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Sonntag, 23. August 2026

# 515 - Last Exit Heidelberg

Man kennt das: Man sitzt in einem Restaurant und der Blick fällt auf ein Paar im Seniorenalter, das vermutlich sein halbes Leben miteinander verheiratet ist. Doch anstatt die Atmosphäre und das Essen zu genießen, schweigen sich die beiden an und sehen aneinander vorbei. Unwillkürlich denkt man: "Du lieber Himmel, ist das trostlos. Hoffentlich passiert mir das nicht irgendwann."

Genau so ein Paar sind Isolde und Bertram aus Oldenburg in Heinz Strunks Roman Memories of Heidelberg. Beide sind eher unauffällig, Bertram wird in einem Jahr pensioniert, Kinder scheinen sie nicht zu haben. Als Isoldes Mutter die Familie zu ihrem 80. Geburtstag einlädt, machen sie sich auf den Weg nach Heidelberg, um mit der Seniorin zu feiern. Doch die alte Dame erkrankt schwer und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Aus dem geplanten einwöchigen Urlaub werden regelmäßige Besuche am Krankenbett.

Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit buchen sie eine Suite in einem sündhaft teuren Hotel mit Blick auf den Neckar. Doch Bertrams Hoffnungen, dass sich der Nobelschuppen positiv auf ihre Beziehung auswirken könnte, werden enttäuscht. Isolde, die schon vor einiger Zeit klargemacht hatte, dass sie mit dem Sex abgeschlossen hat, ist von ihrem Gatten abwechselnd genervt und enttäuscht. Nur selten flackert in ihrem Verhalten eine Andeutung ihrer Zuneigung zu Bertram auf. Doch das sind nur kurze Episoden. Sie genügen allerdings, um Bertrams Hoffnung zu nähren, dass zwischen ihnen alles irgendwann wieder gut wird.

Die frustrierende Ehe hat bei Bertram Spuren hinterlassen: Das Essen ist zu seiner großen Leidenschaft geworden. Je mehr Fleisch auf dem Teller ist, umso besser. Er isst, wann immer sich eine Gelegenheit ergibt. Bertram macht sich nichts vor: Die Fresserei hat sich unübersehbar auf seinen Körperumfang ausgewirkt. Es fällt ihm immer schwerer, seine 120 Kilo zu bewegen.

Man ahnt es: Das Hotel hält nicht ansatzweise, was sich Isolde und Bertram erhofft hatten. Doch sie halten den nicht vorhandenen Service trotz des hohen Preises aus. Sie halten auch den abendlichen Gang auf ein nahe gelegenes Schiffsrestaurant aus, das von einer italienischen Familie betrieben wird. Bewirtung und Atmosphäre werden Abend für Abend schlechter, aber Bertram lässt sich von seiner Frau immer wieder breitschlagen, ein weiteres Mal dort zu essen. Aus einem Lautsprecher plärrt die immer gleiche Schleife aus Italo-Pop, die - wie ein Ausreißer - vom Schlager "Memories of Heidelberg" gekrönt wird; einem Lied, das 1968 von Peggy March gesungen wurde. Die Situation, die von Anfang an belastend war, eskaliert zu einer Katastrophe, als Bertram alles zu viel wird und er beschließt, zum Gegenschlag auszuholen.

Lesen?

Mit Memories of Heidelberg hat es Heinz Strunk ein weiteres Mal geschafft, eine im Grunde ereignisarme Handlung in einen Pageturner zu verwandeln. Der Roman ist mit rd. 110 Seiten (E-Book) zwar kurz, aber schon bald möchte man die Protagonisten am liebsten schütteln und ihnen zurufen: "Himmel nochmal, macht etwas aus eurem Leben!" Statt dessen blättert man um und denkt: "Du lieber Himmel, ist das eine trostlose Ehe. Hoffentlich passiert mir das nicht irgendwann." Genau wie beim Anblick solcher Isolde-und-Bertram-Paare im realen Leben.
Strunk lässt jedoch trotz allem keine Resignation aufkommen, sondern beschreibt die Situation mit Empathie und Humor.

Memories of Heidelberg ist zu Recht für den Deutschen Buchpreis 2026 nominiert.
Der Roman ist 2026 im Rowohlt Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 23 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.

Nachtrag
Wem der exzessive Fleischkonsum und die Affinität zu Schlagern bekannt vorkommt: Beides nimmt in Heinz Strunks erstem Roman Fleisch ist mein Gemüse (2004) seinen Anfang.

Sonntag, 8. September 2024

# 451 - Szenen einer verzweifelten Ehe

Wie kann man Furchtbares mit poetischen Worten beschreiben? Nassira Belloula gelingt dies in ihrem Roman Marias Zitronenbaum auf eine so empathische Weise, dass man beim Lesen das trostlose Leben der Protagonistin Maria als Ehefrau und Mutter und ihren Weg in Depression und Wahn buchstäblich nachfühlen kann. 

Maria ist gläubige Muslima und lebt mit ihrer Familie in Algerien. Bis sie sechzehn Jahre alt war ist sie behütet und von ihren Eltern geliebt am Mittelmeer aufgewachsen. Doch dann wird sie an einen fremden Mann verheiratet. Sie weiß nichts vom Leben und nichts von Sexualität. Das junge Mädchen, das die Natur und die Weite des Himmels liebt, muss mit ihrem Mann in die Stadt ziehen, wo es niemanden kennt. Am Tag nach der Hochzeit eröffnet er der frisch Verheirateten, was sie ab jetzt nicht mehr darf: Jede Art von Kontakt mit der Außenwelt ist ihr verboten, sogar der Blick aus dem Fenster. Das Haus darf sie nur in Begleitung ihres Mannes verlassen. Alles, was ihre Persönlichkeit ausmacht, will er auslöschen. 

