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Freitag, 9. Dezember 2022

# 374 - Kaputte Wörter - kann da noch etwas repariert werden?

In Matthias Heines Buch Kaputte Wörter? kreist alles um die Frage, ab wann ein Wort so "kaputt" ist, dass man es auf keinen Fall weiterhin verwenden darf. Doch woran kann man erkennen, ob ein Wort noch gebrauchsfähig ist?

Heine erläutert das anschaulich an 78 Begriffen von "Abtreibung" bis "Zwerg". Ihnen ist gemeinsam, dass ihre Benutzung durch einen Sprecher oft dazu führt, dass sein Gesprächspartner sich nicht über den gesagten Inhalt, sondern über die Verwendung des "kaputten" Wortes erregt. Die eigentliche Botschaft des Sprechers gerät dabei völlig in den Hintergrund.

Diskussionen um den richtigen Gebrauch der Sprache sind in Deutschland nichts Neues. Schon im 17. Jahrhundert wandten sich die deutsche Aristokratie und das Bildungsbürgertum gegen das Einsickern von französischen Begriffen und die Entstehung der sog. Alamodesprache.
Während des Ersten Weltkriegs tat sich mit dem Allgemeinen Deutschen Sprachverein eine Art Tugendwächter hervor, der die seiner Meinung nach falsche Verwendung von Begriffen wie z. B. Billett anstelle von Fahrkarte mit Vaterlandsverrat gleichsetzte.

Die Sprachdiskussionen, die heute geführt werden, haben allerdings einen anderen Hintergrund. Heute verschaffen sich gesellschaftliche Gruppen Gehör, die bislang ignoriert oder marginalisiert wurden und für sich die Art und Weise beanspruchen, wie man über sie spricht.
Hinzu kommt, dass durch die Veränderung der Medienlandschaft in den letzten zwanzig Jahren ein falsches und/oder unbedachtes Wort deutlich mehr Reichweite hat: Wer früher z. B. das N-Wort am Kneipentresen aussprach, löste nur ein Augenrollen aus. Heute haben Äußerungen durch die sozialen Medien ein Mehrfaches an Publikum - und führen schnell zu einem verbalen Flächenbrand.
Und dann ist da noch ein Phänomen, das Heine als German linguistic angst bezeichnet. Nach seiner Beobachtung haben speziell Deutsche eine große Angst vor falscher Sprache. Ein Indiz dafür sind die Begriffe Sprachkritik und Unwort. Sie gibt es in der Bedeutung, wie wir sie kennen, nur in der deutschen Sprache; ähnliche Begriffe wie z. B. language criticism bzw. non word treffen nicht den Kern der Sache.

Lesen?

Kaputte Wörter? bietet eine Fülle von Einsichten. Matthias Heine beleuchtet jedes einzelne Wort sehr genau, indem er nicht nur seinen Ursprung und Gebrauch erläutert, sondern auch die Gründe, die zu der Kritik an ihm geführt haben. Jedes Kapitel schließt mit einer persönlichen Einschätzung des Autors ab.

Viele der von Heine gewählten Wörter waren mir als "kaputt" bekannt. Neu war mir jedoch die Diskussion um beispielsweise "Altes Testament", "Schamlippen" oder "bester Freund". 
Matthias Heine bezieht zwar immer Stellung, betont aber, dass sein Buch ein Beitrag zur Sprachdiskussion sein soll, er aber niemandem seine Sichtweise aufzwingen will. Das ist ihm gelungen.

Kaputte Wörter? ist 2022 im Dudenverlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro sowie als E-Book 15,99 Euro.

Freitag, 15. Juli 2022

# 356 - Hier werden Sprachschätze "gehoben"

Im letzten Monat hat der Duden Verlag seine 2021
begonnene Reihe Sprachschätze fortgesetzt, und zwar mit den Bänden Mode & Beauty sowie Sprache & Medien.

Wer denkt schon während des Sprechens darüber nach, woher der eine oder andere Ausdruck oder eine Redewendung kommt? Wir wissen zwar, dass eine Sprache immer im Fluss ist und sich ständig verändert, nehmen aber meistens das, was wir kennen und benutzen, hin, ohne es zu hinterfragen.

Den Ausdruck "Ich habe den roten Faden verloren" dürfte fast jeder kennen. Doch was hat es mit diesem "roten Faden" auf sich? Die britische Marine arbeitet seit dem 18. Jahrhundert in die ihr gehörenden Taue einen durchlaufenden roten Faden ein, um diese als ihr Eigentum zu markieren und Diebstähle zu erschweren.

