil ist unmittelbar, hart und direkt, wodurch man in das Geschehen hineingezogen, aber gleichzeitig auch abgestoßen wird. Die Gewalt, die Marie angetan wird, stellt Bayard plastisch, aber ohne Effekthascherei dar.

Leseempfehlung? Wem die geschilderten Szenen möglicherweise zu nahe gehen, sollte das Buch eher nicht lesen. Das, was Marie widerfahren ist, geht an einem nicht spurlos vorüber. Bayard ist es gelungen, die Zerrissenheit in Marie sichtbar zu machen und zu erklären, warum diese keinen Weg gefunden hat, sich jemandem anzuvertrauen.

Scham ist 2020 im Paul Zsolnay Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 22 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.

Freitag, 16. April 2021

# 286 - Eine zerstörte Kindheit in den 1970-ern

Der belgische Schriftsteller Dimitri Verhulst lässt in seine Romane viel aus seiner eigenen Biografie einfließen. Das ist in seinem 2011 erschienen Buch Die letzte Liebe meiner Mutter nicht anders.

Der Roman spielt in den 1970-er Jahren, als die Vorstellungen davon, wie Dinge zu sein hatten und wie man mit Problemen umging, sich deutlich von den heutigen unterschieden.
Im Mittelpunkt steht der elfjährige Jimmy. Seine Mutter Martine hat sich von ihrem Mann, einem gewalttätigen Säufer, der seinen Lohn in die nächste Kneipe trug, getrennt und ist schon kurze Zeit später eine neue Beziehung eingegangen: Wannes Impens ist Arbeiter bei VW, findet aber, dass er irgendwie nicht zu den einfachen Leuten dort gehört. Er zieht rasch bei Martine ein und lässt so das Leben bei seinen Eltern hinter sich. Dass zu der neuen Partnerschaft auch ein Kind gehört, nimmt er zunächst hin, entwickelt sich für ihn allerdings immer mehr zu einem Ärgernis. Daraus, dass er Jimmy für einen Störfaktor hält, macht Wannes keinen Hehl.

Martine sehnt sich nach einer bürgerlichen Normalität und blendet Wannes' unschöne Eigenschaften kurzerhand aus. Er ist für sie eine Art Erlöser, der sie aus der Armut in ein besseres Leben führt. Da liegt der Gedanke an einen gemeinsamen Urlaub nah, und Wannes bucht für die kleine Patchworkfamilie eine einwöchige Busreise in den Schwarzwald. Unterwegs ist er bemüht, den Mitreisenden eine heile Familie vorzugaukeln und schärft Jimmy ein, ihn nur mit "Vater" anzusprechen. Dem Jungen ist jedoch sonnenklar, dass er in der Gunst seines wahrscheinlich künftigen Stiefvaters nicht höher als eine Waldameise steht, und ignoriert Wannes' Ansagen. Zwischen den beiden wächst eine Feindschaft heran, die während des Urlaubs ihren Höhepunkt findet, als Jimmy in eine lebensgefährliche Situation gerät. Und dann trifft die schwangere Martine eine Entscheidung, die Jimmys Leben von Grund auf verändert und über die sich Wannes gefreut haben wird. Der Umstand, dass der Junge wie das Abbild seines Vaters aussieht, dürfte zu der verhängnisvollen Entwicklung beigetragen haben.

Lesen?

Verhulst schildert sehr authentisch das Leben der sog. "kleinen Leute" in Belgien während der 1970-er Jahre, das sich in Deutschland ganz ähnlich abgespielt hat. Alles, was den Anschein einer heilen Familie trüben könnte, wurde unter den Teppich gekehrt und der Wunsch, sich etwas leisten zu können, war immer präsent. Vorurteile waren durch praktisch nichts zu erschüttern, was insbesondere bei der Schilderung der Busfahrt durch das Steuerparadies Luxemburg mit seinen überteuerten Raststätten-Toiletten und Frankreich mit seinen Zollbeamten, die sich nach dem Verzehr eines schlechten Essens an den Touristen rächten, indem sie deren Autos akribisch durchsuchten, deutlich wird.

Die Handlung ist dann aber ziemlich abrupt an ihrem Ende angekommen, als Verhulst lässig die nächsten achtzig Jahre überspringt und auf den nun 91-jährigen Jimmy blickt. Kurz vor dem Ende seines Lebens kommt es zu einer Begegnung, auf die er seit Jahrzehnten gewartet hatte.