Maria leidet, aber sie widerspricht nicht. Sie hält sich strikt an die Vorgaben des Korans: Wenn sie ihre Rolle als Ehefrau und Mutter erfüllt, wird sie nach ihrem Tod ins Paradies eintreten. Dort wird sie Ali wiedersehen, ihre große und längst verstorbene Liebe. Maria erträgt die Schmähungen ihres Mannes und dass sie von ihren Kindern für ihre angebliche Prüderie und Rückständigkeit ausgelacht wird.

Aber dann sieht Maria dreißig Jahre nach ihrer Heirat zufällig die Fernsehpredigt eines jungen Imams. Was sie da hört, lässt sie zusammenbrechen:
"[...]E
s hieß, dass die fromme, hingebungsvolle und gläubige Ehefrau von Allah belohnt werden wird, dass sie ins Paradies eintreten und dort ihren Mann wiederfinden wird für alle Ewigkeit. Er sagte auch, dass sie ihn ohne Eifersucht oder Zank mit Ehefrauen und Houris teilen werde, eine nach der anderen. Ein Paar wird sich nicht mehr voneinander abwenden können, und eine Stunde dauert dort so lange wie siebzig Jahre auf der Erde. So ist das Paradies konzipiert."

Der Albtraum soll also für alle Ewigkeit weitergehen? Maria beschließt zum Entsetzen ihrer Töchter ihren Mann zu verlassen. Ihre Kinder glaubten bis zu diesem Zeitpunkt daran, dass ihre Eltern eine einvernehmliche und harmonische Beziehung führen würden. Doch nun erkennen sie, wie falsch sie die Situation beurteilt und wie sehr sie ihrer Mutter Unrecht getan haben.

Lesen?

Marias Zitronenbaum schont seine Leserinnen und Leser nicht. Stellen wie "Dieser Ehemann, der unter Schmerzen geehrt wird, um die Schriften nicht zu missachten. In der Religion heißt es, dass der Körper der Frau für den Mann ein Acker zum Pflügen ist", deuten bildlich an, was da jede Nacht im Ehebett geschieht. 

Nassira Belloula stellt außerdem fest: "Seit Anbeginn der Zeit hat das patriarchalische System ein Echo in der Religion gefunden und Gott zu einem Verbündeten in dieser unerbittlichen Entfremdung gegen alles Weibliche gemacht. So lebt dieses System fort, indem es seine Kraft aus dem Penis und nicht aus dem Gehirn bezieht, und jede weibliche Stimme, die aus dem Chaos herauskommen will, unterdrückt und zerstört."

Diese deutlichen Worte der algerischen Feministin, Journalistin und Schriftstellerin Belloula bringen es auf den Punkt, wie das System der Unterdrückung der Frauen funktioniert. Die Religion (nicht nur der Islam) und ihre Schriften sind hierfür der Türöffner. Marias Zitronenbaum beschreibt ein Beispiel von vielen.

Marias Zitronenbaum ist 2021 im Verlag Donata Kinzelbach erschienen (Übersetzung: Tina Aschenbach) und kostet 20 Euro.

Nachtrag: Wenn ihr mehr über Donata Kinzelbach und ihren Verlag in Mainz erfahren möchtet, empfehle ich euch dieses 🠞 Interview, das ich vor einiger Zeit mit ihr geführt habe. Dort werden auch weitere Bücher genannt, die ich in meiner Bücherkiste bereits vorgestellt habe.

 

Freitag, 8. Juli 2022

# 355 - Ein großer Roman über ein hundertjähriges Leben

Die chilenisch-amerikanische Erfolgsautorin Isabel Allende ist in ihrem neuesten Roman Violeta einem vertrauten Muster treu geblieben: Sie setzt sich auch hier für die Rechte der Frauen ein und hat folgerichtig eine Frau in den Mittelpunkt gestellt.

Violeta del Valle wird 1920 als jüngstes Kind einer bürgerlichen Familie in Südamerika geboren. Zu dieser Zeit bahnt sich die Spanische Grippe ihren Weg in ihre Heimat. Der Vater handelt jedoch vorausschauend und schickt die ganze Familie in häusliche Quarantäne. Alle überleben, aber die später folgende Weltwirtschaftskrise bricht ihnen finanziell das Genick. Die Schande treibt den Vater in den Selbstmord, die Familie ist nun nahezu mittelos. 

Violetas älterer Bruder schickt seine Schwester, die Mutter, die Tanten und das britische Kindermädchen in das wilde Hinterland, wo sie bei einem älteren Lehrerehepaar unterkommen. Die Lebensverhältnisse sind sehr einfach, doch die Familie gewöhnt sich irgendwann daran. Hier wächst Violeta zu einer jungen Frau heran, die ihrem Herzen folgt. Sie heiratet einen wohlhabenden deutschen jungen Mann und kommt so mit dem Nationalsozialismus in Berührung. Doch diese Ehe soll nicht ihre einzige bleiben.

Isabel Allende hat ihren Roman als Violetas Brief an ihren Enkel Camilo angelegt, in dem diese nicht nur über die Höhen und Tiefen schreibt, die sie im Laufe der Jahrzehnte erlebt hat, sondern auch historische Begebenheiten einflicht. Violeta entwickelt sich von einem Anhängsel ihres ersten Mannes zu einer eigenständigen Frau, die ihr eigenes Geld verdient, häusliche Gewalt erlebt und dagegen ankämpft. Immer wieder werden gesellschaftliche Themen aufgegriffen wie z. B. der Kampf der Frauen um das Wahlrecht und ein selbstbestimmtes Leben.