Ihr verbindet mit Seife Sauberkeit? Heutzutage kann man das, aber das war nicht immer so. Das Wort Seife kommt aus dem Westgermanischen; den Germanen diente die Mischung aus Asche, Pflanzensäften und Talg nicht der Körperpflege, sondern der rituellen Rotfärbung der Haare.

Und was hat es mit dem Wort "verballhornen" auf sich? Geht es auf Bälle oder Hörner zurück? Nein, beides trifft nicht zu. Hier steht ein Buchdrucker aus Lübeck im Mittelpunkt, der Ende des 16. Jahrhunderts einen so peinlichen Fehler gemacht hat, dass man aus seinem Nachnamen Balhorn ein neues Wort kreiert hat. Um welchen Fehler es sich gehandelt hat, kann im Band Sprache & Medien nachgelesen werden.

Lesen?

Die zur Reihe Sprachschätze gehörenden Bände sind alphabetisch aufgebaut und erklären auf 127 Seiten moderne und traditionelle Wörter sowie ihre Herkunft und Abwandlungen. Wer sich für die Entwicklung der deutschen Sprache interessiert, wird die Bücher gern lesen.

Die Reihe Sprachschätze ist im Duden Verlag erschienen, jeder Titel kostet 10 Euro. 2021 wurden bereits die Bände Tiere & Pflanzen, Körper & Gesundheit, Essen & Trinken sowie Kunst & Kultur veröffentlicht.

Freitag, 18. März 2022

# 340 - Alls över Plattdüütsch

Plattdeutsch, Plattdüütsch oder kurz 'Platt' kenne ich
aus meiner Kindheit. Meine Eltern sprachen mit ihren Eltern und Geschwistern sowie den Menschen aus ihrem Heimatort im Weserbergland immer Platt. An uns Kinder wurde das nicht direkt weitergegeben und hätte uns dort, wo wir aufgewachsen sind, auch nicht weitergeholfen.

Das Plattdeutsche erzeugt in mir so etwas wie ein Heimatgefühl, obwohl ich es so gut wie nicht sprechen kann; das Verstehen klappt aber meistens. Deshalb hat mich sehr interessiert, was Reinhard Goltz in seinem Buch Plattdeutsch - vom Klönen und Schnacken darüber zu sagen hat.

Goltz ist seit 20 Jahren Sprecher des Bundesrates für Niederdeutsch - wie das Plattdeutsche in wissenschaftlichen Kreisen bezeichnet wird - und hat zahlreiche Bücher auf Platt veröffentlicht. In 48 Kapiteln hat er sich dem Plattdeutschen von allen Seiten genähert: Man erfährt viel über die Grammatik, die Herkunft zahlreicher Begriffe, die unterschiedlichen Varianten des Platts in deutschen Städten oder Regionen sowie eine Menge Anekdoten über das Plattdeutsche. 

Beim Lesen ist mir aufgefallen, dass ich selbst Begriffe verwende, die aus dem Plattdeutschen stammen: So sage ich z. B. 'Trecker' anstatt 'Traktor' oder 'Döneken', wenn ich 'Blödsinn' meine.
Reinhard Goltz hat sich auch Beispiele für plattdeutsche Lieder angesehen: 'Dat du mien Leevsten büst' ist so etwas wie eine Hymne des Plattdeutschen. Das schreibt der Autor und ich empfinde das ebenso. Dieses Lied ist mir immer wieder begegnet, eine der schönsten Versionen ist beim Chorexperiment des NDR entstanden, das ihr hier sehen und hören könnt - mit Text.

Ganz nebenbei erfährt man beim Lesen viel über die Geschichte der Hanse, den Piraten Störtebeker (und die Bedeutung seines Namens) oder die niederdeutsche Herkunft von Familiennamen. Und noch etwas Vertrautes, aber lang Vergessenes ist mir hier wieder begegnet: Das Gedicht des Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland. Bislang war mir nicht aufgefallen, dass darin nur die wörtliche Rede auf Platt formuliert ist, denn diese Sätze haben sich mir eingeprägt, seitdem ich das Gedicht in der Schule kennengelernt habe: "Junge, wiste 'ne Beer?" - "Lütt Dirn, kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn." Der alte Herr von Ribbeck stirbt, aber auf seinem Grab wächst ein Birnbaum, und eine flüsternde Stimme fordert die Kinder auf, sich eine Birne zu nehmen.