Lesen? Ja, denn das einzige, was man an diesem Roman vermisst, ist ein längerer Blick auf Jimmys Leben nach dem Schwarzwaldurlaub.

Die letzte Liebe meiner Mutter ist 2011 erstmals als E-Book im Luchterhand Verlag erschienen (siehe Coverfoto) und kostet 7,99 Euro. 2013 wurde bei btb eine broschierte Ausgabe zum Preis von 8,99 Euro herausgegeben.

Samstag, 3. November 2018

# 173 - Ein Kind wird gefunden, das niemand vermisst

Die Geschichte vom alten Kind ist das erste Buch der bekannten und mit mehreren Preisen ausgezeichneten Autorin Jenny Erpenbeck und mein erstes, das ich von ihr gelesen habe. Das Kuriose: Obwohl es eine Handlung, eine Spannungskurve oder ein anderes stilistisches Merkmal, das einen Roman normalerweise ausmacht, nicht gibt, übt es so etwas wie eine Anziehungskraft aus.

Wenig Handlung, viel Atmosphäre

 

Eines Nachts wird ein Mädchen auf der Straße gefunden. Außer einem leeren Blecheimer hat es nichts bei sich. Man erfährt nur, dass es vierzehn Jahre alt ist, sonst nichts. Da das Mädchen nicht als vermisst gemeldet wurde und sich auch keine Angehörigen ausfindig machen lassen, wird es in ein Heim gegeben. Dort wird ihm alles, was es hat, weggenommen, und es wird neu ausgestattet. Eine deutliche Zäsur, die den alten vom neuen Lebensabschnitt trennt.

Das namenlose Mädchen ist größer als alle anderen Gleichaltrigen im Heim und in der Schule, aber auf eine seltsame Art kraftlos. Seine Statur ist konturlos und schwammig, sein Gesicht nichtssagend und es spricht so gut wie nie. Die saloppe Redewendung "Wenn sie reinkommt, denkt man, jemand sei hinausgegangen" passt hier genau. Das Mädchen schwimmt mit den Mitbewohnern und -schülern mit und ist froh, auf der untersten Stufe der Gruppenhierarchie zu stehen: Ist man dort, muss man um nichts kämpfen. Doch bald merken die Gleichaltrigen, dass sein Verhalten einen Vorteil hat: Das, was dem Mädchen erzählt wird, versinkt in ihm wie in einem schwarzen Loch und es erfährt garantiert niemand anders davon; das, womit man es beauftragt, erledigt es, ohne zu protestieren oder Fragen zu stellen.
Ihre Unscheinbarkeit und gewissermaßen Unsichtbarkeit ermöglichen es dem Mädchen, Dinge zu sehen und zu erfahren, die allen anderen verborgen bleiben. Aber auch Beobachtungen, die bei anderen Menschen dazu geführt hätten, dass sie sie wenigstens einem anderen Menschen anvertraut hätten, sinken folgenlos in ihr Bewusstsein hinab.

Die Kraftlosigkeit und Müdigkeit des Mädchens nehmen immer stärker von ihm Besitz. Eines Morgens sind sie so übermächtig, dass sie nicht mehr aufstehen kann. Wenn man in einem Leben, das derart von Schwäche und Stille geprägt ist wie das dieses Mädchens, überhaupt von einem Wendepunkt sprechen kann, dann ist er jetzt gekommen.

Wie war's?

 

Geschichte vom alten Kind wurde nach seinem Erscheinen 1999 hoch gelobt. Jenny Erpenbeck ist mit diesem Buch ein Roman gelungen, der sich von den meisten abhebt, die mit einer nachvollziehbaren Handlung aufwarten können. Wer Lust hat, sich auf eine ungewöhnliche "Schreibe" einzulassen, der sollte dieses Buch lesen.
Geschichte vom alten Kind ist in der mir vorliegenden Taschenbuchausgabe 2001 bei btb zum Preis von 7,99 Euro erschienen. Als epub- oder Kindle-Edition kostet es 6,99 Euro.


Freitag, 22. September 2017

# 118 - Ex-Kommissar ist dem Mörder auf der Spur

Mitten in München: Ein Kind verschwindet

 

Friedrich Ani hat mit seinem neuesten Krimi Ermordung des Glücks den zweiten Band seiner Reihe um den Münchener Ex-Kommissar Jakob Franck veröffentlicht. Der erste Band Der namenlose Tag ist 2015 erschienen, und Ani bekam für dieses Buch 2016 den Deutschen Krimipreis. Die Erwartungen an den jüngsten Roman sind also hoch.