Violeta enthält unübersehbare Parallelen zu Allendes eigener Geschichte: Die Schriftstellerin ist zum dritten Mal verheiratet, hatte etliche Affären und hat ebenso wie ihre Protagonistin ein Kind verloren. Sogar die Situation, wegen einer Krise flüchten zu müssen, hat Allende selbst erlebt.

Lesen?

Violeta ist ein großer Familienroman, der in einer Pandemie beginnt und hundert Jahre später, kurz vor Violetas Tod, in einer anderen - der heutigen - Pandemie endet. Allende beschreibt Violeta sehr facettenreich, in Bezug auf deren Kinder sind allerdings nur wenige tiefe Emotionen spürbar. Violeta kümmert sich zwar um sie, doch das Verhältnis zu ihnen wirkt distanziert.

Der Schreibstil des Romans wirkt etwas irritierend: So, wie Allende formuliert, würde man nicht einen persönlichen Brief schreiben. Mit Ausnahme einiger hin und wieder eingestreuter Passagen, in denen Violeta ihren Enkel direkt anspricht, passt die Wortwahl zu einer romanhaften Erzählung, aber nicht zu einem persönlichen und sehr privaten Schriftstück. Davon unabhängig ist das Buch sehr lesenswert und bietet einen tiefen Einblick in die Geschichte Südamerikas während der letzten einhundert Jahre.

Violeta ist 2022 im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 26 Euro, als E-Book 21,99 Euro sowie als Hörbuch-Download 18,95 Euro.


Freitag, 14. Januar 2022

# 322 - Geht es "nur" um Geld?

Wir sind im Jahr 2022. 60 Prozent der Frauen
überlassen Geldangelegenheiten ihren Männern, drei Viertel von ihnen bereuen es später - wenn ihr Mann verstirbt oder sich scheiden lassen will. Das ist die Realität: Zu viele Frauen begeben sich ohne Not in eine finanzielle Abhängigkeit, obwohl die Zeiten, in denen sie nur mit der Erlaubnis ihres Gatten Geldgeschäfte tätigen durften, seit 1958 vorbei sind. 

Das neueste Buch der Volkswirtin und Finanzjournalistin Birgit Wetjen Just Money ist als Aufruf insbesondere an junge Frauen zu verstehen, sich selbst um ihre Finanzen zu kümmern und die Verantwortung für ihren Vermögensaufbau und ihre Altersvorsorge aktiv in die Hand zu nehmen.

Bigit Wetjen ist etwa so alt wie ich (Mitte 50), und beim Lesen ihres Buches habe ich oft bestätigend genickt, wenn sie schilderte, wie sie in ihrer Jugend den Umgang der damaligen Frauen mit Geld erlebt hat. Der Mann war der Verdiener, viele Frauen bekamen Haushaltsgeld zugeteilt und mussten um Geld bitten, wenn sie etwas nur für sich kaufen wollten. Frauen aus der Generation unserer Eltern hatten die in der NS-Zeit beschworene Rollenteilung in den Familien nahtlos in die Nachkriegszeit hinübergerettet und vertraten reflexhaft die Meinung, dass Männer der kompetentere Teil der Menschheit sind - ohne allerdings entsprechende Erfahrungen gemacht zu haben.

Wetjens Buch kann dazu beitragen, solche Automatismen, die es trotz der Fortschritte bei der Gleichberechtigung immer noch gibt, zu durchbrechen. In fünf Kapiteln beschreibt die Autorin, in welche Fallen Frauen (immer noch) laufen; ganz vorn ist die "Romantikfalle", die häufig bei der Hochzeit, aber spätestens mit der Geburt des ersten Kindes zuschnappt. Die Finanzexpertin hält ihren Leserinnen den Spiegel vor und gibt sinnvolle Tipps, wie Frau ihr Leben selbst in die Hand nimmt. Da geht es um das Erkennen und Auflösen von Glaubenssätzen, das Vertreten des eigenen Standpunkts, die Planung der eigenen beruflichen Laufbahn, ohne das eigene Licht unter den Scheffel zu stellen und den Abschied von der "Rabenmutter" - einem Begriff, den es laut Wetjen nur in der deutschen Sprache gibt.

Zu vielen Inhalten bietet Just Money Checklisten oder Übersichten an. Das Buch eignet sich auch für Leserinnen, die sich bislang nicht um ihre eigenen Finanzen gekümmert haben und zeigt, dass der Aufbau eines soliden Vermögens keine Raketenwissenschaft ist, sondern schlicht und einfach nötig - damit man nicht zu den Frauen gehört, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, um irgendwie über die Runden zu kommen. Es wird sehr deutlich, dass finanzielle Sicherheit gleichbedeutend mit Unabhängigkeit ist. Darauf sollte keine Frau verzichten.

Die Zielgruppe des Buches sind wie schon erwähnt junge Frauen, die am Beginn ihrer Berufstätigkeit stehen und/oder eine Familie gründen wollen. Von vielem, worüber Wetjen schreibt, profitieren jedoch auch Frauen, die ihren Beruf schon eine Weile ausüben. Darum: Leseempfehlung für die meisten Frauen!

Just Money ist 2021 im Goldegg Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 18 Euro.


Nachtrag: Hier könnt ihr Birgit Wetjen in einem Interview für das Börsenmagazin Der Aktionär aus dem Jahr 2019 sehen. Frauen und Finanzen beschäftigen sie schon länger.