Plattdeutsch - vom Klönen und Schnacken wird auch an anderer Stelle zu einer Reise in die Vergangenheit: Die volkstümlichen Stücke des Hamburger Ohnsorg-Theaters wurden und werden auf Platt aufgeführt und waren früher als Fernsehübertragungen ziemlich beliebt.
Goltz verweist auch auf die plattdüütschen Radiosendungen, die von norddeutschen Sendeanstalten ausgestrahlt werden. Auch da kenne ich eine noch aus meiner Kindheit: 'Hör mal 'n beten to' ist seit mehr als 60 Jahren Teil des Programms von NDR 1. 

Lesen?

Auf jeden Fall, wenn man sich für Sprachen und insbesondere für Plattdüütsch interessiert!

Plattdeutsch - vom Klönen und Schnacken ist im März 2022 im Duden Verlag erschienen und kostet 12 Euro.

Samstag, 16. Mai 2020

# 240 - Bei diesem Buch muss es niemandem kalt den Rücken hinunterlaufen

Rolf-Bernhard Essig ist Literaturwissenschaftler und hat sich bereits in mehreren Büchern Gedanken über Redensarten gemacht. Der Bayerische Rundfunk hat ihn deshalb auch als "Sprichwortpapst" bezeichnet. 

Vor wenigen Wochen ist sein neuestes Buch erschienen. In Hand aufs Herz spürt Essig Redensarten nach, die sich auf unseren Körper beziehen und erklärt ihre Bedeutung und Herkunft. Da geht es um Arme und Beine, den Kopf mit seinen Bestandteilen, den Rumpf, die inneren Organe, die Haut, die Nerven und - ja - auch die Körperausscheidungen. Über 500 Redewendungen stellt Essig vor und sorgt mit so mancher Erläuterung für eine Überraschung:
Wenn jemand sagt, dass ihm plötzlich etwas klar wird und ihm "wie Schuppen von den Augen fällt", dann geht das auf die biblische Figur Saul (oder Saulus) zurück. Der Verfolger der Christen erblindete plötzlich in Damaskus, nachdem er ein helles Licht gesehen und Jesus' Stimme gehört hatte. In Damaskus wurde er drei Tage später vom Jünger Hananias wieder sehend gemacht. In der Apostelgeschichte 9, 18 heißt es: "Sofort fiel es wie Schuppen von seinen Augen und er sah wieder". 

Wer jemandem absolut vertraut, würde wohl für ihn "seine Hand ins Feuer legen". Für diese Redewendung bietet Essig gleich zwei mögliche Erklärungen an: Im Mittelalter waren Gottesurteile ein beliebtes Verfahren, um die Schuld oder Unschuld eines Menschen herauszufinden. Gern ließ man die Verdächtigen bei der Feuerprobe eine Hand in ein Feuer halten. Die Unschuld war erwiesen, wenn die Hand nicht oder nur wenig verletzt wurde. Auch für jemanden zu bürgen, war auf diese Weise möglich. So hatte man ruckzuck ein Urteil ohne langes Gerede, denn wer konnte schon mehr wissen als Gott der Allmächtige, der oben im Himmel den Daumen hob oder senkte?
Die zweite Erklärung ist ein richtiges "Männer-können-so-tapfer-sein"-Ding: Der Etruskerkönig Lars Porsenna soll 508 v. Chr. Rom belagert haben. Der Römer Gaius Mucius schlich sich mit dem Plan, Porsenna zu töten, in das Lager der Etrusker. Doch er kam nicht weit: Man nahm ihn gefangen und Porsenna fragte Mucius, ob alle Römer so mutig seien. Als Antwort legte der Gefangene seine rechte Hand in ein Kohlebecken und ließ sie verbrennen, ohne einen Mucks von sich zu geben. DAS sind wahre Heldensagen.

So haben weder Saulus (der zu Paulus wurde) noch Mucius ihre Köpfe in den Sand gesteckt, sondern das Herz in die Hand genommen. An ihnen hat sich vielleicht mancher die Zähne ausgebissen, aber sie haben die Nerven behalten. Doch sie haben bestimmt Blut und Wasser geschwitzt.

Hand aufs Herz ist im Dudenverlag erschienen und als Taschenbuch für 10 Euro erhältlich.