Ein langer Irrweg

 

An einem kalten, stürmischen und regnerischen Tag Mitte November verschwindet der elfjährige Lennard Grabbe spurlos auf dem Weg von der Schule nach Hause. Erst 34 Tage später wird seine Leiche gefunden. Der pensionierte Kommissar Jakob Franck hatte schon als aktiver Ermittler freiwillig eine Tätigkeit übernommen, die seine Kollegen bereitwillig an ihn abgegeben hatten: Er überbrachte Angehörigen von Mordopfern die Todesnachricht. Dabei ist es auch nach seiner Pensionierung geblieben, und so ist er es, der in das Café von Tanja und Stephan Grabbe kommt und den Eltern die schreckliche Nachricht vom Fund ihres toten Sohns überbringt. Doch dabei bleibt es nicht: Franck taucht auch in diesen Fall ein und ermittelt auf seine eigene und sehr spezielle Weise. 
Die Polizeiarbeit läuft auf Hochtouren: Der Fundort ist nicht der Tatort. Schnell ist klar, dass Lennard ganz in der Nähe der Schule getötet worden sein muss. An einem Baum werden dann auch tatsächlich Haare mit seiner DNA gefunden. Aber die Spurensuche ergibt ansonsten keine Erkenntnisse: Mehr als fünf Wochen nach der Tat bei ständig miserablem Wetter noch etwas Verwertbares finden zu können, gliche einem Sechser im Lotto. Die Frage bleibt im Raum: Wer vergreift sich an einem Jungen? Stammt der Täter aus dem Umfeld der Familie? Die Mordkommission der Münchener Kripo befragt 650 Menschen, die in der Nähe des mutmaßlichen Tatorts leben oder arbeiten, doch niemand hat eine Beobachtung gemacht, die der Polizei weiterhelfen würde.
Während die Ermittler nach Lennards Mörder suchen, wird immer deutlicher, dass der grausame Verlust des Kindes in der Familie Gräben wieder aufreißt, die viele Jahre lang verschüttet gewesen waren. Tanja Grabbe kommt mit dem Tod ihres Sohnes am schlechtesten zurecht. Lennards nun verwaistes Kinderzimmer wird für sie zu einer Art Schrein, in den sie sich physisch und psychisch zurückzieht und in Zwiesprache mit ihrem toten Sohn tritt. Ihr Mann Stephan hat hier keinen Zutritt, weder in den Raum noch in ihre Seele. Stephan fühlt neben der eigenen Verzweiflung und der zunehmenden Hilflosigkeit auch etwas anderes immer deutlicher: Auch nach etlichen Ehejahren kann er es mit Tanjas Bruder Maximilian Hofmeister nicht aufnehmen. Das Band zwischen seiner Frau und seinem Schwager ist so fest, dass er als Tanjas Ehemann immer nur eine Nebenrolle gespielt hat und spielen wird. Was Stephan nicht ahnt: Maximilian trägt schwer an einem grausamen Geheimnis, von dem nur Tanja weiß.

Gibt es den typischen Verdächtigen

 

Die Polizei ermittelt einen Verdächtigen, der bestens ins "Beuteschema" passt: Ein Versicherungsvertreter, der bis zum Umzug der Familie Grabbe zu ihren Nachbarn gehörte, hat Freude am Kontakt zu Kindern. Er bewunderte Lennards Fußballtalent und unterhielt sich gern mit ihm. Die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf ihn, die Presse nimmt den Faden gern auf. Letzten Endes reicht der Verdacht gegen den Mann jedoch nicht aus, um seine Untersuchungshaft zu verlängern. Doch er wird, kaum wieder in Freiheit, von jemandem erwartet, der nicht an seine Unschuld glaubt und das Recht in die eigenen Hände nehmen will. 
Der Mordfall erhält eine unerwartete Wendung, was insbesondere Francks Hartnäckigkeit und seiner besonderen Art, mit seinen Gesprächspartnern umzugehen, zu verdanken ist. Die Kripo muss sich an den Gedanken gewöhnen, dass es nicht nur eine Unschuldsvermutung gibt, sondern dass sie auch immer die Menschen als mögliche Täter im Fokus behalten sollte, denen sie eine solche Tat am wenigsten zutraut.

Lesen?