Donnerstag, 23. September 2021

# 309 - Lodert in dieser Ehe noch eine Flamme oder ist es nur noch ein letztes Glimmen?

In ihrem neuen Roman Der Brand steht ein seit fast dreißig Jahren verheiratetes Paar im Mittelpunkt: Peter ist ein 55-jähriger Germanistik-Professor, Rahel eine 49-jährige Psychotherapeutin. Sie leben in Dresden, aber während der drei Wochen, um die es hier geht, ist Dresden weit weg. Was nicht weit weg ist, ist "das Virus": Die Handlung spielt mitten in der Covid 19-Pandemie, wird aber nicht von ihr dominiert.

Peter und Rahel hatten eigentlich geplant, in die bayerischen Alpen zu fahren. Ein Wanderurlaub sollte es werden. Doch die einsam gelegene Ferienhütte brennt kurz vor ihrer Abreise ab. Just in diesem Moment meldet sich Ruth, eine alte Freundin, und bittet um ihre Hilfe: Ihr Mann Viktor hat einen Schlaganfall erlitten und muss für die nächsten drei Wochen in eine Rehaklinik. Sie, Ruth, wird ihn begleiten. Ob Peter und Rahel sich währenddessen wohl um das Haus in Dorotheenfelde kümmern können?

Das Paar kann den Freunden diese Bitte nicht abschlagen und fährt in die Uckermark, um sich um das etwas marode Haus, den Garten und die Tiere - vom flügellahmen Storch bis zur einohrigen Katze - zu kümmern. Es ist das Kontrastprogramm zu dem, was sie ursprünglich vor hatten: keine Wanderferien mit einem hohen Ablenkungspotenzial, sondern ein Aufenthalt in einem Haus in Alleinlage ohne Ablenkung. 

Die Situation bringt Rahel und Peter dazu, sich mit sich selbst und ihrer Partnerschaft zu beschäftigen. Die Leidenschaft zwischen ihnen ist längst erloschen, sie leben schon seit einer Weile wie Bruder und Schwester miteinander. Aber Rahel will sich nicht damit abfinden: Sie hat Angst davor, nicht mehr begehrt und mit der Zeit nur noch als ältliche Oma wahrgenommen zu werden - als ein Mensch, der niemandem mehr auffällt.

Doch Peter verübelt seiner Frau, nicht zu ihm gehalten zu haben, als er ihren Rückhalt gebraucht hätte: Er hatte in einer Vorlesung Olivia P., die als nicht-binär angesehen werden wollte, immer wieder als Frau bezeichnet, woraufhin diese einen Shitstorm gegen ihren Professor initiierte. Peter war die Situation unverständlich geblieben, die Reaktion seiner Frau empfand er als Verrat. "Nenn sie doch einfach, wie sie will!", hatte Rahel gesagt.

Daniela Krien unterteilt ihren Roman in die einzelnen Tage der drei Wochen in Dorotheenfelde. Man erfährt, dass die immer sehr korrekte Ruth mit Rahels bereits verstorbener Mutter Edith befreundet war, Ediths Mutterqualitäten jedoch sehr zu wünschen übrig ließen. Das Wissen, wer Rahels Vater ist, hat Edith mit ins Grab genommen. Aber nun, während Peter und Rahel zum ersten Mal allein in Ruths und Viktors Haus sind, kommen alte Erinnerungen an die Oberfläche. Und eine von ihnen verfestigt sich zu einer Ahnung, wer Rahels Vater sein könnte. Als Rahel sich in Viktors Atelier umsieht und einige Kunstwerke findet, sieht sie ihre Vermutung bestätigt.

Die Ruhe wird jäh von der Ankunft der Tochter Selma und deren beiden kleinen Söhnen unterbrochen. Rahel fühlt sich Selma gegenüber schuldig, weil sie und Peter das Kind schon als Säugling lange bei der Großmutter untergebracht und es nur selten besucht hatten, weil sie selbst in Ruhe studieren wollten. Das egozentrische und sprunghafte Verhalten der erwachsenen Selma ordnet Rahel als frühkindliche Bindungsstörung ein. Das ändert nichts daran, dass Rahel ihre Tochter als anstrengend empfindet - was zu den nächsten Schuldgefühlen ihr gegenüber fühlt.

Der Sohn Simon lebt ein Leben, das seine Eltern nicht nachvollziehen können, das sie aber schweren Herzens akzeptiert haben: Er ist Offiziersanwärter an der Bundeswehruni und will sich zum Heeresbergführer ausbilden lassen. Die Entscheidung für diesen Berufsweg ist für seine Eltern kaum nachvollziehbar.

Lesen?

Der Brand beleuchtet, was sich in vielen Partnerschaften abspielt, wenn die Kinder erwachsen und "aus dem Haus" sind. Das Kümmern um den Nachwuchs fällt weg, an seine Stelle tritt häufig eine sprachlose Leere, die die Bruchstellen einer Beziehung offenlegt. So ist es auch bei Rahel und Peter. Doch in ihrer Geschichte geht es nicht nur um die gemeinsame Vergangenheit, sondern um Beständigkeit, die sich hier nicht nur im positiven Sinne zeigt, sondern auch als rückwärtsgewandtes Verhalten und dem Festhalten am Vergangenen: Manches, was heute als modern gilt, erschließt sich ihnen nicht und bleibt ihnen fremd.

Daniela Kriens klare und strukturierte Sprache verleiht dem Roman eine eigentümliche Atmosphäre, die zwischen Verzweiflung, Trauer und Ratlosigkeit einerseits sowie Zuversicht, Hoffnung und Liebe andererseits pendelt. Leseempfehlung!