Freitag, 11. Januar 2019

# 181 - Was schon Mark Twain wusste

"Deutsche Sprache, schwere Sprache" - diesem Ausspruch wird die Amerikanerin Dana Newman wahrscheinlich sofort zustimmen. Das legt zumindest ihr Buch You go me on the cookie nahe, in dem sie schildert, über welche Sprachfallen sie anfangs gestolpert ist oder immer noch stolpert. 

Dana Newman hat zunächst mithilfe eines Lehrbuches und der dazugehörigen CD versucht, Deutsch zu lernen. Auch Unterricht hat sie genommen, sich im Alltag mit der Sprache umgeben, indem sie zum Beispiel Nachrichten hörte, und dergleichen mehr. Jahre sind über dem Deutschlernen vergangen, und wenn man ihre Wechselbäder aus der Freude darüber, endlich den richtigen Begriff oder eine Regel gelernt und angewandt zu haben, und der folgenden Enttäuschung, dass es dann doch wieder -zig Ausnahmen gibt, verfolgt, kann sie einem oft leid tun. Peinliche Situationen gibt es selbstredend dazu wie die Amarenakirsche auf dem Sahnehäubchen eines Eisbechers. Ihr deutscher Ehemann Stefan ist ihr in vielen Fällen keine große Hilfe: Er weiß, warum man ein Wort so oder so schreibt oder verwendet, aber leider oft nicht, warum. Ich glaube, damit befindet er sich in bester (deutscher) Gesellschaft.

Newman machen auch regionale Unterschiede zu schaffen. Das reicht von der Verwendung verschiedener Begriffe für ein und dieselbe Sache bis zu lapidaren Dingen wie der Uhrzeit: Weiß jeder, was mit "viertel 8" gemeint ist? Das ist eine eher süd- oder ostdeutsche Zeitangabe, im Norden ist sie ungebräuchlich. Aber das ist nur ein Beispiel von vielen, die die Autorin immer wieder dazu bringen, sich verzweifelt die Haare zu raufen.

Wie war's?

 

You go me on the cookie ist ein sehr witzig geschriebenes Buch, und ich finde es toll, dass Dana Newman nie aufgegeben hat, korrektes Deutsch zu lernen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ebenso viel Energie und Ausdauer aufgebracht hätte wie sie.

Dana, solltest Du das hier lesen, empfehle ich Dir das Buch eines Landsmanns, der allerdings schon lange verstorben ist: Mark Twain und Du wäret sicher ein Herz und eine Seele, wenn es um die Einschätzung geht, wie "leicht" sich Deutsch lernen lässt. Am 21. November 1897 hielt Twain eine Rede vor dem Wiener Presse-Club, in der er seinen Problemen mit unserer Sprache auf humorvolle Weise Luft gemacht hat. 
Sein Buch "Die schreckliche deutsche Sprache" kann man sich hier anhören: 


You go me on the cookie ist bei Goldmann erschienen und kostet als Taschenbuch 10 Euro und als epub- oder Kindle-Ausgabe 9,99 Euro. 

Wer sich Dana Newman quasi live und in Farbe ansehen möchte, kann das übrigens auf ihrem Youtube-Kanal Wanted Adventure - an american in germany tun. Dort gibt es viele Videos darüber, wie es ist, als Amerikanerin Deutsch zu sprechen. 

Sonntag, 1. Juli 2018

Die neue "Herbstkollektion" der Unabhängigen

Kataloge prall gefüllt mit tollen Titeln

 

In zwei Sendungen hat mir die Literaturagentur re-book marketing & kommunikation die neuesten Kataloge von 19 unabhängigen Verlage für den Herbst 2018 zugesendet. An dieser Stelle herzlichen Dank dafür!

Was gibt's Neues?

 

Der Wieser Verlag aus Klagenfurt legt einen Schwerpunkt auf Literatur aus Georgien. Kein Wunder, denn Georgien ist Ehrengast der Frankfurter Buchmesse im Herbst.

Der Verlag Der gesunde Menschenverstand aus Luzern hat Werke der verstorbenen rumänisch-schweizerischen Autorin Aglaja Veteranyi, einen Satire-Roman von Matto Kämpf, die Audio-CD "Im Schwarm" von Michael Fehr u. a. sowie die Fortsetzung der Reihe "essais agités" neu im Programm.