 

Ermordung des Glücks gehört nicht zu den Krimis, die nach einem klassischen Schema aufgebaut sind. Ex-Kommissar Franck ist ein Mann, dessen Psyche nach der jahrzehntelangen Beschäftigung mit menschlichen Abgründen zerrissen ist. Er ist nicht in der Lage, mit dem Polizeidienst abzuschließen und bringt seine besonderen Kompetenzen bei speziellen Fällen immer wieder ein. Von seiner sehr ungewöhnlichen Methode, sich einem Mord emotional zu nähern und dessen Untiefen auszuloten, weiß allerdings kaum jemand: Die von ihm als Gedankenfühligkeit bezeichnete Vorgehensweise eignet sich nicht für die Polizeischule, hat ihm aber in seinem Berufsleben zu vielen überraschenden Erkenntnissen verholfen. Allerdings nicht bei der Aufklärung des Mordes an Lennard Grabbe. Krimi-Fans, die sich auch dafür interessieren, wie sich extreme psychische Belastungen auf Menschen auswirken und wie diese darauf reagieren können, werden dieses Buch sicher mögen. Nach Lennard kommen zwei weitere Menschen ums Leben, brutal wird die Handlung dadurch aber nicht. 

Die Suche nach der Wahrheit beinhaltet auch, dass die Aufnahmen von Kameras, die die Gegend um den mutmaßlichen Tatort ausleuchten, in Augenschein genommen werden. Friedrich Ani zählt auf, von welchen Größenordnungen da die Rede ist: Im Münchener Stadtgebiet befinden sich insgesamt mehr als 9.000 Kameras, der Großteil davon gehört der Deutschen Bahn und den Verkehrsbetrieben. Im Einsatzzentrum der Polizei sitzen Beamte rund um die Uhr vor 32 Monitoren und melden ihren Kollegen, wenn sie etwas Verdächtiges wahrnehmen. Aber die Frage, wie groß die Chance ist, mithilfe dieser Kameras ein Verbrechen zu beobachten oder sogar zu verhüten, erhitzt immer wieder die Gemüter. Letztlich geht es um ein subjektives Sicherheitsgefühl, das die Geräte vermitteln; wie einzelne Studien belegen, hat eine Videoüberwachung im öffentlichen Raum keinen Einfluss auf die Verbrechensrate.

Ermordung des Glücks ist im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 20 Euro, als Kindle- oder epub-Edition 16,99 Euro sowie als CD-Hörbuch 15,95 Euro. Das Buch wurde mir von vorablesen zur Verfügung gestellt.

Samstag, 1. Juli 2017

# 106 - Ein Kind verschwindet

Eingespieltes Ermittlerteam stößt an seine Grenzen

 

Der mit den Glasaugen ist der zweite Teil einer Trilogie der schweizerischen Autorin Marta Monti, bei der wie schon im ersten Roman Auf ein Ewiges das Ermittlerduo Beta Bianca und Benno Bertschi (B&B) im Mittelpunkt steht. Sie und ihre Kollegen der Kriminalpolizei Bern müssen sich gleich zwei Themen stellen, die auch gestandenen Ermittlern an die Nieren gehen.

Wo ist Jan?

 

Alice Köhler hat ihren Mann verlassen und den fünfjährigen gemeinsamen Sohn Jan mitgenommen. Mit ihrem neuen Freund Richard Lang plant sie, nach Sardinien auszuwandern und dort ein neues Leben zu beginnen. Jan soll mitkommen, was weder das Kind noch dessen Vater will. Doch die Wünsche ihrer Mitmenschen lassen Alice Köhler kalt: Sie beeindruckt nicht durch ein mitfühlendes Wesen, sondern durch ihr blendendes Aussehen. Eines Abends bringt sie ihren Sohn ins Bett und verlässt das Haus, um sich mit ihrem Freund in einer Bar zu treffen. Nach ihrer Rückkehr ist das Kind unauffindbar. Mit ihrer Aussage, die offensichtliche Lügen enthält, gerät sie schnell in den Verdacht, etwas mit Jans Verschwinden zu tun zu haben. Allerdings äußert sie die Vermutung, ihr Ex-Mann könnte das Kind entführt haben, um zu verhindern, dass sie Jan mit nach Italien nimmt. Diese Theorie ist auf den ersten Blick gar nicht so unwahrscheinlich, denn zwischen den früheren Eheleuten herrscht eine erbitterte Feindschaft, bei der Jan als Spielball missbraucht wird. Außerdem befinden sich auf Köhlers Segelyacht Jans Teddy und sein Lieblingsbecher. Beide Gegenstände begleiten den Jungen, ohne sie geht er nirgendwo hin. 