Der Brand ist 2021 im Diogenes Verlag erschienen und kostet 22 Euro.

Freitag, 16. April 2021

# 286 - Eine zerstörte Kindheit in den 1970-ern

Der belgische Schriftsteller Dimitri Verhulst lässt in seine Romane viel aus seiner eigenen Biografie einfließen. Das ist in seinem 2011 erschienen Buch Die letzte Liebe meiner Mutter nicht anders.

Der Roman spielt in den 1970-er Jahren, als die Vorstellungen davon, wie Dinge zu sein hatten und wie man mit Problemen umging, sich deutlich von den heutigen unterschieden.
Im Mittelpunkt steht der elfjährige Jimmy. Seine Mutter Martine hat sich von ihrem Mann, einem gewalttätigen Säufer, der seinen Lohn in die nächste Kneipe trug, getrennt und ist schon kurze Zeit später eine neue Beziehung eingegangen: Wannes Impens ist Arbeiter bei VW, findet aber, dass er irgendwie nicht zu den einfachen Leuten dort gehört. Er zieht rasch bei Martine ein und lässt so das Leben bei seinen Eltern hinter sich. Dass zu der neuen Partnerschaft auch ein Kind gehört, nimmt er zunächst hin, entwickelt sich für ihn allerdings immer mehr zu einem Ärgernis. Daraus, dass er Jimmy für einen Störfaktor hält, macht Wannes keinen Hehl.

Martine sehnt sich nach einer bürgerlichen Normalität und blendet Wannes' unschöne Eigenschaften kurzerhand aus. Er ist für sie eine Art Erlöser, der sie aus der Armut in ein besseres Leben führt. Da liegt der Gedanke an einen gemeinsamen Urlaub nah, und Wannes bucht für die kleine Patchworkfamilie eine einwöchige Busreise in den Schwarzwald. Unterwegs ist er bemüht, den Mitreisenden eine heile Familie vorzugaukeln und schärft Jimmy ein, ihn nur mit "Vater" anzusprechen. Dem Jungen ist jedoch sonnenklar, dass er in der Gunst seines wahrscheinlich künftigen Stiefvaters nicht höher als eine Waldameise steht, und ignoriert Wannes' Ansagen. Zwischen den beiden wächst eine Feindschaft heran, die während des Urlaubs ihren Höhepunkt findet, als Jimmy in eine lebensgefährliche Situation gerät. Und dann trifft die schwangere Martine eine Entscheidung, die Jimmys Leben von Grund auf verändert und über die sich Wannes gefreut haben wird. Der Umstand, dass der Junge wie das Abbild seines Vaters aussieht, dürfte zu der verhängnisvollen Entwicklung beigetragen haben.

Lesen?

Verhulst schildert sehr authentisch das Leben der sog. "kleinen Leute" in Belgien während der 1970-er Jahre, das sich in Deutschland ganz ähnlich abgespielt hat. Alles, was den Anschein einer heilen Familie trüben könnte, wurde unter den Teppich gekehrt und der Wunsch, sich etwas leisten zu können, war immer präsent. Vorurteile waren durch praktisch nichts zu erschüttern, was insbesondere bei der Schilderung der Busfahrt durch das Steuerparadies Luxemburg mit seinen überteuerten Raststätten-Toiletten und Frankreich mit seinen Zollbeamten, die sich nach dem Verzehr eines schlechten Essens an den Touristen rächten, indem sie deren Autos akribisch durchsuchten, deutlich wird.

Die Handlung ist dann aber ziemlich abrupt an ihrem Ende angekommen, als Verhulst lässig die nächsten achtzig Jahre überspringt und auf den nun 91-jährigen Jimmy blickt. Kurz vor dem Ende seines Lebens kommt es zu einer Begegnung, auf die er seit Jahrzehnten gewartet hatte.

Lesen? Ja, denn das einzige, was man an diesem Roman vermisst, ist ein längerer Blick auf Jimmys Leben nach dem Schwarzwaldurlaub.

Die letzte Liebe meiner Mutter ist 2011 erstmals als E-Book im Luchterhand Verlag erschienen (siehe Coverfoto) und kostet 7,99 Euro. 2013 wurde bei btb eine broschierte Ausgabe zum Preis von 8,99 Euro herausgegeben.

Sonntag, 11. August 2019

# 207 - Hochverrat, um die Familie zu schützen?

Karen Cleveland hat acht Jahre als Analystin für die
CIA in der Abteilung Russland gearbeitet, bevor sie ihren ersten Roman Wahrheit gegen Wahrheit schrieb. 

Die Hauptfigur Vivian Miller hat starke Ähnlichkeit mit der Autorin: Auch sie arbeitet als Analystin in der Spionageabwehr der CIA, ebenfalls in der Abteilung Russland. Vivian ist seit zehn Jahren mit Matt, einem IT-Experten, verheiratet, hat mit ihm vier Kinder und lebt in der Nähe von Washington D. C. Sie ist dabei, mithilfe eines Algorithmus' ein Netzwerk von russischen Agenten zu enttarnen, als ihr eine Datei mit Fotos von Schläfern in die Hände fällt. Einer davon ist ausgerechnet ihr eigener Mann.