Vom Cover des Drava Verlags Klagenfurt guckt dem Leser ein Schaf entgegen. Ein bisschen blättern, und dann findet man es im Inneren des Hefts: Das neugierige Tier gehört zum Titelbild von "24 Ein-Schaf-Geschichten für Erwachsene", eines Buches der österreichischen Autorin Anna Derndorfer. Außerdem finden sich noch weitere Bücher aus den Bereichen Belletristik, Sachbuch und Kunstbuch.

Der Verlag Klöpfer & Meyer aus Tübingen legt zum Herbst eine ganze Menge neuer Bücher auf. Die Bandbreite reicht von Belletristik und Lyrik bis zu Sachbüchern. Auf den ersten Blick ist mir "Angerichtet, herzhaft und scharf!" des Sterne-Kochs Vincent Klink aufgefallen. Dort widmet sich Klink nicht nur dem Kochen, sondern macht sich auch kritisch Gedanken zu Fragen der Zeit. Auch ein anderes Buch hat mich angesprochen: "Gegenverkehr - Demokratische Öffentlichkeit neu denken" enthält Beiträge unter anderem von Andreas Vosskuhle (Präsident des Bundesverfassungsgerichts), Norbert Lammert (Ex-Bundestagspräsident), Alexander van der Bellen (österreichischer Bundespräsident) oder Robert Habeck (Umweltminister in Schleswig-Holstein und Bundesvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen). Die Herausgeber Ralf Fücks und Thomas Schmid haben den Buchtitel an ein Zitat des italienischen Schriftstellers Alberto Moravia angelehnt: "Diktaturen sind Einbahnstraßen, in Demokratien herrscht Gegenverkehr." 



Im Septime-Verlag Wien sind mir vor allem zwei Bücher aufgefallen: Da ist der bereits erschienene Roman "Einsame Schwestern" der georgischen Schriftstellerin Ekaterine Togonidze, der bereits durch die Buchblogs "geistert". Es geht um das Leben von siamesischen Zwillingen, von denen ihr Vater erst nach deren Tod erfährt. Von Ryū Murakami stammt das Buch "In Liebe, dein Vaterland", in dem es um den Niedergang Japans geht, nachdem die einst mit dem Land verbündeten USA ihm den Rücken gekehrt haben. Die Namensähnlichkeit zum bekannteren Schriftsteller Haruki Murakami ist zufällig.

Der Osburg Verlag Hamburg legt sich hinsichtlich seines Repertoires nicht auf einige wenige Genres fest. Stark vertreten unter den Neuerscheinungen sind Romane mit historischem Bezug (nicht zu verwechseln mit historischen Romanen) sowie die Fortsetzung der Krimireihe der dänischen Autorin Inger Madsen mit dem Buch "Blutstaub".

Der Piet Meyer Verlag legt seinen Schwerpunkt auf zwei Neuerscheinungen: "Über Kunst/Schriften 1979-2008" von John Updike. Updike ist den meisten Lesern nur als Romanautor bekannt, er hat jeodch auch zahlreiche Essays verfasst, die in diesem Band versammelt sind. Die zweite Neuerscheinung ist "Alberto Giacometti - Der schreitende Mann" von Franck Maubert, in der sich der Kunsthistoriker Maubert mit dem Maler und Bildhauer Giacometti beschäftigt. 

Beim Klever Verlag Wien finden sich Romane neben Gedichten. Die für mich auffälligste Neuerscheinung ist "Das Geheimnisgeschichtenlexikon des David Sylvester Marek", herausgegeben von Franzobel, einem Anwärter auf den Deutschen Buchpreis 2017. Franzobel zählt Mareks Texte "zum Eigenartigsten, Unverständlichsten, aber auch Faszinierendsten, Geheimnisvollsten und Poetischsten, was ich je gelesen habe". Nun denn.

Bei Edition Bücherlese Luzern stehen zwei in der Schweiz spielende Romane sowie ein weiterer, der sich mit den Schwierigkeiten einer Frau befasst, mit ihrer neuen Rolle als Mutter zurechtzukommen, neu im Programm. Für die Originalfassung von  "Am Abend fließt die Mutter aus dem Krug" erhielt Virginia Helbling 2015 den ersten "Premio Studer/Ganz per la migliore opera prima".

Beim Stroemfeld Verlag Frankfurt am Main/Basel fällt insbesondere die Herausgabe der Prager Manuskripte von Robert Walser mit einer begleitenden elektronischen Edition auf. Der Band enthält 103 Reinschriftmanuskripte in Originalgröße, die im Museum der Tschechischen Literatur aufbewahrt werden.