Selbstsucht und Gefühlskälte bestimmen das Handeln


B&B erkennen rasch, dass es den Eltern nicht in erster Linie um das Wohl des Kindes geht, sondern darum, dem ehemaligen Partner zu schaden und ihm das Leben schwer zu machen. Ihre Befragungen ergeben allerdings auch, dass Jan Richard Lang auf die Nerven geht und er ihn auf keinen Fall mit nach Sardinien nehmen will. Auch er macht sich verdächtig. Je mehr Einzelheiten die Beamten über den Alltag der Familie Köhler herausfinden, desto mehr Personen kommen in Betracht, etwas mit Jans Verschwinden zu tun zu haben oder etwas darüber zu wissen. Zwei Dinge stehen jedoch fest: In der Verwandtschaft und Nachbarschaft der Familie gibt es praktisch niemanden ohne eine seelische Störung oder ein sonderbares Sozialverhalten. Ein besonderes Augenmerk haben die Beamten auf den einschlägig vorbestraften Nachbarn Seiler, den sie rasch verdächtigen, mit Kinderpornographie und Kindesmissbrauch zu tun zu haben. Auch ein bekannter Bauunternehmer und ein Justizbeamter geraten in den Fokus der Nachforschungen. Und: So sehr die Berner Kripo den Jungen sucht, es gibt keine brauchbare Spur, die zu ihm führt. Die Akten werden vorläufig geschlossen.

Kommissar Zufall bringt die Ermittlungen voran

 

Eineinhalb Jahre später wird Jans Leiche von zwei Kletterern in einer Felsspalte der Falkenfluh, einem Kletterberg zwischen Bern und Thun, gefunden. Noch vor der pathologischen Untersuchung ist klar, dass es sich um das vermisste Kind handeln muss, da der Junge einen auffälligen Pyjama trägt. Der Fall wird wieder aufgerollt, und die Ermittlungen nehmen Fahrt auf. Der Rechtsmediziner findet heraus, dass Jan wahrscheinlich erstickt wurde. Das Duo B&B hofft im Zuge einer Dienstreise, in Italien neue Erkenntnisse zu gewinnen. Der Fundort und die ungewöhnliche Körperhaltung des toten Kindes engen den Kreis der möglichen Täter deutlich ein.

Wie war's?


Der mit den Glasaugen ist ein Krimi, der sich einem Thema widmet, das so gut wie niemanden kalt lässt: Verbrechen an Kindern erschüttern auch dann, wenn man die Opfer nicht gekannt hat. So ist es auch hier. Die Autorin nutzt jedoch die Chancen, die dieses Delikt für den weiteren Verlauf bietet, nicht aus: Der Handlung fehlt es an Spannung, und der Verdacht, dass das Kind nicht mehr am Leben ist, drängt sich dem Leser bereits zu einem Zeitpunkt auf, als die Ermittler noch Hubschrauber und Mantrailer in die schweizerische Bergwelt schicken. Die Untersuchung der Alibis der dringend Verdächtigen und die Überprüfung aller Aussagen auf Unwahrheiten und Widersprüche werden erst begonnen, nachdem das tote Kind gefunden wird. Da drängt sich die Frage auf, warum man die letzten 18 Monate nicht sinnvoll genutzt und diese Basisarbeit erledigt hat. 
Wer den ersten Teil der Trilogie nicht gelesen hat, hat es mitunter schwer, sich in die Figuren hineinzuversetzen: Mehrere Beamte haben sehr spezielle Verhaltensmuster, die zunächst nur als schrullig wahrgenommen werden können. Was hinter ihnen steht, können sich die Leser im weiteren Verlauf zusammenreimen, wirklich verstehen kann man sie nicht.
Wer das Buch aufmerksam liest, stolpert immer wieder über Ungereimtheiten: Dass die Fassadenreinigung des Berner Polizeigebäudes auch nach eineinhalb Jahren noch in vollem Gange ist und einer der Kriminalbeamten verschiedenfarbige Pupillen haben soll, sind die kleineren Ungenauigkeiten. Ein Lektorat hätte der Handlung gutgetan. Auch ein Korrektorat hätte geholfen, die zahlreichen den Lesefluss bremsenden Kommafehler zu vermeiden und dem Genitiv eine Chance zu geben.

Der mit den Glasaugen ist bei tredition erschienen und als E-Book (2,99 €), Paperback (15,99 €) und Hardcover (23,99 €) erhältlich.