Vivians bislang so heile Welt gerät ins Wanken. Matt gibt ihr gegenüber zu, in Wolgograd geboren worden zu sein, mit richtigem Namen Alexander zu heißen und seit 22 Jahren als russischer Spion tätig zu sein. Er beteuert jedoch, sie und die Kinder aufrichtig zu lieben und alles tun zu wollen, um die Familie vor dem russischen Geheimdienst SWR zu beschützen. Aber der Stachel des Misstrauens sitzt bei Vivian tief. Wie soll sie ihrem Mann je wieder vertrauen können, wenn er ihr bis jetzt seine Identität verheimlicht hat?

Doch im selben Moment stellen sich Vivian ganz existenzielle Fragen: Es wäre zwar ihre Pflicht, ihren Mann dem CIA zu melden, aber wie soll es dann mit der Familie weitergehen? Auch sie würde in die Ermittlungen hineingezogen werden, müsste damit rechnen, ihren Job zu verlieren und damit nicht nur ihr Gehalt, sondern auch ihre Krankenversicherung, die ihre Kinder einschließt. 

Von ihrem Vorgesetzten bekommt Vivian den Hinweis, dass sich unter ihren Kollegen ein Maulwurf befindet. Wird sie selbst verdächtigt? Und wem kann sie noch trauen? Ihre Situation verschärft sich, als der SWR beginnt, sie zu erpressen.

Karen Cleveland bringt nicht nur den wirtschaftlichen Aspekt dieses Szenarios zur Sprache, sondern schildert auch, wie tief der Riss ist, der sich nach dieser Entdeckung zwischen den Eheleuten auftut. Die Gefühle pendeln zwischen Misstrauen und Hoffnung hin und her. Vivian beginnt nun, mit neuen Augen auf ihre Ehe zurückzublicken: Hatte Matt nicht immer wieder ihre Bedürfnisse ignoriert? Wurde sie nicht von ihm manipuliert, wenn es galt, Entscheidungen zu treffen?

Wie war's ?

 

Wahrheit gegen Wahrheit wird vom Verlag als Thriller bezeichnet. Das Buch hat unbestritten spannende Abschnitte, aber echter Thrill kommt leider nicht auf. Manche Handlungen sind vorhersehbar, ein starker Schwerpunkt liegt auf den psychischen Ausnahmezuständen, in denen sich die Familie befindet. Das Buch ist insgesamt gut, wird aber den Erwartungen, die durch die Lobeshymnen, die zu seiner Veröffentlichung angestimmt wurden, nicht gerecht. 

Wahrheit gegen Wahrheit  ist 2018 bei btb erschienen, kostet als Klappenbroschur 12 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro.
Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir das Buch zur Verfügung gestellt hat.

 

Sonntag, 19. Mai 2019

# 197 - Mein Ausflug in die Welt der "Frauenbücher"

Auf das heutige Buch bin ich auf Umwegen gestoßen.
Normalerweise hätte ich mich nicht dafür interessiert. Aber ich hatte zufällig eine Talkshow gesehen, in der die Gäste erzählten, wie sie selbst dem Bösen in sich begegnet sind. Unter ihnen war Wiebke Lorenz, deren Psyche als Folge jahrelanger Belastungen und Schicksalsschläge verrückt gespielt hatte, sodass sie sich selbst nicht mehr über den Weg traute.

Wiebke Lorenz wurde als Bestsellerautorin vorgestellt. Mir sagte der Name allerdings gar nichts. Wie konnte es sein, dass mir noch nie Titel von ihr aufgefallen waren, obwohl ich mich doch viel mit Büchern beschäftige? Es war davon die Rede, dass sie mehrere Millionen Titel verkauft hatte. Doch dann kam der entscheidende Hinweis: Sie ist Teil eines Autorenduos, deren andere Hälfte ihre Schwester Frauke Scheunemann ist. Zusammen sind die beiden 'Anne Hertz'. Blöd nur, dass mich das immer noch nicht schlauer machte. 
Mithilfe einer Suchmaschine und eines Alles-was-für-dein-Leben-mutmaßlich-wichtig-ist-Versenders lichtete sich der Nebel: Unter dem Namen Anne Hertz wurden bereits viele Romane veröffentlicht, die ganz allgemein unter dem Label "Frauenliteratur" laufen. Kein Wunder, dass mir Anne Hertz nichts sagte, ich lese normalerweise keine Romane, die in diese Richtung gehen. Aber mich hat nun interessiert, wie und was die Schwestern genau schreiben. Bei der Onleihe fand ich zwar kein Buch von, aber wenigstens eines mit ihnen: Kerstin Gier hat 2011 eine Anthologie herausgegeben, in der sich neben einer von ihr verfassten Kurzgeschichte auch Beiträge von zwölf Autorinnen und zwei Autoren finden. Die Mütter-Mafia und Friends - Das Imperium schlägt zurück heißt sie. Auf dem Cover sind u. a. die Arme und Beine eines Babys in einem Kinderwagen zu sehen, das mit der einen Hand ein Laserschwert schwingt und seine Mutter auf Trab hält. An dieser Stelle war ich erstaunt, dass auch Männer in diesem Genre zu finden sind. Einer der Beiträge, eine Geschichte, die über das Stilmittel einer E-Mail-Unterhaltung geführt wird, stammt von Anne Hertz.