Im Verlag Die Brotsuppe Biel erscheinen Gedichtbände auf Schwyzerdütsch und Deutsch sowie ein Fotoband von Mischa Dickerhoff, der Bilder enthält, die die Stimmung von Musik und die Persönlichkeit von Musikern einfangen: "Donnerstag Abend"/"Jeudi Soir".

Der Rotpunkt Verlag Zürich veröffentlicht mit "Du bist in einer Luft mit mir" eine Familiengeschichte, die von der gebürtigen Georgierin Ruska Jorjoliani geschrieben wurde, die als Flüchtling nach Sizilien kam. Außerdem gibt es mehrere Sachbücher, die sich mit dem Brexit, dem Kapitalismus und seiner Ungerechtigkeit oder der Geschichte der Zürcher Hellmutstraße, in der sich auch der Rotpunkt Verlag befindet, beschäftigen.

Der Lilienfeld Verlag Düsseldorf bringt eine Neuauflage des Romans "Der Kramladen des Glücks" von Franz Hessel (Vater von Stéphane Hessel) heraus. Außerdem: Der Roman "Dor und der September" aus dem Jahr 1940 von Karl Friedrich Borée in einer Neuauflage. Der 1964 verstorbene Borée war der erste Vorsitzende des Westberliner Schriftstellerverbands sowie Generalsekretär der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Der Limbus Verlag Innsbruck veröffentlicht neu Lyrikbände von österreichischen und schweizerischen Autoren, die Erzählung "Monster" der österreichischen Autorin Isabella Feimer sowie mehrere sehr schön illustrierte Kinderbücher.

In der Herbstvorschau des Bilgerverlags Zürich fiel mir das Buch von Willi Wottreng auf: In "Ein Irokese am Genfersee" vermengt der Schriftsteller die wahre Geschichte des Irokesenhäuptlings Deskaheh, der 1923 nach Genf reiste, um beim Völkerbund um Hilfe im 'Appell für Rothäute' zu bitten, mit einer fiktiven Kriminalgeschichte. Als er 1925 plötzlich verstirbt, wittert eine Staatsanwältin dahinter ein Verbrechen.

Weiter geht es mit dem Launenweber Verlag Köln. Hier wird es mehrere neue und interessante Romane geben, am meisten spricht mich aber "novopoint grün" von Daniel Ketteler an. Ketteler stammt aus Westfalen und hat Germanistik und Medizin studiert. All das schlägt sich auch in seinem Buch nieder: Auf einem Hochsitz nahe einer westfälischen Kleinstadt wird ein Toter gefunden. Ein Polizeianwärter und sein Freund Peter recherchieren, der angehende Polizist stirbt jedoch bald. Peter, der unter einer bipolaren Psychose leidet, schreibt das Leben mit seinem Freund auf und offenbart sich auch seinem Psychiater. Doch kann man dem Arzt wirklich trauen?

Der Limmat Verlag Zürich legt seinen Schwerpunkt auf die neuere Geschichte. Interessant: "China brennt - Bildberichte 1931-1939" des schweizerischen Fotojournalisten Walter Bosshard und "Grazie a voi.", herausgegeben von Fausto Tisato u.a., das mit Fotografien die Geschichte der italienienischen Migration in der Schweiz dokumentiert.

Bei kookbooks Berlin werden im Herbst drei Gedichtbände und ein Kinderbuch ("alle nase diederdase" von Dagmara Kraus) herausgebracht.

Last, but not least: der Elsinor Verlag Coesfeld. Nachdem die Originalfassung 75 Jahre verschwunden war, tauchte das Manuskript von Arthur Koetlers Roman "Sonnenfinsternis" 2015 einer Zürcher Bibliiothek wieder auf. Das Buch wurde am 22. Juni 2018 im 'Literarischen Quartett' vorgestellt (ab etwa 15:10): 




Das waren die (aus meiner Sicht) besten Bücher der unabhängigen Verlage, die im Herbst 2018 auf uns warten. Ich hoffe, der kleine Überblick hat euch gefallen.