Also ran an das Buch. Knapp 270 Seiten sind schnell gelesen. Zwischen den einzelnen Geschichten hat Kerstin Gier Unterhaltungen auf der 'Homepage der Mütter-Society' eingeflochten, wo sich eine Handvoll Mütter mit gegenseitigen "Freundlichkeiten" oder auch gefühlsduseligen Anwandlungen beglückt und die jeweils letzte Story bewertet.
Um es ehrlich zu sagen: Ich habe das Buch mit sehr gemischten Gefühlen begonnen und in dieser Stimmung auch gelesen. Es werden reichlich Szenen aus dem Familienalltag von Frauen aufgegriffen, deren Kinder noch relativ jung sind und die sich mit ihren Männern, Schwiegermonstern und Institutionen herumplagen, die ihnen das Leben sauer machen. Ich kann mich in viele Dinge sehr gut hineinversetzen, weil ich sie so oder so ähnlich selbst erlebt habe. Die meisten der Kurzgeschichten habe ich in einem Rutsch durchgelesen und weiß schon jetzt, gut zwei Wochen nach dem Lesen der letzten Seite, nur noch ungefähr, was darin stand. Sucht euch aus, ob das ein Indikator für die Qualität des Buches oder mein schlechtes Gedächtnis ist.
Während der Lektüre habe ich mir allerdings ein paar Notizen gemacht und einige Stellen markiert. Daran arbeite ich mich jetzt entlang. 

Ich schicke jetzt mal voraus, dass ich mich immer ärgere, wenn Autoren Dinge schreiben, die schlecht recherchiert sind. Nennt mich kleinlich, aber ich hasse das.
Birgit Fuchs beispielsweise schreibt in Mama la Bamba über die dreifache Mutter Christine Sperling, die mit einer egozentrischen Mutter gesegnet ist. Ausgerechnet an Christines Geburtstag droht der eigentlich austarierte Zeitplan zu Staub zu zerfallen. In Fuchs' Erzählung wurde Christine mit überhöhter Geschwindigkeit in einem Tunnel geblitzt. Nun klingelt ein Wachtmeister an ihrer Haustür, um zu prüfen, ob es sich bei der Frau auf dem Blitzerfoto tatsächlich um Christine handelt. Erstens: Es gibt seit knapp 40 Jahren bei der Polizei keine Wachtmeister mehr. Zweitens: Dass ein Polizist so etwas tut, ist, gelinde gesagt, äußerst unwahrscheinlich. Wer beim Rasen geblitzt und nicht unmittelbar danach von der Polizei gestoppt wird, bekommt per Post einen Anhörungsbogen. Aber diese kleine Episode ist für Fuchs nötig, damit sich der Wachtmeister und Christines verschrobene Mutter kennenlernen und verlieben können. Der Wachtmeister setzt sich dann auch noch mit Christines Mutter gemütlich zum Tee zusammen. Ja, sicher. Das Leben eines Polizisten wimmelt nur so von Mußestunden. Der Wachtmeister mutiert ein paar Seiten weiter zum Kommissar. Ist auch zu empfehlen; das Gehalt eines damaligen Wachtmeisters ist bedeutend schlechter als das eines Kommissars.
Christines erster Termin an ihrem Geburtstag führt sie in den Kindergarten. Beim Anblick der Erziehrin Frau Raps, die in der Gruppe von Christines Sohn, die passenderweise 'Bienchengruppe' heißt, tätig ist, rutscht ihr das Herz in die Hose. Warum? Sie tritt doch nicht nach einem beruflichen Schnitzer vor ihren Chef, von dem sie die Kündigung befürchtet! Da stimmt versöhnlich, dass sie Frau Raps und ihrer Kollegin dann doch noch die Meinung geigt. 

Weiter geht's mit Anne Hertz und ihrer Story 'Mit freundlichen Grüßen'. Hier spielt sich die gesamte Handlung über den Austausch von E-Mails ab. Im Kern geht es darum, dass Eltern von der Klassenlehrerin verlangen, ihrer Tochter eine Empfehlung für den Besuch des Gymnasiums zu schreiben. Als die Situation eskaliert und einige unappetitliche Geheimnisse ans Licht kommen, appelliert der von den Eltern hinzugezogene Anwalt an die Dienstherreneigenschaft des Rektors, um die gewünschte Empfehlung zu erreichen. Dumm nur, dass ein Schulleiter keine Dienstherreneigenschaften hat. Ein Dienstherr ist eine sog. juristische Körperschaft des öffentlichen Rechts, die selbstständig Beamte einstellen darf. Also zum Beispiel das Land Sachsen-Anhalt oder die Stadt München. Ein Schulleiter kann selbst keine Beamten einstellen, ist aber der Dienstvorgesetzte der Lehrkräfte seiner Schule. Das zu wissen, hatte ich erwartet, weil eine der Schwestern von Anne Hertz Volljuristin ist. Aber die meisten Zeitungen vermitteln das ebenfalls falsch und bezeichnen beispielsweise einen Ministerpräsidenten oder den Bundespräsidenten als Dienstherrn.

Mehrere der Geschichten sind so unglaubwürdig, dass ich mich unwillkürlich frage, welches Bild die Autorinnen von ihren Leserinnen haben. Da sind Mütter, die zu Hause Struktur ins Familienchaos bringen, aber sich nicht trauen, in einem Hotel darum zu bitten, an einen anderen Tisch gesetzt zu werden, weil sie sich nicht mit einer fremden übergriffigen Schwiegermutter belasten wollen. Oder eine gestresste Mutter, die im Familienurlaub um eigene Zeit bittet und durch eine Verkettung saublöder selbst verschuldeter Umstände sich von einem blutjungen Kindermädchen dazu bringen lässt, die Ferienwohnung ihrer wohlhabenden Arbeitgeber auf Hochglanz zu bringen. 