Nachtrag
Einen Tag nach dem Hochladen dieses Textes habe ich gemerkt, dass ich einen Verlag "unterschlagen" habe, nämlich Edition Korrespondenzen aus Wien. Das kleine Heft ist mir heimlich, still und leise zwischen andere Unterlagen auf meinem Schreibtisch gerutscht, hat sich aber nun glücklicherweise wieder angefunden. Der Verlag widmet sich im Herbst sechs Neuerscheinungen, darunter mit "Der ich bin. Chronik des Vergessens" der Start einer autobiographischen Trilogie des in Berlin lebenden Schweizer Autors Armin Senser sowie Titeln osteuropäischer Schriftsteller. Und weil ich diese Zeilen nachgeschoben habe, bekommt der Verlagsprospekt ein eigenes Foto, auf dem er sich präsentieren kann:



Donnerstag, 29. März 2018

# 142 - Der Weg zum kreativen Schreiben

Kann man kreatives Schreiben lernen?

 

Wer schon eine ganze Weile im stillen Kämmerlein seine Texte schreibt, kennt das wahrscheinlich: Das, was man da aufs Papier oder auf den Bildschirm bringt, ist ganz nett, aber man merkt, dass man im Grunde auf der Stelle tritt. Der Schreibstil entwickelt sich nicht weiter, die Ideenfindung gleicht dem Blick in einen leeren Eimer. Aber einen Schreibkurs zu besuchen, ist nicht Jedermanns Geschmack. Für alle Schreiber, die am eigenen Schreibtisch einen Schubs haben möchten, ist Mit dem Schreiben anfangen. von Hanns-Josef Ortheil genau das richtige Buch.

Wie klappt der Sprung vom Hobby- zum Profischreiber?

 

Ortheil hat sein Buch in fünf Kapitel aufgeteilt, in denen er seinen Lesern nach und nach zeigt, wie es mit dem Schreiben immer besser klappen kann. Er beginnt mit Tipps, die sich mit dem Schreibtisch und den Schreibegeräten beschäftigen und fährt mit den verschiedensten Schreibprojekten fort, die sich im Verlauf des Buches steigern. Er hebt dabei nicht belehrend den Zeigefinger, sondern gibt Hinweise und zeigt Möglichkeiten auf, wie man sich dem kreativen Schreiben Stück für Stück nähern kann. Ortheil erläutert das Wie und Warum seiner Übungen in einem lockeren Plauderton, sodass man Lust bekommt, sofort mit seinen Vorschlägen zu beginnen. Aber wie beim Sprachenlernen oder in der Musik ist es auch mit dem Schreiben: Am Ball zu bleiben und sich täglich Zeit dafür zu nehmen sind die Grundvoraussetzungen, tatsächlich Erfolge zu haben und sich weiterzuentwickeln.
Ortheil bietet insgesamt 25 Textprojekte und Schreibaufgaben an, die die Grundlage für eigene Projekte oder sogar Bücher sein können. In seiner Nachbetrachtung beschreibt er, worauf beim einfachen Anfangen mit einem Text, bei der Wahl eines Erzählers oder bei der Konstruktion der Figuren geachtet werden sollte. 

Lesen?

 

Mit dem Schreiben anfangen. richtet sich an alle, die gern schreiben und ihren Stil verbessern wollen, sich Tipps zur Ideenfindung und zum Aufbau ihrer Geschichte oder ihres Romans wünschen oder einfach einen roten Faden suchen, an dem sie sich entlanghangeln können. Ein Buch, das sich nicht nur an Schreibanfänger richtet, sondern auch an Menschen, die bereits über einige Schreiberfahrung verfügen.
Hanns-Josef Ortheil ist Schriftsteller, Germanist und Professor am Institut für Literarisches Schreiben & Literaturwissenschaft der Universität Hildesheim. Die lange Liste seiner Veröffentlichungen bürgt für reichlich Expertise auf diesem Gebiet.

Mit dem Schreiben anfangen. ist 2017 im Dudenverlag Berlin in der Reihe Kreatives Schreiben erschienen. Das gebundene Buch mit Lesebändchen kostet 14,95 Euro. 
Ich bedanke mich bei der Agentur Literaturtest, die mir das Buch zur Verfügung gestellt hat. 

Freitag, 28. Oktober 2016

# 73 - Deutsch-türkische Hochzeitsplanung witzig verpackt

Eigentlich ganz einfach: eine Frau, ein Mann, eine Hochzeit

 

Heiraten kann ganz einfach sein: Man macht einen Termin im Standesamt, erscheint pünktlich zur Trauung, jeder sagt ein Mal "Ja" und unterschreibt, fertig ist die Ehe. Kaum jemand mag es so puritanisch, aber was da passiert, als der Deutsche Daniel seine türkische Verlobte Aylin im Roman Der Boss heiraten will, wächst dem Bräutigam rasch über den Kopf. Moritz Netenjakob reiht auf lustige Weise ein Klischee an das andere und unterhält mit zahlreichen Überspitzungen.