Die einzigen guten Geschichten sind die, die von den beiden Autoren Matthias Sachau ('Das Günther-Prinzip') und Maximilian Buddenbohm ('Das Schwein') stammen. Dort spielen Väter, die sich für ihr Versagen schämen und ungewollt zum Vorbild werden bzw. ihr Bestes für ihr Kind geben wollen, die Hauptrolle. Männer, schreibt mehr Frauenromane, dann lese auch ich sie. Bis auf Weiteres werde ich aber einen Bogen um alle Bücher machen, in denen Frauen als verhuscht und völlig verpeilt dargestellt werden. Und es wäre super, wenn Fakten eine größere Rolle spielen würden; das würde zeigen, dass die Leserinnen (und vielleicht auch Leser) ernst genommen und als denkende Wesen wahrgenommen werden.

Freitag, 28. Oktober 2016

# 73 - Deutsch-türkische Hochzeitsplanung witzig verpackt

Eigentlich ganz einfach: eine Frau, ein Mann, eine Hochzeit

 

Heiraten kann ganz einfach sein: Man macht einen Termin im Standesamt, erscheint pünktlich zur Trauung, jeder sagt ein Mal "Ja" und unterschreibt, fertig ist die Ehe. Kaum jemand mag es so puritanisch, aber was da passiert, als der Deutsche Daniel seine türkische Verlobte Aylin im Roman Der Boss heiraten will, wächst dem Bräutigam rasch über den Kopf. Moritz Netenjakob reiht auf lustige Weise ein Klischee an das andere und unterhält mit zahlreichen Überspitzungen.

Fortsetzung einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte

 

Im vorangegangenen Roman Macho Man hatte sich Daniel in Aylin verliebt, nun haben die beiden beschlossen, zu heiraten. Der Boss beginnt 6 Wochen, 2 Tage, 1 Stunde und 20 Minuten vor der Hochzeit. Das Brautpaar plant seine Hochzeitsreise, und eines wird schnell klar: Ab sofort ist Daniel der Boss in ihrer Beziehung. Zumindest offiziell. Das geben ihm sowohl Kenan, ein Mitglied des weitverzweigten Familienclans, dem auch Aylin angehört und der Besitzer des Reisebüros, als auch die junge Braut zu verstehen. Doch wie ist man der Boss? Daniel ist ein Vorzeige-Warmduscher und Schattenparker und hat vom Macho-Sein keinen blassen Schimmer.

Typisch deutsche Weihnachten mit Plastikmüll am Baum

 

Mit jedem Kapitel rückt der Hochzeitstermin näher, in gleichem Maße nimmt das Chaos zu: Selbstverständlich sollen sich die künftigen Schwiegereltern vor der Trauung kennenlernen. Aylins Eltern sind dann auch sehr erfreut, von Daniels Eltern zur familiären Weihnachtsfeier eingeladen zu werden. Endlich werden sie erfahren, wie Deutsche die Geburt von Gottes Sohn feiern. Doch es geht im Elternhaus des jungen Mannes alles andere als durchschnittlich oder konventionell zu: Die Eltern sehen sich als Teil des Bildungsbürgertums und Alt-68er, lehnen Weihnachten aus atheistischen Gründen eigentlich ab, feiern es aber offiziell der Oma zuliebe. Oma Berta ist 92, geistig verwirrt und wähnt sich noch im 3. Reich. Ihre Nachfragen nach dem Wohl des Führers sorgen immer wieder für Irritationen. Mit dem künstlerischen Anspruch an die Gestaltung des Festes können weder sie noch Daniel etwas anfangen: Der Baumschmuck besteht immer aus einer alternativen Dekoration, dieses Mal aus leeren Joghurtbechern, um den Künstler Ilya Kabakov zu würdigen. Selbstredend werden keine klassischen Weihnachtslieder gesungen, sondern alljährlich die Schallplatte "Wann ist denn endlich Frieden?" von Wolf Biermann abgespielt. Die Runde wird durch das Künstlerpaar Ingeborg und Dmitri vervollständigt, für die das Attribut "schrullig" weit untertrieben ist. Aylins konservative Eltern erleben am Heiligen Abend spätestens dann einen Kulturschock erster Güte, als Daniels Mutter damit beginnt, ganz ungezwungen von ihren Affären und Sexualpraktiken zu berichten.

Der Hochzeitscountdown läuft

 

Der Roman wäre schnell zu Ende, wenn das verliebte Paar jetzt einfach so heiraten würde. Es stellen sich ihnen so einige Hürden in den Weg, die vor allem in der kulturellen Tradition von Aylins Familie liegen. Da gibt es Rücksichtnahmen, Lügen und extreme Emotionalität, die von der jungen Türkin als völlig normal, von Daniel jedoch irgendwann nur noch als Zumutung empfunden werden. Aylin hingegen ist von der Distanziertheit zwischen ihrem Verlobten und dessen Eltern irritiert und möchte ihre künftigen Schwiegereltern auch in die gemeinsamen Freizeitaktivitäten einbeziehen. Die Hochzeit steht auf der Kippe, die Beziehung auf Messers Schneide.

Der Boss ist ein durchgehend witziges Buch und jongliert mit den Vorstellungen und Klischees, die "man" vom Deutsch- oder Türkischsein hat. Moritz Netenjakob weiß, wovon er schreibt: Er ist mit der deutsch-türkischen Schauspielerin und Regisseurin Hülya Doğan-Netenjakob verheiratet, die auch zusammen mit ihrem Mann als Kabarettistin auftritt. Sie hat sowohl Macho Man als auch Der Boss dramaturgisch betreut, sodass ich davon ausgehe, dass in der teils skurrilen Handlung sehr viel Wahrheit steckt.

Der Boss kostet als Taschenbuch, Kindle- oder epub-Version 9,99 Euro und als DAISY-Hörbuch 12,95 Euro.