Fortsetzung einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte

 

Im vorangegangenen Roman Macho Man hatte sich Daniel in Aylin verliebt, nun haben die beiden beschlossen, zu heiraten. Der Boss beginnt 6 Wochen, 2 Tage, 1 Stunde und 20 Minuten vor der Hochzeit. Das Brautpaar plant seine Hochzeitsreise, und eines wird schnell klar: Ab sofort ist Daniel der Boss in ihrer Beziehung. Zumindest offiziell. Das geben ihm sowohl Kenan, ein Mitglied des weitverzweigten Familienclans, dem auch Aylin angehört und der Besitzer des Reisebüros, als auch die junge Braut zu verstehen. Doch wie ist man der Boss? Daniel ist ein Vorzeige-Warmduscher und Schattenparker und hat vom Macho-Sein keinen blassen Schimmer.

Typisch deutsche Weihnachten mit Plastikmüll am Baum

 

Mit jedem Kapitel rückt der Hochzeitstermin näher, in gleichem Maße nimmt das Chaos zu: Selbstverständlich sollen sich die künftigen Schwiegereltern vor der Trauung kennenlernen. Aylins Eltern sind dann auch sehr erfreut, von Daniels Eltern zur familiären Weihnachtsfeier eingeladen zu werden. Endlich werden sie erfahren, wie Deutsche die Geburt von Gottes Sohn feiern. Doch es geht im Elternhaus des jungen Mannes alles andere als durchschnittlich oder konventionell zu: Die Eltern sehen sich als Teil des Bildungsbürgertums und Alt-68er, lehnen Weihnachten aus atheistischen Gründen eigentlich ab, feiern es aber offiziell der Oma zuliebe. Oma Berta ist 92, geistig verwirrt und wähnt sich noch im 3. Reich. Ihre Nachfragen nach dem Wohl des Führers sorgen immer wieder für Irritationen. Mit dem künstlerischen Anspruch an die Gestaltung des Festes können weder sie noch Daniel etwas anfangen: Der Baumschmuck besteht immer aus einer alternativen Dekoration, dieses Mal aus leeren Joghurtbechern, um den Künstler Ilya Kabakov zu würdigen. Selbstredend werden keine klassischen Weihnachtslieder gesungen, sondern alljährlich die Schallplatte "Wann ist denn endlich Frieden?" von Wolf Biermann abgespielt. Die Runde wird durch das Künstlerpaar Ingeborg und Dmitri vervollständigt, für die das Attribut "schrullig" weit untertrieben ist. Aylins konservative Eltern erleben am Heiligen Abend spätestens dann einen Kulturschock erster Güte, als Daniels Mutter damit beginnt, ganz ungezwungen von ihren Affären und Sexualpraktiken zu berichten.

Der Hochzeitscountdown läuft

 

Der Roman wäre schnell zu Ende, wenn das verliebte Paar jetzt einfach so heiraten würde. Es stellen sich ihnen so einige Hürden in den Weg, die vor allem in der kulturellen Tradition von Aylins Familie liegen. Da gibt es Rücksichtnahmen, Lügen und extreme Emotionalität, die von der jungen Türkin als völlig normal, von Daniel jedoch irgendwann nur noch als Zumutung empfunden werden. Aylin hingegen ist von der Distanziertheit zwischen ihrem Verlobten und dessen Eltern irritiert und möchte ihre künftigen Schwiegereltern auch in die gemeinsamen Freizeitaktivitäten einbeziehen. Die Hochzeit steht auf der Kippe, die Beziehung auf Messers Schneide.

Der Boss ist ein durchgehend witziges Buch und jongliert mit den Vorstellungen und Klischees, die "man" vom Deutsch- oder Türkischsein hat. Moritz Netenjakob weiß, wovon er schreibt: Er ist mit der deutsch-türkischen Schauspielerin und Regisseurin Hülya Doğan-Netenjakob verheiratet, die auch zusammen mit ihrem Mann als Kabarettistin auftritt. Sie hat sowohl Macho Man als auch Der Boss dramaturgisch betreut, sodass ich davon ausgehe, dass in der teils skurrilen Handlung sehr viel Wahrheit steckt.

Der Boss kostet als Taschenbuch, Kindle- oder epub-Version 9,99 Euro und als DAISY-Hörbuch 12,95 Euro.